Man muss mit den Hüften schwingen!

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

16 November 2007
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Ali Fathollah-Nejad sprach mit Feridun Zaimoglu in Münster über seine Lust am Geschichtenerzählen, über Politik und Schriftstellerei und über Deutschland.

Ali Fathollah-Nejad: Wenn man Dich als Leser begleitet hat, dann war ein Wandel besonders interessant: Eine Tageszeitung hat einmal über Kanak Sprak1 geschrieben, dass dahinter ein unglaublich harter Beat stecke. Wenn man jetzt deine neueren Erzählungen – und auch deinen neuen Roman Leyla – nimmt, ist aus diesem Beat eine Melodie geworden. Wie kam es zu dieser Veränderung in deinem schreiberischen Tanz?

Feridun Zaimoglu: Ich habe große Lust und große Freude daran, Rollenprosa zu machen. Ich bin ja nicht nur mit Kanak Sprak, sondern vor allem auch mit Abschaum2 auffällig geworden. Ich bin da in die Rolle eines Vorstadtgangsters geschlüpft. Damals trug ich die Haare etwas länger, und ein paar Jahre lang bin ich sogar nur im Anzug aufgetreten. Wer mich gesehen hat, dachte immer: “So ein Blödsinn! Der behauptet, er würde jetzt über das Leben eines Junkies, eines Gangsters schreiben. Das ist sein eigenes Leben!” Also, ich habe große Lust, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Ich gucke mir natürlich bei jedem Buch, das ich schreibe, an, wie ich der Person gerecht werde. In Leyla hatte ich eben Lust, die Geschichte einer einfachen Frau zu schreiben, die es nach Deutschland verschlägt. Da hat es sich geradezu aufgedrängt, das Buch leiser zu schreiben. Ich habe da den erzählerischen Ton entdeckt.

AF-N: Du liest aus Leyla und die Leute fragen dich “Ist das wirklich so?” In gewisser Weise bist du Kulturvermittler, du erklärst vielen Deutschen einen Teil der ausländischen Kulturen, die sie so nicht verstehen, zumindest bist du ein Zugang dazu. Da steckt sicherlich eine Riesenverantwortung dahinter. Wie findest du das?

FZ: Verantwortung? Man kann das Ding entweder mit Lust und Laune machen, oder man kann mit zusammengekniffenen Arschbacken da sitzen. Buch auf, lesen, brennen, und dann kommen die Fragen. Kulturvermittlung? Na ja, wenn es gewissermaßen diesen Mehrwert hat, wunderbar. Aber das liegt doch nicht in meiner Absicht. Worum es geht, ist, Geschichten zu erzählen. Und “Kulturvermittler”, “Kulturmakler”, mein Gott! Ich wurde etikettiert als “Malcolm X der Türken”, als “Rudi Dutschke der Deutschländer”, und dann waren auch einige Leute böse, als ich sagte “Deutscher und Schluss!” Die wissen nicht, wie spät es ist, verdammt noch mal. Die wissen nicht, dass diese ethnische Geschichte zum Gegenstand von politischen Auseinandersetzungen gemacht wird. Dieser ethnische Blödsinn geht mir auf die Nerven. Die Leute gucken ja auch, wenn ich sage “Deutscher”! Ich weiß doch, dass über 90 Prozent denken: “Du siehst aus, wie du aussiehst. Mit deinem Namen, Alter, mit deiner Fresse? Das glaubst auch nur du!” Das ist mir doch so was von egal. Es kommt auf was an? Auf mein Selbstverständnis! Ich bin nicht auf die Meinung von Leuten angewiesen, aber ich bin eine Rampensau. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein und nicht mein eigenes langweiliges Leben in den Vordergrund zu stellen, sondern in diese Rollen zu tauchen. Und ab geht die Post!

AF-N: Kanak Sprak hat damals eine wichtige Funktion eingenommen. Man hat dich bei sehr vielen Rassismus-Debatten im Fernsehen mit langem Haar und feinem Bart erlebt. Du warst politisch sehr engagiert, sehr subversiv und radikal in deinen Aussagen. Wie kam dieser Wandel zu einem Schriftsteller, der sich klassischen Themen zuwendet und nicht mehr solchen Milieuthemen, aus denen Du entsprungen bist?

