"Europa denkt nicht an seine Zukunft"

Thomas Piketty, Autor des globalen Bestsellers "Das Kapital im 21. Jahrhundert", im Gespräch mit Alice Béjà und Marc-Olivier Padis

8 October 2014
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Sein Buch gilt als wissenschaftliche Sensation und wird in aller Welt besprochen und kritisiert, bejubelt und angezweifelt. Seine Thesen gelten als gelungene und spannend zu lesende Zusammenfassung von dem, was längst in der Luft lag und anscheinend nur darauf wartete, zusammengefasst zu werden: dem Faktum, dass die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten immer größer und größer wird.

Vor einem Jahr war Thomas Piketty noch ein französischer Ökonom und Gleichheitsforscher, der nur einigen Eingeweihten bekannt war. Heute gilt der 43-Jährige, der an mehreren Pariser Universitäten forscht, als ein Superstar der Ökonomie.

Das nachfolgende, ausführliche Interview gab Thomas Piketty im November 2013 dem französischen Magazin Esprit. Wir haben das Gespräch übersetzt und nachgedruckt.

Esprit: Ihr neues Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” stellt die Ergebnisse eines beeindruckenden Forschungsprogramms dar, das einen langfristigen, vergleichenden Ansatz verwendet. Die Ergebnisse sind, was die Verteilung des Wohlstands betrifft, in verschiedenen Ländern bemerkenswert einheitlich: Sie stellen sowohl die “Konvergenz”–Theorien infrage als auch die Annahme, dass ungerechte Verteilung dazu neigt, mit der Zeit abzunehmen. Wie erklären Sie, dass nationale Besonderheiten fehlen – und inwieweit können diese Langzeitergebnisse dazu dienen, Prognosen für die Zukunft zu erstellen?

The mansion house, Lyme Park – an estate that remained in the possession of a single family from 1388 to 1946, and was later used as a venue for a film production of Jane Austen’s. Photo: Tim Venn. Source: Flickr

Thomas Piketty: “Das Kapital im 21. Jahrhundert” skizziert einen grundlegenden interpretativen Rahmen für Daten, die ein ganzes Team gesammelt hat. Es unterscheidet sich stark von meinem Buch aus dem Jahr 2001 über Spitzeneinkommen in Frankreich, indem es zwei Dutzend Länder behandelt anstatt nur eines, dabei einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten abdeckt und Wohlstand sowohl in Form von Besitz als auch von Einkommen betrachtet.

Der Schlüssel beim Besitz ist, dass die verfügbaren Daten es uns möglich machen, einen längerfristigen Blick auf die ungerechte Verteilung des Wohlstandes zu werfen: Einkommenssteuern wurden in den meisten westlichen Ländern erst im frühen 20. Jahrhundert eingeführt, auf dieser Basis können wir also nicht weit genug zurückgehen, um die zwei Weltkriege in eine vernünftige Perspektive zu setzen.

Indem wir den Fokus von Einkommen zu Besitz verschieben, inklusive geerbten Wohlstandes, haben wir die Möglichkeit, das Forschungsmodell zu verändern und den Zeitraum bis zur Industriellen Revolution auszuweiten und so die Dynamiken, die im 19. Jahrhundert am Werk waren, zu untersuchen. Diese Ausweitung des Rahmens wäre ohne die Hilfe meiner Kollegen unmöglich gewesen.

Zu den Gemeinsamkeiten unter den Ländern: Diese müssen aus den Daten ausgehoben und in der Analyse begründet werden. Ich habe das versucht, ohne die jeweilige nationale Geschichte des Wohlstandes außer Acht zu lassen – zum Beispiel die Rolle, die das durch Sklavenarbeit erwirtschaftete Kapital in den Vereinigten Staaten spielte; das Rheinland–Modell in Deutschland oder das Ausmaß der britischen Staatsschulden im 19. Jahrhundert, das den privaten Reichtum ansteigen ließ, indem finanzielle Renten geschaffen wurden, zusätzlich zu den existierenden Renten auf Grund und Boden.

