Einmal nach rechts drehen - und retour

15 April 2015
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1.

Vor einigen Jahren entdeckte ich mein Bild auf der Titelseite einer populären ukrainischen Wochenzeitung, in einer zusammengewürfelten Gruppe mit anderen ukrainischen Schriftstellern und bekannten Intellektuellen. Die Collage sollte die Hauptidee des Leitartikels illustrieren, der mit einem eloquenten Titel überschrieben war: “Die Meister unserer Niederlagen”.
Durch die Collage fühlte ich mich sogar einigermaßen geehrt, denn wie darin meine bescheidene Tätigkeit in Zusammenarbeit oder gar im Rahmen einer Verschwörung mit einem Dutzend anderer Verräter gezeigt wurde, schien es, als hätten wir eigenhändig die Misere verursacht, in der unser Land sich zwei Jahrzehnte nach Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit wiedergefunden hatte. Die Ursachen für unsere Nöte lagen jedoch sicherlich viel tiefer und die Meister der ukrainischen Niederlagen waren definitiv zahlreicher, als diese ungeschickte Photoshop-Montage suggerierte.
Stammleser konnten möglicherweise sogar eine Parallele erkennen, denn das Bild basierte auf einer Photographie aus dem Jahr 1918, das die Anführer der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik porträtiert hatte.

Government of the Ukrainian People’s Republic (UNR) in 1920, Symon Petlura in the centre. Source:Wikimedia

Ihre Gesichter waren durch unsere ersetzt worden – nicht besonders geschickt, aber vielleicht war das ein beabsichtigter Effekt. Damit sollte eine Parallele gezogen werden zwischen den gutgläubigen, verdorbenen und inkompetenten Liberalen des frühen 20. Jahrhunderts und den heutigen Akteuren. Sie alle hätten die Möglichkeit verpasst, einen starken Nationalstaat aufzubauen und seine Unabhängigkeit zu sichern. Sie seien also nicht nur Loser, sondern auch dumm, ideologisch pervertiert und impotent und hätten ihrer Nation eine Niederlage zugefügt, indem sie Pazifismus, Toleranz und andere moralische Prinzipien predigten, in einer Welt, in der Mächtige regierten, der Gewinner alles bekomme und die Sieger die einzig gültige Version der Geschichte schrieben.
Mit einem Wort, sie alle seien nicht nur Liberale, sondern “Liberasten” – ein Begriff, den die heutige ukrainische Rechte neben der ähnlichen Wortschöpfung “Tolerasten” gerne verwendet, um den ideologischen Feind zu verunglimpfen.

2.

Im Jahr 1980 publizierte der amerikanische Wissenschaftler Alexander Motyl ein sehr scharfsinniges Buch über den ukrainischen Nationalismus der Zwischenkriegszeit – The Turn to the Right. Dieses Thema war weitgehend unbeachtet geblieben, da die Ukraine damals eine Nicht-Entität war und von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen wurde. Sie wurde damals als Teil von Großrussland betrachtet und gab für sich genommen kein Thema von besonderem Interesse ab.
Motyl legte dar, dass die ukrainisch-nationale Bewegung seit ihren Anfängen weitgehend proeuropäisch und demokratisch gewesen war, aus offensichtlichen Gründen. Die Westorientierung war der einzig gangbare Weg für die ukrainischen Anführer, ihr Land vom autokratischen und weitgehend anti-europäisch eingestellten Russland abzukoppeln; die Anführer der Ukraine mussten das symbolische Gewicht des imperialen Zentrums abwägen gegen eine noch stärkere Kraft eines alternativen Zentrums, das irgendwo außerhalb der Reichweite Russlands lokalisiert (oder lediglich imaginiert) wurde – in “Europa”.
Man könnte sagen, sie waren Westler und Demokraten aus Ermangelung anderer Möglichkeiten; die damalige geopolitische Lage bot ihnen keine andere Option.
Die Situation änderte sich jedoch nach dem Ersten Weltkrieg, aus einigen Gründen, die Motyl pauschal als “die Wende nach rechts” bezeichnete. Zum einen hatten sich autoritäre Tendenzen in Europa breitgemacht, es fand eine Konsolidierung der Faschisten und der faschistischen Regime in zahlreichen Ländern statt, die liberale Demokratie in Europa befand sich auf dem Rückzug und war sicherlich nicht mehr die einzige Party in der Stadt. Die Alternativen – antiliberale politische Modelle des kommunistischen oder faschistischen Typus – erfreuten sich zunehmender Beliebtheit.

