Nachruf an Richard Rorty

An obituary

7 August 2007
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Richard Rorty ist tot. Für jeden, der ihn als Menschen geliebt oder auch nur gekannt hat – ich hatte das Glück eines gemeinsamen Abends in Hamburg – ist dieser Satz nur ein Ausdruck des Schmerzes. Für jeden, der ihn als Theoretiker geliebt hat, stellt sich die Frage, was dieser Satz darüber hinaus bedeutet. Gewiss: einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts ist gestorben. Aber was kommt nach ihm, wird jemand an seine Stelle treten? Die Antwort ist, wie bei anderen großen Philosophen und Literaten einfach: selbstverständlich nicht. Man muss mit solchen Verlusten leben, sie sind für immer. Aber im Falle Rortys führen Frage und Antwort über die planen Selbstverständlichkeiten hinaus. Um das zu erklären, muss ich ein wenig persönlich werden.

Ich arbeitete in einer Ferienwohnung in Klausur an einem Buch über Christoph Martin Wielands Roman “Aristipp und einige seiner Zeitgenossen”. Dieser Roman ist – neben allem, was er sonst noch ist – Wielands Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei. Er beschrieb einen Moment in der griechischen Antike – vor dem Aufstieg der Platonischen Philosophie – in dem in der Sophistik und der Sokratischen Spielart der Sophistik Philosophie noch kein akademisches Lehrfach mit eigenem Jargon war, sondern ein Raisonnieren darüber, was das richtige oder gute Leben sei. Er schrieb diesen Roman angesichts des Aufstiegs der Philosophie zum akademischen Lehrfach mit eigenem Jargon in Deutschland unter den Kant-Schülern und Fichte-Anhängern. Im Bücherregal der Ferienwohnung befand sich seit einiger Zeit Rortys Der Spiegel der Natur, den ich irgendwann zu lesen vorhatte, und den zu lesen die Abspannungspausen während der Niederschrift des eigenen Buches Gelegenheit gaben. Ich war fasziniert von der intellektuellen Schärfe des Buches, vor allem aber von Rortys Fähigkeit, sich auf intellektuelle Probleme einzulassen, von denen er am Ende sagen würde, es seien gar keine. Rorty verabschiedete sich aus dem philosophischen Mainstream mit einem Buch, in dem er zeigte, dass er es mit jedem in dieser Zunft aufnehmen konnte, es mit großem intellektuellen Vergnügen tat, und gleichzeitig deutlich machte, dass es sich bei den verhandelten Problemen um solche handelte, die nur durch das Milieu “akademische Philosophie” überhaupt hervorgebracht und am Leben gehalten werden.

Das Seltsame war, dass Wieland mit der Titelfigur seines Romans ungefähr diesen Typ Denker darzustellen versucht hatte – nur eben: versetzt in eine Zeit, bevor der später “Philosophie” genannte Betrieb überhaupt angefangen hatte. Er versetzte die grundsätzliche Kritik am Milieu der akademischen Philosophie an deren Anfang, und darum habe ich das Kapitel “Philosophie” in jenem Buch über Wielands Aristipp mit dem Schlusssatz aus Rortys Spiegel der Natur beendet: “Das einzige, worauf ich bestehen möchte, ist das folgende: Das moralische Interesse der Philosophen sollte sich auf die Fortsetzung des abendländischen Gespräches richten, nicht darauf, dass den traditionellen Problemen der modernen Philosophie ein Platz in diesem Gespräch reserviert bleibt.”

Rorty war ein Erneuerer einer philosophischen Tradition, die immer neben der offiziellen einherging – diskontinuierlich. Die offizielle Philosophie hat immer ihre großen Denker gehabt, aber es ging auch ohne diese. Wenn die Zeiten keinen Platon, Descartes, Kant, Hegel oder Heidegger aufzuweisen hatten, konnte das, was gegen Ende des 18. Jahrhunderts etablierte universitäre Gedankenverwaltung wurde, auch von Geringeren verwaltet werden. Es ging weiter. Die andere Tradition brauchte Individuen, die mit eigener Sprache intervenierten und versuchten, den Betrieb durcheinanderzubringen. Sie bildeten dabei eine eigene Tradition heraus, wie man im Rückblick erkennen kann, nahmen aber nur zuweilen Notiz von einander. Ich glaube, dass kein Vertreter dieser zweiten Traditionslinie sich wirklich als Fortsetzer einer Tradition gesehen hat, denn wichtiger ist wohl allen das Moment der Dissidenz gegenüber der ersten Linie gewesen.

