Hafenstädte am Mittelmeer

Zwischen Dekadenz, Nostalgie und Erneuerung

12 September 2012
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Seit der Antike besitzen die Häfen des Mittelmeeres eine für Reisende und Kulturforscher immer schon faszinierende Aura.1 Wer sie heute besucht, sieht dort nur noch einen – teils verkommenen, teils pittoresken – Schatten ihrer einstigen Größe und Bedeutung. Waren sie einst der Zentralnerv einer ersten, transmediterranen Globalisierung, hat sich deren Zentralachse seit dem 16. Jahrhundert in den Atlantik verlagert. Heute liegt der Umsatz auch größerer Häfen wie Istanbul oder Marseille weit hinter dem der Containerumschlagplätze in Ostasien und am Golf.2

Das Mittelmeer dient im Wesentlichen als Durchlauf für rund ein Drittel der globalen Erdöl- und Erdgastransporte, seine Häfen sind im Wesentlichen Zielorte von Kreuzfahrtschiffen und Fähren, genau wie seine Flughäfen als Ausgangs- und Endpunkte von Sonnen- und Städtereisen. Auch die Fischerei, eine Ikone des Südens, hat ihren Charakter verändert. Die Fototapete in der Pizzeria, auf der ein Fischer an einer Mole gemächlich seine Netze flickt, bedient die Marke Méditerranée und hat kaum noch eine Entsprechung in der Wirklichkeit der Hochburgen des Massentourismus.

Gibraltar

Marocco as seen from Gibraltar. Photo: Bachmont/Wikimedia CC

Die Aufrüstung der EU-Fangflotten und das Eindringen asiatischer Fangflotten haben dazu geführt, dass Arten wie Thunfisch und Schwertfisch durch Überfischung vom Aussterben bedroht sind; der höchstmögliche Dauerertrag (maximum sustainable yield) kann für viele Arten nicht mehr erreicht werden, die Fangquoten sind insgesamt erheblich zurückgegangen. Das geltende Seerechtsübereinkommen (SRÜ) der Vereinten Nationen gesteht jedem Staat einen seiner Küste vorgelagerte Wirtschaftszone bis zu einer Breite von 200 Seemeilen im exklusiven Hoheitsrecht zu, um Ressourcen zu erforschen und auszubeuten. Hinzu kommt der Festlandsockel, die (gedachte) Verlängerung des Kontinents unter der Meeresoberfläche. Im “kleinen” Mittelmeer kommt es hier zu zahlreichen Überschneidungen und Überlappungen, was in der Zukunft – etwa im Blick auf die Gasvorkommen und Offshore-Bohrungen – virulent werden dürfte.

Der größte Schaden für das Meer entsteht freilich in der Interaktion mit der Landnutzung – die industrialisierte Landwirtschaft, die wilde Urbanisierung und die Ferienparadiese mit ihren hohen Verbräuchen und Abfällen belasten das Mittelmeer am meisten. Tourismus und Industrie treten miteinander in Konkurrenz, liegen oftmals aber auch direkt nebeneinander. Versalzung, Euthrophierung durch Abwässer und Algenbildung stellen weitere Gefährdungen des mediterranen Ökosystems dar, durch diese Einträge wird das marine System, das sich durch Klimawandel erwärmt, zusätzlich gestresst.

Vor allem Rhône und Po tragen massenhaft Schwermetalle und chemische Substanzen ins Meer ein, die permanente Überdüngung schwemmt Nitrate und Phosphate an, was an austauscharmen Küsten zu einer wuchernden Algenblüte führt. Der Süßwassereintrag verringert sich ständig, zumal sich das Wasser im Mittelmeer nur alle 80 Jahre austauscht. Nach Schätzungen nimmt das Mittelmeer jährlich 500 Millionen Tonnen Jauche auf, 600.000 Tonnen Nitratdünger, 200.000 Tonnen Phosphordünger und Zigtausende Tonnen von Schwermetallen sowie radioaktiven Abfall vor allem aus französischen Atomkraftwerken. Küstenanrainer, Seevögel, Krustentiere und Fische leiden schwer unter diesen giftigen Einträgen. Besonders belastet sind die Küsten Nordostspaniens, Südfrankreichs sowie der Riviera und Adria.

