Humboldt Forum: Das koloniale Vergessen

15 July 2015
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Es ist das wohl bedeutendste kulturpolitische Projekt des noch jungen Jahrtausends in Deutschland und das größte in Europa, wie die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, nicht ohne Stolz vermerkt. Zugleich ist es mit veranschlagten Kosten von 600 Mio. Euro auch das teuerste: Die Rede ist vom Wiederaufbau des Hohenzollern-Stadtschlosses in Berlin und der dort beabsichtigten Einrichtung des Humboldt Forums.

Doch zum Zeitpunkt seines Richtfests am 12. Juni 2015 befindet sich das Humboldt Forum bereits in einer gefährlichen Schieflage. Mangelnde Sensibilität und Unkenntnis der kolonialen Traditionen drohen den Wunsch, ein Symbol für ein weltoffenes, liberales und diverses Deutschland zu schaffen, in sein Gegenteil zu verkehren: nämlich in ein Fanal für längst überwunden geglaubte Untugenden wie Arroganz, Überheblichkeit und sogar Rassismus gegenüber Menschen und kulturellen Traditionen aus anderen Regionen und Kontinenten.

Humboldt Forum, Berlin. Photo: Nigel’s Europe & beyond. Source: Flickr

Diese symbolische Dimension unterscheidet den Wiederaufbau des Schlosses von anderen in die Kritik geratenen Großprojekten wie etwa dem Berliner Flughafen, der Hamburger Elbphilharmonie oder Stuttgart 21. Letztere stehen allenfalls für staatliche Verschwendung und Missmanagement, das Humboldt Forum dagegen könnte als Symbol des Scheiterns bundesdeutscher Erinnerungspolitik in die Geschichte eingehen. Denn mit ihm steht nicht weniger auf dem Prüfstand als Deutschlands aufrechter Umgang mit allen dunklen Seiten seiner Vergangenheit.

Symbol für das Scheitern deutscher Erinnerungspolitik?

Schon der Ort in der Mitte Berlins, nahe der Museumsinsel, steigert die Fallhöhe. Denn was in Berlins Mitte gebaut und ausgestellt wird – zumal von öffentlicher Hand finanziert – besitzt Aussagekraft darüber, wie sich das offizielle Deutschland sehen will. Die Verantwortlichen haben diese programmatische Bedeutung ganz bewusst angenommen. So sieht Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, darin “die Chance, die historische Mitte Berlins neu zu gestalten und neu zu denken. In Anknüpfung an die kulturellen Errungenschaften Preußens soll dieser Ort der Kultur und der Wissenschaft gewidmet sein.”1

Dass für den Wiederaufbau des alten Stadtschlosses der ostdeutsche “Palast der Republik” weichen musste, lädt den Ort zusätzlich symbolisch auf, stand er doch seinerseits für einen Neuanfang in der deutschen Geschichte, den die DDR für sich in Anspruch nahm. Schon das Verschwinden des Palastes gilt Kritikern als Symbol für den Versuch, die Erinnerung an eine unerwünschte Vergangenheit, hier die DDR und das Dritte Reich, auszulöschen. An dessen Stelle tritt nun wieder das Stadtschloss, das im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und dessen ausgebrannte Ruine 1950 gesprengt wurde. Es gehörte einst den Hohenzollern – also den brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Königen und dem deutschen Kaiser, unter deren Herrschaft Preußen zur deutschen und europäischen Führungsmacht aufstieg und sich das Deutsche Reich Ende des 19. Jahrhunderts ein Kolonialreich eroberte. 2 Sein Wiederaufbau erweckt den Eindruck, man wolle damit städtebaulich an Preußens Glanz und Gloria und an die Zeiten vor den Weltkriegen und dem Holocaust anschließen.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch durch die Ankündigung, das neue alte Stadtschloss als neue Heimstätte für die seit Kriegsende über ganz Berlin verstreuten völkerkundlichen Sammlungen zu nutzen. Ihnen soll – um mit Hermann Parzinger zu sprechen – mit dem Humboldt Forum “eine neue Heimat in direkter Nachbarschaft zur Museumsinsel” gegeben werden, “wo mit der ehemaligen Kunstkammer im Schloss auch ihre Ursprünge liegen”.3
“Von der Mitte Berlins aus richteten die kulturellen Einrichtungen ihr Interesse und die wissenschaftliche Neugier auf die gesamte Welt. An diese Idee gilt es anzuknüpfen und sie weiter zu entwickeln”, so Parzinger.4 Doch seine Analyse weist zwei große Leerstellen auf: zum einen das Fehlen jeglichen Hinweises darauf, dass nicht nur “wissenschaftliche Neugier”, sondern – durch diese flankiert – auch politische Ambitionen und Herrschaftsansprüche ihren Ausgang in Berlin nahmen. Zum anderen ist die Blickrichtung, von Europa auf die Welt, in postkolonialen Zeiten in die Kritik geraten, bringt sie doch eine machtpolitische Konstellation zum Ausdruck, die es aus kolonialismuskritischer Perspektive zu überwinden gilt.

