Lost in Europe

11 May 2017
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Ich bin Rumänin und lebe seit fast fünf Jahren in Polen. Bevor ich nach Polen zog, hätte ich niemals meine Nationalität erwähnt, um mich vorzustellen. Wo ich geboren wurde, war Zufall, und andere Eigenschaften beschrieben mich besser. Ich war vielmehr Journalistin oder Umweltaktivistin oder Kinoliebhaberin oder angehende Boxerin (oder was auch immer mich zu dieser Zeit beschäftigte) als Rumänin. Aber seit ich in Polen lebe, sagt der Umstand, dass ich Rumänin bin, viel mehr über mich aus als andere Charakteristika. Es bedeutet, kurzum, eine Fremde in diesem Land zu sein: Dass ich Dinge vermisse, die ich zurückgelassen habe, dass ich mich nur teilweise in meiner jetzigen Umgebung wohlfühle und dass ich vom polnischen Nationalismus, der von der derzeitigen Regierung gefördert wird, angefeindet werde (unauffällig, aber gezielt).

Vor einem Jahr beschloss ich, der Tatsache, dass mich das Fremdsein irgendwie unglücklich machte, ins Auge zu blicken. Ich forderte andere Ausländer auf, mir ihre Geschichten zu erzählen, ihre drängenden Fragen mit mir zu teilen und wie sie damit umgingen. Ich führte über zwanzig Interviews mit Menschen um die dreißig, die im Ausland leben. Sie waren, genau wie ich, was ich «mutwillige Migranten» nennen würde. Sie haben selbst entschieden, ins Ausland zu gehen, um zu studieren, zu arbeiten oder der Liebe wegen, sie waren nicht gezwungen, Krieg, Verfolgung oder Armut zu entfliehen. Ich habe einen längeren Text geschrieben, der diese Gespräche mit anderen Ausländern wiedergibt und in dem ich einige der Themen erörtere, mit denen sich Ausländer intensiv auseinandersetzen: das Leben in einer neuen Sprache, gemischte Familien, die Illusion, eines Tages «nach Hause» zurückzukehren. Die folgenden Auszüge daraus beginnen mit jener Frage, die mich selbst brennend interessiert: Können wir, die Ausländer, jemals vollständige Mitglieder unserer Gastgesellschaften werden, uns im Besitz einer Stimme fühlen, Politik verstehen und uns auf sie einlassen?

Source: Pexels (www.pexels.com)

Ausländer und Revolutionen

Im September 2013 brach in Rumänien die sogenannte «Revolution unserer Generation» aus. Vom 1. September an marschierten wöchentlich zehntausend Menschen auf den Straßen im ganzen Land. Sie protestierten gegen die Zerstörung des Dorfes Roşia Montană im Apuseni-Gebirge, wo Europas größte mit Zyanid betriebene Gold- und Silbermine entstehen sollte. Seit den antikommunistischen Protesten auf der Piața Universitatii Anfang der 1990er-Jahre war das die bislang größte bürgerliche Protestbewegung im postkommunistischen Rumänien. Zu diesem Zeitpunkt war ich seit fast zwei Jahren in Polen, und ich hatte die Proteste erwartet. Selbst aus tausend Kilometer Entfernung konnte ich spüren, wie die Wut in meinem Heimatland wuchs. Ich war rastlos und verbrachte viele Abende damit, Nachrichten zu lesen. Als Antwort auf den Ruf der rumänischen Protestorganisatoren nach Solidarisierung stellte ich am 1. September eine kleine Aktion in Warschau auf die Beine: Eine Handvoll Menschen versammelte sich vor der rumänischen Botschaft, um symbolisch ihre Solidarität mit der Dorfbevölkerung zu zeigen. Doch schien dieser Beitrag weit von dem entfernt, was wirklich nötig war. Also flog ich mit der Aussicht auf die nächsten landesweiten Proteste am 8. September nach Bukarest – eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Dieser Protest war der größte in einer Reihe von Demonstrationen, die bis in den Dezember andauerten. Allein in Bukarest gingen zwanzigtausend Menschen auf die Straße, marschierten kilometerlang durch die Viertel der Hauptstadt, sammelten andere auf ihrem Weg ein und belagerten die zentralen Plätze bis weit nach Mitternacht.

