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Der Mittelmeerraum nach den Aufständen in der arabischen Welt


In seinem Buch El Negro – Eine verstörende Begegnung berichtet Frank Westerman eine unglaubliche Geschichte, die wir im 19. Jahrhundert ansiedeln würden, wenn wir nicht wüssten, dass sie sich im Jahr 1992 in einem Ort nahe Barcelona zugetragen hat. Ein wichtiges Jahr für Spanien: Weltausstellung in Sevilla, die Olympischen Spiele von Barcelona. Ein haitianischer Arzt, Alphonse Arcelin, der das nach seinem Gründer Darder benannte Naturhistorische Museum in Banyoles besuchte, trieb sich eine Zeit lang in den Sälen mit Vögeln, Reptilien und Gorillas herum, bis er in einem weiteren Raum auf einen Schaukasten stieß, in dem sich ein ausgestopfter farbiger Mensch befand. Westerman, der denselben Museumsrundgang machte, schreibt in seinem Buch:

Wir waren nicht im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud, ich starrte keine Illusion der Wirklichkeit an. Dieser Buschmann war kein gruselig gelungener Abguss und auch keine zufällig gefundene Moorleiche oder sonstige Mumie. Er war ein Mensch, gehäutet und danach gefüllt wie ein ausgestopftes Tier. Es musste also jemanden gegeben haben, der dies getan hatte, und selbstverständlich lagen die Verhältnisse so, dass der Präparator ein weißer Europäer gewesen sein musste und sein Objekt ein afrikanischer Schwarzer.

Daran anschließend rekonstruiert Westermans Buch die Geschichte jenes schwarzen Menschen: Woher kam er und wieso befand er sich jetzt im Museum Darder von Banyoles? Noch verrückter aber, dass die spanischen Behörden daran gedacht hatten, den Besuchern der für die Olympischen Spiele errichteten Pavillons eine besondere Ehre zu erweisen, indem sie den ausgestopften Buschmann ausstellen!

Doch kehren wir zu unserem haitianischen Doktor zurück. Voller Entsetzen über seine Entdeckung initiierte er einen öffentlichen Protest und erregte damit die Aufmerksamkeit der Olympischen Delegationen. Aufgrund der empörten Reaktion vieler Botschafter wurde der Buschmann fast augenblicklich von seinem Platz entfernt, aber der Streit zwischen denen, die verlangten, der Schwarze solle im Museum verbleiben, und jenen, die diesen barbarischen Akt verurteilten, dauerte noch mehrere Jahre an, bis die Regierung im Jahre 2000 entschied, "El Negro" bei Nacht und Nebel mit einem Flugzeug nach Botswana bringen und dort bestatten zu lassen.

Nun könnte man fragen, was diese Geschichte mit den Mittelmeerländern und dem arabischen Frühling zu tun haben soll, zu denen ich in meinem Beitrag einige Reflexionen an- und ein paar Interpretationshypothesen aufstellen will. Dem bloßen Anschein nach – gar nichts. Doch die Geschichte, die ich hier erzählt habe, steht geradezu paradigmatisch für die Beharrlichkeit eines bestimmten kulturellen Musters ein, das von Rassismus durchtränkt ist. Meines Erachtens belegt sie darüber hinaus eine tief verwurzelte Überzeugung der eigenen Überlegenheit, nicht nur der Spanier, sondern der weißen Rasse insgesamt. Die Beharrlichkeit dieser kulturellen Schablonen beeinflusst unvermeidlicherweise unsere Verhaltensweisen gegenüber dem Anderen und unseren Blick auf das Fremde. Dies alles wäre zu wenig, um den Zusammenhang zwischen der Geschichte um den ausgestopften Schwarzen und den Mittelmeerländern zu erklären, wenn nicht noch eine weitere Reflexion über den widersprüchlichen Charakter des Alten Kontinents, Europa, hinzugefügt würde: Jene nämlich, dass die Impulse zur Bejahung der Werte von Freiheit, Demokratie und fundamentalen Menschenrechten zur gleichen Zeit ideologisch belastet vom Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Völkern bleiben. Diese Paradoxie, die man sich stets vor Augen halten sollte, bildete eben auch den Hintergrund der Konferenz von Barcelona, die im November 1995 von politischen Vertretern aus 27 Ländern eröffnet wurde: 15 Anrainerstaaten des nördlichen und 12 des südlichen Mittelmeerraumes. Man präsentierte das Ereignis als eine Wende in den Beziehungen der Mittelmeerstaaten und tatsächlich ließ sich, nach den Verträgen von Oslo, auf eine Wende hoffen. Aus den Dokumenten der EU geht hervor, welche Ziele man sich für die Konferenz und ihre Abschlusserklärung gesteckt hatte.

