Ökonomische Expertise
Die Finanzkrise des Jahres 2008 war nicht die Stunde der Experten, jedenfalls
nicht ihrer volkswirtschaftlichen Gattung. Von der FAZ-Redakteurin
Lisa Nienhaus mussten sie sich als "Blindgänger" verspotten lassen, die auch
künftige Krisen nicht vorhersagen werden.[1] Nienhaus war keineswegs die einzige, die das Versagen der ökonomischen Expertise, insbesondere die
offenkundige Unfähigkeit beklagte, selbst eine kurz bevorstehende Krise
globalen Ausmaßes zu erkennen. Die im Nachhinein teilweise grotesken
Wachstumsprognosen, denen durch den Ausbruch der Finanzkrise der Boden
entzogen wurde, waren vielmehr derart verbreitet, dass die sogenannte
Mainstreamökonomie generell in eine Legitimationskrise geriet und erst
nach einiger Zeit ihre Stimme wiederfand. Plötzlich schienen diejenigen
Recht zu haben, die bereits seit längerem vor einer Schieflage der wirtschaftlichen
und finanziellen Entwicklung insbesondere in den Vereinigten Staaten
gewarnt hatten.
Dass die sich durchsetzende Expertise irrt und die zutreffende ignoriert
wird, scheint freilich ein festes Muster zu sein. Jedenfalls legen das die historischen
Befunde nahe. Und trotzdem boomt das ökonomische Expertenwesen.
Die Attraktivität seiner Befunde und Vorhersagen, so könnte man
daher annehmen, hat vielleicht gar nicht so sehr mit deren Akkuratesse zu
tun. Es scheint gelegentlich, als sei Expertise unabhängig davon erwünscht,
ob sie zutrifft oder nicht. Zumindest insofern die Politik selbst oft gar nicht
dazu in der Lage ist, ökonomische Zusammenhänge kompetent zu beurteilen,
aber dennoch fachliche Rückendeckung benötigt, die ihre eigenen Zielsetzungen
als ökonomisch möglich erscheinen lässt. Treten die erwünschten
Effekte dann nicht ein, werden die Experten ausgewechselt und anderes Wissen
favorisiert; verzichtet wird darauf aber keinesfalls.
Für die Ratgeber ist die Situation mitunter fatal: Denn wenn Expertise
scheitert, hat das Folgen jedenfalls für manche Experten, während andersherum
das Scheitern eines Experten noch nicht unbedingt etwas darüber aussagt,
wofür er steht. Der "Wirtschaftsweise" lebt also doppelt riskant: Einerseits
kann er persönlich versagen, andererseits kann die Art der Expertise, für
die er steht, falsch sein oder als fehlerhaft gelten. Manchmal kommt es zu
beidem zugleich; meistens nicht. All das hängt aber auch damit zusammen,
wie Expertise und Experte wahrgenommen werden: Je anspruchsvoller und
weitreichender der gegebene Rat, je umfassender der Anspruch des Fachmanns,
desto größer die Fallhöhe, zumal dann, wenn, wie zumeist, Ratschlag
und Prognose eng miteinander verbunden werden. Ein Blick auf die Geschichte
der ökonomischen Expertise ist da hilfreich.
Das Problem ist zunächst einmal grundsätzlicher Art. Der Staat (beziehungsweise
zuvor die Obrigkeit) ist in seiner Handlungsfähigkeit an die
Verfügbarkeit ökonomischer Ressourcen gebunden, die er selbst nur zu
einem geringen Teil produzieren kann. Er muss sie der wirtschaftlichen Leistung
seiner Bürger (beziehungsweise Untertanen) entnehmen, auf die er nur
beschränkten Einfluss hat. Das Problem verschärft sich, je mehr Ressourcen
der Staat für sich beansprucht; ja es besteht die Gefahr, dass der Staat die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in einem Maße beansprucht, das die Basis
seiner Handlungsfähigkeit letztlich ruiniert. Charles Tilly hat in der europäischen
Tradition drei Mechanismen identifiziert, mit denen sich die Obrigkeiten
Geld verschafften: durch Zwang, durch freiwillige Abgabe oder
durch eine Mischung aus beiden Verfahren.[2]
Reiche neigen zur Ausplünderung, Stadtstaaten zu eher freiwilligen Formen selbstverwalteter Abgaben,
mittlere Territorien, wie die meisten europäischen Herrschaften, zu einer
Mischung aus Zwang und Selbstverwaltung.
Das Verhältnis der Obrigkeiten zum Geld war dabei durchweg, vorsichtig
formuliert, von einer gewissen Brisanz, die nach kompetenter Beratung verlangte.
Wobei der Beratungsbedarf mit der Art der Ressourcenextraktion
schwankte. Eine reine Raubwirtschaft mochte ohne große Beratung zumindest
ökonomischer Art auskommen, war aber in der Regel nur kurzfristig ergiebig.
Ein nachhaltigerer Umgang mit den Ressourcen eines Territoriums
war offensichtlich vielversprechender. In der Mehrzahl der europäischen Territorien
tauchen daher spätestens mit dem späten Mittelalter auch Fürstenratgeber
auf, die bei der Vermehrung der obrigkeitlichen Einnahmen mit
Rat und Tat helfen – sei es, was die Entwicklung effizienter Formen der Besteuerung
angeht; sei es, was die Schuldenpolitik, sei es, was das Aushandeln
von Steuerpolitik und Steuersätzen mit den ständischen Vertretungen auf
den unterschiedlichen Ebenen von Reich und Einzelstaaten betrifft. Zugleich
wuchs der Bedarf an kompetentem Personal zur Verwaltung der fürstlichen
Kammer und der Steuereinnahmen.