Zum anderen projizierte die jüngere Generation der ukrainischen Nationalisten alle ihre Ressentiments angesichts der dramatischen Niederlage gegen Polen und Russland auf ihre Vorgänger – die liberalen und sozialistischen Anführer der Ukrainischen Volksrepublik (UNR). Die jungen Radikalen waren der Ansicht, ihre Feindbilder hätten den nationalen Befreiungskrieg nicht nur aufgrund der russischen und polnischen Übermacht verloren, sondern auch, weil die ukrainischen Bauern ein zu geringes Nationalbewusstsein hatten und daher zögerten, für eine nationale Sache, die sie kaum verstanden, in den Kampf zu ziehen. Der wichtigste Grund für die Niederlage der Ukrainischen Volksrepublik, so dachten die jungen Nationalisten, war in der idiotischen liberalen Gesinnung ihrer Anführer zu suchen – ihrer Unfähigkeit, rasch, rücksichtslos und entschlossen durchzugreifen, ohne Rücksicht auf das Recht und Verluste von Menschenleben auf beiden Seiten des Schlachtfelds. In wenigen Worten, es war ihnen nicht gelungen, so brutal und skrupellos vorzugehen wie ihre größten Rivalen, die Bolschewiken.
Dieses Argument entbehrte nicht einer gewissen Logik. Eine offene, liberaldemokratische Gesellschaft ist auf lange Sicht konkurrenzfähiger als eine geschlossene, totalitäre Diktatur. Allerdings tragen in einem kurzen militärischen Konflikt tendenziell die Totalitären den Sieg davon, weil sie besser mobilisieren können, entschlossener kämpfen und bereit sind, für ihre eigenen Ziele sämtliche geschriebenen und ungeschriebenen Regeln zu brechen. In dem klassischen Film Arsenal von Oleksandr Dowschenko aus dem Jahr 1929 gibt es eine anschauliche Szene, in der ein Beamter der Ukrainischen Volksrepublik, ein Intellektueller der alten Schule mit runder Brille, den Versuch unternimmt, einen bolschewistischen Saboteur zu exekutieren, es aber nicht über sich bringen kann, ihm ins Gesicht zu schießen, und ihn daher auffordert, sich mit dem Gesicht zur Wand zu drehen. Der Bolschewik spürt die Schwäche des Intellektuellen und weigert sich hartnäckig, ihm den Rücken zuzudrehen. “Schieß mir ins Gesicht!”, verlangt er, und da sein potenzieller Exekutor noch immer zögert, geht der Bolschewik auf ihn zu, nimmt ihm die Pistole aus der Hand und sagt verächtlich: “So ist es also, du kannst nicht? Ich aber schon!” Er tötet seinen Gegenspieler, ohne Reue, ohne zu zögern und ohne einen einzigen Gedanken an den absoluten Wert des menschlichen Lebens zu verschwenden.
Das Europa der dreißiger Jahre im zwanzigsten Jahrhundert lieferte eine Bestätigung für die befremdliche Effizienz der bolschewistischen Politik. Die ukrainischen “integrativen Nationalisten” entdeckten die faschistische Ideologie als eine brauchbare Alternative zu der kommunistischen Bedrohung einerseits und zu der liberalen Dekadenz andererseits. Im Übrigen folgten sie darin dem Beispiel ihrer britischen, französischen, spanischen, niederländischen Pendants, ganz zu schweigen von den osteuropäischen. Einige von ihnen hingen einem naziartigen Rassismus an, aber in den meisten Fällen rangierte in ihrem Nationsbegriff die Loyalität höher als das Blut. Ihre Nation war staatenlos, und dadurch waren die Nationalisten stärker an der nationalen Unabhängigkeit interessiert als an der ethnischen “Reinheit”; sie waren ideologisch exklusiv, nicht jedoch ethnisch. Als reine Opportunisten waren sie bereit, mit jedem zu kooperieren, der ihnen eine Chance auf einen eigenen Nationalstaat gab. In den zwanziger Jahren traten viele den Bolschewiken bei, die damals eine Politik der “Domestizierung” der quasi-souveränen “Ukrainischen Sowjetischen Republik” verfolgten. In den dreißiger Jahren endete diese Politik mit einem Blutbad an der Intelligenzija und einer Massenvernichtung der Bauern durch eine herbeigeführte Hungersnot, und die Nationalisten richteten ihren Blick gen Westen, auf der Suche nach einem Verbündeten, der ihnen helfen würde, ihren Traum von der Eigenstaatlichkeit zu erfüllen.
