"Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben"
Trauma-Ontologie und anderer Miss-/Brauch von Traumakonzepten in geisteswissenschaftlichen Diskursen. Teil II
Serial
Harald Weilnböck
"The trauma must remain inaccessible to memory" Part I
"The trauma must remain inaccessible to memory" Part II
"The trauma must remain inaccessible to memory" Part III
Dr. Gutherz ist sich nicht ganz sicher, ob sein Freund hier nicht eine recht eigenwillige Sicht der Dinge vorträgt. Der hingegen vermag immerhin auf einige Artikel zu verweisen, welche zumindest andeutungsweise in diese Richtung gehende Anmerkungen enthalten: einen von Annegret Mahler-Bungers über Gedichte Paul Celans, in dem sie sehr treffend den poststrukturalistischen Philosophen Jean-François Lyotard für seine Ontologisierung von "Trauma" als Grundlage und Existenzial des menschlichen Geistes kritisiert. Dabei geht Mahler- Bungers davon aus, dass solche ontologisierenden Denkfiguren de facto weniger als wissenschaftlich brauchbare Theorieentwürfe denn als selbst erklärungsbedürftige, symptomatische Phänomene zu bewerten sind – und eventuell auch als post-traumatische Reaktionen (2000, S. 31). Mahler-Bungers baut hierbei auf den Historiker Dominick LaCapra auf, der es als einer von wenigen bereits in den frühen Neunzigerjahren vermocht habe, die Eigentümlichkeiten und Tücken der postmodernen Denkschulen hervorzuheben. Bereits damals schrieb LaCapra, dass "die Postmoderne als solche nicht zelebriert, sondern psychologisch durchgearbeitet werden sollte, als Verdrängung, Verschleierung und bisweilen Verzerrung" von zeitgeschichtlicher Gewalterfahrungen, vor allem "von Aspekten der Shoah" (La Capra, 1994, S. 98, Übers. H.W.).
Angesichts dieser wenigen, aber dezidiert kritischen Stimmen über die postmoderne Ontologisierung des Traumas erinnert sich Dr. Gutherz an Weinbergs apodiktische Aussagen darüber, dass das "Trauma dem Gedächtnis immer schon eingeschrieben [ist]" und dass es "doch gerade deshalb unverfügbar bleiben [muss]". Denn auch diese klerikal anmutenden Sätze scheinen in der Tat eher geglaubt als verstanden und/ oder gar diskutiert werden zu wollen. Auch das prinzipielle Desinteresse an der menschlichen Psyche, das sein Freund hervorhob, war ja bei Weinberg sogar explizit formuliert worden. Im Ganzen jedoch empfindet Dr. Gutherz das Urteil seines Freundes als sehr hart und überzogen, als unangemessen angesichts dieser zwar verwirrenden und manchmal zwiespältigen, aber doch auch sehr anregenden Artikel. Nichtsdestoweniger will Dr. Gutherz einen der Hinweise seines Freundes beherzigen und sich fürderhin auf die begrifflich ernsthafteren und sachlich fundierteren Arbeiten konzentrieren, die auch die moderne, klinisch fundierte Psychoanalyse und Psychotraumatologie sowie die Psychohistorie und Sozialpsychologie heranziehen.[1]
Dr. Gutherz greift also zu einem Buch, das von dem Historiker Jörn Rüsen und dem Sozialpsychologen Jürgen Straub herausgegeben wurde und an dem auch klinisch erfahrene Autor/innen beteiligt sind. Hier findet er in der Tat zahlreiche sehr aufschlussreiche Beiträge z.B. über die bewusstseinsfernen Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe von Psychotrauma-Effekten zwischen Eltern und ihren Kindern wie auch über weitere klinische und gesellschaftliche Belange von Gewalt- und Traumabearbeitung. Einer der eher kultur- und geschichtswissenschaftlich orientierten Artikel findet Dr. Gutherzens besondere Beachtung. Denn der Historiker Michael S. Roth trägt eingangs eine entschiedene Kritik der – wie er es nennt – "übertriebenen Auffassung" von dekonstruktivistischen Autoren/innen vor, dass "Geschichte insgesamt irgendwie traumatisch [sei]" (1998, S. 170). Roth konstatiert, dass dergleichen theoretische Ansprüche inhaltlich vollkommen leer seien und fordert die Entwicklung eines differenzierten Modells darüber, wie Menschen individuell und im gesellschaftlichen und medial-narrativen Kontext mit ihren persönlichen Erinnerungen und biographischen Herausforderungen umgehen.
Umso überraschender war es, als dann Roths Artikel selbst einigermaßen plötzlich ins Philosophische abschwenkte und,während seinDuktus sich verdüsterte und mitunter sogar einen zornigen Ton annahm, eine Art existenzieller Gefahr beschwor, die er in Heideggerscher Diktion als "etwas Be-drohliches" bezeichnete. Diese Bedrohung – das war das Verblüffendste für Dr. Gutherz – sah Roth ausgerechnet von den Prozessen der psychischen "Integration des Traumas" ausgehen (S. 167). Therapie als Be-drohung! Wie schon bei Weinbergs "Unverfügbarkeits"- Mahnung sieht Dr. Gutherz auch hier plötzlich die Kernbestimmung seines Berufs und seiner Berufung angegriffen, die ja in nichts anderem besteht, als traumatisierten Menschen bei der mentalen "Integration" des Erlittenen zu helfen. Roth hingegen, dem gleichwohl durchaus bewusst zu sein scheint, dass Therapie Leiden mindern und präventiv weitere Gewalt verhindern kann und soll, sagt oder vielmehr: rezitiert in beinahe feierlichem Ton: "Aber es geht etwas Be-drohliches von einer Integration " von traumatischer Erfahrung durch das Erzählen aus: "nämlich dass die schreckliche Vergangenheit durch die "vorhandenen psychischen Strukturen" gereinigt werden könnte" und somit die "Aura [des Traumas] zerstört" bzw. "seiner Einzigartigkeit beraubt" würde (S.167). Hierdurch nämlich drohe eine "Trivialisierung", "Normalisierung" und "Banalisierung des Traumas"; denn dieses würde allein um der "narrativen Lust" willen drangegeben (S. 168).
Das sind doch recht heftige Worte, stellt Dr. Gutherz – tief durchatmend – fest, zumal sie mit einer so plötzlichen und emphatischen Dynamik in einem Artikel auftauchen, der bis dahin eher nüchtern und vernünftig vorgetragen war. Vor allem ist Dr. Gutherz schleierhaft: Wie kann jemand die grundlegende menschliche Fähigkeit zum Geschichtenerzählen als eine beinahe anrüchige "narrative Lust" verdächtigen? Für Dr. Gutherz ist das Erzählen und Hören von selbst erfahrenen Erlebnissen, deren narrative Symbolisation, geradezu die Essenz von jeglicher Therapie – und im Grunde von aller Zivilisation überhaupt, und zwar nicht trotz, sondern wegen der mentalen "Integration", die allein das Erzählen erzielen kann. Auch weiß er sich darin in Übereinstimmung mit den neuesten Forschungen in verschiedenen narratologischen Forschungsfeldern (Weilnböck, 2006 a, b) Gewiss, Menschen die erzählen, verstricken sich selbst und andere in (Selbst-)Täuschungen, Illusionen und mitunter in bewusste Lügen, und alle Narration ist und bleibt Konstrukt. Doch dies ist unabdingbarer Teil dieses Geschäfts, und etwas besseres haben wir nicht; es sei denn, man wollte an metaphysisch oder ideologisch verbürgte "Wahrheiten" und essentialistische "Einzigartigkeiten " (des Traumas) glauben, und das war Dr. Gutherzens Sache nicht. Eines nämlich scheint ihm unfraglich: Menschen, die besten Willens über selbst erlebte Ereignisse zu erzählen versuchen, können sich und andere bei weitem nicht so leicht in die Irre führen, als wenn sie abstrakte Gedanken, Konzepte und Theoriemodelle entwickelten.
An diesem Punkt seiner Roth-Lektüre, bei jenem unschönen Wort über eine sünd- und ekelhafte "narrative Lust", geschah es auch, dass Dr. Gutherz sich selber dabei ertappte, wie er plötzlich in ganz argwöhnische und beinahe boshafte Stimmung geriet. Ist es denn nicht vielmehr, so rumorte es in ihm, eine spezielle "theoretische Lust" dieser Autoren, um die es hier geht und die in der Tat "be-drohlich" ist, und zwar für diejenigen, welche, freimütig und so gut sie können, eine Geschichte erzählen oder hören möchten, und die – trotz aller Schwierigkeiten dieses Tuns – über Erlittenes sprechen wollen? Stellt nicht vielmehr jede empirische Erzählung, jedes "verfügbar"-Machen von psychotraumatischer Erfahrung eine ultimative Be-Drohung dar für diese eigentümlich abstrakte und dann doch auch wieder energisch auftretende Art von Philosophie, die darauf angewiesen zu sein scheint, ihre Letztbegründungssätze von jeder empirischen Narration zu "reinigen"? Sind es nicht diese Denkgebäude selbst, die von der Angst umgetrieben werden, es könnte ihnen ihre "Einzigartigkeit [genommen]" werden oder sie würden durch allerlei Empirisches, Narratives und Psychologisches "relativiert", "trivialisiert" und "banalisiert"? Ist es nicht so, dass die Vertreter/innen dieser Denkschule, je energischer sie gegen narrative/s "Spiel", "Lust" und "Integration" ankämpfen, nicht auch desto mehr Angst erkennen lassen, ein freies mentales und narratives "Spiel" mit all demjenigen einzugehen, was ihnen selbst in ihren eigenen Lebensgeschichten an traumatischen oder trauma-korrespondierenden Erfahrungen zu erleben aufgegeben war? Und ist es also in dieser abwehr-dynamischen Logik nicht so, dass sich hieraus auch jene reaktive Furcht erklärt, von der eine Fußnote Roths zu Cathy Caruths Ansatz berichtete, die Furcht nämlich, die "wesentliche Genauigkeit und starke Wirkung" des Traumas könnte verloren gehen – und Erzählen könnte anheben? Ist dies nämlich nicht eigentlich die Furcht davor, die "Wirkung" seiner selbst als Autor/in auf die fest (doppel-)gebundene eigene Leserschaft einzubüßen, die zur psychischen Sicherung der eigenen Verhaltenheit – im Sinne der interaktionalen Abwehr (Mentzos, 1988) – unabdingbar ist? Geht es hier also nicht eigentlich um Mechanismen der Kontrolle und Macht – bzw. der machtgestützten psycho-dynamischen und -sozialen Abwehr?
