Nachlassende Bremswirkung: "Neuer Antisemitismus" und alter Wahn

"Neuer Antisemitismus" und alter Wahn

Ein “neuer Antisemitismus”, da sind sich alle einig, hat in Europa Einzug gehalten. Deutschland, Frankreich, Grossbritannien – kein Land ist immun. Aber inwieweit ist der “neue Antisemitismus” wirklich “neu”, und wie gravierend ist er? Lothar Baier mahnt zu nüchterner Reflektion angesichts der allgemeinen Hysterie.

Unter der fetten Überschrift “Au revoir” erschien am 17. Juni 2002 in der New York Times eine auffallende, halbseitige Anzeige des American Jewish Congress, die bekannt gibt, dass diese Organisation amerikanischer Juden alle ihre Reiseprogramme mit Ziel Frankreich stoppt. Zur Begründung wird angeführt, dass Frankreich im April 2002 Schauplatz von mehr als 300 antijüdischen Vorfällen gewesen sei. Dazu gehörten Angriffe auf jüdische Schüler und Passanten, nicht zuletzt das Niederbrennen einer Synagoge in Marseille.
Skandalös für den American Jewish Congress ist vor allem die Reaktion der Behörden auf die Vorfälle: “Bewährungsstrafe auf Bewährungsstrafe. Die in dieser Zeit ausgesprochene Höchststrafe: lediglich drei Monate Gefängnis.” Die Zeitungsanzeige fährt dann fort: “Um der Kränkung noch die Beleidigung folgen zu lassen, behaupten die französischen Behörden, alle diese Vorfälle gingen auf das Konto von maghrebinischen Immigranten – so als befreie das Frankreich von der Verantwortung für das, was es auf seinem Territorium geschehen lässt.”

Seit Ende September 2000 ist Frankreich in der Tat Schauplatz einer Serie antijüdischer Aktionen gewesen, von Grabschändungen bis zu Brandanschlägen auf Synagogen, die die Öffentlichkeit aufschreckten. Wieso aber ist es eine “Beleidigung”, wenn französische Behörden darauf verweisen, dass die Täter, wurden sie denn erwischt, fast ausnahmslos Jugendliche maghrebinischer Herkunft waren? Dies erklärt der Text der Anzeige nicht, der dafür den Eindruck erweckt, dass die französische Justiz gegenüber antijüdischen Taten besondere Milde walten lasse. Das mag in einzelnen Fällen zwar zutreffen, doch verschweigt der American Jewish Congress in seiner Anzeige, dass eine gewisse Vorsicht der französischen Behörden auch einen bestimmten Grund hat: die Verfolgung dieser Serie antijüdischer Anschläge begann mit einer sogleich von den Medien noch gewaltig verstärkten fürchterlichen Überreaktion von Polizei und Justiz.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2000, kurz nach Beginn der von Ariel Scharons Tempelberg-Provokation ausgelösten Al-Aksa-Intifada, war in der Kleinstadt Trappes südlich von Paris ein als Synagoge dienender hölzerner Pavillon abgebrannt. Unmittelbar danach wurden sechs junge Maghrebiner als mutmaßliche Brandstifter festgenommen und monatelang in Untersuchungshaft gehalten. Schließlich ergab die kriminologische Untersuchung der Brandstätte, dass das Feuer von einer im Pavillon schlecht ausgedrückten Zigarette verursacht worden war. Die anderthalb Jahre später, im März 2002, von der zuständigen Staatsanwaltschaft bekannt gegebene kriminologische Expertise drang in der Öffentlichkeit jedoch nicht mehr recht durch. In der Zwischenzeit war als Generalthema nämlich der “neue Antijudaismus” verkündet worden, der unterschiedlichste Geschehnisse und Entwicklungen mit einem einheitlichen Sinn versieht und dadurch zu einem Einheitsbrei verrührt.

Den Auftakt dazu gab der französische Politologe und Vielschreiber Pierre-André Taguieff mit seinem im Dezember 2001 veröffentlichten Buch La nouvelle judéophobie (Verlag Mille et Une nuits, Paris). Der von ihm gewählte Ausdruck “neue Judeophobie” gibt implizit zu verstehen, dass es sich um eine neue Entwicklung handelt, die mit dem alten europäischen und auch französischen Antisemitismus nicht mehr viel zu tun hat. Der Autor Taguieff tat auch gut daran, sich mit “nouvelle judéophobie” auf ein neues semantisches Feld zu begeben, denn in einer nicht lange zurückliegenden Vergangenheit hatte er selbst mit Alain de Benoist, dem Vordenker der “Nouvelle Droite” genannten intellektuellen extremen Rechten gekungelt und sich in deren Zeitschrift Éléments feiern lassen.