"Diese Erklärung bildet die Grundlage einer globalen Partnerschaft zwischen der Europäischen Union (EU) und zwölf Mitgliedstaaten des südlichen Mittelmeerraums. Durch diese Partnerschaft soll der Mittelmeerraum durch einen verstärkten politischen und sicherheitspolitischen Dialog, eine Zusammenarbeit im Wirtschafts- und Finanzbereich sowie im sozialen und kulturellen Bereich zu einer gemeinsamen Friedens- und Stabilitätszone werden, in der alle am Wohlstand teilhaben."

Die Situation in diesen frühen Neunzigerjahren war alles andere als eindeutig. Hier "El Negro", dort die zur Schau getragenen Sicherheiten der Erklärung von Barcelona, schließlich die nicht völlig unbegründete Hoffnung, der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis als prinzipielle Ursache der instabilen Lage in der Mittelmeerregion könne gelöst werden. Einerseits die Euphorie über das Ende des Kalten Krieges, andererseits die wachsenden Auseinandersetzungen ethnischer, nationalistischer und religiöser Art in der verrückten Überzeugung, es bedürfe einer gesellschaftlichen Säuberung. Der Golfkrieg. Der Tod Rabins, der am 4. November 1995 ermordet wurde, 23 Tage nachdem die Konferenz von Barcelona offiziell eröffnet worden war. Eine zweifellos unvollständige Beschreibung dieses historischen Moments, die jedoch den widersprüchlichen Rahmen erahnen lässt, in dem die Mittelmeerpolitik der Europäischen Union debattiert wurde. Charakteristisch für diese Politik waren Absichtserklärungen, die zwar durchaus faszinierend klangen, jedoch kein Fundament besaßen, da es ihnen, wie es Pierre Vidal-Naquet ausdrücken würde, an einer soliden Beziehung zwischen Erinnerung und Gegenwart mangelte. Denn wie soll es möglich sein, an neue und neuartige Beziehungen zu den südlichen Ländern des Mittelmeerraumes zu denken, ohne sich der Kolonialzeit bewusst zu sein, ohne die Politik des Vergessens und der gefälschten Erinnerung zu überwinden? Dieser Widerspruch wiegt schwer wie ein Felsblock, aber Europa und der Westen insgesamt, erweisen sich als unfähig, ihn beiseite zu räumen. Eher neigt man dazu, nach so angenehmen Formulierungen wie denen von Barcelona zu suchen, die die südlichen Länder des Mittelmeerraums als Partnerstaaten der Länder des Nordens anerkennen, statt sie lediglich auf den Status von Entwicklungsländern oder – bestenfalls – Drittländern außerhalb der EU festzulegen. Doch handelt es sich dabei um Beschwörungsformeln einer nur auf dem Papier stehenden Gleichberechtigung, die höchstens für Tagungen und Kongresse taugen.

