Gleichheit

A systematic argument

11 August 2009
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Seit über zweihundert Jahren macht die Menschheit eine wiederkehrende Erfahrung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ­ Repression. Diese kann, wo alle materiellen und ideologischen Machtmittel in einer Hand konzentriert sind, im Extrem bis zum staatlich organisierten Terror (etwa des Thermidor oder der stalinschen Säuberungen) reichen; sie kann aber auch, wo lediglich eine gewisse kulturelle Hegemonie errungen wurde, die vergleichsweise milde und für die Demokratie insgesamt noch nicht wirklich bedrohliche, sondern eher blöde und lästige Gestalt der Political Correctness annehmen. Dennoch: Die Bereitschaft zur Unterdrückung abweichender Meinungen, die sich dem Zur-Herrschaft-Gelangen des Guten entgegenstellen, ist groß und ungebrochen. Und: Wo gehobelt wird, fallen Späne, das Heil ist nun mal nicht zum Nulltarif zu haben.

Die Ursachen dieser regelmäßigen Verkehrung von hochmoralischen Motiven in Skrupellosigkeit und Selbstgerechtigkeit sind vielfältig und im Grunde bekannt. Sie reichen von der Radikalisierungsdynamik sozialer Bewegungen und dem damit einhergehenden Realitätsverlust in Gruppen (Heinrich Popitz) über das “eherne Gesetz der Oligarchie” (Robert Michels) bis zur dehumanisierenden Konsequenz totaler Emanzipation als “Emanzipation vom Gewissen” (Dolf Sternberger). Gerade die Berufung auf “letzte Werte” als unmittelbare Richtschnur des Handelns öffnet der Hybris der Selbstermächtigung Tür und Tor. Dabei sind es in der Werttrias der Französischen Revolution vor allem die unbedingten Verfechter der Gleichheit, die, nach einer kurzen Phase euphorischer Wertvermischung, nur allzu bereit sind, die Freiheit (anderer) einzuschränken und sie schließlich unter dem Banner der Bekämpfung der Ungleichheit zu suspendieren: Freiheit, die Ungleichheit hervorbringt, ist ihnen nichts wert, und auch die Hilfen der Brüderlichkeit gelten in ihren Augen nur für die aktuellen oder potentiellen Anhänger der Gleichheitspartei.

Warum birgt gerade der Wert der Gleichheit dieses zerstörerische und häufig selbstzerstörerische Potential? Ich werde dieser Frage anhand zweier analytischer Unterscheidungen (binäre und graduelle Ungleichheit, explizite und implizite Gleichheit) nachgehen und auf dieser Grundlage ein systematisches Argument entwickeln. Wohlgemerkt: Es ist nur ein Argument, das allerdings beansprucht, die innere Zwiespältigkeit und unaufhebbare Widersprüchlichkeit des Gleichheitsprinzips aufzuklären, und mit dem ich gleichzeitig versuche, der für die Protagonisten der Gleichheit oftmals charakteristischen Mischung von destruktivem, hochfahrendem Rigorismus und existentieller persönlicher Verzweiflung auf die Spur zu kommen. Das theoretische Leitmotiv ist die Frage nach der Entstehung und Perpetuierung einer spezifisch modernen, vielleicht auch postmodernen Bösartigkeit. Oder anders ausgedrückt: Wie funktioniert Gesellschaftsvergiftung im Namen der Gleichheit?

Binäre und graduelle Ungleichheit

In den philosophischen Diskussionen um Ungleichheit und Gerechtigkeit, wie sie im Anschluss an John Rawls’ Theory of Justice (1971) geführt wurden, herrscht seit längerem weitgehende Übereinstimmung darüber, dass die Erörterung von Problemen der Gleichheit oder der Begrenzung oder gar Abschaffung ungleicher Lebensverhältnisse sofort schief und unfruchtbar wird, wenn nicht von vornherein das Referenzsystem geklärt und der konkrete Bezugsrahmen angegeben wird, in dem der Wert der Gleichheit realisiert werden soll. Insofern ist die Frage nach der Gleichheit stets zu spezifizieren als “Gleichheit ­ im Hinblick worauf?”, wobei dies in letzter Zeit öfter durch die weit grundlegendere Frage nach der Legitimität des Gleichheitsprinzips überhaupt ergänzt und unterlaufen wird. Zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit besteht in dieser Perspektive nicht nur ein Spannungsverhältnis, sondern ein ­ zumindest latenter ­ Gegensatz: Wenn die Durchsetzung der Gleichheit ungleiche Anstrengungen und Leistungen grundsätzlich nivelliert, ist das ungerecht.1

Von solchen Unterscheidungen und Fragestellungen sind die rigorosen Anhänger der Gleichheit freilich weit entfernt. Mehr noch: Sie sind daran vollkommen desinteressiert. Es ist ja gerade das Grundgesetz der Bewegungsbewegtheit, keinerlei normative Differenzen und Dilemmata zuzulassen und die jeweils favorisierten Werte im Dienste der Affektkonservierung zu einem einheitlichen ideologischen Brei zu verrühren. Ohne diesen Automatismus der Wertverschleifung gibt es keine Homogenität und Kompaktheit des Glaubens, und diese sind wiederum die Voraussetzung für das Gelingen von Propaganda und Selbstagitation. Wer sich um jeden Preis einbilden will, für eine gerechte Welt zu kämpfen, tut also gut daran, seine kognitiven Bornierungen zu pflegen und sich über diese Dinge nicht allzu viel Gedanken zu machen.

Das Geschäft des Soziologen ist indes ein anderes. Er muss aufdecken und zerlegen, was gemeinhin untergepflügt wird. Und in der Tat nimmt die Problematik der sozialen Ungleichheit und der Streit um ihre Überwindung einen sehr anderen Charakter an, wenn wir danach fragen, um welchen Typus von Ungleichheit es sich jeweils handelt und in welcher Hinsicht Gleichheit angestrebt wird. Hierzu schlage ich die Unterscheidung von binärer und gradueller Ungleichheit vor.