Was ich an diesem Wochenende in Bukarest fühlte, stellt sich meiner erfolgreichen Integration in Polen als beträchtliches Hindernis in den Weg. Jeder, der an den Protestbewegungen der letzten Jahre teilgenommen hat (Occupy und Indignados, der arabische Frühling, Griechenland, Bulgarien, der westliche Balkan und andere Orte, an denen die Menschen das Ende einer nicht funktionierenden Demokratie, die Ermächtigung der Bürger und mehr soziale Gerechtigkeit gefordert haben), wird das nachvollziehen können. Ich hatte mein Zuhause gefunden. «Wir beobachten euch», haben die Menschen der Regierung zugerufen, und das taten sie auch: In diesen Tagen hat jeder die Nachrichten geschaut, die Gesetzesvorlagen gelesen und diskutiert, um sicherzugehen, dass alle verstanden, was vor sich ging. In den Straßen der Städte und Dörfer Rumäniens herrschte ein Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität, wie es im postkommunistischen Rumänien nie da gewesen war.

Für meine Generation war es das erste Mal, dass wir diese Art von Hoffnung, Ermächtigung und Zusammenhalt erlebten. Diejenigen, die mindestens zehn Jahre älter waren als ich, hatten 1989. Für sie fühlte es sich wie eine Neuauflage davon an. Für viele von uns war es eine Premiere. Jahre zuvor, während meines Studiums, scherzte ich mit meinem damaligen griechischen Freund – dessen Mutter Anfang der 1970er-Jahre wegen antifaschistischer Handlungen in der Zeit der Militärjunta von der Polizei gefoltert wurde –, dass unserer Generation eine Revolution fehlte. Unsere Eltern sahen im Ende der Diktaturen (Kommunisten in Rumänien, Faschisten in Griechenland) den Anfang von Hoffnung. Wir hingegen, so dachten wir in den Jahren 2005/2006, waren als Generation in einem neoliberalen Konsens versunken und hatten keine Hoffnung auf Veränderung. Die Geschichte sollte angeblich enden. Weniger als ein Jahrzehnt später bekamen wir unsere Revolution in Rumänien und auch in Griechenland. Mit aller Macht.

Ich bin nach diesem September 2013 nicht in Bukarest geblieben. Mein Leben in Warschau stand noch am Anfang und ich wollte sehen, wo es mich hinführt. Ich hatte gerade erst begonnen ein bisschen Polnisch zu sprechen, konnte mir beinahe schon den Stadtplan merken und hatte ein paar Freunde gefunden. Es machte einfach keinen Sinn für mich, mit meinem Partner umzuziehen. Also engagierte ich mich bei polnischen Protestaktionen. Sie waren interessant und lohnenswert, aber keine von ihnen hat mich so berührt wie Roşia Montană.

Wenn ich bei einer Initiative für Ernährungssouveränität aushalf oder am jährlichen Antifaschismusmarsch in Warschau teilnahm, fragte ich mich, warum ich mich nicht zu Hause fühlte, obwohl der Anlass wichtig und meine Mitaktivisten gleich gesinnt waren. Es ist in gewisser Hinsicht ein unfairer Vergleich, denn im heutigen Polen gibt es keinen Fall sozialer Mobilisierung, der Roşia Montană ähnlich wäre. Nichts, was hier passierte, fühlte sich für mich wie eine «Revolution» an. Vielleicht ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Hätte ich in Spanien gelebt und an den Aktionen der Indignados-Bewegung teilgenommen, hätte ich möglicherweise auf der Stelle eine Heimat gefunden. Vermutlich bin ich mit den Anliegen in Rumänien stärker verbunden. Ich kenne die Orte und Menschen länger und habe die Geschichte über viele Jahre verfolgt, egal wo ich lebte. Was immer die Dorfbewohner von Roşia Montană sagen und welche Redewendungen auch immer sie dabei verwenden, ich verstehe sie.

Ich bin wohl deshalb keine große Aktivistin in Polen, weil Aktivismus per se vom Ort und vom Kontext abhängt und an die Sprache ebenso wie an soziale Normen gebunden ist. Ich habe versucht, zusammen mit den Polen Demobanner zu gestalten. Freundlicherweise haben sie die ganze Diskussion darüber, den richtigen Slogan zu finden, für mich übersetzt. Bis hin zu den Wortspielen. Aber eigentlich war ich nur beim Aufmalen der Buchstaben nützlich. Ich habe versucht, an den Treffen meiner Essenskooperative teilzunehmen. Ich folgte der Diskussion auf Polnisch, und wenn mir die Polen entgegenkamen und ich meinen Einwand auf Englisch darlegen durfte, merkte ich, wie ich die Aufmerksamkeit meiner Hörerschaft verlor. Ganz zu schweigen vom Versuch, nach den Treffen ins Gespräch zu kommen, die Art von Gesprächen, bei denen Beziehungen geformt, Ideen geboren und im gemeinsamen Lachen Pläne für die Zukunft geschmiedet werden.

