Die Zeit aus den Fugen

Westliche Vorherrschaft, islamistischer Terror und die arabische Vorstellung

9 May 2005
Read in:

I

Shamateh – Schadenfreude – angesichts des Todes ist in der arabisch-islamischen Kultur striktest untersagt, selbst wenn es der Todfeind ist, der gewaltsam ums Leben kommt. Trotzdem wird man heute kaum einen Araber finden, sei er auch noch so von seiner Ratio gesteuert, gebildet und kultiviert, der im tiefsten Inneren keine Spur von Schadenfreude über das Leiden der Amerikaner am 11. September empfand. Auch ich hatte Mühe meine Schadenfreude zu unterdrücken, sie zu negieren und mir nichts anmerken zu lassen, während meine Intuition mir zuraunte, dass im gesamten arabischen Raum und darüber hinaus tausende und abertausende Menschen ähnlich empfanden.

Niemals hegte ich auch nur den leisesten Zweifel, wer diese Gräueltat verübt hatte. Für die Dschihadisten unter uns war das World Trade Center seit dem missglückten Anschlag 1993 eine offene Rechnung, Inbegriff einer schwelenden Fehde. Als Araber weiß ich um die Bedeutung von Rache in unserer Kultur und um ihr verzehrendes Feuer. Mir war aber auch klar, dass die USA im Gegenzug nun ihrerseits alles daran setzen würden, jede Keimzelle der islamistischen Bewegung weltweit auszulöschen. Nur meine eigene beschämende Reaktion auf dieses Gemetzel unter Unschuldigen verstand ich nicht. War sie vielleicht auf die schlechten Nachrichten aus Palästina zurückzuführen, die uns in dieser Woche erreichten? Auf die Genugtuung über diesen plötzlichen, wenn auch nicht nachhaltigen Schlag gegen die Arroganz der Macht? Darauf, dass die zu Frankenstein-Monstern entarteten Sprösslinge des Dschihad nun ihre Köpfe reckten und auf die USA, ihren Meister losgingen, der mit zurückhaltender Fürsorge ihr Überleben gesichert hatte? Oder war es meine Sympathie mit dem verständlichen Groll der Schwachen und Marginalisierten an der Peripherie der Weltmächte gegen das Zentrum, genauer gesagt, gegen das die Macht verkörpernde Zentrum des Zentrums? Bedeutet meine Reaktion und die stille Schadenfreude der arabischen Welt, dass Huntingtons Kampf der Kulturen nun, früher als wir dachten, Realität geworden ist?

Diese Frage ist mit einem definitiven Nein zu beantworten. Trotz der gegenwärtig gängigen Mutmaßungen über gravierende globale Konfrontationen zwischen der islamischen und westlichen Welt, glaube ich, dass dieser Krieg bereits vorüber ist. Es mag in den kommenden Jahrzehnten immer wieder zu Auseinandersetzungen kommen, die viele unschuldige Opfer fordern könnten, doch der militante Flügel der Islamisten ist kaum als aufgehender Stern einzustufen. Viel eher ist anzunehmen, dass seine Gefolgschaft in der arabisch-muslimischen Welt abnehmen und sich unter anderen muslimischen Gruppierungen wachsender Widerstand breit machen wird. 9/11 markierte nicht den Auftakt einer weltweiten islamistischen Erhebung, sondern vielmehr ihr letztes Aufflackern.

II

Die Quellen des Terrorismus, schrieb Joseph Conrad einmal, sind der Wahnsinn und die Verzweiflung. Der dem spektakulären Anschlag auf das World Trade Center innewohnende Wahnsinn ist offenkundig. Die zugrunde liegende Verzweiflung offenbart sich im Selbstzerstörerischen dieser Tat, in der unausweichlichen Auslöschung derer, die diesen Anschlag geplant und ausgeführt haben, vor allem der al-Qaida-Netzwerke, Organisationen und Support-Systeme (einschließlich des Taliban-Regimes in Afghanistan), aber auch der islamistischen Bewegung weltweit.