Der Begriff der binären Ungleichheit bezieht sich auf gesellschaftliche Verhältnisse, in denen zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen (Individuen oder Gruppen) grundsätzliche, durch eine klare Trennlinie definierte Unterschiede hinsichtlich elementarer Freiheiten der Lebensgestaltung und sozialer Teilhabechancen bestehen, die in der Regel durch Herrschaftsstrukturen institutionell fixiert und abgesichert sind. Sie beruht auf dem Prinzip: Was der eine darf, ist dem anderen verwehrt. Der Prototyp ist das Gewähren oder Vorenthalten, der Besitz oder Nichtbesitz von Rechten. Gleichheit konkretisiert sich hier als Status- und Freiheitsgleichheit im Gebrauch verbriefter Rechte und den damit einhergehenden Möglichkeiten von Einflussnahme und Selbstbehauptung. Dabei handelt es sich stets um ein eindeutiges Entweder-Oder: Entweder man hat ein Recht, das man nach Gutdünken wahrnehmen kann, oder man ist davon ausgeschlossen. Es gibt kein Dazwischen. Diejenigen, die das Recht genießen, sind untereinander gleich und ungleich im Verhältnis zu denen, denen es verwehrt ist. Binäre Ungleichheit treibt einen eisernen Keil zwischen die Menschen und spaltet sie in grundsätzlich verschiedenwertige Sozialkategorien und Klassen.

Wichtig ist, dass dieser Typus von Ungleichheit keinerlei Interpretationsspielräume offenlässt. An den schieren Tatsachen von Privilegierung und Diskriminierung gibt es nichts zu deuteln; die ungleiche Zuordnung der Rechte und der damit verbundenen Lebenschancen ist ein institutionalisierter, für alle offensichtlicher Tatbestand. Streit kann es hier nicht um das Faktum als solches, sondern nur um mögliche Gründe und Fragen der Legitimierbarkeit geben (auch gute Gründe sind ja durchaus denkbar, etwa für den Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte bei verurteilten Straftätern). Und ebenso hat das Eintreten und der praktische Kampf für die Beseitigung der Ungleichheit aus der Sicht aller Beteiligten ein klares, unzweifelhaft definiertes Ziel: Die angestrebte Gleichheit ist hergestellt, wenn den zuvor von einem Recht Ausgeschlossenen dieses Recht nun offiziell und auf Dauer zugestanden wird, also alle das gleiche Recht haben und davon uneingeschränkt Gebrauch machen können.

Eine solche unzweideutige Teleologisierung des Prozesses ist beim Kampf gegen den anderen Typ von Ungleichheit, die graduelle Ungleichheit, gerade nicht möglich. Im Gegenteil: Hier hört der Streit gewissermaßen nie auf. Graduelle Ungleichheit bezieht sich allgemein auf die kontrastive Identifizierung verschiedener Lebensumstände, die durch einen größeren oder geringeren Abstand des Lebensniveaus und der Bedürfnisbefriedigung als Konsequenz einer ungleichen Verteilung von Ressourcen gekennzeichnet sind. Der Prototyp ist die Kluft zwischen Arm und Reich. Die einen verfügen über Ressourcen, die die anderen entbehren. Trotzdem ist die konkrete Ressourcenverteilung niemals endgültig, sondern stets im Fluss: Es gibt immer wieder Gewinner und Verlierer, Auf- und Absteiger, Umverteilungen der Vorteile und der aufgebürdeten Lasten. Arme können etwas hinzugewinnen, Reiche langsam oder plötzlich verarmen, vor allem in der Mitte ist häufig unklar, wohin die Entwicklung geht. Entsprechend geschärft sind die Sinne und Aufmerksamkeiten gerade bei den annähernd Gleichen und im Status Benachbarten: Graduelle Ungleichheit wird besonders dort übergenau registriert und affektiv aufgeladen, wo Aufsteiger und relativ Privilegierte plötzlich mit früher undenkbaren Unsicherheiten und Einbußen konfrontiert sind und insgesamt eher kleine Abstände sich möglicherweise vergrößern.

Ein Grundmerkmal dieser Ungleichheit ist ihre Relativität. Es gibt gerade keine definitive Scheidelinie wie im Fall vorenthaltener Rechte, sondern immer nur fließende Übergänge eines Mehr oder Weniger an Ressourcen und entsprechend die Notwendigkeit einer ­ stets bestreitbaren und daher umkämpften ­ Festlegung von Zäsuren. Ungleichheit ist hier vor allem eine Frage der Interpretation, ein Ergebnis von Wahrnehmungen und Verständigungsprozessen betroffener oder interessierter Akteure. Georg Simmel hat das 1897 in seinem kleinen Text Rosen. Eine soziale Hypothese schön beschrieben. Vorgestellt wird eine dörfliche Idylle, eine Ansammlung von Häuschen mit anliegenden Gärten, einige Besitzer haben darin Rosen und züchten sie, andere nicht. Das fällt zunächst nicht weiter auf, irgendwann wird es aber doch registriert und es regt sich erster Unmut. Ein Agitator tritt auf den Plan und verkündet das Menschenrecht auf Rosen. Er findet Gehör, zwei Parteien bilden sich und ein wilder Kampf bricht los, der mit dem vollständigen Sieg der Fortschrittspartei endet. Alle haben nun Rosen, und alle sind gleich.

