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Wie ich zum Tschechen und Slowaken wurde


Jeden Sommer verbrachten wir unsere Ferien auf dem Lande, im Haus unserer Großeltern in der Nähe der Stadt Lutsk. Wir waren viele, die gesamte weitere Familie: mein Bruder und ich, unsere Kusinen und Vettern, ihre und unsere Eltern und, natürlich, Oma und Opa. Wir genossen unsere Ferien, das Angeln und Schwimmen, das Fußball- und Kartenspielen, das Schütteln übervoller Obstbäume und die Gespräche am magischen Feuer bis nach Mitternacht.

Ich war 15 und kümmerte mich nicht sonderlich um Politik. Es gab in unserer Datscha nicht einmal einen Fernseher – wir brauchten keinen. Der Großvater und die Eltern hörten allerdings sowjetisches Radio und die "Stimmen", wie man damals ausländische Sendungen nannte, und so sorglos wir – in unserem goldenen Alter, unserer goldenen Zeit – auch waren, entging uns doch nicht, dass etwas nicht stimmte. Am äußersten Rand unseres Bewusstseins, unseres Sichtfeldes und Gehörs, tauchten bedrohliche Wörter wie "sowjetische Bedrohung", "Ultimatum" und "Konterrevolution" auf. Und wir spürten, dass es diese Wörter waren, die unsere Eltern in Anspannung versetzten und dazu zwangen, das Thema zu wechseln und in Schweigen zu verfallen, wenn wir uns näherten. Sie waren Sowjetbürger, wir Sowjetkinder, und sie wollten nicht, dass wir ihren politischen Gesprächen lauschten. Aber wir spürten, dass etwas in der Tschechoslowakei schiefging und jeden Moment so etwas wie ein Krieg ausbrechen konnte, so unglaubwürdig das angesichts unserer vergnüglichen Sommerferien unter einem sonnigen, blauen Himmel auch erscheinen mochte.

Als die Sowjets dann in die Tschechoslowakei einmarschierten, erlebten wir unsere Eltern völlig deprimiert, als wären sie selbst Tschechen und Slowaken, als wäre es ihre Regierung, die gestürzt und ihr Land, das abermals von Fremden geschändet wurde. Merkwürdigerweise waren wir von ihrer Haltung nicht überrascht.

Unsere Eltern waren keine Dissidenten, sie hegten jedoch, wie die meisten Westukrainer, wenig Sympathie für die Sowjets, für Moskau und den Kommunismus. Wie die Mehrzahl der Westukrainer zeigten sie sich dem Regime gegenüber nach außen hin loyal und nahmen, wie verlangt, an allen öffentlichen Ritualen teil. Unter sich jedoch sparten sie nie mit bitteren Bemerkungen über das System, die Behörden und den sowjetischen way of life. Es lag wohl nie in ihrer Absicht, dass aus uns Kindern programmatische Antisowjets werden sollten. Das hätte für unsere Gegenwart gefährlich und für unsere Zukunft schädlich werden können. Aber sie verrieten mit ihren Worten, Mienen und Gesten genug, dass wir nicht umhin konnten, ihre Verachtung für das System und ihre tiefe Entfremdung von all seinem symbolischen Ballast zu spüren.

Als ich mich für Eishockey zu interessieren begann, fiel mir sofort auf, dass weder mein Vater noch mein Onkel je die mächtige sowjetische Starmannschaft unterstützten. Im Gegenteil, stets drückten sie deren Gegnern die Daumen, wer immer es war – ob Schweden oder Finnen, Kanadier oder sogar die Schweizer. Obwohl die Sowjets damals unbesiegbar schienen, wünschten wir von ganzem Herzen, aus tiefster Seele und mit aller Inbrunst, dass sie geschlagen würden. Und als dies schließlich geschah, als die wunderbare tschechoslowakische Mannschaft sie bei der Weltmeisterschaft von 1969 vom Eis fegte, waren wir im Himmel der Glückseligkeit. Wir weinten, wir küssten einander und schüttelten uns die Hände; in diesem Augenblick waren wir Tschechen und Slowaken. Wir hatten eine Revanche bekommen für alles – für die Panzer in Prag ebenso wie für Muravyovs Einmarsch in Kyiv, für den betrügerischen Vertrag von Pereyaslav, die Niederlage in der Schlacht bei Poltava und die Plünderung von Baturyn, für den Großen Hunger von 1933 (Holodomor) und die Unterdrückung der unierten ukrainischen Kirche und, und, und ...