FZ: Habe ich mich tatsächlich gewandelt? Ich glaube, es ist ein politischer Akt, die Geschichte jener Frauen zu erzählen – ohne jetzt repräsentative Figuren zu zeichnen –, die in den öffentlichen Debatten, auch in den politischen Auseinandersetzungen, nicht vorgekommen sind. Als ich mit Kanak Sprak unterwegs war, habe ich gesagt, ich möchte diejenigen, die nicht selber zu Wort kommen, sichtbar machen. Meine Heldinnen und Helden sind nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, dass ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht in Deutschland beim Bürgertum, bei den Bürgerlichen sehe. Ich sehe das Unaufgeklärte – manchmal auch das Negative, aber das Lebendige – beim White Trash und beim Ethnoproletariat. Ich habe keine Lust, über Bürgerliche zu schreiben, ich entdecke nicht den diskreten, dekadenten Charme der Bourgeoisie. Und daran hat sich ja nichts geändert. Es wäre sehr schade, wenn ich mit 41 Jahren immer noch mit geballter Faust in der Tasche den Kiezradikalen mache, der “Kanak Attack” brüllt. Ich glaube nicht, dass ich brav geworden bin. Ich glaube eher, dass ich es mir nicht mehr so einfach mache.

AF-N: Findest du, dass andere Leute in Deutschland heute die Verantwortung haben, so radikal zu schreiben, wie du es gemacht hast?

FZ: Aber selbstverständlich. Wie eitel, wie bescheuert, wie ignorant wäre es von mir zu sagen: “Ich habe das damals geschrieben, und weil ich es geschrieben habe, ist damit Schluss.” Ich bin so guter Dinge, weil es wirklich sehr viele radikale Ansätze gibt, weil es sehr viele Leute da draußen gibt, die auch im Kultursektor echt was los haben und was schieben. Ich habe mich nicht entradikalisiert. Da werden sich einige Leute wundern.

AF-N: Du hast ja eine Pionierrolle gehabt. Im Nachhinein gab es eine Welle, verursacht durch Deutsche mit ausländischem Hintergrund, die versucht haben, in der Kulturszene an die Öffentlichkeit zu treten – prominentes Beispiel ist Fatih Akin. Was hältst du von dieser Bewegung?

FZ: Es rappelt mächtig in der Kiste. Und ich halte viel davon, sehr, sehr viel. Es sind sehr viele großartige Talente, großartige Menschen unterwegs. Da hat etwas Feuer gefangen. Und es wird, wie ich denke, in den nächsten Jahren ziemlich heftig werden, weil die Verteilungskämpfe und das Rattenrennen um Jobs und Ausbildungsplätze heftiger werden, und weil auch die Schulen und die Universitäten darauf ausgerichtet sind, geschichtsspezifisch und klassenspezifisch auszusieben. Wer darf an die goldenen Krüge und wer wird ausgeschlossen? Diese Ausschließungsmechanismen gehen ja weiter. Tja, irgendwann hieß es’”Guten Morgen, Freunde!” Der Staat zieht sich zurück aus Kultur und Sozialem und die Privaten können die Lücke nicht füllen, was bedeutet, dass es in Zukunft soziale Konflikte geben wird. Das ist Brennstoff, das gärt.

AF-N: Macht es dich nicht traurig, dass dieser Diskurs nach wie vor besteht? An ihm hat sich ja nichts geändert.

FZ: Ganz genau.

AF-N: Was muss man machen, um diesen Diskurs zum Bröckeln zu bringen und ihn zu verändern, insbesondere aus Migrantensicht?

FZ: Ich bin kein Migrant, ich bin Deutscher! Das ist der erste Schritt. Man kann erstmal die richtigen Begriffe wählen. Es ist doch wie bei Slam Poetry – wer ist am Mic und wer nicht? Es ist immer noch ein Kampf um kulturelle Hegemonie. Der wird nicht in zehn Jahren, nicht in zwanzig, in dreißig, in vierzig Jahren zu Ende gehen. Aber Deutschland ändert sich. Ich werde belächelt von einigen: “Ach guck mal, der Kanakster hat den Leitartikel in der Zeit geschrieben.”3 Die wissen nicht, was sie sagen, diese Idioten! Die haben keine Ahnung, mit Verlaub. Die haben die Gesetze der Kulturhegemonie nicht verstanden, denn das ist ein harter, knallharter Job.

AF-N: Sind das Gesetze, die Partizipation zulassen, oder muss Radikalität den Diskurs ändern?

FZ: Eine Radikalität, die Dogmen verpflichtet ist, ist zum Scheitern verurteilt. Sie ist gewissermaßen eine Minderheit in der Minderheit in der Minderheit.

AF-N: Was ist denn mit der aufklärerischen Radikalität, die du in Kanak Sprak benutzt hast, indem du einfach die Leute zu Wort hast kommen lassen oder versucht hast, für jene zu sprechen, die in der deutschen Öffentlichkeit keine Zunge haben?