Doch damit ist die Geschichte keineswegs zu Ende. Kaum ist der Erfolg errungen und der Ausgleich hergestellt, stechen den Anhängern der Gleichheit plötzlich neue Unterschiede ins Auge: Einige Rosen gedeihen besser und duften verführerischer als andere, sei es, weil sie den besseren Boden oder das sonnigere Plätzchen haben ­ und wiederum bohrt sich der Stachel der Benachteiligung und das elementare Gefühl des Zukurzgekommenseins tief in die Seelen der Menschen. Nach einer kurzen Phase der Anpassung an das veränderte Lebensniveau erscheinen die neuen, kleineren Abstände nicht weniger unerträglich als vorher die großen. Und die aggressive Erbitterung der erneut ausbrechenden Rebellionen steht denen der früheren Kämpfe in nichts nach. Nicht die objektiven Tatsachen der Ungleichheit, sondern die subjektiv wahrgenommenen Unterschiede von Besitz, Erfolg oder Glück treiben die Menschen an und bestimmen unser Sehnen und Tun, bis wir ­ irgendwann, vielleicht ­ zu der Einsicht gelangen, “daß das Leiden, dem wir nach außen entfliehen wollten, uns von innen her nachjagt”.

Simmels soziologisches Märchen betont die definitorischen Aspekte der Ungleichheit. Es ist gleichsam eine Vorwegnahme des berühmten Satzes des amerikanischen Soziologen W. I. Thomas: Wenn Menschen eine Situation als real definieren, ist dies in seinen Konsequenzen real. Sicher hat das Thomas-Theorem auch seine Tücken: Nicht alles, was wirklich ist, wird von Menschen auch als wirklich definiert (weshalb sie sich oftmals an ihren selbstgezimmerten Wirklichkeiten die Köpfe einrennen), und ebenso ist ihre Freiheit, soziale Wirklichkeit willkürlich, gewissermaßen nach Belieben zu definieren, am Ende doch recht begrenzt: Wenn mir jemand zaghaft etwas ins Ohr flüstert, kann ich ihn nicht anblaffen, er solle aufhören zu brüllen. Trotzdem ist die Bandbreite möglicher und kollektiv erfolgreicher Definitionen und Umdefinitionen im Wahrnehmungsfeld gradueller Ungleichheit natürlich enorm. Differenzen wie solche im Fall der Rosen werden sich jederzeit und überall aufspüren lassen. Wo immer sich Unterschiede oder Verschiedenheiten zwischen Menschen als ungleichgewichtige Verteilung von Ressourcen und Asymmetrie von Vor- und Nachteilen oder Nutzen und Kosten darstellen, können sie grundsätzlich als gesellschaftlich hervorgebrachte Ungleichheit konstruiert und entsprechend skandalisiert werden.

Strategische Vermischung

In den Auseinandersetzungen um die Verwirklichung der Gleichheit kommt den Theorielieferanten und Definitoren der Ungleichheit mithin eine zentrale Rolle zu. Sie lenken die Massenwahrnehmung und geben den Kämpfen die Richtung, vor allem die konkreten Feindbilder vor. Und auch nach dem Sieg haben sie weiter das Sagen: Zusammen mit den praktischen Organisatoren der Bewegung sind sie, nach einer bekannten Formulierung von George Orwell, die “gleicheren Gleichen”. Sie prägen ihren Deutungsrahmen allen anderen auf und bestimmen nicht nur, was Ungleichheit, sondern auch was Gleichheit bedeuten soll.

Ein Grundprinzip dieser Propaganda ist die Verwischung des Unterschieds von binärer und gradueller Ungleichheit. Beides darf gerade nicht auseinandergehalten werden. Der Kampf um die Gleichverteilung von Ressourcen und Lasten sei im Wesentlichen dasselbe oder eine einfache Verlängerung des Kampfes um elementare Teilhabechancen und vorenthaltene Rechte. Scheinbar kleine Begriffsverschiebungen und -verschleifungen leisten hier gute Dienste: Die ältere “Gleichberechtigung” wird unter der Hand als “Gleichstellung” oder “Gleichbehandlung” lanciert, wobei zweckmäßigerweise offenbleibt, was eine “Stellung” oder “Behandlung” im Einzelnen ausmachen soll; darüber wird je nach Bedarf neu zu befinden sein.

Ein instruktives Beispiel lieferte im März 2009 die Grünen-Politikerin Renate Künast, als sie anlässlich einer Festveranstaltung zum hundertjährigen Bestehen des Frauenwahlrechts im ZDF die Ansicht vertrat, ein ähnlich motivierendes Ziel der Frauenbewegung könne heute das konsequente Eintreten für die Realisierung einer vierzigprozentigen Frauenquote bei politischen und wirtschaftlichen Spitzenämtern sein. Warum, so wäre zu fragen, 40 Prozent und nicht 42,5? Und warum wirtschaftliche und politische Spitzenämter (wo beginnt die Spitze?) und nicht Grundschullehrer oder Strafgefangene (Frauenquote 90 beziehungsweise 4 Prozent)? Und wer garantiert uns, dass nach großen gesellschaftlichen Anstrengungen, in denen die 40 Prozent tatsächlich erreicht wurden, Frau Künast es sich nicht plötzlich anders überlegt und eine neue Vorgabe aus dem Hut zaubert? Wo die Ideologen die Kriterien der Ordnung und die Standards der Legitimität festlegen und die von ihnen oktroyierten Planziele jederzeit revidiert werden können, tut man gut daran, erst einmal einen Tee zu trinken und seine Begeisterung und den unbedingten Eifer der Planerfüllung vielleicht doch etwas zu dämpfen.