Obwohl die Dimensionen dieses Terroranschlags alles Derartige, das die Welt bis dato gesehen hat, in den Schatten stellt, kann 9/11 als Verzweiflungstat doch mit vergangenen Terrorakten verglichen werden, durch die sich das Ende jener Bewegungen, in deren Namen sie begangen wurden, abzeichnete: die Entführung und Ermordung des deutschen Industriellen Hanns Martin Schleyer durch die Baader-Meinhof-Bande im Sommer 1977 zum Beispiel und, ein Jahr später, die Entführung und Ermordung von Aldo Moro, dem Spitzenpolitiker Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg, durch die Roten Brigaden. In beiden Fällen wurde schnell und entschieden zu einem Gegenschlag ausgeholt, der nicht nur die jeweiligen Terroristenringe und die sie umgebenden Netzwerke und Organisationen zerschlug, sondern letztendlich auch den kommunistischen Regimen und weltweiten Bewegungen der radikalen Linken, unter deren Ägide sie standen, ein Ende bereitete. Im Rückblick nach 9/11 scheint mir der linksradikale Terrorismus der Siebzigerjahre in Europa tatsächlich ein vergeblicher Ausbruchsversuch des Kommunismus und der radikalen Arbeiter- und Dritte-Welt-Bewegungen aus der historischen Engführung und unüberwindbaren strukturellen Krise, aus der es zu diesem Zeitpunkt für sie und andere revolutionäre Bewegungen weltweit kein Entrinnen mehr gab. Die Terroranschläge dieser Epoche kündeten erstmals vom Ende dieses Kapitels Weltgeschichte, waren das erste sichtbare Zeichen eines letzten Aufloderns vor dem unausweichlichen Niedergang nicht nur dieser Bewegungen, sondern des weltumspannenden Systems des Kommunismus selbst.

Der Terror des fundamentalistischen Islamismus und die ihm zuzuschreibenden Aufsehen erregenden Gewalttaten sind nicht minder Ausdruck eines verzweifelten Versuchs, den historisch toten Punkt, den die Reislamisierungsbewegung weltweit erreicht hat, zu überwinden und ihre mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzende, unausweichlich dem Ende zusteuernde strukturelle Krise abzuwenden. Meiner Meinung nach bilden diese Gewaltakte ganz allgemein den Auftakt für die zunehmende Erosion des militanten Islamismus, bis er schließlich völlig vom Erdboden verschwunden sein wird. Wie die militanten Splittergruppen im Europa der Siebzigerjahre, die dem System der gesellschaftlichen Normen, politischen Parteien, den Reformen, der Revolution des Proletariats und der traditionellen kommunistischen Ordnung den Rücken kehrten und sie durch schiere Gewalt ersetzten, so hat auch der islamistische Terror die moderne muslimische Gesellschaft aufgegeben – ihre sozio-politischen Bewegungen, die unmittelbare Religiosität der Massen, die in der Gesellschaft verankerten islamischen Organisationen, ja sogar das Engagement der ursprünglichsten islamischen Solidaritätsbewegung, der Muslimbruderschaft (als deren extremistische Ableger die militanten Dschihadisten zu betrachten sind, etwa in der Art, wie die Terroristen der Siebzigerjahre den europäischen kommunistischen Bewegungen entsprangen) – und durch Gewalt ersetzt. Dieser gewalttätige Radikalismus, jener der Siebzigerjahre in Europa genauso wie der islamistische unserer Epoche, straft jedes politische Vorgehen mit Verachtung und steht den Konsequenzen seiner Handlungen völlig gleichgültig gegenüber.

Befragt zur sozialen und revolutionären Bedeutung seiner Bücher, verglich Michel Foucault diese einmal mit Molotow-Cocktails, die das System kaum erschütterten. Schon mit der Explosion sei ihre ganze Kraft verpulvert und abgesehen von einem kurzen Aufleuchten sei ihnen keine Bedeutung beizumessen. Foucault glaubte, dass effektive Opposition gegen ein System einzig in der unmittelbaren Handlung läge, in gezielten Anschlägen etwa, periodisch auflodernden Gefechten vor Ort, Guerilla-Angriffen, Ad-hoc-Aufständen und anarchistischen Übergriffen. Doch diese Form der Auflehnung entspringt der Verzweiflung und kann weder ihren Grund noch ein klares Ziel benennen.

In der Handschrift der islamistischen Aktivisten lesen sich solche Akte der Auflehnung in ihrer minimalistischen Form als, erstens, “Zornesakte im Namen und für die Sache Gottes” und, zweitens, als Absage an fast jede Form politischen Handelns, sei es auf konventioneller, radikaler oder revolutionärer Ebene, zu Gunsten eines auf Gewalt basierenden taktischen Vorgehens, das dem Nihilismus und der Verzweiflung entspringt. Unter diesem Gesichtspunkt bieten sich als einzige Alternativen die partielle Einbindung in die lokale politische Führung oder das Eingeständnis der Niederlage.