Guido Piovene schrieb unter dem suggestiven Titel Processo dell'Islam alla civiltà occidentale (Der Prozess des Islam gegen die westliche Welt) ein Buch, das 2001 bei Mondadori veröffentlicht wurde. Es nahm Bezug auf die 1955 von der Stiftung Cini organisierte Debatte, an der unter anderen Francesco Carnelutti, Pasquale Saraceno, Alessandro Bausani, Francesco Gabrieli, Giorgio Levi della Vida und ebenso namhafte arabische Intellektuelle muslimischen Glaubens teilnahmen und die denselben Titel trug wie später das Buch von Piovene. Besondere Beachtung fand der Beitrag des Ägypters Taha Hussein, der hinsichtlich des Kolonialismus seine Thesen wie folgt zusammenfasste:

"Die Menschen der westlichen Welt waren Schüler der Orientalen; als sie sie schließlich überwunden hatten, wurden sie ihre Lehrer, aber auch ihre Unterdrücker. Der Westen hat dem Osten die Methoden der Wissenschaft gelehrt; er hat die islamische Welt wachgerüttelt; ihr ein Bewusstsein für ihre Rechte gegeben; gleichzeitig aber hat er sie unterdrückt. Man muss die Schuldigen benennen. Unschuldig sind die Wissenschaftler, die wahren Denker. Es herrscht kein Gegensatz zwischen dem Christentum und dem Islam; nicht dem Christentum wird der Prozess gemacht. Die Verbrechen, die Christen begangen haben, gehen nicht auf das Konto der Religion, gegen die sie sich ja versündigen, wo immer sie den Islam kolonisieren, ohne Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu üben. Unschuldig sind auch die Völker, die wahren Hüter der Zivilisation. Schuld hingegen sind die Politiker, die Geschäftsleute, Industriellen, Bankiers, die Befürworter und Urheber der Kolonisierung. Einer scheinheiligen Kolonisierung, die vorgibt, den rückständigen Ländern Vorteile zu verschaffen, sie zu retten und zu erlösen." Taha Hussein fuhr fort: "Verurteilt werden muss auch die Überheblichkeit, mit der die Menschen des Westens glauben, vor Gott mehr zu zählen als andere."

Angesichts dieser Analyse stellt sich die Frage, ob das politische Angebot, das Europa den Mittelmeerländern unterbreitet, Elemente enthält, die die kulturellen Schablonen, auf die sich Taha Hussein bezieht, hinter sich lassen. Wie also sehen heute die Kategorien aus, mit denen der Westen die mediterrane Wirklichkeit beurteilt? Nehmen wir zum Beispiel die von Nicolas Sarkozy am 26. Juli 2007 in Dakar gehaltene Rede. Nachdem er den Kolonialismus als einen Irrtum der Vergangenheit abtat, bei dem man sich nicht länger aufhalten sollte, weil es nicht gesund sei, sich den Kopf über die Vergangenheit zu zerbrechen, zählte der Ex-Präsident Frankreichs die folkloristischen Aspekte Afrikas auf, nicht ohne an die Überlegenheit Europas zu erinnern, denn Europa repräsentiere das "Streben nach Freiheit, Emanzipation und Gerechtigkeit", während Afrika stets denselben "unveränderlichen" Träumen nachhänge. Später bekräftigte Sarkozy diese Position auch im Falle Algeriens. Um eine gute Politik zu betreiben, belehrte er das nordafrikanische Land, müsse es eine neue Seite aufschlagen – unter der Bedingung, fügen wir hinzu, zuvor alle Seiten des Buches gelesen zu haben, denn wer sie lediglich umblättert, wird an sein Ende gelangen, ohne das Geringste verstanden zu haben. Man sollte sich auch an die Versuche seines Vorgängers Chirac erinnern, mit dem Gesetz vom 23. Februar 2005 die Schulen zu verpflichten, im Unterricht die positiven Aspekte des französischen Kolonialismus hervorzuheben. Parallel zu diesem Aktivismus jenseits der Alpen herrscht in Italien das große Schweigen, wenn man von einigen unerschrockenen Hochschullehrern, darunter Angelo Del Boca, absieht, denen es aber nicht gelungen ist, dem Mythos des "gutherzigen Italieners" einen Kratzer beizubringen. Unsere Kolonialgeschichte ist zum großen Teil der Vergessenheit anheim gefallen, entsprechend groß ist das Unwissen bei der jüngeren Generation, die stattdessen Zeugin des beschämenden Schauspiels von Umarmungen und Handküssen zwischen Gaddafi und Berlusconi wird. Dies war, bei aller Unvollständigkeit, der Hintergrund, vor dem die Europäische Union die Linien ihrer Mittelmeerpolitik absteckte. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die Feier zum zehnten Jahrestag der Konferenz von Barcelona entsprechend gedämpft verlief und die südlichen Länder nur noch begrenzt an ihr teilnahmen.

