Heftbeschreibung L'Homme 1/2009

25 June 2009
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Namen
Hg. von Ulrike Krampl u. Gabriela Signori

Namen und kulturelle Regeln
Wie Namen gegeben, genommen oder gewechselt werden, folgte über die Jahrhunderte hinweg kulturell unterschiedlichen Spielregeln. Ein eigenes Namensrecht entwickelte sich in Europa erst an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert im Zuge der Entstehung moderner Staatlichkeit.

Namen und die Ordnung der Geschlechter
Von der Schöpfungsgeschichte (Genesis 3, 20) bis heute spiegelt sich in der Namensfrage aber auch stets die sich wandelnde Ordnung der Geschlechter wider. Diesem Geben und Nehmen, das Mann und Frau je unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten gewährte, ist dieses Themenheft von “L’HOMME. Z. F. G.” gewidmet, an dem Vertreter und Vertreterinnen aus der Ethnologie, der Geschichtswissenschaft, der Judaistik und den Rechtswissenschaften mitgewirkt haben.

Im Vordergrund steht dabei der Nachname, denn ihm hat die Forschung bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Kontrastiv werden Vormoderne und Moderne aufeinander bezogen, und dem Vergleich zwischen Juden und Christen wird eine systematische Rolle zugewiesen, um sowohl die Grundlagen als auch die Handlungsspielräume des europäischen Namensrechts zu beleuchten.

Der Name als kritisches Instrument der Forschung
Der Name dient gerade der Mikrogeschichte als Ausgangspunkt, die Menschen der Vergangenheit zu identifizieren, um sie als Akteure und Akteurinnen mit — beschränkten — Handlungsoptionen darzustellen. Der Name fungiert damit als kritisches Instrument und nicht als eines der Herrschaft, dies gegenüber einer quantitativen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, auch gegenüber einer politischen Geschichte, die zu oft die Unterscheidung zwischen großen und kleinen Namen, zwischen den ‘Namen’ und den ‘Namenlosen’ unreflektiert aus dem Quellenmaterial übernommen hatte: Namen sind somit ein grundlegendes Anliegen der Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Die Beiträge
Die drei Hauptbeiträge wählen gänzlich unterschiedliche Zugänge zum Thema: Christof Rolker untersucht die individuelle Handhabung im Rahmen von Namensmehrheit im Spätmittelalter. Mit derselben Zeit und aschkenasischen Juden im österreichischen Raum setzt sich Martha Keil auseinander, der es dabei vor allem darum geht wie von der Namensführung auf Handlungsoptionen geschlossen werden kann. Gérard Delille hingegen führt ins frühneuzeitliche Königreich Neapel, in dem er eine spezifische — besonders in den Oberschichten praktizierte — Namenstradierung herausarbeitet. Sein historisch-demographisch familiengeschichtlicher Ansatz fokussiert auf langfristige, überindividuelle Handlungslogiken.

Intensiver Forschung bedarf es für die Zeit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert als Namensrecht mit deutlich patriarchalen Zügen vereinheitlicht und schriftlich fixiert wurde. Dass dies nicht ohne Widerstände von statten ging und geht, zeigt Ute Sacksofsky eindringlich am deutschen Beispiel. Agnès Fine bespricht die französische Situation im Vergleich mit dem kanadischen Quebec. Sie betont unter anderem den erstaunlichen Kontrast zwischen der anthropologischen und politischen Bedeutung der neuen Gesetzgebung und der sehr zurückhaltenden öffentlichen Diskussion. Vielleicht kann man diese gewisse Selbstverständlichkeit, mit der die neuen liberalen Namensregelungen aufgenommen worden sind, dadurch verstehen, dass die Motivationen der Namenswahl letztlich so vielfältig sind, dass keine kollektive Meinungsbildung greifen konnte. Darauf lässt der Beitrag der Anthropologin Valérie Feschet indirekt schließen, die nach einem prägnanten europäischen Vergleich erste Überlegungen zur Inanspruchnahme der neuen Möglichkeiten bei der Namenswahl anstellt.

In den Osten Europas beziehungsweise weit darüber hinaus führen die Beiträge zu den Rubriken “Forum” und “Aus den Archiven”. Die brasilianische Soziologin Walquiria Domingues Leão Rego präsentiert einen hochaktuellen Beitrag zur citizenship-Debatte, indem sie der Frage nachgeht, inwieweit das von der brasilianischen Regierung unter dem Präsidenten Lula da Silva gestartete Programm zur Armutsbekämpfung (Fome Zero) weiterreichende, politisch emanzipatorische Auswirkungen für Frauen zeitigen könnte.

Julia Herzberg führt in russische Archive und problematisiert aus geschlechterhistorischer Perspektive den Vorgang des Sammelns und Archivierens von bäuerlichen Autobiographien aus der Zeit des späten Zarenreichs bis zur Oktoberrevolution.

Rezensionen zum Themenschwerpunkt und darüber hinaus ergänzen diese Ausgabe, der außerdem der Registerband “20 Jahre L’HOMME. 1990–2009” beiliegt.

Published 25 June 2009

Original in German
First published in

Contributed by L'Homme
© L'Homme Eurozine

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