Ein überflüssiges Unternehmen?

Zur kommentierten Edition von "Mein Kampf"

19 April 2016
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Das Urheberrecht des Freistaats Bayern an der literarischen Hinterlassenschaft von Adolf Hitler ist am 1. Januar 2016 erloschen. Eine Woche später, am 8. Januar, veröffentlichte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eine “kritische Edition” von Mein Kampf.1 Auf einer Pressekonferenz im Münchner Institutsgebäude wurde diese erste in Deutschland seit 1945 gedruckte Ausgabe des Werks vorgestellt. Zwei großformatige Bände von insgesamt fast 2000 Seiten bieten Platz für mehr als 3500 Anmerkungen der vier Herausgeber. Das auf den 5. Oktober 2015 datierte Vorwort des Institutsdirektors Andreas Wirsching erwähnt, dass das Projekt von “erheblichen öffentlichen Debatten” begleitet war. Wirschings Resümee dieser Debatten hält lediglich fest, was unstreitig gewesen sei. “Eines jedoch ist unbestritten: Es wäre wissenschaftlich, politisch und moralisch nicht zu verantworten, dieses rassistische Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist.”

The ruins of the “Führerbunker”, Berlin, in which Hitler committed suicide at the end of April 1945. Photo: Otto Donath / Bundesarchiv, Bild 183-M1204-319. Source: Wikimedia

Diese Aussage ist falsch. Die Notwendigkeit einer kommentierten Ausgabe ist sehr wohl bestritten worden und war der Streitgegenstand der im Blick auf das Auslaufen des Urheberrechts geführten Debatten, soweit sie die wissenschaftlichen Pläne des IfZ betrafen und nicht die juristische Frage, wie mit unkommentierten Nachdrucken von Mein Kampf zu verfahren ist. Zwar haben sehr viele Zeithistoriker schon seit Jahren für eine kommentierte Veröffentlichung plädiert, um deren Genehmigung durch den staatlichen Urheberrechtsinhaber sich Wirschings Vorgänger Horst Möller vergeblich bemüht hatte. Einzelne Fachleute bewerteten das Unternehmen aber als überflüssig, darunter Wolfgang Benz, Autor und Herausgeber von Standardwerken über Völkermord und Antisemitismus, der von 1969 bis 1990 Mitarbeiter des IfZ gewesen ist. Prinzipiell begründeten Widerspruch äußerten Überlebende des Holocaust sowie Repräsentanten der Ermordeten, darunter Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Unter dem Eindruck dieses Protests widerrief der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer die vom Landtag beschlossene Zusage der Finanzierung aus Staatsmitteln.

Es ist verständlich, dass Wirsching angesichts der Einwände und Widerstände die Überzeugung von der Richtigkeit des Institutsvorhabens so deutlich wie möglich formulieren wollte. Die Wendung, die eigene Position sei schwer oder auch gar nicht zu bestreiten, ist in solcher Lage eine gängige Formel. Wirsching macht aber aus der entschiedenen Meinung der Institutsleitung, dass ihr schlecht widersprochen werden könne, die falsche Tatsachenbehauptung, ihr sei nicht widersprochen worden. Das ist kein gutes Omen für eine Edition, die sich gerade vorgenommen hat, jede falsche Angabe des Autors richtigzustellen. Dieses denkbar umfassende Verständnis von editorischem Korrekturbedarf steht hinter der pathetischen Ankündigung, die Ausgabe wolle Hitler in die Schranken weisen. Und für dieses spezielle Konzept der Kommentierung in fortlaufender Widerrede, nicht bloß für das Vorhaben einer kommentierten Ausgabe als solches, nimmt Wirsching in Anspruch, es sei ohne Alternative. Die beiden Wälzer nicht zu produzieren wäre verantwortungslos gewesen, und zwar wissenschaftlich, politisch und moralisch. Hat es das im Wissenschaftsbetrieb schon einmal gegeben: eine kategorisch gebotene Publikation? Man darf solche Formulierungen der Rechtfertigung auf die Goldwaage legen beim Direktor eines Forschungsinstituts, dessen besondere Expertise seit der Gutachtertätigkeit seiner Mitarbeiter in den Kriegsverbrecherprozessen der fünfziger und sechziger Jahre die Ausmessung von Spielräumen der Verantwortung in Extremsituationen gewesen ist. Diese Gutachten erschienen auch in Buchform, wie jetzt Mein Kampf im Selbstverlag des Instituts.

