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In den Blick gerückt

Bulgariens Literatur wird wieder exportfähig


Von 1945 bis kurz nach der Jahrtausendwende sah es so aus, als müsste ein bulgarischer Autor, der Bücher im (westlichen) Ausland veröffentlichen wollte, am besten gleich mitgehen. Besser noch, er schrieb sie erst dort. Und am besten, er sparte sich auch die schwierige Suche nach einem Übersetzer, ließe das Bulgarische überhaupt weg und verfasste seine Werke direkt in der Sprache des Landes, in das er zog. Dimitré Dinev, der 1990 als 22-jähriger Asylbewerber nach Österreich kam, ist hierfür das beste Beispiel. Sein Roman Engelszungen gibt bis heute den vielleicht klarsten Einblick sowohl in das Leben der Emigranten als auch in die bulgarischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts.[1] Dinev entwickelte im Deutschen überdies eine spontan wirkende Kunstsprache, die die für Bulgaren so typische Engführung aus Denken und Gestik, Gefühls- und Körperbewegung nachbildet, sodass wir uns beim Lesen manchmal selbst wie Schauspieler fühlen, die einen Bulgaren verkörpern.

Dieser epische Versuch blieb jedoch zunächst eine Einzelerscheinung. Zwar waren in der DDR viele bulgarische Autoren in guten deutschen Übersetzungen erschienen, aber diese etwa 280 Titel verschwanden nach der deutschen Einigung im Reißwolf. In den letzten Jahren tauchten einige dieser Bücher wieder in Antiquariaten, Buchhandlungen und Versteigerungsbörsen im Internet auf, was erfreulich ist vor allem wegen der modernen Romanklassiker Dimiter Dimoffs (Tabak – eine Art bulgarische Buddenbrooks über bürgerliche Unternehmer und Tabakarbeiter in einer der wenigen vor dem Krieg existierenden Industrien Bulgariens) und Dimiter Taleffs, dessen im mazedonischen Bulgarien spielende Romane mit ihren gemeißelten, zeittypischen Charakteren lakonisch geschrieben sind und den von Aufständen geprägten Aufbruch einer Nation aus einem der letzten europanahen Großreiche feudal-autokratischen Zuschnitts schildern. Dass es Klassiker aus der Zeit der Jahrhundertmitte sind, kann man an der Schreibweise der Autoren mit Doppel-F am Ende erkennen, an der man auch jene bürgerlichen Bulgaren sicher identifiziert, die bis 1944 vor dem heraufziehenden Sowjetkommunismus in den Westen gegangen waren, wie zum Beispiel der Vater der inzwischen bekanntesten Trägerin eines bulgarischen Namens in Deutschland, der Autorin Sibylle Lewitscharoff.[2]

In der deutschen Verlagslandschaft nach 1990 gab es einzelne lobenswerte Versuche in Kleinstverlagen wie dem Marburger Biblion Verlag, der – von Slawisten betrieben – einer deutsch-bulgarischen Gesellschaft angeschlossen war, einige informative Bulgarien-Jahrbücher herausgab, mit seiner Bulgarischen Bibliothek aber keine größere Öffentlichkeit erreichte. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass die Reihe kein klares Konzept hatte, sondern ein Gemischtwarenladen aus slawistischen Literaturstudien, Wiederveröffentlichungen und eher zufälligen, wenig repräsentativen Lyrikbänden junger bulgarischer Autoren war. Daneben finden sich spezialisierte Einzelprojekte wie Gregor Laschens und Wolfgang Schiffers Akustische Bibliothek der zeitgenössischen Lyrik Europas beim Westdeutschen Rundfunk, in der natürlich auch Bulgarien einmal "dran war". Einige der wichtigsten bulgarischen Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Konstantin Pavlov (1933-2006) etwa, wurden so in Interlinearübersetzungen deutschen Lesern zugänglich gemacht.[3] Pavlov hatte in seinem ersten (und letzten) Gedichtband Satiren von 1960 den Machthabern die Fratzen einer perversen, in stalinistischem Terror eroberten Macht entgegengehalten und seinen linientreuen Kritikern erwidert, "wenn ich für euch kein Dichter bin, dann bin ich eben ein Anti-Dichter".

Die früheste und trotz ihres knappen Umfangs lange Zeit wichtigste Übersicht neuester Literatur aus Bulgarien aber war das Dossier, das die Lyrikerin und Diplomatin Fedia Filkowa in der Salzburger Zeitschrift Literatur und Kritik schon 1993 vorlegte – mit dem Schwerpunkt auf Autoren, die vor der Wende in Bulgarien verboten oder bestenfalls geduldet waren.[4] So kurz sie auch sind, die darin enthaltenen Prosastücke des 1951 geborenen Satirikers Ivan Kulekov (Leben in einem dummen Witz) und des zehn Jahre älteren Dramatikers Stanislav Stratiev (Europa oder Nehmt den Einbaum) geben doch eine ausgezeichnete Orientierung darüber, wo Bulgarien damals mental, politisch und kulturell stand. Der ebenfalls im Dossier vertretene Short-Story-Autor Dejan Enev, 1960 geboren, setzt sein Projekt einer "bulgarischen Comédie humaine in Kurzgeschichten" bis heute auf hohem Niveau fort, wovon deutschsprachige Leser sich seit 2008 auch selbst anhand einer Auswahl überzeugen können.[5] Große Einzeltitel jedoch, die umfassend Orientierung gegeben hätten, blieben im ersten Jahrzehnt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Fehlanzeige. Die Schubladen – hier wiederholt sich das, was wir aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kennen – waren (bis auf die Konstantin Pavlovs) leer, bargen keine zeitkritischen oder künstlerisch herausragenden Meisterwerke der Belletristik.

