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Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation

Ein Deutungsmuster für die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Eine Geschichte Europas im Zeitalter der Weltkriege schreiben

"Europäische Geschichte" hat in den letzten Jahrzehnten wachsende Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dieser Eindruck entsteht, wenn man den anhaltenden Strom von Übersichtsdarstellungen, Lehr- und Handbüchern auf dem deutschen Buchmarkt anschaut. Die Geschichte Europas scheint sich inzwischen auch in der universitären Lehre einen festen Platz erobert zu haben. Dabei erfreut sich die jüngste Geschichte, weit gefasst als Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, besonderen Zuspruchs unter Autoren wie Lesern. Doch deutet vieles darauf hin, dass diese Hochkonjunktur bereits ausklingt und dass die Schwierigkeiten und Probleme des Gegenstands und seiner historiographischen Behandlung nach der Phase euphorischer Entdeckung der europäischen Dimension deutlicher geworden sind. Das mag auch daran liegen, dass selbst unter deutschen Akademikern und Intellektuellen die Identifikation mit dem Projekt "Europa", das immer mehr war als die Brüsseler Integration, aber hierzulande selten in Opposition zu deren Bemühungen um mehr europäische Gemeinsamkeiten stand, schwächer geworden ist. Die politische Euroskepsis wird gleichzeitig fachintern genährt durch den Aufstieg einer Globalgeschichte oder Internationalen Geschichte, deren Konturen hierzulande nicht zuletzt dank der inzwischen vorliegenden großen Synthesen immer deutlicher werden.[1] Dagegen verblasst Europa als Gegenstand historiographischer Bemühungen, und europäische Geschichte gerät zudem in den Verdacht, einem politisch-ideologischen Artefakt die Weihen historiographischer Dignität zu verleihen, die es nicht verdient. Gleichzeitig erweist sich in der Konkurrenz um intellektuelle Aufmerksamkeit und Leserschaft die Nationalgeschichte zumindest für das 20. Jahrhundert als ein weitaus robusteres und attraktiveres Format, als es der hierzulande gerne beschworene Abschied von Nation und Nationalstaat erwarten ließ. Ein Gang durch die Regale selbst "großer" Buchhandlungen mit nennenswerten historiographischen Abteilungen belehrt uns darüber, was Fachautoren und Leserschaft vorrangig bewegt: die Geschichte eigener oder fremder Nationen.[2] Jeder Versuch, historische Ereigniszusammenhänge und Veränderungsprozesse mit Bezug auf den geographischen Raum "Europa" zu analysieren und darzustellen, muss sich also sehr kritischen Fragen stellen.

Concord and conflict



This article is part of the Focal Point European histories (2): Concord and conflict.

In recent years, the possibility of a "grand narrative" that includes both East and West in a common European story has been discussed intensely. In this new Focal Point, Eurozine seeks to broaden the question beyond the East-West historical divide. How are contested interpretations of historical and recent events made active in the present, both uniting and dividing European societies?
Diese intellektuelle Situation ist Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen, wie eine Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schreiben sei und welche Einsichten und Perspektiven ein solches Unternehmen jenseits einer rein "regionalgeschichtlichen" Fragestellung zu bieten hat. Die Ausgangsfragen lauten dabei:

Was prägte "Europa" als spezifischen Raum zwischen 1900 und 1945? Welche Grundmuster haben den Kontinent als Region einer Global- beziehungsweise Weltgeschichte in der Zeit der Weltkriege geprägt? Was bestimmte die großen "Trends", aber auch die Erfahrungswelten der Menschen in diesem Kontinent? Damit ist eine Makroperspektive angesprochen, die keineswegs selbstverständlich ist: Europas Geschichte in der Zeit der Weltkriege, die jeweils als europäische Kriege begannen und dort – trotz des pazifischen Kriegsschauplatzes während des Zweiten Weltkriegs – ihren Hauptschauplatz hatten, ist nicht einfach Weltgeschichte. Die Ereignisse auf dem europäischen Kontinent waren aufs engste mit denen in anderen Weltregionen verbunden, doch lässt sich weder unter politisch-militärischer noch unter wirtschaftlich-sozialer oder kultureller Sicht irgendeine Dominanz oder gar Hegemonie europäischer Kräfte (seien es Armeen, Unternehmen, Wissenschaftler oder Künstler) im Weltmaßstab behaupten. Am Ausgang dieses Zeitraums steht eine weltgeschichtliche Konstellation, die den kapitalistischen Westen einem sozialistischen Osten gegenüberstellte, bei der Europa geteilt wurde und dauerhaft koloniale Machtpositionen, aber auch intellektuelle und kulturelle Ausstrahlungskraft verlor. Aus heutiger Sicht wird jedoch auch erkennbar, dass damit ein längerfristiger Prozess einsetzte, in dessen Verlauf zunächst westliche Regionen Europas, dann seit den 1970er Jahren der gesamte mediterrane Süden (und nicht nur wie bis dahin Italien) und seit 1989/90 auch Mittel- und Osteuropa Teil eines "Westens" beziehungsweise einer "westlichen Welt" wurden, deren geographische und kulturelle Konturen dezidiert weltumspannend, deren machtpolitische und wirtschaftliche Grenzen jedoch viel enger gesteckt waren. Aus dieser Konstellation ergibt sich für den Geschichtsschreiber Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Aufforderung, leitende Kategorien der eigenen Analyse anschlussfähig zu halten für solche weltgeschichtlichen Entwicklungen.

Grob lassen sich zwei typische Anknüpfungspunkte für eine Einbettung der europäischen Geschichte in weltgeschichtliche Zusammenhänge unterscheiden:

1. bietet der koloniale Nexus die Chance, die vielfältigen Wechselwirkungen und Verbindungen, die sich aus der Expansion europäischer Staaten, der Auswanderung europäischer Siedler und der weltweiten Ausdehnung europäischer Unternehmen ergeben haben, in die Geschichte des geographischen Raums "Europa" zwischen 1900 und 1945 systematisch einzubeziehen.[3]

2. bietet die Geschichte staatlicher Gewaltentfesselung, vom "totalen Krieg" bis zu den vielfältigen Formen staatlicher Massengewalt von Deportation respektive Vertreibung bis zu staatlichem Massenmord und Genozid, einen Zugang, der einen zentralen Aspekt der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfasst und in eine universalhistorische Perspektive rückt.[4]

Beide Hinsichten sind aus meiner Sicht verbunden mit Perspektiven langer Dauer. Sie entfalten ihre Erklärungskraft gerade dann, wenn sie die Besonderheiten europäischer Gewaltentfesselung und Kolonialerfahrungen zwischen 1900 und 1950 einzuordnen vermögen in größere, das heißt aber auch zeitlich längere und räumlich beziehungsweise zivilisationsgeschichtlich übergreifende Fragestellungen.