Ohne Ansehung des Objekts

Am 7. Januar 2016, dem Tag vor der Veröffentlichung, erschien in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Das absolut Böse ein Artikel, der die Legitimität der “kritischen Edition” bestritt. Jeremy Adler argumentierte als Literaturwissenschaftler. Die intellektuelle Wucht seiner Intervention ergab sich daraus, dass er aufs Ganze ging. Konsequent entwickelte er seine Kritik aus einem Gedanken, sozusagen dem metaphysischen Anfangsgrund des Editionshandwerks. Der Schlüsselsatz lautet: “Gelehrte Ausgaben dienen per definitionem den Intentionen des Autors.” Das “Vorhaben, ein Buch abzudrucken, weil man es ablehnt”, widerspreche deshalb “der gesamten Tradition der Textedition seit der Spätantike und dem jüdischen Mittelalter”. Diesem Argument setzten die Verantwortlichen in der Pressekonferenz nichts entgegen. Sie beklagten, dass Adler sein Urteil ohne Autopsie der Edition gefällt hatte, von der keine Vorabexemplare ausgegeben worden waren. Es war indes der Sinn von Adlers Untersuchung, dass sie ohne Ansehung des Objekts erfolgte. Adler wollte die Unmöglichkeit einer Edition von Mein Kampf erweisen, und dafür musste die Sorgfalt einzelner Annotationen außer Betracht bleiben.

Es mangele Adler offenbar an Kenntnissen der internen Abläufe der Institutsarbeit, stellte der Institutsdirektor vor der Weltpresse fest. Diese Kritik am Kritiker zielte auf den institutionspolitischen Schlussabschnitt des Artikels. Tatsächlich findet sich dort ein Irrtum: Nicht alle vier Herausgeber sind Angestellte des Instituts. Über die innere Geschichte der Edition lässt sich den Bänden selbst allerdings so gut wie nichts entnehmen: Studenten wird man schon bald erklären müssen, dass sich die Erheblichkeit der “öffentlichen Debatten” im Entzug der staatlichen Mittel niederschlug.

Laut Adler ist die Sicherung des Texts durch den Editor immer auf die Überwindung der Zeit gerichtet. Jede Edition hat so gesehen eine anti-historische Tendenz. “Kritische Ausgaben haben als obersten Zweck, ein Original für alle Zeiten zu bewahren.” Hier werde nun “ein erbärmliches Machwerk eine Dignität erlangen, wie wir sie Homer und Platon, der Bibel und dem Talmud zuordnen”. Die Nähe zur Bibel und zum Talmud fällt ins Auge, weil der Doppelseitenumbruch mit Anmerkungen nicht nur unter dem Text, sondern auch an den Rändern ein Ordnungsprinzip aufnimmt, das zuerst in Handschriften dieser heiligen Texte begegnet. Das steht in der Einleitung der Edition; ebenso, dass sich diese Form “bewährt” hat und noch 1979 in einer Talmud-Ausgabe verwendet wurde. Mehr steht da nicht. Adlers divinatorischer Verdacht bestätigt sich: “Die Editoren wollen das Original ‘umzingeln’, sind sich dabei jedoch nicht bewusst, wie zutiefst anstößig es wirkt, wenn sie eine unter umgekehrten Vorzeichen von den Talmud-Editoren erarbeitete Technik auf ‘Mein Kampf’ anwenden.”

Hingegen waren sie bemüht, dort keinen Anstoß zu geben, wo ihn außer ein paar Spezialisten für die Geschichte der Typografie niemand hätte nehmen können: bei der Auswahl der Schriftart. Erwogen wurde die Trump-Antiqua als “gut lesbare und sachliche Schrift, die möglichst neutral wirkt”. Dann wurde bei “weiteren Recherchen” entdeckt, dass Georg Trump 1934 zum Leiter der Münchner Meisterschule für Buchdrucker avancierte und bei der Amtseinführung mit Sieg-Heil-Rufen begrüßt wurde. “Diese Nähe zum Dritten Reich sollte auf keinen Fall hergestellt werden.” Nach den am IfZ in der Amtszeit des Direktors Martin Broszat entwickelten Kategorien der Widerstandsforschung wird man diese esoterische Geste der Distanzierung unter Resistenz fassen.

Die Herausgeber fragen in ihren Gebrauchshinweisen für den textkritischen Apparat: “Wie weit ist es sinnvoll und angemessen, einen Text wie Mein Kampf nach Maßstäben zu edieren, die in der Regel nur literarischen Texten vorbehalten sind? Erhält Hitlers Schrift damit nicht eine sprachliche, intellektuelle oder gar künstlerische Bedeutung, die sie in Wirklichkeit nie hatte?” Sie beruhigen sich damit, dass schon die textkritische Behandlung als solche, die Dokumentation von Varianten, “schließlich der Aura des Sakralen entgegenarbeitet, mit der die NS-Propaganda Hitlers Debüt als ‘Schriftsteller’ zu umgeben suchte”. Da aber gerade sakrale Texte in textkritischer Aufbereitung tradiert werden, geht diese Überlegung ins Leere. Angesichts der Bibel- und Talmud-Assoziationen der Seitengestaltung wird man das Wort “entgegenarbeiten” an der zitierten Stelle gegen die Absicht der Autoren so verstehen müssen, wie es in der NS-Forschung üblich ist, seit Ian Kershaw in einer Rede eines NS-Agrarpolitikers die Losung fand, es sei die Pflicht jedes Deutschen, “dem Führer entgegenzuarbeiten”.