Bedauerlicherweise war Deutschland der einzige Staat, der bereit und fähig war, den Status quo der Nachkriegszeit zu kippen und die Grenzen in Europa einer Revision zu unterziehen. Die Westukrainer, die sich von Polen okkupiert fühlten, setzten auf den Feind ihres Feindes – und verloren zweimal. In erster Linie deshalb, weil die Deutschen nicht daran interessiert waren, der Ukraine zur Souveränität zu verhelfen, nicht einmal zum Schein, wie es mit der Slowakei und Kroatien der Fall war. Sobald die Ukrainer nach dem Rückzug der Sowjets im Juni 1941 in Lwiw ihre staatliche Unabhängigkeit verkündet hatten, verhafteten die Nazis alle ihre Anführer, einschließlich Stepan Bandera, und verfrachteten sie in ein Konzentrationslager.
Und zweitens: Um dieser Verletzung eine zusätzliche Kränkung hinzuzufügen, führten die Repressionen und Exekutionen durch die Nazis, denen Banderas Nationalisten ausgesetzt waren, nicht dazu, dass ihr Ruf wiederhergestellt wurde. Die Sowjets waren die Sieger und ihre Version der Geschichte wurde als eine allgemeingültige Weisheit, wenn nicht sogar als eine wissenschaftliche Wahrheit fest etabliert. Banderas Nationalisten, die seit 1941 sowohl gegen die Sowjets als auch gegen die Nazis gekämpft hatten, wurden als Nazi-Kollaborateure dämonisiert, als blutrünstige Mörder und Kriegsverbrecher (obwohl kein internationaler Gerichtshof einen entsprechenden Beweis erbracht hatte). Der Name “Bandera” wurde im sowjetischen Neusprech zu einer Sammelbezeichnung für alle diese fürchterlichen Dinge, für die schlimmste und ultimative Form eines “ukrainischen bourgeoisen Nationalisten” – dieses Etikett verpassten die Sowjets allen Ukrainern, die danach trachteten, der offiziellen Russifizierung zum Trotz ihr nationales Selbstbewusstsein zu bewahren (vergleichbar dazu wurde der Begriff “Zionist” mit ähnlichen halb-kriminellen Konnotationen mit jedem in Verbindung gebracht, der eine unter Verdacht gestellte jüdische Identität zu bewahren versuchte).
Der Begriff “Nationalist” wurde in einem solchen Ausmaß diskreditiert, dass selbst in der unabhängigen Ukraine bei landesweiten Umfragen nur wenige der Befragten bereit waren, sich mit der “nationalistischen” Ideologie zu identifizieren oder für einen Kandidaten zu stimmen, der sich selbst als “Nationalist” begriff. Ebenso scheiterten sämtliche Versuche von Emigranten, die Organisation der Ukrainischen Nationalisten aus der Vorkriegszeit wiederzubeleben oder Banderas Tradition des “integrativen Nationalismus” im Rahmen einer Nachfolgeorganisation fortzusetzen. Alle diese alt-neuen Organisationen blieben marginal und wurden anscheinend weniger von ihren Sponsoren aus Übersee manipuliert als vielmehr von den ukrainischen und/oder russischen Sicherheitsdiensten.
Auf der anderen Seite bleiben zwei Fragen dennoch ungeklärt und warten darauf, beantwortet zu werden. Erstens: Warum und wie lässt sich die niedrige Popularität von Banderas integrativer nationalistischer Ideologie in der heutigen Ukraine vereinbaren mit der relativ hohen Popularität seiner Bewegung von Widerstandskämpfern und seiner eigenen Person (zumindest im westlichen Teil des Landes)? Und zweitens: Warum und wie konnte im Jahr 2010 zwei Jahrzehnte nach Erlangung der Unabhängigkeit die starke nationalistische Partei “Swoboda” (“Freiheit”) vom politischen Rand kommend ganz plötzlich Mehrheiten (bis zu 40 Prozent) in einigen regionalen Parlamenten erringen und beeindruckende 10 Prozent bei den Parlamentswahlen 2012 auf sich vereinigen?