II

Meine intellektuelle Entwicklung beschleunigte sich in jenen Jahren. 1970, im letzten Jahr der Oberschule, hatte ich bereits Zugang zur Untergrundliteratur und kannte die vielfältigen Tendenzen des Samvydav (das ukrainische Pendant zum russischen Samisdat). Es waren keineswegs meine Eltern, die mir all diesen gefährlichen Stoff besorgten, vielmehr meine Lehrerin. Oder, genauer gesagt, die Schulbibliothekarin – eine namhafte ukrainische Schriftstellerin und Intellektuelle, Iryna Kalynets, die nach langer, politisch bedingter Arbeitslosigkeit schließlich eine untergeordnete Stelle an unserer Schule bekommen hatte.

Mit wachem Blick bemerkte sie mein Interesse an guter Literatur und tat ihr Bestes, um es sowohl aus offiziellen wie inoffiziellen Quellen zu stillen. Interessanterweise waren darunter auch einige tschechoslowakische Publikationen des Prager Frühlings. Vor allem war da eine zweimonatlich in Presov erscheinende Kulturzeitschrift namens Dukla, die offiziell für die ukrainische ("ruthenische") Minderheit in der Ostslowakei gedruckt wurde, und ein paar ukrainische Bücher vom selben Verlag, darunter nichtsowjetische ukrainische Schriftsteller wie Bohdan-Ihor Antonych und Volodymyr Vynnychenko, die in der Sowjetunion verboten waren.

Die Dukla-Nummern von 1968 boten einen umfassenden Überblick über die zeitgenössische tschechische und slowakische Literatur und, wichtiger noch, über die aktuelle Politik in der Tschechoslowakei. Sie enthielten alle wichtigen Dokumente des Prager Frühlings in ukrainischer Übersetzung. Sie belegten eindeutig, dass es keine "Konterrevolution" gab, wie die sowjetische Propaganda behauptete, vielmehr einen ehrlichen (und, wie ich später begriff, ziemlich naiven) Versuch, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" aufzubauen.

Die Dokumente waren für mich von größtem Wert, da immer mehr meiner Freunde von ihrem Dienst in der Sowjetarmee heimkehrten, wo man ihnen das Gehirn gewaschen hatte: Sie waren überzeugt, die Invasion sei notwendig gewesen, weil die westdeutsche Armee angeblich kurz davor gestanden hätte, die Grenze zu überschreiten, und die verräterische konterrevolutionäre Regierung in Prag sich verschworen hatte, sie ins Land zu holen.

Als nächstes lernte ich Tschechisch und Slowakisch (das Slowakische fiel mir leichter, da es dem Ukrainischen viel näher steht), und ich las die Bücher und Zeitschriften des Prager Frühlings im Original. Ironischerweise stammten viele davon nicht nur aus dem Privatbesitz von Kollegen, sondern auch aus öffentlichen Bibliotheken und sogar aus entlegenen Provinzbuchläden, die "Druzhba" (Freundschaft) genannt wurden. Dort lagen Ivan Klima und Miroslav Holub friedlich neben den gesammelten Werken Ho Chi Minhs und des mongolischen Führers Tsedenbal und setzten Staub an. Die Sowjets fingen erst im August an, tschechische und slowakische Bücher und Zeitschriften zu zensieren, nachdem die Truppen des Warschauer Pakts das Land besetzt hatten. In dieser Hinsicht kann man die bürokratische Starrheit und Ineffizienz des Sowjetsystems, das zu spät und zu unbeholfen reagierte, nur preisen. Das wiederholte sich, als die Sowjets 13 Jahre später polnische Bücher und Zeitschriften erst zensierten, nachdem General Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen hatte.

Gott segne die Sowjetideologen für ihre Trägheit und Dummheit, hätte ich doch sonst nie in den 1970er Jahren Hrabal, Kundera und Skvorecky lesen können. Noch hätte ich die konzeptualistische Dichtung von Ladislav Novak ins Ukrainische übersetzt und daraus ein hübsches Samvydav-Buch mit Vlodko Kaufmans provokanten Illustrationen gemacht.

