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Das Mittelmeer: Zimmer ohne Aussicht


In einer der bekanntesten Szenen des Romans A Room with a View von Edward Morgan Forster fährt die Protagonistin – die junge Engländerin Lucy Honeychurch – auf einem Pferdekarren, den ein junger Italiener lenkt, durch die Toskana. Unterwegs lässt der attraktive, dunkelhaarige Kutscher eine junge Frau aufsteigen, die er als seine Schwester vorstellt. Kurz darauf küssen sich die angeblichen Geschwister leidenschaftlich – zum Entsetzen der keuschen, edwardianischen Romanheldin mit ihren strengen Moralvorstellungen, die aufgewühlt wird durch das Erwachen ihrer erotischen Gefühle.

Diese Szene, die in der Verfilmung von James Ivory und Ismail Merchant werkgetreu wiedergegeben wurde, illustriert ziemlich genau die Art, in der in den letzten hundertfünfzig Jahren der Norden Europas das Mittelmeer imaginiert. Für Nordeuropäer ist das Mittelmeer ein Ort, an dem die Menschen glücklich und ohne Zwänge leben, in Einklang mit ihrer Körperlichkeit, ihrer Impulsivität und Leidenschaft. Gleichzeitig ist das Mittelmeer ein Ort, an dem der Nordeuropäer nach dem Glück sucht. Dieses Glück sucht er in dem, was Forster als Titelmetapher verwendet: in einem Zimmer mit Aussicht.

Dieses "Zimmer mit Aussicht" ist mindestens doppeldeutig. Im buchstäblichen Sinne ist es ein "Zimmer mit Aussicht" in einer Ferienunterkunft, einem Hotel oder einem privaten Appartement. Es ist jenes Zimmer, für das Sie einen sieben Prozent höheren Preis für Ihre siebentägige Unterbringung bezahlen, mit einem Fenster, das der ersehnten südlichen Sonne ausgesetzt ist, ein Fenster, von dem Sie einen Blick auf die örtliche Pracht erwarten: das Meer, eine Inselkette, die Dächer von centro storico oder kasaba oder – wie bei Forster – einen Blick auf die Kuppel der berühmten Kathredale von Brunelleschi.

Das "Zimmer mit Aussicht" hat jedoch nicht nur eine buchstäbliche, sondern auch eine metaphorische Bedeutung. In der Fantasie des Nordens ist das Mittelmeer ein Ort, von dem man erwartet, das es "das Fenster öffnet" zu einer hedonistischen, erotischen, taktilen oder – in der allerniedrigsten Variante – alkoholischen Befreiung. Für einige Generationen von Europäern ist das Mittelmeer so etwas wie Polynesien für Gauguin: ein Ort, an dem die Menschen ständig nackt herumlaufen, an dem man für sein Glück nur die Sonne und eine Hand voll Feigen braucht, ein Ort, an dem die Freiheit des Körpers der Philosophie, der antiken Weisheit und Kultur begegnet. Es ist das Mittelmeer aus Gabriele Salvatores Film Mediterraneo – eine griechische Insel des Hedonismus, die immun ist selbst gegen den Krieg, der sonst überall herrscht. Es ist das Mittelmeer des Romans Osmi povjerenik ("Der achte Beauftragte") von Renato Baretic – eine isolierte Insel, auf der ein komischer Dialekt gesprochen wird, auf dem die Bewohner keine Macht von außen anerkennen und auf der der Held Zuflucht vor der widerlichen Realität eines korrupten, gestressten, zynischen Transitions-Kroatiens findet. Es ist das Mittelmeer des Romans Die Ölgärten brennen von Alexander Sacher-Masoch: Die schöne Insel (schon wieder eine Insel!) Korcula, auf der die Langlebigkeit der Olivenbäume und die Weisheit des kleinen Mannes das Böse des Nationalsozialismus besiegen. Nach diesem Mittelmeer suchen die Helden der großen europäischen Literatur und des Films, und häufig werden sie enttäuscht, da sie es nicht finden. Nach ihm suchen – und auch sie finden es nicht – die zwei Schwestern aus Ingmar Bergmans Film Das Schweigen, die ihren Urlaub verschlossen in einem heißen, nicht klimatisierten Zimmer eines heruntergekommenen Hotels verbringen, mit allzu viel Alkohol am Kopfende ihres Bettes, inmitten eines bedrohlichen Landes, das allem Anschein nach eine Diktatur ist. Nach diesem Mittelmeer sucht auch Morvern Callar, die Heldin des gleichnamigen Romans von Alan Warner, die ihre gerade errungene Freiheit in der Fremdheit des schrecklichen, riesigen Hotels in Almería "genießt". Nach diesem Mittelmeer sucht selbst Mr. Bean, die Figur des britischen slapstick-Komikers Rowan Atkinson, der sich in dem Film Mr. Bean macht Ferien auf den Weg nach Südfrankreich begibt, auf der Suche nach der provenzalischen Bukolik, nach einem Glas Wein in einem Gasthaus und dem Lavendelduft auf dem Balkon.