«Jeder hat seine Gruppe in der Gesellschaft, zu der er gehört, du findest sie in allen Gesellschaftsschichten», sagte mein deutscher Freund Sven. «Aber als Ausländer, wenn du die Sprache der jeweiligen Gruppe nicht sprichst – und damit meine ich nicht nur die Sprache des jeweiligen Landes, sondern auch den spezifischen Dialekt der Gruppe –, hast du keine Chance dazuzugehören. Um den Dialekt zu lernen, musst du viel Zeit mit den Leuten verbringen. Diese Zeit zu finden, scheint allerdings jetzt, wo wir um die dreißig sind und Familien haben, unmöglich.» Mittlerweile spreche ich polnisch und es wird leichter sich einzubringen, aber richtig fühlt es sich immer noch nicht an. Sven und ich klingen beinahe resignativ. Sind wir vielleicht doch nicht dafür geboren, Aktivisten zu sein?

Mein Polen

Als ich vor fünf Jahren nach Polen zog, war die öffentliche Meinung bereits stärker von nationalistischen und ultrakonservativen als von progressiven Stimmen geprägt. Die Stärke des Nationalismus kann jedes Jahr am 11. November gemessen werden, wenn die Polen ihren Nationalfeiertag feiern. Zehntausende nehmen in Warschau und Wrocław an Märschen teil, organisiert von rechtsextremen Gruppen, halten rassistische Banner hoch und skandieren antisemitische, antimuslimische, antihomosexuelle oder antifeministische Parolen. Seit ich hier lebe, sind die Teilnehmerzahlen konstant hoch (laut einigen Schätzungen waren es 2015 in Warschau siebzigtausend Menschen). Die Teilnehmer sind meist jung, männlich und besitzen ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft (auf mich wirken sie manchmal wie das Gegenteil der Roşia-Montană-Bewegung). Nachdem die rechtspopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) 2015 an die Macht gekommen war, haben sich die rassistischen Übergriffe verstärkt (das Büro des Ombudsmanns berichtet von wöchentlichen Anzeigen). Menschen fühlen sich dazu ermächtigt, Hass gegen Andersdenkende zu verbreiten. Vieles müsste unternommen werden, um diesem autoritären Regime, das den Hass schürt, etwas entgegenzusetzen. In den Monaten nach dem Machtwechsel gingen Zehntausende in Warschau und anderen Städten auf die Straße, um gegen die Regierung und für den Rechtsstaat zu demonstrieren. Es verstanden jedoch nur wenige Protestierende die Notlage vieler Polen, aus der heraus sie den PiS-Versprechen von ökonomischer Hilfe glaubten und sie daher gewählt hatten. Die Gewinner der politischen Wende versuchen nicht deren Verlierer zu verstehen. Die Gesellschaft ist gespalten und ohne eine Schlichtung stehen für die Demokratie schwierige Zeiten bevor.

Manchmal denke ich über die Ironie des Ganzen nach. Jene Polen, die am 11. November marschieren gehen, hassen mich dafür, dass ich Rumänin bin, obwohl ich vielleicht besser als die meisten Polen verstehe, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu sein. Weil Polen eine so zersplitterte, entzweite Gesellschaft ist, fühle ich mich ihm gelegentlich näher verbunden. Aus Solidarität. Dann wieder erinnere ich mich daran, dass die Trennlinien heutzutage einander gleichen, egal ob ich in Polen oder woanders lebe. Gespaltene Gesellschaften. Große Teile der Bevölkerung ökonomisch und politisch marginalisiert. Fast jeder fühlt sich von der politischen Klasse betrogen. Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit breiten sich wie ein Feuer aus und das zu einem hohen Preis. Ob man in Polen oder Rumänien lebt, in Großbritannien oder Österreich, wir alle suchen verzweifelt nach überzeugenden Modellen einer demokratischen und gerechten Gesellschaft.