Schifffahrt, Ölhäfen und Raffinerien belasten das Mittelmeer mit Schadstoffen, ein Dauertross von Tankschiffen bewegt sich zwischen Sueskanal und Gibraltar. Ein Tankerunglück mit anschließender Ölpest wäre für das gesamte mediterrane Ökosystem verheerend, wie man z.B. an der starken Verschmutzung der libanesischen Küste 2009 beobachten konnte. Es wird geschätzt, dass derzeit jährlich rund 800.000 Tonen Öl ins Mittelmeer gelangen, das diesbezüglich zu den am meisten verschmutzten Weltmeeren zählt. Gerade Kreuzfahrtschiffe erzeugen Müll in der Quantität von Kleinstädten, der nicht immer nach Vorschrift entsorgt wird, abgesehen von der hohen CO2-Belastung, die gerade diese beliebten Flotten verursachen.

So sind die Hafenstädte im Mittelmeerraum zwar noch Knotenpunkte globaler Netzwerke, aber ohne Eigensinn und Vitalität. Der Eindruck, den Orte wie Genua und Almería, Palermo und Piraeus heute machen, entspricht dem aktuellen Bild der PIGS. Welcher Börsianer oder Eurokrat oder Clown auch immer sich dieses Schweine-Akronym für die Gruppe der südeuropäischen Sorgenkinder Portugal, Italien, Griechenland, Spanien ausgedacht haben mag, es steht für die Krise der gesamten Europäischen Union. Im Norden möchten viele das Quartett lieber heute als morgen loswerden, im Süden herrscht die passende Los-von-Brüssel-Stimmung. Und alle gemeinsam beschwören einen Nationalstaat, der noch weniger steuern und bewirken könnte als die zunehmend in Zweifel gezogene supranationale Gemeinschaft.
Die europäische Peripherie von Portugal über die nordafrikanischen Staaten bis nach Griechenland gilt als Bedrohungszone, fast wie der Ostblock im Kalten Krieg. Im Süden – einst eine politische Himmelsrichtung, die in der populären Vorstellung und politischen Kultur eher positive und heitere Assoziationen weckte – orten Politiker und öffentliche Meinung heute die größten Sicherheitsrisiken: islamistischen Terror, Euro-Crash (mit Domino-Effekt für die gesamte Finanzarchitektur) und Flüchtlingswellen aus dem globalen Süden.

Imperien, Geschichte, Territorien

Die Irritation ist im genetischen Code des supranationalen Konstrukts Europa eingebaut, das Grenzen setzt, aber auch verhandelbar macht. Schaut man sich Landkarten Europas seit der Antike an, ist das eigentlich nichts besonderes – nicht nur die Außengrenzen Europas, sondern auch seine Binnengrenzen haben sich unendlich oft verschoben. Aber die Ära des Nationalismus und des Nationalstaates – mit seiner typischen Vorspiegelung der Übereinstimmung von Gebiet, Sprache, Geschichte und kollektiver Identität – hat hier eine Definitions-Sicherheit suggeriert, die eine poröse EU-Außengrenze noch weniger halten kann. Die Europäische Union, als “supranationaler Zweckverband mit prinzipieller Erweiterungsoffenheit”,3 hat per se flüssige Grenzen; sie werden durch europäisches Recht gesetzt und sind in den Grenzräumen notorisch umstritten.

In der Mittelmeerregion – buchstäblich dem Mittel-Meer zwischen Europa, Afrika und Asien – wird diese fluide Begrenzung noch problematischer, weil sie eben nicht durch einen Grenzzaun oder entsprechende territoriale Markierungen zu symbolisieren ist, sondern sich buchstäblich am schwankenden Horizont verliert und nur durch gelegentliche Patrouillen behauptet werden kann. Hier dramatisiert sich eine Erfahrung der Globalisierung, die der Soziologe Georg Simmel schon vor gut hundert Jahren reflektiert hat: Grenzen sind soziale Tatsachen und kulturelle Setzungen, die sich räumlich formen (können). Die Europäische Union wird also am besten von ihren Grenzen her begriffen, dort aber wird ihre Souveränität auch am stärksten angegriffen. Letztlich drückt sich darin ein uraltes Problem europäischer Identität aus, die schon immer exzentrisch war, weil vieles “Europäische” aus (Klein)-Asien stammt, und exterritorial, weil Europa seine Errungenschaften auf friedliche wie kriegerisch-koloniale Weise in alle Welt exportierte. Die Unsicherheit der Grenzen nach Süden (und Osten) wird im Mittelmeerraum geradezu physisch spürbar: Im Wasser werden Grenzverläufe flüssig und ambivalent, ihre Gültigkeit ist umstritten. Zusätzliche Unsicherheit bringen das Wetter, der Zustand der Schiffe und die Patrouillen.