3.

Die zweite Frage ist vermutlich leichter zu beantworten, da wir uns an die nationalistischen Ressentiments der dreißiger Jahre erinnern – als eine Reaktion auf das Scheitern der ukrainischen nationalen Revolution 1917-1921 (und zum Teil auf das desaströse Ende der “nationalen Wiedergeburt” unter der Aufsicht der Kommunisten in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts). Gewissermaßen fand der berühmte Ausspruch von Walter Benjamin darin seine Bestätigung, wonach jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeuge. Die extrem rechte Partei “Swoboda” konnte erst reüssieren, nachdem die liberalen Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Parteien durch interne Kämpfe das Vertrauen der Wähler verspielt hatten und außerdem daran gescheitert waren, ihre Versprechen im Zusammenhang mit der spektakulären – friedlichen, liberaldemokratischen und pro-europäischen – Orange Revolution einzulösen.
Die gescheiterte Revolution ebnete den Weg nicht nur für “Swoboda”, sondern auch für die altmodischen totalitären Kommunisten, die ihre Wahlergebnisse verdreifachen konnten (von 5 Prozent im Jahr 2007 auf 15 Prozent im Jahr 2012) und für die postkommunistisch-oligarchische Partei der Regionen – ein mafiöses Netzwerk von Schutzpatronen, das seine Klientel bedient und noch im Jahr 2004 zu Recht als eine der größten Bedrohungen für die Souveränität, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und europäische Integration der Ukraine betrachtet worden war. Nachdem der Kandidat dieser Partei, der berühmt-berüchtigte Wiktor Janukowitsch im Jahr 2010 die Präsidentenwahlen gewonnen hatte, avancierte “Swoboda” für viele zur letzten Hoffnung: die einzigen harten Burschen, die dem Druck der politischen Gangster, die den Staat in Geiselhaft genommen hatten und nunmehr zum Ausverkauf feilboten, zu widerstehen vermochten.
Das war der wichtigste, aber vermutlich nicht der einzige Grund für den Erfolg von “Swoboda”. Einige Analysten weisen auf die ungewöhnlich starke Präsenz von “Swoboda” im ukrainischen Fernsehen hin, das damals unter totaler Kontrolle präsidentenfreundlicher Oligarchen stand. Außerdem war der Wahlkampf der “Swoboda” ebenfalls außerordentlich gut finanziert – höchst verdächtig für eine Partei, die bei den Wahlen nie mehr als ein Prozent der Stimmen erringen konnte. Experten vermuten, dass staatliche Institutionen und regierungstreue Oligarchen “Swoboda” verdeckt unterstützten und dabei zwei Ziele verfolgten. Zum einen wollten sie dadurch ihre wichtigsten Rivalen schwächen – die Liberalnationalisten, die ihre regionalen Bollwerke an die Radikalen verlieren sollten. Außerdem sollte ein Schreckgespenst (“nationalistische Taliban”) für den Medienkonsumenten im In- und Ausland an die Wand gemalt werden. Und zweitens haben Janukowitschs Leute möglicherweise geplant, den wenig charismatischen Anführer der “Swoboda” in die zweite Runde einer eventuellen Präsidentschaftswahl zu schubsen, da sie ihn für den einzigen Kandidaten hielten, den Janukowitsch leicht hätte schlagen können.
Was immer die Gründe gewesen sein mögen, die Entwicklungen des Jahres 2014 haben klar gezeigt, dass das Schreckgespenst des ukrainischen “faschistischen” Nationalismus stark übertrieben war – sowohl durch das Janukowitsch- Regime, das diese Geschichte als Teil einer großangelegten politischen Manipulation benutzte, als auch durch den Kreml, der ebenfalls beharrlich mitgeholfen hatte, diesen Mythos zu kreieren (seit 2005 systematisch), und schlussendlich davon profitiert hatte, vor allem nach dem Euromaidan, als der Kreml und die Pro-Kreml-Medien international herausposaunt hatten, dass es sich beim Sturz von Janukowitschs Kleptokratie um einen “faschistischen Umsturz” gehandelt hätte. Heute, da ein nichterklärter russisch-ukrainischer Krieg tobt, wird diese Sprache, wie Matthew Kupfer und Thomas de Waal treffend anmerken, verwendet, “um den russisch-ukrainischen Konflikt als eine Neuauflage der ideologischen Teilung des Zweiten Weltkriegs darzustellen, wobei Russland als ‘antifaschistisch’ und die Ukraine als ‘profaschistisch’ etikettiert werden. Diese Bezeichnungen sind Waffen in einem rhetorischen Konflikt, der die Bodenkämpfe zusätzlich anheizt … Diese Begriffe sind das Ergebnis eines fast siebzig Jahre andauernden Prozesses, im Zuge dessen ein Konzept in eine politisierte Anschuldigung mit allgemeiner Anwendung umgewandelt wurde.”
Im scharfen Kontrast zu dieser propagandistischen Rhetorik kamen die Kandidaten von “Swoboda” und dem “Rechten Sektor” (eine weitere angeblich rechtsextreme Gruppierung) im Mai 2014 bei den Präsidentschaftswahlen auf etwas weniger als zwei Prozent, und im Oktober desselben Jahres kam keine der beiden Parteien über die nötigen 5 Prozent, um den Einzug ins Parlament zu schaffen. Das zeugt nicht nur von der Enttäuschung der Wähler über die Abgeordneten der “Swoboda” – sie sind größtenteils inkompetent, arrogant und ziemlich korrupt. Im Unterschied zu “Swoboda” handelt es sich beim “Rechten Sektor” um eine neuere Partei, die weitgehend frei war von alten Sünden. Aber offenbar war ihre politische Staatsräson in den Augen der Menschen verschwunden, zusammen mit Janukowitsch und seiner “Partei der Regionen”, die als das politische Gegengewicht zu den Nationalisten wahrgenommen wurde sowie als Subjekt des nötigen Ausgleichs. Paradoxerweise gaben die Ukrainer im Kriegszustand ihre Stimme nicht den Radikalen, sondern stimmten überwiegend für moderate Parteien aus der Mitte, die zwar bereit waren, sich der russischen Aggression entschlossen entgegenzustellen, die jedoch auf der innenpolitischen Ebene eine versöhnliche Haltung im Hinblick auf Spaltungen und mögliche Widersprüche einnahmen.