Von “neuer Judeophobie” sprechen, hat zugleich fürs französische Publikum etwas Entlastendes, da als Träger dieses neuen Antijudaismus, neben einigen einheimischen “antizionistischen” Palästinenserfreunden, die “anderen” identifiziert werden – Kinder von Immigranten aus dem Maghreb, also Araber und überhaupt Muslime. Dass diesen Leuten alles zuzutrauen ist, hat auch schon der Führer des Front National und gescheiterte Präsidentschaftskandidat Le Pen verkündet, der dazu lobende Worte für den araberprügelnden Ariel Scharon fand.

Wer in Frankreich die “neue Judeophobie” beklagt, schlägt daher zwei Fliegen mit einer Klappe: er stellt sich einerseits eindrucksvoll vor die Juden und bezeichnet andererseits einen Feind, den sowieso niemand leiden kann, die in Frankreich kurz und bündig “arabes” genannten Maghrebiner mitsamt allen Muslimen. Da interessiert es niemanden mehr, was Sozialforscher, die in den von maghrebinischen Immigranten bewohnten Vor – und Kleinstädten arbeiten, an Erkenntnissen und Differenzierungen beizutragen haben.

Aus maghrebinischen Immigrantenfamilien stammende Jugendliche, sagt der am französischen “Zentrum für soziologische Analyse und Intervention” beschäftigte Soziologe Farhad Khosrokhavar, fühlen sich weder mit der Herkunftskultur ihrer Eltern noch mit dem Islam besonders verbunden. “Sie empfinden sich als Opfer eines abweisenden Frankreich, das ihnen zu verstehen gibt, dass sie in der Republik keinen Platz haben. Dieses Opfergefühl bringt sie dazu, sich mit den Palästinensern zu identifizieren, und die Juden werden eine Art Sündenbock für die Misere, die sie empfinden.” (Le Monde, 12.4.2002)

Die jüngst sich in Brandanschlägen, tätlichen Angriffen und Schmierereien in Frankreich entladende Judenfeindschaft solcher Immigrantenkinder entstammt somit nicht schlicht arabischer oder islamischer Tradition, wie oft behauptet wird, sondern hängt eng mit Enttäuschungen über eine versprochene, aber nicht eingetretene gesellschaftliche Integration zusammen. Weshalb aber wird die Verantwortung dafür auf die Juden projiziert? Den auslösenden Faktor dieser offenkundigen Fehlleistung sieht der Soziologe Khosrokhavar in dem, was diese Jugendlichen von dem sich seit Herbst 2000 kontinuierlich zuspitzenden israelisch-palästinensischen Konflikt wahrnehmen. Da sie in ihren Immigrantengettos kaum jemals Gelegenheit haben, mit Juden selbst zusammentreffen, lässt ihr Bild von Juden sich leicht durch die medial übermittelten Bilder aggressiv auftretender israelischer Militärs besetzen. In Frankreich kommt hinzu, dass die französischen Juden, die am Fernsehen vorzugsweise sichtbar gemacht werden, einer ganz bestimmten Gruppe angehören, Anhänger des rechten israelischen Likud-Blocks, die ihrer lärmenden, extremistischen Militanz wegen medial besonders attraktiv sind. Den sich mit den Palästinensern identifizierenden Immigrantenkindern bieten sie sich geradezu als Feindbild an. Für den Getto-Soziologen Farhad Khosrokhavar bleibt hingegen hervorzuheben, dass im Hinblick auf das sehr bedeutende Volumen der maghrebinischen Immigration in Frankreich die Zahl jungen Maghrebinern zugeschriebener oder von ihnen nachweislich begangener antijüdischer Gewalttaten “außerordentlich gering” ist.