Noch auf der Leipziger Buchmesse von 1999, die Bulgarien gewidmet war, waren die beiden einzigen verfügbaren Romane mit ganz oder teilweise bulgarischer Thematik der seit 1990 in mehreren Ausgaben erschienene Kindheitsroman 7 Kilo Zeit von Rumjana Zacharieva (geboren 1950), der ein humorvoll-entlarvendes Bulgarienporträt der Jahre 1960 bis 1964 aus der Sicht eines heranreifenden Mädchens zeichnet, und Die Welt ist groß und Rettung lauert überall des fünfzehn Jahre jüngeren Ilija Trojanow, 1996 erschienen. Beide Romane entstanden in deutscher Sprache, stammten von Autoren, die seit 1970 beziehungsweise 1971 nicht mehr in Bulgarien lebten und sich auch nicht als bulgarische Autoren betrachteten. Der 1999 erschienene Nachfolgeroman Bärenfell von Zacharieva bietet zwar eine erste ernsthafte Auseinandersetzung mit der gesellschaftspolitischen Situation in Bulgarien nach dem Sturz des Kommunismus, aber aus der Sicht einer Frau, die zu keiner eindeutigen Identität mehr findet.[6] Bulgarien ist hier unbewältigter und daher konfliktreicher "lieu de mémoire", aber nicht Bewusstseinsstandort der Erzählerin. Ähnliches gilt für Trojanows Reportagenband Hundezeiten (1999), in dem der Autor auf der Basis unzähliger gesichteter Zeitungen und vieler Interviews ein Bild der "samtenen Revolution" als einer "von oben gesteuerten" zeichnete.[7]

Der einzige aus dem Bulgarischen übersetzte Roman auf der 1999er Messe stammte von dem Sepharden Angel Wagenstein, hieß Pentateuch und befasste sich mit dem Leben des galizischen Juden Isaak Jakob Weidenfeld, der im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die erschütternden politischen Umstände – ohne seinen Aufenthaltsort nennenswert zu ändern – in fünf Staaten nacheinander gelebt hatte, nur eben nicht in Bulgarien. Fern von Toledo, Wagensteins Roman über die bulgarischen Juden in der südbulgarischen Stadt Plovdiv, die dort vor dem Zweiten Weltkrieg in einer kunterbunten ethnischen Gemengelage mit Armeniern, Türken, Bulgaren, Zigeunern, Albanern etc. lebten, kam in Bulgarien erst 2002 heraus und ist bis heute nicht übersetzt, obwohl es bis auf die spärlichen Abschnitte in den autobiographischen Büchern Elias Canettis (vor allem in Die gerettete Zunge und Die Fackel im Ohr) nur ganz wenig über das Leben der Juden auf dem Balkan auf Deutsch zu lesen gibt.[8]

An Kurzprosa gab es in Leipzig von Rumjana Zacharieva noch einen Band mit Kurzgeschichten, die vorwiegend das Aufeinanderprallen bulgarischer und deutscher Prägungen thematisierten, und von Norbert Randow, Übersetzer und Doyen der Bulgarienkenner, eine 1995 erschienene Anthologie Bulgarische Erzählungen des 20. Jahrhunderts, die mit Alek Popov auch einen der ganz jungen Prosaautoren berücksichtigte.[9] Der winzige verbleibende Rest war – alles andere als zufällig – Lyrik. Doch obwohl es an dünnen, im Selbstverlag herausgegebenen Gedichtbänden in den schnellen, brutalen Jahren nach der Wende, in denen das staatliche Literaturfördersystem mitsamt dem Buchhandel komplett zusammengebrochen war, nur so wimmelte, gab es in Leipzig keinen Lyrikeinzelband, sondern nur – wiederum durch Randows Initiative – die Anthologie Eurydike singt, die einen ersten Überblick über die jüngere bulgarische Lyrik seit 1945 präsentierte und für die der Herausgeber nach eigenen Angaben allein über 600 nach 1989 erschienene Bändchen sichtete.[10]

Unter den Autorinnen befand sich auch die 1962 geborene Mirela Ivanova, die aus meiner Sicht wichtigste poetische Stimme der Umbruchjahre. Bei Ivanova singt freilich keine Eurydike mehr, und auch die weisen alten Frauen vom Dorf, die wir manchmal in Dokumentarfilmen über bulgarische Volkslieder sehen, sind verstummt oder verstorben.[11] Geblieben ist eine mit Zukunftsversprechen belogene und mit ständig fehlender Gegenwart um ihr Leben betrogene Bulgarin, die zwar – wie ihre antike Schwester Eurydike – die Hölle zwischen ehelichen Pflichten und Arbeitsplatz im Industriekombinat gut kannte; ihr war in den neunziger Jahren aber eher nach Brüllen zumute als nach Singen, wenn ihr die Stimme nicht ganz versagte. "Ich hab sie nicht alle beisammen", eröffnet Ivanova ihr Wendegedicht Dies und Das, "aber auch den anderen geht's nicht gold", um dann – nach einem Rundblick in zwanzig Versen auf den Großstadtdschungel von Sofia – die ironisch aufs Kulturerbe anspielende Zwischenbilanz zu ziehen: "Es geht wohl keinem mehr gold im Lande des Thrakergolds".[12] Oder sie verschränkt Hoffnung und Aussichtslosigkeit dieser Jahre in einer Reminiszenz an die im Wendewinter 1989/1990 in Eiseskälte durchgestandenen Massendemonstrationen im Zentrum von Sofia, bei denen sich selbst Bewegung verschaffen musste, wer nicht erfrieren wollte: "noch immer ... kann man sich hüpfend die Freiheit erzittern. // Oh, unser Weg in die Hölle ist gepflastert mit Möglichkeiten."[13] Eine der von den Demonstranten skandierten Parolen lautete damals: "Wer nicht hüpft, ist Kommunist!"