In ihrer maximalistischen Form sehen wir uns konfrontiert mit einem apokalyptischen Terrorismus von weltumspannender Dimension, der getragen wird von dem Glauben, dass spektakuläre Gewaltakte die Hürden für einen globalen Triumphzug des Islam beseitigen werden, dass sie als Katalysator wirken und die Energien der muslimischen Gemeinschaft mobilisieren und hinter ihren Kaderorganisationen einen werden, was zu einer Hochkonjunktur der al-Qaida-Netzwerke, ihrer Organisationen und Ausbildungslager führen und schließlich in der Herausbildung eines vermeintlich authentischen Regierungs- und Gesellschaftsmodells á la Taliban gipfeln wird, das unserer Zeit Rechnung trägt.

Immer wieder zeigt sich, sei es im Hinblick auf die Terrorwelle im Europa der Siebzigerjahre oder anhand der Anschläge von 9/11, dass die Rekruten dieses apokalyptischen Terrors nicht einer Bevölkerungsschicht zuzurechnen sind, die in hoffnungsloser Armut ihr Dasein fristet, sondern dass es sich häufig um Mitglieder einer gut situierten Mittelschicht handelt, um aufstrebende junge Menschen mit höherer Bildung. Was sie verbindet, ist ein Gefühl der Ausweglosigkeit aus der nivellierenden sozio-politischen Realität einer fremden und entfremdenden Welt und eine pessimistische Weltsicht, die ihre ganze Energie auf einen gewaltsamen Moment der Erlösung und Wahrheit richtet, der diese Falle der Verlogenheit, der Vorspiegelungen und Täuschungen freilegt. Die Welt muss in Trümmer gelegt werden, bevor die eine, essenzielle und allumfassende Wahrheit sichtbar wird. In Europa wurde diese Wahrheit als eine sozialistische, eine der Humanität und Gleichheit verpflichtete Gesellschaftsform angenommen. In der arabischen Welt wird diese Wahrheit gleichgesetzt mit einer authentisch islamischen Ordnung, was Slogans wie “Der Islam ist die Lösung” und “Der Islam ist die Antwort” deutlich machen.

Den Beginn apokalyptischer Reislamisierungsvisionen könnte man 1979 mit der Besetzung des Heiligen Schreins, der Großen Moschee in Mekka ansetzen. Seit den Fünfzigerjahren führte in Saudi-Arabien der monarchistische Feudaladel ein streng muslimisch-orthodoxes Regime und präsentierte sich und das saudi-arabische Gesellschaftssystem als moralisch rein, gerecht in seiner sozialen Ordnung und durchdrungen von beduinischer Genügsamkeit. Mit der Zeit vertiefte sich jedoch die Kluft zwischen dieser Selbstdarstellung nach außen und den tatsächlichen Gegebenheiten im Land. Der offiziell verlautbarte Kanon “Wer kein Wahhabi (Strenggläubiger) ist, ist ein Kafir (Abtrünniger, Ungläubiger)” strafte die Wahrheit Lüge, denn in Wirklichkeit setzte sich die gesellschaftliche Führungs- und Wirtschaftselite, die diesen Kanon intonierte, fast ausschließlich aus Ungläubigen zusammen. Für sie waren die USA tonangebend, ihren politischen Vorgaben wurde in allen wichtigen Staatsangelegenheiten, innen- wie außenpolitisch, ohne weiteres Folge geleistet, und die Lebensführung der Oberschicht des Landes entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als verschwenderisch, großspurig und korrumpiert, all dies zumeist gut getarnt. Ganz Riad, ja die gesamte arabische Welt, wusste darum.

1979 kam es zum bewaffneten Aufstand: Die Söhne und Töchter des Systems, denen die religiösen Ansprüche des Regime Gesetz waren, besetzten den Heiligen Schrein, die Große Moschee in Mekka, wodurch das Königreich bis in die Grundfesten erschüttert wurde. In der Welt des Islam ist kaum etwas Aufsehenerregenderes denkbar als das Stürmen und Besetzen der Kaaba selbst, auch wenn die Besetzung friedlich verlief. Der Rädelsführer der Aufständischen, Juhaiman Al-‘Utaibi, proklamierte einen seiner Anhänger zum “Mahdi”, den von Allah gesandten Erlöser, und forderte, dass der haarsträubenden Diskrepanz zwischen offizieller saudi-arabischer Ideologie und Vorgabe auf der einen Seite und den tatsächlich im Königreich herrschenden Umständen auf der anderen Seite ein Ende gesetzt werde und Letztere sofort in Einklang zu bringen seien mit den streng muslimisch-orthodoxen Maximen, so, wie es die Obrigkeit des Landes behauptete.