Meine Bibliothekarin

Folgendes hat Jarosław Kaczyński, Vorsitzender der regierenden PiS-Partei, über die Flüchtlinge am Höhepunkt der Krise 2015 gesagt: «Ich habe Angst vor ansteckenden Krankheiten, die von Syrern und Eritreern mitgebracht werden könnten. Es steht zu befürchten, dass Krankheiten, die sehr gefährlich sind und in Europa vor langer Zeit ausgerottet wurden, wieder auftreten könnten. Das heißt nicht, dass ich jemanden diskriminiere … Aber wir müssen das überprüfen. Bestimmte Parasiten, die diese Menschen nicht gefährden, könnten hier bedrohlich werden.» Am Tag als Kaczyński diese Worte aussprach, ging ich meine Straße in Warschau entlang mit einem misstrauischen Gefühl gegenüber meinen Mitmenschen. Ich konnte nicht anders als mich zu fragen, wie viele von ihnen es vorgezogen hätten, dass ich nicht in ihrem Land lebte. Schließlich hatten vierzig Prozent der Wähler PiS gewählt, die mit einem stark nationalistischen Programm antrat, obwohl sie in der Öffentlichkeit von solchen eklatanten rassistischen Äußerungen wie jener Kaczyńskis normalerweise Abstand nahmen.

Einen der Menschen, die es Kaczyński ermöglichten das Land zu regieren, traf ich in der Bibliothek, in der ich jeden Tag arbeitete: meine Bibliothekarin. Diejenige, die jeden Tag meine Benutzerkarte durchzog und mir das Internetpasswort gab. Meine Bibliothekarin ist eine freundliche, sehr gesprächige Person. Offensichtlich an mir interessiert, weil ich Rumänin bin. Zuerst fragte sie mich nach den Bergen und dem Essen. Dann fragte sie mich, ob Rumänien wie Bulgarien jemals zum Osmanischen Reich gehörte. Dann teilte sie mir mit, dass die Griechen historisch gesehen blond waren. Dass sie heute dunkles Haar hätten, läge daran, dass die griechischen Frauen während der Besatzung von den Türken systematisch vergewaltigt worden waren. Ich konnte sie vor mir sehen, wie sie Kaczyńskis Aussage hörte und besorgt eine Augenbraue hochzog. «Ich glaube, Viktor Orbán hat recht», sagte sie mir eines Tages. Bis zu diesem Moment hatte ich meistens über ihre rassistischen Kommentare hinweggesehen. Ich war in Eile, wollte arbeiten und scheute den Zeitaufwand eines Gesprächs. «Ich bin wirklich traurig, dass Sie das sagen», antwortete ich dieses Mal. «Sie scheinen mich und die anderen Ausländer, die hier in der Bibliothek arbeiten, zu mögen.» (Wir befanden uns in Warschaus Bibliothek für Fremdsprachen, die viele Ausländer, einschließlich Flüchtlinge, besuchen, um Bücher auszuleihen und das Internet zu nutzen.) «Orbán möchte ein Ungarn für die Ungarn. Es gibt keinen Platz für mich in einem Polen für die Polen.» – «Nein! Das ist nur Propaganda», beteuerte sie. «Das ist nicht, was ‹Polen den Polen› bedeutet! ‹Polen den Polen› bedeutet, dass die Polen an erster Stelle kommen. Aber alle anderen sind auch willkommen, solange sie zeigen, dass sie sich hier integrieren können.»

«Die Polen kommen an erster Stelle.» Ich dachte lange über diesen Satz nach. Ich fragte mich, was er wirklich bedeutete. Vielleicht bedeutete er: «Man sorgt sich um die Polen»; «Man geht auf die Bedürfnisse der Polen ein». Nicht wie im realen Polen, in dem sich Menschen wie meine Bibliothekarin unsicher und unzufrieden fühlen. Sie träumte von einem Polen, in dem ihre Bedürfnisse mit Priorität behandelt werden. Und dazu hatte sie das Recht. Sie hatte jedoch unrecht, zu denken, dass ihre Herkunft ihr das Recht auf diese Fürsorge gab. Aber das konnte ich ihr kaum vorwerfen. Das war für lange Zeit die offizielle Parole. Stattdessen habe ich sie gefragt: «Denken Sie nicht, dass den Flüchtlingen geholfen werden sollte?» – «Ja, doch natürlich, diese armen Menschen! Polen ist nur einfach nicht in der Lage das zu tun.» – «Natürlich ist es das. Polen ist auf Hunderttausende Flüchtlinge vorbereitet. Die Behörden haben Unterkünfte für Flüchtlinge aus der Ukraine geschaffen und sie nie genutzt. Die Ukrainer haben damals keinen Flüchtlingsstatus bekommen und sind stattdessen als Wirtschaftsmigranten nach Polen gekommen. Sie haben sich selbst versorgt.» – «Gut, wenn wir die Kapazitäten haben, dann sollten wir auf jeden Fall helfen. Die Flüchtlinge sollten wir willkommen heißen. Aber viele von ihnen sind keine Flüchtlinge, sie sind Wirtschaftsmigranten. Es sind viele. Und sie unterscheiden sich sehr von uns. Sie würden niemals ihren Platz in der Gesellschaft finden.»

