Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus

2 February 2016
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Es ist einfacher, die Zukunft zu erfinden, als sie vorauszusehen.
Alan Kay1

Die Informatisierung ökonomischer Prozesse ist ein seit mehreren Dekaden andauernder Prozess.2 Heute verdichten sich allerdings die Hinweise, dass wir uns mitten in einem Technisierungsschub neuer Qualität befinden. Revolutionen in Datenspeicherung, -verarbeitung und -verfügbarkeit (Big Data), die fortschreitende Verbreitung und Vernetzung digitaler Endgeräte bei Produzenten und Verbrauchern sowie intelligente Algorithmen ermöglichen Transformationen von Arbeitsorganisationen, Arbeitskraftangebot und -nachfrage auf digitalen Marktplätzen, günstige, flexibel einsetzbare und schnell programmierbare Service- und Industrieroboter sowie neuartige Produktionsabläufe und eine Reorganisation von Liefer- und Serviceketten zwischen Kunden, Produzenten und Zulieferbetrieben. In der Bundesrepublik werden die wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung vornehmlich unter dem Stichwort “Industrie 4.0” diskutiert. Es ist allerdings keinesfalls ausgemacht, dass sich die entscheidenden Transformationen des Wirtschaftens nur im industriellen Sektor abspielen werden. Die Digitalisierung der Wirtschaft betrifft potenziell alle Bereiche der Produktion und alle Segmente des Arbeitsmarktes und kann daher als Grundlage für begründete Einschätzungen möglicher Transformationen im gegenwärtigen Kapitalismus dienen.

Diagnosen zu Gestalt und Entwicklung des Kapitalismus neigen häufig dazu, einzelne Elemente wirtschaftlicher Ordnungssysteme zu überzeichnen. Sie setzen zumeist bei den strukturbestimmenden Sektoren an, in denen die quantitativen Beschäftigungs- und ökonomischen Wertschöpfungsschwerpunkte liegen. Die Schwerpunkte von Wertschöpfung und Beschäftigung sagen allerdings wenig aus über den materialen Charakter des Arbeitens, über Arbeitsprozesse, Arbeitskraftnutzung, Markterschließung oder Herrschaftsverhältnisse. Kurz: Sie tragen wenig bei zur Beantwortung von Fragen einer soziologischen Theorie des Kapitalismus.3 Der Prozess der Digitalisierung von Arbeit verläuft quer zu den eingespielten Grenzen zwischen Sektoren oder Branchen.4 Er transformiert Arbeit zudem in allen ihren Facetten, verändert unternehmerische Strategien, Tätigkeitsprofile, Organisationspolitik, Produktionsketten und Beschäftigungsverhältnisse. Zwar kann niemand wissen, was die Zukunft tatsächlich bringen wird. Wenn wir hier dennoch der Frage nachgehen, wie ein “digitaler Kapitalismus”5 aussehen könnte, dann begeben wir uns damit gleichwohl nicht ins Reich reiner Spekulation. Denn zum einen existiert der digitale Kapitalismus bereits in einigen bedeutenden Unternehmen des Weltmarktes. Zum anderen strahlen Teilelemente seiner Systematik in viele unterschiedliche Bereiche der Wirtschaft aus, ohne dort sogleich ganz neuartige Produktionsmodelle zu erzeugen. Die vorliegende Analyse des digitalen Kapitalismus unternimmt den Versuch einer tentativen Generalisierung, die bei der dichten Beschreibung von Digitalisierungsprozessen ansetzt und diese zum Ausgangspunkt weitergehender Reflexionen macht. Unsere Hypothesen zur Streuung und Wirkung von Digitalisierungsprozessen gewinnen wir aus der Analyse des Feldes, sind es doch die Kernunternehmen des digitalen Kapitalismus selbst, die explizit Programme zur Transformation von Produktionsabläufen, Unternehmensstrukturen und Marktbeziehungen verfolgen und damit der Analyse die Richtung vorgeben.

Schlüsselunternehmen der Digitalisierung

Neben der informatisierten Penetration bestehender Modi der Produktion und Distribution orientieren sich digitale Schlüsselunternehmen an einer Strategie der Disruption. Sie überspringen buchstäblich die Markterschließung durch kleinteilige Optimierungsprozesse bereits angebotener Produkte und zielen stattdessen auf die radikale Infragestellung der Funktionsweise etablierter Märkte.6 Disruptive Technologien und Unternehmensstrategien ziehen auch eher traditionell wirtschaftende Branchen in den Strudel der Digitalisierung.7 Die systematisch erzeugten Rupturen betreffen die institutionelle Ordnung von Arbeitsmärkten, Unternehmen und Organisationen ebenso wie den Zuschnitt von Arbeitsprozessen und die Bedeutung der Ware Arbeitskraft. Kurz: Sie erzeugen Transformationsdruck in ganz unterschiedlichen Bereichen der Arbeitswelt. Die Folge sind Deinstitutionalisierungs- und Transformationsprozesse, die zur Emergenz neuer sozialer Ordnungszusammenhänge führen, die in ihrer Summe geeignet sein könnten, einen neuen Typus kapitalistischen Wirtschaftens hervorzubringen.

Die bekanntesten und einflussreichsten Schlüsselunternehmen der Internetökonomie haben ihren Sitz im Silicon Valley beziehungsweise an der Westküste der USA.8 Sie betreiben die Infrastruktur des Internets, bestimmen die digitalen Kommunikationsformen und Aktivitäten der Nutzer, liefern Soft- und Hardware der digitalen Vernetzung. Als zentrale (in der Sprache der betrieblichen Netzwerkforschung: “fokale”) Betreiber strategischer digitaler Netzwerke und als direkte beziehungsweise indirekte Arbeitgeber hunderttausender Beschäftigter prägen diese Schlüsselunternehmen nicht nur die Arbeitsbedingungen des kommerziellen Internets, sondern auch weit darüber hinaus.9 Sie bilden, so unsere These, die Avantgarde des digitalen Kapitalismus.

Die wirtschaftlichen Transaktionen der betreffenden Unternehmen – es handelt sich um Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft – erfolgen in zwei unterschiedlichen Währungen: Geld und Informationen. Google oder Facebook-Konten sind zunächst gebührenfrei. Der Konsument ‘zahlt’ freilich mit persönlichen Informationen, die gewissermaßen das primäre Kapital der Unternehmen bilden. Die Datengiganten verbessern ihre Marktposition durch die Akkumulation von Nutzerdaten, die ihnen die stetig fortschreitende Optimierung jener Algorithmen erlaubt, die die Dienstleistungs- und Produktionsprozesse der Unternehmen strukturieren. Der permanente Feedback-Loop zwischen Nutzern und digitalem Produktionsprozess wertet einerseits die Nutzererfahrung auf, weil die Wünsche und Vorlieben der Kunden zeitnah zur Verbesserung der jeweiligen Dienstleistungen verwendet werden können. Andererseits ermöglicht die technische Einbindung der Nutzer jene zielgruppenspezifischen Werbemaßnahmen und Big-Data-Anwendungen, die das eigentliche Geschäftsfeld von Unternehmen wie Google oder Facebook ausmachen.10

Eine geradezu idealtypische Verdichtung von Digitalisierungsprozessen findet sich im Konzern Amazon. Das Unternehmen ist der mit Abstand größte Einzelhändler im Internet, weltweit setzte der Konzern jüngst mehr um als die nächstgroßen Händler zusammen.11 Vor allem an seinem Beispiel wollen wir deshalb im Folgenden exemplarisch einige entscheidende Parameter des digitalen Kapitalismus diskutieren, um Tendenzentwicklungen dieser Wirtschaftsform abzuschätzen. Anschließend werden wir den sich abzeichnenden digitalen Kapitalismus anhand ausgewählter Kriterien in Beziehung zu seinen historischen Vorläufern setzen und uns mit gebotener Vorsicht an eine Prognose zu seiner weiteren Entwicklung wagen.

Das System Amazon

Was ist Amazon? Ein Sortimenter oder ein Technologieunternehmen?12 Amazon-Chef Jeff Bezos wurde von anderen Pionieren des Internetzeitalters lange Zeit dafür belächelt, dass er in dieser Frage kompromisslos die zweite Antwort verfocht.13 Amazon sollte nach dem Willen seines Gründers nie ein bloßer Einzelhändler sein, sondern von vornherein ein Unternehmen für digitale Dienstleistungen. Bereits in seinem Gründungsjahr 1994 war Amazon seiner Zeit weit voraus, wobei das Unternehmen freilich noch auf ‘analoge’, nämlich greifbare Waren setzen musste, weil eine weitreichende Digitalisierung seines Sortiments Mitte der 1990er-Jahre technisch einfach noch nicht möglich war. Amazons Ursprungsmarkt, der Internethandel mit Büchern, bestätigt diesen Befund besonders deutlich. Das erste digitale Lesegerät kam 1999 auf den Markt,14 fünf Jahre nach der Gründung von Amazon.15 Seither hat der Konzern in dieser Sparte den für ihn typischen Expansionswillen an den Tag gelegt. Heute beherrscht Amazon mit seiner hauseigenen Hardware, dem Lesegerät Kindle, fast 50 Prozent des Marktes für E-Book-Reader. Doch bilden die Lesegeräte und Tablets nur einen Bruchteil seines riesigen technischen Netzwerks, das, organisationspolitisch gesprochen, sowohl ‘nach innen’ ausgreift, also auf die interne Organisationsstruktur, das Personalmanagement und die Human Relations, als auch gewissermaßen ‘nach außen’, nämlich auf die unterschiedlichsten Märkte, die entsprechend der generellen Marktpolitik des Konzerns umfassend inkludiert werden sollen.