Der sich mit “Au revoir” von einem antisemitischen Frankreich verabschiedende American Jewish Congress muss von derartigen Zusammenhängen nichts wissen und nichts verstehen. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist es, sich über den Botschafter Frankreichs in den USA aufzuregen, der, wie in der Anzeige mit dem Ausdruck der Empörung zitiert wird, Israel ein “sh-tty little country” nannte. Implizit unterstützt die Anzeige in der New York Times die Kampagne des israelischen Premierministers Scharon, die darauf abzielt, französische Juden zur Niederlassung im von Abwanderungsverlusten betroffenen Israel zu bewegen, und zu diesem Zweck das Schreckensbild eines antisemitisch brodelnden Frankreich zeichnet, in dem Juden ihres Lebens nicht mehr sicher sein können.

Nichts wissen von solchen Zusammenhängen muss man auch in Frankreichs europäischen Nachbarländern. So fällt auch niemandem auf, dass in Deutschland, zeitlich ein wenig versetzt, doch wie der französischen “nouvelle judéophobie” abgekupfert, der “neue Antisemitismus” aus der Taufe gehoben wurde, so als sei der gemütliche, im trauten deutschen Familienkreis weitergepflegte alte nicht mehr der Rede wert. Zwar werden auch in Deutschland ebenso regelmäßig wie von der Öffentlichkeit unbemerkt jüdische Gräber geschändet, und es müssen jüdische Einrichtungen nach Polizeischutz verlangen, doch anders als im westlichen Nachbarland lassen sich hier keine maghrebinischen Gettos mit ihrer Millionenbevölkerung als Quelle der Bedrohung ausmachen. Der deutsche “neue Antisemitismus” findet deshalb hauptsächlich im Saale statt.

Im Saale griff ein populistischer freidemokratischer Provinzpolitiker namens Möllemann den Fernsehtalkmaster Michel Friedman, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland ist, mit kalkuliert die politischen Anstandsgrenzen verletzenden Worten an, die der Betroffene als antisemitische Beleidigung empfand, und schon war er da, der “neue Antisemitismus”. Als dann auch noch der Schriftsteller Martin Walser mit seinem Roman Tod eines Kritikers herauskam, der unübersehbar auf den “Kritikerpapst” Marcel Reich-Ranicki zielt, stand der “neue Antisemitismus” bereits als etabliertes Deutungsraster zur Verfügung. Einem Kritiker der FAZ, und zwar Jan Philipp Reemtsma, verdeckte die Deutungsvorgabe derart die gelesenen Buchstaben, dass er die Qualifizierung einer Nase als “kräftig, aber fein” und die Beschreibung von “Wulstlippen” als hochgradig antisemitisch einstufte (“Ein antisemitischer Affektsturm”, FAZ, 27.6.2002) und bloß übersah, dass Nase und Lippen an dieser Stelle des Walserschen Romans zu einem Goj namens Hans Lach gehören.

Die showbiz-mäßige Lancierung von “neuem Antisemitismus” deutet nach Ansicht des politischen Linguisten Clemens Knobloch darauf hin, dass “die als ’politisch korrekt’ … codierte Mitte ihr Publikum nicht mehr fest im Griff hat. Nichts anderes beweist ja der europaweite Erfolg rechtspopulistischer Politiker”. (Blätter für deutsche und internationale Politik, Juli 2002). Man könnte auch sagen, die Bremswirkung der öffentlich geltenden Anstandsregeln lässt nach, die sich im post-nationalsozialistischen Deutschland allmählich durchgesetzt hatten. Darauf zu antworten, indem man, wie jüngst geschehen, flächendeckend “neue Antisemitismen” verstreut, lässt sich allenfalls aus einer Torschlusspanik der “politischen Korrektheit” erklären, die blind macht für ihren eigenen Beitrag zur fortschreitenden Banalisierung der in Europa nach wie vor von Generation zu Generation übertragenen kollektiven Geisteskrankheit namens Antisemitismus. Angesichts der gegenwärtigen Inflation von Antisemitismusverdikten, die sich je nach Gusto gegen alle und jeden richten können, verdient die Warnung des Salzburger Schriftstellers Vladimir Vertlib in der Zürcher Wochenzeitung Beachtung: “Nach vielen Jahren der Vorsicht werden die richtigen Antisemiten frohlockend ihr Haupt erheben und ihre Ansichten umso offener und dreister vorbringen. Wird mir dann noch jemand zuhören, wenn ich dagegen protestiere?”

Published 25 September 2002
Original in German

Contributed by Wespennest © Lothar Baier / Wespennest / Eurozine

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