Die Befreiung der Kaaba von Juhaiman und seinen Anhängern gestaltete sich schwierig. Die Saudis sahen sich gezwungen, westliche Hilfe und Expertise in Anspruch zu nehmen, um bei der Befreiungsaktion nicht eine Beschädigung des Schreins zu riskieren. Natürlich stand diese Zuziehung des Westens in krassem Gegensatz zu religiösen Vorgaben, und das frömmelnde Regime gab sich dadurch eine Blöße, die im ganzen Land vermerkt wurde. All jene, die in den Aufstand involviert waren, wurden enthauptet.

Wie die Besetzer des heiligen Schreins in Mekka 1979 sind auch die jungen saudischen Attentäter der Anschläge vom 11. September Produkte eines schizophrenen Systems. Ihr Anführer, bin Laden, könnte tatsachlich als Wiedergänger des Dschihadisten Juhaiman Al-‘Utaibi betrachtet werden, als seine moderne, global orientierte und gefährlichere Ausgabe. Während Juhaiman seine spektakuläre Verzweiflungstat gegen das wichtigste Legitimationssymbol des saudischen Systems richtete, wählte bin Laden gleichsam das amerikanische Herzstück, den Schrittmacher, ohne den das ganze System zum Stillstand kommt. Was an Parallelen dieser beiden Anschläge auffällt, ist das Zutagetreten einer grundlegenden Schwäche der modernen Islamismusbewegung: ihr Festklammern an dem Glauben, dass sich eine neue islamische Ordnung herausbilden wird, ist symptomatisch für die entgleiste Utopie, die seit mehr als zweihundert Jahren ihren Spuk in der arabischen und muslimischen Welt treibt.

III

Symptomatisch für die kulturelle Schizophrenie der arabischen (und muslimischen) Welt ist weiters ihre gequälte, schwerfällige und widerstrebende Anpassung an die Errungenschaften des modernen Fortschritts. Im Entwicklungsprozess der europäischen Neuzeit wurde dem arabischen Raum die Rolle des Hamlet zugeteilt, des rettungslos tragischen Helden, des ewig Zögernden und Zaudernden, der als Spielball zwischen Alt und Neu, zwischen asala und mu’asara (Authentizität und Zeitgemäßheit), zwischen turath und tajdid (Tradition und Erneuerung), zwischen huwiyya und hadatha (Identität und Modernität) und zwischen Religion und Säkularität nirgendwo zu liegen kommt, während die Fortinbrases dieser Welt das neue Jahrhundert erben. Da nimmt es dann nicht weiter wunder, dass, mit Shakespeare gesprochen, für die Araber “die Zeit aus den Fugen” und “etwas faul im Staate” ist. Und es überrascht nicht, dass sie von Zweifeln geplagt werden, ob sie wohl selbst die Urheber des Übels sind, das ihre Nation befallen hat oder oder ob es einen Gott gibt, der ihr Schicksal formt.

Um ihren Platz in der Zeit zu verorten, ihre Gegenwart in den Griff zu kriegen im Hinblick auf eine lebbare Zukunft für künftige Generationen, müssen die Araber zuerst und vor allem mit dem Selbstbild, das tief in ihrem kollektiven Unterbewusstsein verankert ist, ins Reine kommen. Damit meine ich, dass wir als Araber und Muslime (und ich verwende diesen Ausdruck hier im historisch-kulturellen Kontext) noch immer dem Trugbild unterliegen, wir würden Weltgeschichte schreiben, seien Pioniere, Eroberer und richtungsweisende globale Führer.

Im tiefsten Inneren sehen wir uns nicht als Objekte der Geschichte, sondern als die sie beherrschenden Subjekte, als deren Akteure, nicht diejenigen, die von ihr überrollt werden. Wir können die Rollenverteilung in der modernen Zeit, die uns nur marginale Bedeutung einräumt und zur Handlungsunfähigkeit verdammt, nicht akzeptieren, geschweige denn uns damit abfinden. Schlimmer noch, unser kollektives Herz blutet angesichts der Tatsache, dass sich unsere große Nation nicht nur hilflos an den Rand der modernen Entwicklung gedrängt sieht, sondern auch den Anschluss an die eigene identitätsstiftende Geschichte und Entwicklung ihrer Nationen verloren hat.

Unerträglich auch ist uns der Zustand, uns heute zum Statisten einer Geschichte degradiert zu sehen, die von anderen geschrieben und aufgeführt wird, in der andere Einfluss nehmen und als Schiedsrichter am internationalen Parkett auftreten, insbesondere wenn wir uns erinnern, dass diese anderen einst (zu Recht) Staffage und wir die Hauptprotagonisten waren. Hinzu kommt der niemals angezweifelte Glaube, dass die in die Annalen der Geschichte eingehende globale Hauptrolle mit ihrer Pracht und Herrlichkeit irgendwie fi ghaflaten min al-tarikh – als die Geschichte gerade ein Schläfchen machte, wie ein arabisches Sprichwort lautet – vom neuzeitlichen Europa usurpiert wurde. Ich sage usurpiert – und Usurpation ist der Schlüssel zu Hamlets Kummer und Sorge – denn wir sind die Auserwählten, denen diese Position dem Recht, dem Schicksal, der Bestimmung nach, und was man der Liste sonst noch hinzufügen wollte, zusteht.