"Expertise" in diesem Sinne war mithin bereits in der frühneuzeitlichen
Welt gegeben, doch unterschied sie sich sehr von dem, was wir heute darunter
verstehen. Ging es zunächst vor allem darum, die fürstlichen Einnahmen
zu erhöhen und deren Verwaltung zu verbessern, so brach sich – in Deutschland
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – erst langsam die Auffassung
Bahn, dass es nicht so sehr auf eine effiziente Extraktion von Ressourcen,
sondern zunächst einmal auf diese selbst ankomme.
Der Fokus verschob sich – von der Steuererhebung auf die Förderung der
Wirtschaft. Die Einsicht, dass es vor allem der "Flor des Landes" war, von
dem die Handlungsfähigkeit der Obrigkeit abhing, setzte sich durch.[3] Die
sich den frühneuzeitlichen Fürsten des späten 17. und des 18. Jahrhunderts
andienenden Ratgeber, zumeist "Projectemacher", versprachen, mit gezielten
Maßnahmen den Reichtum des Landes zu vermehren. Sie argumentierten
nur noch indirekt mit den Vorteilen für die fürstliche Kammer. Zu ihnen
zählten Johann Joachim Becher in Wien oder der berühmteste Projektemacher
der Zeit überhaupt, der Schotte John Law, der das Finanzsystem des
französischen Königreiches revolutionieren wollte. Ihren Maßnahmen lag
bereits die Annahme zugrunde, dass die Wirtschaft ihre eigenen Regeln besitze,
die nur bei Strafe geringerer Erträge missachtet werden dürfen. Zwar
war man noch weit davon entfernt, als Sprecher eines autonomen Funktionssystems
"Ökonomie" aufzutreten, aber der Schritt ging in diese Richtung.
Diese frühen Experten formulierten vor allem eine politische Klugheitslehre,
die den Fürsten empfahl, durch gezielte Maßnahmen (unter anderem Privilegien,
Exportförderung, Zölle, Straßen- und Kanalbau, Verbesserung der
landwirtschaftlichen Methoden) die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ihrer
Territorien zu verbessern. Doch bereits die Kameralisten des 18. Jahrhunderts
hatten eine recht klare Vorstellung von den "Gesetzen der Ökonomie".
Sie gingen allerdings stets davon aus, dass der Staat in diesem Rahmen eine
eudämonische Rolle des Förderers, Helfers und Schützers zu spielen habe.
Entsprechend berieten Johann Heinrich Justi und Joseph von Sonnenfels
die preußische beziehungsweise die österreichische Obrigkeit, die ihren Ratschlägen
zum Teil bereitwillig folgte.
Die Ergebnisse der merkantilistisch, im deutschen Fall kameralistisch inspirierten
Wirtschaftsförderung waren freilich mehr als durchwachsen. Vor
allen Dingen blieben Besteuerungssystem und Schuldenverwaltung ineffizient.
Das war die Geburtsstunde des eigentlichen Experten und der ersten
modernen Expertise, wobei dieser Prozess keineswegs einfach und unkompliziert
verlief, denn mehrere Dinge mussten zusammenkommen. Einerseits
war die Ausformulierung einer autonomen ökonomischen Theorie –
im Sinne Luhmanns also die Ausdifferenzierung eines spezifischen Beobachtungssystems
für die Wirtschaft – notwendig, andererseits musste diese
Theorie so formuliert sein, dass sie zugleich als Folie für normative Empfehlungen
an die Politik dienen konnte. Sie musste mithin zugleich deskriptiv
und in der Deskription bereits normativ sein. Eine Zwittereigenschaft, die
der ökonomischen Theorie seither eignet, nämlich zugleich wissenschaftliche
Analyse und Klugheitslehre zu sein. Beides muss gegeben sein, damit
von Expertise die Rede sein kann. Je nach Art der Konfiguration von Deskription
und Normativität eignet sich die Ökonomie dann besser oder
schlechter für bestimmte Formen der Expertise.[4]
Der im 18. Jahrhundert
aufkommende und noch bis weit in das 19. Jahrhundert durchaus verständliche
Begriff der "politischen Ökonomie" markiert diese Zwitterstellung.
Moderne Expertise setzt mithin das theoretisch ausformulierte Wissen um
die "Gesetze der Ökonomie" voraus, deren Einhaltung dann als normativ
formulierte Bedingung für politischen Erfolg im Sinne der Ressourcenvermehrung
und Wohlstandssteigerung in das politische System hinein kommuniziert
wird – dem Experten kommt damit die Rolle zu, in der politischen
Kommunikation das autonome ökonomische Argument als Moment
politischer Entscheidungsfindung zu formulieren.