In Bezug auf das Mittelmeer ist Mr. Bean ein typischer Europäer, denn einen vergleichbaren oder nur unwesentlich anderen mythischen Süden fantasieren Hunderte Millionen Europäer. Im Namen dieser Fantasie buchen sie Arrangements von Neckermann und Thomas Cook nach Sizilien, Dalmatien, Zypern, Andalusien oder Antalya. Im Namen dieses "Zimmers mit Aussicht" erdulden sie barsche Kellner, unfreundliche Eingeborene, Verkehrsstaus, verloren gegangenes Gepäck, inkompetente Stadtführer und kleine Betrügereien bei den Abrechnungen. Im Namen dieses "Zimmers mit Aussicht" fallen die Teenagerinnen total besoffen von der riva auf Mykonos oder in Zrce auf der Insel Pag ins Wasser. Im Namen dieser hartnäckigsten europäischen Fantasie kaufen Tausende Briten und Deutsche Ferienhäuser auf Mallorca oder an der Algarve. Sie alle wünschen sich eine Woche unter einer Pergola, von der der Traubensaft tropft. Statt ihre Buchhalterberichte zu beenden, sehnen sie sich danach, ein Segelboot durch den Kanal von Korcula zu steuern, sie möchten in einem einheimischen Café Aperol, Ouzo oder Pastis trinken, in dem die südlichen Schlaumeier Karten spielen und tiefsinnig die globale Politik analysieren. Sie möchten in den Süden fahren, denn an diesem Ort – so lehren es die Filme und die Bücher – leben lauter Kapitäne namens Corelli, gütige Männer, die Mandoline spielen und keiner Fliege etwas zu Leide tun. Dort unten ist nämlich jeder alte Mann der Grieche Sorbas, ein bärtiger Philosoph, der ohne die Fesseln der Scham herumwirbelt, sobald er einen Sirtaki hört. Dort unten gibt es keinen Industriesmog, keine Zwänge, die von irgendwelchen Konzernen ausgehen, und keine alltägliche Sklaverei wie in Krefeld, Essen, Newcastle oder Sheffield. Dort unten ist auch ein Fischer ein Philosoph, und eine einfache Nachbarsfrau ist ein master chef, dort weiß jeder, wie man Olivenöl und Thymian verwendet, und jeder Marlboro Man zitiert Bela Hamvas, während er mit einer Angel Zahnbrassen fängt. Dort sind die Menschen entgegenkommend, großzügig und warmherzig, und sie sind nicht so, weil sie unser Geld wollen, sondern weil es ihre Essenz ist. Und wenn vierzehn Tage Mythos vorbei sind, wenn der Bewohner des Nordens zurück in sein Dortmund oder Göteborg kehrt, bleiben diese Menschen, die auf der anderen Seite von Forsters Fenster mit Aussicht leben, auch weiterhin dort. Diese Polynesier Gauguins setzen ihre Leben im Paradies sogar dann fort, wenn der Sommer vorbei ist und wenn im September die Tage langsam kürzer werden. Diese Menschen dort unten im Süden – so denken Sie – leben sicherlich dasselbe Leben, wenn wir fort sind: Sie philosophieren im Schatten ihrer Veranda herum, in der Abenddämmerung fahren sie aufs Meer, um Fische zu fangen, und frühstücken zu einem Glas Wein, ihre Haut ist von der Sonne braun gebrannt, ihr Haar ist durchzogen von Silberfäden. In ihrer Welt existieren unsere Ängste nicht, sie fürchten sich nicht vor der nächsten Dreimonatsbilanz, vor Entlassungswellen oder vor der Umsatzsteuerabrechnung.

Ist es denn wirklich so? Wer sind diese Menschen, die man durch das Fenster mit Aussicht sieht, klein wie Ameisen, am Fuße ihrer großartigen Kathedralen, Burgen und Pyramiden? Gibt es sie auch außerhalb des Ausschnitts unseres Fensterblicks? Existieren sie auch dann, wenn nach dem ersten September der Gott des Tourismus den Feierabend an- und die Lampions im Hafen ausschaltet? Haben sie auch außerhalb des Tourismus ein Leben oder sind sie bloß schwebende Illusion, Statisten in einer großen Theaterproduktion namens "Touristische Destination". Leben wir Mittelmeermenschen an unseren Heimatorten oder in "Destinationen"? Haben wir unser Leben oder ist es ein grandioses Schauspiel, dessen Kulissen zusammen mit den Kirchlein, Loggias und Cafés im Oktober abmontiert werden? Und was geschieht mit diesem Mittelmeer, wenn es im Herbst allein mit sich selbst zurückbleibt, wenn Lucy Honeychurch in ihr fernes Heim zurückkehrt, wenn der Horizont dunkel wird vom Scirocco, vom Gregal, vom Mistral und von der Bora, wenn im Dezember die Tage kurz sind und der Wind durch die Fensterläden in die eisigen Zimmer dringt und auf deren Rippen spielt wie auf einer Orgel? Existiert dieser Ort Mittelmeer überhaupt? Kann man ihn durch Lucys Fenster sehen – ein Fenster mit einer sorgfältig ausgewählten Aussicht?

Es gibt nicht nur ein Mittelmeer. Es gibt ihrer zwei – und wenn ich das sage, denke ich nicht an jene bekannte und überzogene Teilung in das europäische, vorwiegend katholische, und das afroasiatische, vorwiegend muslimische Mittelmeer. Wenn ich schreibe, dass es zwei Mittelmeere gibt, dann denke ich vor allem an jenen tiefgehenden und viel bedeutenderen Unterschied, den man mit kleinen Variationen genauso auf Italien und Griechenland wie auch auf Libanon oder Marokko anwenden kann. Das erste dieser beiden Mittelmeere ist der Sehnsuchtsort der edwardianischen Herrschaft auf ihrer grand tour, dasselbe, nach dem sich heute die Gäste des Club Med in Sant'Ambroggio oder Biograd sehnen. Es ist das Mittelmeer der antiken Tempel im Schatten oberhalb des Meeres, der Renaissance-Maler, der Polyptychen in den kleinen Kirchen auf den Inseln, der sedrvan-Brunnen in maurischen patios. Das ist freilich auch das Mittelmeer der Düfte – des Duftes von Anis, Rosmarin, Salbei und prosek, des Duftes nach Tomatensalsa, die die Frauen auf den Straßen von Bari oder Kotor am Ende des Sommers einkochen.