4.

Da wir nun die zweite Frage beantwortet haben – bezüglich der wahrscheinlichsten Gründe für den Aufstieg und Fall der Radikalen – können wir uns nun der ersten Frage zuwenden, nämlich warum sich in einem offenbar nicht nationalistischen Land nationalistische Anführer, ihre Bewegung und ihre Symbolik paradoxerweise einer relativ großen Beliebtheit erfreuen. Eine breite Debatte zu diesem Thema kam im Jahr 2010 auf, kurz nachdem der in den Präsidentschaftswahlen unterlegene Wiktor Juschtschenko mit einer dubiosen Abschiedsgeste aufhorchen ließ: Er verlieh Stepan Bandera postum die höchste nationale Auszeichnung und machte ihn zum “Helden der Ukraine”.
Dies rief eine scharfe Reaktion aus Moskau hervor, denn schon seit Jahren hatte Moskau Wiktor Juschtschenko und seine Regierung als “Faschisten” im Stil von Bandera bezeichnet. Auch Wiktor Janukowitsch und seine “Partei der Regionen”, die mit Moskaus “antifaschistischen” Kampagnen eng zusammengearbeitet und die Dienste von Moskaus Spindoktoren in Anspruch genommen hatten, verurteilten die postume Ehrung Banderas. Unerwarteter Widerspruch kam jedoch aus der europäischen Ecke, als die Polen, Juschtschenkos langjährige Verbündete, eine Resolution des Europäischen Parlaments initiierten, in der sie seine Entscheidung “zutiefst missbilligten” und die neue ukrainische Führung (also den neu gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch) dazu aufriefen, diese ungünstige Entscheidung zu überdenken, angesichts dessen, dass die Ukraine sich den europäischen Werten verschrieben habe.
Man möchte in lautes Lachen ausbrechen ob dieser naiven Idee, die ehrenwerte Aufgabe der Bewahrung von “europäischen Werten” ausgerechnet Wiktor Janukowitsch anzuvertrauen. Was in der Resolution jedoch für mehr Verwirrung sorgte, war der Hinweis auf Banderas “Kollaboration mit dem Nazi-Regime”. Diese Aussage bezog sich vermutlich auf die Zeit vor 1941, also vor Sachsenhausen, als Banderas Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) im Untergrund operierte und in unterschiedlichen Ecken Europas auf der Suche nach Unterstützern für ihre Sache war. Synchron betrachtet unterschied sich seine “Kollaboration mit dem Nazi-Regime” nicht wesentlich von den damaligen Bestrebungen der meisten anderen europäischen Staatsmänner, die nicht nur Verhandlungen mit Hitler führten, sondern auch einige dubiose Verträge abschlossen, darunter das “zukunftsweisende Abkommen über den immerwährenden Frieden und Freundschaft” zwischen Deutschland und der Sowjetunion aus dem Jahr 1939.
Die Mitglieder des Europäischen Parlaments hatten wohl kaum jemals etwas über Bandera und dieses ganze Zeug gehört. Sie verließen sich vollkommen auf die Polen, die wiederum einen guten Grund hatten, Bandera in etwa so zu sehen, wie Israel Yassir Arafat sieht, da die polnisch-ukrainischen Beziehungen in der Westukraine nach dem Ersten Weltkrieg eine starke Ähnlichkeit zu den jüdisch-arabischen Beziehungen in Palästina nach dem Zweiten Weltkrieg aufwiesen.
Eines muss man den ukrainischen Intellektuellen lassen: Sie verurteilten einstimmig Juschtschenkos Geste als eine unverantwortliche politische Provokation, die in erster Linie Moskau in die Hände spielte. Zugleich kritisierten die Intellektuellen die Abgeordneten des Europäischen Parlaments für ihre unpräzise Wortwahl und noch mehr dafür, dass sie ebenfalls Moskau in die Hände spielten, indem sie hochkomplexe Themen ohne das nötige faktische und kontextuelle Wissen abhandelten. Die Spaltung zwischen den europäischen und den ukrainischen Intellektuellen bezog sich weniger auf den “Text” als vielmehr auf den Kontext; weniger auf die Essenz von Banderas Ideologie, die bedauerlich und altmodisch ist, sondern vielmehr auf den antikolonialen Charakter seiner Bewegung und sein Ziel, eine nationale Befreiung herbeizuführen – diese Themen sind noch heute für viele Ukrainer aktuell und von großer Bedeutung.
Erstaunlicherweise ist es nicht die terroristische Aktivität der OUN gegen die polnische Vorkriegsregierung, die heutzutage in der Ukraine glorifiziert wird, sondern es ist in erster Linie der antisowjetische Widerstand der OUN-orientierten Ukrainischen Partisanenarmee (UPA). Aleksandr Motyl, der ein wichtiger Fachmann auf diesem Gebiet ist, hat diese Besonderheit sehr schön herausgearbeitet:

Die heutigen Ukrainer, für die Bandera ein Held ist, glorifizieren den Widerstand seiner Bewegung gegen die Sowjetunion 1939-1955. Niemand betrachtet den Kampf gegen die Polen und die Juden als löblich, aber für die Allerwenigsten ist dieser Kampf zentral im Hinblick auf das, wofür Bandera und seine Nationalisten stehen: eine Ablehnung von allem Sowjetischen, eine Zurückweisung anti-ukrainischer Verleumdungen und eine bedingungslose Hingabe an die Unabhängigkeit der Ukraine. Bandera und die Nationalisten gelten auch als ein Kontrapunkt zu den korrupten, inkompetenten und bestechlichen ukrainischen Eliten, die in den letzten zwanzig Jahren Misswirtschaft in der Ukraine betrieben haben. Selbstverständlich ist diese populäre Lesart der ukrainischen Geschichte einseitig, und in einer vollständigen Aufrechnung müssten sowohl die guten als auch die schlechten Dinge, die auf das Konto von Bandara und den Nationalisten gehen, Berücksichtigung finden. Aber einseitige historische Lesarten sind nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht in einer unsicheren Nation, die darum kämpft, ihre neugewonnene Unabhängigkeit zu bewahren.1

Der letzte Punkt ist von besonderer Bedeutung. Er impliziert, dass die Ukraine nicht einfach eine “normale” Nation war, mit einer festen Identität und einer gesicherten Staatlichkeit, die sich zwischen Autoritarismus und Demokratie entscheiden musste, also zwischen der krypto- faschistischen Ideologie der OUN und den liberaldemokratischen Werten der heutigen Europäischen Union. Die Realität war eine andere, denn die eigentliche Wahl war in der damaligen Zeit nicht eine zwischen Gut und Böse, sondern zwischen unterschiedlichen Arten des Bösen. Daher ist es nicht der politisch-ideologische Aspekt von Banderas Vermächtnis, der ihm noch heute Relevanz verschafft, sondern es ist eher ein ethischer Aspekt, wenn dieser auch stark idealisiert sein mag – nämlich Patriotismus, nationale Solidarität, Selbstaufopferung und idealistisches Festhalten an gemeinsamen Zielen und Werten.
Genau dieser Teil von Banderas Vermächtnis – und damit der OUN/UPA – war in erster Linie ins Fadenkreuz der Sowjets geraten, wie Alexander Motyl beobachtet: “Die sowjetische Propaganda dämonisierte stets die Nationalisten, jedoch nicht unbedingt wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen – schließlich und endlich, warum sollten ausgerechnet die Sowjets Wert legen auf die Wahrung von Menschenrechten, wo sie doch selbst den Gulag erfunden hatten? Nein, die Dämonisierung der Nationalisten ging vielmehr auf deren Opposition gegen die stalinistische Herrschaft zurück … Die nationalistische Widerstandsbewegung der Nachkriegszeit genoss breite Unterstützung unter der ukrainischen Bevölkerung in der Westukraine, gerade weil sie für eine Opposition gegen den Stalinismus stand und die Sache der nationalen Befreiung symbolisierte. […] Durch die sowjetische Dämonisierung entstand ein Bild der Nationalisten als wilde Halsabschneider ohne jegliches politisches oder ideologisches Programm