In Frankreich war die Situation anders, weil die Staatsschulden mehrmals geregelt (vom Staat nicht beglichen, Anm.) wurden und die Verstaatlichung eine zentrale Rolle spielte. Jedes Land hat also seine Eigenheiten und seine eigene kulturelle Geschichte.

Die nationalen Antworten auf die ungerechte Verteilung hängen auch davon ab, wie sich das Land in Bezug auf andere Länder sieht. Ein Beispiel: Die Vereinigten Staaten haben die Ungleichheit im eigenen Land oft durch den Vergleich mit der Ungleichheit in Europa gerechtfertigt. Entweder wurde Europa als das Land der Privilegien gesehen – was die Amerikaner dazu gebracht hat, im frühen 20. Jahrhundert eine Steuer auf Spitzeneinkommen zu erheben, weil sie vermeiden wollten, dem alten Europa ähnlich zu sein, das sie als höchst inegalitär betrachteten – oder, umgekehrt, die USA haben Europas Kollektivismus und Egalitarismus angeprangert, wie das in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist. Jedes Land betrachtet sein eigenes Modell als intrinsisch gerechter.

Meine Betonung bestimmter universeller Gesetze, wie das Verhältnis zwischen der Wachstumsrate und der Kapitalrendite, impliziert keinen Glauben an absolute ökonomische Determinismen – im Gegenteil. Trotzdem können die Gemeinsamkeiten nicht ignoriert werden.

Europäische Staaten teilen im 20. Jahrhundert die Erfahrung der beiden Weltkriege. Die Dynamik der Ungleichheit entwickelte sich in all diesen Staaten entlang ähnlicher Linien: Die Ungleichheiten wuchsen in der Belle Époque rasant, mit einer nie dagewesenen Konzentration von Reichtum, nahmen dann ab 1914 wegen der sozialen Veränderungen, die durch Konflikt, Dekolonialisierung und die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates zustande kamen, allmählich ab. Aber seit den 1980ern ist die ungerechte Verteilung wieder gestiegen.

Die Staaten haben zwischen 1914 und 1918 sowie zwischen 1939 und 1945 unterschiedliche Ausmaße von materieller Zerstörung erlitten, aber die politischen Erschütterungen und die Bürden der Ausgaben in Kriegszeiten haben letztendlich einen ähnlichen Effekt auf ihre Ökonomien gehabt. Das trifft beispielsweise auf das Vereinigte Königreich zu, das weniger Zerstörung erlitten hat als Frankreich oder Deutschland, aber nichtsdestotrotz mit stark reduzierten Privatvermögen aus dem Zweiten Weltkrieg gekommen ist.

In der Zeit zwischen 1945 und 1973 hat dieser Rückgang der privaten Wohlstandsniveaus zu der Illusion geführt, dass wir in eine neue Phase des Kapitalismus eingetreten wären – eine Form von Kapitalismus ohne Kapital, oder zumindest ohne Kapitalisten. Aber Kapitalismus war nicht auf irgendeine strukturelle Art ersetzt worden; stattdessen war das im Grunde genommen eine Übergangsphase des Wiederaufbaus. Reichtum wurde wiederhergestellt, wenn auch schrittweise.

Erst heute, im frühen 21. Jahrhundert, sehen wir die gleichen Wohlstandsniveaus wie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg: Ungefähr das Sechsfache des jährlichen Nationaleinkommens, verglichen mit etwas mehr als dem Zweifachen des Nationaleinkommens in den 1950ern.

Natürlich gibt es nationale Unterschiede: In Deutschland beispielsweise war die Valorisierungsrate von Kapital niedriger als in Frankreich, unter anderem deshalb, weil im Rheinland–Modell die Eigentümerschaft von Unternehmen zwischen Aktionären und Angestellten aufgeteilt ist. Trotzdem gibt es generelle Tendenzen – etwa, dass Wachstumsraten niedriger sind als Kapitalrenditen und es folglich eine Tendenz gibt, dass Ungleichheiten zu– statt abnehmen. Das trifft auf lange Zeiträume der Menschheitsgeschichte zu, mit Ausnahme des 20. Jahrhunderts.