Die lauthals verkündete tschechoslowakische "Normalisierung" der 1970er Jahre fand in der Ukraine eine seltsame ideologische Entsprechung in einem weiteren Schlag gegen den "ukrainischen bürgerlichen Nationalismus", der 1972/73 zu Massenverhaftungen, umfassenden Säuberungen von Kultur- und Bildungsinstitutionen und einem weiteren Anziehen der Russifizierungsschrauben führte. Die persönlichen Kontakte, die sich während der 1960er Jahre zwischen ukrainischen und tschechoslowakischen Dissidenten entwickelt hatten, wurden durch massive Repression und alle möglichen Restriktionen auf beiden Seiten praktisch gekappt. Damals ahnte ich nichts von diesen Kontakten, obwohl mir wohlbewusst war, dass ohne die Mitwirkung einiger slowakischer Ukrainer aus Presov, Kosice oder Bratislava weder Dukla noch ukrainischsprachige Bücher aus der Ostslowakei in unserem Milieu hätten auftauchen können.

Erst heute, da die Briefe und Memoiren tschechischer und ukrainischer Dissidenten veröffentlicht werden, kann ich die informellen Kontakte zwischen Kyiv und Prag würdigen und die prominente Rolle, die vor allem Zina Genyk-Berezovska und einige andere Tschechen ukrainischer Herkunft in diesen unsicheren Beziehungen spielten – Erben der ukrainischen Emigration in den 1920er Jahren nach dem Sieg der Bolschewiki.

Meine erste Auslandsreise unternahm ich 1987/88 – sobald mir die Perestroika die Reisefreiheit gebracht hatte – in die Tschechoslowakei. In Prag hielt man mich, als ich mich mit meinem Tschechisch mühte, für einen Polen; als ich in Bratislava Slowakisch zu sprechen versuchte, hielt man mich für einen Jugoslawen. Niemand vermutete in mir einen Ukrainer oder Sowjetbürger, oder – Himmel hilf! – gar einen Russen. Ich wusste allerdings, dass nicht nur Russen, sondern auch Ukrainer in der Sowjetarmee gewesen waren, die 1968 die Tschechen von den Tschechen "befreit" hatte. Wäre ich nur ein paar Jahre älter gewesen, hätte auch ich unter ihnen sein können. Gott hat mir diese persönliche Schande erspart, nicht aber die nationale.

Ich fand sowohl in Bratislava wie in Prag Freunde und brachte ihnen säckeweise "subversive" Literatur mit – war es doch, wie kurzlebig auch immer, eine einzigartige Phase der Geschichte, als mein Land offener, liberaler und politisch fortschrittlicher war als das ihre. Wir tranken Bier in Prag und Weißwein in Bratislava, und ich erzählte ihnen unglaubliche Geschichten über Texte, die bei uns legal veröffentlicht, über Themen, die offen diskutiert und über öffentliche Veranstaltungen, die ohne offizielle Erlaubnis durchgeführt wurden. Auch sie wünschten sich eine Perestroika, und ich machte ihnen Mut – es war wirklich eine Zeit großer Erwartungen.

Als es ein Jahr später wirklich dazu kam, war das so großartig und elegant und unglaublich wie der legendäre Sieg ihres Hockeyteams 1969. Es war wirklich die Macht der Machtlosen, die sich hier Geltung verschaffte. Und wieder fühlte ich mich für einen kurzen, aber einen der glücklichsten Momente meines Lebens als Tscheche. Und als Slowake. Und als Pole. Und als Ungar.

Dann, Anfang Dezember, befand ich mich mit einem Kollegen in der Warschauer Wohnung von Adam Michnik und wartete auf ein lange verabredetes Interview. Der Gastgeber hatte sich verspätet, und Adams Gattin servierte uns Tee und entschuldigte sich, und dann kam Adam, nein, er sprang aufgeregt herein und posaunte es wie ein Kind heraus: "Wypierdolili Ceausescu!" Dies war offensichtlich ein wichtiges Ereignis in seinem Leben, die Verwirklichung eines großen Traums, der Sieg seines ohnmächtigen Teams über ein mächtiges totalitäres Ungeheuer. Er war in diesem Augenblick Rumäne, und wir mit ihm.

Ich weiß nicht, wie viele Tschechen, Slowaken und Polen sich vor ein paar Jahren während der Orangen Revolution als Ukrainer fühlten. Aber ich hoffe, dass es einige taten. Und das ist bislang alles, worum es in unserer osteuropäischen Geschichte geht.


Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Transit (Nr. 35, Sommer 2008).

 



Published 2008-05-16


Original in English
Translation by Andreas Simon dos Santos
First published in Transit 35 (2008)

Contributed by Transit
© Mykola Riabchuk/Transit
© Eurozine
 

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