Nun, an dieser Stelle fühlt sich der überaus gutherzig veranlagte Dr. Gutherz selbst ganz erschöpft von seinem unmäßigen Verdacht. Mag er sich selbst doch nicht sonderlich leiden, wenn er derart argwöhnisch und beinahe paranoid dahin gerät, andere auf die psychoanalytische Couch zu ziehen und zu "pathologisieren". Auch weiß er, dass dies nicht eben wohl gelitten ist, ja vielerorts skandalisiert wird, obwohl es doch eigentlich – wenn es vernünftig und ethisch eingesetzt wird! – in der besten Tradition von aufklärerischer (Selbst-)Reflexion steht, die hier nur eben auch um den bewusstseinsfernen, psycho-affektiven Sektor erweitert wäre. Und dafür ist "Pathologisieren" eigentlich das unrechte, diffamierende Wort. Aber sei"s drum. – Nachdem Dr. Gutherzens Erregung sich etwas gelegt hat, bemerkt er ohnehin, dass sein Zorn und analytischer Eifer wahrscheinlich größtenteils auf eine Übertragungsreaktion zurückgeführt werden kann. Sind doch, wo Thematiken von Gewalt und Psychotrauma berührt werden, unweigerlich immer auch Zorn und Eifer sowie die damit verbundenen bewusstseinsfernen Erfahrungen und Assoziationen der Bedrohung und seelischen Verletzung aufgerufen; und das trifft freilich auch auf die intellektuellen Diskurse darüber zu. Dies erkennend und zur Ruhe kommend, fällt Dr. Gutherz nun auch folgendes wieder ein: Roth und die anderen AutorInnen meinen es ja gut! Während sie die mentale "Integration" von Trauma zwar als "be-drohlich " verwerfen und das Erzählen anschwärzen, sind sie ja nichtsdestoweniger gleichzeitig auch von der hehren Absicht inspiriert, die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart vor dem Vergessen zu bewahren und deren Wiederholung entgegenzuarbeiten. An den lauteren Beweggründen hatte Dr. Gutherz zu keinem Zeitpunkt Zweifel. Unklar blieb ihm allerdings, warum diese sich in so eigentümlichen und mitunter bizarren Formen äußern.
Auf jeden Fall hat die plötzliche und energisch vorgetragene Herabwürdigung der "narrativen Lust" durch den sonst so besonnen schreibenden Roth Dr. Gutherz vorsichtig genug gemacht, um sich fürderhin endgültig auf Texte zu beschränken, die weniger philosophisch angelegt sind und eine stärkere Fundierung in klinisch-psychologischer Forschung aufweisen. Er greift also zu einer Ausgabe der renommierten psychoanalytischen Fachzeitschrift Psyche, und stößt dank glücklicher Fügung auf ein Sonderheft zum Thema "Vergangenheit in der Gegenwart – Zeit – Narration – Geschichte" (2003), welche in vieler Hinsicht auf ein früheres Sonderheft zum Thema "Trauma, Gewalt und kollektives Gedächtnis" (2000) verweist. Im ersteren dieser Hefte findet Dr. Gutherz einen sehr interessanten Artikel über Primo Levi, einen AuschwitzÜberlebenden und berühmten Autor von Holocaust-Literatur. Stefan Braese, der Verfasser des Artikels, argumentiert sehr überzeugend, dass für Levi das Arbeiten an einer besseren Integration dieses immensen Traumas auch die Aufnahme eines ko-narrativen Dialogs über die eigenen Erfahrungen implizierte – und zwar auch mit den Vertretern der Täternation. Der Artikel zeigt, wie Levi diesem Anliegen nachging, wie er dazu das Gespräch auch mit den Deutschen suchte und wie seine Initiative daran scheiterte, dass die wenigen deutschen Leser seines Buches, die überhaupt reagierten, hauptsächlich darum bemüht waren, ihre persönliche Mitverantwortung zu minimieren oder in abstrakter Weise auf ihr eigenes Leid zu verweisen. Eine empathische Offenheit für ein Gespräch über die Erfahrung eines Shoah-Überlebenden war hier jedenfalls nicht gegeben, und Braese sieht darin einen der Gründe, warum Levi 1987, also lange nach seinem Aufenthalt im Konzentrationslager, Suizid beging.
Diesen Artikel fand Dr. Gutherz sehr klar und überzeugend. Allerdings stolpert er irgendwo in dessen Mitte über ein, zwei Seiten mit exkursorischen theoretischen Überlegungen zum Trauma-Begriff, welche ihn wiederum sehr merkwürdige anmuteten. Braese zitiert hier Cathy Caruths Feststellung, dass, um psychotraumatisches Leiden zu mindern, die traumatische Erfahrung in "narrative Strukturen" übertragen werden muss – eine Aussage, die Dr. Gutherz erfreut aufnimmt, zumal sie sich zunächst von Weinbergs und Roths Zugang zu unterscheiden schien. Dann jedoch vollzieht Caruth einen energischen Schwenk: Die "Umwandlung des Traumas in narrative Erinnerung" hätte nämlich auch die bedenkliche Folge – und hier findet Gutherz jenen ihm bereits bekannten Satz Caruths im Original auf – , dass durch das Erzählen "die der traumatischen Erinnerung wesentliche Genauigkeit und starke Wirkung verloren gehen" würde, und damit auch seine "wesentliche Unergründlichkeit ". Darüber hinaus würde das Trauma auch seiner Qualität als "massiver Anschlag auf das Verstehen" an sich verlustig gehen; und dieser Verlust scheint für Caruth kurioserweise etwas ausdrücklich Negatives zu sein, das es zu verhindern gilt (Braese 2003, S.969). Am Ende des Artikels sinniert Caruth über die Frage, ob "das Spielen mit der Realität der Vergangenheit nicht einen Frevel an der traumatischen Erinnerung " darstellt. Für Dr. Gutherz ist das alles umso erstaunlicher, als diese theoretischen Exkursionen bei Braese – ähnlich denen in Roths Text – sehr abrupt auftauchen und ihm für die Argumentation seines ansonsten überzeugenden Artikels gänzlich unnötig schienen.
Dr. Gutherz weiß von seiner klinischen Arbeit her, dass das Verbalisieren von traumatischen Erfahrungen vor allem in der Anfangsphase einer Therapie für die Patient/innen nicht nur schwierig ist, sondern oft auch als ein untunliches, unzureichendes – nicht genügend "genaues" oder "adäquates" – Ausdrucksmittel für das entsetzliche Geschehen empfunden wird. Bisweilen sind die Patient/innen auch der Auffassung, dass das Erlebte grundsätzlich unfassbar bzw. nicht darstellbar sei – und vor allem: dass dies auch gut so wäre; denn, so würden sie in Caruths Theorem mit einstimmen, jede narrative Annäherung und jedes expressive "Spielen" kommt einem "Frevel an der traumatischen Erinnerung " gleich (ebd.). Jedoch blieb es für Dr. Gutherz von seiner klinischtherapeutischen Perspektive her unbegreiflich, wie man so vollkommen von der unbestreitbaren Tatsache absehen konnte, dass es für jegliche Heilung oder Linderung unerlässlich ist, traumatische Erfahrung zumindest bis zu einem gewissen Grad zur Sprache und Erzählung zu bringen und jenes erklärliche Gefühl, dabei ein Sakrileg zu begehen, zu überwinden. Ebenso unbegreiflich war ihm hier, wie schon bei Weinberg, dass man es als abträglich ansehen kann, wenn die traumatische Erinnerung ihre Genauigkeit und ihre starke Wirkung verliert. Caruth kann doch nicht suggeriert haben wollen, dass traumatisierte Individuen die "wesentliche Genauigkeit und starke Wirkung" ihrer traumatischen Erfahrung weiterhin spüren sollten. Und warum es bedauerlich sein sollte, wenn etwas seine Funktion als "massive[r] Anschlag auf das Verstehen" an sich verliert, entzog sich vollends Dr. Gutherz Vorstellungskraft. Ist ihm doch das "Verstehen" in der Tradition der Aufklärung und der selbstreflexiven Vertiefung der Analyse des Unbewussten eines der mächtigsten Hilfsmittel bei der besseren Integration dessen, was wir erlebt haben, sowie bei der Aufhebung des Kreislaufes von Gewalt und Leiden, der doch die unausbleibliche Folge von psychotraumatisch bedingtem Nicht-Verstehen ist.