Eurozentrische Selbstgewissheit

Zwar mag es vordergründig einleuchten, das Humboldt Forum in die Tradition der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zu stellen, um an die kulturellen Leistungen Preußens und des Deutschen Kaiserreiches zu erinnern. Doch kommt in dem Projekt zugleich ein Maß an Geschichtsvergessenheit und eurozentrischer Selbstgewissheit zum Ausdruck, das seinesgleichen sucht. Die von Parzinger erwähnte Neugier ist schließlich noch kein Wert an sich. Denn auch Schädelsammler und Rassenforscher waren neugierig, auch dafür stehen die ethnologischen Sammlungen.

Die völkerkundlichen Sammlungen des 19. Jahrhunderts dienten nicht nur dem Erkenntnisgewinn, sondern immer auch der Einübung bestimmter Sichtweisen auf die “Anderen”, wobei deren Fremdheit oftmals als unterlegen, “wild” oder “primitiv” konstruiert wurde.5 Gerade der Hinweis auf die eigene Wissenschaftlichkeit und Rationalität wurde dagegen zu einem zentralen Kriterium europäischer Überlegenheitsvorstellungen, diente der Stabilisierung des “weißen” Selbstwertgefühls und letztendlich auch der Rechtfertigung der kolonialen Unterwerfung und Ausbeutung der Welt. Die Blüte völkerkundlicher Sammlungen fiel nicht zufällig in die Phase des Hochimperialismus, als weite Teile Afrikas, Asiens und Ozeaniens unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt waren.

Wenn Hermann Parzinger in seiner Rede zur Grundsteinlegung überdies den Namenspatron des Forums, Alexander von Humboldt, als “großen Erkunder fremder Welten, den Entdecker Lateinamerikas”6 feiert, spiegelt sich darin eine Sichtweise wider, die Europa nach wie vor als unhinterfragten Mittelpunkt der Welt begreift, von dem aus der Globus vermessen wird. Denn nur aus deutscher Sicht “entdeckte” Alexander von Humboldt Südamerika, aus amerikanischer Sicht war das alles wohlbekannt.
Ein Humboldt Forum, in dem es “einen symmetrischen Dialog der Kulturen”7 geben soll, kann einen derartigen Patron gerade nicht brauchen – von Alexander von Humboldts Verstrickungen in das koloniale Projekt Europas ganz zu schweigen. Es sind rhetorische Fahrlässigkeiten wie diese, die immer wieder Zweifel daran aufkommen lassen, ob sich die Verantwortlichen für das Humboldt Forum der Sensibilitäten bewusst sind, die sich mit dem Komplex der europäischen Aneignung – auch intellektueller Art – der Welt verbinden.

In der naiven rhetorischen Perpetuierung der eurozentrischen Perspektive liegt wohl die Ursache für die grundsätzlichen Missverständnisse und Konflikte, die die Diskussion um das Humboldt Forum von Anfang an begleitet haben.8 Die Verantwortlichen, die mit besten Absichten die Kunst der Welt auf Augenhöhe mit der europäischen Kunst in Berlin präsentieren wollen, merken offensichtlich nicht, dass sie sich mit ihrer geschichtsvergessenen Haltung selbst Steine in den Weg legen. Denn während sich völkerkundliche Museen und Sammlungen andernorts mittlerweile kritisch mit ihrer kolonialen Tradition beschäftigen, stellen sich die Verantwortlichen des Humboldt Forums damit unkritisch in selbige.

Der Kolonialismus als erinnerungspolitisches Vakuum

Sicherlich wäre es unfair, den Machern der heutigen deutschen Kulturpolitik eine koloniale Weltsicht zu unterstellen, wie sie im 19. Jahrhundert vorherrschte. Es gibt keinen Grund, ihren Erklärungen, die Objekte der ethnologischen Sammlungen im besten Lichte ausstellen zu wollen, die Ernsthaftigkeit abzusprechen. Anlasten kann man ihnen jedoch mangelnde Sensibilität – ganz offenbar fehlt ihnen schlicht das Wissen um die Geschichte der ethnologischen Sammlungen und völkerkundlicher Forschung im Kontext des Kolonialismus.

Bedauerlicherweise ist dies durchaus typisch für eine deutsche Gesellschaft, die sich zwar sehr viel auf ihre kritische Haltung zur deutschen Vergangenheit einbildet, und nicht müde wird, dies immer wieder zu betonen, die aber die koloniale Vergangenheit Deutschlands weitgehend vergessen und verdrängt hat.9 Es ist dieses erinnerungspolitische Vakuum, in dem das unreflektierte Feiern kolonialen Sammelns und völkerkundlicher Ausstellung, wie es aus vielen Verlautbarungen im Umfeld des Humboldt Forums durchscheint, besonders negative Reaktionen hervorruft.