FZ: Was für viele Menschen vielleicht unerträglich ist: es gibt keine einheitliche Linie. Man muss mit den Hüften schwingen. Opportunismus ist etwas anderes. Es gibt viele Leute in der Politik, die Opportunisten sind. Das sind Partystinker, die auf den Partys nichts Besseres zu tun haben, als herumzusitzen und zu labern. Dann gibt es aber Leute, die auf der Piste sind. Die bewegen die Hüften. So einfach ist die Sache. Also entweder dabei sein oder am Rand Chips futtern und dann sagen: “Das ist ‘ne öde Party!” Nicht die Party ist öde, sie selbst sind öde. Das ist ein großer Unterschied. So ist es in der Politik.

AF-N: Du hast eben deinen Zeit-Artikel angesprochen. Ich möchte gerne an die Situation der Medien anknüpfen. Es gab dieses ganze Brimborium um die Rütli-Schule.4 Ich denke, du hast durch deine Veröffentlichungen sehr viel zu der Debatte beigetragen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in der breiten Medienwelt doch ein gewisser Stillstand herrscht. Ich habe das Gefühl, da verändert sich nicht viel. Wie siehst du das?

FZ: Ich habe so einige hundert Lesungen in der Schule gemacht, meistens in Hauptschulen und Jugendhäusern. Ich gehe jetzt einfach mal von diesen Erfahrungen aus. Das Eine ist, dass das dreigliedrige Schulsystem auch ethnisch gliedert. Es gibt die Versager – die keine Versager sind. Mein Gott, um ein Haar wäre ich in der Sonderschule gelandet. Es war so. Um ein Haar! Der Türke an und für sich kommt als PISA-Versager und als Pausenhofrüpel vor. Aber es gibt ihn. Es gibt auch ein Männerproblem, ein Jungsproblem. Dieser Dreck von Männerehre. Wenn der darauf hinausläuft, dass irgend so ein Hosenscheißer daherkommt und seine Schwester abknallt, was macht man dann mit dem? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Von Fall zu Fall ist es verschieden. Man muss hingucken, man muss mit den Leuten reden. Es wundert mich doch nicht – Leitkultur, Karikaturen-Streit, dann Necla Kelek, Seyran Ates, und der männliche muslimische Migrantenjugendliche ist zum Abschuss freigegeben. Deshalb sage ich den Leuten “Guten Morgen!” Haben die gedacht, die Klassengesellschaft hat aufgehört, oder was? Die besteht immer noch, und die wird auch weiterbestehen. Und das ethnische Moment ist eine Begierde der herrschenden Klasse. So einfach ist das. Und wer mit neoliberalem Dreck kommt, wer aufhört politisch zu denken und anfängt ethnisch hinzugucken, tut es den herrschenden Klassen – und dazu gehören auch die Medienmacher und die Medien – gleich. Sie reden nämlich von der Schule und dreschen dann auf die Lehrer ein. Ja, aber wenn man politisch denken würde, dann würde man schauen, was wird an den Schulen gemacht? Was wurde an Geldern gestrichen? Was ist im Topf noch drin? Was passiert im Alltag? Das ist das Eine. Und das Andere ist, dann aber auch zu sagen: “Eure Ehre, Freunde, wisst Ihr, könnt Ihr Euch echt zwischen Eure Migrantenarschbacken rammen. Eure beschissene Männerehre!” Was ist das? Das ist ein Verbrechen. Das sind Kriminelle. So muss das besprochen werden. Die Rechten kommen immer und sagen “Hey, die kommen aus einem anderen Kulturkreis.” Man darf tatsächlich Dinge, die aus diesem anderen Kulturkreis kommen auch nicht bagatellisieren. Das wäre Blödsinn. Man darf ja auch nicht den weißen Männern das Wort reden, indem man als Frauenrechtsaktivistin daherkommt und gewissermaßen diese Jungs da abschießt, dann von der Religion spricht und die ethnische Grundlage zum Gegenstand der Erörterung macht. Das sind Weibchen der weißen Männer. Und diese Weibchen kommen und gehen und kommen. Da ist das Etikett “Feminismus”, da ist das Etikett “besonders selbstbewusste Grüne” oder wie immer all diese Opportunisten und Aufklärungsspießer heißen. Man guckt sich das an, aber man darf nie aufhören, sich das politisch anzusehen. Der politische Blick ist ein geiler Blick!