Es gibt aber auch jenes andere Mittelmeer, das durch Fernseh- und Zeitungsberichte zu uns vordringt, wie ein unangenehmes Summen, das die Musik verdirbt. Das Mittelmeer bedeutet nicht nur Chianti, sondern auch Camorra. Nicht nur griechischen Käse, sondern auch griechische Schulden. Das Mittelmeer besteht nicht nur aus den zahmen, bukolischen touristischen Paradieslandschaften, wie zum Beispiel der Provence, der Toskana oder Istrien – es besteht auch aus West-Beirut, dem Gaza-Streifen, Mostar, Homs und Neapel. Zum Mittelmeer gehören die Bewohner des Castel Volturno, die Solidaritätsdemonstrationen für die Camorra veranstalten, ebenso wie die Bewohner von Split, die die Gay-Parade mit Blumentöpfen und Eiern bewerfen. Das Mittelmeer besteht auch aus Neapel und Makarska in ihrem Müllkollaps, sowie Budva und Herceg Novi, die im Sommer regelmäßig kein Wasser haben. Es steht für die dreißig Prozent Arbeitslosen in der Extremadura und in Murcia, sowie für die dreißig Prozent arbeitslosen Frauen in Dalmatien. Das Mittelmeer sind zweitausend illegale Gebäude pro Jahr in Sizilien. Es ist Taranto, wo die Stahlfabrik ILVA die Bevölkerung mit Dioxin vergiftet, oder Solin, wo eine Asbeströhrenfabrik Tausende Bewohner mit karzinogenen Fasern getötet hat. Zum Mittelmeer gehören auch die toten, von Rost und Gestrüpp überzogenen Industriekolosse von Porto Marghera und Kastela. Das Mittelmeer sind auch die Millionen Griechen, Sizilianer, Libanesen oder Dalmatiner, die sich von Punta Arenas bis nach Brooklyn, von Liège bis nach Perth über die ganze Welt zerstreut haben, auf der Flucht vor Hunger, Weinklauseln, Phylloxera, Gendarmen, Mobilmachungen, Diktatoren. Das Mittelmeer sind Franco, Mussolini und Berlusconi, camicie nere, die Ustascha und Primo de Rivera. Das Mittelmeer sind die alten literarischen Sprachen, die zum Aussterben verurteilt sind – Okzitanisch, Sardisch, Cakavisch, Venetisch. Das Mittelmeer sind auch die PIGS-Länder mit ihren Budgetdefiziten. All das ist das Mittelmeer – all das ist häufig gerade das europäische Mittelmeer, jenes, das glücklicher sein sollte, jenes, das Einwanderer anzieht, Menschen auf Booten, die vor Lampedusa stranden, und die die Zäune von Melilla überwinden. Selbst dieses glückliche nördliche Mittelmeer ist heute in hohem Ausmaß zum Ort für Verlierer geworden, zu einem Ort, den man verlassen sollte, weil die eigene Zukunft hier zerbrechlich ist. Dieses Mittelmeer ist von unaufhaltbarem Zerfall, von Schulden, Gewalt, Intoleranz, Gesetzlosigkeit, Umweltverschmutzung und Korruption geprägt. Dieses Mittelmeer hat der palästinensische Regisseur Elia Suleiman treffend mit dem Satz beschrieben: "Das Mittelmeer ist ein Gebiet nicht zu Ende geführter Geschäfte und nicht zu Ende gebauter Häuser." Auf nicht zu Ende geführte Geschäfte trifft man überall am Mittelmeer: die Reste terrassenartiger Weinberge, die von der Reblaus zerstört wurden, die Überbleibsel von Industriezonen, die in der Transition zerstört wurden, verlassene Steinbrüche, verlassene Dörfer in ländlichen Gebieten, villages perchés ohne Bewohner, die Steinhäuschen der Hirten, die schadhaften Dächer von Häusern im Hinterland der Inseln, touristische Megapolen, für die sich niemand mehr interessiert. Und was lässt sich noch über die nie zu Ende gebauten Häuser sagen? Sie sehen alle ähnlich aus, egal ob sie in Ramallah, Beirut, Palermo oder in den Vororten von Split stehen: geschaffen von Armen mit dem Baumaterial der Armen, Kuben aus Zement mit Flachdach, aus deren Ecken vier metallene Stangen in die Luft ragen. Diese Stangen sind die greifbare Metapher des Mittelmeers, sie sind das visuelle Symbol für gescheiterte Pläne, für ein ungedecktes Streben, für Ambitionen, die sich nie erfüllen werden, wie auch die nächste Etage nie gebaut werden wird.