Der erste dieser "Wirtschaftsweisen"[5] hieß François Quesnay, und die von
ihm vertretene Theorie war die Physiokratie. Nicht nur glaubte Quesnay
im Tableau économique zeigen zu können, dass die Wirtschaft einen geschlossenen,
gleichsam natürlichen Kreislauf bildet, der dann besonders effizient
ist, wenn er nach seinen eigenen Gesetzen autonom abläuft und nicht durch
willkürliche Staatsmaßnahmen gestört oder beeinträchtigt wird: Laissez
faire, laissez passer! Er bestimmte dessen Struktur auch insofern, als er als dynamisches,
wertschöpfendes Moment in diesem Kreislauf die Bodenproduktivität
identifizierte, die daher auch als einzige zu besteuern sei. Das gesamte
komplizierte System der Besteuerung, der Privilegien und der Wirtschaftsund
Handelspolitik sollte aufgegeben und durch eine liberale Politik ersetzt
werden, die lediglich auf die Bodenerträge eine Einheitssteuer erhob, der
sich niemand entziehen durfte.
Angesichts der offenkundigen Verschuldung der Staaten und der schwierigen
wirtschaftlichen Situation wurde Quesnay durchaus gehört. Jacques
Turgot, französischer Finanzminister von 1774 bis 1776, versuchte zumindest
experimentell einen Teil der Lehren der Physiokratie zu realisieren,
scheiterte allerdings letztlich am Widerstand der Vertreter der älteren Privilegienwirtschaft,
die durch einen sparsamen Staatshaushalt und eine gerechte
und umfassende Besteuerung der Erträge der Landwirtschaft nur verlieren
konnten. Missernten und steigende Brotpreise taten das ihre, um seine
Position zu untergraben. Turgot wurde schließlich gestürzt, obwohl oder
gerade weil er erstmals auf der Basis ökonomischer Expertise Wirtschaftspolitik
hatte betreiben wollen. Wie weit er an den Prinzipien der Physiokratie
im einzelnen hing, ist umstritten. Englische Einflüsse lassen sich ebenso
nachweisen.[6] Wie dem auch sei: Die französische Regierung kehrte nach
Turgots Sturz zu ihrer desaströsen Wirtschafts- und Finanzpolitik zurück,
die im Zusammenspiel mit Ernterückgängen und steigenden Lebenshaltungskosten
schließlich den Hintergrund für die revolutionären Ereignisse
der Jahre seit 1789 abgab.
Ein derartiges Scheitern blieb dem bekanntesten der Wirtschaftsweisen
jener Zeit, Adam Smith, erspart. Es ist allerdings auch die Frage, ob er wirklich
ein Experte war. Persönlich in die politische Kommunikation eingebracht
hat er seine Argumente jedenfalls nicht. Vielmehr revolutionierte
Smith mit seinem Konzept einer sich im Rahmen freier Konkurrenz selbstregulierenden
Ökonomie das Wissen von der Ökonomie und änderte insofern
den Bezugsrahmen aller zukünftigen Wirtschaftspolitik. Galt bisher der
Staat als Garant sozialer Integration und ökonomischer Effizienz, verschob
Smith die Gewichte: Nunmehr waren ökonomische Effizienz und soziale Integration
durch ihre eigene Natur bereits gegeben; der Staat hatte diese natürliche
Ordnung zu begleiten und zu gewährleisten. Eingreifen sollte er nur
dort, wo Konkurrenz und Eigeninteresse keine zureichenden Ergebnisse lieferten,
also bei der Bildung, der Landesverteidigung oder im Straßenbau.
Wie erfolgreich Smith mit seiner als Gegenexpertise wirksamen Theoriebildung
war, wie sehr er dann doch die ökonomische Expertise der kommenden
Jahrzehnte bestimmte, zeigen zunächst die preußischen Reformen der Jahre
nach der Niederlage gegen Napoleon. Bauernbefreiung und Einführung der
Gewerbefreiheit in Preußen zwischen 1807 und 1811 waren das Werk einer
an Adam Smith geschulten Beamtenschaft.[7] Das von Smith formulierte liberale
Dogma einer sich im Zweifel selbst regulierenden Ökonomie begründet
vor allem Maßnahmen zur Beseitigung von merkantilistischen Privilegien
und Marktbeschränkungen. Wenn die Marktwirtschaft aber funktioniert,
dann gibt es aus dieser Perspektive gar keine Notwendigkeit für weitergehende
Expertise.
Da die Wirtschaftspolitik des 19. Jahrhunderts weit über die preußischen
Reformen hinaus liberalen Geist atmete, bedurfte es insofern kaum der Expertise,
zumindest keiner aus der Sicht einer liberalen Ökonomie. Zweifellos
gab es Projekte wie den Übergang Englands zum Freihandel oder die Durchsetzung
einer Politik des Goldstandards, in denen sich ökonomisches Wissen
beziehungsweise bestimmte Richtungen der Ökonomie wiederholt Geltung
verschafften. Hier mischten sich liberale Ökonomen maßgeblich und erfolgreich
auch in öffentliche Debatten ein, wie sich etwa am Beispiel David Ricardos
leicht zeigen ließe. Das Erstaunliche an der Entwicklung in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts ist allerdings etwas anderes: Während im Regelfall
in Phasen schwieriger wirtschaftlicher Entwicklung die vorherrschenden
ökonomischen Paradigmata und damit auch die hierauf aufbauenden Vorstellungen
zur Gestaltung der Wirtschaftspolitik in die Defensive, ja in die
Krise geraten können und ihre Vormachtstellung verlieren, blieb der Liberalismus
bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein das im Grunde
nicht gefährdete Mainstreamwissen von der Funktionsweise der Ökonomie.