Die These der Konvergenz, die besagt, dass Ungleichheit mit der Entwicklung des Kapitalismus automatisch reduziert wird, hat fragile theoretische und empirische Fundamente. Sie basiert großteils auf einer Hypothese, die von Simon Kuznets in den 1950ern formuliert wurde. Er beobachtete eine Verringerung der Einkommensunterschiede in den Vereinigten Staaten zwischen 1910 und 1940. Ökonomen wollten an diese optimistischen Resultate glauben und machten daraus ein Gesetz.

In der Realität jedoch ist diese Reduktion der Ungleichheiten zu einem großen Teil den Weltkriegen geschuldet, aber die Menschen bildeten sich plötzlich ein, dass ein universeller theoretischer Mechanismus existierte, der eine Tendenz Richtung Harmonie produzierte. Ein weiterer Faktor war, dass eigentlich nur sehr wenige historische Studien über Ungleichheit gemacht wurden, teilweise wegen der disziplinären Trennung von Geschichtsforschung und Wirtschaftswissenschaft.

Ich habe versucht eine ausgewogene Darstellung der Dynamiken zu geben, die am Werk sind. Es gibt natürlich Kräfte der Konvergenz, die auffälligste ist die Ausbreitung von Wissen. Derzeit sind die Pro-Kopf-Niveaus der Produktivität in den fortgeschritten–kapitalistischen Ländern sehr ähnlich: In Europa, den Vereinigten Staaten, in Japan liegt das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei rund 30.000 Euro. Die Unterschiede sind minimal, trotz der großen Abweichungen bei den nationalen Sozialmodellen und den Steuersätzen.

Es ist möglich, dass dieser Prozess der Konvergenz sich fortsetzt und auch einige der Entwicklungsländer umfassen wird. Aber wenn wir die Dynamik des Wohlstands betrachten, gibt es einen kräftigen Druck in Richtung Divergenz, sowohl innerhalb der Staaten als auch auf globaler Ebene. In einer Welt mit schwachem Wachstum führt die Tatsache, dass Kapitalrenditen höher sind als Wachstumsraten zur Tendenz, dass vererbte Ungleichheiten beim Wohlstand verstärkt werden.

Esprit: Sind es also nur externe Erschütterungen wie Kriege, die diese Anhäufung begrenzen können?

Thomas Piketty: Wachstum kann den Konzentrationsprozess ausgleichen. Aber schwaches Wachstum kann nicht sehr viel ausgleichen. Sowohl Marx als auch die Neoliberalen irren beim Wachstum. Marx ignoriert es, während die Neoliberalen glauben, dass es die Lösung aller Probleme ist.

Für Marx entsteht Wachstum einzig und allein durch die Anhäufung von Kapital; es gibt keinen eigenständigen Anstieg an Produktivität. Der logische Widerspruch des Kapitalismus, den Marx identifiziert hat, ist, dass sich die Kapital-zu-Einkommens-Quote unendlich steigert und die Kapitalrendite so irgendwann gegen null gehen muss. Das kapitalistische System ist intrinsisch instabil und führt natürlicherweise zur Revolution. Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts zeigt, dass dieses Schema zu düster ist im ökonomischen Sinn – und zu mechanisch in seinen politischen Schlüssen.

Gesteigerte Produktivität und Bevölkerungswachstum haben es möglich gemacht, Marx’ Gleichung in Balance zu bringen und das tendenzielle Absinken der Renditen zu vermeiden. Aber dieses Gleichgewicht kann nur erreicht werden auf einem extrem hohen Level an Anhäufung und Konzentration von Wohlstand, der mit demokratischen Werten inkompatibel ist. Nichts in der ökonomischen Theorie garantiert, dass das Niveau der Ungleichheiten am Punkt des Gleichgewichts akzeptabel sein wird. Genauso garantiert nichts das Vorhandensein von automatischen, stabilisierenden Mechanismen, die ein generelles Gleichgewicht schaffen könnten.

Manche haben behauptet, dass die Rate der Kapitalrendite “auf natürliche Weise” auf das Niveau der Wachstumsrate absinken wird. Historisch gesehen gibt es allerdings keinerlei Beweis dafür. Den Großteil der Menschheitsgeschichte hat die Wachstumsrate null betragen, aber es gab dennoch eine Rendite auf Besitz – üblicherweise eine durchschnittliche Rendite von vier bis fünf Prozent bei Grund und Boden.