Singuläre Edition?

Kershaw, der Hitler-Biograf und Historiker des Hitler-Effekts, der Ausbreitung des Führerglaubens in der deutschen Gesellschaft, war am 8. Januar in München anwesend und stellte die von Adler behauptete Singularität der Edition in Abrede. Texte wie Mein Kampf würden fortwährend ediert: Schriften Stalins und Mussolinis, von Hitler in einer vielbändigen, nun sozusagen komplettierten Ausgabe des IfZ sämtliche Reden, Schriften und Anordnungen. Es fehlt allerdings am Beispiel für ein Manifest eines Tyrannenkollegen, das so ediert worden wäre wie jetzt Mein Kampf: in der grafischen Gestalt mit der einem Klassiker gebührenden Andacht zum Unbedeutenden und in der Sache im Geist des unerbittlichen Widerspruchs. Die Korrektur autobiografischer Legenden und anderer Propagandalügen gehört sicherlich zum Standard beim Edieren der Ego-Dokumente von Diktatoren: Solche Richtigstellungen fallen unter die zum Verständnis nötigen Sachinformationen, die jede wissenschaftliche Edition einer historischen Quelle bieten muss. Aber Christian Hartmann und seine Herausgeberkollegen treten auch Aussagen Hitlers entgegen, deren ideologischer Charakter offenkundig ist. Es war gemäß den Worten von Hans Buchheim eine der ersten Institutsaufgaben, auf die “Unvollständigkeiten”, “Verdrehungen” sowie “Zwei- und Dreideutigkeiten” der Erinnerungsliteratur von Altnazis mit Sachaufklärung zu reagieren. Hartmann & Co. wollen nun der Weltanschauung den Rest der Welt hinzufügen. “All das, was Hitler ignoriert oder geflissentlich verschweigt, ergänzt daher die Kommentierung.”

Die Herausgeber sagen in der Einleitung selbst, dass es für ihr Vorhaben entgegen Kershaws Einlassung auf der Pressekonferenz “im Grunde wenig Vergleichbares gibt”, und räumen ein, dass ihr polemischer Kommentarmodus “aus der Sicht der klassischen Editionswissenschaft ungewöhnlich scheinen” mag. “Aber ungewöhnlich ist auch – und damit sind wir beim Kernproblem des gesamten Projekts – ungewöhnlich ist auch die Edition einer Quelle, deren Historisierung immer noch nicht abgeschlossen ist.” Das ist der letzte Satz der Vorbemerkung, der Einleitung zur Einleitung, der nicht weiter erläutert wird. Er ist kryptisch. Was soll Historisierung hier bedeuten?

Das Buch ist noch nicht vollständig historisch geworden, noch kein historisches Objekt wie jedes andere. Wenn man die Aussage so paraphrasieren darf, bezieht sie sich auf die Behandlung als Geheimsache, die Mein Kampf nach Kriegsende widerfuhr: Der Verzicht auf Nachdrucke wirkte sich wie ein Verbot aus. Es konnte keinen kursorischen Umgang mit diesem Überrest der Diktatur geben, wie er gerade bei Büchern normal ist, keine mehr oder weniger rasch in Gleichgültigkeit übergehende Vertrautheit des Durchblätterns. Ausgerechnet dieses Buch, das seit jeher als unlesbar beschrieben wird, konnte unmöglich langweilig sein. Versteht man also, warum Mein Kampf die Historisierung noch vor sich hat, so irritiert gleichwohl, dass das im Kontext von Quelleneditionen etwas Ungewöhnliches sein soll. Die meisten Quellen der Geschichtswissenschaft werden schließlich zum ersten Mal gedruckt, wenn sie ediert werden. Vorher waren diese Urkunden, Tage- oder Haushaltsbücher unbekannt; ihre Historisierung kann erst mit der Drucklegung beginnen. Insoweit ist Mein Kampf also, weil das Buch siebzig Jahre lang nicht gedruckt werden durfte, gerade nicht ungewöhnlich.

Sinnvoll wird die Aussage über die unabgeschlossene Historisierung erst, wenn man zum Vergleich lediglich andere Quellen für die Geschichte Hitlers heranzieht, etwa seine Reichstagsreden und das Hoßbach-Protokoll über die Kriegsplanung, aber auch die Nürnberger Gesetze oder die Filme von Leni Riefenstahl. Von Quellen der Nazizeit sprechen die Herausgeber an dieser Stelle nicht ausdrücklich, weil für professionelle Zeithistoriker die Stichwörter Historisierung und Nationalsozialismus ohnehin zusammengehören. Ganz besonders muss das für Mitarbeiter des IfZ gelten. Das Syndrom der beiden Vokabeln steht für die theoretischen Ambitionen des Instituts auf dem Höhepunkt seines Ansehens, für den geschichtspolitischen Wirkungswillen eines disziplinären Avantgardismus, an den sich allerdings die Frage nach der Fähigkeit zum Umgang mit Kritik knüpft. Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus hieß der Aufsatz, den Martin Broszat 1985 im Merkur veröffentlichte.2