Die Marktpolitik Amazons ist auf die Transformation etablierter und die Erzeugung neuer Märkte durch Digitalisierungsprozesse ausgerichtet. Dies zeigt sich paradigmatisch auf Amazons “Heimatmarkt”, dem Buchhandel. Auf der ersten Stufe der Transformation des Buchmarktes konkurrierte Amazon als ein neuer Mitbewerber auf dem etablierten Markt für gedruckte Bücher, reorganisierte also im Grunde nur das Modell des klassischen Buchhandels durch den Vertrieb der Bücher über einen neuen, digitalen Marktplatz. Dieser virtuelle Großmarkt konnte vor allem mit einer riesigen Auswahl an Titeln ‘aus einer Hand’ punkten. Das Angebotsspektrum wurde von Amazon in der Folge sukzessive erweitert, sodass heute kaum ein Produkt existiert, das bei Amazon nicht zu erwerben ist. Aus dem Buchhändler wurde ein gigantisches – und potenziell grenzenloses – digitales Kaufhaus. Auf einer zweiten Stufe des Prozesses setzte Amazons ‘Plattformkapitalismus’ dann auf eine wesentlich aktivere Transformation seiner Märkte, indem die Internet-Plattform nicht mehr nur als digitaler Marktplatz genutzt wurde, sondern als digitales Produktionssystem, das sich seither vor allem im Buchmarkt immer mehr das Geschäft der Verlage, also gewissermaßen seiner Zulieferbetriebe, einverleibt. Es gehört zur klassischen Unternehmenspolitik im Hause Amazon, die eigene dominierende Marktstellung für Forderungen nach überdurchschnittlichen Rabatten oder anderen Zugeständnissen bei den Verlagen zu nutzen und in diesen Preisschlachten mit besonders harten Bandagen zu kämpfen.16 Doch der Einsatz der Amazon-Plattform als Produktionssystem verfolgt ein noch weiter reichendes strategisches Ziel: Letzten Endes geht es darum, die Verlage als Mittler zwischen Autoren und Vertrieb (Amazon) überflüssig zu machen und damit auszuschalten. Eine intelligente Lektoratssoftware17 und natürlich der Kindle als hauseigenes Hardware-Endgerät sind die digitalen Mittel, mit denen die geplante Revolutionierung des Verlagswesens gelingen soll.18 So bietet Amazon eine Self-Publishing-Funktion an, also die Möglichkeit, E-Books im Eigenverlag auf den Markt zu bringen und so als Autor weit höhere Anteile pro verkauftes Exemplar zu realisieren, als dies bei herkömmlichen Verlagen möglich ist. Allerdings sind Amazons Autoren dann auch nicht mehr in das paternalistische System eines Verlages eingebunden. Amazon diktiert in der Folge die Preispolitik im vermeintlichen Kundeninteresse. Vor kurzem wurde ein neuer und flexibler Leistungslohn für die Autoren des Eigenverlagssystems eingeführt: Die Honorare der Autoren richten sich nun nicht mehr nach der Anzahl runtergeladener E-Books, sondern lediglich nach der Anzahl der gelesenen Seiten.19

Im Inneren des Unternehmens wird Amazons radikale Marktpolitik durch das systematische Ausschöpfen der technischen Möglichkeiten zur Effektivierung seines Leistungsangebots komplementiert. Schwerpunkte der Digitalisierung bilden dabei zum einen die Rationalisierung betrieblicher Herrschaft über die Expansion digitaler Kontrollformen und zum anderen die zunehmende Nutzung von Automatisierungspotenzialen, die sich aus aktuellen Entwicklungen der Robotik ergeben.20

In Sachen Automatisierung gehört Amazon zu den Vorreitern. Als Jeff Bezos Ende 2013 medienwirksam den Testflug einer Lieferdrohne inszenierte und ankündigte, ein solches Liefersystem innerhalb von fünf Jahren einsatzfähig zu haben, dachte noch so mancher Beobachter an einen PRStunt, der vor allem anderen Distributeuren die Botschaft vermitteln sollte, dass auch ihre Dienstleistungen für Amazon nicht unverzichtbar seien und sie daher ihre Preise niedrig halten sollten. Dass die angekündigte Teilautomatisierung der Distribution tatsächlich alles andere als eine leere Drohung war, zeigte sich im April 2015, als Amazon für das firmeneigene PrimeAir- Programm bereits ein Patent auf eine eigens entwickelte Lieferdrohne anmeldete.21 Im Bereich der Warendistribution verdichten sich auch andernorts Hinweise auf systematische Automatisierungspläne. Amazon steht dabei lediglich exemplarisch für einen Trend, zu dem auch die vielbesprochenen selbstfahrenden Autos und LKWs zählen, die in naher Zukunft das Speditions- und Distributionswesen revolutionieren sollen.22

Während in diesen Bereichen noch nicht ausgemacht ist, in welchem Ausmaß sich das Automatisierungspotenzial tatsächlich realisieren lassen wird,23 bietet die Lagerlogistik gutes Anschauungsmaterial für radikale Automatisierungsverfahren. Industrielager mit relativ geringer Produktvariation und -fluktuation sind vielfach schon seit längerer Zeit hochgradig automatisiert. In den Lagern des in den vergangenen Jahren boomenden Internet-Versandhandels waren automatisierte Systeme bisher allerdings nicht in der Lage gewesen, die hohe Produktvarianz und -fluktuation zu bewältigen. Bisher – denn auch in diesem besonders personalintensiven Bereich von Einfacharbeit deutet sich ein Wandel an. Und auch hier gehört Amazon zu den Pionieren. Im Jahr 2012 erwarb Bezos das Robotik-Unternehmen Kiva-Systems, eine auf die Automatisierung von Lagersystemen im Versandhandel spezialisierte Firma. Traditionell existieren in den Warenlagern des Versandhandels zwei große, beschäftigungsintensive Tätigkeitsbereiche: “Packer” verpacken die bestellten Waren für den Versand, “Picker ” tragen diese je nach Bestellung aus unterschiedlichen Hochregalen zusammen. Das von Kiva entwickelte System ermöglicht die nahezu vollständige technische Substitution der Picker. Es basiert auf einer ebenso simplen wie genialen Idee: Um die “Laufburschen” überflüssig zu machen, werden die Regale ihrerseits durch kleine Roboterfahrzeuge in Bewegung versetzt. Wird ein Produkt benötigt, bewegen sie sich zu dem betreffenden Regal, das sie blitzschnell anheben und zur Packstation fahren. Die automobilen Kiva-Roboter orientieren sich in den riesigen Hallen anhand von Barcodes, die am Boden befestigt sind, und mittels Sensoren, die verhindern, dass einzelne Roboter kollidieren. Die Vehikel betreiben zudem ihr eigenes Energie-Management und suchen eine Ladestation auf, sobald neue Energiezufuhr nötig wird. Seit Amazon Kiva-Systems erwarb, ist es sehr ruhig geworden um die Firma. Die Sales-Abteilung wurde weitgehend abgebaut. In der Branche geht man davon aus, dass Amazon strategische und technische Expertise nicht mit etwaigen Konkurrenten teilen wolle und an einer maßgeschneiderten Vollautomatisierung der eigenen Lager arbeite. Die Tatsache, dass Amazon unlängst damit begann, die Automatisierung seiner Lager in den USA voranzutreiben, darf als Bestätigung dieser Vermutung angesehen werden. Im Herbst 2013 gab Jeff Bezos bekannt, in drei von Amazons Warenlagern in den USA das Heer der Picker praktisch vollständig maschinell ersetzt zu haben. Kiva geht von einer Verdoppelung bis Verdreifachung der Effizienz dieser Lager im Vergleich zum vorangegan- genen Status aus.24 Ob den Packern ein ähnliches Schicksal droht, wie es sich für die einstweilen noch verbleibenden Picker abzeichnet, ist ungewiss. Erste Anzeichen deuten allerdings auch hier in Richtung Automatisierung: So gewann im Frühjahr 2015 ein Team von Wissenschaftlern der TU Berlin die Amazon Picking Challenge, einen Wettbewerb, bei dem es darum ging, einen Roboterarm zu entwickeln, der unterschiedliche Gegenstände sicher greifen, aus Regalen herausholen und in einer Schachtel platzieren kann.25

Das Zusammenspiel zwischen dem Plattformmodell, in dessen Rahmen der “arbeitende Kunde”26 Amazon produktionsrelevante Daten liefert, und menschlicher Einfacharbeit in den Lagerhallen, die durch Digitalisierungsprozesse unter Automatisierungsdruck gerät, liefert ein schlagendes Beispiel für die durch die Digitalisierung der Arbeitsprozesse möglich gewordene Vernetzung einzelner Unternehmensbereiche. Die Konsumarbeit des Kunden wird systematisch in die Optimierung der Produktion eingespeist und trägt damit zur Rationalisierung des Arbeitsprozesses der Picker und Packer bei.27 Dieses an industrielle Modelle der Lean Production angelehnte System gewährleistet die Universalisierung und gleichzeitige Individualisierung des Angebots, die auf ein System der Lean Consumption abzielt: Je effizienter die Lagerlogistik funktioniert, desto mehr Produkte können vorrätig gehalten und zeitnah, in individueller Kombination, an die Kunden versendet werden.

Wo einstweilen nicht auf Teil- oder Vollautomatisierung gesetzt wird, dient die Digitalisierung betriebsinterner Abläufe vor allem zur verschärften Kontrolle der Arbeitsprozesse. Ein ähnliches Barcode-System wie das, das Kivas fahrende Regale durch drei der Zentrallager von Amazon lotst, hilft auch den x-Tausend menschlichen Arbeitern in den deutschen Lagern des Unternehmens bei der Orientierung. Die Strichcode-Lesegeräte (Scanner), mit denen die Arbeiter zu diesem Zweck ausgestattet sind, können aber noch weit mehr. Die Apparate fungieren zum einen als eine Art Stempelkarten, mit denen die Arbeitszeit gemessen wird. Mit ihrer Hilfe wird zum anderen aber auch ankommende Ware systematisch erfasst. Außerdem weist das Gerät den Pickern den kürzesten Weg durch die Hallen und trägt damit zur weiteren Effizienzsteigerung bei.28 Amazon weiß also mithilfe des Scanner-Systems nicht nur jederzeit über den genauen Standort seiner Waren, sondern auch über die Arbeitspraxis seiner Mitarbeiter Bescheid – darüber, wo sie sich befinden, wie viele Artikel sie in einer bestimmten Zeit bearbeiten und wie sie im Vergleich mit ihren Kollegen abschneiden. In “Feedbackgesprächen”, die die Leistungsbewertung einzelner Mitarbeiter zum Inhalt haben, kann sich das Management der symbolischen Macht der nackten, ‘objektiven’ Zahlen bedienen. Denn das digitale Kontrollsystem in den Lagern ermöglicht die präzise individuelle Leistungsbeurteilung jedes Mitarbeiters. Im Prozess der Industrialisierung von Dienstleistungsarbeit wird nicht grundsätzlich unterschieden zwischen dem Management von Produkten und dem Management menschlicher Arbeitskraft. Der Barcode ist nur das sichtbare Emblem eines digitalen Kontrollsystems, das Produkte und Arbeitskraft buchstäblich miteinander verschaltet. Dabei stellen Amazons Fulfillment Center 29 eine Art Laborsituation für Entwicklungen dar, die in ganz unterschiedlichen Branchen im Gange sind. Amazons digitales Kontrollsystem basiert auf einer lückenlosen Erfassung aller für den Betriebsablauf relevanten Daten seiner Beschäftigten. Intelligente Software auf Firmencomputern, der Email- und Gesprächsverkehr über das Diensthandy oder die von diesem übermittelten GPS-Daten zur Bestimmung des aktuellen Aufenthaltsorts besonders mobiler Mitarbeiter liefern heute in ganz unterschiedlichen Berufen und Branchen eine Flut von Daten, die nach kontrollrelevanten Gesichtspunkten ausgewertet werden können.30

Die in Verfahren digitaler Kontrolle implizierten Möglichkeiten zur weitgehenden maschinellen Steuerung menschlicher Arbeit dienen bei Amazon auch der Lockerung und tendenziellen Auflösung der langfristigen und berechenbaren Integration der Arbeiter in den Betrieb. Je weniger Autonomie der Arbeitsprozess den Pickern und Packern abverlangt, desto leichter sind diese zu ersetzen. Die kurzen Anlernzeiten macht sich Amazon zunutze, um möglichst flexibel auf systematische Nachfrageschwankungen zu reagieren. So sind in Amazons Warenlagern in der Hauptsaison, etwa vor Weihnachten, mitunter mehr Saisonarbeiter als Festangestellte be- schäftigt.31 Ziel der Digitalisierung der organisatorischen Abläufe ist ein möglichst unmittelbarer Zugriff auf Arbeitskraft, der sich an ganz unterschiedlichen Stellen des Amazon-Systems zeigt und der Kontrolle und dem Absenken der Preise für die Ware Arbeitskraft dienen soll.