Der Traum von der Verwirklichung einer Mittelmeerregion, in der Frieden und gemeinsamer Wohlstand herrschen, zerbrach an den inneren Widersprüchen, die die Politik der EU kennzeichneten. In erster Linie fehlte es ihr an einer tief greifenden Neubestimmung der Beziehungen zwischen den beiden Küsten des Mittelmeerraums. Man kann nicht als Lehrmeister der Demokratie und der Freiheit auftreten und zur selben Zeit, um die eigenen Interessen zu wahren, Komplize der grausamsten Diktaturen sein. Nachdem sie festgestellt hatten, dass die Konferenz von Barcelona ein Fehlschlag gewesen war, analysierten die europäischen Staaten nicht etwa die Gründe des Misserfolgs, sondern verlegten sich auf eine Politik, von der sie sich Schutz vor Flüchtlingsströmen und Terrorismus islamischer Herkunft versprachen. Der Anschlag auf die Twin Towers beschleunigte diesen Prozess. Mit der neuen Politik unterstützte man die Regierungen von Gaddafi, Ben Ali, Mubarak, Assad und der Golfstaaten noch deutlicher als zuvor, mit dem Argument, nur diese starken Männer und ihre Regime könnten die Sicherheit Europas garantieren. Nicolas Sarkozy liquidierte den Geist von Barcelona, indem er mit der Schaffung der Mittelmeerunion, die am 13. Juli 2008 in Paris aus der Taufe gehoben wurde, maßgeblicher Urheber einer neuen politischen Formel für die Beziehungen der Anrainerstaaten des Mittelmeeres war. Der Enthusiasmus der beteiligten Regierungen hielt sich, abgesehen vom Gruppenfoto mit den beiden zu Co-Präsidenten ernannten Sarkozy und Mubarak, in Grenzen, und man hob in den Reden die im Vergleich zu Barcelona angeblich größere Wirklichkeitsnähe der Mittelmeerunion hervor, die sich die Realisierung einiger konkreter Projekte vorgenommen habe. Die arabische Presse reagierte kühl bis feindselig auf die Initiative, wie der am 12. Juli 2008 in Al-Quds Al-Arabi veröffentliche Artikel von Abd al Bari Atwan mit dem bezeichnenden Titel "Das Ziel der Mittelmeerunion: Die Bändigung der Araber" belegt: "Der Dialog zwischen den Völkern des Mittelmeerraums und zwischen ihren Herrschern stand oft genug unter dem Zeichen des Schwertes. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als die südwestlichen und östlichen Mittelmeeranrainerstaaten dem französischen, britischen und italienischen Kolonialismus unterworfen waren, änderte sich daran nichts. Was sich heute abzeichnet, das ist der Versuch, sich lediglich neuer Instrumente zu bedienen, um dieselben Ziele zu erreichen, auf eine Weise, die man dem Anschein nach für zivilisierter halten könnte." Wir", fährt Abd al Bari Atwan fort, "sind für jede Zusammenarbeit zwischen den südwestlichen, östlichen und nördlichen Ländern des Mittelmeerraumes, allerdings unter der Bedingung, dass diese Zusammenarbeit auf der Basis von Gleichberechtigung und Wahrung der Interessen beider Seiten erfolgt, dass sie keine Form der Bevormundung kennt und nicht auf der Beziehung von Herr und Knecht beruht. Doch was wir in diesem Moment vor Augen haben, ist nichts anderes als die Wiederbelebung der Vision einer europäischen Hegemonie, die die Länder des Südens als enormes Reservoir der Ausbeutung betrachtet, sei es auf wirtschaftlicher, sei es auf humaner Ebene, und als goldene Gelegenheit zur Erwirtschaftung von Profiten."