Dabei waren die Jahre zwischen 1815 und 1848 alles andere als wirtschaftlich
glänzend; vielmehr häuften sich Krisen, Missernten, Hunger und
Massenelend zum Teil in dramatischer Weise. Es kamen folgerichtig auch
zahlreiche konkurrierende Vorstellungen einer anderen Wirtschaft, einer an-
deren Sozialorganisation und einer anderen Rolle der Politik auf, doch alle
ihre Vertreter, also die Gegenexperten der Zeit, scheiterten, zumindest was
ihre praktische Bedeutung betraf. Das galt für die Frühsozialisten um Saint-
Simon und Charles Fourier genauso wie für Karl Marx, den Handwerkersozialismus
oder die neomerkantilistischen Überlegungen eines Friedrich
List, der mit seinem Gedanken einer bewussten staatlichen Entwicklungspolitik
in Deutschland und den Vereinigten Staaten zwar zahlreiche Anhänger
fand, aber wenig bewegte. Immerhin trug er dazu bei, dass die USA
sich nicht zum Freihandel bekannten, sondern an einem durchaus wirksamen
Zollschutz festhielten.
Auch mit dem Verblassen des liberalen Paradigmas im Gründerkrach
nach 1873 änderte sich an der zurückhaltenden Expertise wenig.[8] Zwar stritten
im sogenannten Methodenstreit Carl Menger und Gustav Schmoller
um die richtigen Grundlagen wirtschaftspolitischer Entscheidungsfindung,
doch war das mit intensiver eigener Expertentätigkeit kaum verbunden.
Gustav Schmoller und der von ihm mitbegründete "Verein für Socialpolitik
" begriffen sich zwar als Experten einer angemessenen staatlichen Wirtschafts-
und Sozialpolitik, doch zeigte der darüber entbrennende Streit, dass
es mit einer klaren Expertenaussage schwer sein würde. Bismarcks Sozialpolitik
profitierte daher zwar indirekt durchaus von Ratschlägen und Wissen
aus dem Kreis um Gustav Schmoller, aus der aktiven politischen Beratungstätigkeit
aber hielt sich der Verein heraus.
Schmoller, der mit großem Abstand einflussreichste deutsche Ökonom
der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, vertraute auf das Handeln einer
historisch aufgeklärten Bürokratie, die er ausbildete und gegebenenfalls mit
Wissen und Rat versorgte. Entscheidungen zu treffen, zu präformieren oder
gar zu fordern, war seine Sache nicht. Der liberale Ökonom Moritz Julius
Bonn, der vor dem Krieg bei Schmoller gehört hatte, kritisierte diesen später
geradezu bissig: Er sei ein "Relativist" gewesen. "Er sagte selten 'ja' oder
'nein'. Er lehrte seine Schüler, alle wirtschaftlichen Probleme als formlose,
sich immer wandelnde Phänomene zu betrachten, deren wahres Wesen man
doch nicht ergründen könne. Daher tue man am besten, ihre Geschichte zu
studieren; wer besonders rege, mutig und wissbegierig sei, könne allenfalls
gegenwärtige Zustände beschreiben, solle sie aber nicht bewerten. Was die
Wirtschaftspolitik angehe, so sei es klug, sich zurückzuhalten; man solle sie
den jeweiligen Machthabern überlassen; wenn diese ihre Entscheidung gefällt
hätten, könne man sie mit einschlägigen Tatsachen und guten Gründen
rechtfertigen."[9]
Diese Art der Expertise genügte den jüngeren Ökonomen schon vor 1914
nicht mehr; umso mehr erschien der Krieg wie ein Abgesang auf den alten
Geheimratsstil, änderten sich doch mit der Kriegswirtschaft und den Krisen
der Zwischenkriegszeit die Erwartungen gegenüber der staatlichen Wirtschaftspolitik
radikal – mit unabsehbaren Folgen für den Beratungsbedarf.
Der späterhin jeder konkreten politischen Betätigung im Grunde abgeneigte
Joseph A. Schumpeter notierte zu seiner Beteiligung an der österreichischen
Sozialisierungskommission nur zynisch, bei Selbstmordversuchen
sei es immerhin sinnvoll, wenn ein Arzt dabei sei. Zwar dominierte im Alltag
der Zwischenkriegszeit bis zur Weltwirtschaftskrise zumindest in der
Öffentlichkeit und in der Wirtschaftspresse weiterhin ein liberales Grundschema
des ökonomischen Denkens, doch stellte sich nun mehr und mehr
die "Systemfrage" nach der Rolle und Bedeutung des Staates und der Leistungsfähigkeit
des politisch bestimmten Wirtschaftssystems. In Deutschland
spitzte sich die Lage auch deshalb besonders zu, weil Liberalismus und
schmollerscher Kathedersozialismus keinen "Instrumentenkasten" zur Verfügung
gestellt hatten, auf den die Experten nun hätten zurückgreifen können.