Tatsächlich war das die Grundlage der sozialen Ordnung, weil es einer Gruppe von Menschen, der Grund besitzenden Aristokratie, ermöglicht hat, von diesen Gewinnen zu leben. Fakt ist, dass diese Rendite auf Besitz langfristig konstant höher war als die Wachstumsrate. Das stellt uns vor keine logischen Probleme, aber es wirft die Frage auf, ob die Reproduzierung und Festigung der Ungleichheiten, zu der ein solches Verhältnis führt, in einem demokratischen Kontext akzeptabel ist.Im 20. Jahrhundert gab es die weit verbreitete Annahme, dass die Kräfte des Rationalismus zur Elimination der Grundrente führen würden – im Sinne von exzessiven Gewinnen, die durch Vorteile in der Stellung erzielt werden. Wir können das in der Entwicklung der Sprache sehen. Heute ist “Rendite” systematisch assoziiert mit “Monopol”. Wenn EZB–Präsident Mario Draghi gefragt wird, was getan werden soll, um Europa zu retten, sagt er, dass wir das “Rent–Seeking” bekämpfen sollen, womit er meint, dass geschützte Bereiche wie Taxiunternehmen und Apotheken geöffnet werden sollen – als ob nur Wettbewerb die Grundrente beseitigen könnte.

Aber die Tatsache, dass die Kapitalrendite höher ist als die Wachstumsrate, hat nichts mit Monopolen zu tun und kann auch nicht mit mehr Wettbewerb gelöst werden.

Im Gegenteil, je reiner und konkurrenzbetonter der Kapitalmarkt ist, desto größer ist die Lücke zwischen Kapitalrendite und Wachstumsrate. Das Endergebnis ist die Trennung von Eigentümer und Manager. In diesem Sinne ist das Ziel von Marktrationalität jenem der Leistungsgesellschaft entgegengesetzt. Das Ziel von Markteinrichtungen ist nicht, soziale Gerechtigkeit zu schaffen oder demokratische Werte durchzusetzen; das Preissystem kennt weder Grenzen noch Moral.

Der Markt mag unabdingbar sein, aber es gibt Dinge, die er nicht tun kann und für die wir spezielle Einrichtungen brauchen. Zu oft wird angenommen, dass die natürlichen Kräfte von Wettbewerb und Wachstum selbst unaufhörlich ihre Positionen wechseln. Aber im 20. Jahrhundert waren es vorrangig Kriege, die die Vergangenheit eingestampft und die Karten neu verteilt haben. Wettbewerb an sich wird weder soziale Gerechtigkeit noch demokratische Harmonie garantieren.

Esprit: “Das Kapital im 21. Jahrhundert” betont die Wichtigkeit von wirtschaftlicher Geschichtsforschung, die eine Verbindung mit den anderen Sozialwissenschaften bedingt. Wie kann sich die Forschung von der Dominanz der mathematisierten Wirtschaftstheorie befreien, um diese Veränderung zu schaffen?

Thomas Piketty: Ich sehe mich selbst ebenso als Sozialwissenschaftler wie als Ökonomen. Wenn man Fragen wie die Verteilung von Wohlstand untersucht, sind die Grenzen fließend und die Ansätze müssen notwendigerweise kombiniert werden.

Nachdem ich mein Doktorat an der École normale supérieure abgeschlossen hatte, verbrachte ich die frühen 1990er–Jahre in den USA, wo ich unter anderem am MIT unterrichtete –und ich war verblüfft von der Selbstzufriedenheit der Ökonomen an den Universitäten. Sie waren überzeugt davon, dass ihre Methoden viel wissenschaftlicher waren als die ihrer Kollegen in den sogenannten “weichen” Wissenschaften wie Soziologie, Geschichte, Anthropologie. Aber ihre “Wissenschaft” war oft höchst ideologisch.