Seit ihren Gründungszeiten blickt die Europäische Union in einer Mischung aus Voluntarismus und Schuldgefühlen auf die Mittelmeerregion. Das hat sie allerdings nicht daran gehindert, hinsichtlich der nordafrikanischen Länder an einer Politik der Einmischung festzuhalten, die angeblich ihre Entwicklung befördert, letztendlich aber der kolonialistischen Logik verhaftet bleibt. Gleichzeitig verlief der politische Diskurs entlang einer ideologischen Linie, die vom Trauma, das diese Länder durch den europäischen Imperialismus und die sich anschließende Dekolonisierung erlitten hatten, nichts wissen wollte. Dieser historische Knoten blieb unauflöslich, und niemand unternahm den Versuch, ihn aufzuknüpfen, wie es bei anderen schmerzlichen Ereignissen der europäischen Geschichte, beispielsweise dem Holocaust, geschehen ist. Der Traum einer umfassenden Partnerschaft zwischen der EU und den Staaten der Mittelmeerregion krankte also an seinem inneren Widerspruch, so dass er sich in der Festlegung abstrakter politischer Linien, auf die sich die südlichen Länder verpflichten sollten, erschöpfte.

Die Konferenz von Barcelona war ein Schulbeispiel. Anders als gemeinhin behauptet wird, verfehlte sie ihre Ziele nicht etwa deshalb, weil sie sich als technisch unfähig erwies, konkrete Projekte zu realisieren. Woran es ihr wirklich mangelte, das war eine politische Vision. Sie verwies die schmerzhafte historische Erinnerung eilig ans Geschichtsbuch, dessen Seiten man umblättern und vergessen konnte. Mochten die Prinzipien von Freiheit und Demokratie im europäischen Bewusstsein seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine immer wichtigere Rolle spielen – dass sie in den von blutigen Diktaturen beherrschten Staaten des südlichen Mittelmeerraums keine Anwendung fanden, störte nicht weiter: Geschäfte sind eben Geschäfte. Also zog man den alten Verhaltensweisen neue Kleider an, indem man das ideologische Versprechen abgab, dem ganze Generationen junger Leute Glauben schenken sollten: "... aus dem Mittelmeerraum ein Meer des Friedens und des gemeinsamen Wohlstands machen ..." Allerdings wusste niemand, wie man das bewerkstelligen sollte. Die Ideologie ging in die eine Richtung, die Geschichte in eine ganz andere. Vor diesem Hintergrund hatte der Terrorismus leichtes Spiel. Jedem Versuch des Dialogs setzte er seine Politik des Schreckens entgegen. Damit erwies er einer westlichen Politik, die aus der teils begründeten, teils eingebildeten Angst vorm Extremismus Kapital schlug, paradoxerweise einen Dienst.

Auf jeden Fall legitimierte dieser Sachverhalt unsere schablonenhaften westlichen Vorstellungen von der arabisch-muslimischen Welt. Es schien uns keineswegs abwegig, die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie in Zweifel zu ziehen und zu dieser Fragestellung Tagungen und Seminare abzuhalten; wir hatten kein Problem damit, die Unvereinbarkeit von Islam und westlicher Welt zu unserem Leitmotiv zu machen, woraus wir folgerten, dass ein Zusammenstoß dieser beiden Kulturen unvermeidlich sei. Wir beriefen uns nicht zuletzt auf den Topos des Demokratieexports und des Kampfes gegen den Terrorismus, um die Kriege im Irak und in Afghanistan zu rechtfertigen.