Wie so oft, wenn geäußerte Gedanken unklar und (subjektive) Theorien paradox erscheinen, richtet Dr. Gutherz seine Aufmerksamkeit auf seine Wahrnehmungen im Bereich der sogenannten Gegenübertragung. Dies bedeutet, dass er vom Inhalt und der Logik der vorgetragenen Gedanken zunächst absieht und vielmehr auf die affektiven und assoziativen Wirkungen achtet, die diese auf ihn selbst als Gegenüber des Gesprächs oder Textes haben. Dieser Fokuswechsel hat sich erfahrungsgemäß überall dort als besonders aufschlussreich erwiesen, wo sich Äußerungen oder Diskurse durch persistierende Vagheiten und Widersprüchlichkeiten auszeichnen, und dies war ja auch hier in großem Maße der Fall. Auf dieser Betrachtungsebene nun vermag Dr. Gutherz wahrzunehmen, dass der von Caruth explizit vorgetragene Wunsch, die Fähigkeit zu besitzen und zu bewahren, einen "massiven Anschlag auf das Verstehen" auszuführen, neuerlich ängstigende Bedrohungsgefühle und auch Zorn in ihm auslösten, beinahe so, wie er sich von Weinbergs strenger Mahnung, keine "Exkorporation des Traumas" zu begehen, bedrängt sah – und sich, so ist er überzeugt, wahrscheinlich auch würde bedroht haben fühlen, wenn er nicht zufällig Psychotherapeut wäre, sondern nur eben als Laie die "Lust" oder den Drang empfände, etwas "narrativ" zu erzählen, zu "verstehen" und damit möglicherweise besser zu "integrieren".
Aus dieser neuerlichen Wahrnehmung von Angst und Zorn zieht Dr. Gutherz den – übertragungstheoretisch orientierten – Schluss, dass die Urheber/innen und Protagonist/innen dieses Diskurses mitunter auch von – biographisch oder institutionell bedingten – unbewussten Erfahrungen bewegt sein müssen, in denen sie genau solche "Anschläge" auf ihr eigenes Verstehen erlitten und auch späterhin erduldet haben. Dergleichen "Anschläge" müssten dann eigentlich, so führt Dr. Gutherz seinen Gedanken weiter, Zorn in den Autor/innen hinterlassen haben, der jedoch seither vielfältigen Verdeckungen unterliegen mag und sich deshalb im Moment des Lesens unweigerlich auf ihn, den – tendenziell eher ungläubigen – Leser, übertragen musste. Im Zuge dieser Überlegungen kam Dr. Gutherz zu dem Schluss, dass er hier als Leser eventuell in eine unbewusste Wiederholung von Denk- und Affektdynamiken der Bedrohung und Gegenaggression verstrickt wurde, in denen sich unerinnerlich-vergangene Erlebensmuster unmittelbar auszuagieren suchten und im diskursiven Geschehen einer akademischen Debatte zur Re-Inszenierung drängten. Hinsichtlich seiner eigenen Funktion hatte Dr. Gutherz den Eindruck, dass ihm in diesem komplexen interaktionalen Geschehen vor allem die Rolle des zornigen Aufbegehrens zugewiesen würde, mittels derer jener originäre, aber abgespaltene Zorn über die "Anschläge" ausgelagert und letztlich verleugnet wird.
So schwer vermittelbar und verifizierbar solche übertragungstheoretischen Schlüsse auch immer sein mögen, Dr. Gutherz sah an diesem Punkt keine andere Möglichkeit mehr sich zu erklären, wie man philosophischerseits dazu kommen könnte, dergleichen energische Forderungen und komplex gewundenen, mitunter widersprüchliche Gedankenfiguren so nachdrücklich zu vertreten. Es muss sich tatsächlich um ein unvermerktes, aber aktives Ausagieren von bewusstseinsfernen "massiven Anschlags"-Erfahrungen handeln, die ein intellektuelles Handlungsfeld für sich in Anspruch nehmen und dabei freilich auch eine Wendung vom Passiven ins Aktive bzw. eine Identifizierung mit dem Aggressor beinhalten. Denn je genauer Dr. Gutherz in sich hineinsieht, desto mehr empfindet er diesen Diskurs als "einen massiven Anschlag" auf sein klinisches "Verstehen" von Ursache und Linderung von psychischen Traumata, aber, wie gesagt, als Angriff auch auf jeden Nichtkliniker, der einfach nur den Impuls verspürt, zu erzählen und erzählend selbst erlebte Erfahrung zu erschließen. Im Grunde muss schon allein die Enigmatik und Konfusion in der Begriffsflut, die viele dieser Texte auszeichnet, jedes Verstehen, das kein Glaubensbekenntnis eingehen will, "massiv" angreifen. In einem Satz: Der Diskurs agiert aus, worüber er spricht und was er zu beheben sucht: Macht, Traumatik, und stabilisierende Abwehr. Es besteht also ein performativer Selbstwiderspruch, in dem diese Denkschule – so nimmt Dr. Gutherz mit Sorge wahr – der integrativen Aufhebung des Kreislaufes von Gewalt und Leiden, der sie sich doch so emphatisch verpflichtet fühlt, kaum dienlich sein kann.
Der Wechsel zur Beobachtung der eigenen Affekte und Assoziationen (d. h. der Gegenübertragungs-Wahrnehmung) scheint Dr. Gutherz umso ratsamer, als er in Braeses trauma-philosophischem Exkurs auf immer paradoxere und widersprüchlichere Gedanken trifft. Denn während Gutherz immer noch rätselt, was ein "Frevel an der traumatischen Erinnerung" wirklich heißen könnte, bemerkt er, dass Braese sich damit auch auf Ulrich Baer bezieht, welcher bei seiner Referenz auf Caruth zu gleichlautenden Schlussfolgerungen kommt und schlechthin konstatiert, dass das "Bezeugen", d.h. die öffentliche Verbalisierung des Traumas immer auch ein "Sakrileg an der Integrität [des Traumas]" sei (Baer, 2000,S.27). Würde man solche Feststellungen wörtlich nehmen, hieße dies, das Trauma als einen heiligen Gegenstand und als Objekt quasi-religiöser Verehrung anzusehen; und dies kann es doch eigentlich nicht sein, was Caruth und Baer wirklich meinen, da sie doch ganz offensichtlich voller Empathie für die Trauma-Opfer und vom Impetus der zivilisatorischen Prävention in den beteiligten Gesellschaften getragen sind.
Ein kleines Detail jedoch scheint genau dies zu indizieren: Wenn nämlich Caruth über den Prozess der "Heilung" spricht, ist der Fokus ihrer Frage gar nicht eigentlich darauf gerichtet, wie traumatisierte Individuen (bzw. betroffene Kollektive) Heilung, Linderung bzw. Hilfe bei der Reduzierung ihrer Symptome erfahren können. Caruths Frage, wörtlich genommen, lautet vielmehr: Wie kann "das Trauma zur Heilung gelangen"? (Braese 2003, S. 969) Und dies ist keineswegs die gleiche Frage – und auch, so scheint es Dr. Gutherz, kein bloßer Versprecher. Wenn überhaupt, dann wäre dies eine sprachliche Fehlleistung sensu Freud, die durchblicken lässt, dass es bei diesem Ansatz nicht so sehr um die Heilung empirischer Personen geht, sondern in latenter Paradoxie die "Heilung und Gesundheit des Traumas" gemeint ist oder, wie Baer sagt, die "Integrität des Traumas" – und zwar: die Integrität als theoretisches Konzept: Nicht die Menschen sollen zu Zeugen werden, das "Trauma wird [zum] Zeugnis" – jedoch für was, so fragt sich Dr. Gutherz.
Jedenfalls muss man hier, so denkt Dr. Gutherz mit Entschiedenheit, den auffallenden Nominalismus dieses Diskurses über das Trauma, die Heilung und dieWahrheit etc. analytisch ernst nehmen. Und dies beinhaltete vielleicht sogar, auch die Hypothese zu prüfen, ob nicht zwischen sprachlichem Nominalismus und Literalität, jener symptomatischen Schwundform des sprach-symbolischen Ausdrucks, eine psychodynamische Nähe besteht, die analytisch zu bedenken sich lohnen würde – und die Dr. Gutherz aus dem Bereich der dissoziativen und borderlinen Symptomformen gut vertraut ist (Weilnböck, 2004b). Denn so verstanden, hätte Nominalismus eine Affinität zur Abwehr per dissoziativer Abspaltung. Hieran wäre dann die weitere psycholinguistische Überlegung anzuschließen, ob nicht auch der Metonymie, die hier formal-rhetorisch vorliegt (die Heilung des Traumas als pars pro toto für die Person), im Gegensatz zur Metapher in funktionaler Hinsicht eine Latenz zur (ebenfalls symptomatischen) Dissoziation innewohnt. (Und dies könnte ferner mit der übergreifenden Beobachtung zusammengedacht werden, dass viele der großen, von einander divergierenden Denkschulen der Nachkriegszeit – Heidegger, Adorno, Benjamin, Postmodernes etc. – den eminenten psychodynamischen Unterschied zwischen Assoziation und Dissoziation und die psycholinguistische Differenz zwischen der tendenziell assoziativen Metapher und der tendenziell dissoziativen Metonymie nicht zu erkennen vermochten, wodurch eine intellektuelle Problemlage angedeutet ist, die weit über den Poststrukturalismus hinaus geht; vgl. Weilnböck, 2005a)
Umso bemerkenswerter ist, dass Caruths Frage, wie "das Trauma zur Heilung gelangen" kann, ganz unvermerkt ein nicht zu unterschätzendes Bestimmungsproblem enthält: Was genau eigentlich sollte es sein, das zu bezeugen das (metonymisch) "zur Heilung gelangende" Trauma aufgerufen wird? Wozu nämlich ein Trauma, das ein "geheiltes" in dem Sinn wäre, dass es in seiner ganzen "wesentlichen Genauigkeit und starken Wirkung" erstrahlt, kaum geeignet scheint, ist, für die traumatisierte Person selbst einzutreten oder gegen das traumatische Geschehen auszusagen. Denn das blühende Trauma allein heilt und bessert nichts, das räumen indirekt auch Caruth, Braese und andere ein. Hieße das aber nicht, dass das Trauma letztlich nur sich selbst bezeugt, sich und seine Validität als spezifisches theoretisches Konzept poststrukturalen Zuschnitts? Und wenn ja, was wären die ihm inhärenten Interessen?