AF-N: Aber Politik ist ja nur möglich durch Partizipation. In unserer Gesellschaft hingegen gibt es nicht so viele, die einen nicht-deutschen Hintergrund haben, sich jedoch am öffentlichen Diskurs beteiligen.

FZ: Das ändert sich.

AF-N: Es kann sich aber nur durch Bildung ändern?

FZ: Es kann sich vor allem durch die deutsche Sprache ändern. Um der Zukunft der Kinder willen soll man nicht von Deutschzwang schwätzen. Das ist schon wieder so ein Ethnoblödsinn. Und dann kommen diese ganzen Türkenvertreter, dann kommen diese Linksliberalen, es kommen all diese Fuzzies und erzählen “Ach, das dürfen wir den Kindern nicht zumuten.” Ihr Deppen! Ihr verdient wie viel im Monat? Ihr seid hier fein ‘raus. Partizipation ist was? Beteiligung fängt von klein auf an. Wenn meine Eltern mit mir meine Hausaufgaben in der Grundschule nicht durchgehen konnten, was ist das da: Das ist schon mal ein Standortnachteil. Ja und? Habe ich geheult? Nee! In der Schule habe ich mich in Petra verknallt und wollte sie beeindrucken. Ich wollte ein bisschen glänzen durch so ein Bella-figura-Deutsch. Man kann ja eine Frau nicht “Hey Alter!” nennen. Was sind also die Initiativkräfte? Politik ist gut, aber wenn das politische Bewusstsein die menschliche Situation ausklammert, dann hebt sie ab, dann verliert sie die Bodenhaftung. Man muss immer gucken, was passiert da unten!

AF-N: Ist Leyla im Wunderland nur ein Arbeitstitel? Oder ist Deutschland ein Wunderland?

FZ: Ja. Es war tatsächlich das Wirtschaftswunderland, in das meine Eltern aufgebrochen sind: Vater Lederarbeiter, Mutter Putzfrau. Sie haben mir immer wieder die Grundlage angesagt: “Spuck nicht in den Napf, aus dem Du isst! Mach mir die Deutschen nicht schlecht, Du Arschloch!” Und ich habe gedacht “Stimmt! Das ist ein schönes Land! Das ist großartig hier!” Was wäre denn aus mir geworden, wenn ich nicht hierher gekommen wäre? Muslimischer Bauer, oder was? Tolle Karriere! Wieso soll man auch nicht sagen “Deutschland, meine Chance”? Ist das emotional? Ja! Und da sind wir an einem entscheidenden Punkt: Gefühle spielen eine große Rolle. Wir dürfen nicht ausbrennen, wir müssen eine lange Puste haben. Ich darf nicht von mir auf Andere schließen – das tue ich auch nicht. Ich habe die Bodenhaftung nicht verloren. Also, ich kann das Eine vom Anderen auseinanderhalten. Ich habe beste Laune. Aber die Lust ist sehr wichtig. Auch das Rebellische. Mittlerweile ist ja jede CDU-Nase ein Rebell. Ich rechne stündlich mit dem Coming-Out von Frau Merkel, dass die sagt “Oh, ich habe früher auch eine Motorradjacke getragen und bin da durch die Gegend geflitzt.” Das meine ich nicht damit. Was ich damit meine, ist: Das hat einen guten Duft, wenn man aufbegehrt. Später wird man in den Spiegel schauen: Du hast zwar den Bullenknüppel immer wieder gespürt, aber du warst da draußen und hast dies und jenes gemacht. Vielleicht war das nicht so erfolgreich, aber Mann, das ist doch aufregend! Die Spießer, die kommen aus der rechten Ecke. Das, das kotzt sie an! Und daran hat sich nichts geändert. Aber sie haben auch mehr Erfolg. Und: Ich scheiß auf ihre Villen! Mein Gott. Amen.

  1. So der Titel seines viel beachteten Debüts: Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft, Hamburg (Rotbuch) 1995.
  2. Feridun Zaimoglu: Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun, Hamburg (Rotbuch) 1997.
  3. Gemeint ist der Artikel "Mein Deutschland" in: Die Zeit, Nr. 16, 12.04.2006, S. 1 von Feridun Zaimoglu.
  4. Die Rütli-Schule ist eine Hauptschule in Berlin-Neukölln. Weil sie die Gewalt an ihrer Schule nicht mehr in den Griff bekam, schickte die Rektorin der Schule einen dramatischen Hilferuf an den Berliner Senat. Dies führte zu einer Debatte über das Schulsystem in Deutschland, die Gewalt an Schulen und die Integration von Immigrantenkindern.

Published 16 November 2007

Original in German
First published in

© Ali Fathollah-Nejadt Eurozine

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