Wer sich einen profunden Überblick über die intellektuellen Tendenzen, Brüche und Wandlungen dieser Jahre verschaffen und auch über die damaligen Schwierigkeiten für Prosaautoren etwas erfahren möchte, sollte einen Blick in das ebenfalls zur Messe 1999 erschienene Heft Maskenspiele der von Gerhardt Csejka herausgegebenen Zeitschrift Neue Literatur werfen. Vor allem die Essays und Interviews mit Michail Nedeltschev, Alexander Kiossev, Bojko Pentschev, Plamen Dojnov und Georgi Gospodinov geben einen sehr guten Eindruck davon, wie bulgarische Literatur im Klima dieser Jahre von den maßgeblichen Intellektuellen der kritischeren Sorte reflektiert wurde.

Der in vieler Hinsicht interessanteste Text in Csejkas Zeitschrift ist wohl das Erinnerungsfragment Ibidem – Wie sollen wir mit dem Erlernten umgehen? von Ani Ilkov. Der 1957 geborene Lyriker, der sich wie die übrigen Newcomer der achtziger Jahre (mit Ausnahme Ivanovas übrigens) bis heute als Literaturdozent über Wasser hält und zu einer genau wie in Rumänien unter der Bezeichnung "Achtziger-Generation" bekanntgewordenen Gruppe von Autoren gehört, die damals – teilweise im Samisdat – debütierten und durch stark experimentelle und intellektuelle Ansätze auffielen, gewährt darin einen unschätzbaren Einblick in die stickige Atmosphäre der letzten Jahre vor der Wende. In völligem Gegensatz zu Gorbatschows seit 1985 von oben verordneter Glasnost- und Perestroika-Frische waren diese sich im Dunstkreis von Kunst und alternativen Lebensentwürfen bewegenden jungen Leute von No-future-Gefühlen, Unzufriedenheit, Provokationslust, Zynismus und einer schwelenden Selbstmordstimmung geprägt, die man aber betont lässig rüberbringen musste. Das hört sich bei Ilkov in dem bereits 1990 entstandenen Text so an:

"Petar Dzhonkov war der allereinzigste, der das Gymnasium angewidert schmiß und eine Abendschule besuchte, er heiratete achtzehnjährig eine um sechs Jahre ältere Frau, und zudem wußte er noch, wie man Cognac macht, er vermittelte dieses Wissen auf berauschende Weise und konnte 100 Codterpin auf einmal nehmen. Einmal versuchte er, sich einfach so die Venen durchzuschneiden – während wir rumsaßen und Musik hörten, und niemand beachtete ihn. An seinem Gesicht war abzulesen, dass die gesellschaftliche Arbeitsproduktivität schwerlich zu steigern sein würde. (Unser aller schwere Sorge in jenen Jahren.) Ob wegen des Selbstmordes oder deshalb, weil jemand schriftlich einen englischen Lehrer beschimpft hatte, jedenfalls fingen sie an, uns Fallen zu stellen. Mich ließen sie ins Büro des Direktors rufen, gaben sich als Ärzte aus und verlangten von mir, ihnen zu berichten, wer Codterpin nahm. Ich finde, ich habe mich anständig verhalten, sie allerdings nicht; sie gestanden, von der Miliz zu sein, und unser Gespräch endete leicht pathetisch, als ich zu ihnen sagte: 'Fürchten Sie um Ihre Kinder, auch ich komme aus einer guten Familie!'" (Der letzte Satz spielt darauf an, dass es just die Kinder hoher Parteifunktionäre waren, die sich um die verordnete "sozialistische Moral" nicht scherten und damit nur offen zeigten, was die Väter im Verborgenen längst praktizierten.)

In den zum Leipziger Buchmesseschwerpunkt 1999 erscheinenden Literaturbeilagen schlug sich das Defizit besprechenswerter Einzeltitel aus Bulgarien dadurch nieder, dass vom Börsenblatt bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwar eine Handvoll Autorennamen lanciert wurden, aber von Besprechungen des Wagenstein-Romans und der Trojanow-Reportagen abgesehen nur Überblicksartikel zur bulgarischen Literaturszene erschienen – ein wohl noch nie dagewesener Fall bei Messeschwerpunkten. Als Illustration war mehrheitlich der Slavejkov-Platz im Zentrum von Sofia zu sehen. Vor den klassizistischen Säulen der Zentralbibliothek hatte sich auf knapp zehn Metern Tiefe und hundert Metern Länge der Buchhandel gleichsam den Demonstranten angeschlossen und war höchst symbolisch auf die Straße gegangen. Diese größte Freiluftbuchhandlung des Landes existiert bis heute und ist eigentlich Kandidat Nummer eins für eine Ernennung zum ersten zivilgesellschaftlichen Kulturdenkmal einer freiheitlich-demokratischen Entwicklung Bulgariens.