Bis in die jüngste Geschichte war das Mittelmeer stets ein Hort der Unsicherheit, ja eine Kampfzone. Das hat zuletzt der fulminante Roman “Zone” des polyglotten, als Arabischlehrer in Barcelona lebenden Franzosen Mathias Énard in Erinnerung gerufen, dessen finsterer Protagonist wie ein wütender Achill dem Echo früherer Schlachten lauscht und den neuesten Massakern nachfährt – “von Homers Trojanern bis zu Jean Genets Palästinensern, vom Spanischen Bürgerkrieg bis zum Algerienkrieg, von den Verbrechen der deutschen Besatzer in Griechenland und der Deportation der Juden aus Thessaloniki bis zum mörderischen Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawien”,4 “von der Schlacht bei den Thermopylen über den Italienfeldzug Napoleons, den Pistolenschuss Gavrilo Princips, die Deportation der griechischen Juden, das Abschlachten der Palästinenser in den Lagern von Sabra und Schatila, das Aufschlitzen einer serbischen Großmutter mit ihrem Kruzifix”.5 In Serbien nennt man das Mittelmeer gelegentlich den “blauen Friedhof”.
Eine realistische Mittelmeerpolitik muss sich dieser Gewaltgeschichte vergewissern, um sie nicht erneut durchmachen zu müssen. Zu lernen ist mit der Historisierung aber eben auch, auf welche Weise der mediterrane Raum mit seinen Hafenstädten und Inseln friedlich vernetzt und politisch, ökonomisch und kulturell verbunden war. Der Gedanke der Polis ist bekanntlich im Mittelmeerraum von einer der ersten Seemächte der Erde erdacht und erprobt worden – von den Stadtstaaten des Attischen Seebundes im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Ihr Symbol war der von Perikles angeordnete Bau der Akropolis von Athen, die in den Abendnachrichten nunmehr zur Ruinenikone des mediterranen “Sauladens” degradiert ist.

Ohne diesen Bund der Poleis (hoi Athenaíoi kai hoi sýmmachoi) idealisieren und übermäßig aktualisieren zu wollen, enthält er doch einen bedenkenswerten politischen Kern für die transnationale Kooperation heute: An die Stelle einer orientalischen Landmacht, der Despotie der Perser, trat als politische Macht ein für die damalige Zeit ungewöhnlicher, horizontaler Bund von Kleinstädten auf, die ihren Vollbürgern demokratische Mitwirkung einräumten. Die Symmachie verband Stadtstaaten auf dem griechischen Festland, im westlichen Kleinasien, in Thrakien und auf den ägäischen Inseln; ihr Versammlungsort war erst die Kykladen-Insel Delos, dann Athen. Dort tagte die Bundesversammlung, in den Tempeln des Apollon bzw. der Athene lagerten die Finanzmittel des Bundes, die durch Tribute der Mitglieder aufgebracht wurden.

Als Verteidigungsbündnis gegen die Perser gegründet und in der Seeschlacht von Salamis gegen diese siegreich, wurde der Seebund ein Instrument der Hegemonie Athens. Kolonisation und Demokratieexport gingen Hand in Hand, bis diese Union vornehmlich Herrschafts- und Ausbeutungsinteressen diente, darunter nicht zuletzt der in die athenische Demokratie einbezogenen Theten (Ruderer) – damals führten Demokratien auch Angriffskriege. Der brutale Übergriff Athens auf die unbotmäßigen Bewohner der kleinen Insel Melos zeugt davon ebenso wie die durch archäologische Funde belegte Umweltkrise im 4. Jahrhundert, die durch Schlackehalden aus den Bleibergwerken und die radikale Abholzung zur Brennholzgewinnung für die Schmelzöfen6 verursacht wurde.

Waren die historischen Reiche (mit Ausnahme der Wikinger) terrestrisch geerdet, bildet das Meer in der Neuzeit die natürliche und systemische Umwelt des internationalen Staatensystems. Die Herausbildung der modernen Staatlichkeit und Ökonomie wurde wesentlich durch die auf den Weltmeeren vollzogene Globalisierung im “Zeitalter der Entdeckungen” vorangetrieben, im Kolonialismus zunächst unter portugiesischer und spanischer, dann niederländischer und britischer Ägide; internationale Beziehungen, Völkerrecht und freier Welthandel entwickelten sich wesentlich auf dieser Grundlage. Das Mittelmeer war hier nur der Ausgangspunkt, als der Florentiner Amerigo Vespucci und der Genueser Christoph Kolumbus von Lissabon und Cadiz den Atlantik überquerten.