Der Trend, den unmittelbaren Zugriff des Marktes auf Arbeitskraft digital zu transformieren, findet allerdings einen noch radikaleren Ausdruck in Amazon-Tools wie dem Mechanical Turk und Amazon Home Services, zwei der Flaggschiffe der Amazon Web Services. Beim Mechanical Turk 32 handelt es sich um eine Plattform, auf der Auftraggeber (Requester) einzelne Arbeitsschritte als bezahlte Aufgaben ausschreiben können. Sollen beispielsweise eine große Zahl von Fotos der alljährlichen Betriebsfeier fürs Intranet mit lustigen Titeln versehen werden, so kann ein Auftragnehmer (Provider/ Turker) diese Aufgabe zu festgelegten Stückpreisen, in der Regel von einigen Cent pro Bildtitel, übernehmen. Es handelt sich um ein Crowdsourcing-Modell, das heißt um ein Verfahren der digital vermittelten Auslagerung einzelner Arbeitsschritte aus einem betrieblichen Kontext auf eine betriebsexterne Masse von selbständigen Auftragnehmern (Crowd).33 Amazon ist in dieser Sparte nur ein Anbieter unter vielen. Im Jahre 2014 gehörten zu den User-Arbeitnehmern des Mechanical Turk aber immerhin 500 000 Personen aus 190 Ländern.34 Zahlreiche Unternehmen wie Siemens, IBM, SAP, Bosch oder BMW betreiben ihre eigenen Crowdsourcing-Plattformen, die keineswegs nur digitale Einfacharbeit, die von sogenannten Clickworkern erledigt wird,35 sondern auch durchaus qualifizierte Aufgaben, beispielsweise im Bereich des Designs oder der Software-Entwicklung, vermitteln.36 Mit Amazon Home Services ist Amazon in den USA zudem in die digitale Vermittlung non-digitaler Arbeitskräfte eingestiegen.37 Reinigungskräfte, aber auch Hausmeister, Gärtner, Handwerker und Techniker können über diese Amazon-Seite direkt nach Hause bestellt werden. Auch hier ist Amazon lediglich ein außergewöhnlich großer Fisch in einem Teich, in dem sich noch viele ähnliche Anbieter tummeln. In Deutschland bieten zum Beispiel virtuelle Arbeitsmarktplätze wie myhammer.de für Handwerker oder Dienstleistungsplattformen wie helpling.de für Reinigungskräfte ihre Dienste an. Während bei Helpling Reinigungskräfte zu Festpreisen38 und unter von der Plattform garantierten Normen gebucht werden können, beteiligen sich selbständige Handwerker von Myhammer an einer Art Auktionsverfahren.39

Seien es nun große Unternehmen, eigenständige Plattformen oder Plattformunternehmen wie Amazon – die Digitalisierung von Marktplätzen revolutioniert nicht nur den Handel mit analogen und digitalen Produkten, sondern auch den Handel mit der Ware Arbeitskraft. Prozessüberwachung und Kontrolle lösen sich dabei zunehmend vom betrieblichen Kontext. Crowdsourcing-Plattformen wie Upwork bieten Auftraggebern beispielsweise die Möglichkeit, die Zeitprofile der Tastaturanschläge von Freelancern, die bestimmte Aufträge übernehmen, zu kontrollieren und Screenshots von deren Arbeitsprozess zu sehen. Dem potenziellen “lack of motivation”40 bei Personen, die außerhalb jeder formellen Integration in ein Unternehmen Dienstleistungen erbringen, soll so durch neue Möglichkeiten direkter Kontrolle begegnet werden.41 Für die digitalen Einfacharbeiter von Mechanical Turk erachtet Amazon freilich auch wesentlich rustikalere Sanktionspraktiken als opportun. Auf der Website von Mechanical Turk kann man lesen, wie Requester mit Ergebnissen umgehen sollen, die nicht ihren Erwartungen entsprechen: “Falls die Arbeitsleistung nicht Ihren Standards entspricht, lehnen Sie die Arbeit einfach ab und bezahlen Sie den Arbeiter nicht.”42

Sozio-technische Ökosysteme

Immer noch wird mit Digitalisierungsprozessen häufig die Hoffnung auf eine Dezentralisierung und damit einhergehende Demokratisierung des Wirtschaftslebens verbunden: Produktionswissen soll demnach im digitalen Kapitalismus der Zukunft weit gestreut sein, Tüftler und communities sollen kooperativ an Innovationen basteln, die zudem für jedermann offen zugänglich sind. Mit Hilfe kluger Apps und kundenfreundlicher Dienstleistungsangebote entsteht diesen Hoffnungen zufolge eine Welt, die für Konsumenten und Produzenten mehr Wahlfreiheit und Teilhabemöglichkeiten bietet. Der Blick in das Herzstück des digitalen Kapitalismus, die Internetökonomie, stellt dieser verklärten Sicht die nüchterne Logik digitaler Marktprozesse entgegen. Die Märkte des digitalen Kapitalismus sind weit davon entfernt, den Modellen der neoklassischen Ökonomie zu entsprechen, die vollständige Konkurrenz, das heißt den Wettbewerb zahlreicher, nichtdominierender Anbieter ähnlicher Waren und Dienstleistungen sowie die Transparenz aller relevanten Informationen voraussetzen. In den Schlüsselmärkten des digitalen Kapitalismus finden sich stattdessen Phänomene, wie sie aus der zweiten industriellen Revolution vertraut sind: Konzentration, Marktkontrolle, Marktmacht, Monopolisierung. Sie sind das Ergebnis systematischer Matthäus-Effekte, die im Wesentlichen zwei Ursachen haben: Zum einen wirken auf der Angebotsseite spezifische Skaleneffekte, das heißt bei digitalen Produkten fallen zwar hohe Entwicklungskosten an, doch sind die Grenzkosten für die Produktion jeder weiteren Einheit eines einmal entwickelten Produkts (wie beispielsweise Software) dafür äußerst gering. Das ermöglicht es den Unternehmen, große Produktmengen zu relativ kleinen Stückzahlpreisen zu veräußern oder diese gar – etwa mit der Zielsetzung langfristiger Kundenbindung – umsonst zur Verfügung zu stellen. Je größer eine Firma, desto höher sind zudem Kosten- und Geschwindigkeitsvorteile bei der Entwicklung neuer Produkte und in der Folge die Vielfalt des Produktportfolios, was zu einer systematischen Überlegenheit größerer Firmen gegenüber ihren kleineren Konkurrenten führt. Zum anderen kommen auf der Nachfrageseite spezifische Netzwerkeffekte zum Tragen.43 Sie beruhen auf dem Umstand, dass der Nutzen vieler digitaler Produkte steigt, je mehr Menschen sie gebrauchen. Ist erst einmal eine kritische Masse von Usern ‘an Bord’, wird der Einstieg in das betreffende System für immer mehr Leute attraktiv.44 Hat die Nachfrage nach einem erfolgreich etablierten Produkt erst einmal eine bestimmte Größenordnung erreicht, wird sie zu einem sich selbst verstärkenden Prozess. Auf diese Weise macht der Netzwerkertrag die Starken stärker und die Schwachen schwächer. Treten Skalen- und Netzwerkeffekte in Kombination auf, begünstigen sie daher Monopolisierungs- beziehungsweise Oligopolisierungsprozesse und die Entwicklung von Winner-takes-it-all-Märkten,45 in denen kleinere Konkurrenten den Anschluss verlieren.

Klassische Monopolisierungsprozesse des Industriezeitalters basierten häufig auf sogenannten ‘natürlichen Monopolen’,46 die den Monopolen des digitalen Kapitalismus nicht ganz unverwandt sind. Natürliche Monopole beruhten nämlich, was ihre materialen Voraussetzungen anlangt, auf extrem hohen Fixkosten und im Vergleich dazu deutlich geringeren variablen Kosten. Telekommunikation, Energie- und Wasserversorgung sowie die Eisenbahn basierten auf kostenintensiver Infrastruktur, die eigentlichen Güter oder Dienstleistungen waren nach der Etablierung infrastruktureller Voraussetzungen allerdings verhältnismäßig günstig zu erstellen. Die sich daraus ergebenden Skaleneffekte stellten schwer zu bewältigende Herausforderungen für Konkurrenten dar, die zuerst eigene Infrastrukturnetzwerke hätte etablieren müssen, was sich finanziell selten lohnte. In dieser Hinsicht verhält es sich im digitalen Kapitalismus jedoch anders. Zwar ist Google derzeit ein Quasimonopolist bei der Internetsuche. Doch schon die Tatsache, dass diese Stellung noch vor nicht allzu langer Zeit von der mittlerweile abgeschlagenen Suchmaschine Yahoo gehalten wurde, verdeutlicht, dass es sich bei den Monopolen der Internetkonzerne – zumindest in der Vergangenheit – um höchst “volatile Monopole”47 handelte. Bis vor kurzem konnten kreative Köpfe aus den niedrigen Grenzkosten digitaler Produkte Kapital schlagen, ohne auf die Anbindung an einen der Internetgiganten angewiesen zu sein: Eine gute Idee, etwas Risikokapital, und schon konnte ein Markt umgekrempelt und der Primus vom Thron gestoßen werden. Aus dieser Erfahrung der Jugendjahre des Internets haben die Internetkonzerne Konsequenzen für die Gegenwart gezogen: Im heraufziehenden Mannesalter des digitalen Kapitalismus setzen die großen Unternehmen auf die Etablierung sozio-technischer Ökosysteme, also die Integration von Hard- und Software, die möglichst viele Nutzerbedürfnisse abdecken und den Usern so den Wechsel zu einem anderen Anbieter erschweren soll. Die Etablierung sozio-technischer Ökosysteme erfolgt über mehrere Schritte: Die Konzerne kaufen Wettbewerber auf, um so ihren Marktanteil zu vergrößern. Zudem erweitern sie ihr Produktportfolio und inkorporieren neues Know-how durch die Akquisition von Unternehmen, die auf den ersten Blick nicht zum eigentlichen Kerngeschäft gehören. So hat Amazon beispielsweise Onlineanbieter unterschiedlichster Waren aufgekauft und sich sukzessive von einem digitalen Buchhändler zu einem Allround-Einzelhändler gewandelt, aber eben auch in Robotik-, Web-Services- und Hardwarefirmen investiert. Auch Google gehört zu den aktivsten Unternehmen im Bereich Mergers & Acquisitions (M&A)48 und investiert in zahlreiche Unternehmen, die erst auf den zweiten Blick mit dem Kerngeschäft des Verkaufs von Internetwerbung zu tun haben.49 So hat der Konzern beispielsweise ein Unternehmen für Haushaltsthermostate übernommen und ist durch zahlreiche Ankäufe mittlerweile zum größten Robotikhersteller der Welt aufgestiegen. Die Ausweitung des Produktangebots folgt selbstverständlich nicht dem Zufallsprinzip. Der Aufkauf von Herstellern für Thermostate und Rauchmelder soll es Google ermöglichen, sich zukünftig als Anbieter auf dem Markt für smarte Eigenheime zu etablieren, in denen sämtliche integrierten Techniksysteme miteinander vernetzt sind.50 Amazons Investitionen in Robotik hingegen dienen, wie beschrieben, der Optimierung der eigenen Lagerund Transportlogistik.