Die Ökonomen wussten nach 1918 schlicht nicht, was sie empfehlen
sollten oder brachen über ihre jeweiligen Konzepte in heftigen Streit aus, der
nicht zu einem positiven Ende gebracht werden konnte. In der Weltwirtschaftskrise
der Jahre nach 1929 stand zumindest die ökonomische Expertise
in Deutschland vor einem Trümmerhaufen, da ihre Aussagen nicht mehr
zur wirtschaftlichen Realität zu passen schienen. Stattdessen feierten allerlei,
darunter durchaus skurrile Alternativen zum liberalen Kapitalismus fröhliche
Urständ.[10]
Diese Krise war kein allein deutsches Phänomen, auch wenn die deutschen
Ökonomen aus angelsächsischer Perspektive schon ihrer verquasten Rhetorik
wegen als abseitig galten. Auch in England geriet die dominierende neoklassische
Gleichgewichtsanalyse mit ihrem liberalen Grundverständnis
angesichts der ökonomischen Realität in Schwierigkeiten. Davon profitierte
der Nationalökonom John Maynard Keynes, dessen Aufstieg zum gefeierten
"Großexperten" ohne die Krise des liberalen Paradigmas in der Zwischenkriegszeit
kaum möglich gewesen wäre. An seiner Biographie lässt sich das
Problem der ökonomischen Expertise daher in geradezu klassischer Folgerichtigkeit
erkennen. Einerseits war er studierter Volkswirt aus der Schule
Alfred Marshalls, andererseits bereits seit der Zeit vor 1914 als Angehöriger
der britischen Regierung mit praktischen Fragen (Währungsproblem Indiens,
später Kriegsfinanzierung etc.) befasst. Er verdankte seinen Erfolg
nicht zuletzt der Suggestion, den kategorialen Unterschied zwischen politischem
Handeln und ökonomischem Räsonnement, damit auch die funktionale
Differenzierung der modernen Gesellschaft, in der eigenen Person aufheben
zu können – in dieser Hinsicht war er der Prototyp des erfolgreichen
Experten. Anfang der zwanziger Jahre erklärte er mit kaum gezügeltem
Selbstbewusstsein: "Der Wirtschaftswissenschaftler ist nicht König, nur zu
wahr. Aber er sollte König sein! Er ist ein viel besserer und klügerer Regent
als der General oder der Diplomat oder der redegewaltige Anwalt. In der
modernen übervölkerten Welt ... ist er nicht nur nützlich, sondern unentbehrlich."[11] Mit den ersten Versuchen, die eigene Expertise durchzusetzen,
war Keynes allerdings keineswegs erfolgreich. Seine Rolle in der britischen
Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen legte er im Protest
gegen die jeder ökonomischen Vernunft widersprechenden Beschlüsse der
Pariser Vorortkonferenz nieder und rechnete danach in beißendem Ton mit
den seiner Ansicht nach sachlich falschen Entscheidungen ab.
Auch in den folgenden Jahren war Keynes zumeist in einer Art Minderheitenposition;
die Wirtschaftspolitik der britischen Regierungen der
Zwischenkriegszeit folgte mit ihrer Orientierung am Goldstandard der Vorkriegszeit
keineswegs seinen Vorstellungen. In eine bessere Lage kam er erst,
als er mit seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes
von 1936 eine neue Art der ökonomischen Analyse vorlegte, die eine aktive
wirtschaftliche Rolle des Staates theoretisch und normativ herleitete: Damit
war auch in der ökonomischen Theorie eine zuvor unvorstellbare Aufwertung
des Experten für das wirtschaftspolitische Handeln des Staates begründet.
Während in der Wissenschaft die Aufnahme dieses Buches eher gemischt
war, hatte die Wirtschaftspolitik in zahlreichen Staaten Keynes' Lehre längst
realisiert.[12] Die Abkehr vom Goldstandard und von einer liberalen Wirtschaftspolitik
war weltweit fast durchgängig in den frühen dreißiger Jahren
vollzogen worden. Der Liberalismus schien theoretisch wie praktisch am
Ende. Keynes gab dem, was sich praktisch überall durchsetzte, eine schlüssige
theoretische Begründung. Die nationalsozialistische, kreditfinanzierte
Aufrüstung in Deutschland war eine Art Lackmustest auf die Richtigkeit
von Keynes' Annahmen – und schien sie zu bestätigen! Der Keynesianismus
jedenfalls – allein diese Wortbildung zeigt, wie schnell sich aus einer Expertenmeinung
eine ganze Denkschule entwickelte – beherrschte die Nachkriegsjahre,
zumindest in der Form der neoklassischen Synthese, und sie gab
den Hintergrund für den Aufstieg der Wirtschaftswissenschaft zur Leitwissenschaft
ab – Alexander Nützenadel hat von der "Stunde der Ökonomen"
gesprochen.[13]
Für die Bundesrepublik galt das zunächst allerdings nicht. Hier hatte
man von einer zu starken Rolle des Staates in der Wirtschaft fürs Erste genug.
Mit Ludwig Erhard kam eine Art Galionsfigur des Neoliberalismus
an die Spitze der Wirtschaftspolitik. Erhard war kein Experte im strengen
Sinne, da er die notwendige wissenschaftliche Qualifikation nicht besaß und
auch keineswegs den Typus des Wissenden verkörperte.[14] Solange die Wirtschaft
boomte und Erhard Autobahnabschnitt um Autobahnabschnitt eröffnen
konnte, interessierte das freilich niemanden, und Erhard konnte sich des
allgemeinen Beifalls zu seiner Wirtschaftspolitik und ihren Grundgedanken
sicher sein. Mit der Krise 1966 / 67 und der in der Tat dilettantischen Wirtschaftspolitik
in ihrem Vorfeld war sein Nimbus freilich dahin.