Seit dem Fall der Berliner Mauer haben Ökonomen sowohl in den USA als auch weltweit eine wichtige Rolle gespielt in der Idealisierung des Marktes. Trotz meines wissenschaftlichen Hintergrundes hat mich die Geschichte immer angezogen. Von Anfang an habe ich versucht, Daten zur historischen Entwicklung der Reichtumsverteilung zu sammeln, weil sehr wenig davon verfügbar war. Im Gegensatz zu dem, was man oft hört, gibt es historische Daten, man muss sich nur die Zeit nehmen, sie zu sammeln, etwa indem man im Archiv des Finanzministeriums recherchiert oder Testamentsbestätigungen einsieht.

Ich habe nichts gegen Theorie, aber sie muss spärlich eingesetzt werden: Eine kleine Menge an Theorie kann viele Fakten erklären. Aber meistens machen Ökonomen das Gegenteil: Sie verbreiten Theorien in der Illusion, sie seien wissenschaftlich, auch wenn die Basis an Fakten dafür extrem fragil ist.

An einigen Stellen beziehen Sie sich auf Literatur, um zu vermitteln, wie sich die Art der Ungleichheit verändert. In den Werken von Balzac und Austen sind der Besitz und das Einkommen der Charaktere systematisch vermerkt; die Leser damals wussten, wofür sie standen. In der zeitgenössischen Literatur ist diese Skala verloren gegangen: Die wirtschaftliche Situation der Charaktere wird kaum beachtet. Hat die ungerechte Verteilung eine Art kognitive Unsichtbarkeit erlangt, die ihr einen sozial akzeptableren Anschein gibt?

Piketty: Das Buch rührt in weiten Teilen von der Angst, dass sich die sozialen Strukturen unabänderlich verändern – Stück für Stück, ohne dass wir es merken. Die Dynamiken sind nicht leicht verständlich, und es gibt ein reales Risiko, dass wir eines Tages in einer Gesellschaft aufwachen, die sogar noch weniger auf Gleichheit ausgerichtet ist als jene des 19. Jahrhunderts, weil sie die Willkür der vererbten Ungleichheiten mit einem leistungsorientierten Diskurs vermischt, der “Verlierer” für ihre Situation verantwortlich macht – beispielsweise, weil ihre Produktivität zu niedrig ist.

Das Potenzial, diese Ungleichheit in der Literatur abzubilden, ist unter anderem durch das Verschwinden finanzieller Bezugspunkte reduziert worden. Im 19. Jahrhundert, als es keine Inflation gab, waren diese in Stein gemeißelt. Jeder Leser verstand sofort, was gemeint war mit den Summen, die Balzac und Austen erwähnen.

Aber das Wachstum und die hohe Inflation des 20. Jahrhunderts haben diese Bezugspunkte weggewischt. Zahlen sind schnell überholt, und heute finden wir es vielleicht sogar schon schwer, ein Gehalt aus den 1990er-Jahren mit einem gewissen Lebensstandard oder einer gewissen Kaufkraft in Bezug zu setzen.

Generell gesprochen: Der kollektive Glaube an Fortschritt und steigende Lebensstandards bedeutet zugleich, dass wir uns weigern, uns eine moderne Welt vorzustellen, die so ungleich ist wie jene des 19. Jahrhunderts. Natürlich, wir sind noch nicht so weit und ich will auch nicht in Katastrophenszenarien verfallen. Aber unter bestimmten Bedingungen könnte es passieren; es gibt ein bewusstes Verschließen vor der Logik der zeitgenössischen Dynamiken.

Beispielsweise weigert sich die nationale Statistikbehörde, Spitzeneinkommen zu veröffentlichen: Üblicherweise gehen sie nicht über das 90. Zentil – offiziell, um nicht “Populismus anzufachen”, und Neid. Mit dieser Logik wäre es möglich gewesen, 1788 einen Bericht zu veröffentlichen, der besagt, dass alles in Ordnung ist, da die Aristokratie nur ein oder zwei Prozent der Bevölkerung ausmachte. Aber in einem Land wie Frankreich oder Großbritannien sind ein Prozent noch immer 500.000 oder 600.000 Menschen; in den USA sind es drei Millionen. So viele Menschen nehmen ganz schön Platz ein; sie sorgen für eine Struktur in der sozialen Rangordnung.