Das Beispiel zeigt, in welchem Ausmaß die Beseitigung gradueller Ungleichheit willkürlichen Interpretationen Tür und Tor öffnet. Je nachdem, welches Vergleichsraster an einen ­ ebenfalls selektiv ausgewählten — Wirklichkeitsausschnitt angelegt wird, erscheint die Ausgangslage der Ungleichheit in einem völlig anderen Licht. Entsprechend kann man durch geschicktes Manipulieren der Maßstäbe die Wahrnehmung der Situation grundsätzlich so zu steuern versuchen, dass man selbst von vornherein als Opfer und Benachteiligter dasteht und entsprechend Kompensation fordern kann. Hier sind dem Einfalls- und Erfindungsreichtum kaum Grenzen gesetzt. So kann man sich beispielsweise bereits dann als “Verlierer” fühlen, wenn andere erheblich mehr gewonnen haben als man selbst; und ebenso verbucht manch einer lauthals als Verlust, was er in Wirklichkeit nie besessen hat.2 Wenn Menschen primär in längst selbstverständlich gewordenen Ansprüchen denken und empfinden, gesellt sich zur Disposition der Unerfülltheit und des Mangels häufig das Grundgefühl der Benachteiligung und Zurücksetzung.

Agitatorisch aufgefangen wird dieses Gefühlsgemisch heute vor allem in einem ausgeweiteten Begriff von Diskriminierung. In ihm wird die programmatische Vermischung von binärer und gradueller Ungleichheit besonders augenfällig, ja, er ist gewissermaßen die begrifflich eingekapselte Gestalt dieser Strategie. Nur deshalb konnte er den irgendwann verbrauchten “Missbrauch” als politisch-moralische Totschlagkategorie ablösen und beerben. Diskriminierung — das meint heute längst nicht mehr die systematische Benachteiligung bestimmter, nach naturalen, religiösen oder ethnischen Merkmalen definierten Menschengruppen durch das Vorenthalten oder Verwehren zentraler gesellschaftlicher Teilhaberechte, sondern bezieht sich im verallgemeinerten politisch korrekten Sprachgebrauch in einem generalisierten Sinne auf jede (tatsächliche oder auch nur eingebildete) Form der Zurücksetzung, insbesondere alle materiellen Einbußen und Verschlechterungen der Lebenssituation. Schon kleinere Schritte des Abbaus von Privilegien können so als “Diskriminierung” angeprangert werden, wobei es objektiver oder objektivierbarer Daten und Kriterien kaum noch bedarf. Statt dessen gilt grundsätzlich das Prinzip Betroffenheit: Diskriminiert ist, wer sich diskriminiert fühlt. Es gibt keine Kränkung und Enttäuschung, keine erfahrene Geringschätzung oder Zurückweisung, die nicht auf diese Weise als gesellschaftliche Benachteiligung gebrandmarkt werden könnte.

Als Resultat einer solchen Etikettierungsstrategie erleben wir heute regelrechte Wettläufe um Diskriminiertheit. Frauen und Rentner, Junge und Alte, Patienten und Apotheker, Ost- und Westdeutsche, Ausländer und Behinderte — sie alle machen Rechnungen auf, in denen sie sich selbst als diskriminiert und die anderen als privilegiert darstellen, begleitet von Dauerposen der Entrüstung und unmittelbaren Forderungen nach Besserstellung und Kompensation. Kein Politiker, der sich da heraushalten könnte. Und da jede Entscheidung und Neuregelung in der Tat Auswirkungen auf die etablierten Mechanismen gradueller Ungleichheit hat, werden in den hochgepuschten Kampagnen indirekt erbitterte Ressourcenkämpfe ausgetragen, ohne dass die bestimmenden Interessen an Pfründen und Macht öffentlich in Erscheinung träten.

Der ausgeweitete Diskriminierungsbegriff reduziert den gesellschaftlichen Diskurs auf Fragen der Bevorzugung oder Benachteiligung. Weil Benachteiligung in diesem Rahmen ein Vorteil ist, wollen alle benachteiligt sein und bemühen sich, die Ansprüche der Konkurrenten zu diskreditieren. Das Ergebnis ist oftmals eine Situation, in der die Diskriminierungsvorwürfe zwischen den verschiedenen Gruppen und Akteuren gewissermaßen rotieren und zuweilen sogar erfolgreich “umgedreht” werden können, wobei noch in dieser Verkehrung die ideologische Engführung des Diskurses indirekt fortgeführt und bestätigt wird. Dies ist das eigentümlich Perfide an den aufgezwungenen Debatten der Political Correctness: Selbst wo der Nachweis gelingt, dass die angeblich diskriminierenden Strukturen tatsächlich eher in der Gegenrichtung wirken, bleibt mit dem Aufgreifen des überdehnten Diskriminierungsbegriffs das destruktive Relevanzsystem der Wahrnehmung und Verständigung intakt.

Arten des Vergleichs

Wie sehr sich die Handlungssysteme binärer und gradueller Ungleichheit voneinander abheben und auch empirisch einer ganz unterschiedlichen Entwicklungsdynamik unterliegen, zeigt sich besonders in den Prozeduren und Einfärbungen des Vergleichs, die mit den beiden Figurationen verbunden sind. Dass Menschen sich mit anderen vergleichen, gilt immer und überall, aber sie können dies in höchst verschiedener Weise tun. Und je nachdem, wie und mit welcher Intensität und Affektladung sie es tun, wird dies für das Funktionieren und den sozialen Zusammenhalt des Gemeinwesens weitreichende Konsequenzen haben.

Unter den Bedingungen binärer Ungleichheit sind die Fokusse, Anlässe und Richtungen des Vergleichs klar vorgezeichnet. Wem ein Recht vorenthalten wird, der vergleicht sich mit denen, die das Recht haben. Er vergleicht sich jedoch nicht mit denjenigen, denen das Recht ebenfalls verwehrt wird, ebensowenig wie die, die das Recht genießen, sich mit jenen vergleichen, die es gleichfalls innehaben. (Auch der Blick nach unten, von den Inhabern des Rechts auf jene, denen es verwehrt wird, ist weniger durch ein Vergleichen und Abgleichen der Lebensumstände, sondern vorrangig durch ein Machtkalkül geprägt, also die Furcht, seinen bestimmenden Einfluss auf die Gestaltung und den Charakter der Ordnung möglicherweise zu verlieren.) Kurzum: Nur die Unterlegenen und von Teilhaberechten Ausgeschlossenen vergleichen sich in diesem System nach oben, während Vergleiche zur Seite oder nach unten im Grunde keinen Sinn ergeben.