Hand in Hand mit diesem Glauben geht die nicht minder tief verankerte Überzeugung, dass, was Recht ist, schlussendlich obsiegen wird, dass der Usurpator, dessen Tage ohnedies gezählt sind, entthront wird und die wahren, von der Geschichte ausersehenen Machthaber die ihnen von jeher zustehende Position wieder einnehmen und walten werden. Dogmatische Proklamationen und Wunschdenken dieser Art sind nicht nur bei Autoren wie Hasan Hanafi und Anwar Abdel-Malek zu finden, sondern auch in den Traktaten, Analysen und Propagandaschriften renommierter islamischer Denker und Theoretiker.

Ihr Ideenkomplex basiert auf Werken wie Oswald Spenglers europäischem Klassiker Der Untergang des Abendlandes, aus dem die falsche Schlussfolgerung gezogen wird, dass der Niedergang des Westens unweigerlich den Aufstieg der Araber und des Islams bedingen müsse, oder, mit Abdel-Maleks Werk Rih al-Sharq [The Wind of the East] gesprochen, dass der Osten erst Segel setzen kann, wenn der Wind der Geschichte nicht mehr günstig steht für den Westen (wobei Osten in diesem Kontext den Islam und die Araber meint). Man kann auch, um das nicht weniger bekannte Rüstzeug von Sayyid Qutb in Jahiliyyat al-Qarn al-Ishrin [The Jahiliyya of theTwentieth Century] in Stellung zu bringen, sagen, dass nun, wo die europäische Moderne sich mehr und mehr der “Jahiliyya” annähert (womit nach koranischer Lesart eigentlich die vorislamische Zeit der Barbarei, der Dekadenz und Vielgötterei bezeichnet wird) wohl der rechte Augenblick gekommen sein muss, um die Menschheit von dieser Geißel zu befreien, die Europa über sie gebracht hat und die der Westen so erfolgreich schwingt.

Aber damit noch nicht genug. Bei der wiederholten Lektüre der Klassiker des arabischen Nationalismus scheint mir eine ihnen gemeinsame Resonanz immer deutlicher zu Tage zu treten: das Herbeischreiben einer panarabischen Einheit nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zur Restauration ihrer usurpierten Rolle als historische Weltmacht und Wegbereiter der Geschichte. Diese Klassiker belegen, wenn auch nur implizit, dass das alles erschöpfende Ziel nicht der Kampf gegen Kolonialismus, Imperialismus und fremde Besatzung ist oder der Kampf um Freiheit, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit, sondern die Wiederherstellung der großen umma (islamische Gemeinde, Nation) als politischer Einheit mit globaler Führungsrolle entsprechend ihrer Natur und Mission. Die Geschichte selbst wird zur Beweisführung zitiert, um zu zeigen, dass die Völker dieses Erdteils ihrem Wesen nach alle Eroberer waren, deren Blick hungrig über die eigenen Grenzen schweifte: das alte Persien, das in Griechenland einfiel, Alexander der Große, der seinem Reich Persien und alles andere in seiner Reichweite einverleibte, Hannibal, Rom, der Islam, die Ottomanen, die europäische Neuzeit et cetera.

Wo dieses übermächtige, tief verankerte und niemals hinterfragte Selbstbild mit den nur allzu klaren Gegebenheiten arabisch-muslimischer Impotenz und Frustration kollidiert, vor allem, was ihre Handlungsunfähigkeit in den internationalen Beziehungen angeht, tritt ihre Traumatisierung in den verschiedensten Ausformungen zu Tage: massive Minderwertigkeitskomplexe, wilde Kompensationsvorstellungen, irrationaler Wagemut, politische Unverantwortlichkeit, verzweifelte Gewalt und Terroranschläge von so unbeschreiblichen Ausmaßen, wie wir sie jüngst in den unterschiedlichsten Teilen der Welt gesehen haben.