Paradox fände Dr. Gutherz dies vor allem deshalb, weil noch folgende Implikation hinzutritt: Der – metonymische und/oder paradoxe – Gedanke der "Heilung des Traumas" impliziert nämlich, dass die Traumatik nicht verschwinden oder auch nur allzu weit gelindert werden sollte. Denn dann müsste dessen Tauglichkeit geschmälert sein, weiterhin als intellektuelles "Zeugnis" seiner selbst in der vollen Blüte seiner "Heilung" zu stehen oder als glaubwürdiges philosophisches Essenzial zu fungieren, und wohl auch – also doch! – als heiliger Gegenstand und Objekt quasi-religiöser, intellektueller Huldigung. Schon ein kleines, scheinbar nebensächliches Phänomen während des Lesens übrigens hätte Dr. Gutherz wesentlich früher Anlass geben können, diese Hypothese zu formulieren. Denn das linguistische Detail in Caruth's Formulierung ist in der Tat so unmerklich, dass Dr. Gutherz es nicht einmal bemerkt haben würde, hätte er nicht selbst an genau dieser Stelle eine Freudsche Fehlleistung begangen. Als er nämlich diese Passage Caruths das erste Mal las und dabei von der Lektüre Weinbergs und Roths her bereits etwas schwindelig gewesen war, hat er – in Braeses deutscher Übersetzung – statt "Heilung" versehentlich die "Heiligung des Traumas" gelesen.
Rückblickend hätte diese Fehlleistung wahrscheinlich einen ersten Anstoß zur Frage geben können, ob dieser Diskurs – bei allem sporadischen Bezug auf klinische Konzepte – nicht im Wesentlichen von jenem komplizierten Sakralisierungsimpuls inspiriert ist. Jedenfalls wird Dr. Gutherz hier begreiflich, warum man, wie Weinberg sagte, das Trauma nicht "verfügbar" gemacht sowie von "Freveln" und "Sakrilegen" beeinträchtigt oder gar "abgeschafft" sehen will, warum es seine "Wirkung", "Genauigkeit" und "wesentliche Unergründlichkeit" auf keinen Fall einbüßen soll, und auch, warum Weinberg ein so ausdrückliches Desinteresse an menschlichem Leiden und Genesen bekundet. Dem Trauma als philosophischem Konzept gilt das prioritäre Interesse der Erhaltung und nicht den traumatisierten Menschen – und darin ist zweifellos ein (wissenschafts-)ethisches Problem enthalten. Die angesichts dieser Beobachtungen sich immer mehr aufdrängende Frage empfindet Dr. Gutherz dann jedoch als einigermaßen beunruhigend: Sind dergleichen philosophische Ambitionen nicht unwillkürlich so justiert, dass sie sich in letzter Konsequenz automatisch gegen das Interesse der traumatisierten Personen und Gruppen sowie gegen deren Bemühen um Linderung richten?
Von dieser bohrenden Frage begleitet setzt Dr. Gutherz seine Lektüre fort; er stößt dabei jedoch auf mehr Fragen als Antworten. Denn nachdem Braese sich in seinem theoretischen Exkurs ausführlich auf Caruth bezogen hat, beginnt er – auch hier unnötigerweise, wie Gutherz neuerlich denkt – W.G. Sebald zu zitieren, einen bekannten Autor literarischer und essayistischer Texte. Sebald vollzieht zunächst die wenig bemerkenswert scheinende philosophische Begriffsunterscheidung zwischen "Gedächtnis" und "Erinnerung", wobei letzterer die Funktion zugesprochen wird, das, was im "Gedächtnis" gespeichert ist, in eine diskursive Form zu bringen, um es ausdrücken und/oder erzählen zu können. Irritierend für Dr. Gutherz waren dabei einige der Schlüsse, die Sebald aus seiner konzeptuellen Unterscheidung zog, so z.B. die Setzung, dass das Gedächtnis eine konservierende Funktion hat, die "die erhaltenen Eindrücke [ ...] schütz[t] und bewahr[t]", während "der Prozess der Erinnerung auf deren allmähliche Zersetzung [abziele]". Denn dies stand natürlich im Gegensatz zu Dr. Gutherzens Auffassung von Erinnerung und Erzählen. Hatte er doch als Kliniker reichlich empirische Erfahrung damit, dass und inwiefern das Aufgeben eines so verstandenen "Gedächtnisses" "zugunsten der Erinnerung", das heißt das Verbalisieren und Erzählen traumatischer Erfahrung keineswegs ein "zersetzender" Akt ist, sondern vielmehr dazu führt, dass "nicht anpassungsfähiges Wissen schrittweise in eine kontextbezogene und affektiv tolerierbare Geschichte des Selbst umgewandelt wird, welche erzählt werden kann"; und dies hat regelmäßig eine Linderung der belastenden Symptome zur Folge (Adelman, 1996, S. 79).
Wie kann man nur, so dachte er, den Prozess des erinnernden Zugangs und Durcharbeitens von Gehalten des persönlichen Erfahrungsgedächtnisses – sei es des expliziten, impliziten oder Körper-Gedächtnisses – als eine zerstörerische Kraft auffassen, zumal wenn es sich um traumatische Gehalte handelt, die symptomatische Beeinträchtigungen verursachen und nach Linderung verlangen? Neuerlich hat Dr. Gutherz den Eindruck, als baute diese Theorie des Psychotraumas auf einer zu theoretischen Begriffen geronnenen unbewussten Reinszenierung und Abwehr von traumatischen Erfahrungen auf; als habe man also ein emphatisches Trauma-Modell mit leitkulturellem Anspruch aus konzeptuellen Modulen zusammengebaut, die sich allesamt aus traumakompensatorischen Abwehrmechanismen herleiten und diese kompromisslos ins Werk zu setzen und weiter zu propagieren trachten. Liegt hier also eine Ontologisierung dessen vor, was Trauma-Patienten normalerweise empfinden, bevor sie begonnen haben, therapeutisch zu arbeiten? In dieser Situation nämlich wird in der Tat zunächst das Gefühl bestehen, dass der "Prozess der Erinnerung" zu einem "Abweichen von der Wahrheit" und einer "Irrealisierung der Vergangenheit" führen könnte und dass man das hehre "Gedächtnis aufgibt" und schuldhaft verletzt, wenn man die frivole "Lust" auf narrative "Erinnerung" favorisiert. Was also in bester Absicht als eine Theorie der kulturellen Bearbeitung von und Vorbeugung gegen Gewalt gemeint gewesen sein mag, wäre dem geisteswissenschaftlichen Diskurs unter der Hand zu einer institutionellen Handlungsstrategie der Abwehr und Verdrängung geworden.
Im Weiterlesen fällt Dr. Gutherz zudem auf, dass Sebald im zunächst ruhigen Fluss dieses (von Braese zitierten) Absatzes einen plötzlichen Wechsel seines Gestus" vornimmt und einen energischen, ja beinahe aggressiven Tonfall anschlägt – wie dies ähnlich schon bei Braese und Caruth, ein wenig auch bei Weinberg und vor allem bei Roth beobachtbar war, der in einer spontanen und isolierten Volte heiligen Zorns die das Trauma banalisierende "narrative Lust" verdammte. Dr. Gutherz erkennt in diesen rekurrenten Tonfallwechseln inzwischen ein regelrechtes Stilmotiv der Abruptheit, das, möglicherweise einem dissoziativen Impuls entstammend, die Protagonist/innen dieses Diskurses durchgängig betreffen mag, und neuerlich übertragungstheoretische Implikationen aufweist (Weilnböck, 2005a). Denn zuerst suggeriert Sebald in besonnener und ausgeglichener Gedankenführung, dass das "Gedächtnis" auf der einen Seite "einen höheren moralischen Wert" und die "Erinnerung" auf der anderen "einen höheren sozialen Wert" habe. Und diese doppelte Wertschätzung wirkt tröstlich auf Dr. Gutherz und lässt ihn beinahe jene ominösen und furchteinflößenden Worte bezüglich des "Sakrilegs" und der "zerstörenden" Erinnerung vergessen.