Das Ziel ist nicht, Neid anzufachen – soziale Unterschiede sorgen nicht für Probleme, wenn sie allen nutzen, wie Artikel 1 der Erklärung der Menschen – und Bürgerrechte von 1789 klarmacht (“Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein”). Aber sie müssen reguliert werden, wenn sie beginnen, gegen den allgemeinen Nutzen zu wirken.

Es kommt einem Abdanken von der Verantwortung gleich, wenn Forscher und öffentliche Einrichtungen daran scheitern, existierende Ungleichheiten akkurat zu beschreiben. So wird das Feld Reichtums-Rankings Magazinen wie Forbes überlassen oder dem Global Wealth Report, der von großen Banken veröffentlicht wird, die in die Rolle von “Wissensproduzenten” schlüpfen. Dabei bleibt die methodische Basis für ihre Daten unklar; die Ergebnisse sind größtenteils ideologisch, eine Hymne auf Unternehmergeist und wohlverdiente Vermögen.

Hinzu kommt, dass die simple Tatsache, dass man sich ausschließlich auf die “reichsten Fünfhundert” konzentriert, ein Weg ist, um das Thema der Ungleichheiten zu entpolitisieren. Denn diese Zahl ist so klein, dass das Thema damit bedeutungslos wird. Es hat dann den Anschein, dass extreme Ungleichheiten aufgezeigt werden – aber in Wirklichkeit wird ein besänftigendes Bild vermittelt.

Ungleichheiten müssen auf einem umfangreicheren Weg begriffen werden. Wenn man beispielsweise Vermögen über zehn Millionen Euro hernimmt statt jene über einer Milliarde, dann machen diese einen sehr erheblichen Teil des gesamten Wohlstands aus.

Wir brauchen die richtigen Werkzeuge, um ungerechte Verteilung darzustellen. Die amerikanische Bewegung der “99 Prozent” war ein Weg, das zu tun. Sich auf das reichste Prozent zu konzentrieren macht es möglich, verschiedene Gesellschaften zu vergleichen, die sonst in keinem Verhältnis zueinander zu stehen scheinen. Über “Top-Manager” oder “Privatiers” zu sprechen mag akkurater scheinen, aber diese Begriffe sind historisch gesehen sehr spezifisch.

Gegenwärtige Ungleichheiten werden manchmal als “Krieg der Generationen” dargestellt, in dem die Jungen ihres sozialen Erbes beraubt werden, das an die Babyboomer der Nachkriegszeit vergeudet wird. Wie sehen Sie das?

Piketty: Aus den Jahren zwischen 1945 und 1973 sind zwei Illusionen über ungerechte Verteilung aufgetaucht: Die erste ist der “Krieg der Generationen”-Ansatz der besagt, dass – mit dem Ansteigen der Lebenserwartung – Besitz ein Weg wurde, um Arbeitseinkommen in die Pension mitzunehmen. Wenn du jung bist, bist du arm, aber dann häufst du ein Vermögen an, das du verbrauchst, wenn du in Pension gehst. Das vermittelt ein beruhigendes Bild von der ungleichen Verteilung von Reichtum, weil es suggeriert, dass jeder erst arm und dann reich ist, was legitim genug wäre.

Aber das macht nur einen winzigen Teil der Anhäufung und Konzentration des Reichtums aus: In Wirklichkeit ist die ungleiche Verteilung von Wohlstand innerhalb von Generationen fast so groß wie zwischen den Generationen; anders gesagt, der Generationenkrieg hat den Klassenkrieg nicht ersetzt.

Ein Grund dafür ist die kumulative Dimension der Konzentration: Wo immer man Anhäufung und Vererbung von Wohlstand hat, beschleunigt sich die Konzentration. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Es ist einfacher, Geld beiseitezulegen – und damit Wohlstand anzuhäufen –, wenn man eine Wohnung geerbt hat und keine Miete zahlen muss. Umlagefinanzierte Pensionen können das verstärken, indem sie helfen, angehäuften Reichtum zu erhalten, weil die Menschen ihr Vermögen in der Pension nicht verbrauchen müssen.