Das Mittelmeer ist ein Ort ohne Gegenwart, zerrissen zwischen Zukunft und Vergangenheit. Die Zukunft – sie findet nicht statt, wird immer wieder verschoben wie ein nie erfülltes Versprechen auf Fortschritt. Und die Vergangenheit – vor ihr verbeugt sich das Mittelmeer, es studiert, notiert und feiert sie, so wie jede Gemeinschaft, deren Gegenwart nicht besonders rühmlich ist, sich sorgfältig mit der eigenen besseren Vergangenheit befasst. Diese Vergangenheit ist Gegenstand eines häufig ungesunden Kults, zum einen, weil sie als Ersatz für die heutige Bedeutungslosigkeit und den heutigen Misserfolg steht, zum anderen, weil sie Bestandteil eines Handels ist. Das heutige Mittelmeer lebt vom Vergangenen und bietet es auf dem Markt feil. Vom Vergangenen lebt es, weil es keine Gegenwart hat. Und die Gegenwart wiederum fehlt ihm, weil es allzu sehr von der eigenen Vergangenheit abhängig ist. Und dieses "Vergangene", das das Mittelmeer heute verkauft, ist ausgerechnet damals entstanden, als das Mittelmeer all das war, was es heute nicht ist: die ökonomische, technologische und innovative Avantgarde, ein cutting edge. Die heidnischen, christlichen und muslimischen Mittelmeermenschen haben in verschiedenen Epochen der Vergangenheit die phonetische Schrift, die Zahlenzeichen, das lateinische Segel, den Bogen im Bauwesen, das römische Recht, die Ontologie, die Geometrie, die Kuppel, den Fallschirm und den Zins erfunden. Hätte Steve Jobs in der Renaissance gelebt, dann hätte er wohl in Florenz gewohnt, hätte er im Mittelalter gelebt, wohl im maurischen Córdoba, hätte er in der Antike gelebt, dann stammte er aus Athen, Ephesos oder Syrakus. Die Städte des Festlandes am Mittelmeer – Athen, Alexandria, Córdoba, Venedig und Genua – waren die größten, perspektivreichsten und bezüglich des Handels, der Technologie und der intellektuellen Kraft am weitesten entwickelten Städte ihrer Epoche. Sie waren führend in Handel, Handwerk, Technologie und in den angewandten Künsten. Hier wohnten Seeleute und Ingenieure, Architekten, Bankiers und Philosophen. Sie spielten die Rolle, die heute Hongkong, New York, Shanghai und Toronto zukommt. Heute gibt es am Mittelmeer nur eine Stadt, die technologisch, urbanistisch, künstlerisch und der eigenen Entwicklungsvision nach eine moderne Metropole ist – Barcelona. Der Rest des Mittelmeeres ähnelt einem Reisenden, der in einem Eisenbahnwaggon mit dem Rücken in Richtung Ziel unterwegs ist. Die Zukunft, die auf ihn zukommt, kommt von hinten auf ihn zu. Er nimmt an ihr nicht ernsthaft teil und hat auf sie keinen Einfluss. Einst hat das Mittelmeer seine Technologie und seinen Stil in den gesamten Erdkreis exportiert, und diese "Exportartikel" konnten sowohl Aquädukte wie auch gotico fiorito, das Alphabet wie auch der Lombardzinssatz, Fayencen wie auch Parfums aus Grasse sein. Heute ist das Mittelmeer ein technologischer und stilistischer Nehmer, ein bloßer Konsument der Zukunft. Die Informationsrevolution, die Wende, die das Internet in die Medienwelt eingeführt hat, die technologischen Sprünge oder der Wechsel der wirtschaftlichen, ideologischen und stilistischen Paradigmen spielen sich schon seit dreihundert Jahren anderswo ab, und das Mittelmeer appliziert sie bloß, unterwürfig und mit Verspätung.

Mit dieser passiven Unterworfenheit bezüglich der Innovation geht auch die passive Unterwerfung in der Politik einher. Wir alle auf der europäischen Seite des Mittelmeeres blickten mit unermesslicher Sympathie auf die bürgerliche Revolution, die im Verlauf des Jahres 2011 an der südlichen Küste des Mittelmeeres entbrannte und die langjährige Despoten in Kairo, Tripolis und Tunis hinweggefegt hat. Jetzt, da das südliche, muslimische Mittelmeer – mit einigen Ausnahmen – sein 1848 (wie der Norden es eurozentrisch zu nennen pflegt) erlebt hat, könnten wir mit ein wenig Ironie sagen, dass das deshalb positiv ist, weil es endlich einen Teil des Mittelmeeres geben wird, der sich tatsächlich selbst regieren wird. Denn die Dinge an der nördlichen Seite des Mittelmeeres stehen nicht so gut. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist das europäische Mittelmeer heute eine Art innere Kolonie, ein Raum, der in finanziellem, gesetzgeberischem und politischem Sinne vom Norden aus regiert wird, aus Brüssel, Paris, Mailand, Madrid oder Zagreb, aus Parlamenten, Geschäftsetagen, Ministerien und Börsen, die irgendwo sehr weit entfernt sind, sehr weit von unserer kleinen Bucht, in der man im September die Lampions ausmacht und die Fensterläden schließt. Und am wichtigsten ist, dass diese entfernte Welt unsere kleinen Heimatorte am ehesten (wenn nicht sogar ausschließlich) als Quelle für Profit betrachtet, als kapitalistisches asset, als Rohstoff wirtschaftlicher Entwicklung, deren Struktur so beschaffen ist, dass das Wachstum der größeren Gemeinschaft in Naturalien bezahlt wird – und immer bezahlt jemand mit seiner Heimat.

In dieser Neuaufteilung europäischer Geschäfte ist der Platz des Mittelmeeres fest definiert: Es ist dem Mittelmeer nicht beschieden, ein Ort der Innovation zu sein, seine Aufgabe ist es, "Destination" zu sein. Und falls es diesen touristischen Sinn erfüllen will, muss es eine Voraussetzung erfüllen: Es muss alt sein. Das ist jener Punkt, an dem das Mittelmeer als rückwärtsgewandte Fantasie das Mittelmeer als Ort heutigen Lebens zerstört.