Doch bereits der nachfolgende Satz macht diese Tröstlichkeit wieder zunichte. Denn als ob Sebald die Gedanken seines Lesers ahnen und vorwegnehmen könnte, konstatiert er, dass die doppelte Validierung von "Gedächtnis" und "Erinnerung" "nur ein geringer Trost [ ...] für das schreibende Subjekt ist", womit er wohl vor allem sein persönliches Empfinden als Autor meint, denn Gutherz seinerseits als Leser hatte sehr wohl Trost empfunden. Vor allem jedoch: Sebald schließt hieran eine gravierende und neuerlich bedrohliche Feststellung an, welche Dr. Gutherz tief verstört zurücklässt: Derjenige "Schreibende" nämlich, der sich Sebalds Verbot widersetzen sollte und "das Gedächtnis aufgibt zugunsten der Erinnerung", wüsste sich, so heißt es, "beteiligt an einem Verrat, der den Toten die Treue bricht". Erneut fühlt er sich bedroht und in Frage gestellt, wie es ihm auch schon bei Weinbergs Mahnung vor der "Exkorportation des Traumas" und bei Roths strengem Appell erging. Im Gegensatz zu Weinberg jedoch macht Sebald seine Drohung sehr deutlich: Denn die implizierten Tatbestände lauten auf Betrug/Verrat und auf Treuebruch gegenüber den Toten.
An diesem Punkt hält Dr. Gutherz ein wenig inne, um die Anflüge von einschüchternden Gefühlen der Angst, Depression und des Zorns wieder abzuschütteln, welchen er während des Lesens jener Passagen ausgesetzt war. Dabei wird ihm, von seiner klinischen Erfahrung her, zunehmend deutlich, was jene Unterscheidung von "Gedächtnis" und "Erinnerung" in psychodynamischer Perspektive bedeutet: Sie wird vollzogen, auf dass der eine Agent, die Erinnerung, dem anderen Agenten, dem Gedächtnis, Schaden zufüge und dabei letztlich das "schreibende Subjekt" selbst beeinträchtigt und unterworfen würde. In genau dieser selbst-destruktiven Dynamik nämlich beharrt das Ich leidenschaftlich auf jener Position der agonalen Begriffsspaltung, in der es wohlweißlich "nur einen geringen Trost" zu erhalten vermag, sich aber im Gegenzug dazu moralische Urteilsgewalt über Fragen der "Treue" und der "narrativen " "Erinnerung" anmaßt! Kurzum: Auch hier geht es um Interaktionsmuster der Selbstschädigung. Neuerlich scheint eine auf theoretischer Ebene ausagierte, unbewusste Reinszenierung einer Erfahrungsszene wirksam zu sein, die von psychotraumatischer Valenz ist und mentale Gewalt und Vertrauensbrüche dergestalt beinhaltet, dass einer den anderen fortgesetzt "zersetzt" und "auflöst" und ihm den Zugang zu "der Wahrheit" abspricht.
Dass das Hauptelement dieses latent selbstdestruktiven (intellektuellen) Interaktionsmusters in der Auferlegung von Schuldgefühlen oder präziser: von Gefühlen der Scham und Demütigung aufgrund eines angeblich begangenen "Verrats" oder "Treuebruchs" zu bestehen scheint, ist für Dr. Gutherz nicht weiter verwunderlich. Denn aus seiner klinischen Erfahrungen weiß er, wie häufig die Erzeugung und Projektion von Schuldgefühlen, die in Sebalds Evokation der "Treue" gegenüber "den Toten" so eindrücklich in Erscheinung treten, dazu eingesetzt wird, psychotraumatische Erfahrungen mental abzuwehren und zu kompensieren (Hirsch 1997; Fischer/Riedesser 2000). Ist doch der Mensch offensichtlich so eingerichtet, dass, peinsame Schuld zu empfinden (oder zu bezichtigen), ihm immer noch erträglicher ist, als erinnernd gewärtigen zu müssen, machtlos der Gewalt ausgeliefert gewesen zu sein.
Weil also jene allzu ausgewogene, das heißt stimulanz-arme Ausgeglichenheit zwischen dem "moralischen Wert" des "Gedächtnisses" und dem "sozialen Wert" der "Erinnerung" in der mentalen Zwangslage des an Traumata laborierenden "Schreibenden" eben "nur einen geringen Trost", das heißt keine hinreichende Abwehr gegen die namenlose psychotraumatische Belastung erbringt, wird diese Konstellation radikalisiert und agonal aufgeladen. Damit erhält das "Gedächtnis" Lizenz, gegen die "Erinnerung", von der sie Zerstörung und Erniedrigung erwarten zu müssen/dürfen meint, vorzugehen und ihr unerbittliche Schuldgefühle hinsichtlich einer versäumten "Treue" gegenüber "den Toten" aufzuerlegen. Und diese aggressive Aufladung, dies weiß Dr. Gutherz sehr wohl, verspricht dem "Schreibenden" in der Tat deutlich größeren "Trost" und traumakompensierende Wirkung. Deshalb wird ein solcher "Schreibender" auch immer versuchen, sich diskurs-strategisch so fest wie möglich zu verankern und die "Lesenden" als Mitstreiter für diesen moralischen Kampf einzunehmen – was bei Braese, Weinberg, sogar Roth und anderen offensichtlich gelungen ist.
Diese Einsichten, so anstrengend der Weg zu ihnen ist, führen bei Dr. Gutherz eine große Erleichterung herbei. Wie befreit fühlt er sich und kann den belastenden Übertragungsdruck der ihn eigentümlich verführerisch bedrängenden Texte abstreifen. Dabei stellt sich überraschenderweise auch ein Mitgefühl ein, das plötzlich hinter dem verschwindenden Ärger und der Beklemmung hervortritt; als ob es Dr. Gutherz jetzt möglich und aufgetragen wäre, für Sebald und sozusagen an seiner statt zu erinnern oder zumindest mitleidend zu betrauern, was immer dieser vergessen und im "Gedächtnis konservieren" zu wollen scheint, aber keinesfalls "erinnern" und in "narrative Strukturen" fassen will. Dr. Gutherz sieht hierbei genau jenes therapeutische Mitleiden in ihm heraufziehen, das in der traumatherapeutischen Literatur mit den Begriffen Übertragung und Containment beschrieben wird und das im Grunde eher ein tentatives Voraus-Leiden ist, das demjenigen Wege erschließend voranzugehen versucht, der noch energisch darauf besteht, dass die Erinnerung für ihn "unverfügbar" und "unergründlich" bleiben soll.
Angesichts der verblüffenden Feststellung, dass Braeses trauma-theoretischer Exkurs zu Caruth und Sebald sehr viel mehr von abwehrdynamischen als von analytischen und therapieförmigen Denkfiguren geprägt ist, sieht sich Dr. Gutherz plötzlich von einer gänzlich anderen Frage bedrängt: Wie eigentlich konnte es zugehen, dass die Redakteur/ innen der Psyche dergleichen kommentarlos haben passieren lassen? Leicht nachzuvollziehen und zu entschuldigen nämlich findet Dr. Gutherz, dass Braese, der Literaturwissenschaftler und nicht Kliniker oder Psychotherapeut ist, die genannten Abwehrmechanismen und ihre handlungs- und diskurs-dynamischen Implikationen nicht immer treffsicher zu identifizieren vermag – wenngleich Dr. Gutherz es für grundsätzlich ratsam hielte, dass auch Philolog/innen, so sie über einen Themenkomplex wie die Psychotraumatologie schreiben, sich möglichst weit reichend über die entsprechende klinische Forschung informieren oder eine dies bezügliche Kooperation eingehen; selbst dann, und gerade dann, wenn sie sich "nur" auf kulturelle und historische Zusammenhänge von Trauma beziehen.
Was Dr. Gutherz gleichwohl überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist die Tatsache, dass ein Redaktionsgremium, bestehend aus erfahrenen Psychoanalytiker/innen, hier nicht interveniert und die nötige Hilfestellung leistet. Kann doch einer klinisch-analytisch versierten Person nach Dr. Gutherzens Dafürhalten gar nicht entgehen, dass Sebalds düster gestimmte Unterwerfung unter ein Treuegelübde gegenüber "den Toten" auf einen psychotraumatisch bedingten Schuldkomplex hinweisen könnte und dass sie jedenfalls wenig geeignet ist, ein affirmativ aufgefasstes Essential einer kulturwissenschaftlichen Theorie von Trauma und dessen therapeutischer Bearbeitung zu sein. Ebenso würde sich jede/r Kliniker/in sofort die – gerade sozialpsychologisch wichtige – Frage stellen, inwieweit diese "Treue" und dieses energische Nicht- Sagen-Sollen, während es sich in löblicher Absicht als Andenken an die "toten" Opfer eines Gewaltgeschehens verstanden wissen will, nicht auch unvermerkt und unwillkürlich daran beteiligt ist, die Täter zu decken bzw. die gewaltförmigen Handlungsstrukturen und -dispositionen weiterhin zu stabilisieren, die wesentlicher Teil der Voraussetzungen des Geschehenen waren. Warum wurde dergleichen nicht erwogen? Hatte die Redaktion der Psyche einfach ihr gesamtes klinisches Wissen suspendiert, nur weil es sich bei Braeses Thema um einen eher kultur- als psychotherapie-wissenschaftlichen Gegenstand handelte?