Bei der Verankerung von Nutzern in geschlossenen sozio-technischen Ökosystemen spielen die konzerneigenen Hardwaregeräte eine zentrale Rolle. Sie bieten dem Kunden eine Reihe aufeinander abgestimmter und vernetzter Programme und Dienste. Das jeweilige Ankerprodukt – z. B. das iPad, das Nexus oder der Kindle – dient als “digital hub”, über das alle Formen von Kommunikation und Steuerung laufen.51 Ist ein Nutzer einmal in solch einen sozio-technischen Kommunikationsraum integriert, weil er beispielsweise auch seine Daten und Dateien in der Cloud eines spezifischen Anbieters verwaltet, docken sich immer weitere Applikationen desselben Anbieters an die vorhandene Struktur an. Auf diese Weise entstehen gleichermaßen komplexe und hochgradig personalisierte wie auch in sich geschlossene Systeme, die den Umstieg auf einen anderen Anbieter systematisch erschweren, weil der Nutzer in aller Regel mit schmerzhaften Verlusten aggregierter Daten zu rechnen hat.

Die Zukunft des digitalen Kapitalismus

Unternehmen wie Amazon, Google und Apple vermitteln einen Eindruck von dem Ausmaß, das die systematische Integration und Vernetzung unterschiedlicher Glieder einer Wertschöpfungskette und die Einbindung von Nutzern in sozio-technische Ökosysteme bereits angenommen haben. Unterzieht man die beschriebenen Digitalisierungspraktiken der führenden Internetkonzerne einer systematischen Analyse, zeichnen sich spezifische Transformationspfade kapitalistischen Wirtschaftens ab: Die fortschreitende Digitalisierung zeitigt weitreichende Folgen, die sich nicht nur auf Märkte und Produktionsprozesse, sondern auch auf Arbeitsorganisation und Arbeitskraftgestaltung auswirken. Der Wandel von Unternehmen in Richtung eines digitalen Kapitalismus erfolgt zwar immer nur in begrenztem Ausmaß, Stück für Stück, und er folgt auch keiner singulären, linearen Logik. Dennoch lassen sich in den genannten vier Bereichen deutliche Tendenzen und Entwicklungslinien ausmachen, die theoretisch informierte Prognosen über einzelne Transformationspfade des digitalen Kapitalismus erlauben.

Markt: digitale Schöpfung, analoge Zerstörung

Die Marktgestaltung des digitalen Kapitalismus folgt einer Logik der digitalen Schöpfung, indem analoge Marktstrukturen aufgebrochen werden. Dies ist das erste Merkmal des digitalen Kapitalismus. Der Aufbau soziotechnischer Ökosysteme hat einen wichtigen Nebeneffekt: Obwohl sie ihr jeweiliges Kerngeschäft in unterschiedlichen Geschäftsfeldern (Werbung, Software, Unterhaltungselektronik, Einzelhandel) haben, konvergieren zunehmend die Angebotsstrukturen der Internetkonzerne. Diese beobachten sich wechselseitig und passen sich aneinander an, was dazu führt, dass teilisomorphe52 Produktportfolios entstehen. Unternehmen wie Google und Amazon, die im Hinblick auf ihr klassisches Kerngeschäft eigentlich keine Wettbewerber sind, geraten dadurch in stärkere Konkurrenz zueinander. Die schrittweise Angleichung des Angebots bewirkt, dass der Konkurrenzkampf um Gewinne vor allem über den Wettstreit um Innovationsvorsprünge geführt wird. Die gleichermaßen von neoklassischen wie marxistischen Wirtschaftstheoretikern vertretene Annahme, Preise seien die Waffen, mit denen der Krieg um Märkte geführt werde, wird damit auf den Kopf gestellt. Bereits Schumpeter hielt diesem Theorem entgegen, dass die entscheidende Variable auf modernen Märkten die Konkurrenz der “neuen Ware, der neuen Technik” sei.53 Dieses Diktum findet seine Bestätigung in den Kernunternehmen des digitalen Kapitalismus, deren Zukunftsstrategien vor allem auf disruptive Innovationen setzen, auf technologische Neuerungen großen Stils, deren Nutzeneffekt Konsumentenbedürfnisse und damit ganze Märkte neu zu strukturieren oder gar zu erzeugen vermag.54 Diese Faktoren sprechen dafür, dass nach den Manager- und Shareholder-Modellen der vergangenen Dekaden im digitalen Kapitalismus der Unternehmer als zentrale Leitfigur der Unternehmensführung zurückkehrt, weil der Fokus auf kurzfristig womöglich unrentable, langfristig aber revolutionäre Innovationen den weiten Blick und die Kühnheit von Schumpeters Idealtypus verlangt.55

Unternehmen wie Uber (Taxis, Fahrdienste), Helpling (Reinigungskräfte) oder Airbnb (Übernachtungen) haben das Potenzial zur Transformation ganzer Branchen. Sie setzen, wie Schumpeter es genannt hat, “neue Kombinationen” durch,56 erzeugen neue Formen der ökonomischen Organisation. Die disruptiven Unternehmer sind Marktbildner, sie revolutionieren Märkte nach ihrer Vorstellung, indem sie die Geschäftsmodelle der analogen Konkurrenten mit ihrer eigenen Logik kolonialisieren. Kein großer xxBuchverlag und keine Buchhandelskette kann es sich nach Amazon noch leisten, ohne ein eigenes digitales Angebot – z. B. E-Books – auszukommen. Deshalb haben sich auf dem deutschen Markt die großen Buchhandelsketten Hugendubel, Thalia, Bertelsmann und Weltbild sogar zusammengeschlossen, um einen eigenen E-Reader auf den Markt zu bringen. Inwieweit sie dem Branchenprimus im Interneteinzelhandel noch Einhalt gebieten können, muss die Zeit erst noch zeigen. Generell lässt sich sagen: Der Erfolg vieler Unternehmen der traditionellen Ökonomie wird in Zukunft vor allem von deren Bereitschaft und Fähigkeit zur Adaption an sich wandelnde Markt- und Produktionsbedingungen abhängen.57

Herrschaft: digitaler Taylorismus

Das zweite Merkmal des digitalen Kapitalismus besteht in einer spezifischen Dynamik von Herrschaft und Kontrolle, die die Arbeitssituationen in jenen Unternehmen prägt, in denen die technischen Potenziale der Digitalisierung voll ausgeschöpft werden. Hier entsteht ein digitaler Taylorismus, der Merkmale der Arbeitsorganisation und Rationalisierung im industriellen Sektor zunehmend auch auf den Bereich der Dienstleistungsarbeit übertr ägt. Die Taylorisierung der Industriearbeit, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu etablieren begann, beinhaltete aus unternehmerischer Sicht zwei große Versprechen: Erstens sollte das scientific management des industriellen Arbeitsprozesses enorme Produktivitätssteigerungen ermöglichen. Zweitens versprach die Mechanisierung des Fertigungsprozesses ein System der lückenlosen Kontrolle menschlicher Arbeit. Weder konnte ein Arbeiter am Fließband autonom über seine Arbeitsgeschwindigkeit bestimmen, noch bot der tayloristisch durchrationalisierte Arbeitsprozess Chancen der autonomen Gestaltung von Arbeitsabläufen oder gar der eigenständigen Bestimmung von Arbeitsinhalten. Im Grunde handelte es sich um ein System der maschinellen Steuerung menschlicher Arbeitskraft.58 Als im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr Arbeitsschritte in der Produktion automatisiert wurden, zeitigte das allerdings Folgewirkungen, die den Charakter der Industriearbeit veränderten. Komplexeres Wissen um die Funktionsweisen einzelner Maschinen und die allgemeinen Zusammenhänge der Produktionssysteme wurden zu einer Erwartung an das Aufgabenprofil der Arbeitnehmer, die nun von Anhängseln der Maschinen zu deren Steuermännern wurden. Mit der Aufwertung der Industriearbeit59 hielten Organisationsprinzipien im Industriebetrieb Einzug, die zuvor Domänen der Angestelltenarbeit gewesen waren. Mit der Etablierung von Projekt- und Gruppenarbeitsformen fand der Taylorismus, zumindest in bestimmten Segmenten des industriellen Sektors, sein vorläufiges Ende.

In Dienstleistungsfabriken wie Amazon kehren lückenlose Kontrolle und maschinelle Menschensteuerung nun zurück in die Arbeitswelt. Was früher das Fließband war, sind heute die Apps und Algorithmen. Sie ermöglichen einerseits die umfassende Überwachung der Mitarbeiter, deren Aufenthaltsort und Arbeitsleistung permanent abgefragt und evaluiert werden können. Andererseits dienen sie den Beschäftigten nicht nur zur Orientierung, sondern steuern auch ganz direkt deren Tätigkeiten. Der Bildschirm an der Packstation zeigt an, welche Sendung wie zu bearbeiten ist, der Handscanner bestimmt den Weg des Arbeiters durch die Lagerhallen, die App der Crowdsourcing-Plattform weist den Weg zu den jeweiligen Arbeitsschritten.