Die marine Expansion unterscheidet sich wesentlich von der terrestrischen, insofern sie, wie schon gezeigt, nicht durch Grenzmarkierungen geleitet oder behindert war. Dieser praktische Universalismus und spontane Kosmopolitismus prägte das Seerecht und die weltumspannenden Handels- und Verkehrsbeziehungen, doch mehr und mehr als Funktion der terrestrischen Entwicklung, die auf der Konstitution, Konzentration und Kooperation national-staatlicher Systeme beruhte und das Mittelmeer ab dem 16. Jahrhundert in eine Randlage brachte.

Kultur, Handel, Migration

Ein Forscherkreis um die schweizerisch-slowenische Historikern Desanka Schwara hat den Mittelmeerraum als eine Verschachtelung von Diasporagemeinschaften dargestellt. Auf der schwankenden Grundlage der See sind solche Migrantenzirkel in imperialen Räumen lange vor der Ausbildung und Festigung der modernen Nationalstaaten entstanden. Ihre wichtigsten Trägergruppen waren Kaufleute, Seefahrer und Piraten, Personengruppen also, die ihrer Natur nach hochmobil sind, die auf ihre Bewegungsfreiheit achten und – im dezidierten Interesse an Gewinn und Beute – eher religiöse und großfamiliäre als nationale Bindungen und Loyalitäten eingegangen waren. Das Mittelmeer lag als ausgedehnter Raum für Waren, Passagiere und Ideen vor ihnen; sie machten es zu einem dichten Kommunikationsraum geteilter Weltbilder und rivalisierender Glaubensüberzeugungen, die sich in einem bunten Festkalender manifestierten. Dabei waren die Grenzen zwischen anerkanntem Handel und kriminell-klandestinem Korsarentum, zwischen theologischem Disput und missionarischem Eifer durchaus fließend.

Das Mittelmeer als große Diasporazone, in welcher “Routes” (Wege) mehr gelten als “Roots” (Wurzeln) – diese Sichtweise darf andererseits nicht zu einer rückblickenden Romantisierung von Mobilität und Entwurzelung führen, denn viele Migrationsfälle waren auch in früheren Epochen gewaltsam erzwungen. “Zerstreuung”, wie Diaspora wörtlich zu übersetzen wäre, ist nicht per se eine Brutstätte von Innovation und Kosmopolitismus, sie wird dazu nur unter günstigen Umständen urbaner Toleranz. Zu bevorzugen ist deshalb der neutralere Begriff der Netzwerke. Jedenfalls stellten die physischen Interaktionen und imaginierten Verbindungen im Mittelmeerraum kein klares Wir-Gefühl und keine territoriale Einheit her, sie schufen eher “margins” (Natalie Zemon Davis), Zwischenwelten. Diese reichen in die kulturellen Ursprünge Europas im Zweistromland zurück und strahlen in den nord- und südatlantischen Raum, in die kolonisierten Gebiete Afrikas und Asiens und in diverse mediterrane Diasporagemeinschaften in aller Welt aus. Méditerranée in diesem Sinne findet sich dann auch bei den Sopranos in New Jersey, bei den Papakonstantinous in Melbourne und den Mandelbaums in Los Angeles und Shanghai.

Von besonderer Bedeutung für die Mittelmeerwelten seit den Phöniziern und Etruskern waren die Netzwerke zwischen den Stadtstaaten, deren Austausch auch für Fernand Braudel die faktische Einheit des Mittelmeerraums stiftete. Das bedeutet auch: die Mittelmeerregion konnte das Zentrum der Welt und die Arena einer ersten Globalisierung sein, so lange dieses Netzwerk funktionierte; ihr Einfluss und ihre prägende Kraft nahmen ab, als die Globalisierung auf die Atlantikachse ausgriff und die westfälische Ordnung konfessionell homogener Nationalstaaten und das Wettrennen um imperiale Einflusszonen die internationalen Beziehungen prägte.

Man muss deswegen die urbanen Systeme in Erinnerung rufen, deren Vitalität auf einem öffentlichen Raum beruhte, der von allen (männlichen) Gemeinschaften frequentiert und geteilt wurde. In ihm entfaltete sich die Palette von Professionen, Nationen und Glaubensgemeinschaften, dort ließ sich ein hohes Maß an Heterogenität integrieren, das den Minderheiten und Außenseitern relativ großen Bewegungsspielraum gab und Emporkömmlingen soziale Aufstiege und politische Karrieren ermöglichte. Hier entwickelte sich ein welthistorisch außerordentlicher Reichtum an wiederum männlich dominierten Patronage- und Klientelsystemen, an Geschäftsbeziehungen und Freundschaftsnetzen, hier begegnete man sich in Tavernen, Kaffeehäusern und Festsälen, um sie herum pflegte man Armencaritas und standen die Bank- und Pfandhäuser.7