An diesem Punkt können wir wieder auf Rowan Atkinsons Mr. Bean zurückkommen, denn manchmal illustrieren die dümmlichsten Kulturgüter unfehlbar die Symptome der Kultur. Auf seiner Reise in die Provence ist Mr. Bean ständig unzufrieden. Er bewegt sich durch die globalisierte und anonyme Welt der Bahnhöfe, Bahngleise, Restaurants und Hotels, ohne jene südliche Fantasie vorzufinden, die er als Tourist erwartet. Plötzlich findet er sich inmitten eines kleinen provenzalischen Dorfes wieder, das seine Hoffnungen zu erfüllen, ja, sogar zu übertreffen scheint: ein Heuwagen, weise Bauern, die an ihren Weingläsern nippen, eine Taverne und ein hübscher Platz mit Maulbeerbäumen. Doch seine Verzückung ist nur von kurzer Dauer – es stellt sich schnell heraus, dass es sich um ein Filmset für eine Kognakwerbung handelt.

Diese Szene illustriert perfekt die Art, in der die wirtschaftliche Dynamik des Tourismus die Identität pervertiert. Um touristisch erfolgreich zu sein, muss jede Gemeinschaft am Mittelmeer der eigenen konstruierten Identität treu folgen, dem brand ihrer Destination. Es handelt sich um eine Dynamik, die weder flach noch einfach ist. Die mediterrane Gesellschaft darf sich weder zu schnell noch zu global verändern, denn dann würde sie als nicht authentisch erlebt, als eine Destination von mojitos und dreieckigen Pizzastücken. Gleichzeitig darf sie sich nicht petrifizieren, denn in versteinerter Form würde sie als Destination keine lokale Bevölkerung haben und würde somit aufhören, authentisch zu sein. Deshalb ähnelt die Beziehung zwischen Tourismus und Identität der Geschichte von König Midas, der alles, was er berührt, in nicht verzehrbares Gold verwandelt. Der Kuss des Tourismus scheint tödlich zu sein. In einem bestimmten Moment, an einem Berührungspunkt zwischen Zeit und Raum entdeckt eine wandernde Elite etwas Authentisches und Unverdorbenes: die Provence des fin de siécle, das Griechenland der Sechzigerjahre, das Sardinien der Achtzigerjahre, das Istrien der Neunzigerjahre. Wenn Sie aber etwas entdecken, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch andere Menschen, die Ihnen ähneln, genau dasselbe entdecken. Sowohl Sie wie auch jene anderen werden darüber Dritten berichten. Die Dritten und Vierten werden daraus eine hype machen, und in kürzester Zeit wird sich das Authentische vor unseren Augen verändern, es wird sich der Nachfrage anpassen, es wird zu einem Themenpark. Der Tourismus scheint Heisenbergs Prinzip der Unbestimmtheit in der Quantenmechanik zu bestätigen: Schon dadurch, dass Sie etwas betrachten, wird dieses Etwas durch Ihren Blick verändert. Über diese Kehrseite des "Blicks" denkt Lucy Honeychurch nicht nach, als sie 1908 in der Toskana nach einem Zimmer mit Aussicht sucht. Sie denkt nicht darüber nach, dass der Blick an sich eine Wirkung produziert. Die Wirkungen des Blicks wechselten in den vergangenen Jahrzehnten abhängig vom Ort und der Epoche. In der Ära und an den Orten des Massentourismus produzierte dieser "Blick" eine Pornografie der Identitäten. Eine Lügenapparatur unter dem Dach des touristischen Spektakels – Flamenco-Nächte für Pauschalreisende, Fado in einem von der Reiseagentur angemieteten Restaurant, Derwische, die auf dem Bahnhof tanzen, die Nächte von Kaiser Diokletian in Split, die inszenierten Kämpfe zwischen Piraten und Römern, Nächte mit Fischern in blau-weiß gestreiften T-Shirts, die tiefgefrorene Makrelen von ihren Holzbarken laden. In der raffinierteren Version nimmt in den emanzipierten Enklaven des postmodernen Tourismus diese Suche nach Exotik eine andere Form an. Sie wird zu einem "brand making durch Identität": Olivenölstraßen, Trüffelsuche in Istrien, italienische cooking and walking tours, slowenischer Bauernhoftourismus ... Die feine Membran zwischen dem Leben, das wir tatsächlich führen, und dem Leben, das für den Bedarf des Blicks von außen theatralisiert wurde, wird selbst für die Einheimischen unkenntlich. Als Objekt des Blicks sind die Einheimischen verpflichtet, an der Mimikry ihrer selbst teilzuhaben, und je überzeugender dieser kulturologische trompe l'oeil ist, desto eher vergessen sie seine Existenz und vernachlässigen seinen äußeren voyeuristischen Rahmen.