Der Name des Platzes passt gut dazu, denn Petko Slavejkov (1827-1895), ein Lehrer und Publizist, der von den Ideen der Französischen Revolution und einer freien bulgarischen Kulturnation beseelt war, gehörte vor 1878 zu den nationalen "Volkserweckern" (Aufklärern) und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass nach fast fünfhundert Jahren griechisch-orthodoxer Hegemonie die bulgarische Orthodoxie 1870/71 wieder ein eigenes Patriarchat bekam. Mit seiner Redaktion und teilweisen Neuübersetzung der Bibel 1864 wurde er auch so etwas wie der bulgarische Luther, denn seine Entscheidung für das Ostbulgarische als Bibelsprache prädestinierte diesen Hauptdialekt quasi schon zur zukünftigen Staatssprache.[14]

1400 staatliche Buchhandlungen hatte es bis 1989 in Bulgarien gegeben. Nach der Absetzung Todor Schiwkovs am 10. November 1989 wurden sie vom Distributionsmonopolisten Sofkniga von heute auf morgen nicht mehr beliefert. Nun also: 500 Tapeziertische in Sofia und den Provinzstädten, mit dem Slavejkov-Platz als Zentrum, unverstaubt und ohne Einschränkungen durch Zensur oder Selbstzensur beladen mit allem, was bisher an Sex & Crime nicht zu haben war. Aus Sicht des Schutzes von Autorenrechten vielleicht verwerflich, gingen die bulgarischen Neuverleger mit anarchischem Schwung zu Werke, kümmerten sich nicht um Rechte und Lizenzen, beschissen manchmal auch die Übersetzer um ihr Honorar, achteten weder auf Druck- noch auf Papierqualität, konnten sich aber ihrerseits auch nicht auf Branchenüblichkeiten wie feste Zahlungsziele oder dergleichen verlassen. ISBN-Nummern gab es, sie machten aber keinen Sinn, weil es kein Verzeichnis lieferbarer Bücher gab (und übrigens bis heute nicht gibt). Ebenso wenig Auslieferungen und Zwischenbuchhandel, nur die Rampe zweier oder dreier Bücherbörsen, auf denen die Palette mit der Auflage stand.

Bulgarische Literatur fand auf diesem wilden Buchmarkt im ersten Jahrzehnt nach der Wende nicht statt. Veröffentlichungen waren eine Sache der Beziehung zu Stiftungen wie der "Open Society Foundation" des ungarischen Finanzspekulanten George Soros, der damals in Ost- und Südosteuropa demokratische Initiativen unterstützte, darunter auch Bücher, die im Kommunismus nicht hätten erscheinen können. Das auch in Deutschland nach der Wiedervereinigung zu beobachtende Vorher-Nachher-Spiel, bei dem immer gleich alle, die vorher (im Unrechtsregime) hervorgetreten waren, nun einem politisch motivierten Verdikt anheimfielen, führte auch in Bulgarien zu einer Polarisierung in Lager, die bis heute nicht aufgelöst ist. Die Gründer der Literaturen Vestnik (der "Nachher"-Literaturzeitung) achteten darauf, dass ihre Autoren nicht in Literaturen Forum (der "Vorher"-Literaturzeitung, einst martialisch Literaturen Front betitelt) publizierten; und wer seine demokratischen Überzeugungen deutlich machen wollte, trat mindestens aus dem alten "Verband" bulgarischer Schriftsteller aus und wechselte in die neue "Vereinigung" bulgarischer Schriftsteller.

Wer sich nun fragt, was diese In- und Exklusionspiele sollen, der macht sich vielleicht keinen Begriff davon, was es bis 1989 in rein materieller Hinsicht bedeutete, Mitglied des bulgarischen Schriftstellerverbands zu sein – oder eben nicht. Viel debattiert wird darüber bis heute nicht. Deswegen ist die wichtigste Quelle über die Privilegien, die ein bulgarischer Schriftsteller bei seiner Aufnahme in den direkt dem Politbüro unterstellten Schriftstellerverband Bulgariens erhielt, noch immer der Band mit den Fernreportagen über Bulgarien, die der legendäre Georgi Markov (1929-1978) von 1975 bis 1978 aus seinem Londoner Exil für Radio Free Europe geschrieben hatte.[15] Markov hatte am 15. Juni 1969 aufgrund eines von der Partei nach der geschlossenen Probeaufführung seiner satirischen Komödie Ich war er verhängten Aufführungsverbots Bulgarien auf Anraten eines Freundes fluchtartig noch am selben Tag verlassen – angeblich nur, "bis sich der Staub gelegt hat". Mit seinen Fernreportagen hat Markov dann nicht nur eine beeindruckende intellektuelle Autobiographie geschrieben, sondern wegen der zahllosen darin wiedererzählten, oftmals erschütternden Fallgeschichten auch die vielleicht anschaulichste, umfassendste und packendste Geschichte Bulgariens zwischen 1944 und 1978 verfasst. Die Jahre von der kommunistischen Machtergreifung 1944 über den Beginn der chruschtschowschen "Tauwetterperiode" 1956 über die Widerstandsversuche von Intellektuellen nach dem Prager Frühling 1968 sind hier als Epoche einer totalen Frustration geschildert, in der auch der letzte Bulgare die Hoffnung verlor, dass der Westen helfen würde.