Klassische Modelle betrieblicher Herrschaft bedienen sich bei Dienstleistungstätigkeiten bürokratischer Maßnahmen, die als “soziale Rationalisierungsstrategien ” auf die Durchsetzung in Form persönlicher Kontrollen angewiesen sind:60 Bürokratische Regulierungen des Arbeitsprozesses setzen auf die Standardisierung von Aufgaben per Dekret. Solche Rationalisierungsstrategien sind freilich immer auch darauf angewiesen, dass die Umsetzung der jeweiligen Regeln über personalisierte, direkte Überwachungsbeziehungen kontrolliert wird. Empirisch zeigen sich in weiten Teilen der Arbeitswelt derzeit Hybride aus technischen und sozialen Rationalisierungsstrategien: In der Post- und Paketzustellung kommt es beispielsweise vermehrt zum Einsatz von GPS-Geräten, die es dem Unternehmen ermöglichen, jederzeit den Standort seiner Fahrer abzufragen. Ob solche Daten letzten Endes wirklich kontrollrelevant werden, hängt zwar immer von der individuellen Entscheidung ab, die Daten eines bestimmten Fahrers zu prüfen. Allerdings weisen die Potenziale der Digitalisierung längst in Richtung technischer Lösungen, die Leistungsprüfungen automatisch über Algorithmen abwickeln könnten. In Amazons Dienstleistungsfabrik ersetzt schon heute die Steuerung durch den Algorithmus tendenziell die Notwendigkeit personalisierter Evaluationen, weil die Handlungsautonomie der Arbeiter so weit eingeschränkt ist, dass ihre persönliche Überwachung hinfällig wird. Wo der digitale Taylorismus zur vollen Entfaltung kommt, wird der Mensch in bestimmten Bereichen der Arbeitswelt wieder zum Appendix der Maschine.

Organisation: Freisetzung und Dichotomie

Der Ausbau digitaler Kontrollformen betrifft, wie beschrieben, aber eben nicht nur solche Mitarbeiter, die in Kernbereichen des Arbeitsprozesses mit Tätigkeiten betraut sind, die für das reibungslose Funktionieren der Arbeitsabläufe unabdingbar sind. Die Digitalisierung bietet auch ganz neue Möglichkeiten für hybride betriebliche Beschäftigungssysteme. Arbeitskräfte werden zunehmend an der Peripherie der Unternehmen angesiedelt, wo sie – je nach Bedarf – über Crowdsourcing-Modelle mit immer weniger Reibungsverlusten in den Arbeitsprozess der Kernbelegschaft integriert werden können. Unter organisationssoziologischer Perspektive sind die Unterschiede zwischen den Arbeitsbedingungen der Clickworker und den Saisonbeschäftigten in Amazons Fulfillment-Centern nur gradueller Art. Ebenso wie die Clickworker stehen auch Amazons Saisonarbeiter für einen systematischen Wandel der Arbeitsorganisation, der im digitalen Kapitalismus möglich wird.

Im Fordismus war der Betrieb als Organisation nicht nur ein Ort der Kontrolle, sondern bot auch einen gewissen Schutz vor den Risiken des Marktes. Über die Organisationsmitgliedschaft, das heißt die Betriebszugehörigkeit, waren in der Regel sowohl die Integration in die Sozialversicherungssysteme und das Arbeitsrecht als auch der Anspruch auf tarifvertragliche Leistungen gesichert. Viele Unternehmen ‘schützten’ ihre Beschäftigten – aufgrund tarifvertraglicher Verpflichtungen, aber auch aus planerischem Kalkül – vor konjunkturbedingten Nachfrageschwankungen, indem sie beispielsweise auf Entlassungen bei zeitweisen Nachfragerückgängen verzichteten. Im Postfordismus änderten sich die Verhältnisse. Spätestens seit den 1990er-Jahren setzten immer mehr Unternehmen auf eine deutliche Flexibilisierung der Arbeitsorganisation. Der Abbau staatlicher Sicherungssysteme und die Lockerung bestehender Tarifbindungen eröffneten den Firmen neue Möglichkeiten der Deregulierung von Arbeitsverhältnissen zugunsten einer stärker an Marktschwankungen angepassten Personalpolitik: Die gestiegenen Risiken volatiler Märkte wurden an die Beschäftigten weitergegeben.61 Auch auf der Ebene betrieblicher Kontrolle ging man zunehmend dazu über, persönliche Formen der Überwachung durch marktförmige Modi der Steuerung und Koordination zu ersetzen.62 Ihren Niederschlag fanden die veränderten Formen der Unternehmensführung schließlich auch in der Einführung neuer Evaluationsmodelle, die mit Zielvereinbarungen und einer stärkeren Betonung der Eigenverantwortung der Arbeitnehmer operierten. Gleichwohl spielte die Organisationsmitgliedschaft auch im Rahmen dieser Modelle zumindest noch insofern eine Rolle, als sich die Marktrhetorik des Managements ja in erster Linie auf diejenigen Arbeitnehmer bezog, die als festangestellte Mitarbeiter weiterhin den Betrieben angehörten und als solche von den immer noch beachtlichen ‘Resten’ tarifpolitischer und arbeitsrechtlicher Regulierungen profitierten.

Im digitalen Kapitalismus wird das Unternehmen als Organisation, das heißt als allgemeines Medium sozialer und institutioneller Inklusion, systematisch geschrumpft und die verbleibende Kernbelegschaft mit einer – je nach Bedarf mal größeren und mal kleineren – Anzahl ‘freier’ Arbeitskräfte umgeben, für die das Versprechen der Teilhabe, das sich sowohl im Fordismus als auch im Postfordismus mit der Zugehörigkeit zur Organisation verband, nicht mehr gilt. Dies mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, wurde doch zuvor beschrieben, dass die Revolutionierung von Märkten im digitalen Kapitalismus besonders auf das systematische Einverleiben immer neuer Marktsegmente, potenzieller Konkurrenzunternehmen oder vielversprechender neuer Geschäftszweige setzt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich freilich, dass die Organisationspolitik der Unternehmen auf eine Kombination aus geschlossenen Zentren und kontrolliert geöffneten Peripherien setzt.63 Im digitalen Kapitalismus werden im Zeichen der Freisetzung von Arbeitskraft die formalen Außengrenzen der Unternehmen enger gezogen. Um die Zentren herum entsteht so ein Satellitensystem arbeitspolitischer Peripherien. Jenseits der Kernbelegschaft sind die Arbeitenden in das Produktionsmodell des Unternehmens lediglich zeitweilig und partiell integriert, von einer formalen Organisationsmitgliedschaft aber bleiben sie dauerhaft ausgeschlossen.

Die gleiche Logik eines Zusammenspiels zwischen kompakten Zentren und flexiblen Peripherien zeigt sich freilich auch in Bezug auf das organisationspolitische Management der Ware Arbeitskraft. Einem festen Kern einstweilen unentbehrlicher, hochqualifizierter Beschäftigter steht eine – nicht selten deutlich größere – Gruppe peripherer Einfacharbeiter in semitaylorisierten Arbeitsprozessen gegenüber, für die weder das organisatorische Schutzversprechen des Fordismus gilt noch die vornehmlich ‘ideellen Daumenschrauben’ des Postfordismus in Anschlag gebracht werden können. 64 Aus organisationssoziologischer Perspektive ist dieser Dichotomisierungsbewegung innerhalb des Prozesses der Arbeitsteilung eine systematische Dynamik der Freisetzung von Arbeitskraft inhärent. Diese Transformation der Rolle der Arbeitsorganisation, die durch die technischen Innovationen der Digitalisierung erst möglich wird, stellt unserer Ansicht nach das dritte systematische Merkmal des digitalen Kapitalismus dar.

Die Kontingenzarbeitskraft

Im Prozess der Freisetzung entsteht zudem ein neuer Typus von Arbeitskraft, der das vierte systematische Kennzeichen des digitalen Kapitalismus bildet. Karl Marx hatte den Proletarier des 19. Jahrhunderts in doppelter Hinsicht als frei charakterisiert: zum einen als freies Rechtssubjekt, zum anderen aber auch als frei von jeglichem Besitz an Produktionsmitteln – ein Umstand, der ihn schließlich zum Verkauf seiner Arbeitskraft als Ware zwingt. Im digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts erfährt die freie Arbeitskraft erneut einen Wandel.

Im Fordismus fand die Erwerbsintegration über den Betrieb statt. Der formal unselbständige und im Arbeitsprozess stark weisungsgebundene, wiewohl festangestellte und zudem durch arbeitsrechtliche und tarifvertragliche Regelungen abgesicherte Arbeitnehmer bildete den Prototyp der Ware Arbeitskraft. Diese Situation änderte sich in der postfordistischen Ära: Insbesondere gut ausgebildeten Arbeitnehmern gestanden die Unternehmen deutlich größere Autonomien im Arbeitsprozess zu. Die Kehrseite der Medaille bestand freilich darin, dass für den Zugewinn an Autonomie auf die bis dahin üblichen sozialen Sicherheiten eines geregelten Normalarbeitsverhältnisses sukzessive verzichtet werden musste.65 Die mittlerweile von Selbständigen praktizierte “Ökonomie der Selbstverwirklichung”66 setzt faktisch die Entbindung vom Unternehmen voraus. Für diese Selbständigen ist die Aussicht auf womöglich lebenslange Betriebszugehörigkeiten keine attraktive Verheißung mehr, sondern geradezu der Inbegriff einer entfremdeten Arbeit, die ihrer Vorstellung von selbständiger Tätigkeit mit größerer individueller Zeitsouveränität zuwiderläuft.

Im Postfordismus entstand ferner, als weiterer Effekt der Expansion wissensintensiver Arbeitstypen, die auf größere Autonomiespielräume innerhalb des Arbeitsprozesses angewiesen waren, ein neuer Typus von Arbeitskraft, den Hans J. Pongratz und G. Günter Voß auf den Begriff des “Arbeitskraftunternehmers ” gebracht haben.67 Die Tätigkeiten des typischen Arbeitskraftunternehmers erfordern fortlaufende “Selbst-Kontrolle”68 auf der Basis von Zielvereinbarungen, die mit dem Arbeitgeber getroffen werden. Ein solches Tätigkeitsprofil verlangt nach hoher Leistungsmotivation, die für die Masse der Normalarbeitnehmer des fordistischen Kapitalismus nicht zwingend vonnöten war, wurde deren Leistungsverausgabung im Zweifelsfall doch durch Fremdkontrolle gesichert. Pongratz und Voß sprechen in diesem Zusammenhang von einem Prozess der “Selbst-Ökonomisierung “69 als Verinnerlichung der Arbeitgeberperspektive, die durch zahlreiche Anreize wie Boni oder zusätzliche Entscheidungsspielräume gefördert werden kann. Während für die Zeitökonomie des Arbeitnehmers klassischen Typs die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit konstitutiv ist, löst sich diese Unterscheidung beim Arbeitskraftunternehmer im Zeichen der “Selbst-Rationalisierung” tendenziell auf. Konflikte drohen hier weniger im Bereich betrieblicher Herrschaft, sondern entzünden sich eher an Fragen der Grenzziehung zwischen Arbeit und Leben.70