Damit sind zwei Leitthemen oder Problemstellungen benannt, auf die unten noch einmal zurückzukommen ist. Vorher muss jedoch die Grundspannung analysiert werden, die in der Neuesten Geschichte Europas zwischen einer Geschichte der Region "Europa" und einer Geschichte beziehungsweise den Geschichten der europäischen Nationalstaaten besteht. Nach wie vor wird europäische Geschichte als Summe aller Nationalgeschichten dieses geographischen Raums konzipiert und geschrieben. Intellektuell anspruchsvoller ist der Versuch, europäische Geschichte als eine Art Parallelgeschichte ausgewählter Nationen zu schreiben, um damit quasi im Vorbeigehen ein übergreifendes Entwicklungsmuster europäischer Nationalstaaten und ihrer jeweiligen Gesellschaften zu präsentieren.[5] Dieses Panorama nationalspezifischer Sonderwege in den "Westen" führt nicht aus dem Horizont nationalzentrierter Geschichte heraus, deren Credo ja seit Herder ist, dass die endogenen Kräfte, wie sie sich in der konkreten Sozialordnung, Kultur, Sprache und den Politikformen eines "Volkes" artikulieren, die prägenden Faktoren sind, auch wenn man die Dynamik exogener Faktoren (wie Industrialisierung oder "Modernisierung") in Rechnung stellt. Europäische Geschichte bleibt in dieser Perspektive zwangsläufig ein Kunstprodukt historiographischer Abstraktion im ungemütlichen Zwischendeck zwischen National- und Weltgeschichte.

Für die Geschichte der europäischen Nationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten weltumspannende und internationale Zusammenhänge in der Gestalt von Kriegen, Revolutionen und Weltwirtschaftskrisen besonders bedrohlich und vielfach brutal in die Gemütlichkeit nationaler Traditionen und Trends ein. Dabei hat die deutsche Nationalgeschichte zugleich auch die Geschicke vieler anderer Nationalgeschichten nachhaltig beeinflusst. Diese "Übergriffe" oder Exporte sind zumal für einen deutschen Historiker alles andere als trivial, wenn es etwa darum geht, die nachhaltigen und vielfach tödlichen Spuren deutscher Besatzungspolitik in den beiden Weltkriegen als Teil einer europäischen Geschichte zu erfassen. Zur Zeit ist geschichtspolitisch zu beobachten, welche Effekte entstehen können, wenn etwa der nationalsozialistische Mord an den europäischen Juden "europäisiert" wird, also auch als Problem der Nationalgeschichten unserer Nachbarländer auftaucht. Dabei werden zuweilen Zusammenhänge der deutschen Geschichte auf eine europäische Ebene verschoben, auf der sie nur noch schwer angemessen verstehbar sind. Kurz gesagt: Das Spannungsverhältnis zwischen der besonderen Rolle der deutschen Nationalgeschichte mitsamt ihren Deutungsmustern und einer europäischen Perspektive muss nicht nur reflektiert, sondern auch konkret in der historiographischen Praxis, also beim Schreiben einer europäischen Geschichte, beachtet werden. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Nationalgeschichte und europäischer Geschichte kann nicht einfach aufgelöst werden. Dazu sind die jeweiligen Perspektiven zu unterschiedlich. Vielmehr muss – so die These – eine Geschichte Europas die spezifischen Beziehungen zwischen den sich entwickelnden Nationen und Nationalstaaten als einen weiteren, dritten Ausgangspunkt für eine global- beziehungsweise weltgeschichtlich informierte und anschlussfähige Darstellung wählen. Was heißt dies konkret? Es führt wohl kein Weg daran vorbei, die fundamentale Differenz zwischen imperialen, kolonialen und "bloß" nationalen Kontexten nationalstaatlicher Entwicklung zu akzeptieren und zum Ausgangspunkt einer Beziehungs-, Transfer- und Konfliktgeschichte zu machen. Die Verbindungen mit anderen Regionen der Welt, aber auch die Reichweiten staatlichen Handelns sind grundlegend anders zu beurteilen, je nachdem, ob wir es mit Staaten oder Regionen in Europa zu tun haben, die selber als Kolonialmacht auftreten (1. Fall), zusätzlich oder davon unabhängig Großmachtstatus beanspruchen und imperialen Ambitionen auch in ihrer Gesellschaft und Kultur nachgehen (2. Fall) oder (3. Fall) nur als Nationen, das heißt als politische Gemeinschaften Souveränität besitzen oder (4. Fall) beanspruchen.

Die folgende Übersicht mag dieses komplexe und spannungsreiche Nebeneinander für die Situation am Beginn des 20. Jahrhunderts verdeutlichen:



Christophe Charle hat seine vergleichende Gesellschaftsgeschichte Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reiches als eine Krisengeschichte imperialer Gesellschaften entworfen. Damit weist er den Weg, wie man für den Zeitraum zwischen 1880 und 1945 Gemeinsamkeiten, wie Unterschiede des zweiten Typs national verfasster europäischer Gesellschaften herausarbeiten kann.[6] In jüngster Zeit wird freilich gerade unter deutschen Historikern ein Deutungsmuster gepflegt, das die Einheit des kurzen oder langen 20. Jahrhunderts betont und dementsprechend die Zeit der Weltkriege oder des europäischen Bürgerkriegs von 1914 bis 1945 als dramatische Episode in einen weiteren zeitlichen und sachlichen Zusammenhang stellt. Eric Hobsbawms erfolgreiche weltgeschichtliche Synthese eines kurzen 20. Jahrhunderts (1914–1989) als einer Epoche der Extreme, Mark Mazowers Geschichte Europas im 20. Jahrhunderts, schließlich die als Beitrag zur Geschichte Europas von Ulrich Herbert geplante und herausgegebene Serie von Nationalgeschichten in der Periode der Hochmoderne (1880–1970) stecken in jeweils unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen einen viel breiteren Horizont ab.[7] Damit sind die Problemhorizonte und Begrifflichkeiten der Zeitgeschichte enorm ausgeweitet worden. In einer solchen Epochendeutung mittlerer Dauer, die mehr oder weniger 100 Jahre oder drei Generationsfolgen umfasst, kommt es zwangsläufig zu einer Einebnung der Besonderheiten der Weltkriegsepoche. Dies mag für eine gesellschafts- und kulturgeschichtliche Betrachtung ausgesprochen sinnvoll sein, die doch darauf angewiesen ist, hinreichend lange Zeiträume in den Blick zu nehmen, um die großen Trends sozialen und kulturellen Wandels jenseits der Moden und Ereignisse (den Schaumkronen der Ereignisgeschichte) überhaupt wahrnehmen zu können. Eine solche Zeitperspektive ist auch vielversprechend im Fall von Nationalgeschichten, die nur indirekt durch die beiden Weltkriege und die politisch-sozialen Umbrüche in ihrem Gefolge betroffen waren – man denke etwa an neutrale oder nicht direkt am Krieg beteiligte Nationen wie die Schweiz, Portugal, Irland oder Schweden. Aus dem Blick gerät bei einer solchen Perspektive jedoch allzu leicht, dass ein ganzer Kontinent jenseits der eher kontinuierlich verlaufenden Basisprozesse wie Industrialisierung, Urbanisierung, Alphabetisierung einen grundlegenden machtpolitischen Rollen- und Positionswechsel erlebte: Die imperialen und nationalen Ambitionen, die Europa bis 1945 zu einem Treibhaus staatlicher Gewalt und militärischer Konflikte gemacht hatten, welkten nach dem Zweiten Weltkrieg rasch dahin. So traten Bellizismus, Zivilisierungsmissionen und Chauvinismus, wie sie die Befindlichkeiten Europas in der ersten Hälfte des Jahrhunderts nachhaltig geprägt hatten, deutlich in den Hintergrund, mit dem Ergebnis, dass nicht nur das Europa der Gegenwart, sondern auch schon das geteilte Europa des Kalten Kriegs von 1970 eine Physiognomie entwickelt hat, die sich ganz deutlich von politischen Einstellungen um 1900, 1915 oder 1930 unterscheidet. Mentalitäten, Ordnungsmuster und die "Staatsräson" haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg und angesichts der Folgen der Epoche der Weltkriege signifikant verändert.

Die Konfrontation von Imperien und Nationen im Laboratorium der Moderne

Es spricht also einiges dafür, die Welle der Zwangsmobilisierungen für nationale oder imperiale Macht, der Gewaltentfesselung, aber auch der Selbstmobilisierungen und Partizipationsangebote zwischen 1900 und 1945 als Spezifika einer Situation zu begreifen, die nicht einfach als Nebenfolge der längerfristigen "Modernisierungen" oder der europäischen Modernen zu interpretieren sind. Man wird nicht daran vorbeikommen, dem Politischen für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts den Primat einzuräumen, wenn es darum geht, diese Besonderheiten zu erklären. Primat des Politischen meint an dieser Stelle das Gewicht machtpolitischer Ziele und zwischenstaatlicher Konflikte, die Politisierung von Alltag und Kultur sowie eine Hochkonjunktur für politische Ideologien und "Weltanschauungen". Damit ist zugleich ein methodisches Problem angesprochen, das vor allem die Meistererzählungen der politischen Sozial- oder Gesellschaftsgeschichte betrifft: Sie hat die Präge kraft und die Eindringtiefe politischer Ideologien, aber auch die Folgen politisch-militärischer Gewaltpraktiken (in Krieg und Bürgerkrieg) meist nur auf nationaler Ebene erforscht, seltener die internationale und europäische Ebene bedacht. Es ist aber gerade auf dieser Ebene viel besser möglich, die Grundmuster divergierender und konkurrierender Ordnungsentwürfe, die wechselseitigen Bezüge und übergreifenden Gemeinsamkeiten zwischen ihnen zu erkennen.

Europa kann insofern bereits um 1900 als eines der "Laboratorien" der Moderne bezeichnet werden, weil in dieser Weltregion unterschiedliche, ideologisch antagonistische Ordnungsentwürfe für die sich rasch wandelnden Gesellschaften in besonderer Verdichtung entwickelt worden sind. Dieses Laboratorium war jedoch nicht in einem politisch befriedeten Großraum lokalisiert, vielmehr fand sich alles, was dort entwickelt wurde, gleich in die politischen Großkonflikte der Staaten und Nationen eingespeist. Statt von einem "Labor" kann man deshalb auch von einem "Treibhaus" sprechen, so dass in thesenhafter Akzentuierung von einer wechselseitigen Verstärkung bei der Entwicklung konkurrierender Ordnungssysteme, imperialer Machtkonkurrenz und nationaler Dynamik gesprochen werden kann. Diese Trias, so die These, liefert ein halbwegs plausibles Erklärungsmodell für die Besonderheiten der europäischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Anders herum heißt dies auch, vernachlässigt man eine der drei Seiten dieses Spannungsfeldes, wird es schwieriger, der Komplexität der Entwicklungen gerecht zu werden.

1. Das "Labor der Moderne". Seit den 1880er Jahren wurden, wie bereits angedeutet, in den verschiedenen intellektuellen Zentren Europas ganz unterschiedliche Modelle für die Gestaltung der anhaltend dynamischen Zeiten konzipiert. Dabei variiert der Grad der grenzüberschreitenden Vernetzung unter den beteiligten Experten, Wissenschaftlern, Intellektuellen, Militärs und Politikern. Gleichwohl ist das Faktum der wechselseitigen Kenntnisnahmen ausgesprochen wichtig. Es hat die Herausbildung konkurrierender weltanschaulicher Ordnungskomplexe, die in jedem Fall von nationalspezifischen Akzenten und Schwerpunktsetzungen geprägt blieben, aber eine gemeinsame Handschrift erkennen ließen, ermöglicht. So ist Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs längst nicht mehr das Kraftzentrum liberaler Ordnungsmuster (das es noch um 1870 gewesen war!): revolutionär-sozialistische, reformsozialdemokratische, nationalistische, katholische und konservative Gegenentwürfe bestimmten die Debatten der Zeit und imprägnierten die konkreten Reformprogramme und Gestaltungsvorhaben, die in immer stärkerem Maße auch wissenschaftlich legitimiert oder generiert wurden. Zentralregierungen und kommunale Verwaltungen experimentierten mit den verschiedensten Modellen auf den Feldern von Bildung, Gesundheit, Armutsbekämpfung oder Sozialversicherung. Dabei waren sowohl national wie international Human- beziehungsweise Sozialwissenschaftler in vorderster Reihe engagiert, wenn es darum ging, praktische Lösungen für die vielen "Sozialprobleme" der Zeit, von der "Arbeiterfrage" bis zur "Ehekrise", zu entwerfen. Alle ihre Interventionsangebote folgten der Gewissheit, dass die alten liberalen Vorannahmen über die Wirkmächtigkeit von Markt, Rechtsstaatlichkeit und freiheitlicher Staatsverfassung allein nicht mehr ausreichten, um der Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung, aber auch den kulturellen und machtpolitischen Herausforderungen der Gegenwart Genüge zu tun. Die Epoche der Weltkriege steht insofern europaweit auf den breiten ideengeschichtlichen Schultern der Jahrzehnte um 1900 (grob 1880–1914). Die Entfesselung des Krieges und dessen katastrophale Folgen boten ihrerseits wiederum vielfältige Gelegenheiten für die Anwendung und Weiterentwicklung der Ordnungsideen aus dem "Labor" der Moderne. Vor allem sorgten die militärischen und sozialen Konfrontationen seit 1914 dafür, dass viele Ordnungsideen radikalisiert wurden. Aus dem Labor der Moderne ergaben sich die zahlreichen Baustellen des social engineering. Selbstverständlich ist der Aufstieg des social engineering zwischen 1910 und 1960 keineswegs ein nur europäisches Phänomen. Vielmehr ist ganz im Gegenteil an dieser Stelle die internationale und globalgeschichtliche Perspektive aufschlussreich, sollen die divergierenden Spielarten dieser Form von Sozialintervention analysiert werden.[8]