Dass klinisch versierte redaktionelle Hilfestellung hier offensichtlich ausblieb, ist für Dr. Gutherz umso unverständlicher, als er von seiner Lektüre her der Meinung war, dass Braeses interessanter und überzeugender Artikel jenen eher seltsam anmutenden trauma-philosophischen Exkurs überhaupt nicht nötig hatte und ihn dennoch so emphatisch darbot. Man hatte beinahe den Eindruck, als wäre Braese von anderer Seite her aktiv dazu angehalten worden, Caruth, Sebald und Autor/innen dieser Denkschule mit aufzunehmen, als wäre mithin eine diskurspolitische Vorgabe wirksam geworden. Und hier ertappt sich Dr. Gutherz neuerlich bei einem argwöhnischen und wahrlich paranoiden Gedanken, wie ihm das in einem Moment der Schwäche bereits nach der Lektüre von Caruth und Weinberg ergangen war: Vielleicht waren es gar die Redakteur/innen der Psyche selbst, die Braese dies nahe legten. Das war natürlich Unsinn. Die Psyche ist die führende psychoanalytische Zeitschrift in deutscher Sprache und wird sich davor zu hüten wissen, philosophische Theorien des Psychotraumas, die klinischen Konzepten und Forschungsergebnissen in hohem Maße widersprechen, bewusst und aktiv zu unterstützen. Umso mehr ist Dr. Gutherz über diesen neuerlichen Anflug eines paranoiden Impulses erstaunt, wobei er – mit zunehmender Routine – wiederum die Übertragungsebene mit zu bedenken versuchte. Und dabei sah er immerhin seine frühere Hypothese bestärkt: Denn ein Diskurs über "Frevel", "Sakrileg", "Schuld", "Exkorporation des Trauma", "Zersetzung des Gedächtnisses", Treuebruch gegenüber "den Toten" etc. ist geradezu prädestiniert, Übertragungen von Gefühlen des Verdachts und des Verfolgt-Werdens zu erzeugen.
Als Dr. Gutherz dann jedoch einen weiteren Aufsatz dieses Psyche- Sonderhefts liest, kommt er hierüber wiederum ein wenig ins Wanken und fragt sich bange, ob seine paranoide Anmutung tatsächlich so neurotisch ist, wie er zunächst dachte. In diesem Aufsatz nämlich schreibt Udo Hock über Zeit und Gedächtnis sowie über die Deckerinnerung als universelles Modell von Kindheitserinnerungen, wobei er sich in philosophisch gegründeter Weise auf Kierkegaard, Freud, Lacan, Laplanche, Zizek, Benjamin und Reik bezieht. Und obwohl Dr. Gutherz in jenem Text, ausgehend von dessen poststrukturalistischen Bezugsquellen, eine leichte Melancholie des futur antérieur verspürt, welche ihn bei anderen Gelegenheiten eher verständnislos zurückließen, findet er Hocks Aufsatz zunächst im ganzen recht bündig und die Argumentation profund. Jedoch gegen Ende der Lektüre sieht Dr. Gutherz sich erneut mit jenem Stilmotiv des plötzlichen Wechsels von Tonfall und diskursivem Gepräge konfrontiert, das er für den begrifflichen Eigengebrauch unter die provisorische Bezeichnung der "dissoziativen Abruptheit" gefasst hat.
Interessanterweise ist dieser Wechsel des Tons bei Hock nicht so drastisch; es werden keine derart starken Worte wie "Treuebruch" oder "Frevel an der traumatischen Erinnerung" verwendet. Vielmehr bezieht Hock sich, wie auch Sebald, auf Benjamins und Reiks Begriffe konservierendes "Gedächtnis" versus "zersetzende Erinnerung" (S. 836). Dabei bekräftigt er diese philosophische Dichotomie in ihrem Bezug auf ein Geschehen der mentalen "Gedächtnis"-Zerstörung durch die "Erinnerung " in genauso ausdrücklicher wie zwiespältiger Weise, indem er mit Emphase an Laplanches aporetisches Diktum des "bel optimisme de la destruction" erinnert, ohne jedoch dessen genaue Implikationen für seine Überlegungen zu explizieren. Auch schwebt über Hocks Kontemplationen eine schwer zu beschreibende Melancholie der philosophischen Aporie (von Gedächtnis und Erinnerung), die Dr. Gutherz bemerkenswert findet. Denn schon bei anderen Gelegenheiten war ihm aufgefallen, dass philosophische Diskurse dieser Art bisweilen durch eine uneingestandene Neigung charakterisiert sind, sich einer Melancholie der Aporie hinzugeben. Diese tendiert dazu, sich mit einer gewissen intellektuellen Behaglichkeit in einer Perspektive einzurichten, die zentralen Fragen des Lebens, aber auch des eigenen Forschungsgegenstandes als letzten Endes unlösbar und das heißt zumeist vor allem auch: als empirisch unerforschlich ansieht, und mehr noch: die diese Befindlichkeit wiederum – auf bittersüße Weise – als etwas geradezu Erhaben- Großartiges zu goutieren weiß (Weilnböck, 2002).
Zwar stimmt auch Dr. Gutherz damit überein, dass wir Menschen die großen existentiellen Rätsel von Leben und Tod, von Natur und Kosmos, nicht werden letztgültig lösen können. Aber: Er findet dies weder faszinierend noch großartig – noch recht eigentlich sehr bemerkenswert und interessant; und keinesfalls würde er sich mit einer pathetischen Haltung der grandiosen Unerforschlichkeit der Welt zufrieden geben. Was Dr. Gutherz also umso mehr bewegt – und dies scheint ihm eine vergleichsweise erforschbare Frage zu sein – ist, wie es dazu kommt, dass professionelle Psychotherapeut/innen oder Wissenschaftler/innen wie Hock, Caruth, Braese u.a. sich dieser Faszination und Melancholie einer Aporie von Gedächtnis und Erinnerung so bereitwillig und beinahe genusssüchtig hingeben mögen – und zwar ausgerechnet angesichts der gesellschaftlich so brisanten Thematik von massiver Gewalt und tief greifender mentaler Verletzung. Warum, so grübelt Dr. Gutherz mit Ungeduld, krempelt man nicht anstatt dessen die Ärmel hoch und packt zu, an einer der vielen Ecken des Problembereichs Gesellschaft und Psychotrauma, an denen – ganz vor-aporetisch – eine Menge geforscht und getan werden kann.
Besonders bemerkenswert findet Dr. Gutherz dabei die beinahe morbiden und apokalyptischen Züge, die diese Melancholie in den letzten Absätzen von Hocks Artikel erkennen lässt, zumal sie dabei auch in einen wiederum un-analytischen – ja, man muss beinahe sagen: antianalytischen Gestus mündet. Hier nämlich nimmt Hock auf Theodor Reiks Allegorie der ägyptischen Mumien Bezug. Diese Mumien, die "tief in der Erde beigesetzt sind, werden Tausende von Jahren erhalten", nur um dann – bedauerlicherweise, so scheint es – im Moment ihrer Freilegung, wenn sie dem Licht der Archäologie und metaphorisch auch dem der Psychoanalyse ausgesetzt sind, zu zerfallen. Die Tragik der unter der Sonne der analytischen Aufklärung zerfallenden Mumien – ein bittersüßes Bild des "schönen Optimismus der analytischen Destruktion" sozusagen, das von Ferne mit Weinbergs und Sebalds Sätzen über "Tote", "Exkorporation" und "Sakrileg" korrespondiert.
Hock jedenfalls wendet sich, durch Reiks Fantasie der zerfallenden Mumien angeregt, einem weiteren, gleichermaßen zwiespältigen Bild zu: Walter Benjamins unvermerkt brisanter Aussage, dass man "den Gegenstand der Geschichte aus dem Kontinuum des Geschichtsverlaufes [heraussprengen müsse]" (2003, S. 837, Benjamin, 1942, S. 594). Auch dies ein heftiges Wort, wie Dr. Gutherz findet, zumal auch hier gar nicht deutlich wird, was Hock mit ihm eigentlich verfolgt und inwiefern es für einen Vergleich von Psychoanalyse und Archäologie – so das denotative Thema des Absatzes – fruchtbar werden kann. Überhaupt waren jene Passagen weniger von einem nachvollziehbaren Gedankengang als von einem seltsam apokalyptischen und sprengungs-lüsternen Gout für Explosionen und Zerfall inspiriert. Den Erläuterungen seines Philologen-Freundes konnte Dr. Gutherz immerhin entnehmen, wie emphatisch und fraglos die große Benjamin-Begeisterung, die in der Literaturwissenschaft der Achtzigerjahre entstanden war, dessen Fantasien von Sprengungen, Explosionen, "Chocs" etc. anhing, ohne sich über deren destruktiven und aggressiven Implikationen hinreichend Klarheit zu verschaffen. Dies habe, so der Freund, vermutlich auch damit zu tun gehabt, dass gerade die politisch engagierten Geisteswissenschaftler/ innen dieser Zeit in Benjamins sprengmeisterlichen Bildern und Allegorien den eigenen revolutionären Impetus wieder erkannten, wobei sozusagen im Habitus eines intellektuellen Dynamiteros, dessen Ziel es war, dem internationalen bürgerlichen Imperialismus empfindliche Schläge der ideologischen Kritik zu versetzen, mitunter die Prüfung der handlungsdynamischen Implikationen von allerlei Sprengungsvorstellungen vernachlässigt wurden (Weilnböck, 2005a).