Die Historisierung, zu deren Anwalt Broszat sich machte, obwohl es sich angeblich um einen naturwüchsigen, ohnehin unvermeidlichen Prozess handeln soll, stellte er als Gegenbegriff zu einer moralischen Betrachtung oder jedenfalls einer für “politische Pädagogik” typischen “pauschalen” Verurteilung und “Absperrung” der Hitlerzeit vor. Wegen dieser Antithetik rief der Aufsatz Einwendungen Saul Friedländers hervor. Da auch Ernst Nolte im 1986 ausgebrochenen Historikerstreit unter der Fahne der Historisierung kämpfte, musste sich Broszat, Pionier und Organisator der strukturanalytischen NS-Forschung, gegen die Besorgnis zur Wehr setzen, sein Konzept laufe ebenfalls auf eine Relativierung der deutschen Menschheitsverbrechen hinaus. In einem Briefwechsel, den die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, die Hauszeitschrift des IfZ, abdruckten, versuchten Broszat und Friedländer zu einer Klärung ihrer Standpunkte zu gelangen.3

Aus heutiger Sicht frappiert an Broszats Aufsatz, dass in seiner Skizze einer Gesamtdeutung des Nationalsozialismus Völkermord und Vernichtungskrieg nur am Rande vorkommen. In der Hauptsache beschäftigt sich Broszat mit sehr abstrakt beschriebenen Motiven für die Partizipation breiter Schichten, wobei er den Willen zum sozialen Fortkommen hervorhebt und die ideologische Übereinstimmung mit den Programmen des Regimes kleinredet. Zwar dient der Judenmord gleich am Anfang des Aufsatzes als Erklärung dafür, dass diese Vergangenheit nicht vergehen will. Der “Zivilisationsschock” bestehe fort, zitiert Broszat aus der New York Review of Books, um die Wahrheit dieser Aussage sogleich auf den erweiterten Leserkreis der Zeitschrift einzuschränken: “Das gilt nicht nur für Israel, sondern auch für die Großstädte der amerikanischen Ostküste, wo Hunderttausende von Emigranten und Überlebenden aus Mittel- und Osteuropa Zuflucht fanden.” Holocaust-Erinnerung: ein lokales Phänomen?

Im Briefwechsel mit Friedländer muss der Judenmord dann größeren Raum einnehmen, ebenso in einem Aufsatz in der Historischen Zeitschrift, dem Zentralorgan der Historikerzunft, in dem Broszat die wichtigsten Partien seines Teils der Korrespondenz noch einmal collagierte, ohne Verweis auf Friedländer, so dass er den Dialog nachträglich durch einen Monolog ersetzte.4 Nun spricht Broszat von der “Zentralität von Auschwitz”, hält diese allerdings nur “aus der Retrospektive” für gegeben, und zwar weil die Opfer nicht vom Thema lassen können. “Angesichts der besonders intensiven jüdischen Erinnerung an den Holocaust kann es sehr wohl sein, dass er in der Erinnerung der Welt andere Taten und Untaten des Dritten Reiches mehr und mehr verblassen lässt.” Das “kann” nach Broszat nun aber “der Historiker” nicht “so ohne weiteres akzeptieren”: dass nämlich die “ganze Geschichte” dieses Reiches “in den Schatten von Auschwitz gestellt” wird. Der (nichtjüdische) Historiker macht sich zum Sachwalter der nichtjüdischen Opfer einschließlich jener “nichtnationalsozialistischen deutschen Traditionsbestände”, die “infolge ihrer ‘Indienstnahme’ in gewisser Weise selbst Opfer des Nationalsozialismus wurden”.

Dass die Historisierung auf sich warten lässt, macht Broszat daran fest, dass auch in der wissenschaftlichen Literatur “noch immer der übermächtige Eindruck des katastrophalen Endes und Endzustandes” dominiere, “die Vorstellung vom systematischen Charakter, der kalkulierten Stufenfolge und weltanschaulichen Zielgerichtetheit einer machiavellistisch mit verteilten Rollen arbeitenden Herrschaft unter der alles dominierenden Führungsfigur Hitlers”. Die Rückständigkeit des Geschichtsbewusstseins soll hier dadurch belegt werden, dass der Ansatz des Verfassers sich noch nicht durchgesetzt hat: Broszats Funktionalismus bestand nämlich gerade in der Kritik dieser Vorstellung von System, Stufenfolge, Zielgerichtetheit und Dominanz Hitlers. Als typisch für die unmittelbare Nachkriegszeit bestimmt Broszat eine “dämonologische”, die Nazizeit als Ganzes verwerfende, in Wahrheit die postumen Exorzisten aber entlastende Sicht Hitlers. Nicolas Berg hat in seiner großen Untersuchung über den Holocaust und die westdeutschen Historiker gezeigt, dass Broszats Erzählung von der Ablösung der Dämonologie durch die Strukturanalyse eine Legende ist.5 Schon in der Anfangszeit der wissenschaftlichen Zeitgeschichte wurde die Lehre von Sachzwang und Eigendynamik chaotischer Arbeitsteilung im Herrschaftsapparat des NS-Staates entwickelt, die im Ergebnis nicht weniger entlastend wirkt als die Abschiebung der Schuld auf den Dämon Hitler und seine Clique. Sie gehörte zum Gründungsprogramm des Instituts für Zeitgeschichte, wie aus den Schriften des zweiten Direktors Hermann Mau hervorgeht.