Und auch der Vergleich von unten nach oben ist hier keine Dauerbeschäftigung. Die Scheidelinie der Ungleichheit ist zu offensichtlich und lebensbestimmend, als dass sie Gegenstand permanenter Aufmerksamkeit sein könnte. Gewiss ist das Gefühl der Diskriminiertheit als Hintergrunddisposition von Bedrückung stets präsent, doch jenseits dieser offenbar unabwendbaren Tatsachen arrangiert man sich mit den Verhältnissen und versucht, sich darin so gut es geht einzurichten. (Dies ist übrigens der Grund, weshalb es sich Menschen auch in Diktaturen, die ihnen elementare Freiheiten vorenthalten, mitunter durchaus gemütlich machen können.) Anstatt sich ständig mit denen zu vergleichen, zu deren Welt man ohnehin keinen Zutritt hat, konzentriert man sich auf das Genießen im Hier und Jetzt. Die Intensität des Vergleichs wird verringert, indem man die Vergleichbarkeit reduziert und andere Orientierungen ins Zentrum des Wahrnehmungsfeldes gelangen.

Demgegenüber ist im System gradueller Ungleichheit der Vergleich omnipräsent. Wo Menschen unter der Ungleichverteilung von Ressourcen leiden, die ihnen prinzipiell zugänglich sind, vervielfältigen sich die Perspektiven der Distinktion. Gleichzeitig nimmt die Art des Vergleichs einen grundlegend anderen Charakter an. Grundsätzlich vergleicht sich jetzt jeder mit jedem: Da das Mehr oder Weniger an Ressourcen jederzeit verschoben werden kann und die Mischungsverhältnisse von Vor- und Nachteilen sich in ständiger Bewegung befinden, erfolgt der Vergleich mit den anderen keineswegs nur von unten nach oben, sondern richtet sich stattdessen nach allen Seiten. Vor allem die sozial Ähnlichen und annähernd Gleichen, etwa Nachbarn oder Verwandte, werden ständig im Hinblick darauf beobachtet, ob sich ihre Ressourcenausstattung ändert und sie sich vielleicht irreguläre Vorteile verschafft haben. In allen Blickrichtungen regieren von nun an Argwohn und Misstrauen: Diejenigen, die über mir stehen und mehr haben als ich, könnten sich noch weiter entfernen, die unter mir drängen nach und machen mir meine Besitzstände streitig, und auch die Gleichen von nebenan könnten mich jederzeit übervorteilen. Wenn Menschen sich erst einmal darauf gepolt haben, alle sozialen Verhältnisse in Kategorien von Gewinn und Verlust, Vor- oder Nachteil, Vorauseilen oder Zurückbleiben zu interpretieren, können sie nicht mehr damit aufhören.

Wichtig ist, dass diese Haltungen des argwöhnischen Belauerns im Bezugsrahmen gradueller Ungleichheit auch nach dem Sieg, also einer erfolgreichen Umverteilung und Herstellung einer wie immer definierten Gleichheit, unverändert fortbestehen. Denn eine schleichende Ungleichverteilung von Ressourcen oder die heimliche Besserstellung des einen zu Lasten des anderen kann sich ja jederzeit wiederholen. Also muss die Einhaltung der Gleichheitsnorm strikt kontrolliert werden, was natürlich sogleich die Anschlussfrage aufwirft, wer denn die Kontrolleure kontrollieren kann und soll. Auch hier zeigt sich noch einmal der grundlegende Unterschied zum Kampf für eine Überwindung binärer Ungleichheit: Ist das Recht für alle erstritten, so sind ab jetzt alle gleich. Die fortan geltende Gleichheit ist, sofern es keine Bestrebungen zur Rücknahme gibt, eine Ein-für-allemal-Gleichheit, das heißt sie umschreibt ein für alle gleichermaßen geltendes Recht, von dem jeder nach Neigung und Gutdünken verschieden Gebrauch machen kann. Die Beseitigung gradueller Ungleichheit ist hingegen, so sie denn einmal gelingen sollte, immer nur momentan und gefährdet, so dass der Streit um die Sicherung der Gleichheit im Prinzip niemals endet.

Doch damit nicht genug. Nicht nur die Objekte und Richtungen des Vergleichs, auch die kognitiven Operationen der Kontrastierung selbst, also die mentalen Prozesse des Vergleichens, unterliegen erheblichen Variationen. Von einer empirischen Phänomenologie des Vergleichens, die in jeder Theorie sozialer Ungleichheit eigentlich eine bedeutsame Rolle spielen müsste, sind wir jedoch, soweit ich sehe, noch weit entfernt. Hierzu einige Stichworte und Vorschläge.

Da wäre auf einer ersten Stufe der punktuelle, kaum bewusste Vergleich, eine Art des Vergleichens, bei dem der spontane Impuls des Abgleichs mit dem anderen nur kurz aufscheint. Ähnlich wie ein Einfall oder eine Idee die Oberfläche des Bewusstseins manchmal nur streift und trotz aller Bemühung nicht festgehalten werden kann, blitzt auch in der Wahrnehmung anderer zuweilen ein oftmals leicht schmerzhafter Selbstbezug auf, ohne dass er als solcher thematisch würde. Es ist gleichsam ein Vergleich vor dem Vergleich. Wir sehen im anderen plötzlich übergenau, was wir nicht sind — und haben es im nächsten Augenblick schon wieder vergessen.