Das sind die kulturellen Folgen des kolonialisierten Zustands am Mittelmeer. Doch viel schlimmer, verheerender und gefährlicher sind die räumlichen Folgen, denn das heutige Mittelmeer, das Mittelmeer, das aus dem Norden regiert wird und das dem Norden als Profitquelle dient, kann nur als unverbrauchter oder nicht vollständig verbrauchter Raum eine Profitquelle sein. Deshalb hat das heutige Mittelmeer eine Ökonomie entwickelt, die in der breiten Palette unhaltbarer Ökonomien des 21. Jahrhunderts zu den am wenigsten haltbaren zählt. Es hat eine Ökonomie entwickelt, die nicht auf dem Verkauf von Wissen gründet (so wie die angelsächsische) oder auf dem Verkauf von Arbeit (so wie die asiatische) oder auf dem Verkauf von Rohstoffen (so wie die im Nahen Osten oder in Russland). Es hat eine Ökonomie entwickelt, die auf dem Verkauf dessen gründet, was am Mittelmeer den höchsten Wert hat – und das ist der Blick durch ein Fenster, das heißt, es ist der Raum. Für das europäische Mittelmeer zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Raum das, was für die Arabischen Emirate das Öl darstellt.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren, der frühen, galoppierenden Ära des Massentourismus, erfolgte dieser Verkauf des Raums rücksichtslos und en gros. Es war die Zeit von Benidorm: Tausende und Abertausende Hektar von Küstengrundstücken in Spanien und der Türkei wurden zu künstlichen Städten mit touristischen Hochbauten verwandelt, und die Kultur, die jahrhundertelang von Johannisbrot, Schafen und Feigen gelebt hat, zieht um an die Strände von Murcia, Almería, Antalya oder Makarska, um diese Massenmaschinerie zu bedienen. Dieser primäre Verbrauch des Raumes hat seine Industrie, aber auch seine kleine Manufaktur: An der östlichen Adria im Mimice, Brela oder Podgora lebten die Einheimischen über Jahrhunderte an den Berghängen (in ständiger Angst vor Piraten), aber in diesen Sechzigerjahren begreifen sie plötzlich, dass sie Grundstücke an jungfräulichen Kiesstränden besitzen. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass in den patriarchalischen Kulturen diese Grundstücke meist unverheirateten oder den jüngsten Schwestern gehörten, denn das Land am Meer wurde immer als das am wenigsten brauchbare gesehen. Doch in diesen schicksalhaften Sechzigerjahren bekamen die Grundstücke am Meer plötzlich einen Wert wie der Ring von Tolkien. Die Familien entdecken das Elixier für die Verwandlung von chronischem Elend in materielle Sicherheit. Tausende Kroaten, Montenegriner oder Griechen bauen auf den Grundstücken ihrer Großmütter dreistöckige Appartmentwunder mit Fassaden in allen Farbnuancen und hängen die mythische Inschrift aus, die die drei Dekaden des Mittelmeers kennzeichnen wird: ZIMMER FREI, SOBA CAMERA ZIMMER. Der Raum wird longitudinal einverleibt, die Bauten ziehen sich wie eine Schlange in schmalen Reihen an der Küste und den Straßen entlang, und im Unterschied zum spanischen Fall ist der Tourismus hier extensiv und amateurhaft, der Investor und der Profit bleiben in der lokalen Gemeinschaft. Das ist das Dalmatien meiner Kindheit – das Dalmatien, in dem jeder eine vikendica, ein Wochenendhäuschen, hatte, und auch Ärzte, Ingenieure und Richter Betten an Touristen vermieteten. Eine Generation baut Häuser und akkumuliert den Profit, die nächste lernt Fremdsprachen und schickt ihre Kinder zum Studium in die Städte.

Das Ergebnis des dreißig Jahre andauernden Raumverbrauchs ist am europäischen Mittelmeer überall sichtbar, von Antibes bis Montenegro, von Andalusien bis nach Rimini. Für dieses Phänomen gibt es im Kroatischen einen umgangssprachlichen Ausdruck: betonizacija. Beide Gesichter dieses Phänomens haben sich mit der Zeit als monströs herausgestellt. Die touristischen Großstädte mit ihren Hochhäusern sind der gehobenen Mittelklasse über die Jahre zuwider geworden, und die neuen Lucy Honeychurchs möchten nicht mehr, dass sich ihr Zimmer mit Aussicht auf der achten Etage eines geschlossenen Resorts befindet. Gleichzeitig fährt auch die adriatische Ökonomie des Hausherrn und seiner Frau, die ihre obere Etage vermieten, gegen die Wand. Ende der Neunzigerjahre kommen Tourismusexperten nach Kroatien, die verlangen, dass dieser atomisierte Verbrauch des Raums gestoppt wird. Er fresse zu viel Raum, erklären sie, und das für zu wenige Betten, es gäbe zu wenig Konsum, zu wenige Hummer würden gegessen, zu wenige Cocktails in den Strandbars und zu wenige Tickets für Schaumpartys verkauft.

Zu Anfang des 21. Jahrhunderts ist betonizacija fast zu einem beleidigenden Schimpfwort geworden, und die Raumpolitiker in den jungen Republiken haben inzwischen gelernt, dass sie den "spanischen Fehler" nicht wiederholen dürfen. Zur gleichen Zeit formen die Billigflüge eine neue dynamische Mittelklasse, die frivoler und häufiger reist. Die postmoderne Ökonomie erschafft eine neue Klasse von Menschen, die ihre ganze Arbeit in einem Laptop verstauen und sie in London, Lissabon, Istrien oder sogar auf einem Schiff verrichten kann. Die Bevölkerung, die am Küstenstreifen des Mittelmeers lebt, wird immer größer, und die Entwicklung der Infrastruktur – Verkehrswege, Energie- und Wasserversorgung – vermag kaum noch Schritt zu halten. Gleichzeitig versuchen alle Mittelmeergesellschaften, vor allem die, die gerade Krieg und Transition überwunden haben und so ihre Raumpolitik von Null aufbauen können, die Ausweitung der Bebauung zu begrenzen. Das bedeutet, dass der Druck des Markts auf den bestehenden bebauten Raum gerichtet ist, und dass er Geld in diese kleinen und begrenzten Gemeinschaften presst wie in einen Schnellkochtopf unter vollem Dampf.