Neue Sachlichkeit

Für das Ideal einer Historiografie, die die Geschichte des “Dritten Reiches” aus dem Schatten von Auschwitz herausholen sollte, gebrauchte Broszat 1985 eine Chiffre aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus: “neue Sachlichkeit”. Im IfZ war diese forschungsästhetische Idealvorstellung alles andere als neu. Bergs These ist, dass die Forderung der Sachlichkeit von den Gründerjahren bis in die Ära des Direktors Broszat dazu diente, Privatforschern aus dem Kreis der Holocaust-Überlebenden die Mitarbeit zu verweigern. Einer der von dieser Abwehr betroffenen Autoren war H. G. Adler, der Vater von Jeremy Adler. Er war von Februar 1942 an in Theresienstadt interniert und wurde 1944 nach Auschwitz gebracht. 1955 veröffentlichte er sein Buch über Theresienstadt. Mit den Historikern des IfZ teilte Adler die modernitätskritische Perspektive auf das Lager als exemplarischen Ort der verwalteten Welt. In seiner Korrespondenz mit dem Institut demonstrierte er seine Übereinstimmung mit dem Habitus der Sachlichkeit, der den Institutsstil prägte, auch in Absetzung von anderen jüdischen Privatgelehrten wie Joseph Wulf. So versprach er, als er sich 1959 um Förderung für seine Forschungen zu den Judendeportationen bemühte, einen “sehr strengen und unemotionellen Ton” zu wahren. Der Forschungsauftrag wurde erteilt, aber das 1965 eingereichte Manuskript wurde vom Institut abgelehnt. Die Trennung von Quellenauswertung und Analyse sowie die Aufarbeitung des Forschungsstands vermissten die Gutachter an dem “sehr persönlich gefärbten Produkt”, dessen Produzent “nicht nur wissenschaftlicher Bearbeiter, sondern auch unmittelbar beteiligter Zeitgenosse” war.

1960 hatte Adler angeregt, Hermann Langbein, den Mitbegründer des Internationalen Auschwitz Komitees, mit Forschungen zur “Typologie des Lagerpersonals” zu beauftragen. Antwort des Instituts: Langbein solle seine “Erfahrungen und Erkenntnisse” lieber in “Form eines Zeugenberichts” niederlegen. Man würde sich freuen, “von einem Kenner einen ausführlichen Bericht von Auschwitz” zu bekommen, den man sich als “Gegenstück zu den Erinnerungen” des Lagerkommandanten Rudolf Höß dachte. Dessen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis hatte das IfZ 1958 ediert, obwohl im Beirat Bedenken dagegen geäußert wurden, “daß das Institut die schriftlichen Ergüsse eines Massenmörders veröffentlichen wolle”. Broszat sprach Höß “eine Art nachträgliches Sach-Interesse an dem Verhandlungsgegenstand” zu, wobei er diese Spielart der “Sachlichkeit” einerseits als “buchhalterisch knapp und exakt” würdigte und andererseits mit Ausdrücken des Abscheus wie “schamlos” und “penetrant” belegte.

In den Briefen an Friedländer bestand Broszat auf einem Widerstreit zwischen der strengen Wissenschaft und dem Zeugenbericht des Opfers, dem keine Sachlichkeit abverlangt wird, beziehungsweise dem kollektiven Gedächtnis der Hinterbliebenen, das solche Berichte tradiert. Broszat postulierte einen Gegensatz zwischen jüdischer Erinnerung und deutscher Forschung nach dem Muster des Konflikts von Mythos und Logos. Sein Vorgänger Mau hatte beschrieben, wie der Zeithistoriker und der für die Frühzeit des IfZ typische Zeitzeuge aus dem Kreis der Belasteten einander im Gefühl der Zeitgenossenschaft begegneten: “Das ermöglicht mitunter eine überraschende und menschlich bewegende Solidarität des Historikers mit dem Zeugen, die der Sache höchst dienlich ist.” Broszat kannte dreißig Jahre später nur noch die Solidarität mit den Zeugen auf der Opferseite, nun aber auf der Basis des Wissens, dass das Schicksal den Historiker und den Zeugen trennte. “Zur Besonderheit auch der wissenschaftlichen Erkundung dieser Vergangenheit gehört das Wissen darum, dass sie noch besetzt ist mit vielerlei Monumenten trauernder und auch anklagender Erinnerung, besetzt von den schmerzlichen Empfindungen vieler vor allem auch jüdischer Menschen, die auf einer mythischen Form dieses Erinnerns beharren.” Zwar ist das Wort “besetzt” hier gesunkenes Kulturgut der Psychologie, aber angesichts der räumlichen Metaphorik der Denkmalslandschaft drängt sich doch auch die Assoziation der Okkupation auf.