Viele halten Markov nicht für einen bedeutenden Autor; und ebenso viele bemühen sich bis heute, Markov totzuschweigen und die Bedeutung seiner Reportagen herunterzuspielen. Typisch ist die zeitgenössische Einschätzung des zwar kritischen, aber doch seit 1944 in fester Position sein Kritikergeschäft ausübenden kommunistischen Literaturwissenschaftlers Boris Deltschev, der Markovs Reportagen schon 1983 lesen durfte und darauf in sein Tagebuch schrieb: "Der größte Teil des Buches enthüllt Unzulänglichkeiten des Regimes, ... die für niemanden ein Geheimnis sind ... Dies sind Unzulänglichkeiten historischer, nationaler und zivilisatorischer Natur, wie sie für alle Staaten gelten; der Autor aber schreibt sie allein unserem Regime zu. Eine solche Kartenmischerei ist inakzeptabel." In Wahrheit schreibt Markov nicht einfach zu, sondern er beschreibt, schildert eine Fülle wahrer Begebenheiten und Fallgeschichten aus allen Sphären der Gesellschaft – eines der Privilegien eines bulgarischen Schriftstellers war es, direkt auch mit Vertretern des Politbüros, des Zentralkomitees, der Volksmiliz sprechen zu können.

Dramatisch ist Markovs Aufzählung der Schriftstellerprivilegien schon allein deshalb, weil sie von Todor Schiwkov durch Direktverordnung in einer Zeit gewährt wurden, in der große Teile der bulgarischen Bevölkerung noch unter den Folgen des Krieges litten. Sofia war 1944 – damals noch als Verbündeter Hitlerdeutschlands – von den Amerikanern bombardiert und schwer zerstört worden. Die Industrialisierungsbemühungen der Kommunisten sowie die Rekrutierung von Kadern für niedere Parteiaufgaben, die Volksmiliz usw. aus den ländlichen Gebieten hatten Sofias Einwohnerzahl von einer halben auf eine Million anschwellen lassen; oft teilten sich drei Familien, jede in ein eigenes Zimmer gepfercht, die Küche einer Wohnung. Die privaten Sparvermögen der Menschen waren ihnen da längst genommen worden, weil die Kommunisten damit die hohen Reparationen des Friedensvertrages und die Kosten für die 1944 einmarschierte sowjetische Besatzungsarmee decken mussten. Später folgten das ökonomische Deasaster der Enteignung der Privatbetriebe und die Hungersnöte nach der Kollektivierung der Landwirtschaft, für die es in Bulgarien die denkbar schlechtesten Voraussetzungen gab.

Vor diesem Hintergrund war es ein Privileg, das an schreiendes Unrecht grenzte, wenn ein Schriftsteller mit seiner Aufnahme in den Verband eine ganze Wohnung in bevorzugter Wohnlage zugesprochen bekam; wenn er sich einen Redakteursposten aussuchen durfte, an dem die tägliche Arbeitszeit vier Stunden betrug; wenn er – nach Art eines Forschungssemesters – ein halbes Jahr bezahlten und oft auch noch durch zusätzliche Stipendien geförderten Urlaub bekam, um ein Buch zu schreiben; wenn er fast kostenlos diese Zeit in den eigenen Ferienstationen des Verbandes in den Bergen oder am Meer verbringen durfte; wenn er – im Gegensatz zu seinen fast rechtlosen Mitbürgern – von einem Tag auf den anderen einen Reisepass bekam, einen eigenen Pkw; wenn er in Klubrestaurants mit Sonderversorgung essen oder in den Sonderversorgungsgeschäften der Nomenklatura einkaufen konnte usw. Der bulgarische Schriftstellerverband finanzierte all dies aus der eigenen Kasse. Er war damals einer der reichsten Verbände im Ostblock, da er Prozente von jedem Buch bekam, das in Bulgarien erschien, ganz gleich, ob es von einem Verbandsmitglied stammte oder nicht, von einem Bulgaren oder einem Ausländer. Markov kannte all dies – wie er nicht verschweigt – aus eigener Anschauung, war Nutznießer dieses Systems.

Markov, der vor seiner literarischen Laufbahn als Chemieingenieur in der Produktion gearbeitet hatte, hatte das Glück gehabt, mit seinem kritischen Roman Männer 1962 den Nerv der kommunistischen Parteiführung zu treffen, und das ist ein beinahe groteskes Paradox: Markov hatte zeigen wollen, wie sich die Doppelmoral, die von den Parteikommunisten in den Menschen geweckt worden war, im gesellschaftlichen Arbeitsprozess fatal niederschlug, weil keiner sich mehr für die eigene Arbeit zuständig oder verantwortlich fühlte; die Partei aber fand in dem Roman den Beweis, dass nicht das System den Menschen verderbe, sondern der Mensch noch nicht reif für das System sei. Missstände waren mit anderen Worten nicht strukturell, sondern individuell bedingt. Dieses Buch hatte Markov 1962 den Preis des Schriftstellerverbandes für den "Roman des Jahres" eingetragen, seine Aufnahme in den Verband war danach nur noch Formsache. Angesichts eines solchen Kontrastprogramms von Zuckerbrot für die Parteitreuen und Peitsche für die Verweigerer verwundert es nicht, dass sich in den fünfundvierzig Jahren Kommunismus eine ungeheure Menge an Unmut, Hass und Missgunst angehäuft hat, die noch heute für Ressentiments sorgt.