Gespräche dieser Art haben sich 2015 vermutlich tausende Male in den verschiedensten Ländern in ganz Europa wiederholt. Um ehrlich zu sein, war ich nicht besonders überzeugend. Ich konnte der Bibliothekarin nicht aufzeigen, dass Tausende Syrer ihren Platz im Land finden würden, falls sie nach Polen kämen. Ich bezweifle es selbst – es gibt einfach zu viel fremdenfeindliche Propaganda, und daran könnten sie irgendwann zerbrechen.

Ausnahmsweise war es fast egal, wo ich herkomme. Solange ich auf dieser Seite des Stacheldrahtzauns war, der den Menschen auf der Flucht vor Krieg den Eintritt nach Europa verwehrte. Es war, als ob die flüchtige europäische Identität endlich in Erscheinung trat, aber als eine Albtraumvariante und nicht als die Vision der EU-Architekten.

Viele Osteuropäer haben diese Haltung ihrer Regierungen abgelehnt. Wir betonten, dass Zentral- und Osteuropa nicht mehr so arm sind. Wir haben hinzugefügt, dass unsere Länder das Geld haben, um zu helfen und haben diese Aussage mit Berechnungen untermauert. Es gab leere Gebäude, Betten und Essen. Wir wollen etwas geben, wir wollen unsere Türen öffnen, wir wissen, dass es Leben oder Tod bedeuten kann. Wir wissen, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Nur ein paar Jahrzehnte früher entflohen unsere Eltern kriminellen Regimes. Wir wissen, wie es ist, ein Wirtschaftsmigrant zu sein. Viele unserer Verwandten sind im Westen auf der Suche nach einem besseren Leben. Selbst wenn wir nicht wüssten, was es bedeutet, Flüchtling zu sein, möchten wir helfen, denn sonst wären wir keine Menschen. Wir haben keine Angst vor Syrern, Muslimen, Afrikanern. Sie sind unsere Brüder und Schwestern. Wir haben Kleidung und Geld geschickt, Hilfsaufrufe unterschrieben und an Demonstrationen teilgenommen, um unseren Regierungen zu zeigen: «nicht in meinem Namen». Aber wir waren zu wenige. Die Angst, geschürt durch unsere Regierungen und die Medien, war zu groß. Wir haben nicht hart genug gekämpft. Bis jetzt sind wir gescheitert. Wir leben unseren Alltag, während die Flüchtlinge an unseren Grenzen frieren. Der ungarische Intellektuelle G. M. Tamás beschreibt unsere Situation gut: «Während die (Flüchtlings)Tragödie weitergeht, spazieren die westlichen Touristen (in Budapest) herum und betrachten die schönen jungen Frauen, alle Cafés sind gefüllt, die Musik läuft … Wie ich in einem Artikel kürzlich schrieb, ist 1944 das Gleiche geschehen. Etwa sechshundert Juden wurden gerade nach Auschwitz gebracht – und in den Tageszeitungen berichtete man von den Premieren der neuen Operetten, Musikkomödien in den Kinos und der Fußballmeisterschaft. Alle amüsierten sich – während die Todesmärsche durch die Stadt zogen. Die Menschen nahmen ihre Zeitungen, blätterten zur Sportseite – und allen war es egal. Auch heute ist das so. Niemanden kümmert es. Natürlich, als der Bahnhof Keleti besetzt war, war es unangenehm, weil niemand wegfahren konnte … Aber jetzt ist alles wieder normal. Die Züge fahren nach Wien. Herr Orbán hat gewonnen.»

 

Aber die Flüchtlinge klopfen immer noch an unsere Türen. Wir müssen nach wie vor etwas unternehmen und wahrscheinlich muss ich das Gespräch mit meiner Bibliothekarin fortsetzen. Sie abzutun, weil sie der fremdenfeindlichen Propaganda Glauben schenkt, ist eine einfache Antwort, aber wenig hilfreich.