Obwohl Broszat selbst in Bildern sprach, beunruhigte ihn die Macht der Bilder in der “mythischen Erinnerung”, die möglicherweise “auf dem Vergessen der den Zeitgenossen noch vertrauten Einzelheiten und Imponderabilien der Geschichte” beruhe. “Zu den Problemen einer mehr auf rationales Begreifen ausgehenden jüngeren deutschen Historikergeneration gehört sicher auch, dass sie es mit einer solchen gegenläufigen, geschichtsvergröbernden Erinnerung unter den Geschädigten und Verfolgten des Naziregimes und ihren Nachkommen zu tun hat.” Diese Entgegensetzung zwischen Rationalitätsgewinn und Vergröberung entgeisterte Friedländer, dessen Eltern ihn als Zehnjährigen in Frankreich in ein katholisches Internat gegeben hatten, bevor sie ermordet wurden. Friedländers präzise Nachfragen nach den Implikationen von Broszats Gegensatzkonstruktionen wies dieser als Ausdruck von “Misstrauen” und “Argwohn” zurück, deren “Gründe” ihm allerdings “verborgen” gewesen seien.

Büchse der Pandora

Einen “Eindruck der Flüchtigkeit bzw. Vergröberung” hatte Broszat 1964 von der Quellendokumentation gewonnen, die Joseph Wulf zur Tätigkeit des Leiters der ärztlichen Behörde des Warschauer Ghettos vorlegte, der es in Bonn zum Präsidenten des Bundesgesundheitsamts gebracht hatte. In einem seiner Briefe an Wulf versicherte Broszat: “Ich verstehe das Motiv Ihres Schreibens.” So versichern jetzt die Herausgeber von Mein Kampf in der Einleitung zu ihrer Edition, das “Urteil” von Charlotte Knobloch, das Buch sei eine Büchse der Pandora, die man nie wieder werde verschließen können, sei “psychologisch verständlich” und müsse “ernst genommen werden”. Schon die Äußerung des Verständnisses kann man für herablassend halten, das Psychologische ist nicht weit entfernt vom Pathologischen. Die Annahme, Frau Knobloch urteile aus persönlicher Betroffenheit und artikuliere keinen allgemeinen Gesichtspunkt, ist schon deshalb deplatziert, weil sie sich erst unter dem Eindruck von Gesprächen mit anderen Überlebenden als deren Sprecherin gegen das Editionsprojekt aussprach. Jeremy Adler warnt: “Mag der Wille hinter der Neuausgabe noch so gut sein, der Abdruck eines fragwürdigen Textes kann nur ein Ergebnis zur Folge haben: die Aussagen des Autors zu verbreiten. Ob diese beim Publikum auf Zustimmung oder Ablehnung stoßen, vermag kein Herausgeber zu bestimmen – ein gewissenhafter Editor darf seine Leser gar nicht steuern.” Statt es der Zukunft zu überlassen, ob Charlotte Knoblochs Befürchtungen sich als gegenstandslos erweisen, stellen die Herausgeber zur Diskussion, ob das Bild von der Büchse der Pandora “angemessen” sei. “Wird damit das Potential eines Buchs, dessen erster Band vor nunmehr 90 Jahren erschien und das in mancher Hinsicht ganz einfach alt, abgestanden und für heutige Leser unverständlich geworden ist, nicht völlig überschätzt, von Neuem mystifiziert und schließlich auch verdrängt?” Mystifikation ist ein vornehmes Synonym für Vergröberung.

Merke: Dieses Buch ist so gefährlich, dass man es nicht unbegleitet vagabundieren lassen darf, obwohl die kommentierte Ausgabe frei verkäuflich ist und also von einem Leser zum nächsten wandern kann, aber durch die Kommentierung kann es mit einem Schlag unschädlich gemacht werden. Der Glaube an die Gegenzaubermacht der Wissenschaft ist der rote Faden der Arbeit des IfZ. Als obersten Grundsatz der Editionsarbeit nennen die Herausgeber das “Prinzip der Versachlichung”. Unter der “Maßgabe von Rationalität, Überprüfbarkeit und Allgemeingültigkeit” suchen sie eine “aufklärerische Auseinandersetzung” mit Mein Kampf, “welche die potentielle Wirkung dieses Symbols ein für alle Mal beendet”. Hitler kann nicht wie Höß wenigstens ein klägliches Bemühen um die Simulation von Sachlichkeit bescheinigt werden. In einem Buch mit Aufsätzen zur “Diagnose Adolf Hitlers”, an dem auch H. G. Adler beteiligt war, schrieb Hans Buchheim 1960: “Wenn er Deutschland sagte, diente er nicht der Sache, sondern versuchte er, die Sache in seinen Dienst zu zwingen.” Was Hitler in seinem Werk ausbreitet, ist von der ersten bis zur letzten Seite das Gegenteil von rational und allgemeingültig, überprüfbar ist es nur gegen den Willen des Autors. So ist Hitlers Geschichte der NSDAP nach dem Urteil der Herausgeber “alles andere als eine sachliche, wirklichkeitsgetreue Darstellung”. Ihm fehlte “im Schreiben wie auch im logischen Denken jede systematische Schulung”. Zwar nannte er die Festung Landsberg, in deren Mauern er den ersten Band zu Papier gebracht hatte, seine “Hochschule auf Staatskosten”. Aber “mit Wissenschaft hatte dies auch nicht ansatzweise etwas zu tun”.