Es gibt Autoren, die den moralisch-ästhetischen Eiertanz bewältigt haben, etwa Blaga Dimitrova (1922-2003), die zu Beginn ihrer Dichterlaufbahn Hymnen auf Stalin schrieb, allein bis zum Mauerfall mehr als zwanzig Gedichtbände veröffentlichen konnte – und doch seit den sechziger Jahren zunehmend wegen ihrer zeitkritischen Romane zum Problemfall für das Regime und schließlich zur Verkörperung der demokratischen Wende wurde. Boris Deltschev kommentierte noch am 28. Juli 1966 in seinem Tagebuch Dimitrovas flammend-romantische Verse aus dem Programmgedicht Ars Poetica: "Entsende jedes deiner Worte / wie einen letzten Brief vor der Erschießung, / einen Schrei, gekratzt in die Gefängniswand. // Lakonisch und schonungslos / schreib jedes deiner Gedichte / mit Blut, als sei es zum Abschied." Kommentar: "Das sind ja wundersame Dinge ... Du liest das, und wenn du die Autorin nicht kennst, sagst du dir: welche Entschlossenheit, was für eine Bereitschaft zum Selbstopfer im Namen des Ideals! Gut, aber du kennst die Autorin und weißt, das ist ein Mensch, der unter jedem Regime ... an die Oberfläche schwimmt, auch um den Preis der erniedrigendsten Kompromisse. Darum erkennst du mit Abscheu in diesen Versen nicht das Bekenntnis eines Dichters, sondern die Anbiederung eines Karrieristen."

In der Tat: Blaga Dimitrova ist ihren intellektuell-pathetischen Bekenntnisstil in der Lyrik nie losgeworden, und dessen Romantik besteht eben, wie jede Romantik, im Missverhältnis von Leben und Werk. Andererseits muss man auch Deltschevs Äußerung nicht für bare Münze nehmen und kann ihr wiederum einige Zeilen aus Blaga Dimitrovas Roman Otklonenie gegenüberstellen (der Titel ist, wie immer bei Dimitrova, doppeldeutig und bedeutet sowohl Abzweig von einem Weg als auch Abweichung im Sinne von Differenz: Dissidententum), der Ende der sechziger Jahre in der DDR unter dem Titel Experiment mit der Liebe erschienen ist. In diesem im Original 1967, also in größter zeitlicher Nähe zu dem Gedicht Ars Poetica, erschienenen Roman bilanziert Dimitrova ganz nüchtern:

"In jenen Tagen versuchten wir, alles von unserem revolutionären Standpunkt aus genau zu definieren, um selbst an die geringfügigsten Erscheinungen der Wirklichkeit wissenschaftlich heranzugehen und uns für die Meisterung der Praxis bis an die Zähne mit Theorie zu wappnen. Warum ist gerade dieses ungeformte Alter so überaus zugänglich für Formulierungen? Woher kommt dieses Streben nach einem exakten Modell des Lebens? Hätte uns jemand nur im Scherz gesagt, daß sich das Leben nicht in eine Form pressen lasse, so hätten wir ihm die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Denken abgesprochen. In uns selbst war alles ungeordnet, wir jagten unerfüllten Wünschen nach und konnten uns selbst nicht verstehen. Vielleicht glaubten wir gerade deshalb, daß die uns umgebende Welt strengen Gesetzen unterworfen sei, daß alles nach einer idealen mathematischen Gleichung verlaufe und daß die Harmonie von außen auch auf uns übergehen müsse. Die Wahrheit ist, daß wir uns an der Kraft der Vernunft nie so berauschten wie in jenem unvernünftigen Alter."[16]

Dimitrova hatte im Übrigen in einer extrem patriarchalischen Kultur, in der weiblichen Dichtern nur Liebes- und Landschaftsgedichte zugebilligt wurden, immer gegen perfide Diskriminierungen und für das intellektuelle Deutungsrecht von Frauen gekämpft. Allein ihr Beispiel zeigt, wie gefährlich es ist, eine ganze Literaturepoche zu verramschen, nur weil sie sich unter politischen Bedingungen ereignete, die alles Geschriebene dem Generalverdacht des Opportunismus und Karrierismus ihrer Autoren unterwerfen und Ästhetik und Ethik in einer Weise aufeinanderprallen lassen, dass niemand es riskieren möchte, sich für die Ästhetik zu entscheiden.

Angesichts dieser Situation wünschte man sich, zumindest Bücher wie diesen Roman Dimitrovas, wie die Romane Taleffs und Dimoffs, wie die Stücke Jordan Raditschkovs und die Wilden Erzählungen Nikolai Haitovs (1919-2002), die alle in DDR-Ausgaben vorlagen, lesen zu können. Der Schelmenroman Baj Ganjo Balkanski, in dem Aleko Konstantinov (1863-1897) sich über die Bauernschläue des Kleinhändlers vom Land lustig macht und zugleich demonstriert, wie sich die bulgarische Intelligenz schon vor 1900 in vorauseilender Europa-Identifikation von der eigenen Herkunft distanzierte, lag ebenso in deutscher Fassung vor wie der "Gründungsroman des bulgarischen Staates", Unter dem Joch von Iwan Wasoff (1850-1921), der dem Staat so wichtig war, dass dieser seine Fertigstellung finanzierte.