Wenigstens kurz vermerkt sei die Tatsache, dass dieses “christliche Abendland” stark durch jüdische und muslimische Minderheiten und Eliten beeinflusst und geprägt war, und auch auf der anderen Seite die Araber erst mit ihrer Expansion über Mesopotamien, Syrien, und Ägypten nach Südeuropa ihr hohes Entwicklungsniveau erreichten. Städte wie Damaskus, Kairo, Kairouan, Fes, Palermo, Cordoba und andere Orte im Al-Andalus waren die Zentren der geistlichen und wissenschaftlichen Welt im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Theologie, Philosophie, Jurisprudenz, Mathematik, Astronomie und andere Fächer blühten ebenso wie die schöne Literatur, die Architektur und die Heilkunde. Vor allem in der Schule von Toledo fand der Brückenschlag von der antiken Kultur ins moderne Europa statt; dabei war Arabisch die lingua franca, in der wichtige Werke der Weltliteratur verfasst wurden, darunter die Autoren des Goldenen Zeitalters der jüdischen Literatur.

Die Reconquista, die Vertreibung des Islam und der Juden aus dem westlichen Mittelmeerraum, versetzte der geistigen Entwicklung im katholischen Europa genau wie in der arabischen Welt einen empfindlichen Schlag, aber ohne die Übersetzungs- und Transferleistungen des islamischen Al-Andalus wäre weder der Aufstieg Spaniens zur Weltmacht noch die westeuropäische Dominanz in der späteren Weltgesellschaft denkbar gewesen. Wer derlei Reminiszenzen als “multikulturalistische” Romantik abtut, irrt. Denn niemand leugnet die politisch-theologische Konkurrenz zwischen den monotheistischen Religionsgemeinschaften und die zum Teil mit Gewalt ausgetragenen Konflikte. Aber niemand sollte die Leistung dieser Epoche und damit auch ihren Vorbildcharakter für eine Mittelmeerunion neues Typs verkennen, wie dies aus tagespolitischen Gründen seit 2001 zunehmend der Fall ist.

Man darf dieser Geschichtsklitterung nun keine allzu forsche Aktualisierung jener Potenzen entgegenhalten, die vor langer Zeit die Méditerranée ausgezeichnet haben und wohl unwiederbringlich dahin sind. Nüchtern zu konstatieren ist die Verlustgeschichte, die der Niedergang der mediterranen Welt und Vielfalt schon seit dem 16. Jahrhundert darstellt. Gleichwohl darf man in der akuten Krise nach Anschlüssen für eine polymorphe Gestaltung des heutigen Europa suchen, die das revitalisierte Netzwerk der Stadtstaaten ohne Imitationszwang zum Vorbild und zur Drehscheibe einer euro-mediterranen Einigung erhebt. So würden das mare nostrum endgültig entkolonialisiert und seine nationalen, ethnischen und religiösen Antagonismen entschärft.

In den Küstengebieten und Inselzonen des Mittelmeers sind die Stadtstaaten mit hohem Autonomiebewusstsein zunächst als Antipoden gegen die Flächenstaaten aufgetreten und haben später als lebendige und selbstbewusste Enklaven in ihnen gewirkt. Es ist also kein Zufall, dass sich ein großer Teil der Mittelmeerforschung, auch der Belletristik und Essayistik, auf diese urbanen Agglomerationen bezieht und weniger auf das dörflich-agrarische Hinterland, das für viele Anthropologen und Reisende einmal als der eigentliche ruhende Pol und Stabilitätsgarant der Mittelmeerwelt galt. Der zentralen Orte auf der Mittelmeerkarte sind nun unendlich viele: die Gründungen der Phönizier und Etrusker, Athen, Karthago und Rom in der klassischen Antike, die Residenzen der Karolinger und Staufer, die großen und kleinen Metropolen wie Byzanz und Granada, Venedig und Ragusa – und so weiter und so fort: Hier am Mittelmeer entwickelten sich der Typus der neuzeitlichen Stadt und ein starkes Muster von Urbanität und Urbanisierung, das bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis zur Herausbildung und Dominanz der amerikanischen (Vor)Stadt maßgeblich geblieben ist. Auch heute noch leben an diesem Meer die meisten Menschen an den Küstenstreifen und Deltas (am dichtesten in der zusammenwachsenden Metropolregion Kairo/Alexandria, in Mega-Cities wie Istanbul, in den Agglomerationen um Athen, Algier, Rom, Marseille und Barcelona). Das Nachtbild der urbanen Leuchtpole zeichnet den Küstenverlauf wie eine Lichterkette nach.