Erhards Sturz besiegelte das Schicksal einer liberalen ökonomischen Konzeption
in der Bundesrepublik – zumindest für die kommenden Jahre. Denn
nun kam Karl Schiller als Minister ans Ruder, ein Universitätsprofessor
mit großem Selbstbewusstsein, der Wirtschaftspolitik als angewandte Wirtschaftswissenschaft
begriff. Er setzte an die Stelle von Erhards konzeptionsgestütztem
Nichtstun[15] die staatlich inszenierte Globalsteuerung, die, da
war er sich sicher, allein den komplexen Abläufen einer modernen Ökonomie
gerecht werden konnte. Deren Entwicklung im Gleichgewicht zu halten war
seiner Überzeugung nach bei richtiger Politik möglich; es galt nur die widerstrebenden
Interessen durch die überlegene Expertise zu disziplinieren.
Die "Konzertierte Aktion", 1968 ins Leben gerufen, war geradezu der
bürokratisch-institutionelle Ausdruck einer Art keynesianischen Expertise,
mit der der Magier Schiller – das "magische Viereck" aus Wachstum, Preisstabilität,
Vollbeschäftigung, ausgeglichener Außenwirtschaftsbilanz war
mittlerweile das erklärte Ziel staatlichen Handelns – die widerstreitenden
Interessen zu orchestrieren suchte. Das gelang auch; die Gewerkschaften fügten
sich 1968 / 69 den vorgegebenen Produktivitätsspielräumen in der Lohnpolitik,
doch dummerweise spielte die reale Wirtschaft nicht mit, in der die
wirtschaftliche Gesamtleistung und die Inflation derart zulegten, dass die
Gewerkschaften die Gelackmeierten waren.[16]
Die siebziger Jahre wurden weltweit zu einer Zeit des Abgesangs auf
derartige Vorstellungen ökonomischer Expertise. Nun zeigte nämlich der
Keynesianismus seine Achillesferse, da unter den Bedingungen intensiven
Strukturwandels und sinkender Wachstumsraten allein eine monetäre Stimulierung
nicht ausreichte, vielmehr die Staatsschuld zunahm und die Arbeitslosigkeit
ebenfalls stieg. Es kam zur "großen Ernüchterung"; die lange
in den Hintergrund gedrängte Expertise der "Liberalen" fand in der Politik
wieder Gehör.[17] Ähnlich wie die keynesianisch geprägte Position in der
Nachkriegszeit vom weltweiten Aufschwung getragen wurde, war die Wiederkehr
des Liberalismus eine Folge des wirtschaftlichen Strukturwandels
der siebziger Jahre und des Versagens der keynesianischen Regulierungspolitik.
Und in ganz ähnlicher Weise machte auch die große Wirtschaftsund
Finanzkrise der Jahre seit 2008 der sogenannten neoliberalen Konzeption
den Garaus. "Keynes: Der Meister ist zurück", jubelte sein Biograph
Robert Skidelsky im Jahre 2010; und selbst über Karl Marx sind nun wieder
Bücher mit dem bezeichnenden Untertitel zu lesen, warum er "recht
habe".[18]
Mit der modernen ökonomischen Expertise ist das mithin so eine Sache.
Sie entstand spätestens dann, als politisches Handeln ohne wirtschaftliche
Rückversicherung nicht mehr möglich, zumindest nicht mehr kommunizierbar
schien. Zunächst richtete sie sich vor allem gegen die vermeintliche
Privilegienwirtschaft und die damit verbundene Ineffizienz des Merkantilismus.
Ein positives Programm gab es anfangs noch nicht. Sie hielt – unbeirrt
von aller sozialistischen Kritik – daran fest, dem Staat zu Vertrauen in die
Selbstregulierungsfähigkeit der Ökonomie zu raten. Der ökonomische Erfolg
erweitere dann auch den Wohlstand und damit die Handlungsfähigkeit
des Staates. Die Fallhöhe einer derart zurückhaltenden Expertise war nicht
groß – aus dem 19. Jahrhundert sind zumindest aus dem liberalen Lager
auch keine scheiternden Expertenkarrieren überliefert.
In die mit dem Ersten Weltkrieg verbundene Krise der liberalen Expertise
hinein formulierte John Maynard Keynes dann eine folgenreiche Gegenexpertise,
die die Lage grundstürzend änderte. Jetzt war Steuerung möglich
und nötig; jetzt waren Experten gefragt, die, wenn sie schon nicht das Steuer
ergriffen, doch entscheidende Lotsendienste übernehmen konnten. Das
führte zu einem breiten Aufschwung des Expertenwesens, ja zu seiner Institutionalisierung
in den 1960er Jahren, die auch dann nicht zurückgenommen
wurde, als die keynesianischen Steuerungsmodelle in den siebziger
Jahren Schiffbruch erlitten. Die Tiefe des Absturzes des Keynesianismus in
jenen Jahren war insofern auch das Ergebnis eines zuvor formulierten Anspruchs.
Einer derartigen Hybris verfiel der Liberalismus nicht, auch wenn
seine erneuerten Varianten in der Nachkriegszeit dazu neigten, ähnlich umfassende
Ansprüche aufzustellen: Handele der Staat nur richtig im Sinne der
liberalen Theorie, würden die Märkte schon reibungslos und perfekt funktionieren.
Der Absturz 2008 war insofern nicht weniger dramatisch als das
Scheitern des Keynesianismus in den siebziger Jahren.