Demgegenüber ist bei der zweiten Variante, dem explizit registrierenden Vergleich, die Kontrastfolie der Wahrnehmung präsent. Hier nehmen wir den anderen in seinen Lebensbezügen in der Weise wahr, dass wir seine Situation gleichzeitig mehr oder minder deutlich auf uns selber zurückbeziehen, wobei dies häufig bereits mit einer gewissen affektiven Einfärbung verbunden ist. Die Differenz wird klar realisiert und als Erfahrung gespeichert. Ein Beispiel ist die Besichtigung einer fremden Wohnung. Indem wir aufnehmen, wie andere leben, bewerten und verorten wir uns selbst. Im einen Fall sind wir vielleicht froh und erleichtert, einen anderen — in unseren Augen: besseren — Geschmack zu haben, im anderen kann es uns jedoch passieren, dass wir auf der Stelle vor Neid erblassen und dieses Gefühl situativ überspielen müssen.

Vom ausdrücklichen Vergleich ist der routinemäßige, gleichsam mitlaufende Vergleich zu unterscheiden. Dieser ist zunächst eher neutral. So finden beispielsweise unter Kollegen jenseits des gemeinsamen Sachbezugs immer auch bestimmte, parallel vorgenommene Leistungsbewertungen statt, in denen der Sachbeitrag und das Engagement des anderen habituell mit den eigenen Anstrengungen verglichen und abgeglichen wird. Das ist, solange die Relation im Großen und Ganzen stimmt, in der Regel kein Problem: Die Relevanzen des Vergleichs sind hier eher mitgegeben und verbleiben am Innenhorizont der Situation. Werden jedoch gravierende, nicht mehr tolerierbare Diskrepanzen registriert und durch wiederholte Erfahrung bestätigt, so ändert sich die Struktur des Wahrnehmungsfeldes grundlegend: Die “Faulheit” des anderen und der eigene Mehreinsatz können fortan nicht länger ignoriert werden. Die negativen Züge im Bild des anderen verfestigen sich und färben alle nachfolgenden Interaktionen latent aggressiv ein.

Dieser Mechanismus verstärkt sich noch einmal beim letzten Typus, dem ressentimentgeladenen Vergleich. Hier wird das negative Fremdbild verabsolutiert, ist die kontrastive Wahrnehmung des anderen von vornherein dominiert durch irreversible Vorurteile, Aversionen und Neid. Max Scheler sieht in Das Ressentiment im Aufbau der Moralen die Grundlage des Ressentiments hauptsächlich in einer besonders aggressiven Form des Neides, den er “Existenzialneid” nennt: Der andere ist nicht nur in Teilausschnitten seines Besitzes oder Erfolgs, sondern in seiner ganzen Existenz und Lebensweise Objekt eines intensiven Zerstörungswunsches, der sich beim Neider letztlich aus einem elementaren Gefühl eigener Ohnmacht und Minderwertigkeit speist. Das Glück des anderen ist mein Unglück, er führt mir unerbittlich vor, was ich nicht bin und niemals sein werde.

Die Operation des Vergleichens wird so zu einem Vehikel zerstörerischer Leidenschaften. Nicht der Vergleich ist bösartig, sondern die Bösartigkeit funktionalisiert den Vergleich. Und ist diese Spirale erst einmal in Gang gesetzt, so ist sie kaum mehr zu stoppen: Die Zwanghaftigkeit des Vergleichs, das Nicht-nicht-vergleichen-Können, korrespondiert mit der gesteigerten Intensität der Empfindungen und Aggressionen, die in der Totalisierung der Werte gewissermaßen ein neue Identität hervorgebracht haben.

Offensichtlich ist, dass solche Prozesse gerade unter den Bedingungen gradueller Ungleichheit einen günstigen Nährboden finden. Wer sich rigoros auf Gleichheit polt und seine Wahrnehmung immer stärker in diese Richtung sensibilisiert, kann fortan auch mit kleinen Unterschieden und Abständen geschweige denn mit Kompromissen oder Arrangements nicht länger leben. Für ihn wird alles mehr oder minder eine Frage des Prinzips, das er auf keinen Fall zur Disposition stellen oder gar verraten darf. Radikalismus ist, wie Helmuth Plessner es in Grenzen der Gemeinschaft formulierte, “Moralismus der Leistung, Mißtrauen gegen Freude und Genuß, Verachtung des Scheins, des Leichten, alles dessen, was von selbst geht”. Erst wenn die Gleichheit sichtbar und unwiderruflich hergestellt ist, können andere Dinge im Leben wieder eine Rolle spielen.

Explizite und implizite Gleichheit

Explizite Gleichheit bedeutet: gleiches Recht, gleicher Lohn, gleicher Abwasch. Die Gleichheit ist verwirklicht, wenn alle binäre und graduelle Ungleichheit beseitigt ist. Das ist, wie gezeigt, im Falle binärer Ungleichheit leicht und eindeutig feststellbar, wogegen auf dem Terrain gradueller Ungleichheit, also der asymmetrischen Verteilung von Ressourcen, Vor- und Nachteilen oder Nutzen und Lasten, die Fixierung eines solchen unbestreitbaren Kriteriums der Zielerreichung eben nicht möglich ist. Die Realisierung der Gleichheit ist hier vor allem eine Frage der Maßstäbe, die an die verschiedenen Ressourcen und Leistungen angelegt werden. Nur was messbar ist, kann so miteinander verglichen werden, dass am Ende definitiv Gleichheit konstatiert werden kann.