Der Widerspruch, den ich versuche aufzuzeigen, lässt sich vielleicht am besten auf den Punkt bringen mit dem subtil-ironischen Buchtitel “Verhaltensregeln für traurige und verwirrte Muslime im 20. Jahrhundert, wie es die Etikette der Moderne erfordert”, wie eine freie Übersetzung von Hussain Ahmad Amins pointiert und lebensnah geschriebenem Dalil al-Muslim al-Hazin ila Muqtada al-Suluqfi al-Qarn al-‘Ishrin lauten würde. Der Autor ist ein bekannter ägyptischer Historiker und hochgestellter Diplomat, der Sohn Ahmad Amins, des großen Historikers einer Zeit, die Albert Hourani einmal als das arabische liberale Zeitalter bezeichnete. Interessanterweise verweist der Titel von Amins Buch auf einen der großen Klassiker westlichen Denkens, nämlich Moses Maimonides¹ Werk The Guide for the Perplexed [Gui, Dalalat al-Ha´irin].

Laut Amins Beschreibung ist der Muslim oder Araber von heute so traurig und perplex, weil er sich vom Leben jeden Augenblick und in allen Belangen um die von ihm gehegten tiefsten Überzeugungen im Hinblick auf seine Kultur, Religion und Vorsehung betrogen und um den rechtmäßigen Platz in der modernen Menschheitsgeschichte gebracht sieht. Hinzu kommt, dass die radikalen Veränderungen und Opfer, die notwendig wären, um diese Diskrepanz zu überwinden, als nicht wünschenswert oder zu groß eingestuft werden. Was bleibt dem Muslim oder Araber also anderes übrig, als sich in seiner traurigen Verwirrtheit irgendwie das 21. Jahrhundert entlangzutasten in der Hoffnung, dass vielleicht eines Tages Gott, die Geschichte, das Schicksal, die Revolution oder die moralische Ordnung des Universums seiner umma den Platz einräumen wird, der ihr zukommt. In dieser vertrackten Situation bieten sich verschiedene Formen unmittelbarer Gewalt (ein Terrorismus inbegriffen, wie ihn die Welt noch kaum gesehen hat) als einziges Mittel zur Befreiung aus einem hoffnungslosen Dilemma an.

Es ist nicht zu leugnen, dass sich die Araber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben, in die Moderne geschleift zu werden, dass ihnen die Moderne in ihrer überlegenen Macht, Effizienz und Leistung oktroyiert wurde. Europa schuf die moderne Welt, ohne davor die Araber, Muslime oder sonst irgendjemanden zu konsultieren, eine Schöpfung, die noch dazu auf Kosten aller anderen ging.

Während die Kreuzzüge noch niedergeschlagen werden konnten, waren Napoleons strategisch unbedeutende Vorstöße nach Ägypten und Palästina nicht nur von Erfolg gekrönt, sondern setzten all dem, was auf unserer Seite des Mittelmeeres obsolet geworden war, ein für allemal ein Ende: der traditionellen Kriegsführung der Mamelucken und Osmanen, den dazugehörigen Versorgungs- und Produktionssystemen, dem lokalen Fachwissen und hiesigen Gefüge der wirtschaftlichen, sozialen, rechtlichen und politischen Ordnung. Unumwunden zeigt dieser Vergleich unsere Unzeitgemäßheit auf: Die Kreuzzüge konnten uns nicht vom hohen Ross holen, doch der französische Feldzug 1798 führt uns als ureigener Spiegel der europäischen Neuzeit hämisch unseren Fall und unsere Ambition vor Augen.

Das Europa der Neuzeit, das sich mit Gewalt seinen Weg in die islamische und arabische Welt bahnte, bedeutete eine Zäsur, den glatten und endgültigen Bruch mit der Vergangenheit, wie auch der kriegerische Einfall der arabischen Muslime ins persische Sassanidenreich einen glatten und endgültigen Bruch bedeutete. So wie sich die Geschichte Persiens nach seiner Eroberung nur im arabisch-islamischen Kontext fortschreibt, gibt es losgelöst von Europa und seiner Neuzeit auch keine kohärente Geschichte der arabischen Welt nach Napoleon. An dieser Tatsache führt meinem Dafürhalten nach kein Weg vorbei, auch wenn wir noch so oft die teils zutreffende Wahrheit ins Feld führen, dass alle Errungenschaften des modernen Europa uns zu verdanken sind: Averroës, die andalusische Hochkultur und Zivilisation, die Wissenschaft, Mathematik und Philosophie und alles andere von Bedeutung. Das ist die schmerzliche Wahrheit, und wenn wir nicht endlich die Augen weit öffnen und mit der, bis dato lähmenden Diskrepanz zwischen einst und jetzt leben lernen, werden wir unseren Platz in der heutigen Welt wirklich einbüßen.