Seit dem Ersten Weltkrieg gibt es also eine Pendelbewegung. Der Status
der Expertise steht seit dem 18. Jahrhundert zwar fest, aber keineswegs, welche
Art der Expertise gefragt ist. Sieht man von der grundsätzlichen Systemkritik,
die immer mitschwingt und eher den Untergang prognostiziert als
das Funktionieren zu begleiten, einmal ab, gibt es zwei Varianten, die als gesichertes
Wissen um die Ökonomie auftreten und in der politischen Kommunikation
um den Status der privilegierten Expertise konkurrieren: liberale
Zurückhaltung zum einen und keynesianischer Interventionismus zum
anderen. Der jeweilige Status als Expertise hängt dabei keineswegs allein
von der wissenschaftlichen Plausibilität ab, auch wenn diese eine bedeutende
Rolle spielt. Der Experte aber ist jemand, der außerhalb der Wissenschaft
Gehör finden will – und dort wird eben nicht nach theorieinternen Kriterien
geurteilt. Da geht es vielmehr vor allem um Passgenauigkeit. Jene Expertise
ist im Vorteil, die von der wirtschaftlichen Realität bestätigt erscheint
oder zumindest nicht widerlegt wird. Solange dies der Fall ist, bedient sich
die Politik der angebotenen Expertise je nach Gusto. Ändert sich der reale
Bezugsrahmen, verschieben sich auch in der Auswahl der Expertise die
Gewichte. Die nunmehr von der Realität nicht mehr oder nicht mehr vollständig
approbierten Varianten gehen allerdings nicht vollständig unter,
sondern werden in eine Art Expertisenvorratskeller beziehungsweise in die
Universitätsseminare abgeschoben, wo sie dann auf ihre Wiedergeburt warten.
Das Schicksal im Expertisenkeller ist dabei manchmal ganz kommod,
manchmal aber auch ärgerlich, sodass sich hieraus dann die kritischen Stimmen
der Heterodoxie, die Warnungen und auch die apokalyptischen Vorhersagen
speisen, die normalerweise ungehört bleiben oder nur dort gehört werden,
wo man sie ohnehin erwartet. Im Keller der ungenutzten Expertisen
kann man nur auf die nächste größere Krise hoffen, die dem konkurrierenden
Angebot zumindest vorläufig das Genick bricht.
Für die Expertise ist das im Grunde nicht schlimm, zumal ihre Anhänger
die Kellerjahre der Theorie zum Tuning benutzen können, mit entsprechenden
Runderneuerungen wie Neokeynesianismus, Neomarxismus, Neoliberalismus,
Neoricardianismus, Neomerkantilismus etc. pp. Rudolf Hilferding
etwa glaubte in den Jahren nach 1900, Marx modernisieren zu müssen, in
den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete Milton Friedman an einer Erneuerung
des Liberalismus, in den achtziger und neunziger Jahren gab es
entsprechend zahlreiche Versuche, Keynes wieder aktuell zu machen. Hilferdings
Vorstellung einer Transformation des "organisierten Kapitalismus"
erlebte in den zwanziger Jahren eine Wiedergeburt; auch zahlreiche neokeynesianische
Varianten werden derzeit diskutiert. Man muss abwarten, wie
sich die ökonomische Lage entwickelt. Sicher scheint jedenfalls, dass im Moment
der Neoliberalismus, der ja auch schon eine reformulierte Variante des
älteren Liberalismus ist, im Keller sitzt – und irgendwann getunt wieder
hervorkommen wird.
Die Akzeptanz ökonomischen Wissens ist – zumindest außerhalb der
Ökonomie – weitgehend davon abhängig, dass es konjunkturelle und strukturelle
Bestätigung findet, sonst ist es in der politischen Kommunikation
relativ wertlos. Recht zu haben, aber erfolglos zu sein, ist in der Politik kein
wirklich gutes Argument. Diese Anfälligkeit der ökonomischen Expertise
für ihre Umstände hängt mit ihrem grundsätzlichen Charakter zusammen,
Wissenschaft und Kunstlehre zugleich zu sein. Das zeitweilige Scheitern der
Sätze einer Kunstlehre, die als Wissenschaft zugleich den konjunkturellen
und strukturellen Wandel plausibilisiert, der ihr eigenes Auf und Ab als
Expertise begründet, ist geradezu eine Ironie des Faches. Sie kann sich für
den Experten freilich als Tragik erweisen: Er muss seine Kunstlehre im Gestus
des Überzeugten vortragen, kann dabei aber jederzeit von der Realität
des ökonomischen Prozesses überholt werden. Ihrer tragischen Rolle als Helden
auf Abruf sind sich die Experten wohl selten bewusst. Vielmehr herrscht
politische Absicht oder Naivität – eine Naivität, die vielleicht sogar notwendig
ist, um als Experte nicht zu verstummen. Ökonomische Expertise geht
also nicht unter, sondern passt zur Lage oder auch nicht. Das häufige Scheitern
ihrer Ratschläge haben die Ökonomen selbst immer wieder bemerkt,
führten es aber weniger auf das strukturelle Problem als auf fehlerhafte Expertisen
oder die Dummheit der Politik zurück.[19]
Das Ansehen der Experten und die Bedeutung der Expertise haben unter
diesem Auf und Ab insgesamt nicht gelitten, auch wenn die alte Aura, die
etwa der "Rat der fünf Weisen" in den sechziger Jahren noch hatte, verflogen
ist. Die Politik weiß um die Problematik der Expertise, kann auf sie aber
doch nicht verzichten – und sei es, um in der öffentlichen Meinung Kompetenzvorteile
zu erzielen. Deshalb ist glaubwürdige Gegenexpertise, wie zuletzt
im Bereich der Eurorettung zu sehen, durchaus ernst zu nehmen. Auf
diese Gegenexpertise kann man wiederum nur durch eine andere Expertise
reagieren: Das reine Bestreiten der Expertise durch Nichtexperten wäre eben
nicht glaubwürdig. Und schließlich kennt man zwar den Pendelschlag der
Expertise aus der Vergangenheit, weiß aber nicht, ob sich das in Zukunft
so fortsetzen muss. Politische Kommunikation hat kaum Chancen, sich auf
bloße Beobachtung zurückzuziehen und den Wandel der Meinungen gelassen
zu verfolgen. Man muss Expertise ernst nehmen, auch wenn man um
ihre Fragilität weiß. Ihr Status ist immer prekär, aber sie ist unverzichtbar.