Arbeitskraft ist im digitalen Kapitalismus on demand abrufbar. Der auch im Postfordismus noch formal in die Organisation integrierte Arbeitnehmer wird zur digitalen Kontingenzarbeitskraft.71 Als formal Selbständiger ist die Kontingenzarbeitskraft nicht durch vertragliche Garantien des Arbeitgebers vor der Konkurrenz am Arbeitsmarkt geschützt. Ihre Folgsamkeit muss vom Unternehmen nicht mehr, wie im Falle des festangestellten Arbeitnehmers, durch die Übernahme des Marktrisikos erkauft werden. Als institutionell entbundener Arbeitskraftanbieter ist die Kontingenzarbeitskraft in einen Zusammenhang doppelter Kontingenz gestellt: Sie ist einerseits systematisch darauf angewiesen, dass Nachfrage (Aufträge) und Angebot (Arbeitskraftdisponibilität zu den geforderten Konditionen) sich treffen, aber andererseits ohne effektiven Einfluss auf den Preis der eigenen Arbeitskraft, der vor allem von der Größe und Form der digitalen Reservearmee abhängt, deren Wachstum und tendenzielle räumliche Entgrenzung Unterbietungswettbewerben Tür und Tor öffnet. Die Selbstkontrolle des Arbeitskraftunternehmers entfällt, weil die Kontingenzarbeitskraft formal selbständig und nicht weisungsgebunden ist. In der Praxis wird die Disziplin der Arbeitskraftanbieter freilich, wie beschrieben, nicht nur durch die Expansion der Konkurrenz, sondern auch durch immer ausgereiftere digitale Kontrollmethoden gesichert. Fremdkontrolle kehrt zurück, allerdings ohne die Vorzüge der sozialen Sicherung durch Organisationsmitgliedschaft, die den Typus des klassischen Arbeitnehmers prägte. Dies geschieht im Kontext großer Macht- und Informationsasymmetrien: Die Clickworker kennen beispielsweise häufig nicht einmal die Auftraggeber ihrer Tätigkeiten.72 Die Plattform, über die sie ihre Aufträge erhalten, fungiert zugleich als Trennschicht, die den weitergehenden Kontakt zwischen Unternehmen und Arbeitskraft verhindert. Das patrimoniale Sorge- und Disziplinarmodell des Industriekapitalismus wird so durch ein nachfrageorientiertes Gatekeeper-Modell der Organisationspolitik ersetzt: Für Unbefugte kein Zutritt.

Der, vor allem arbeitszeitpolitische, Konflikt um die Grenzziehung zwischen Arbeit und Leben, der den (Arbeits-)Alltag des Arbeitskraftunternehmers prägt, tritt jenseits der formalen Integration ins Unternehmen nicht mehr auf. Ist das zentrale Konfliktfeld des klassischen Arbeitnehmers die Frage betrieblicher Herrschaft und das entscheidende Thema des Arbeitskraftunternehmers jenes der Grenzziehung, so ist der Kontingenzarbeitskraft mit der Organisationsmitgliedschaft auch der Konfliktpartner abhandengekommen, mit dem Auseinandersetzungen geführt, aber auch Kompromisse geschlossen werden könnten. Atomisierter Wettbewerb tritt an die Stelle kollektiver Konflikte (Arbeitnehmer) beziehungsweise Lösungen im Zuge von Praktiken der Selbstrationalisierung (Arbeitskraftunternehmer).

Der Kontingenzarbeitskraft bleibt nur die Expansion der eigenen Arbeitszeit. In der zunehmenden “Ökonomie der Not”73 ist die Freiheit ein Verlustgeschäft: Durch die fehlende Zugehörigkeit zu einem Betrieb fehlt es auch an Formen sekundärer Integration. Die Kontingenzarbeitskraft unterliegt keiner verbindlichen Regulierung der Arbeitszeit, es gibt für sie keinen Feierabend, an dem die Werkssirene heult, und sie ist weder in die traditionelle Sozialversicherung noch in die Mitbestimmungsgremien integriert.

Zwar besitzt die Kontingenzarbeitskraft mit Laptop oder anderen digital devices (teilweise) ihre eigenen Produktionsmittel. Doch die Macht der Produktionsmittel liegt heute weniger im Computer oder Server. Erstere sind im Prinzip Werkzeuge, Letztere ein wichtiger Bestandteil digitaler Infrastruktur. Die Gelenkstellen von Macht und Ungleichheit im digitalen Kapitalismus bilden die Kontrolle der sozio-technischen Ökosysteme und der Zugriff auf die dort generierten Protokolle, die die Regelstruktur der Anwendung der Produktionsmittel bilden. Die Macht hat, wer die Regeln setzt.74 Die ‘freien’ Wissensarbeiter der digitalen Wirtschaft sind insofern eher zu vergleichen mit Handwerkern, die ihre Werkzeuge mitbringen, oder mit den Webern des Frühkapitalismus, die in Heimarbeit an ihren eigenen Webstühlen, aber doch in vollkommener Abhängigkeit von ihren Auftraggebern, den Verlegern, produzierten – und letztlich der globalen Konkurrenz zum Opfer fielen. Im digitalen Kapitalismus werden die Kosten für die Produktionsmittel von den Plattformkapitalisten auf die Kontingenzarbeiter externalisiert, Risiken der Marktakteure werden von den Unternehmen und Plattformen auf die Arbeitskräfte übertragen.75 Der Freiheit des disruptiven Unternehmers steht am anderen Ende der digitalen Nahrungskette die dreifach freie Kontingenzarbeitskraft gegenüber, die als autonomes Rechtssubjekt ihre Arbeitskraft auf dem digitalen Arbeitsmarkt eigenständig anbietet und selbstverantwortlich über machtentleerte Produktionsmittel verfügt, die sie in den Dienst wechselnder Herren stellen kann.

Protodigitale Entbettung

Jürgen Kocka beschreibt in seiner Geschichte des Kapitalismus, wie als Vorläufer industrieller Marktwirtschaften im 16. und 17. Jahrhundert “protoindustrielle ” Zusammenhänge entstanden. Die Protoindustrie, eine auf manufakturartiger Heimarbeit basierende, in überregionale Märkte eingebettete, von institutionellen Schranken befreite und auf zum Zeitpunkt ihres Entstehens brachliegender Arbeitskraft basierende Produktionsform, entstand größtenteils in der Umgebung der Städte, auf dem Lande, wo zu Verlegern werdende Kaufleute und andere Mittelspersonen die Unterbeschäftigung und Arbeitsbereitschaft in den klein- und unterbäuerlichen Schichten, die damit verbundenen niedrigen Lohnkosten und das Fehlen von beengenden Zunftregeln ausnutzten und durch das Vorschießen von Rohstoffen, die Vergabe von Aufträgen und die Übernahme der Produkte für den überlokalen Markt eine “ländliche Industrie” hervorbrachten, die sich an die sonstigen ländlichen Wirtschafts- und Lebensweisen anschmiegte, diese ergänzte und langfristig veränderte.76

Erst wesentlich später sollte sich die Protoindustrie als Inkubationsfeld kapitalistischer Wirtschaftsweisen erweisen, deren gesamtgesellschaftliche Durchsetzung im 19. Jahrhundert Karl Polanyi als “Great Transformation “77 beschrieb – als disruptiven Prozess, in dessen Folge die Institutionen der Feudalgesellschaft sukzessive zerstört wurden, um Platz für die sich herausbildende Marktgesellschaft zu machen. Die Ständegesellschaft zerbrach an ihrer fehlenden Flexibilität, die dem Sog, den die heraufziehende Industrialisierung entfaltete, nicht standhalten konnte. Dem Prozess der “Entbettung” folgten die massiven sozialen Verwerfungen des frühen Industriekapitalismus, dessen systematische Vorläufer die von Kocka beschriebenen protoindustriellen Zusammenhänge bildeten.

Die technischen Innovationen des digitalen Kapitalismus sind heute noch ähnlich “anschmiegsam”, wie es die Produktionsformen der Protoindustrie in der Feudalgesellschaft waren: Noch verdienen sich auf den digitalisierten Arbeitsmärkten der Gegenwart vielfach selbständige Uber-Fahrer oder studentische Clickworker ein willkommenes Zubrot zu ihrer regulären Beschäftigung, dienen die digitalen Arbeitsmärkte vornehmlich einer Ökonomie der Selbstverwirklichung und weniger einer Ökonomie der Not. Die Logik des digitalen Kapitalismus ist allerdings nicht auf die Ergänzung bestehender institutioneller Ordnungssysteme angelegt, sondern auf ihre disruptive Entbettung. Die Protodigitalität, aus deren Beobachtung sich unsere Hypothesen über den im Entstehen begriffenen digitalen Kapitalismus speisen, befindet sich unserer Einschätzung nach in einem Prozess der Expansion und Stabilisierung: Einerseits streuen digitale Prozesse über die Revolutionierung und Kolonialisierung von Märkten und Unternehmen in ganz unterschiedliche Sektoren und Branchen. Es entstehen sowohl Hybride aus etablierten Ordnungszusammenhängen, die durch Digitalisierung verändert werden, als auch ganz neue Märkte und Arbeitswelten, wo Rupturen erfolgreich durchgesetzt werden können. Zum anderen legen die beschriebenen Matthäus-Effekte und der hohe Grad an Integration der sozio- technischen Ökosysteme der Internetkonzerne eine große Stabilität der beschriebenen Zusammenhänge nahe. Der digitale Kapitalismus ist geprägt von Monopolisierungsprozessen auf digitalisierten Märkten, von denen auf der einen Seite systematisch ausgedünnte Unternehmenskerne profitieren, während auf der anderen Seite in den expandierenden Peripherien des Produktionsprozesses die Atomisierung der freigesetzten Kontingenzarbeitskräfte zu Buche schlägt. Der digitale Kapitalismus radikalisiert die Idee des Besitzindividualismus der “Ownership-Society”: Er basiert auf dem Zerschlagen von Kollektivinstitutionen und setzt auf Individuen als freie Marktakteure, die – aller kollektiven Schutzmechanismen ledig – als autonome, aber machtlose Produktionsmittelbesitzer miteinander um Aufträge konkurrieren, die ihnen zumindest zeitweise und punktuell Anschlüsse an das Wirtschaftssystem ermöglichen.