Dr. Gutherz kann dem zumindest insoweit folgen, als es ihm nun gelingt, in Hocks Faszination über die Sprengung eines Kontinuums und den Zerfall von tausendjährigen Mumien sofort auch Caruths explosive Gedanken-Figur des Traumas als eines "massiven Anschlag[s] auf das Verstehen" wieder zu erkennen (S. 969). Auch leuchtete ihm ein, dass eine philosophische Schule, die einer Melancholie der Aporie zuspricht, ganz generell immer auch aggressive Denkfiguren goutieren würde, denn Melancholie und Aggression – das ist psychotherapie-wissenschaftlich gut belegt – stehen in einem direkten psychodynamischen Funktionszusammenhang, so dass die eine als die Kehrseite der anderen verstanden werden kann. So vorbereitet, vermag Dr. Gutherz dann auch den profund un- und gegen-analytischen Impuls besser zu verstehen, der Hocks kurioser philosophischer Melancholie von Mumien- Zerfall und Geschichts-Sprengung innewohnt. Auf seinen letzten Zeilen nämlich – als wollte er eine Symphonie mit einem besonders ausdrucksstarken Klang beenden – stellt Hock einige Betrachtungen über die "zersetzende Kraft der Analyse" an und darüber, wie diese dankenswerterweise "ihre Grenzen findet" in der Standhaftigkeit und "Unbeugsamkeit des Objekts" (wobei ausdrücklich alle Begriffe von Objekt zugelassen werden, inklusive des Lacanschen "objet a") (S. 838). Angesichts dieser Zersetzungskraft der Analyse begrüßt Hock dann die "Unmöglichkeit, [das] Objekt restlos in einem Kausalnexus aufgehen zu lassen" und es einer "vollständigen Historisierung" und "Symbolisierung [zu unterziehen]", und unterstreicht – in seinem Schlusssatz – mit viel positiver Emphase, dass immer ein "ahistorischer Kern des Unbewusstseins " bleibt, "der sich der Einbindung in das Signifikantengewebe widersetzt".
Dies, so denkt Dr. Gutherz, hört sich beinahe so an, als wolle der PsychoanalytikerHock mit dem Eifer der zahlreichen Gegner der Psychoanalyse, und der Aufklärung insgesamt, sympathisieren, welche oft genug – mitunter von "traumasüchtigen", endorphin-beschwingten Affekten bewegt – ähnliche Gedanken über das Zersetzend-Analytische und dessen "kern[ige]" Abschaffung durch "ahistorische" Ganzheitsvorstellungen in Anschlag bringen, wenngleich dies dort zumeist in einem eher reaktivaggressiven als melancholischen Ton geschieht. Und Dr. Gutherz erkennt diesen Impuls auch in Roths, Caruths und Sebalds entschiedenen Vorbehalten gegen die mentale "Integration" von traumatischer Erfahrung wieder. Dabei versucht sich Dr. Gutherz konkret vorzustellen, wie der Psychotherapeut Hock denn verfahren würde, wenn sich bei einer/m Patienten/in herausstellen sollte, dass der "ahistorische Kern des Unbewussten" letzten Endes gar nicht so "ahistorisch" ist, sondern im Wesentlichen aus einer nicht integrierten Trauma-Erfahrung besteht, wie dies Dr. Gutherzens wiederholte Erfahrung war. Welche Folgen hätte es dann, wenn ein Therapeut einer Wertschätzung der "Unbeugsamkeit" und Widersetzlichkeit aller Arten von mentalen Objekten – einschließlich unverarbeiteter Traumata (?) – huldigte, wenn er melancholisch von der wunderbaren "Unmöglichkeit", alles vollständig zu verstehen und zu symbolisieren, bewegt wäre – und in diesem Sinne intervenierte? Würde dies nicht dazu führen, so fragt sich Dr. Gutherz mit Sorge, dass im Kontext eines solchen analytischen Verständnisses die biografisch frühen, schwerer erreichbaren Trauma-Erfahrung, die oft beinahe "ahistorisch" anmuten und jedenfalls recht "standhaft" und "Widerstands"-stark sind, in der Therapie höchstwahrscheinlich gar nicht auftauchen und – konarrative – Gestalt annehmen könnten? Und würde dies alles letztlich nicht – wiederum – bedeuten, dass Therapie im unvermerkten Schulterschluss mit den Tätern, weniger pathetisch gesagt: mit gewaltförmigen Strukturen, agierte?
Mittlerweile jedoch kann Dr. Gutherz sein Unbehagen über diese unzweifelhaft wohlmeinenden aber durchweg zwiespältigen Trauma- Theoreme nur mit Mühe hintanhalten. Dass sogar praktizierende Psychotherapeute/innen sich in so unanalytischer Weise von dergleichen melancholischen Gedankenfiguren des Unerklärlich-Ahistorischen und Unverfügbaren inspirieren lassen, anstatt sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren und ihre Aufmerksamkeit und Theoriebildung auf das zu richten, was im Rahmen des Erschließbaren liegt und was in der Therapie geleistet und geforscht werden kann, macht Dr. Gutherz zunehmend ungehalten.
Zu allem Überfluss erhält er in anderen Quellen den Hinweis, dass Hock, Caruth, Braese, Baer u.a. bereits in der philologischen Textkritik von Reiks Dichotomie des bewahrenden "Konservativismus des Gedächtnisses " und der "Destruktivität der Erinnerung" (S. 836) mit einiger Eigenwilligkeit vorgegangen waren. Offensichtlich hätte man Reiks Begriffe genauer nachvollziehen und besser justieren können, wenn man sich direkt an seinen Text gewandt hätte und nicht den irreführenden Weg über Walter Benjamins Exegese gegangen wäre. Der Psychotraumatologe Mathias Hirsch jedenfalls kommt, ausgehend von Reiks Aufsatz, zu ganz anderen Nuancierungen. Er konzentriert sich nicht auf den Begriff des Gedächtnisses, sondern auf Reiks Unterscheidung zwischen "Erinnern" und "Gedenken" und begreift das "Erinnern" als therapeutischen Prozess der Verarbeitung traumatischer Erfahrung durch die narrative Verbalisierung, mithin so, wie Dr. Gutherz als Kliniker dies wohl auch getan haben würde. Das "Gedenken" hingegen läuft diesem Prozess zuwider und unterminiert ihn. Denn während das Erinnern ein "dynamischer Prozess" ist, welcher "das Selbst [verändert] und Platz für neue Objekte schafft", ist das Gedenken "statisch" (S. 106). Anstatt also das Konzept des "Gedächtnisses" als unerschließlichen Schatz zu idealisieren, wie Hock und die oben zitierten, poststrukturalistisch orientierten Autor/innen es tun, richtet Hirsch seinen Blick auf Reiks kritischen Begriff des "Gedenkens" und versteht es als eine unvorteilhafte Art der mentalen Interaktion, die darauf abzielt, "dem Vergangenen als Gegenwärtiges die Treue zu [bewahren]" (ebd.). Und diesen Satz empfindet Dr. Gutherz nicht nur als klärend, sondern auch als eine analytisch treffliche Antwort auf Sebalds ominöse Worte über die gebrochene "Treue" gegenüber "den Toten", sowie auf den schuldgefühlshaften Gebrauch, den Braese u.a. von ihnen macht.
Ferner scheint Hirsch hier die Antwort auf ein weiteres Problem bereitzustellen, mit dem sich Dr. Gutherz in seiner Lektüre von Sebald, Caruth und Weinberg konfrontiert sah: das häufige Auftauchen von beängstigenden und aggressiven (Übertragungs-)Gefühlen, die während des Lesens der Texte wirksam wurden: Denn nicht nur ist in Hirschs Reik-Lektüre das "Gedenken [...] das Gegenteil von erinnernder Loslösung ". Es wird darüber hinaus identifiziert mit dem "Ressentiment"; dieses nämlich "hält fest, hält das Trauma lebendig", bewahrt sozusagen seine "Integrität" und "löst sich nicht einmal in wütende Rache" (ebd). Dass Dr. Gutherz in seiner Lektüre nicht selten das Gefühle hatte, es mit einer leisen Ängstlichkeit, aber auch mit Bedrohungen und mitunter mit bohrendem Ressentiment zu tun zu haben, ohne diese jeweils genau auf ihre Quellen zurückverfolgen zu können, mag also u.U. damit zu tun haben, dass die Autor/innen dieses Diskurses, während sie Reiks kritischen Begriff des Gedenkens sowie den positiven Begriff des Erinnerns vollkommen übergehen und verzerren, unbewusst in kognitiven Mustern befangen sind, die diesem "Gedenken" im Sinne von "Ressentiment " analog sind. Damit aber arbeiten sie unwillkürlich dem traumatherapeutischen, "dynamischen Prozess" entgegen und stellen dem lösenden und narrativen "Erinnern" Reiks – und im Grunde der gesamten psychodynamischen Tradition nach ihm – Widerstand entgegen.
An diesem Punkt jedenfalls muss Dr. Gutherz sich einige Erschöpfung und Enttäuschung eingestehen ob der sich ihm zunehmend aufdrängenden Einsicht, dass die philosophischen Diskurse, in welche er so viel Hoffnung gesetzt hatte, im Großen und Ganzen sehr zwiespältig sind. Dr. Gutherz geht zwar nach wie vor davon aus, dass auch solcherlei klinisch widersinnige Kontemplationen über mentale Traumata vielleicht irgendwo ihren ganz eigenen therapie-affinen Nutzen entfalten – oder doch zumindest nicht schaden können. Unerschütterlich jedoch steht jetzt sein Entschluss, sich eine Pause zu gönnen und die wegen seines anstrengenden Ausflugs in die Sphären philosophischer Trauma- Schriften seit Tagen vernachlässigte Tageszeitung zu lesen.