Der Streit um die Gleichheit ist mithin zuallererst ein Kampf um die Etablierung von Maßstäben. Egal, ob es um die Umverteilung von Ressourcen wie Geld und Entscheidungsmacht, die Bestimmung von Chancen im Bildungssystem oder der Arbeitswelt, um Fragen der Erziehung oder die Aufteilung von Haushaltstätigkeiten geht — stets stellen sich die Probleme von Asymmetrie und Gerechtigkeit aus dem Blickwinkel der unterschiedlichen Interessen, über deren Legitimität natürlich immer gestritten werden kann und muss, jeweils sehr anders dar, je nachdem unter welchem Aspekt die Ungleichheit diagnostiziert und skandalisiert wird. Da die Wahl der Maßstäbe den einen bevorzugen und den anderen benachteiligen kann, ist die geschickte Lancierung und Durchsetzung eines Maßstabs, der einen selbst begünstigt, von höchster strategischer Priorität. Und gelingt das Manöver, so können sich auf diese Weise nicht selten ohnehin bereits Privilegierte unter dem Deckmantel der Gleichheit weitere Vorteile verschaffen.

Hinzu kommt, dass Vor- und Nachteile, Gewinne und Verluste, Nutzen und Lasten empirisch in der Regel vermischt sind und in ihren vielfältigen Verquickungen gerade nicht separiert werden können. Einer ist in einer Hinsicht bevorzugt, in einer anderen jedoch benachteiligt, beide sind möglicherweise gegenüber Dritten privilegiert oder zurückgesetzt, Vorteile können Nachteile haben und umgekehrt. All das darf jedoch um keinen Preis thematisiert werden. Stattdessen geht es in den polarisierten, moralisch aufgeladenen Auseinandersetzungen darum, von vornherein einen Deutungsrahmen zu installieren, in dem diejenigen Maßstäbe und Berechnungsweisen, die den eigenen Interessen entgegenkommen, immer schon vorausgesetzt werden und konkurrierende Bewertungskriterien gar nicht erst auftauchen. Erfolgversprechend ist hier nicht der Austausch und Abgleich von Argumenten über die Verallgemeinerbarkeit der vorgeschlagenen Kriterien, sondern die raffinierte, häufig durch moralische Pressionen unterstützte Steuerung und Manipulierung der Kommunikationsprozesse — eine Technik, die Geschichten der Ungleichheit durch ein gezieltes Setzen von Punkt, Komma und Ausrufungszeichen grundsätzlich so zu erzählen, dass man sich selbst stets als argloses Opfer von Willkür und Benachteiligung darstellt und daher vehement Kompensation fordern kann. Deshalb sind Gleichheitsdiskurse häufig Schulen der Verschlagenheit. Weil das Tricksen sich auszahlt, perfektioniert man das Tricksen. Und ist sofort beleidigt, wenn plötzlich Widerstände auftauchen und die bewährte Erpressungstaktik versagt.

Doch nicht nur die Chancen einer manipulativen Verschiebung von Maßstäben schüren den Argwohn, schon das Erfordernis der Messbarkeit expliziter Gleichheit zwingt allen Akteuren eine neue Relevanzstaffelung auf, die die Quantifizierung von Ressourcen und Leistungen in den Mittelpunkt rückt. Wenn graduelle Ungleichheit so weit wie möglich beseitigt werden soll, muss man ständig rechnen und gegenrechnen, ohne indes je zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen. Denn unabhängig davon, welche konkreten Rechnungen für bestimmte Lebensbereiche und hochselektive Ausschnitte der gesellschaftlichen oder privaten Wirklichkeit aufgemacht werden — weil sich die Bilanzen unter wechselnden Umständen jederzeit wieder verschieben oder durch Einbeziehung neuer Faktoren und Variablen stets auch anders darstellen können, weil also alle explizite Verteilungsgleichheit grundsätzlich immer nur vorläufig sein kann, hören das argwöhnische Rechnen und Aufrechnen in diesem Feld prinzipiell nie auf. Mit anderen Worten: Wo Menschen alles daransetzen, ausdrückliche und dauerhaft kontrollierte Gleichheit herzustellen, verwandeln sie sich über kurz oder lang in ausschließlich eigeninteressierte, bürokratische Wertpolizisten, deren Alltag vor allem durch Misstrauen und die bohrende Angst geprägt ist, von anderen übervorteilt zu werden.

Man könnte es dabei belassen und sagen: Wenn Menschen sich selber verhetzen, tun sie mir nicht leid. Die eigentliche Gefahr des Gleichheitsfanatismus sehe ich jedoch in einem anderen, weitaus folgenreicheren Mechanismus und Wirkungszusammenhang: der Zerstörung impliziter Gleichheit. Der Begriff der impliziten Gleichheit kennzeichnet einen Typus von Relationen, in denen sich die Interaktionspartner in ihrem wechselseitigen Austausch grundlegend in der Weise aufeinander beziehen, dass sie in ihrem Tun und der Wahrnehmung des anderen von vornherein eine elementare Egalität unterstellen, und zwar ohne dass sie sich diese Voraussetzung ausdrücklich bewusst machen und als Handlungsbedingung realisieren würden. Im Gegenteil: Wird die Gleichheit als solche befragt, ist sie bereits gefährdet. Beziehungen impliziter Gleichheit funktionieren nur, wenn die in ihnen unterstellte Egalität gerade nicht thematisch wird und dem bewussten Wollen der Akteure entzogen bleibt.