  1. Im Original: "The best way to predict the future is to invent it"; der letzte Satz der ersten dokumentierten Stellenanzeige des Unternehmens Amazon vom 21. 8. 1994. Vgl. Brad Stone, Der Allesverkäufer. Jeff Bezos und das Imperium von Amazon, übers. v. Bernhard Schmidt, Frankfurt am Main / New York 2013, S. 38.
  2. Vgl. Shoshana Zuboff, In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power, New York 1998.
  3. In regionalen Produktionsmodellen mögen die Zentren von Wertschöpfung und Beschäftigung beispielsweise in der Landwirtschaft liegen. Wird dort jedoch nicht mit Ochse und Pflug, sondern unter Einsatz modernster Technik gewirtschaftet, welchen Sinn hätte es dann, eine solche Ordnung als Agrarkapitalismus zu bezeichnen und sie damit begrifflich in Analogie zu feudalen Sozialordnungen zu setzen? Viel präziser sprechen wir heute bis in den Alltag hinein von industrieller Landwirtschaft, weil es uns im Grunde plausibler erscheint, Produktionsbedingungen, Arbeitskraftnutzung, spezifische Formen der Marktinklusion und Organisationspolitiken zum Ausgangspunkt einer Systemanalyse zu machen, als lediglich Beschäftigungs- und Wertschöpfungsstrukturen.
  4. Georg Giersberg, "Die Digitalisierung reißt die Branchengrenzen nieder", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. 7. 2015, Beilage "Die 100 Größten. Unternehmen in Deutschland, Europa und der Welt", S. 57.
  5. Diesen Begriff benutzte bereits der häufig äußerst hellsichtige Peter Glotz: Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus, München 1999.
  6. Als vielzitiertes Beispiel mag hier das Transportvermittlungsunternehmen Uber dienen, das eben kein Taxiunternehmen sein will, sondern vielmehr darauf zielt, über die direkte digitale Vermittlung selbständiger Fahrer das klassische Taxi-Gewerbe schlicht überflüssig zu machen.
  7. In diesem Strudel sind bereits einige Traditionsunternehmen untergegangen, z. B. Kodak und Agfa. Vgl. dazu von interessenpolitischer Seite Joseph Bradley et al., Digital Vortex. How Digital Disruption is Redefining Industries, Global Center for Digital Business Transformation, Oxford, June 2015.
  8. Die Firmenzentralen von Amazon und Microsoft befinden sich in bzw. bei Seattle.
  9. Aus diesem Grund plädiert beispielsweise Christian Fuchs für eine Perspektive, die auch die globalen Peripherien der Internetkonzerne und Technologieunternehmen miteinbezieht. Dieser Sichtweise zufolge sind Arbeiter bei Foxconn, die das iPhone von Apple montieren, ebenso ein systematischer Bestandteil des digitalen Kapitalismus wie Arbeiter in den Coltan-Minen unterschiedlicher Weltregionen. Vgl. Christian Fuchs, Digital Labour and Karl Marx, New York / London 2014.
  10. Auch im Hardwarebereich wird freilich Gewinn realisiert, wenn Kunden vernetzte beziehungsweise vernetzungsfähige Produkte wie Smartphones, Lesegeräte oder Navigationssysteme erwerben.
  11. Ulrich Dolata, "Volatile Monopole. Konzentration, Konkurrenz und Innovationsstrategien der Internetkonzerne", in: Berliner Journal für Soziologie 24 (2015), 4, S. 505-529.
  12. Der wohlwollende Amazon-Biograf Brad Stone beschreibt dies als die Grundproblematik zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung des Unternehmens Amazon. Vgl. Stone, Der Allesverkäufer, S. 222-257.
  13. Ebd.
  14. Das Rocket eBook von NuvoMedia.
  15. Amazons eigenes Lesegerät, der Kindle, kam in seiner ersten Version erst 2007 auf den Markt.
  16. So wurden zeitweise Bücher von Verlagen, die sich nicht Amazons Rabattkonditionen unterwerfen wollten, später ausgeliefert, 15. 5. 2014, www.faz.net/aktuell/feuilleton/ buecher/amazon/amazon-blockiert-buchverlage-in-europa-12941711.html [5. 8. 2015].
  17. Vgl. Daniel Leisegang, Amazon. Das Buch als Beute, Stuttgart 2014, S. 74.
  18. Im Grunde verfolgt Amazon damit für den Buchmarkt eine ähnliche Strategie, wie sie Apple mit Hilfe der Kombination von iTunes-Store und iPod für den Musikmarkt entwickelt hat. Steve Jobs hatte Jeff Bezos das lukrative digitale Musikgeschäft vor der Nase weggeschnappt. Dieser nahm sich in seiner Verknüpfung von Amazon-Plattform und Kindle jedoch ein Beispiel am Apple-System und nutzte das Geschäftsmodell für seinen Angriff auf den Buchmarkt. Vgl. Stone, Der Allesverkäufer.
  19. Amazon kann die von den Kunden auf dem Kindle gelesenen Seiten genau erfassen.
  20. Zu neuen Entwicklungen in der Robotik siehe den Beitrag von Philipp Staab in diesem Heft.
  21. Vgl. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Prime-Air-Amazon-reicht-Patent-fuer-Lieferdrohne-ein-2639765.htmll [05. 08. 2015].
  22. Im Frühjahr 2015 erhielt der erste von Daimler produzierte selbstfahrende LKW die Straßenzulassung in den USA.
  23. Schließlich ist technische Machbarkeit gerade im Distributionsbereich keineswegs das entscheidende Kriterium für die Umsetzung von Innovationen. Selbstfahrende Autos werfen auch erhebliche ethische Fragen auf. Vgl. Lena Schipper, "Wen tötet das Roboter-Auto?", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. 2. 2015, S. 15. Auch das gescheiterte Drohnenprojekt der Bundeswehr legt Zweifel an der Durchsetzbarkeit eines fliegenden Lieferdrohnenheers, zumindest in Deutschland, nahe.
  24. Jochen G. Fuchs, "Amazon ersetzt Mitarbeiter durch Roboter", in: t3n, 25. 10. 2013, www.t3n.de/news/amazon-ersetzt-mitarbeiter-504483/.
  25. Siehe dazu Andreas Menn / Stephan Happel, "Roboter verändern die Zukunft des Onlinehandels", in: Wirtschaftswoche, 29. 5. 2015, wiwo.de/unternehmen/handel/amazon-roboter-veraendern-die-zukunft-des-onlinehandels/11843744.html[30. 7. 2015].
  26. Vgl. G. Günter Voß / Kerstin Rieder, Der arbeitende Kunde. Wenn Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden, Frankfurt am Main / New York 2005.
  27. Kiva-Systems ist freilich nicht der einzige Akteur, der sich auf die Revolutionierung der Lagerlogistik spezialisiert hat. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Effizienzcluster LogistikRuhr werden beispielsweise seit 2013 auch in Deutschland neue Wege der Lagerlogistik erarbeitet. Das zentrale Konzept ist hier das Hub2Move, ein vollautomatisiertes Warenumschlagszentrum, dessen besondere Stärke in seiner räumlichen Mobilität liegt. Diese ist nicht nur auf sein Innenleben beschränkt, in dem, ähnlich wie bei dem von Kiva entwickelten System, mobile Roboterregale unterwegs sind und Änderungen im Sortier- und Stauungssystem schnell und flexibel erfolgen können. Das ganze Lager soll sich auch in Rekordzeit ab- und aufbauen lassen und innerhalb weniger Wochen mitsamt aller integrierten Betriebssysteme und Maschinen umziehen können. Vgl. Gerald Lacher, "Logistik 4.0 -- Vom Science-Fiction-Szenario zur Realität", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 11. 2014, S. V4.
  28. Gewerkschafter berichten darüber hinaus, das Gerät sei mit aufnahmefähigem Mikrofon und Kamera ausgestattet, die der Überwachung der Mitarbeiter dienten. Amazon bestätigt zwar die Existenz dieser technischen Applikation, gibt allerdings an, sie in Deutschland nicht zu nutzen, was datenschutzrechtlich auch verboten wäre.
  29. So die Bezeichnung der Warenlager im offiziellen Sprachgebrauch von Amazon.
  30. Dieses Verfahren wird als screening bezeichnet.
  31. Vgl. die entsprechenden Angaben bei Lisa Hegemann, "Wie Amazon das Weihnachtsgeschäft überstehen will", in: Handelsblatt, 30. 10. 2014, www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/amazon-stellt-10-000-saisonkraefte-ein-wie-amazon-das-weihnachtsgeschaeft-ueberstehen-will/10911510.html [30. 7. 2015].
  32. Der Begriff Mechanical Turk ist inspiriert von einem scheinbar automatischen Schachroboter, dem "Türken", den Wolfgang von Kempelen im 18. Jahrhundert konstruierte. Es handelte sich dabei freilich nur um eine Simulation von Automatisierung, denn im Inneren der vermeintlichen "Schachmaschine" verbarg sich ein Mensch, der die Spielzüge des äußerlich einem Türken nachempfundenen Apparats, der im Schach unter anderem Napoleon Bonaparte und Benjamin Franklin schlug, leitete.
  33. Das Kunstwort Crowdsourcing verbindet die Begriffe Crowd (Masse) und Outsourcing. Geprägt wurde der Terminus von Jeff Howe durch einen Artikel im Computermagazin Wired. Vgl. Jeff Howe, "The Rise of Crowdsourcing", in: Wired, Nr. 14, 2006, http://archive.wired.com/wired/archive/14.06/crowds.html [30. 7. 2015].
  34. Gabriele Paolacci / Jesse Chandler, "Inside the Turk: Mechanical Turk as a Participant Pool", in: Current Direction in Psychological Science, 23 (2014), 3, S. 184-188, hier S. 184. Die überwiegende Mehrheit der Turker stammt aus den USA und Indien.
  35. So auch der Name eines deutschen Pendants zu Amazons Mechanical Turk, das ebenfalls digitale Einfacharbeit vermittelt.
  36. Die dieser Praxis zugrundeliegenden Produktionsmodelle orientieren sich an Organisationsmodi der Open-Source Community, die beispielsweise Software-Entwicklung seit langem durch Netzwerke global verteilter Experten betreibt. Von einer eigenschaftslosen crowd kann hier keine Rede sein. Es geht beispielsweise bei IBMs Liquid-Portal um ganz spezifische Gruppen technischer Experten, die für Aufträge rekrutiert werden sollen. Vgl. Andreas Boes / Tobias Kämpf / Barbara Langes / Thomas Lühr, "Landnahme im Informationsraum. Neukonstituierung gesellschaftlicher Arbeit in der 'digitalen Gesellschaft'", in: WSI-Mitteilungen, Nr. 2, 2015, S. 77-85, hier S. 80 f. Klassische Domänen qualifizierter Selbständigenarbeit werden auch über berufsfeldspezifische Seiten organisiert. So beispielsweise über 99designs.de für Designer oder topcoder.com für Software-Entwicklung.
  37. Auch von Google werden Aktivitäten auf dem vermeintlichen Zukunftsmarkt der digitalen Vermittlung haushaltsnaher Dienstleistungen erwartet: Von Homejoy, einer insolventen Firma zur plattformgestützten Vermittlung von Reinigungskräften, übernahm Google im Juli 2015 zwanzig Mitarbeiter, mit denen der Eintritt in dieses Segment des digitalen Arbeitsmarktes gelingen soll.
  38. Die von den Helplingen realisierten Stundenlöhne unterschreiten nach Aussagen von Gewerkschaftern gleichwohl de facto existierende Mindestlohngrenzen.