Dieser Prozess, der ungefähr im Jahr 2000 begonnen hat, erlebte während des Zusammenbruchs des Immobilienmarkts 2007 seinen vorläufigen Höhepunkt. Diesen Druck habe ich deutlich auch am Beispiel der Familie meines Vaters gespürt, die von der Insel Hvar stammt, aber nicht von ihrer westlichen, touristisch hochentwickelten und urbanen Seite mit ihren Renaissance-Kommunen, sondern aus der ruralen Mitte der Insel, wo in einer anonymen Geschichte jahrhundertelang Weinbauern gelebt haben, bis eine Reblaus-Epidemie sie 1890 über die ganze Welt verstreut hat. Die Familie meines Vaters lebt heute in der weiten Welt zwischen Perth und Los Angeles, und in dem Dorf auf der Insel war nur eine alte Tante geblieben, der Mitte der Fünfzigerjahre alle Familienmitglieder kollektiv das alte Steinhaus schenkten. Warum auch nicht? – In jener Zeit schienen diese Inseldörfer das Ende der Welt zu sein, ein Ort, dem man lieber heute als morgen entfliehen sollte. 2008 las ich in einer lokalen Zeitung, dass einer der Prinzen der britischen Königsfamilie mit seinem Schiff im Dorf meines Großvaters angelegt und dort den Sommer verbracht hat. In diesem Sommer verbrachten auch einer der Microsoft-Gründer und ein saudi-arabischer Prinz ihren Urlaub im selben Ort. Im Herbst luden die Verwandten von der Insel die ganze Familie ein, um die Schenkungsurkunde zu bestätigen, da sie in den Fünfzigerjahren formlos auf ein Blatt Papier geschrieben worden war. Zu dem Zeitpunkt lag der Quadratmeterpreis eines bewohnbaren Hauses an der Adria bei 2500 Euro, auf den Inseln waren es 3000 und in Dubrovnik 5000 Euro. Die alte Ruine, die bis gestern für niemanden einen Wert hatte, stellte plötzlich einen Reichtum dar, und da es sich tatsächlich um eine Ruine handelte, war der einzige Grund für den hohen Wert der Ort, an dem sie stand. Im selben Sommer veröffentlichte eine kroatische Zeitung einen investigativen Artikel über einen ausländischen Investor, der Millionen Euro ausgab, um lokale Politiker zu bestechen, damit in dem Hvarer Dorf Bogomolje eine Bucht in touristisches Bauland verwandelt wurde. Bogomolje ist ein Ort mit 350 Bewohnern. Versuchen Sie sich ein Dorf mit 350 Bewohnern vorzustellen, in dem es im Winter kein geöffnetes Café gibt, die Zeitungen erreichen den Genossenschaftsladen gegen 11 Uhr, und stellen Sie sich weiter vor, wie es ist, wenn in den Winternächten Gerüchte zu kursieren beginnen, zuverlässige Wahrheiten, Beschuldigungen, und das Echo der Kunde von den Millionen durch die leeren Steingassen hallt. Das ist das wahre mediterrane Nocturno, der dörfliche film noir, der an Le Corbeau (Der Rabe) von Henri-Georges Clouzot erinnert.

Das ist das Bild des lieblichen nördlichen Mittelmeers zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Morgendämmerung der neuen Ära, der Ära der Rucksacktouristen, der city breaker und der postmodernen kreativen Nomaden. Das ist das Mittelmeer, an dem das große Geld an so kleinen Orten ankommt, dass diese wie eine Gasflasche unter Druck explodieren, das Mittelmeer, an dem jemand das Haus eines anderen, sein Erbe und seine Heimat kauft, einfach, weil er es kann und daran Gefallen gefunden hat. Das Mittelmeer, an dem die Einwohnerzahl des alten, lagunenreichen Teils von Venedig zwischen 1960 und heute von 70 000 auf 40 000 zurückgegangen ist, an dem die montenegrinischen Zeitungen Ende 2011 meldeten, dass sechzig Prozent der montenegrinischen Küste im Besitz russischer Staatsbürger seien. An dem ein einziges Anwaltsbüro von der karibischen Insel St. Kitts and Nevis in nur einer Woche fünf Wohnungen mitten im Diokletianpalast in Split gekauft hat – im historischen Stadtkern, der nicht größer als zwei Fußballplätze ist. Im selben Sommer hat die Dubrovniker Zeitung einen Text publiziert, der panisch meldete, dass die Grundschule im historischen Stadtkern nur fünf Kinder eingeschult habe. Im darauf folgenden Winter war ich in Lissabon, und in Alfama, dem ältesten und schönsten Viertel, sah ich dassselbe Bild, das ich häufig an der östlichen Adria sehe. Die verbitterten Bewohner der Gemeinde Freguesia – dezimiert und dem Druck des Immobilienankaufs ausgesetzt – hissten eine Flagge, auf der stand: Não a extinção (Nein zum Verschwinden), sprayten das Graffito: estas ruas pertenecen a nos (Diese Straßen gehören uns), und linke Aktivisten sprayten auf Geschäfte und Wohnungen, die von ihren ehemaligen Besitzern verlassen worden waren, eine Schablone mit dem Schriftzug: aqui podia viver gente (Hier könnten Menschen leben). Ich fand es rührend, dort im fernen Westen, in diesem Labyrinth aus Steintreppen und Gassen, das mich an meine Stadt Split denken ließ, diesem vertrauten Bild zu begegnen und mich an ähnliche Graffiti zu erinnern, die ich in Dalmatien oder im Hinterland Istriens gesehen habe. Verkauf nicht das Erbe deiner Großväter, verkauf nicht das, was dir gehört kann man in einigen Fährhäfen auf den dalmatinischen Inseln oder in Straßenkurven in Nord-Istrien lesen. Es ist schwer zu verorten, wo in diesem quijotischen Kampf der engstirnige Nationalismus aufhört und wo das Klassenbewusstsein beginnt.