2. Spezifika der europäischen Entwicklungen ergeben sich, auch darauf wurde bereits hingewiesen, aus dem Spannungsverhältnis zwischen imperialen und nationalen Kräften. Diese Grundspannung bestimmte die politischen Ordnungen Europas zwischen 1900 und 1945. Sie generierte die Konflikte und politischen Entscheidungen, die direkt in die beiden Weltkriege mündeten. Es ist allerdings fraglich, ob diesem Gegensatzpaar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der gleichen Gewissheit oder Prägnanz eine bestimmende Kraft für die europäische Staatenwelt zugeschrieben werden kann.

Die vergleichenden Forschungen des letzten Jahrzehnts zu Imperien und Nation haben wichtige neue Erkenntnisse zutage gefördert. Doch sollte man nüchtern konstatieren, dass die Gesamtsicht auf das Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch solche Studien keineswegs grundlegend verändert worden ist.[9] Mit den Vielvölkerstaaten und Großreichen der Habsburger, Romanows und Osmanen existierten drei imperiale Herrschaftsformationen, die bis 1917/18 weite Teile Mittel-, Ost- und Südosteuropas sowie des östlichen Mittelmeerraums prägten. Sie bildeten Gegenpole und Beharrungskräfte gegen die vielfältigen Nationalbewegungen beherrschter Ethnien und Regionen, aber auch gegen die Nationalisierungsbestrebungen der in den Reichsverbünden dominierenden Völker oder Sprachgruppen (Russen, Deutsche, Ungarn und Türken).

Mit der Französischen Republik, dem Vereinigten Königreich und dem Deutschen Reich wiederum existierten drei Nationalstaaten, die zugleich imperiale Großmächte waren. Schließlich profilierte sich mit Italien am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein weiterer europäischer Nationalstaat, der koloniale Expansion mit weiterreichenden Großmachtambitionen verband. Damit existierten in Europa bereits sieben Herrschaftsverbände, denen ohne größere Schwierigkeit jene Kriterien imperialer Machtbildung zuzusprechen sind, wie sie idealtypisch Jürgen Osterhammel definiert hat. Gleichzeitig beteiligten sich alle sieben an der Machtdiplomatie innerhalb des internationalen Staatensystems. Außerhalb Europas waren auf internationaler Ebene nur noch Japan und die Vereinigten Staaten als neue imperiale Mächte am Ende des 19. Jahrhunderts hinzugekommen und spielten vor allem in Ostasien, im Pazifik und in Lateinamerika eine den europäischen Imperien ebenbürtige Rolle. Bekanntlich bestimmten Dynamik und Instabilität dieses internationalen Systems, dessen Epizentrum Europa bis 1945 blieb, die daraus resultierenden Konflikte.

Wesentlich ist, dass mit dieser Architektur nicht allein die außenpolitische Dimension bezeichnet ist. Die imperialistische Konkurrenz schuf jene Treibhausatmosphäre, die auch die innenpolitischen und sozialen Konflikte Europas affizierte. Folgt man dem Stand der Forschungen zur Geschichte des europäischen Staatensystems vor 1914 und in der Zwischenkriegszeit, so besteht kein Zweifel daran, dass Krieg aus imperialer Staatsräson und Expansion als letztes Ziel der Statussicherung oder Machtentfaltung in den Zentren politischer Entscheidungen sowohl 1914 und 1915 als auch 1935, 1939 und 1941 entscheidende Weichensteller waren. In dem hier vorgestellten Deutungsmuster spielt die imperialistische Normalität der Beziehungen zwischen den europäischen Großmächten eine bedeutsame Rolle als Brandbeschleuniger und Krisengenerator.

Daraus ergeben sich in vergleichender Perspektive wiederum interessante Einsichten: Der Untergang der drei östlichen Imperien 1917/18 bedeutete nicht einfach das Ende imperialer Gestaltungs- und Herrschaftsansprüche in dem von den drei Reichen beherrschten geographischen Raum. Statt - dessen war bereits im Ersten Weltkrieg zu beobachten, wie angesichts der Krise der Habsburgermonarchie und des raschen Zusammenbruchs des Zarenreiches die politische und militärische Führung des Deutschen Reiches den "Osten" als Expansionsraum entdeckte.[10] Auch nach Versailles betrieben die neu entstandenen Nationalstaaten in Ost- und Mitteleuropa ihre eigene Staatsgründung und Nationenbildung in ständiger Abwehr imperialer Revisionsansprüche. Im östlichen Mittelmeerraum wiederum beerbten Frankreich und Großbritannien das Osmanische Reich, so dass hier die Bildung neuer Nationalstaaten (Libanon, Syrien, Palästina/Transjordanien, Irak und Ägypten) nur gegen den Widerstand der neuen imperialen Zentralen durchzusetzen war. Mit der Sowjetunion und dem Deutschen Reich nahmen gleich zwei besiegte Mächte des Ersten Weltkriegs die imperialen Ambitionen ihrer Vorgängerregime auf und entwickelten sie in den 1930er Jahren weiter, hierin sekundiert von Italien, das seine eigenen Kriegsziele von 1915 unter faschistischer Führung und ab 1926 in einer Diktatur mit dem Ziel imperialer Großmachtbildung weiterverfolgte. Den zwei etablierten Imperialmächten Frankreich und Großbritannien standen damit drei expansionsbereite und revisionistische Konkurrenten gegenüber, eine Konstellation, die bekanntlich im August 1939 von Hitler zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs genutzt wurde.