  39. In seiner Anfangsphase funktionierte Myhammer wie ein umgekehrtes eBay: Die Handwerker konnten sich wechselseitig unterbieten, um den Auftrag zu bekommen. Mittlerweile wurde diese Form der Konkurrenz nach dem Prinzip eines race to the bottom stärker reguliert. Vgl. dazu Philipp Lorig, "Soloselbstständige Internet-Dienstleister im Niedriglohnbereich. Prekäres Unternehmertum auf Handwerksportalen im Spannungsfeld zwischen Autonomie und radikaler Marktabhängigkeit", in: Arbeits- und Industriesoziologische Studien 8 (2015), 1, S. 55-75.
  40. Jesse Chandler / Gabriele Paolacci / Pam Mueller, "Risks and Rewards of Crowdsourcing Marketplaces", in: Pietro Michelucci (Hg.): Handbook of Human Computation, New York 2013, S. 377-392, hier S. 382.
  41. Aber auch über Formen der "indirekten Steuerung" wird innerhalb der verhaltensökonomischen Forschung bereits seit längerem intensiv nachgedacht. Vgl. Dieter Sauer, "Indirekte Steuerung. Zum Formwandel betrieblicher Herrschaft", in: Wolfgang Bonß / Christoph Lau (Hg.), Macht und Herrschaft in der reflexiven Moderne, Weilerswist 2011, S. 358-378. Im Kontext von Crowdsourcing-Modellen haben Dana Chandler und Adam Kapelner in einem experimentellen Versuchsaufbau mit Arbeitern von Mechanical Turk nachgewiesen, dass diese Auftragnehmer deutlich bessere Arbeitsergebnisse lieferten, wenn ihre Aufgabe in der Tätigkeitsbeschreibung in einen moralisch sinnvollen Kontext eingebettet wurde. 2500 Turker wurden in drei Gruppen geteilt, die medizinische Bilder zu kennzeichnen hatten. Die Gruppe, der vorgespiegelt wurde, ihre Arbeit stehe in einem direkten Zusammenhang mit derjenigen von Krebsforschern, lieferte deutlich bessere Ergebnisse als die zwei Kontrollgruppen, denen man lediglich mitteilte, dass ihre Arbeit für den Müll bestimmt sei. Vgl. Dana Chandler / Adam Kapelner, "Breaking Monotony with Meaning: Motivation in Crowdsourcing Markets", in: Journal of Economic Behavior & Organization 90 (2013), S. 123-133.
  42. Zitiert nach Peter-Michael Ziegler, "Die Masse machts. Wie Crowdworking die Arbeitswelt verändert", in: c't, Nr. 1, 2015, S. 78-80, hier S. 79.
  43. Carl Shapiro / Hal R. Varian, Information Rules. A Strategic Guide to the Network Economy, Boston, MA, 1998, S. 173-226.
  44. So geraten Grossmütter auf Skype, Unternehmen auf Facebook oder wissenschaftliche Institute auf Twitter.
  45. Zu den Folgen für die soziale Ungleichheit von Winner-takes-it-all-Märkten vgl. Sighard Neckel, "Oligarchische Ungleichheit. Winner-take-all-Positionen in der (obersten) Oberschicht", in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 11 (2014), 2, S. 51-63.
  46. Hal A. Varian, Grundzüge der Mikroökonomik, übers. von Reiner Buchegger, Wien 1997, S. 397-399.
  47. Vgl. Dolata, "Volatile Monopole".
  48. Dies ist der betriebswirtschaftlich geläufige Begriff für die Praxis von Unternehmensaufkäufen und Zusammenschlüssen.
  49. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass sich diese langfristig orientierte Diversifizierungsstrategie für die Konzerne auch in ihren Kurzbewertungen auszahlt. Die traditionellen Industriekonzerne sahen sich im Zuge der seit den 1990er-Jahren immer stärker gestiegenen Shareholder-Value-Orientierung von den Anteilseignern eher zur Konzentration auf ihr Kerngeschäft genötigt. Daimler-Benz etwa hat sich in den letzten zwanzig Jahren vom integrierten Technologiekonzern mit Dienstleistungsfirmen, Industrie-, Luft- und Raumfahrtbeteiligungen wieder zu einem Automobil- und Nutzfahrzeughersteller verengt. Bei den Internetkonzernen sind die Anleger weniger streng. Im Gegenteil: Jede Erweiterung ihres Produktportfolios wird auf den Finanzmärkten als gute Wette auf die Zukunft gesehen und bewertet. Der Börsenwert von Amazon stieg in den letzten Jahren ebenso kontinuierlich wie die Umsätze -- und das, obwohl das Unternehmen in seiner Geschichte bislang kaum Gewinne erwirtschaftet hat.
  50. Apple zielt mit seinem Angebot Homekit auf den gleichen Markt.
  51. Steve Jobs hatte dies bereits am 9. Januar 2001 auf seiner Rede bei der MacWorld herausgestrichen: https://www.youtube.com/watch?v=9046oXrm7f8 [6. 8. 2015].
  52. Zur Verwendung des Begriffs im Rahmen der Organisationssoziologie vgl. Paul DiMaggio / Walter W. Powell, "Das 'stahlharte Gehäuse' neu betrachtet. Institutioneller Isomorphismus und kollektive Rationalität in organisationalen Feldern", in: Hans-Peter Müller (Hg.), Zeitgenössische amerikanische Soziologie, Opladen 1998, S. 147-173.
  53. Joseph A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus [1934], Berlin 1987, S. 140.
  54. Vgl. Clayton Christensen, The Innovator's Dilemma. When New Technologies Cause Great Firms to Fail, Boston, MA, 1997.
  55. Wenig spricht allerdings dafür, dass mit der Renaissance des Unternehmers, wie er sich nicht zuletzt in der Start-up-Ökonomie beobachten lässt, auch jenes Modell patrimonialer Unternehmensführung zurückkehrt, in dem die Personen an der Spitze, ähnlich den Industriekapitänen des Fordismus, lang anhaltende soziale Verpflichtungsbeziehungen zu ihren Belegschaften und Unternehmen eingehen. Dies mag vielleicht noch für die Kernbelegschaft des Google-Universums gelten. Das Geschäftsmodell der Unternehmer der Start-up-Ökonomie hingegen scheint doch eher darin zu bestehen, eine vielversprechende Geschäftsidee für eine gewisse Zeit zu betreuen, um sie dann -- bei optimaler Marktlage -- möglichst schnell und gewinnbringend zu veräußern.
  56. Vgl. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, S. 140. Vgl. auch ebd., S. 99-139.
  57. Vgl. Ulrich Dolata, "Technologische Innovationen und sektoraler Wandel. Eingriffstiefe, Adaptionsfähigkeit, Transformationsmuster: Ein analytischer Ansatz", in: Zeitschrift für Soziologie 37 (2008), 1, S. 42-59.
  58. Erst die Produktivitätssteigerungen, die ein solches Fertigungssystem erzeugte, begründeten den durch die Kombination von Massenproduktion und Massenkonsumption geprägten Fordismus. Freilich zahlten die Arbeiter den Preis für Konsum und materiellen Fortschritt lange Zeit in Form der Verschärfung von Herrschaft im Arbeitsprozess und einer Einschränkung ihrer Tätigkeitsprofile. Zu dieser Lesart der Geschichte der Industriearbeit vgl. Harry Braverman, Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß, Frankfurt am Main / New York 1977, sowie Richard Edwards, Herrschaft im modernen Produktionsprozeß, Frankfurt am Main/New York 1981.
  59. Vgl. Horst Kern / Michael Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion. Bestandsaufnahme, Trendbestimmung, München 1984.
  60. Vgl. Philipp Staab, Macht und Herrschaft in der Servicewelt, Hamburg 2014, S. 341 ff.
  61. Vgl. Hajo Holst / Oliver Nachtwey / Klaus Dörre, Funktionswandel und Leiharbeit. Neue Nutzungsstrategien und ihre arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen, Frankfurt am Main 2009.
  62. Vgl. Ulrich Brinkmann, Die unsichtbare Faust des Marktes. Betriebliche Kontrolle und Koordination im Finanzmarktkapitalismus, Berlin 2011.
  63. Dolata, "Volatile Monopole", S. 519.
  64. Vgl. Birgitta Bergvall-Kåreborn / Debra Howcroft, "Amazon Mechanical Turk and the Commodification of Labour", in: New Technology, Work and Employment 29 (2014), 3, S. 213-223.
  65. Vgl. Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, übers. v. Michael Tillmann, Konstanz 2003.
  66. Zum Gegensatz zwischen einer Ökonomie der Not und einer Ökonomie der Selbstverwirklichung vgl. Dieter Bögenhold, Der Gründerboom. Realität und Mythos der neuen Selbständigkeit, Frankfurt am Main / New York 1987, S. 8.
  67. Hans J. Pongratz / G. Günter Voß, "Vom Arbeitnehmer zum Arbeitskraftunternehmer -- Zur Entgrenzung der Ware Arbeitskraft", in: Heiner Minssen (Hg.), Begrenzte Entgrenzungen. Wandlungen von Organisation und Arbeit, Berlin 2000, S. 225-247.
  68. Ebd.
  69. Ebd.
  70. Vgl. Mathias Heiden, Arbeitskonflikte. Verborgene Auseinandersetzungen um Arbeit, Überlastung und Prekarität, Berlin 2014; Kerstin Jürgens, Arbeits- und Lebenskraft. Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung, Wiesbaden 2009.
  71. Vgl. u. a. Dunlop Commission on the Future of Worker-Management Relations, Final Report, http://www.dol.gov/_sec/media/reports/dunlop/dunlop.htm [1. 8. 2015]. Anders als befristet Beschäftigte, Werkvertragsnehmer oder Leiharbeiter, ist die Kontingenzarbeitskraft nicht einmal mehr auf Zeit Teil des jeweiligen Unternehmens.
  72. Vgl. Sebastian Strube, "Vom Outsourcing zum Crowdsourcing. Wie Amazons Mechanical Turk funktioniert", in: Christiane Benner (Hg.), Crowdwork -- zurück in die Zukunft?, Frankfurt am Main 2015, S. 75-92.
  73. Vgl. Bögenhold, Der Gründerboom.
  74. Vgl. Alexander Galloway, Protocol. How Control Exists after Decentralization, Cambridge, MA, 2004.
  75. Selbstredend werden hier nur idealtypische Möglichkeiten der Digitalisierung benannt. In der Praxis entscheiden zahlreiche Variablen darüber, welches Technikpotenzial genutzt werden kann. Bei ortsgebundenen Dienstleistungen, wie Fahrdiensten oder Haushaltsdienstleistungen, ist beispielsweise eine Globalisierung des Zugriffs auf Arbeitskraft nicht möglich. Die Logik solcher Märkte muss sich daher notgedrungen an ihrer analogen Konkurrenz orientieren, um überhaupt Personen akquirieren zu können, die beispielsweise bereit sind, als Reinigungskräfte über Helpling vermittelt zu werden, obwohl dort effektiv geringere Einkommen zu erzielen sind als in der durch Mindestlöhne regulierten Reinigungsbranche. Helpling bietet daher beispielsweise immerhin eine Haftpflicht- und eine Unfallversicherung für die vermittelten Arbeitskräfte an.
  76. Jürgen Kocka, Geschichte des Kapitalismus, München 2013, S. 67.
  77. Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen [1957], übers. v. Heinrich Jelinek, Wien 1977.

Published 2 February 2016

Original in German
First published in Mittelweg 36 6/2015

Contributed by Mittelweg 36
© Oliver Nachtwey, Philipp Staab / Mittelweg 36 / Eurozine

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