Von PIGS zu Partnern: Entwicklungsperspektiven

Die Gründe, warum die soziale und ökonomische Entwicklung in eigentlich allen Ländern des Mittelmeerraumes in den vergangenen Jahrzehnten relativ schleppend verlaufen ist, werden derzeit viel diskutiert (und ethnisiert). Zum einen haben die Volkswirtschaften den Anschluss an die kapitalistische Globalisierung der 1970er Jahre verpasst, indem sie sich zu stark auf Renteneinkommen aus den Rohstoff- und Agrarexporten, aus dem Tourismus und aus Überweisungen der Arbeitsmigranten verlassen haben. Zum anderen haben sich Teile derselben Ökonomien seit den 1980er Jahren rasant und schutzlos dem globalen Kasino- und Kamikaze-Kapitalismus angepasst, indem diese Renteneinnahmen, auf der Grundlage eigentlich anachronistischer Staatsapparate und Gesellschaftsstrukturen, überwiegend in spekulative Immobilien- und Finanzgeschäfte hineinflossen – mit den heute manifesten Folgen. Solche mentalen und institutionellen Pfadabhängigkeiten sind schwer zu überwinden, doch ist von den krisengeschüttelten Gesellschaften nicht weniger verlangt als ein radikaler Richtungswechsel. Gelingen kann das nicht durch “Beratung” oder Zwang von außen, sondern nur im Rahmen einer gesamteuropäischen Nachhaltigkeitsoffensive, die von der unguten Mischung aus pauschalem Sparzwang und blinder Wachstumsoffensive ablässt.
Eine Mittelmeerunion neuen Typs benötigt einen anspruchsvolleren und weiterreichenden Rahmen, in dem die losen und disparaten Versatzstücke der bisherigen Mittelmeerpolitik besser aufeinander abgestimmt und nachhaltiger ausgestaltet werden. Eine solche Konvergenz würde die Entkolonisierung vollenden und den südeuropäischen EU-Staaten eine wichtige Rolle übertragen. Die Jugend des Mittelmeerraums benötigt eine solche Perspektive jenseits von Stagnation und Abwanderung, von Pauperisierung und Unsicherheit, Autoritarismus und Gewalt. Fünf exemplarische Politikfelder drängen sich hier auf, nämlich Energieversorgung, Tourismus, Außenhandel, Umweltschutz und Wissensökonomie.

– Primärenergieversorgung und Exportmuster der südlichen Peripherie reflektieren bisher nur ganz schwach das Potenzial, das erneuerbare Energien in dieser von Sonne und Wind durchfluteten Zone haben. Dazu müssen nicht nur erneuerbare Energien aus dem Süden in das nordeuropäische Stromnetz eingespannt werden, sie müssen vor allem eingesetzt werden für eine nachhaltige Entwicklung in den Ländern selbst und in Afrika südlich der Sahara. Der circulus vitiosus zwischen Ölabhängigkeit, klimaschädlichem Wirtschaften und Verschuldung kann so durchbrochen werden.8

– Immer noch entfallen rund ein Drittel des globalen Tourismus auf die Mittelmeerregion, deren Infrastruktur und Mentalität er zutiefst geprägt hat. Zugleich hat der Massentourismus über die Jahrzehnte hinweg gravierende ökologische und ökonomische Kollateralschäden verursacht. Notwendig ist deshalb der Wandel einer rücksichtslosen Masseninvasion aus dem Norden bzw. den Dienstleistungszentren des Südens in die Zielgebiete in eine respektvolle und kreative Begegnung der Kulturen des Nordens und Südens.

– Die Mittelmeerländer sind trotz der industriellen Entwicklung und der Herausbildung eines Dienstleistungssektors eingespannt geblieben in eine asymmetrische Arbeitsteilung mit den reichen EU-Ländern, die sie in dauerhafter Abhängigkeit gehalten hat und bis in die 1980er Jahre hinein und jetzt erneut Abwanderung von unqualifizierter und qualifizierter Arbeitskraft erzeugt hat. Notwendig ist deshalb die Aushandlung einer umweltverträglichen, wesentlich stärker auf lokale Bedürfnisse und Märkte eingestellten Agrarökonomie, ein fairer Handelsaustausch und ein vernünftiges Migrationsregime.

– Des weiteren muss die verletzliche ökologische Basis des Meeres geschützt werden, indem nachhaltige Fischerei, präventiver Küstenschutz und angemessene Offshore-Energiedienstleistungen gefördert und die Méditerranée im europäischen Bewusstsein wieder “unser Meer” wird.