Mit Blick auf das übergreifende Deutungsmuster kommt es mir an dieser Stelle nur darauf an, die Kontinuitätslinien von 1880 beziehungsweise 1900 bis 1941/45 aufzuzeigen, um die Differenz zur Situation nach 1945 hervorzuheben. Imperiale Konkurrenz hörte mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8./9. Mai 1945 auf, ein treibendes und gestaltendes Element der innereuropäischen Staatenbeziehungen zu sein. Mit der Sowjetunion und den USA waren zwei imperiale "Supermächte" aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, die den verbliebenen imperialen Mächten Großbritannien und Frankreich nur noch einen Platz als Juniorpartner der USA zugestanden. Die Teilung Europas fror die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Supermächten für mehr als drei Jahrzehnte in dieser Weltregion ein. Französische und britische Politiker brauchten noch bis 1956, um auch diplomatisch und militärpolitisch den Zweiten Weltkrieg endgültig als fait accompli anzuerkennen. Auf die vielfältigen Erscheinungsweisen und Folgen dieser imperialen Grundspannung für Gesellschaften und Kultur Europas ist in einem nächsten Schritt einzugehen. Doch das ist erst möglich, nachdem man den Gegenpol imperialer Machtambitionen und Herrschaftsformen betrachtet hat. Denn die "Nation" war im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts die erfolgreichste politische und soziale Ordnungsidee. Entgegen der landläufigen Vorstellung vom 19. Jahrhundert als dem Jahrhundert des triumphierenden Nationalismus und des Nationalstaats setzten sich Nation und Nationalstaat in Europa erst im 20. Jahrhundert definitiv und allerorten durch. Bekanntlich gilt dieser Befund nicht nur für Europa, sondern erst recht für Asien und Afrika. Selbst in Lateinamerika beschleunigte sich der Prozess innerer Nationenbildung vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Nationalbewegungen und Nationalismus blieben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die stärksten Kräfte, soweit es um Bestrebungen ging, Menschen unterschiedlichster sozialer Lage für politische Ziele zu mobilisieren. Partizipationsversprechen im Namen künftiger oder auch im Rahmen bestehender politischer Nationen waren die breitenwirksamste Form, in der übergreifende Forderungen nach größerer sozialer Gleichheit und nach mehr politischer Teilhabe Ausdruck und Gehör fanden. In ihrer Mobilisierungskraft und ihrem Gestaltungspotenzial blieb die Nation als politisches Ordnungsmuster den Imperien oder Reichen in Europa haushoch überlegen. Auch die politischen Führungen der drei imperialen Nationen Deutschland, Frankreich und Großbritannien mobilisierten in beiden Weltkriegen die eigene Bevölkerung am wirkungsvollsten dadurch, dass sie diese Kriege als patriotische Kriege der Selbstbehauptung, Selbstverteidigung oder nationalen Revanche propagierten. Dies gilt selbst für das nationalsozialistische Deutschland, dessen politische Führung einen bereits verlorenen imperialen Eroberungskrieg in der Defensive zwischen 1942 und 1945 als einen nationalen Überlebenskampf führte und damit die Mehrheit der Bevölkerung erfolgreich an das eigene Schicksal band. Auch die Mobilisierung durch die sowjetische Führung griff neben dem erprobten Mittel terroristischer Gewalt zur patriotischen Mobilisierung der Sowjetvölker, allen voran der russischen Nation. Übergänge und Verknüpfungen zwischen imperialistischen, nationalistischen und sozialpatriotischen Ideologien gehörten zu den typischen Erscheinungsformen der politischen Ideenwelt und der Parteienlandschaft Europas zwischen 1914 und 1945. Hagen Schulze hat mit Blick auf die Epoche von der Phase des "totalen Nationalstaats" gesprochen.[11] Dies trifft meines Erachtens prägnant den Sachverhalt, um den es hier geht: Die Belastungen der Kriege, aber auch die Übersteigerungen imperialer Konkurrenz schufen einen spezifischen politischen Handlungsbedarf für radikale Ordnungsentwürfe, die den vielen "bedrohten " Nationen in der Zwischenkriegszeit die Sicherung der eigenen Existenz versprachen.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs inspirierten insbesondere drei Leitkonzepte, welche die Stärkung der Nation angesichts der vielfältigen externen und internen Bedrohungen in den Mittelpunkt rückten: Dies waren erstens die Konzepte einer politischen Ordnung nach dem Vorbild der Nation in Waffen, also einer Gesellschaft mit autoritärer Führung, hierarchischer Ordnung und interner Geschlossenheit, zweitens die Idee einer ökonomisch-sozialen Ordnung der Nation nach dem Vorbild der staatsgelenkten Kriegswirtschaft und schließlich drittens die Idee einer kulturellen Ordnung, einer gegen äußere Feinde abgeschotteten, von inneren Feinden gereinigten, homogenen nationalen Volks- und Kulturgemeinschaft. Kombinationen dieser drei Ordnungsideen zur Stabilisierung und Mobilisierung "bedrohter" Nationen prägten die politischen Programme autoritärer und totalitärer Regime. Sie alle trachteten danach, die nationaldemokratischen Verfassungen und die liberalen Wirtschaftsund Sozialordnungen zu überwinden, die in ganz Europa gestärkt aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen waren, aber schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf vielfältige Schwierigkeiten stießen und in Krisensituationen gerieten.[12]

Diese bellizistisch-autoritäre Seite nationalstaatlicher Stabilisierung in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit war zweifellos stark. Sie muss jedoch mit einer zweiten, nicht minder starken politisch-gesellschaftlichen Strömung zusammengesehen werden, die sowohl in der Schlussphase des Ersten wie auch derjenigen des Zweiten Weltkriegs große Mobilisierungskraft entfaltete: Demokratische und egalitär-sozialistische Strömungen verbanden sich mit der Idee einer (Neu-)Gründung der eigenen Nation. Sie konkretisierten das Partizipationsversprechen, wie es in die Idee der politischen Nation eingeschrieben ist, zu Forderungen nach umfassender Demokratisierung von Staat und Wirtschaft. Die Welle der Nationalstaatsgründungen zwischen 1917 und 1922 (von Finnland bis zur Türkei, von Irland bis Georgien) war mit einer noch viel größeren, auch die bereits etablierten Nationalstaaten erfassenden Demokratisierungswelle verbunden, bei der neue sozialpolitische Bürgerrechte und -ansprüche durchgesetzt wurden. Die breite Bewegung des politischen und militärischen Widerstands gegen die nationalsozialistische Besatzung, die sich im Zweiten Weltkrieg, vor allem seit 1943, formierte, führte ihrerseits zu einer Welle nationaldemokratischer Erneuerung und zur Radikalisierung jener Partizipationsversprechen, die mit der Nationalidee in Europa untrennbar verbunden sind.[13]