Nationalismus

Wenn der Kampf international ist, warum habe ich das Gefühl, ich sollte eher auf der rumänischen als auf der polnischen Seite kämpfen? Warum schlafe ich während der rumänischen Wahlen schlechter als während der polnischen (die Ergebnisse sind an beiden Orten tendenziell zum Verzweifeln)? Wenn Bukarest eine schmutzigere und stressigere Stadt als Warschau ist, warum habe ich manchmal das Gefühl, dass ich eher dort sein sollte? Warum ist es für mich so wichtig, Rumänisch nicht zu vergessen? Warum beantrage ich für meine Tochter zusätzlich zum polnischen auch einen rumänischen Pass? Warum möchte ich unbedingt, dass sie Rumänisch lernt? Warum schmiede ich für sie Pläne, damit sie dort Zeit verbringt? Warum möchte ich ihr – letztlich doch – eine Art Rumänischsein beibringen? Was meine ich überhaupt mit Rumänischsein? Manchmal scheinen die Antworten offensichtlich, pragmatisch. Ich verstehe die rumänische Gesellschaft und Geschichte besser, folglich wäre es für mich leichter, dort zu funktionieren und meinen Beitrag zu leisten. Nur im Rumänischen kenne ich unzählige Idiome, Reime und Wortspiele, es ist die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Ich möchte diese Sprache mit meiner Tochter teilen, weil ich die Vorstellung mag, eine Sprache nur für uns zu haben. Weil ich möchte, dass sie mit ihrer Großmutter aus Brașov reden kann. Ich möchte, dass sie auch rumänisch und nicht nur polnisch ist, weil es sie bereichern würde. Weil es etwas ist, das sie mit mir gemeinsam hätte, immer.

All das ist wahr. Aber hinzu kommt noch ein anderer Grund. «Obwohl wir denken, wir stehen über dem Nationalismus, sind wir immer noch der Ansicht, dass Deutschsein oder Rumänischsein irgendwie besser ist als Polnischsein», sagt Sven, der auch möchte, dass seine Tochter das Deutschsein bewahrt, obwohl sie eine polnische Mutter hat und hier aufgewachsen ist. «Wir selbst sind so groß geworden und denken deshalb, es sei das Beste.» (Wir schauen uns dabei an, mit einer Mischung aus Schock, Schuld und Selbstironie.)

Unsere eigenen Kindheiten waren eingehüllt von diesem sogenannten Rumänischsein, Deutschsein, also haben wir mit einer Art liebevollen Vertrautheit und Zuneigung Bezug zu ihnen. Ein bisschen wie die Ostalgie in Good Bye Lenin! Den Trabant oder die Vita-Cola vermissen wir, weil sie da waren, als wir klein und glücklich waren. Es geht jedoch darüber hinaus. Irgendwie glaubten wir an die Devise, dass rumänisch, deutsch oder polnisch zu sein die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beinhaltet, die uns braucht und die wir ebenso brauchen, um glücklich zu sein. Eine Gemeinschaft, die meine Schulbücher als rumänische Nation bezeichneten. In der Schule hatte ich keine Möglichkeit etwas über die Geschichte der Ungarn, Deutschen, Juden, Roma und anderer zu lernen, die seit ewigen Zeiten auf heutigem rumänischen Staatsgebiet lebten. «Rumänien gehört den Rumänen» – so wurde es gelehrt.