Immerhin werden in Bulgarien selbst seit etwa 2000 fast alle genannten Klassiker neu herausgegeben. Kanonbildungen beziehungsweise Revisionen laufen auf Hochtouren. Junge Autoren wie Georgi Gospodinov (geboren 1968) haben schon 1995 in einem Band namens Bulgarische Chresthomatie versucht, die bulgarischen Autoren der Wiedergeburtszeit dem Würgegriff der kommunistischen Nationalmythenmaschinerie zu entziehen.[17] Wichtige soziologische Schriftsteller wie Iwan Hadschijski (1907-1944), der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts empirische Analysen der bulgarischen Gesellschaft – von der Lage in den Gefängnissen bis zur Beschreibung der Kleinbürgerschicht (deren Moralvorstellungen später die Grundlage der "sozialistischen Moral" bildeten) – vorgelegt hatte, erscheinen in Gesamtausgaben neu. Literaturwissenschaftler wie Vladimir Trendafilov (geboren 1955) machen sich Gedanken, warum Bulgariens Autoren so uninteressant schreiben und keinen "epischen Roman" zustande bringen, und gelangen, obwohl es sowohl vor als auch nach 1989 einige Titel gibt, die ihrer These widersprechen, zu richtigen Analysen über die eigentliche bulgarische Mentalitätstragödie: dass sich ein ganzes Volk seit dem Mittelalter immer nur als Opfer hat erleben können, dem die eigenständige, individuelle Erschließung der Welt versagt, verboten oder durch Eiserne Vorhänge verwehrt war.

Der vielleicht erstaunlichste Gegenbeweis zu Trendafilovs These ist ein Romancier, der bis heute in Bulgarien merkwürdig unterschätzt oder aufgrund des erwähnten Lagerdenkens totgeschwiegen wird: Vladimir Zarev. Geboren 1947, als Bulgarien per Verfassung zur Volksrepublik wurde, als Sohn eines Kommunisten, der zum hohen Funktionär aufstieg, vereint in seiner Person und in seinem Werk so viele Widersprüche, dass in Bulgarien offenbar niemand weiß, wo er ihn hinstecken soll. In der Sphäre des Misstrauens, dem Lagerdenken der Zeit nach 1990 ist es schwer zu begreifen, dass ausgerechnet der Sohn eines führenden Literaturwissenschaftlers und einflussreichen Parteifunktionärs schon in der Blütezeit des realexistierenden Sozialismus Romane geschrieben haben soll, die nicht nur – wie es Georgi Markov getan hatte – die Verhältnisse mit schmerzhafter Genauigkeit zur Anschauung brachten, der wie Markov auch nicht nur aus der Position des Moralisten kritisierte, was der Parteienzynismus mit und aus den Menschen machte, sondern der an das ideologisch verhängte Psychologietabu rührte, es von innen heraus zeigte und in Handlung umsetzte. Mit einem simplen, aber wirkungsvollen erzählerischen Kunstgriff machte Zarev schon seit den siebziger Jahren in seinen Romanen mit dem Leser das, was "das System" der Kommunisten mit den Beherrschten tat: Er macht ihn zum Mittäter. Die Handlung wird nicht von außen beschrieben, sondern immer aus der Perspektive des jeweils wichtigsten Akteurs der Szene. Gibt es zwei einander gegenüberstehende Akteure, erzählt Zarev die Szene zweimal hintereinander und macht so deutlich, wie viel der Glaube an Objektivität in Geschichte und Geschichten wert ist.

Viele nehmen es Zarev übel, dass er dank seines Vaters problemlos publizieren konnte und wohl auch nicht der Zensur unterlag, was die ersten beiden seiner drei Weltschev-Romane, Familienbrand (1978) und Feuerköpfe (1983), zu einmaligen literarischen Dokumenten des Freisinns macht, eines Freisinns, der sich auch in einer alle ideologischen Klischees sprengenden Sprache ausdrückt. Seelenasche, der dritte Teil, wurde erst 2008 fertiggestellt.[18] Eine Werkschau des Literaturwissenschaftlers Nikolai Dimitrov, die 2007 in Sofia erschien, führt in der Bibliographie am Ende nicht mehr als zwanzig Rezensionen auf, die Zarev über zwanzig Jahre und ein Dutzend seiner Bücher in kommunistischer Zeit bekommen hat. Das ist eine Zahl, die bei der Redundanz von Redaktionen damals schon ein kleiner Gedichtband erwarten durfte, und sei es, um die vielen Rezensenten zu beschäftigen. Die eingangs erwähnte Regel, dass Totschweigen immer besser ist als Totschlagen, greift also auch in diesem für das Regime höchst delikaten Fall, in dem das Kind mit dem Vater in einem Bade saß.