Die zweite Illusion ist die Theorie des “humanen Kapitals”. Sie basiert auf der Idee, dass durch die technologische Entwicklung menschliche Kompetenzen Vorrang haben würden gegenüber industriellen Fabriken, Gebäuden, Maschinen und so weiter. Es würde folglich immer mehr Bedarf für individuelle Expertise und immer weniger für nicht-menschliches Kapital geben – Immobilien, Rohstoffe und finanzielles Kapital.

Gemäß dieser Hypothese würden die Shareholder von Managern ersetzt werden. Nun, das ist nicht passiert. Wenn sich die Kompetenzen entwickelt haben, dann hat sich das nicht-menschliche Kapital auch entwickelt und das Verhältnis zwischen den beiden hat sich nicht stark verändert. Man könnte sich sogar eine Roboter-Wirtschaft im 21. Jahrhundert vorstellen, in der der Anteil des menschlichen Kapitals am Nationaleinkommen sinkt.

Das heißt nicht, dass unbedingt das Schlimmste eintreten muss, aber der Markt hat keine automatischen Korrekturmechanismen. Wir müssen Einrichtungen schaffen, die diese korrigierende Rolle spielen können. Ich behaupte, dass eine progressive Steuer auf privates Kapital so ein Mechanismus wäre.

Sie betonen die Rolle der Besteuerung im letzten Teil von “Das Kapital im 21. Jahrhundert”, in dem Sie mehrere Szenarien erörtern, um der Schuldenfalle zu entkommen, inklusive Abzahlung, Inflation und Zahlungsausfall. Schulden sind natürlich einer der Faktoren, die die Bewahrung riesiger Vermögen fördern, weil sie finanzielle Renten schaffen. Warum setzen Sie sich für Besteuerung als Lösung ein?

Piketty: Wofür ich mich einsetze, ist nicht irgendeine Steuer, sondern eine progressive Steuer auf Vermögen, die besser zum “patrimonischen Kapitalismus” des 21. Jahrhundert passt als eine Einkommenssteuer –was nicht heißt, dass die Einkommenssteuer abgeschafft werden soll.

Eine Steuer auf privates Vermögen ist entscheidend, um die steigenden Ungleichheiten zu bekämpfen – aber sie wäre auch ein nützliches Werkzeug, um die Krise der öffentlichen Schulden zu lösen, indem jeder seinem Wohlstand entsprechend einen Beitrag leistet. Das wäre das Ideal – schwierig zu erreichen, aber unabdingbar.

Im Herzen jeder großen demokratischen Revolution stand in der Vergangenheit eine fiskale Revolution, und das wird auch in der Zukunft so sein.

Inflation ist eine Steuer auf das Kapital der Armen. Sie reduziert den Wert von kleinen Vermögen – individuellen Kontoständen –, während Aktien und Immobilien geschützt sind. Es ist nicht die richtige Lösung, aber es ist die einfachste.

Eine andere Möglichkeit ist, eine lange Periode der Abzahlung zu beschließen, so wie Großbritannien das im 19. Jahrhundert gemacht hat, um seine Schulden zu beseitigen. Aber das kann jahrzehntelang dauern und am Ende hat man mehr für die Zinsen ausgegeben als für Investitionen in Bildung.

In vielerlei Hinsicht sind Staatsschulden ein falsches Problem: Sie stehen für ein Darlehen von uns selbst. Gemessen an den privaten Vermögen war Europa noch nie so reich wie heute – es sind die Staaten, die arm sind. Also liegt das Problem in der Verteilung. Diese simple Realität hat man vergessen.

Europa hat enorme Vorteile: Sein Sozialmodell, seine vererbten Lebensstandards; es macht 25 Prozent des globalen BIP aus. Europa hat genug geografischen Raum, um den Kapitalismus effektiv zu regulieren. Aber es denkt nicht voraus, denkt nicht an seine eigene Zukunft.

 

Published 8 October 2014

Original in French
First published in Esprit 11/2013 (French version); Falter 34/2014 (20.08.2014) (German version)

© Alice Béjà, Marc-Olivier Padis, Thomas Piketty / Eurozine

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