Blickt man nicht von den imperialen Machtzentren, sondern von den vielen Zentren der übrigen europäischen Nationen auf die politische Gesellschaftsgeschichte Europas zwischen 1914 und 1945, schaut man also von Helsinki, Dublin oder Bukarest auf diese Epoche, so ist sie im Kern eine dramatische Phase der Verteidigung und Sicherung oder der Eroberung und des Verlusts nationaler Selbständigkeit und nationaldemokratischer Partizipation. Unter diesem Blickwinkel stellt der wirkliche oder vermeintliche Kampf gegen die nationalsozialistischen, faschistischen und sowjetischen Besatzer zwischen 1939 und 1947 (nicht nur bis 1945!) einen Höhepunkt nationaler Mobilisierung dar. Er ist typischerweise ein Kernelement der nationaldemokratischen Erinnerungskultur geblieben und seit 1990, also jenem Jahr, in dem die demokratische Nationalidee eine neue Welle der Mobilisierungen auslöste, in vielfacher Weise umgedeutet worden.

Imperiale Konkurrenz und Expansion auf der einen und nationale (Gegen-)Mobilisierung auf der anderen Seite steigerten sich wechselseitig. Sie ermöglichten die Gewaltentfesselung der zwei Weltkriege in Europa, doch stehen sie auch im Hintergrund der Bürgerkriege und sozialen Revolutionen, die sich in dieser Periode häuften. Vor allem lieferten sie jedoch die politischen Letztbegründungen für die vielfältigen kulturellen und sozialen Ordnungsideen, die im "Labor" der Moderne seit 1900 entwickelt und erprobt wurden.

Eine solche Deutung hält daran fest, dass das Partizipationsversprechen der Nation in der Gesamtdynamik der Epoche keineswegs verschwand oder unterging. Ganz im Gegenteil: Erst die Demokratisierungswelle nach dem Ersten Weltkrieg schuf die Voraussetzungen für die totalitäre Umformung demokratischer Partizipationsversprechen, wie sie im faschistischen Italien, dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion zu beobachten waren. Es lag in der Logik dieses Mobilisierungsdrucks und -potenzials, dass die drei neuen imperialen Mächte Italien, Deutsches Reich und Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg auf die totalitäre Steigerung ihrer Herrschaft setzten, um im Kampf gegeneinander und gegen die liberaldemokratischen Westmächte zu bestehen. Typischerweise blieben die vielen autoritären Regime, die sich dem bescheideneren Ziel einer Stabilisierung oder Rettung ihrer Nation verschrieben, von diesem Schub totalitärer Radikalisierung weitgehend verschont.

Damit wird – dies sei zugegeben – die Geschichte Europas zwischen 1914 und 1945 natürlich nicht vollständig umgeschrieben. Es geht eher darum, diese Phase dramatischer ereignisgeschichtlicher Zuspitzungen erstens in größere weltgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen, zweitens darum, die besonders engen Wechselwirkungen zwischen Kultur, Politik und Gesellschaft in dieser Zeit besser zu verstehen und drittens darum, die Zusammenhänge und Berührungspunkte zwischen den politischen Extremen jenseits des Totalitarismuskonzepts nachzuvollziehen. Die weltgeschichtlichen und internationalen Bezüge dieses Deutungsmusters liegen auf der Hand: Zum einen gilt es, die kolonialen und imperialen Dimensionen der europäischen Geschichte ernst zu nehmen. Dass gleich mehrere westeuropäische Demokratien (Frankreich, Belgien, die Niederlande, Großbritannien) auch Kolonialmächte waren, zwei von ihnen als imperiale Mächte agierten und die Stabilisierung ihrer liberalen Ordnungen von der Sicherung sowie der Weiterentwicklung ihrer kolonialen Herrschaft und Wirtschaft profitierten, muss Berücksichtigung finden. So können etwa die 1930er Jahre als ein Höhepunkt kolonial wirtschaftlicher Verflechtung zwischen den Mutterländern und ihren Kolonien gelten und gleichzeitig auch als Hochzeit imperialer Propaganda betrachtet werden. Gerade die Weltwirtschaftskrise erhöhte den symbolischen und realen Wert der Kolonialwirtschaft für diese Demokratien. Die imperialgeschichtliche Perspektive zwingt zum anderen aber auch dazu, genauer nach dem Formwandel imperialer Herrschaft zu fragen. Mit der Übertragung kolonialer Methoden der Eroberung und Herrschaftssicherung auf Europa betraten die expansionistischen Imperien Neuland. Die Organisationsformen deutscher Okkupation, vor allem jedoch die Wahrnehmungsmuster deutscher Besatzer in den eroberten/besetzten russischen Gebieten im Ersten Weltkrieg belegen derartige Transfers. Die italienische Herrschaft in Albanien wie Griechenland, schließlich das Besatzungsregime des Deutschen Reichs in Polen und der Sowjetunion entwickelten erstmals Konzepte kolonialer Herrschaftsordnung innerhalb Europas, übrigens in Ergänzung respektive Fortführung geplanter oder realer Kolonialherrschaft in Übersee. Insbesondere die nationalsozialistische Germanisierungsvision negierte dabei die historische Wirkmächtigkeit der nationalen Idee in Europa. In ihrer Brutalität und Gewaltsamkeit übertraf diese Praxis innereuropäischer Kolonialherrschaft selbst die bereits niedrigen humanitären Standards europäischer Kolonialherrschaft in Afrika oder Asien.[14]

Drei Beispiele: Politisierung des Alltags, Techniken der Vergemeinschaftung und Beschleunigungsdiktaturen