Den Verantwortlichen hätte von Anfang an bewusst sein müssen, dass viele der Sammlungsobjekte unter den Bedingungen des Kolonialismus erworben wurden, was die Legalität und die moralische Legitimität dieser Erwerbungen in Frage stellt. Dabei ist hier von den menschlichen Überresten die Rede, die beispielsweise während des ersten deutschen Genozids im heutigen Namibia zu rassenanthropologischen Untersuchungen auch nach Berlin verbracht wurden. Nimmt man diesen historischen Kontext ernst, müssten alle Objekte einzeln untersucht werden. Entsprechende konkrete Planungen liegen jedoch nicht vor oder sollen zumindest nicht in einem breiteren öffentlichen Rahmen diskutiert werden.

In Zeiten, in denen durch den “Fall Gurlitt” und andere Beispiele von NS-Räubereien das Thema Raubkunst in den Medien überaus präsent ist, erweckt dies den Eindruck, dass hier problematische Aspekte schlicht verschwiegen werden sollen. Offenbar soll das Humboldt Forum als Aushängeschild Berliner und deutscher Kulturpolitik an der Zivilgesellschaft vorbei installiert werden – mithin als Arkanbereich der Kulturpolitik, der den Niederungen politischer Debatte entzogen ist. Dieses Vorhaben ist jedoch gescheitert, was nicht zuletzt die anhaltenden Proteste etwa des Kampagnenbündnisses “No Humboldt 21!” zeigen. Im besten Fall ist die bisherige Geschichte des Humboldt Forums ein Kommunikationsdesaster.

Das Humboldt Forum am Scheideweg

Ob die Planer des Forums sich die Kritik an der kolonialen Tradition völkerkundlicher Sammlungen zu Herzen nehmen, ist derzeit völlig offen. Die Zusammensetzung der inzwischen eingerichteten Intendanz gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Sie besteht aus dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und dem vormaligen Leiter des Britischen Museums, Neil MacGregor. Vor allem die Berufung des letzteren wurde als Coup gefeiert. Ausgewählt wurde der weltbekannte Museumsfachmann offenbar, weil er ein Deutschlandkenner ist, und eine nicht allzu kritische Ausstellung über Deutschland im Britischen Museum verantwortet hatte. Offen ist, ob er der Forderung nach einem kritischen Umgang mit dem kolonialen Erbe der Sammlungen entsprechen kann: Seine frühere Wirkungsstätte, das Britische Museum, gilt nicht gerade als führend in der kritischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte.
Zur Seite gestellt hat man der Intendanz nun immerhin einen internationalen Beirat, der tatsächlich den Blick von außen einbringen kann. Was jedoch weiterhin fehlt, sind die Stimmen der deutschen Zivilgesellschaft, insbesondere migrantischer und postkolonialer Gruppen, sowie kolonialkritische Perspektiven, gerade auch solche, die die Besonderheiten der deutschen Situation im Spannungsfeld von Holocaust-Erinnerung und kolonialer Amnesie kennen.

So steht das Humboldt Forum zum Zeitpunkt seines Richtfestes am Scheideweg. Es liegt an den Verantwortlichen – einschließlich denen in der Politik –, zu entscheiden, wie man mit dem kolonialen Erbe umgeht. Wenn Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kurz vor dem Richtfest erklärt, es gehe in den Ausstellungen auch darum “einen Blick auf die Welt zu erarbeiten, den die Entdeckergenerationen noch nicht haben konnten”,10 so deutet sich hier eine vorsichtige Kurskorrektur an. Aus der Kunstkammer des Hohenzollernschlosses ein Denkmal für den deutschen Kolonialismus und seine Opfer zu machen, wie Hermann Parzinger vor kurzem anregte, wäre sicherlich eine bedenkenswerte Option.11 Nur darf dies nicht “von oben” dekretiert werden, sondern braucht eine breite Debatte. Und es entlässt das Humboldt Forum nicht aus der Verantwortung, sein Gesamtkonzept zu überprüfen.

  1. Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Statement des Präsidenten, www.preussischer-kulturbesitz.de/humboldt-forum.html.
  2. Für einen Überblick über die koloniale Erinnerung in Deutschland vgl. Jürgen Zimmerer (Hg.), Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt a. M. 2013.
  3. Stiftung Preußischer Kulturbesitz, a.a.O.
  4. Ebd.
  5. Vgl. dazu den Beitrag von Oliver Eberl in dieser Ausgabe.
  6. Rede von Hermann Parzinger anlässlich der Grundsteinlegung für das Humboldt Forum, 12.06.2013, www.preussischer-kulturbesitz.de.
  7. Humboldt Forum: Ort der Begegnung mit Weltkulturen, Hermann Parzinger im Interview, in: "Neue Osnabrücker Zeitung", 6.05.2015.
  8. Zur Kritik an den Plänen siehe etwa www.no-humboldt21.de.
  9. Vgl. Jürgen Zimmerer, a.a.O.
  10. Frank-Walter Steinmeier, "Ein bisschen zu typisch deutsch", in: "Süddeutsche Zeitung", 9.6.2015.
  11. Berlin rebuilt Prussian Palace to address long ignored colonial atrocities, in: "The Guardian", 18.5.2015.

Published 15 July 2015

Original in German
First published in Blätter 7/2015

Contributed by Blätter für deutsche und internationale Politik
© Jürgen Zimmerer / Blätter für deutsche und internationale Politik / Eurozine

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