Steht im anderen Fall wirklich der Kulturkampf zwischen einer archaischen Welt des Islam und dem modernen säkularen Westen unmittelbar bevor, wie Huntington in seinem Buch Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert ausführt? Hier lautet meine Antwort: Nein, im engen, die kriegerische Auseinandersetzung und militärische Konfrontation bedeutenden Sinn des Wortes nicht. Ja, wo Kampf im übertragenen Sinn den Aufeinanderprall und das stille Ringen um Vormachtstellung meint.

Huntingtons Argumentation läuft darauf hinaus, dass sich nach dem weltweiten Zusammenbruch des Kommunismus nicht mehr zwei inkompatible und ihrem Anspruch nach totalitäre Wirtschaftssysteme als Kontrahenten gegenüberstehen, sondern dass nach dem Ende des Kalten Krieges die großen, umfassenden und weitgehend autarken Systeme fundamentaler Glaubensgrundsätze und Wertvorstellungen, wie sie der traditionelle Islam auf der einen und ein triumphierender westlicher Liberalismus auf der anderen Seite darstellen, in antagonistischer Selbstbehauptung und dem Ringen um Vormachtstellung aufeinanderprallen werden.

Anders gesagt verhält es sich laut Huntington so, dass in diesem neuen Zeitalter, in dem sich die kapitalistische Hegemonie des Westens durchgesetzt hat und Bedrohungen durch Kommunismus, Sozialismus, Arbeiter- und Dritte-Welt-Bewegungen definitiv der Vergangenheit angehören, die Gefahrenquellen internationaler Konflikte und Spannungen entlang der Bruchlinien der heute wichtigsten und grundlegend verschiedenen Glaubens- und Wertesysteme angesiedelt sind, die nicht nur in krassem Gegensatz zum kapitalistischen Liberalismus, sondern auch im Gegensatz zueinander stehen.

Für Huntington scheint sich Zivilisation auf Kultur, Kultur auf Religion und Religion auf eine archetypische Konstante zu reduzieren, die im Falle des Islam notwendigerweise das Phänomen des homo islamicus hervorbringt, der unweigerlich mit beiden, dem – wie wir ihn hier nennen wollen – westlichen homo economicus und seinem instinktiven Liberalismus als auch mit Indiens homo hierarchicus und seinem natürlichen Polytheismus aufeinanderprallen muss.

Wie mir scheint, wird hier offenkundig, dass Huntingtons Kulturkampf-These auf zwei veraltete Konzepte zugreift: Zum einen wird die deutsche Philosophie des Geistes beschworen und, zum anderen, der Geist eines klassischen orientalistischen Essentialismus, der seit Edward Saids Buch Orientalismus erfolgreich ausgetrieben schien. Eine meiner ersten Assoziationen in diesem Zusammenhang ist die berühmte These Max Webers, wonach allein ein Gesellschaftswesen mit den ethischen Grundsätzen und fundamentalen Wertvorstellungen des Protestantismus den Aufstieg des Kapitalismus in Europa ermöglichte. Im Protestantismus präsentiert sich uns bereits der Geist des Kapitalismus, der dem dazumal vorherrschenden Geist des Feudalismus zuwiderläuft, ein neuer protestantischer Kosmos von Glaubensinhalten und Verhaltensweisen, der sich auf Kollisionskurs mit seinem Vorläufer und nunmehr parallel laufenden römisch-katholischen System befindet.

Die von Weber dargelegte Rivalität, das Aufeinanderprallen und Ringen der protestantischen Geisteshaltung und Ethik mit der römisch-katholischen wird bei Huntington global und international. Er argumentiert diesen Wettkampf der Glaubenssysteme und ihrer geistigen Verfasstheiten nicht historisch, soziologisch oder evolutionär, sondern kulturell-essentialistisch, ontologisch und statisch. Diese Art der anti- und ahistorischen Argumentation bereitet die Bühne für den Kampf der Kulturen, indem sie das verdinglichte System grundlegender westlicher Glaubens- und Wertvorstellungen einem ebenfalls verdinglichten, aber inkompatiblen System grundlegender muslimischer Glaubens- und Wertvorstellungen gegenüberstellt.

Praktisch gesehen bedeutet dies, dass die westliche Welt mit ihren sie determinierenden Werten Liberalismus, Säkularismus, Demokratie, Menschenrechte, Glaubens- und Redefreiheit der kontemporären muslimischen Welt verschlossen bleiben muss aufgrund ihres sie determinierenden und unanfechtbaren Wertesystems, dessen reale Umsetzung Theokratie, Theonomie und göttlicher Wille als sittlicher Imperativ, Schriftenlehre und Treue, Fundamentalismus, Verbandswesen, Totalitarismus, Sexismus, Absolutismus und Dogmatismus bedeutet und damit die Antithese zum westlichen Liberalismus bildet und allem, was dazugehört.