Zarev verdient in einem Aufsatz über bulgarische Literatur, der für deutschsprachige Leser bestimmt ist, schon insofern besondere Beachtung, als er das Jahrzehnt des Kahlschlags und der fehlenden Zeitromane nach einer persönlichen Krise 2003 mit dem Roman Verfall beendete, der das erste Wendejahrzehnt in erschütternder Weise einfängt und inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist.[19] In einem wohl an Tolstoi geschulten Kunstgriff bringt Zarev Zeitfragen auf natürliche Weise in die Romanhandlung ein, indem er sie in Konstruktion und Zeichnung seiner Protagonisten integriert und so zu Handlungsträgern macht; es ist überdies das erste literarische Werk, in dem auch der neue bulgarische Straßenjargon Einlass in die höhere Literatur findet. Der Roman wurde bis jetzt zehntausend Mal verkauft, eine unerhörte Zahl für Bulgarien, und bereitete so einer Erzählprosa den Weg, die nicht mehr auf Ideologien oder literarische Moden, sondern nur noch auf Glaubwürdigkeit setzt.

Jüngere Erzähler wie Kristin Dimitrova (geboren 1963) und Kalin Terzijski (geboren 1970) stehen inzwischen bereit, die Stafette eines Erzählens aufzunehmen, das den Realismus nicht nur in der Beschreibung der Außenwelt sieht, sondern auch in der Aufhellung psychologischer Interieurs; dabei erproben sie jedoch neue, bisher tabuisierte Themen in Prosastücken, die aus der jüngsten städtischen Wirklichkeit kommen.

Zarev, als Begründer einer Prosa, die Wirklichkeit nicht als Beobachtungstatsache, sondern als unauflösliches System psychischer, sozialer und materieller Wechselwirkungen beschreibt, beantwortet auch die Frage, was die im Aufwind befindliche bulgarische Literatur exportfähig machen, sie aus dem toten Winkel Europas herausholen könnte, soweit dies nicht in angemessener Weise bereits geschehen ist: Indem ein Autor nicht versucht, eigens für Bulgaren zu schreiben und ihnen zu gefallen, wie dies manche in Bulgarien tun – die immer noch Literatur und nationales Schicksal verlöten –, sondern in den Streitfragen seiner Kultur das aufspürt, was an Zeitfragen über sie hinaus auf alle Menschen dieser Erde verweist.


 

  • [1] Dimitré Dinev, Engelszungen. Wien: Deuticke 2003.
  • [2] Für einen Einblick in die bulgarische Literatur der sozialistischen Zeit vgl. das von Rumjana Zacharieva herausgegebene Dossier in: die horen, Nr. 124, 1981.
  • [3] Gregor Laschen (Hrsg.), Hör den Weg der Erde. Poesie aus Bulgarien. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW 1994.
  • [4] Das Prinzip lautete ungefähr: "Wir wollen doch aus ihm (ihr) keinen Dissidenten machen!" Also taktisch kluges Lektorat, dann ab in den Druck mit dem Querulanten – und anschließend einfach keine Rezensionen zulassen.
  • [5] Dejan Enev, Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge. Wien: Deuticke 2008.
  • [6] Rumjana Zacharieva, Bärenfell, Bad Honnef: Horlemann 1999.
  • [7] Ilija Trojanow, Hundezeiten, München: Hanser 1999 (unter dem Titel Die fingierte Revolution, 2006 bei dtv in München).
  • [8] Eine kurze Leseprobe aus Fern von Toledo in: Thomas Frahm/Klaus Servene (Hrsg.), Europabrevier grenzenlos 2. Mannheim: Andiamo 2012.
  • [9] Von Alek Popov liegen inzwischen zwei Romane beim Residenz-Verlag Wien vor: Mission London (2006) und Die Hunde fliegen tief (2008).
  • [10] Norbert Randow (Hrsg.), Eurydike singt. Köln: Gutke 1999.
  • [11] Vgl. Ekaterina Tomowa, Die vom Himmel Vergessenen. Hundertjährige erzählen ihr Leben, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994.
  • [12] Dieses und sechs andere Gedichte aus der unmittelbaren Zeit nach der Wende in: Europabrevier grenzenlos 2.
  • [13] In: Mirela Ivanova, Versöhnung mit der Kälte, Aus dem Bulgarischen von Gabi Tiemann. Heidelberg: Wunderhorn 2004.
  • [14] Es zeigt nicht zuletzt auch, wie politisch Sprache in Prozessen des nation building ist, denn eine Entscheidung für den westbulgarischen Hauptdialekt, Grundlage des Mazedonischen, wäre einem Gebietsanspruch gleichgekommen, der die ohnehin großen Spannungen zwischen Griechenland, Jugoslawien und Bulgarien noch verschärft hätte.
  • [15] Georgi Markov, Zadochni Reportazhi za Bulgaria (Fernreportagen über Bulgarien)m Sofia: Profisdat 1990. Die bulgarischsprachige Erstausgabe erschien 1981 in Zürich, hrsg. v. Jossif Sagorski.
  • [16] Blaga Dimitrova, Experiment mit der Liebe, Berlin: Universitas-Verlag 1971.
  • [17] Georgi Gospodinov, Natürlicher Roman, Graz: Droschl 2007.
  • [18] Vladimir Zarev, Familienbrand (2009); Feuerköpfe (2011); Seelenasche (2012). Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Alle bei Deuticke in Wien erschienen.
  • [19] Vladimir Zarev, Verfall, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007.


Published 2013-02-11


Original in German
First published in Merkur 2/2013

Contributed by Merkur
© Thomas Frahm / Merkur
© Eurozine
 

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