Die idealtypischen Beispiele sind Liebe und Zusammenarbeit. Interpersonellen Beziehungen wie Liebe oder Freundschaft — Freundschaft ist Liebe ohne Erotik — liegt eine Gegebenheitsweise des anderen als unverwechselbares Individuum zugrunde, in der der andere einerseits begehrtes Liebesobjekt und gleichzeitig selbst liebesfähiges Subjekt ist, auf dessen grundsätzlich aus freien Stücken gewährte Achtung und Zuneigung letztlich alles ankommt. Wenn Menschen sich lieben und eine tiefe Zuneigung füreinander entwickeln, sind sie in einem fundamentalen Sinne gleich: Sie begegnen einander als Gleiche, weil die Gefühle, die sie verbinden, prinzipiell nicht erzwungen werden können und sie daher frei sind, sich dem anderen zuzuwenden oder nicht. Gewiss gibt es die bekannten, häufig qualvollen Asymmetrien der Intensität, die Dramen von Einseitigkeit oder Eifersucht, und auch die Machtrelevanzen der Abhängigkeit mögen im Hintergrund oft eine Rolle spielen. Trotzdem wird durch diese empirischen Variationen und Mischungsverhältnisse der implizite Gleichheitscharakter des reinen Sozialtypus nicht tangiert. Unabhängig von allen sonstigen Bestimmtheiten gilt: Liebe hat die Gleichheit der Liebenden zur Voraussetzung und sie kann letztlich nur solange Bestand haben, wie diese unausgesprochene Bedingung erfüllt ist.

Eine ähnliche Dynamik gilt für erfolgreiche Kooperationsprozesse. Der gelingende Sachbezug lässt Statusunterschiede, ja sogar ungleiche Beiträge zum Erreichen des Ziels am Ende verblassen, so dass die Akteure, die den errungenen Sieg feiern, alle Schranken zwischen sich niederreißen und sich dabei in einem elementaren Sinne als Gleiche erleben. Implizite Gleichheit ist hier der Effekt und das Resultat einer gesteigerten Gemeinschaftlichkeit in der Situation des Erfolgs. Ein Beispiel ist etwa der Taumel der Fußballmannschaft nach einem nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg. Ekstase und Euphorie suspendieren alle Relevanzen der Ungleichheit. Als ein eifriger Fernsehreporter kurz nach dem Ende des Spiels den Torschützen fragt, ob ihm denn dieser Erfolg in den laufenden Transferverhandlungen vielleicht von Nutzen sein könne, stellt sich bei mir (und, nach seiner unwirschen Antwort zu urteilen, auch bei ihm) unvermittelt das Gefühl einer deutlichen Irritation und Deplaziertheit ein. Dieses Empfinden ist ein empirisches Datum, das, wie jedes andere auch, soziologisch interpretiert werden kann. (“Meine Wahrnehmung ist eine Tatsache, wie die Sonne eine ist”, heißt es bei Ralph Waldo Emerson.) Der Eindruck der Unangemessenheit ergibt sich daraus, dass in der Situation des Erfolgs und der unbändigen Freude der Mannschaft die prinzipielle, als Ergebnis gelungener Kooperation zustande gekommene Gleichheit der Akteure im Vordergrund steht und die Thematisierung möglicher individueller Ressourcengewinne dieses Erleben durchkreuzt.

Die Frage des Reporters zeigt die Zerbrechlichkeit der Verhältnisse. Wo von vornherein Ungleichheiten aufs Tapet kommen und Vor- oder Nachteile im Raum stehen, werden die unterstellten Relationen impliziter Gleichheit sofort prekär. Schon das Bedürfnis nach Explizität konterkariert sie. Wenn immer und überall messbare Gleichheit herrschen soll, wird die unausgesprochene Gleichheit des Liebens und der Zusammenarbeit elementar zur Disposition gestellt. Weil die Forderung definitiver Gleichheit Gleichförmigkeit voraussetzt, ist den rigiden Protagonisten der Gleichheit jede Arbeitsteilung ein Greuel. Ja, sie können die Perspektive einer ergänzenden Verschiedenheit, wie sie etwa in gelingenden Paarbeziehungen als Herausbildung synchroner Gewohnheiten und Entwicklung je individueller komplementärer Rollen funktioniert und die Kunst des Zusammenlebens ausmacht,3 nicht einmal denken. Hierin liegt die Hauptursache der Zerstörungen und Verwüstungen, die der allgegenwärtige Gleichheitsdiskurs vor allem auf dem Feld der Geschlechterbeziehungen in den letzten Jahrzehnten angerichtet hat: Er verwandelt Liebende in Rechner und Aufrechner, die ihre Zuneigung an das Entgegenkommen und Wohlverhalten des anderen binden und sich gleichzeitig darüber wundern, warum sie, selbst wenn sie mit ihren Vorstößen Erfolg haben, irgendwie immer unzufriedener werden.

Nicht nur die Verschleifung von binärer und gradueller Ungleichheit, sondern vor allem der strukturell auferlegte Zwang einer ständigen Explizierung und Messung erfolgreich hergestellter Gleichheit erweist sich so als untergründige Mechanik von Aggressionssteigerung und Bösartigkeit. Sie prägt die gesamte Atmosphäre und polt die Menschen auf eine Art des Vergleichens, die in ihnen permanent Argwohn und Misstrauen sät, und dies umso mehr, als sie ihr Ziel letztlich immer verfehlen müssen. Ich denke, dass viele das insgeheim wissen oder zumindest ahnen, gleichzeitig aber in ihren Prinzipien verheddert bleiben. Daher die letztendliche Schalheit des Lebensgefühls, eine abgründige Verbitterung, die sich mal nach außen, verstärkt aber immer wieder nach innen richtet. Es ist das schleichende, nie stillzustellende Gefühl, sein Leben im Grunde verfehlt zu haben, weil das Ziel, dem man sich mit Haut und Haaren verschrieben hat, diesen Preis am Ende nicht wert war.

  1. Vgl. Angelika Krebs (Hrsg.), Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik. Frankfurt: Suhrkamp 2000.
  2. Vgl. Rainer Paris, Der Verlierer. In: Stephan Moebius / Markus Schroer (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialtypen der Gegenwart. Frankfurt: Suhrkamp 2009.
  3. Vgl. Jean-Claude Kaufmann, Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag (1994); Was sich liebt, das nervt sich (2008), beide erschienen bei UVK in Konstanz.

Published 11 August 2009

Original in German
First published in Merkur 8/2009

Contributed by Merkur
© Rainer Paris / Merkur Eurozine

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