Über wen spreche ich, wenn ich von der “zweiten Linie” spreche – die ich vielleicht zu unrecht so nennen, denn wenn ich sie etwa mit den Sophisten (und dem sophistischen Anti-Sophisten Sokrates, der ja ein anderer war, als die Maske, die sich Platon aufsetzte) beginnen lasse, so wäre zu überlegen, ob nicht die aufs Ganze und System zielende Philosophie, die recht eigentlich erst mit Platon beginnt, nicht als Reaktionsbildung zu werten wäre. Platon bot ja seine intellektuellen Energien gegen einen zentralen Gedanken der Sophisten auf: dass Werte und Normen etwas seien, was nicht ge-, sondern erfunden wird. Ein bei Rorty ebenso zentraler Gedanke. Descartes reagierte auf Montaigne, wie Stephen Toulmin so schön gezeigt hat. Bei Montaigne ein ausgeprägtes Vergnügen am Umstand, dass wir uns nie ganz sicher sein können, bei Descartes der Zweifel als Ausgangspunkt seiner Philosophie, aber als Grundstein so eingemauert in die feste Burg seiner Philosophie, dass er unter ihm verschwindet. Montaigne hatte Vergnügen, sich nicht sicher sein zu können, ob er mit seiner Katze oder seine Katze mit ihm spiele, bei dem darüber augenscheinlich entsetzten Descartes (nun, vielleicht hatte er bloß keine Katze) sind Tiere eine Art Maschinen. Kant reagierte mit der Nervosität seiner Systembildung auf die intellektuelle Nonchalance Humes.

Die Sophisten, Sokrates, Aristipp von Kyrene (der historische wie der literarisch gestaltete) die Pyrrhoniker, Montaigne – dann der genannte David Hume, der die Frage zuerst so stellte: welche Probleme entstehen nur darum, weil ich Mitglied eines bestimmten Betriebes bin, und verschwinden, wenn ich mein Leben ändere? Hume, der dann auch konsequent den Betrieb verließ, und an seinem Lebensabend sich Gedanken darüber machte, wie man die schottisch-britische Esskultur kultivieren könnte. Sehen wir von den Grenzgängern zwischen Philosophie und Literatur, wie etwa Diderot und Wieland, einmal ab, so haben wir natürlich den schwierigen Fall Nietzsche, aber im 20. Jahrhundert John Dewey, auf den sich Rorty immer bezogen hat, und, den Wittgenstein der “Philosophischen Untersuchungen” und der folgenden Schriften, vor allem natürlich “Über Gewißheit”. Alle diese Autoren führten in die philosophische Diskussion ihr eigenes Vokabular ein und veränderten sie dadurch. Sie alle wollten die traditionelle philosophische Diskussion beenden, aber sie erwies sich beeinträchtigungsresistent: alle genannten Autoren sind in der einen oder anderen Weise Teil des abendländischen philosophischen Betriebs geworden. So ist es auch mit Rorty geschehen. Aber er ist nicht der letzte Revolutionär gewesen, der als Reformator auf die Nachwelt gekommen ist.

Wer das Glück hatte, Rorty persönlich kennenzulernen, konnte rasch bemerken, dass dieser unbekümmerte Denker selber alles andere als unbekümmert war. Man kann das mit Melanie Klein verstehen: wer die paranoide Position der Systeme und Zweifelsfreiheiten verläßt, begibt sich in die depressive Position. Oder, weniger theoriegebunden: wer gelernt hat, unbekümmert zu denken, muss die Welt ziemlich gut kennen, und wer die Welt ziemlich gut kennt, lebt nicht unbekümmert. Richard Rorty ist tot; seine Bücher sind da; es gibt sie eben doch: die Unsterblichkeit.

Published 7 August 2007

Original in German
First published in Mittelweg 36 4/2007

Contributed by Mittelweg 36
© Jan Philipp Reemtsma/Mittelweg 36 Eurozine

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