Die interessante Ironie der Sache liegt darin, dass es trotzdem eine Gemeinsamkeit gibt, nämlich die volle Übereinstimmung der Islamisten nicht nur mit der Schlussfolgerung von Huntingtons Kulturkampf-These als solcher, sondern auch mit der ihr impliziten Theorie und praktischen Umsetzung. Die islamistischen Theoretiker und Ideologen gelangen zum gleichen kleinsten gemeinsamen Nenner, reduzieren Zivilisationen auf ihre Kultur, Kulturen auf ihre Religion und Religionen wiederum auf inhärent inkompatible, archetypische Konstanten, die im beständigen Wettkampf um die Vormachtstellung aufeinanderprallen. Sie sind davon überzeugt, dass der Islam letztendlich triumphieren wird.

Einen ersten Schritt zur Vermittlung im Kampf der Kulturen setzte Irans Präsident Khatami mit seinem Aufruf zum Dialog. Sein Interesse gilt der Vermittlung zwischen den islamischen Ländern und dem Westen, insbesondere zwischen dem Iran und den USA. Hier stellt sich die Frage, ob Khatami ehrlich den Wunsch nach Besserung der Beziehungen hegt oder ob sein Aufruf nur Vorgabe war. Langfristig kann man nicht davon ausgehen, dass er eine nachhaltige Annäherung anstrebt, da auch er strategisch die Umsetzung der islamistischen Version von Huntingtons Logik verfolgt, welche als Vorbedingung für den Siegeszug des Islam eine Konfrontation erfordert. Kurzfristig gesehen ist sein Aufruf sicher ernst gemeint, da in der momentanen Machtkonstellation die um einiges schwächere Seite von einem taktischen Ansatz wie dem Dialog nur profitieren kann.

Was den Islam und den Westen angeht, wird der Kampf der Kulturen und Zivilisationen derzeit nur im übertragenen Sinn des Wortes ausgetragen, nicht im engen und unmittelbar unheilvollen Sinn eines Krieges. Der Islam ist einfach zu geschwächt, um ernsthaft zum Halali gegen einen weitaus überlegenen Westen zu blasen. Eigentlich ist der moderne Islam auch nicht als “Zivilisation” im faktischen, aktiven und progressiven Sinn des Wortes zu bezeichnen. “Zivilisation” ist im Falle des Islam nur im Rahmen seiner historischen Entwicklung zutreffend, der Herausbildung gemeinsamer Traditionen und Bräuche und seinem weitgehend passiven und reaktiven Verhalten.

Bei den beiden gegnerischen Seiten des hier vorgestellten Kampfes ist die Machtverteilung so unausgewogen, sind militärische Stärke, Produktivität, Effizienz, institutionelle und soziale Organisation, wissenschaftliche und technologische Errungenschaften so bar jeder Vergleichbarkeit, dass ein echter Kampf im Hinblick auf die Konsequenzen nur einen Sturm im Wasserglas bedeuten könnte. Eines unserer Sprichwörter lautet: Wenn ein Stein auf ein Ei fällt, so bricht das Ei, und wenn umgekehrt ein Ei auf einen Stein fällt, zerbricht ebenfalls das Ei. Aus arabisch-muslimischer Sicht ist die Macht und Effizienz des Westens so gewaltig, ist sein Siegeszug so erfolgreich und unaufhaltbar, dass allein die Idee einer entscheidenden Konfrontation fantastisch anmutet.

Was nun die derzeitigen Spannungen, Verdächtigungen, Konfrontationen und Anfeindungen angeht, welche die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen kennzeichnen, so sind diese sicher nicht ausschließlich ihren unterschiedlichen Wesen zuzuschreiben oder dem Aufeinanderprall von entgegengesetzten religiösen Vorstellungen und theologischen Auslegungen, wie sie auch kaum auf divergierende Überzeugungen, Wertvorstellungen, Sichtweisen und Wahrnehmungen reduziert werden können. Vielmehr verrichtet hier die Geschichte ihre althergebrachten Geschäfte: Machtpolitik und die Wahrung der eigenen existenziellen Interessen im Rahmen der internationalen Beziehungen.

Published 9 May 2005

Original in English
Translation by Kira Nathani
First published in Wespennest 138 (German version) and Boston Review October/November 2004 (English version)

Contributed by Wespennest
© Sadik J. Al-Azm/Wespennest Eurozine

PDF / PRINT

recommended articles