Das Deutungsmuster "imperiale Gewalt und mobilisierte Nation" in Verbindung mit der Idee eines "Laboratoriums der Moderne" kann vor allem für zwei große Themenfelder der europäischen Sozial- und Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit fruchtbar gemacht werden. Zum einen geht es um die vielen Kulturkämpfe dieser Epoche.[15] Europa erlebte eine enorme Politisierung von Fragen des Konsums, der Alltagskultur oder der Lebensführung breiter Bevölkerungsschichten. Etabliert ist das Konzept, die Deutungskämpfe der Zeitgenossen etwa um das Auftreten junger Frauen (der "Bubikopf"), um Sport oder Leibesübungen, um amerikanisches Kino und amerikanischen Massenkonsum als Konflikte im Prozess der Ablösung "traditionaler" durch "moderne" Formen des Konsums und der Lebensführung zu beschreiben. Damit wird jedoch eine ganz wesentliche Dimension dieser Konflikte ausgeblendet oder zumindest unterschätzt: Überall handelte es sich bei diesen Konflikten um Fragen nationalkultureller Identitäten. Patriarchalisch fundierte Ordnungsmuster wurden nationalpolitisch aufgewertet und radikalisiert. Die Debatten um die Geschlechterordnung liefern vielfältige Zeugnisse für eine solche nationalpolitische Grundierung. Gerade die vielen seit den 1920er Jahren aufkommenden autoritären Regime profilierten sich als Gralshüter nationaler Traditionen. Das Überfremdungssyndrom verbreitete sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit über ganz Europa – ohne allerdings die Neugierde der Menschen angesichts der neuen kulturellen Attraktionen und ihre Aufgeschlossenheit für neue Konsumartikel und Moden ernsthaft von innen einzuschränken. Immer wieder galten dabei Amerika und mit deutlichem Abstand die Sowjetunion als Herkunftsorte besonders gefährdender Neuerungen. Verbote und Beschränkungen waren insofern eher Zeichen der Hilflosigkeit als wirksame Mittel im vermeintlichen Abwehrkampf bedrohter nationalkultureller Ordnungen. Dabei sollte freilich nicht vergessen werden, dass die Spielräume für die Verbreitung dieser neuen Kulturangebote von Einkommenslage und Zugänglichkeit abhingen. Die ländlichen Gesellschaften blieben in dieser Hinsicht vielfach sozialromantisch verklärte Horte "nationaler" Traditionen.

Zum anderen hatte das social engineering in den Jahrzehnten zwischen 1920 und 1970 weltweit seine Hochzeit.[16] Seine Exponenten profitierten als Stadtentwickler, Raumplaner, Sozialexperten, Demographen und Familienplaner von dem einzigartigen Krisenszenario, das während der Epoche der Weltkriege in den meisten Ländern Europas vorherrschte. Es verschaffte ihren Interventionsprogrammen jene Dringlichkeit entschiedenen Krisenhandelns, ja radikaler Lösung akuter sozialer Fragen, welche die eigene Nation zu destabilisieren drohten. Nationale Selbstbehauptung oder Effizienzsteigerung waren gängige Argumente für entsprechend tiefe Eingriffe. Die Zeitspanne für Interventionen und deren Wirksamkeit war, wie Thomas Etzemüller herausgearbeitet hat, in der Regel kurz bemessen – entsprechend groß fielen die Versprechen der Sozialingenieure aus.[17] Typischerweise rückten die Sozialingenieure dieser Jahrzehnte die Dimension der Vergemeinschaftung (zentral für die nationale Ordnung!) immer wieder in den Mittelpunkt ihrer Programme. Politik und Öffentlichkeit waren – so meine These – in der Zwischenkriegszeit besonders anfällig für das Versprechen der Sozialexperten, neue Vergemeinschaftungsformen vom Reißbrett aus entwerfen und realisieren zu können.

Schließlich zeigen sich drittens zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den drei radikalen Diktaturen, die Europa in den dreißiger und vierziger Jahren tiefgreifend verändert haben: Die vergleichende Diktaturforschung hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht, so dass wir heute Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Regime Mussolinis, Hitlers und Stalins nuancierter und präziser identifizieren können.[18] Vor allem hat die Verlagerung der Perspektiven – von den Intentionen der Regime zu den Folgen für die zahlreichen Opfer und zu den wechselseitigen Einflussnahmen – dazu geführt, dass die Radikalität staatlicher Gewaltentfesselung und der Grad der Mobilisierung von Menschen sowie aller symbolischen oder materiellen Ressourcen zu einem wesentlichen Bezugspunkt des historischen Vergleichs geworden sind.[19] Das hier vorgestellte Deutungsmuster vermag meines Erachtens keineswegs eine umfassende "Erklärung" für die Gewaltexzesse und Mordprogramme zu liefern, die vor allem im nationalsozialistischen Deutschland und in der stalinistischen Sowjetunion befohlen und in die Tat umgesetzt worden sind. Doch ist andererseits unschwer zu erkennen, dass die imperialen Ambitionen der drei Diktaturen ein wesentliches Erklärungselement liefern für die Radikalisierung der drei Regime: In allen drei Fällen war den Diktatoren und ihren Getreuen daran gelegen, einen expansionsfähigen Machtstaat aufzubauen. Und alle drei Diktatoren sahen in der Anwendung von Gewalt und der Mobilisierung ihrer Gesellschaften das probate Mittel, um dieses Ziel schneller erreichen zu können. Alle drei Diktaturen waren auf Grund ihrer Einschätzung der weltpolitischen, das heißt auch imperialen Konstellationen, Beschleunigungsdiktaturen: Sie glaubten nur über kurze Handlungsfristen zu verfügen, was die Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen und machtpolitischen Visionen anging. Der vermeintliche Kampf gegen den "Lauf der Zeit" kulminierte bekanntlich in der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Im Fall des nationalsozialistischen Deutschlands und des faschistischen Italiens war auch die regimespezifische Utopie eines "Neuen Menschen" untrennbar mit dem Projekt verbunden, eine imperiale Gesellschaft auf rassistischer Grundlage zu schaffen.

Ausblick: Europa als Provinz west-östlicher Welten

1950 war in Europa das Ordnungsprinzip des Nationalstaats siegreich aus der Konfrontation zwischen den imperialen Mächten hervorgegangen. Genauer gesagt war der Nationalstaat nunmehr das einzige Ordnungsmuster, das die Siegermächte als Grundlage stabiler gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in Europa akzeptierten. Insbesondere die Mordprogramme, Vertreibungen, Fluchtbewegungen und Umsiedlungen der Jahre 1940–1949 besiegelten eine Entwicklung, die bereits in den Balkankriegen 1912/13 und im Ersten Weltkrieg begonnen, jedoch in der Germanisierungspolitik des Nationalsozialismus sowie den sowjetischen Zwangsdeportationen ethnischer Gruppen ihre gewalttätigen Höhepunkte gefunden hatte. Imperiale Ordnungen auf Abruf und im Prozess der Abwicklung waren das britische Empire und das französische Kolonialreich. Auf europäischem Boden existierte damit nur noch die Sowjetunion als ein Imperium mit Zukunft. Ihm wurden beim "brutalen Frieden" 1945 für weitere fünfundvierzig Jahre denn auch Nationen und Territorien einverleibt, die bereits 1918 ihr Recht auf nationalstaatliche Souveränität respektive Eigenexistenz erkämpft hatten. Die sorgfältige Einteilung der europäischen Staaten in die beiden westlichen und östlichen Blöcke sowie die Gruppe der Neutralen fixierte für vierzig Jahre die politischen Spannungslinien und trug dazu bei, die nationalstaatliche Ordnung Europas weiter zu konsolidieren.