Immer wenn ich mich im Ausland allein oder entfremdet fühle, entfache ich in meinem Kopf die Vorstellung dieser imaginären Gesellschaft. Wie ein verlorenes Zuhause, ein ultimativer Referenzpunkt, eine permanente Utopie. Ich verwende den Ausdruck «Heimatland» (mein Ausdruck für diese imaginäre Gemeinschaft), ohne eine Ahnung zu haben, was er bedeutet. Sicherlich nicht die rumänische Nation, wie die Schulbücher sagen. Ich spüre keine besondere Loyalität zu den Rumänen. Es ist auch nicht der Nationalstaat, denn meiner Meinung nach sollte Rumänien keiner sein, es sollte ein multikultureller Ort sein, der seine Diversität anerkennt und feiert (zumindest das, was nach den Weltkriegen und dem Kommunismus davon übrig ist). Es ist noch nicht einmal das Land als geografischer Ort, ich bin nämlich nur mit etwa einem Drittel davon vertraut. Wenn ich versuche, zu erklären, was «Heimatland» für mich ist, löst sich das Konzept auf. Es rinnt mir wie Sand durch die Finger. Das Wort «Heimatland» zu benutzen ist ein Automatismus, es fällt mir ein, weil ich sozialisiert wurde, mich selbst in einem nationalen Kontext zu denken. «Heimatland» steht tatsächlich für einige Menschen, die ich liebe (vor allem Menschen, die ich schon mein ganzes Leben lang liebe), bekannte Plätze, Erinnerungen, meine Muttersprache, einige soziale Realitäten, die ich gut verstehe, Vertrautheit. «Heimatland» bezeichnet mein Bedürfnis dazuzugehören. Ungeachtet der zugrunde liegenden Unschuld des Begriffs bestätige ich – wann immer ich zu sehr daran haften bleibe – das Stereotyp der Exilantin, die durch die Welt zieht und in ihrem Herzen das Bild pflegt, dass das zurückgelassene Land mit nichts zu vergleichen ist. Je länger man im Ausland lebt, desto idealisierter und verfestigter wird das Bild. Je mühsamer das Leben im Ausland, desto stärker hält man an diesem Bild fest. Man sehnt sich nach einer Zeit und verwechselt sie mit einem Ort. Vermisst die Jugend, Kindheit, den Schoß der Mutter und hält es fälschlicherweise für ein Land, eine Nation. Wird nationalistischer als jene, die zurückgeblieben sind.

Rückkehr

Von Weitem rufen uns unsere Länder zurück. Die Ukrainerin Sofyia, die derzeit in Großbritannien lebt, beschreibt das Gefühl, das viele Osteuropäer teilen, die im Westen leben: «Mein Leben ist jetzt hier. Aber es gibt Momente, wo ich das Gefühl habe, es ist meine Pflicht in die Ukraine zurückzukehren. Ich habe dort studiert, bezahlt vom Staat, und wie viele meiner Gleichaltrigen bin ich für ein besseres Leben ins Ausland gegangen. Und genau deshalb sind viele von uns, die gegangen sind, teilweise für die Verschlechterung der Situation in unserer Gesellschaft verantwortlich.» – «Nach dem Maidan ist die politische Mitte in der Ukraine nach rechts gerückt, das macht es sehr schwierig für Menschen wie mich, mit antinationalistischen und pazifistischen Ansichten, ernst genommen zu werden. Ich glaube an gewaltlosen Widerstand und habe den gewaltsamen Teil des Maidan verurteilt. Ich bin zudem dagegen, Krieg im Osten zu führen, das macht mich zu einer Abtrünnigen –besonders, solange ich im Ausland lebe und dieser Ansicht bin.» – «Gleichzeitig habe ich das Bedürfnis, eine Verbindung zur Ukraine aufrechtzuerhalten, weil ich denke, dass ein Raum für Diskussionen geschaffen werden muss und ich dazu beitragen könnte.»

 

Iro, eine griechische Freundin, die in London lebt, hat die Erfahrung gemacht, wie es ist, in der britischen Hauptstadt zu leben und dabei ein utopisches und ein dystopisches Bild von Griechenland im Kopf zu haben. «Das erste Mal, als ich dachte, ich sei nur kurz in London und würde nach Griechenland, das ich vermisste, zurückkehren, hatte ich eine sehr negative Einstellung gegenüber London und konnte kaum etwas wertschätzen. Ich fühlte mich wie eine Fremde oder Gefangene, die ihre Tage im Gefängnis zählt.» Unglücklich mit ihrem Leben in London, ging sie für ein paar Jahre nach Athen zurück, genau zu der Zeit, als im Land die ersten Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren waren. Zurück in der Heimat war sie erschüttert von der Hoffnungslosigkeit, welche die Menschen manchmal zu unmoralischen Reaktionen trieb. «Nachdem ich von Griechenland enttäuscht worden war und mich nach etwas Neuem umschauen musste, bin ich jetzt offener dafür, Dinge, die wir in Griechenland nicht haben, zu bemerken oder sogar zu bewundern, wie die Höflichkeit der Menschen, die Parks, die schönen Dinge in der Stadt», gesteht Iro. «Beim ersten Mal war es, als hätte mich ein Band mit Griechenland verbunden. Nachdem ich es zerschnitten hatte, habe ich angefangen, die Dinge neu und unabhängig davon zu betrachten. Es machte sowieso keinen Sinn, das Vergleichen zweier sehr unterschiedlicher Dinge: die Realität Londons und die Utopie Griechenlands.» Dennoch sagt sie: «Immer wenn ich daran denke, für immer in London zu leben, bin ich besorgt, dass ein Teil von mir hier niemals zufrieden sein wird, dass ich hier nicht das Leben leben kann, das ich wirklich leben möchte. Es liegt daran, dass ich Ausländerin bin, aber vor allem ist es etwas Kulturelles. Alles ist schnelllebig, es ist einfach schwieriger, sich mit Leuten zu treffen, man muss alles planen, jede Verabredung im Voraus festlegen, das Leben läuft hier nicht so in freien Bahnen, wie ich es gewohnt bin.»