In der zeitgenössischen Welt, vor allem nach der Krise und dem Zusammenbruch 2007/2008, wird das Mittelmeer kaum durch die stolze Sturheit des einen oder anderen Bewohners von Hvar, Perast oder Alfama zu retten sein. Verschuldet, ohne Finanzmechanismen, die es ihnen ermöglichen würden, konkurrenzfähig zu werden, ohne die Möglichkeit, die eigenen Wirtschaftsräume durch Zölle zu schützen, haben sich die Mittelmeerländer am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts in eine wirtschaftliche Sackgasse manövriert. Die Industrie wurde von Asien übernommen, die Technologie und die Innovation vom Norden, ihre Bilanzen ersticken in Schulden, und ihr wirtschaftliches Wachstum liegt auf Eis. Unter diesen Bedingungen sind die Politiker dieser Länder bereitwilliger denn je, das fortzusetzen, was sie auch sonst getan haben – die Entwicklung mit dem Verkauf des Raumes zu bezahlen. Aufgrund des Wachstumsstopps werden Investoren zu heiligen Kühen, und die Investitionen am Mittelmeer haben meist die Form einer 3D-Simulation nebst Model einer Hotelanlage, von time-shore Appartments oder Bungalows in einer Kiesbucht, in der nur wildes Gestrüpp und Fichten wachsen. Die lokale Bevölkerung, die seit Jahrzehnten von touristischem Kleinhandel lebt, von Zimmern, die sie auf Pappschildern anpreist, findet sich plötzlich in der Nachbarschaft riesiger Konzernmolche wieder, gegen die sie nicht konkurrieren können und die ihnen nicht einmal einige Brosamen lassen. Ihre Heimat, ihr Raum wird verbraucht und richtet sich gegen sie, in Form einer Raumplanung, die den optimalen Gewinn aus den lokalen Gemeinschaften herauspresst.

Das ist der Kampf, der zur Zeit um das nördliche europäische Mittelmeer geführt wird. Der letzte verzweifelte und vergebliche Kampf um den einzigen Wert, der am Mittelmeer verblieben ist – der Raum. Dieser Kampf wird in jedem Treppenhaus und in jeder Straße geführt, vom venezianischen Cannaregio über die Stadtzentren von Dubrovnik und Kotor bis hin nach Ferguesia in Lissabon und San Cristobal. Er wird in jeder Inselbucht geführt, in der die lokalen Tourismus-Liliputaner darauf warten, dass das große Business sie wegfegt wie Coca-Cola die lokalen Sodafirmen. Er wird um jede Konzession für einen Strand geführt, um das Recht auf Einzäunung, um das Recht, bezahlte Parkplätze anzulegen, um den Zugang zum Meer und das Recht, Bootsanleger zu errichten. Die touristischen Bootsanlegestellen kämpfen gegen Fischerhäfen und Industriedocks, big game-Fischer kämpfen gegen lokale Fischer, die Sommer-Bewohner der Toskana, der Balearen oder von Hvar drängeln sich mit den Einheimischen in einer neuen, bizarr-verdrehten Welt, in der der arme Dorfpostbote in einer Immobilie wohnen kann, die so viel wert ist wie anderswo ein ganzer Straßenzug, um dennoch arm zu bleiben. Jedes Mal, wenn die lokale Gemeinschaft das Einzäunen und das Bewirtschaften der Strände zulässt, jedes Mal, wenn sie die lokalen Boote verdrängt, um Platz für Yachten zu schaffen, jedes Mal, wenn in den örtlichen Cafés der Kaffee Londoner und Wiener Preise erreicht, verliert das Mittelmeer einen haarfeinen Kampf. Jedes Mal, wenn das geschieht, hört es für einen Millimeter auf, ein authentischer Ort für ein authentisches Leben zu sein, und wird zu einer Illusion, einer Szenografie, einem Provisorium aus Pappe, das dazu dient, den Blick durch das Fenster des Zimmers mit bezahlter Aussicht mit Inhalt zu füllen. Das ist das Drama, das sich jedes Mal abspielt, wenn eine neue Lucy Honeychurch das Fenster ihres südlichen Zimmers mit siebenprozentigem Aufschlag öffnet. Für die Bewohner des Mittelmeers ist es mit jedem Tag weniger jener prestigeträchtige Raum der öffentlichen Parks, Strände, Uferpromenaden und Plätze, sondern zunehmend ein Raum der Hinterzimmer für das Personal, der Küchen, der Vorratsräume und der Betonbauten in den Vororten. Für seine Bewohner ist das Mittelmeer mit jedem Tag mehr ein Zimmer ohne Aussicht, vor allem ohne jene auf die Zukunft.


 



Published 2012-11-06


Original in Croatian
Translation by Alida Bremer
First published in Wespennest 163 (2012) (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Wespennest
© Jurica Pavicic / Wespennest
© Eurozine
 

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