außer Töten und Zerstören. In erster Linie setzte sich dieses Bild in den stark sowjetisierten Teilen der östlichen und südlichen Ukraine durch, die als Bollwerke der Kommunistischen Partei gegolten hatten. Russen und Russischsprachige griffen die offiziellen Schlagworte auf und beleidigten häufig die nationalbewussten Ukrainer, die es wagten, ihre eigene Sprache zu sprechen, indem sie sie als “Banderas” bezeichneten. Was die russischen Chauvinisten als einen Begriff der Schande prägen wollten – Bandera –, wurde zu einem Ehrenbegriff umgemünzt, vergleichbar mit der Art und Weise, wie Afroamerikaner sich das ‘N-Wort’ angeeignet hatten.”

5.

Die ganze Geschichte nahm im Zuge des Euromaidan eine unerwartete Wendung, als der seltsame Begriff “Jüdische Banderiten” durch die russische Propaganda geprägt wurde, nachdem es den Propagandisten nicht gelungen war, die Demonstranten auf dem Maidan als einen Haufen renitenter Pogromhetzer und rabiater Antisemiten zu diffamieren. Die schwarze Legende scheiterte hauptsächlich daran, dass die ukrainische jüdische Gemeinde sich eindeutig auf die Seite der Demonstranten stellte und die Verleumdung sowohl mit Worten als auch mit Taten verurteilte. Also wurde eine gegenteilige Legende erfunden – die über eine Verschwörung zwischen ukrainischen “Faschisten” und jüdischen Oligarchen, wobei die ersteren als “Banderiten” und die letzteren als “jüdische Banderiten” verunglimpft wurden.
Die Begriffe, die als Beschimpfungen gemeint waren, wurden jedoch nicht abgelehnt, sondern auf eine humoristische Weise übernommen. Etwa trat der jüdisch-ukrainische Oligarch Ihor Kolomojskyj in einem T-Shirt mit der Aufschrift “Zhydo-banderovets” (“Jüdischer Banderit”) und dem ukrainischen Wappen (einem Dreizack), stilisiert zu einer Menora, auf.
Der prominente jüdisch-ukrainische Künstler Alexander Roytburd kam in den ersten Tagen der Maidan-Proteste aus Odessa nach Kiew, um an den Demonstrationen teilzunehmen, und erklärte auf eine ähnlich humorvolle Weise, was er vom angeblichen Antisemitismus auf dem Maidan hielt:

Ich werde häufig gefragt, welche spezifisch jüdischen Gefühle ich in Bezug auf den Maidan habe. Ich habe keine spezifisch jüdischen Gefühle dazu. Natürlich fühle ich mich auf dem Maidan als Jude – genauso wie ich mich als Jude fühle an einem Hawaii-Strand, auf dem Roten Platz oder im Metropolitan Museum. Aber ich fühle mich nicht besonders bedroht dort aufgrund der Tatsache, dass ich jüdisch bin. Einige professionelle Juden haben versucht, in den internationalen Medien eine Kampagne über den “Antisemitismus auf dem Maidan” zu starten. Meine Meinung als Insider dazu: Es gibt auf dem Maidan keinen Antisemitismus. Selbstverständlich gibt es dort einige Antisemiten. Aber die gibt es überall, am Hawaii- Strand ebenso wie auf dem Roten Platz oder im Metropolitan Museum […] Man findet Antisemiten auch beim Dritten Klavierkonzert von Rachmaninow in der Philharmonie. Aber dorthin kommen sie nicht, um die jüdischen Geiger zusammenzuschlagen, sondern um Musik zu hören.2