Was ist mit den Aufständen in der arabischen Welt – den gelungenen, denen, die noch im Gange sind, und jenen, die wie in Syrien Tausende und Abertausende von Todesopfern fordern, ohne dass sich die Staatsmacht in der Lage zeigt, den Volksaufstand niederzuschlagen – von all diesen Gemeinplätzen übrig geblieben? Unsere Interpretationsmuster der muslimisch-arabischen Welt haben sich als beschämend untauglich erwiesen. Aus diesem Grund fällt uns zu den Ereignissen nichts Brauchbares ein, verfallen wir höchstens in das übliche Geschwätz über die angeblich islamistische Gefahr. Dank unseres Eurozentrismus schwingen wir uns erneut zu Lehrmeistern auf, die davon überzeugt sind, zu wissen, was für die von tief greifenden Veränderungen erschütterten Länder gut und wünschenswert wäre, damit aus dem arabischen Frühling kein düsterer Winter wird. Welche konkreten Hilfen bereitet der Westen vor, womit ich nicht nur die Hilfen wirtschaftlicher und finanzieller Art meine, sondern in erster Linie den Beitrag von Ideen und anderer unterstützender Maßnahmen in dieser heiklen Phase des Übergangs? Dazu hört man lediglich donnerndes Schweigen. Die Szene belebt sich erst, wenn Sarkozy und Cameron, gefolgt von Erdogan, nach Lybien reisen, um die primauté ihres militärischen Eingriffs geltend zu machen und die Libyer daran zu erinnern, dass sie bei der Verteilung des Reichtums dieses gequälten Landes einen privilegierten Platz verdient hätten. Wieder einmal lehrt die Geschichte nichts.

Wenn es wahr ist, dass sich unsere Gesellschaft durch den Mangel einer strategischen Vision des Mittelmeerraums im Licht des arabischen Frühlings auszeichnet, wenn es wahr ist, dass die geistigen Schablonen, mit der wir Politik und soziale Vorgänge in den südlichen Anrainerstaaten beurteilt haben, obsolet geworden sind, müssen wir neue Modelle des Verstehens entwickeln, um uns darüber klar werden zu können, auf welchem Weg sich die Region befindet.

"Der Tsunami, der den Mittelmeerraum und die arabische Welt umgewälzt hat, schreibt Lucio Caracciolo im Vorwort zu meinem letzten Buch Mediterraneo in rivolta (Die Mittelmeerregion im Aufruhr), "von der Arabischen Halbinsel bis zum Maghreb und zurück, bedeutet das Ende eines langjährigen Status quo, der mit der Niederlage aller europäischen Mächte – den formalen Siegern, Frankreich und England, inklusive – im Zweiten Weltkrieg begann. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wird der Prozess der Dekolonisierung abgeschlossen, allerdings in vielen Fällen mehr dem Anschein nach als in der Substanz. Unter dem Semi-Protektorat der Vereinigten Staaten, die die Sicherheit gegenüber der sowjetischen Bedrohung garantieren, beginnen die westlichen Mächte ihren Ex-Kolonien in arabischem Raum und Mittlerem Osten die Unabhängigkeit zu gewähren. Überall etablieren sich autoritäre Regime. Präsidenten und Monarchen können ihren Völkern antun, was sie wollen, solange sie dem Westen den privilegierten Zugang zu den Energiequellen garantieren und sich auf internationaler Ebene nicht gegen ihn wenden." Diese Politik, mit der der Westen für seine Sicherheit sorgte, ist mit den Volksaufständen in der arabischen Welt an ihr Ende gelangt. Was bleibt von den Analyseinstrumenten, mit denen wir die arabische Welt beurteilt und klassifiziert haben? Welche Bedeutung hat heute die marktschreierisch verkündete Losung von der Mission des Westens, die Demokratie zu bringen? Und was ist aus der Gefahr eines Kampfes der Kulturen geworden, die wir in allen von unseren eigenen kulturellen Vorstellungen abweichenden Positionen wieder zu erkennen meinten?