Riskant ist das vor allem für den Experten, den seine Naivität schützt – oder
sein Honorar.
- [1] Lisa Nienhaus, Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden.
- [2] Charles Tilly, Coercion, Capital, and European States. AD 990-1990, Cambridge: Blackwell 1990.
- [3] Vgl. Wolf-Hagen Krauth, Wirtschaftsstruktur und Semantik. Wissenssoziologische Studien zum wirtschaftlichen Denken in Deutschland zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert, Berlin: Duncker und Humblot 1984.
- [4] Diese Überlegungen nach Hinweisen von Roman Köster, dem ich dafür zu Dank verpflichtet bin.
- [5] Ich verwende den Begriff hier bewusst in Anlehnung an die seinerzeitige Bezeichnung des Philosophen als "Weltweisen", denn die Ökonomie ist, zumindest in ihrer Genealogie, zu einem wesentlichen Teil "säkularisierte" praktische Philosophie.
- [6] Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, Band 1. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1965.
- [7] Reinhart Koselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848, Stuttgart: dtv 1989.
- [8] Vgl. Werner Plumpe, Der Gründerkrach, die Krise des liberalen Paradigmas und der Aufstieg des Kathedersozialismus, In: Werner Plumpe / Joachim Scholtyseck (Hrsg.), Der Staat und die Ordnung der Wirtschaft, Stuttgart: Steiner 2012.
- [9] Moritz Julius Bonn, So macht man Geschichte, München: List 1953.
- [10] Vgl. Roman Köster, Die Wissenschaft der Außenseiter. Die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2011.
- [11] Zitiert nach Charles H. Hession, John Maynard Keynes. Stuttgart: Klett-Cotta 1986.
- [12] Vgl. Wolfgang Schivelbusch, Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal, München: Hanser 2005; Barry Eichengreen, Golden Fetters. The Gold Standard and the Great Depression 1919-1939, Oxford University Press 1992.
- [13] Alexander Nützenadel, Die Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2005.
- [14] Vgl. die mitunter bissige Darstellung bei Volker Hentschel, Ludwig Erhard. Ein Politikerleben, München: Olzog 1998.
- [15] Immerhin konnte sich Erhard ja auf Konzepte wie das des Ordo- beziehungsweise des Neoliberalismus und das der Sozialen Marktwirtschaft berufen, die allerdings ähnlich wie die liberale Wirtschaftstheorie des 19. Jahrhunderts dem Staat im Grunde zur Zurückhaltung rieten. Vgl. Dieter Grosser u.a., Soziale Marktwirtschaft: Geschichte, Konzept, Leistung, Stuttgart: Kohlhammer 1988.
- [16] Vgl. Tim Schanetzky, Sachverständiger Rat und Konzertierte Aktion. Staat, Gesellschaft und wissenschaftliche Expertise in der bundesrepublikanischen Wirtschaftspolitik. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Nr. 3, 2004.
- [17] Tim Schanetzky, Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Gesellschaft und Expertise in der Bundesrepublik 1966-1982, Berlin: Akademie 2006.
- [18] Robert Skidelsky, Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert, München: Kunstmann 2010; Terry Eagleton, Warum Marx recht hat, Aus dem Englischen von Hainer Kober, Berlin: Ullstein 2012.
- [19] Von Politikern hielt John Maynard Keynes, der sich im englischen Betrieb gut auskannte, wenig. Seine Erfahrungen im India Office der britischen Regierung, wo er vor 1914 mit Währungsfragen befasst war, brachten ihn im September 1911 in einem Brief an seinen Freund, den Kunstmaler Duncan Grant, zu folgendem Urteil: "Du hast vermutlich noch nie mit Politikern auf engem Raum zusammengelebt. Sie sind die Pest. Manche von ihnen gehören vermutlich seit jeher zum Abschaum, aber ich habe etwas festgestellt, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte – dass Politiker sich im Privatleben genauso verhalten und genauso äußern wie in der Öffentlichkeit. Ihre Dummheit ist unmenschlich." (Zitiert nach Hession.)
Published 2012-10-31
Original in German
First published in Merkur 9-10/2012 (German version); Eurozine (English version)
Contributed by Merkur
© Werner Plumpe / Merkur
© Eurozine




