So humoristisch diese Betrachtung auch sein mag, sie greift ein ernsthaftes Problem auf: Wie weit und wie lange kann eine liberal-demokratische Gemeinde friedlich mit fundamental unliberalen oder sogar antiliberalen Gruppierungen von Rechtsaußen oder Linksaußen koexistieren oder sogar kooperieren? Der gemeinsame Feind – etwa eine ausländische Invasion oder eine Diktatur im eigenen Land – mag dafür sorgen, dass eine solche (limitierte) Kooperation mit Nachsicht bedacht wird, wie viele Widerstandsbewegungen in Europa unter der Nazi-Besatzung rasch herausgefunden haben.

Donetsk Sergei Prokofiev International Airport, 24 December 2014. Photo: Pravda DPR. Source:Wikimedia

Letzten Winter verlief die Front auf dem Maidan in etwa so, wie sie heute im Donbass verläuft. In beiden Fällen sorgte der Ansturm der “Faschisten” von außen dafür, dass es wenig sinnvoll war, sich auf die Suche nach den “Faschisten” in den eigenen Reihen zu machen. Zumal die “Faschisten” von außen viel zahlreicher und besser bewaffnet sind und außerdem fest institutionalisiert in einer jahrhundertelangen Tradition von staatlich gesponsertem Chauvinismus, Hurra-Patriotismus und aggressivem Imperialismus. Zwanzig Jahre lang lachten wir über politische Clowns wie Schirinowksy – bis seine aberwitzigen Aussagen irgendwann Putins Realität wurden. Zwanzig Jahre lang sahen wir in einigen russischen Intellektuellen nichts anderes als harmlose Eigenbrötler – bis wir entdeckten, dass sie bloß Putins Unbewusstes artikulierten. Heute können wir kaum mehr lachen, wenn wir die Aussagen von Alexander Dugin lesen, einem faschistischen Philosophen und langjährigen Professor an der Moskauer Staatlichen Universität, der ein radikales Rezept für die Lösung des laufenden russisch-ukrainischen Konflikts parat hat: “Wir sollten die Ukraine von Idioten säubern. Ein Genozid an den Kretins ist fällig und unumgänglich… Ich kann nicht glauben, dass es sich bei solchen Idioten um Ukrainer handelt. Die Ukrainer sind ein wunderbares slawisches Volk. Das aber ist eine Rasse von Bastarden, die aus Kanalschächten herausgekrochen ist”.3 Wenn wir den Vorstellungen Dugins (oder Putins) von den Ukrainern als einem “wunderbaren slawischen Volk” nicht entsprechen, können wir vom Antlitz der Erde getilgt werden – ganz gleich, ob wir Liberale oder Konservative sind, rechts außen oder links außen – schlicht und ergreifend deshalb, weil wir alle den falschen Typus des Ukrainers repräsentieren, anders als der Typus, den die russische imperiale Imagination sich in den letzten drei Jahrhunderten zurechtgelegt hat.
Die banale und sehr traurige Wahrheit lautet, dass unter dem Beschuss von Scharfschützen oder Granaten die politischen Ansichten der Kämpfer ebenso irrelevant werden wie ihr künstlerischer Geschmack oder ihre sexuelle Orientierung. Zur richtigen Zeit und am richtigen Ort sollte es jedoch unbedingt zu einer Begegnung kommen – wie es etwa bei den letzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen der Fall war, wenn auch nur für kurze Zeit.
Als unverbesserlicher “Liberast” glaube ich daran, dass wir eine solche Gelegenheit bekommen werden – noch einmal und diesmal für einen längeren Zeitraum –, um über die Meister unserer Siege und unserer Niederlagen zu diskutieren, allerdings in einem akademischen und nicht in einem militärischen Rahmen.

  1. www.cicerofoundation.org/lectures/Alexander_J_Motyl_UKRAINE_EUROPE_AND_BANDERA.pdf
  2. life.pravda.com.ua/person/ 2014/02/14/152414/
  3. pbs.twimg.com/media/Bv0ImZyIAAASEX6.png

Published 15 April 2015

Original in English
Translation by Mascha Dabic
First published in Beton International, 10 March 2015 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Beton International
© Mykola Riabchuk / Beton International / Eurozine

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