Europa war kein Labor der Moderne mehr, jedenfalls nicht mehr in der exponierten Form, wie sie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gekannt hatte. In der Nachkriegszeit orientierten sich die Sozialingenieure, aber auch die Intellektuellen und Wissenschaftler, nolens volens an den Modellen, die nun in den beiden Supermächten, in den USA und der Sowjetunion, entwickelt und propagiert wurden. Beide Imperien dehnten ihre Zivilisierungsmissionen und universalistischen Programme auf ihre jeweiligen Einflusssphären in Europa aus. Diese Exporte folgten bekanntlich ganz unterschiedlichen Methoden. Im Fall des atlantischen Bündnisses kam es zu einer vergleichsweise komplexeren Konstellation wechselseitiger Beeinflussung, die am besten mit dem Konzept der "Westernisierung" für die besiegten Länder, insgesamt aber als Herausbildung eines neuen "Westens" zu bezeichnen ist. Diese westliche Welt entwickelte bald auch gemeinsame internationale Organisationsformen (wie UNO, UNESCO und OECD) für die neuen Labore der Moderne, die in den ersten beiden Jahrzehnten nach Kriegsende zunächst einmal als Programme und Experimentierfelder von "Modernisierung" und "Entwicklung" operierten. Der "westlichen Welt" ordneten sich dabei von Anfang an mehr europäische Nationen zu, als das militärisch-politische Bündnis der NATO einschloss. Freilich ragte die Anziehungskraft dieses demokratischen, sozialstaatlichen und kapitalistischen Modells weit in die Sphäre des sowjetischen Imperiums hinein. Es steckte damit den Rahmen ab, in dem sich der Prozess der Integration der europäischen Nationalstaaten seit den 1950er Jahren und über die Zäsur 1989/90 hinaus vollzieht. Damit brach aber definitiv eine neue Phase in der Entwicklung der europäischen Nationen an. Sie ist nicht mehr aus jener Grundspannung zwischen Imperien und Nationen sowie widerstreiten - den Ordnungsideen zu erklären, die zwischen 1900 und 1945 derart massiv die Geschichte des Kontinents geprägt hatte.

 

  • [1] Christoper A. Bayly, Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780–1914, Frankfurt am Main 2008; Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2010; Emily S. Rosenberg (Hrsg.), 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege, Geschichte der Welt, Bd. 5, hrsg. von Akira Iriye und Jürgen Osterhammel, München 2012.
  • [2] Hier seien nur die beiden auffälligsten Beiträge zur deutschen Nationalgeschichte genannt: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, 2 Bde., München 2000; Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 5 Bde., München 1987–2008.
  • [3] Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel, Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004; Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2010.
  • [4] Jürgen Zimmerer, "Nationalsozialismus postkolonial. Plädoyer zur Globalisierung der deutschen Gewaltgeschichte", in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 57 (2009), S. 529-548; Stéphane Audoin-Rouzeau, Annette Becker (Hrsg.), La violence de guerre: 1914-1945. Approches comparées des deux conflits mondiaux, Bruxelles 2002; Norman M. Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2008; Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011.
  • [5] Ulrich Herbert (Hrsg.), Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert, München 2010ff.
  • [6] Christophe Charle, La crise des sociétés impériales: Allemagne, France, Grande-Bretagne (1900-1940). Essai d'histoire sociale comparée, Paris 2001.
  • [7] Mark Mazower, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2002; Eric J. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1997.
  • [8] Thomas Etzemüller (Hrsg.), Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009.
  • [9] Jörn Leonhard, Ulrike von Hirschhausen (Hrsg.), Comparing Empires. Encounters and Transfers in the Long Nineteenth Century, Göttingen 2012; dies., Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, Göttingen 2011.
  • [10] Vejas Gabriel Liulevicius, Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg, Hamburg 2002.
  • [11] Hagen Schulze, Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München 1994, S. 278–317.
  • [12] Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation: Europa 1914–1945, München 2011, S. 186–196.
  • [13] Ebd., S. 82–93.
  • [14] Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin, Göttingen 2000.
  • [15] Raphael, Imperiale Gewalt, S. 131–165.
  • [16] David Kuchenbuch, Geordnete Gemeinschaft. Architekten als Sozialingenieure – Deutschland und Schweden im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2010; Timo Luks, Der Betrieb als Ort der Moderne, Bielefeld 2010; Adelheid von Saldern, "'Alles ist möglich.' Fordismus – ein visionäres Ordnungsmodell des 20. Jahrhunderts", in: Lutz Raphael, unter Mitarbeit von Clelia Caruso (Hrsg.), Theorien und Experimente der Moderne. Europas Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Köln 2012, S. 155–192.
  • [17] Thomas Etzemüller, "Strukturierter Raum – integrierte Gemeinschaft. Auf den Spuren des social engineering in Europa im 20. Jahrhundert – eine Skizze", in: Raphael, Caruso, Theorien, S. 129–154.
  • [18] Richard Bessel (Hrsg.), Fascist Italy and Nazi Germany. Comparisons and Contrasts, Cambridge 1998; Richard Overy, Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland, München 2006; Lutz Klinkhammer, Amedeo Osti Guerrazzi und Thomas Schlemmer (Hrsg.), Die "Achse" im Krieg. Politik, Ideologie und Kriegführung, 1939–1945, Paderborn 2010; Sven Reichardt, Armin Nolzen (Hrsg.), Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich, Göttingen 2005; Jürgen Zarusky (Hrsg.), Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung, München 2006.
  • [19] Beyrau, Schlachtfeld; Dieter Pohl, "Nationalsozialistische und stalinistische Massenverbrechen – Überlegungen zum wissenschaftlichen Vergleich", in: Zarusky, Stalin, S. 253–264; jüngst Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2012; vgl. dazu die Debatten in Journal of Modern European History, 10 (2012), S. 289–214.


Published 2013-01-16


Original in German
First published in Mittelweg 36 6/2012 (German version)

Contributed by Mittelweg 36
© Lutz Raphael / Mittelweg 36
© Eurozine
 

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