Von all dem ist wenig übrig geblieben, weil sich die Aufstände in der arabischen Welt, unabhängig von ihren Besonderheiten und landesspezifischen Unterschieden, nicht gegen den Westen richteten, sondern, nach Jahren fehlgeschlagener und teilweise ungeschickter Bemühungen, auf die kulturellen Eigenarten innerhalb des gegebenen, sei es juridischen, sei es anthropologischen Rahmens abzielten, der oft genug durch Einmischung von außen und innen verleugnet wurde. Dass dieses Ziel in der derzeitigen Phase des Übergangs noch nicht erreicht worden ist, hat verschiedene Ursachen: Dazu gehören, wie bei jeder Revolution, jene Interessen, die noch an das alte Regime gebunden sind; aber auch neue Interessen, wie sie etwa von den religiösen Gruppen vertreten werden, die nun, ohne Angst vor Repression, auf der politischen Bühne erscheinen; dazu zählt das Vorhandensein bisher unbekannter, auf jeder öffentlichen Kundgebung frei werdender Kräfte, die nicht dazu im Stande sind, sich eine stabile politische Vertretung zu geben. Wir verfolgen die Ereignisse – sprachlos. Von unserer politischen Sicherheit, von unseren Analysen, ja, von unserer ideologischen Überzeugung, dass dem Mittelmeerraum eine besondere Rolle für die Zukunft Europas zukommt, scheint sich wenig erhalten zu haben. Gewiss, wir erleben eine schwere wirtschaftliche, politische und kulturelle Krise, die unsere Aufmerksamkeit absorbiert. Doch unsere Einstellung hat sich nicht verändert und stammt noch aus Zeiten, als wir der arabischen Welt erklärten, was sie zu tun habe. Kein Wunder, dass wir uns halb erstaunt, halb besorgt auf die Wahlerfolge der Islamisten konzentrieren oder auf die Erörterung der Frage, ob sie einem Staatsmodell wie dem türkischen nacheifern werden oder nicht. So entgeht uns meines Erachtens der wichtigste Aspekt der Aufstände, nämlich die Tatsache, dass der revolutionäre Prozess noch keineswegs abgeschlossen ist. Das belegen sowohl die Vorgänge in Syrien, als auch die Nervosität, die die Golfmonarchien ergriffen hat, und die allgemein instabile Lage der gesamten Region. Wir denken auch nicht über die politische Formel nach, die besser als alle anderen dazu geeignet wäre, den revolutionären Prozess zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Ein tiefes Beben hat die Länder des südlichen Mittelmeerraumes erschüttert, und die nächsten möglichen Beben werden lang und kaum vorhersehbar sein, weil sie jene Staaten erfassen werden, die, zumindest dem Anschein nach, bis heute von ihnen verschont blieben.

Man hat den Eindruck, als ginge ein Gespenst um in der Welt. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte scheint es seinen Ausgang von Süden zu nehmen und sich gegen Norden zu bewegen. Das hat erhebliche Symbolkraft. Dieses Gespenst ist der Überbringer alter und neuer Dinge, doch am wichtigsten ist die Erkenntnis, die es auf seinem Weg verbreitet: Dass Veränderung möglich ist.

 



Published 2012-11-06


Original in Italian
Translation by Jan Koneffke
First published in Wespennest 163 (2012) (German version); Alternative per il Socialismo 22/2012 (Italian version); Eurozine (English version);

Contributed by Wespennest
© Franco Rizzi / Wespennest
© Eurozine
 

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