– Im Mittelmeerraum fehlt schließlich eine nachhaltige, lokal kolorierte Wissensökonomie, die kulturelle und religiöse Grenzen überwindet und am Schicksal der Völker ausgerichtet ist. Die historischen Interaktionen sind zwar abgebrochen, aber an Vorbildern mangelt es wahrlich nicht.

– Abgerundet werden muss das im Folgenden näher skizzierte umfassende Transformationsprogramm durch eine an den Bedürfnissen der jungen Generation ausgerichtete Verstetigung der kulturellen und wissenschaftlichen Kooperation im Rahmen der bestehenden EU-Programme (Erasmus, Leonardo da Vinci, Jean Monnet) und der entsprechenden Abschnitte in den Assoziationsabkommen.

Nur wenn man sie auf Energiewende, sanften Tourismus, fairen Handel und maritime Entwicklung bezieht (weitere Beispiele sind möglich), machen die “Rettungsschirme” und “Strukturhilfen” der EU mittel- und langfristig Sinn, nur dann kann eine ungenaue ad hoc-Sanierung in nachhaltige Entwicklung münden und aus der politischen Vormundschaft des Nordens eine politische Kooperation auf Augenhöhe werden. Natürlich können diese (im Blick auf das bisherige Krisenmanagement kontrafaktischen) Entwicklungschancen hier nur grob umrissen werden; wichtig ist, dem Wachstumspakt der EU-Länder in der öffentlichen Debatte und bei den Entscheidungseliten zukunftsweisende Perspektiven zu bieten, die in der Konsequenz auch eine institutionelle Reform der EU und der Mittelmeerunion nach sich ziehen.

Mare nostrum: Politik der gemeinsamen Verantwortung

Wer in Deutschland, Schweden oder Lettland “unser Meer” sagt, denkt spontan an die Ostsee, in Norwegen, Friesland oder auf Sylt an die Nordsee. Bezieht man die Hauptrichtung der Urlaubsreisen ein, wäre es angebracht, das Mittelmeer ebenso zu titulieren, und hier kommt sogleich die Frage auf, welchen Obolus entfernte Gelegenheitsanrainer zu entrichten bereit wären. Darauf komme ich im nächsten Abschnitt zum Mittelmeer-Tourismus zurück. Hier sei zunächst in Anknüpfung an das mediterrane Ökosystem dargelegt, wie es um die Governance des Mittelmeeres steht, in dessen rund 450 Häfen und Terminals etwa ein Drittel des Weltseehandels stattfindet und auf dem ein Viertel des weltweiten Mineralölhandels auf dem Seeweg abgewickelt wird, wo sich zusätzlich rund eine Million Kreuzfahrttouristen jährlich ergötzen.

Der dadurch entstandene ökologische Stress ist bereits behandelt worden, hier geht es nun um die Herausforderungen des Meeresschutzes, die durch mangelnde Kooperation zwischen den Mittelmeeranrainern und wegen der fehlenden Durchgriffsmöglichkeiten der EU ungelöst sind. Ein Kommissions-Papier von 2009 und ein Forschungsbericht zu den Notwendigkeiten maritimer Raumplanung von 2011 weisen durchaus in die richtige Richtung eines umfassenden Schutzes unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit. Die Kommission hat auch das Grundproblem benannt:

Ein wesentlicher Teil des Mittelmeers besteht gegenwärtig aus Hochseegebieten. Etwa 16 % des Meeres bestehen aus Hoheitsgewässern und 31 % aus verschiedenen Meereszonen, wobei in vielen Fällen hinsichtlich des Ausmaßes oder der Gültigkeit der Ansprüche Uneinigkeit zwischen mehreren Küstenstaaten herrscht. Infolge dieser Konstellation befindet sich ein großer Teil der Gewässer des Mittelmeeres außerhalb der Hoheit oder der Gerichtsbarkeit von Küstenstaaten. Diese Staaten haben somit weder präskriptive noch exekutive Befugnisse, um menschliche Tätigkeiten jenseits der genannten Gebiete zu regulieren, um etwa die Meeresumwelt zu schützen und auf die Entwicklung der Fischerei und die Nutzung von Energiequellen einzuwirken. Die Staaten können hier somit lediglich Maßnahmen festlegen, die ihre eigenen Staatsbürger und Schiffe betreffen”9

Und sie hat zwei wesentliche Schwachpunkte identifiziert:

Der erste Schwachpunkt liegt darin, dass in den meisten Mittelmeerstaaten für jede Sektorpolitik eine andere Behörde zuständig ist, während jedes internationale Übereinkommen im Rahmen seines eigenen Regelwerks durchgeführt wird, was einen Überblick über die Gesamtauswirkungen aller meeresbezogenen Tätigkeiten – auch im Bereich der Tiefseebecken – wesentlich erschwert. Der zweite Schwachpunkt besteht darin, dass ein erheblicher Teil des Mittelmeeres aus Hochseegebieten besteht, was es den Küstenstaaten erschwert, Tätigkeiten, die mit unmittelbaren Auswirkungen auf ihre Hoheitsgewässer und Küsten verbunden sind, zu planen, zu organisieren und zu regulieren. Gemeinsam haben diese beiden Faktoren dazu geführt, dass Politiken und Tätigkeiten in vielen Fällen isoliert voneinander entwickelt werden, ohne dass alle Tätigkeitsbereiche, die mit Auswirkungen auf das Meer verbunden sind, sowie alle Akteure auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene eine ordnungsgemäße Koordinierung ihres Handelns erfahren.10

“Da das Mittelmeer ein halb umschlossenes Meer ist und meeresbezogene Tätigkeiten grundsätzlich grenzübergreifend sind, bedarf es” in den Augen der Kommission “einer verstärkten Zusammenarbeit mit denjenigen Partnerländern des Mittelmeerraums, die keine EU-Mitglieder sind.” Das internationale Seerechtsübereinkommen, das alle EU-Länder und bis auf die Türkei, Syrien, Israel und Libyen sämtliche Anrainerstaaten unterzeichnet haben, bietet gute Ansatzpunkte, es besteht aber ein erhebliches Vollzugsdefizit und mangelt an effektiven Kontrollen, vor allem im Bereich der Fischerei. Die Verpflichtung der EU-Mitgliedstaaten, mit “integrativen ‘Meeresstrategien'” nach “ökosystemorientiertem Konzept” bis 2020 einen guten Umweltzustand der Mittelmeergewässer herzustellen, greifen bisher zu wenig, ebenso wenig der Einbezug weiterer Anrainerstaaten im Barcelona-Übereinkommen sowie im Fischereimanagement der Allgemeinen Kommission für die Fischerei im Mittelmeer (GFCM).

Vorschläge und Beschlüsse der Kommission sind seit 2009 nicht hinreichend berücksichtigt und befolgt worden. So bleibt aktuell, “dass sich hochrangige Koordinierungsstellen der Mitgliedstaaten regelmäßig mit dem Mittelmeer beschäftigen, um die bei der Gestaltung der integrierten Meerespolitik erzielten Fortschritte zu erörtern” und dass “die Mitgliedstaaten zum Austausch bewährter Praktiken der integrierten Governance im Meeresbereich, insbesondere im Rahmen der für das Mittelmeer festgelegten Ziele der europäischen territorialen Zusammenarbeit ermutigen”.11

Nur unter diesen Bedingungen wird Meeresschutz in seinen diversen Schattierungen möglich sein, wird es eine schonende Fischerei und unschädliche Energiedienstleistungen im Mittelmeer geben. Dann könnten auch die Hafenstädte im Mittelmeer unter ganz anderen Vorzeichen wieder die Richtung weisende Funktion für Europa zurückgewinnen, die sie bis ins 17./18. Jahrhundert hatten.

  1. Franco Bianchini, Jude Bloomfield, "Porous cities: Istanbul, Liverpool, Marseille, Naples", in Eurozine 13.07.2012, http://www.eurozine.com/articles/2012-07-13-bianchini-en.html.
  2. Olivier Mongin, "Mega-ports: On the new geography of containerization", in Eurozine 13.07.2012, http://www.eurozine.com/articles/2012-07-27-mongin-en.html.
  3. Maurizio Bach, "Die Konstitution von Räumen und Grenzbildung in Europa", in: Eigmüller/Mau (ed.), Gesellschaftstheorie und Europapolitik, Wiesbaden 2010, 175.
  4. Jürgen Ritte, Neue Zürcher Zeitung, 24.11.2010.
  5. Katharina Teutsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2010.
  6. Ulrich Sinn, Athen. Geschichte und Archäologie., München 2004, S. 35.
  7. Alexander Cowan, Mediterranean Urban Culture 1400-1700, Exeter 2000.
  8. Claus Leggewie, Zukunft im Süden. Wie die Mitelmeerunion Europa voranbringen kann, Hamburg 2012)
  9. Communication from the Commission to the Coucil and the European Parliament: Towards an Integrated Maritime Policy for better governance in the Mediterranean, 11.9.2009; http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:52009DC0466:EN:HTML.
  10. Ibid.
  11. Ibid.

Published 12 September 2012

Original in German
First published in Eurozine (German and English version)

© Claus Leggewie / Eurozine

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