Meine bulgarische Freundin Desislava hat in den letzten Jahren meinen geheimen Traum gelebt: Nach vielen Jahren im Ausland ist sie in ihr Land zurückgekehrt. Die Realität gestaltete sich natürlich komplizierter. «Ich mag das Leben in Sofia nicht: Es ist überfüllt und stressig, es ist schwierig, mit dem Fahrrad zu fahren. Ich denke darüber nach wieder fortzugehen, vielleicht nach Frankreich.» Das sagte sie etwa ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Sofia. Desislava hat zehn Jahre in Westeuropa gelebt, ohne wie ich, Bulgarien für immer verlassen zu wollen. Sie hat sich schließlich zur Rückkehr entschieden, aber es sah nach einem Scheitern aus. «Ich kann nicht sagen, dass ich in Bulgarien wirklich glücklich bin. Du weißt, wie es ist, du hast ein bestimmtes Bild von einem Ort und dann … ist es nicht das Gleiche. Ich habe wohl dieses Leiden, dass ich immer an zwei Orten sein will. Die Welt ist einfach zu klein. Ich glaube, ich muss unterwegs sein, um mich lebendig zu fühlen.» – «Wir haben es verbockt, Claudia.»

Dieser kleine Satz, den Desislava während unseres Treffens in Sofia von sich gab, war einer der Gründe, der mich überhaupt dazu veranlasste, Menschen zu interviewen und darüber zu schreiben, wie es ist Ausländer zu sein. Haben wir es wirklich verbockt? Sind wir dafür verantwortlich, dass wir unseren Platz niemals finden können werden? Während meines Gesprächs mit Iro habe ich sie dazu gedrängt, eine der Fragen zu beantworten, die mich beschäftigt: Ist es uns Ausländern überhaupt möglich, uns als vollständige Menschen zu fühlen, während wir im Ausland leben? Benutzen wir etwa die Schwierigkeiten der Integration nur als Ausrede, um nicht das Leben zu leben, das wir möchten? «Es ist sehr schwierig zu unterscheiden, was objektiv ist und was nur unsere eigenen Unsicherheiten oder Ängste sind. Es könnte auch sein, dass ich alles vergleiche und in meinem jetzigen Leben nur Negatives finde, weil ich keine Verantwortung dafür übernehmen möchte, etwas Schönes mit meinem Leben zu machen. Da ist es leichter zu sagen, es sei schlecht hier», antwortete Iro. «Aber manche Dinge können wir objektiv betrachten. Vermutlich fühlen wir uns niemals ganz wohl dabei, in einem anderen Land zu sein. Mit einem gewissen Grad an Schwierigkeiten werden wir vielleicht einfach leben müssen. Aber wie sehr wir aus diesen Schwierigkeiten eine Ausrede machen, liegt an uns.»

Ich stimme ihr zu. Aus Angst messen wir unseren «Heimatländern» zu viel Bedeutung bei. Wir können mit der Gegenwart nicht gut umgehen, also flüchten wir in unsere Vorstellung. Und egal wie sehr ich gegen das «Heimatland» als Referenzpunkt ankämpfe, bleibt dieses Bild in meinem Kopf. So gesehen ist es ebenfalls real. Vermutlich müssen wir als Ausländer schlicht akzeptieren, dass wir immer ein bisschen melancholisch sein werden. Als befänden wir uns in einem Zustand leichter, aber konstanter Trauer um jene Leben, die wir zu Hause hätten haben können.

Aus dem Englischen von Andrea Rohrmann-Bippen

Published 11 May 2017

Original in English
Translation by Andrea Rohrmann-Bippen
First published in Wespennest 172 (2017) (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Wespennest
© Wespennest/Claudia Ciobanu/Eurozine

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