In der Geschichte des Instituts für Zeitgeschichte markiert die Edition das Ende der Vorherrschaft der strukturanalytischen Methode. Sie hat nicht mehr wie zu Broszats Zeiten den Schein der Fortschrittlichkeit für sich. Der Kommentar stellt Hitlers Ankündigungen auch seine späteren Handlungen gegenüber, und wie von selbst stellt sich der Eindruck ein, dass eben doch sehr, sehr viel System, Plan und Richtung in seiner Politik steckte, deren Primat Friedländer gegenüber der von Broszat beschworenen gesellschaftlichen Dynamik verteidigte. Diese Revision ist zwar nicht offizielle Institutspolitik; das würde auch den Spielregeln eines Forschungsinstituts widersprechen. Der Direktor Wirsching betont bei jeder Gelegenheit, dass Mein Kampf keinesfalls als “Blaupause” gelesen werden dürfe, wolle man nicht in den “Hitlerismus” der dämonologischen Phase zurückfallen. Der federführende Herausgeber Christian Hartmann, ein Schüler Andreas Hillgrubers, lässt dagegen durchblicken, dass in seinen Augen die Blaupause gar kein schlechtes Bild ist.

Durch Broszats Briefe an Friedländer zieht sich der Begriff des Irrtums. Er wollte verstehen, “warum so große Teile einer zivilisierten Nation irrigerweise in so starkem Maße dem Nationalsozialismus und Hitler verfielen”, und meinte, dass er mit den von ihm dirigierten alltagshistorischen Forschungen über Bayern “die Motive irrender kleiner Nazianhänger verstehbar gemacht” hatte. Doch worin irrte “der irrende Kleinbürger der NS-Zeit”? Nicht doch in der Annahme, der von Mein Kampf ausgehende Weg führe nicht nach Auschwitz? In seiner ersten Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus von 1960 sprach Broszat von der “befremdlichen Selbsttäuschung” der Deutschen, die sich vom “Monstrum der nationalsozialistischen Weltanschauung” hätten entmündigen lassen. An dieser monströsen Wirkung soll nach Broszat das in 12 Millionen Exemplaren verbreitete autobiografische Manifest Hitlers keinen Anteil gehabt haben. In einem Aufsatz über das 1961 in der Schriftenreihe des IfZ verlegte sogenannte “Zweite Buch” Hitlers, eine außenpolitische Niederschrift von 1928, nannte es Broszat “methodisch misslich”, dass in der Zeitgeschichtsschreibung “als Beleg für die politischen Maximen Hitlers immer wieder in so starkem Maße ‘Mein Kampf’ herangezogen” worden sei. “Zur Geschichte des Buches ‘Mein Kampf’ gehört es, dass es von den Gläubigen, Kritikern und Gegnern bis 1945 kaum gelesen und ernst genommen worden ist.”6 Diese Handbuchweisheit der Nachkriegszeit ist heute widerlegt, dank den Forschungen von Othmar Plöckinger, einem der vier Herausgeber der Edition.7

Dass “das IfZ seine Arbeit als Huldigung an die Opfer” versteht, ist für Jeremy Adler “der pure Hohn: Man ruft die wehrlosen Toten an, um sein eigenes Handwerk zu rechtfertigen.” Von Respekt spricht die entsprechende Stelle der Einleitung. “Und schließlich gibt es noch einen weiteren Grund, der für eine intensive Kommentierung von Mein Kampf im Sinne der kritischen Auseinandersetzung spricht: Der Respekt vor denen, die der hier ausformulierten Ideologie zum Opfer fielen.” Man habe Respekt vor der Kritik aus der Perspektive der Opfer, sagte Wirsching auf der Pressekonferenz, und er wiederholte diese Formel, als er auf Adler angesprochen wurde. Der “Respekt vor den Opfern der Naziverbrechen”, schrieb Broszat am 28. September 1987 im ersten seiner drei Briefe an Friedländer, gebiete es, “ihrer mythischen Erinnerung Raum zu lassen”. Wirsching warf Adler vor, den negativen Mythos des weggesperrten Buches wiederherzustellen. Die Herausgeber fassen ihre Arbeit in dem Befund zusammen, dass “Hitlers Schrift inhaltlich, sprachlich sowie in ihrem Aufbau so etwas wie ein Monstrum darstellt”, weshalb ihnen “nichts anderes übrig” geblieben sei, “als der Gestalt dieses Monstrums so genau wie möglich nachzuspüren”. Einem Monster ähnlich: Auf “die nach wie vor existierende Mythologisierung des Buchs” antworten die Editoren mit alter mythologischer Rede.

Ein Buch Hitlers war 1951 die allererste vom IfZ veranstaltete Quellenpublikation: die postume Zusammenstellung der sogenannten Tischgespräche im Führerhauptquartier. Bundespräsident Heuss höchstpersönlich hatte in der entscheidenden Sitzung von Kuratorium und Beirat seine Zustimmung signalisiert. Gleichwohl sorgte die Edition für einen Skandal. Das Bundeskabinett beschloss, die Tätigkeit des Instituts zu überprüfen, und versuchte, die Veröffentlichung zu unterbinden, insbesondere den Vorabdruck in der Illustrierten Quick. Der bayerische Ministerpräsident Ehard verurteilte die Publikation in einer Landtagsrede. Unvorsichtig hatte der Institutsdirektor Mau gegenüber dem Spiegel eine “publizistische Weltsensation” angekündigt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stand: “Es ist eine große Frage, ob es klug und richtig war, dieses Buch herauszugeben. Die Frage bejahen, heißt sich dem Vorwurf auszusetzen, man übersähe die gefährlichen Wirkungen, die aus den Sätzen dieses Mannes, der offenbar über jeden Gegenstand etwas auszusagen weiß, entstehen könnten. Die Frage verneinen heißt, der freiheitlichen Lebensform, genauer: dem Grad ihrer Vollkommenheit in Deutschland, ein schlechtes Zeugnis auszustellen.” Im Tenor des letzten Satzes äußerte sich Ian Kershaw am 8. Januar 2016.

Der Herausgeber der Tischgespräche, der einflussreiche und wortgewaltige Freiburger Historiker Gerhard Ritter, der nach dem 20. Juli 1944 verhaftet worden war, musste aus dem Beirat ausscheiden. Er hatte auf eine Kommentierung verzichtet und die Gefahr in Kauf genommen, “dass unverständige Leser die gewagtesten Behauptungen Hitlers bloß deshalb für bare Münze nehmen, weil sie so selbstsicher vorgetragen werden”. Der Beirat bekundete sein Erstaunen darüber, wie sehr Ritter “die Bedeutung eines wissenschaftlichen Kommentars unterschätzt” habe. Mit unfehlbarem Talent zur Zuspitzung urteilte Hannah Arendt in ihrer Rezension im Monat: “Da auf jeglichen Kommentar verzichtet wird, hat man Hitler wie zu seinen Lebzeiten das freie unwidersprochene Wort gelassen.” Broszat nannte Hannah Arendts Kritik “naiv” und “abwegig”. Die Tischreden stellten “fraglos eine der besten Quellen dar, um dem ungeschminkten Wesen Hitlers nahezukommen”. Jetzt überboten durch Mein Kampf, für die Herausgeber “das umfangreichste und in gewisser Weise auch intimste Zeugnis eines Diktators, dessen Politik und dessen Verbrechen die Welt vollkommen verändert haben”.

Gegenüber Hitler, dem Politiker und dem Verbrecher, verschlägt es Wirsching und seinen Editoren die Sprache nicht. Dafür fehlen wie zu Broszats Zeiten die Worte für Kritiker, deren Standpunkte man sich mit ihrer persönlichen Geschichte erklärt. Die Ausgangsvermutung der Arbeit von Nicolas Berg wird bestätigt: Es lohnt sich, “der misslungenen Kommunikation in geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzungen als neuralgischen Punkten der Erkenntnisbemühungen besondere Aufmerksamkeit zu zollen”.

  1. Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Hrsg. v. Christian Hartmann, ThomasVordermayer, Othmar Plöckinger u. Roman Töppel im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. München 2016.
  2. Martin Broszat, Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus. In: Merkur, Nr. 435, Mai 1985.
  3. Martin Broszat/Saul Friedländer, Um die "Historisierung des Nationalsozialismus". Ein Briefwechsel. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 2, April 1988.
  4. Martin Broszat, Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus? In: Historische Zeitschrift, Nr. 1, August 1988.
  5. Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. Göttingen: Wallstein 2003.
  6. Martin Broszat, Betrachtungen zu "Hitlers Zweitem Buch". In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 4, Oktober 1961.
  7. Othmar Plöckinger, Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945. München: Oldenbourg 2011. Ders. (Hrsg.), Quellen und Dokumente zur Geschichte von "Mein Kampf" 1924-1945. Stuttgart: Steiner 2016.

Published 19 April 2016

Original in German
First published in Merkur 3/2016

Contributed by Merkur
© Patrick Bahners / Merkur / Eurozine

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