Als er daraufhin die letzten Ausgaben der Frankfurter Rundschau durchsieht, glaubt er jedoch seinen Augen nicht trauen zu können, und es beschleicht ihn die Ahnung, dass jene philosophische Kontemplationen, so unschuldig sie erscheinen mögen, möglicherweise doch nicht frei davon sind, mitunter großen Schaden anzurichten. Hier nämlich hat der bekannte Sozialpsychologe Harald Welzer eine Debatte über Psychotrauma- Therapie eröffnet, die Dr. Gutherz weder sachgemäß noch irgend nützlich finden konnte. Legt doch Welzer in wenig komplizierten und sehr pauschalen Feststellungen nahe, dass die meisten Trauma-Therapeuten etwas eher Schlechtes in der Welt seien – und dies hatte Dr. Gutherz wahrlich nicht im Sinn, als er eine entspannte Pause machen und Zeitung lesen wollte. Freilich ist Dr. Gutherz nicht naiv und weiß wohl, dass man, um die Aufmerksamkeit der Medien zu wecken, schon etwas dicker auftragen muss und es jedenfalls seine Wirkung nicht verfehlt, wenn man dabei ein Tabu oder Ressentiment berühren kann. Was Dr. Gutherz jedoch nicht wusste, ist, dass die Verunglimpfung von Traumatherapie mittlerweile zu einem leicht entzündlichen populären Ressentiments geworden ist. Welzer jedenfalls scheint genau darauf aufbauen zu wollen. So konstatiert er im Gestus der Grundsätzlichkeit: "Die Ideologie des Durcharbeitens und Konfrontierens schreibt den Opferstatus fest, obwohl sie ihn zu beseitigen vorgibt" (Frankfurter Rundschau, 13.6.2003); und um dies nicht nur zu unterstreichen, sondern auch noch zu personalisieren: "Jeder gute Therapeut wird jenem Bewältigungsstil Raum geben, der dem Patienten hilft; nur die schlechten halten sich an Glaubenssätzen fest – dass Erinnern grundsätzlich besser als Vergessen sei".
Das war starker Tobak. Gewiss: Es gab Ansätze und Vorkommnisse in der Geschichte der Psycho- und Psychotrauma-Therapie, die Anlass zur Kritik gaben – wie sollte es anders sein. Man denke nur an die vorwiegend US-amerikanischen Kindheitstrauma-Hysterien in den Achtziger- und Neunzigerjahren, die dann letztlich die False-Memory-Debatte hervorbrachten, weil zunehmend deutlich wurde, dass die im Behandlungszimmer auftauchende, plötzliche Erinnerung an vormals vollständig vergessene Misshandlungen in der Kindheit in den meisten Fällen ein von suggestiv-sensationalistischen Therapieansätzen erzeugtes Artefakt waren (Prager, 1998). Dies alles ist heute aber längst überwunden und durchgearbeitet. Auch bleibt Welzer jeglichen konkreten Verweis auf irgendeine bestimmte Problematik schuldig und beschränkt sich auf pauschale Polemik.
Umso mehr jedoch will es Dr. Gutherz auch scheinen, dass ein genauerer Blick auf Welzers eigentümliche Intervention lohnend sein könnte. Denn von hier aus zurückblickend auf die philosophischen Autor/innen, die er die Tage zuvor las, lässt ihn fragen, ob nicht auch deren wesentlich elaboriertere Theoreme Latenzen enthalten, die mit Welzers kruder Anschwärzung der Traumatherapeut/innen korrespondieren, und mehr noch: ob nicht diese Diffamierung als die letztendlich diskurs-praktische Konsequenz jener Theoreme verstanden werden muss. Sieht man nämlich von dem unterschiedlichen Duktus ab, scheint Welzer von den Aussagen von Weinberg, Roth, Caruth, Sebald u.a. nicht weit entfernt, zumal sogar Weinberg die Psychoanalyse und Psychotherapie zwar nicht diffamierte, sie aber doch entschieden in jenen Bereich verweist, der ihn ausdrücklich "nicht interessiert".
Im Zuge seiner vergleichenden Überlegungen wird Dr. Gutherz letztlich deutlich, dass eigentlich alle Autor/innen inklusive Welzer gleichermaßen Weinbergs Satz beipflichten müssten, dass "das im Trauma Vergessene" auch das einzig "adäquat Bewahrte" ist und dass "es nicht darum gehen kann [...] es erinnern zu wollen"; ferner, dass, wer auch immer diese untunliche Ambition verfolgt, entweder ein "schlechter Therapeut [ist], welcher "einer [schlechten] Ideologie des Verarbeitens [anhängt] und damit den Patienten zum Opfer macht" (Welzer) oder, anders ausgedrückt, eine "Exkorporation des Traumas" vornimmt (Weinberg) und/oder "einen Frevel an der traumatischen Erinnerung" begeht (Caruth, Baer), unzulässigerweise "mit der Realität der Vergangenheit spielt" (Caruth, Braese), "den Toten die Treue bricht" (Sebald, Braese) oder zumindest das "Genießen" des "traumatischen Wissens" verdirbt (Juranville) und es für die "narrative Lust" aufopfert (Roth). Obwohl also Welzers Ansatz sicherlich weit davon entfernt ist, poststrukturalistische Theoreme und Modelle in Betracht zu ziehen, sondern eher deren epistemologisches Gegenteil – empirische Forschung – vertritt, und auch wenn er kaum geneigt scheint, auch nur anflugsweise psychodynamische und klinische Begriffe und Ressourcen zu beherzigen, wie poststrukturalistische Autor/innen dies mitunter tun, ist doch der Impetus seiner Polemik von dem der genannten Autor/innen nicht sehr verschieden. Allen gemeinsam nämlich scheint die Grundüberzeugung zu sein: "Das Trauma [muss dem Gedächtnis] unverfügbar bleiben."
Als Dr. Gutherz dann ein wenig in das erfolgreichste von Welzers (et al.) Büchern hineinsieht, stellt er neben aller Begeisterung über dessen Befunde fest, dass man dort, was den Aspekt der "Treue" gegenüber "den Toten" betrifft, zumindest in Sachen Konsequenz noch über jenen Konsens hinausgeht. In Opa war kein Nazi, das auf ausführlichen sozialwissenschaftlichen Interview-Studien beruht, formulieren Welzer et al. die These, dass Menschen in ihrem Umgang mit der Vergangenheit strikt unterscheiden zwischen einer nationalen und staatsbürgerlichen sowie einer privaten und familiären Ebene von Erinnerung. Während nämlich die meisten Deutschen in staatsbürgerlicher Perspektive aus tiefstem Herzen missbilligen und Aufklärung darüber verlangen, was während des Nationalsozialismus geschah, lassen sie auf der familiären Erinnerungsebene große Verhaltenheit und eine hartnäckige Neigung zur (Selbst-)Täuschung erkennen. So würden in der Familienerinnerung an die Groß- und Urgroßeltern nicht selten illusionäre Vorstellungen darüber entwickelt, dass und inwiefern diese am Nationalsozialismus gar nicht wirklich beteiligt waren. In Einzelfällen ist sogar nachweisbar, dass die Enkel überzeugt sind, ihre Großväter wären im Widerstand tätig gewesen, während sie in Wahrheit an der Ostfront als Wehrmachtssoldaten oder gar SS-Männer im Einsatz waren. Dabei gingen diese Vorstellungen gar nicht unbedingt auf bewusste Geschichtsklitterungen durch Großeltern und Eltern zurück, sondern bildeten sich ganz eigenständig, indem die Enkel sozusagen zwischen den Zeilen der familiären (Nicht-) Kommunikation über jene Zeit lasen. Und in dieser Exegese bildete sich dann vielfach ab, wie sehr die Familie in der Rückschau Abstand davon nahm, was zuvor unterstützt oder zumindest gebilligt wurde, und wie sehr man eventuell sogar suggerierte, man habe das Regime im ganzen gar nicht sonderlich gemocht und wäre mit vielem, wofür die Partei stand, im inneren Widerspruch gelegen; persönliche Verantwortlichkeiten jedenfalls wurden kaum jemals familiär kommuniziert.
Diese Befunde scheinen Dr. Gutherz hoch interessant und psychodynamisch gut nachvollziehbar. Auch bestätigen sie vollauf, was man in den letzten ein, zwei Jahrzehnten vielfach über entsprechende Erfahrungen aus der Psychotherapie und Familiendynamik lesen konnte und unter dem Begriff der Transgenerationalität und des Familiengeheimnisses zu fassen suchte, was jedoch bisher noch wenig auf Fragen der Täter und Tatbeteiligten angewandt und empirisch beforscht wurde. Umso bedauerlicher findet es Dr. Gutherz deshalb, dass Welzer et al. den Bereich dieser psychotherapie- und biografie-wissenschaftlichen Forschung beinahe gänzlich ignorieren; schmerzlich vermisst er ein genaueres Eingehen auf Autor/innen wie A. Adelman, M.S. Bergmann et al. (Hrsg.), M. Buchholz, H. Faimberg, K.Grünberg, J. Kestenberg, I. Kogan, G. Rosenthal (Hrsg.), J. Rüsen/J. Straub (Hrsg.), C. Schmidt, C. Schneider und viele andere. Denn diese Autor/innen zeigten in qualitativen Einzelfallanalysen aus der Psychotherapie und Biografieanalyse, wie die ver-/be-schwiegenen Gewalt- und Trauma-Erlebnisse der Eltern auf dem Wege der unbewussten familiären Übertragungsdynamik an die Kinder vermittelt werden, dergestalt dass diese dann in der eigenen psychosozialen Entwicklung schweren Belastungen ausgesetzt waren.
Jenseits dieser bedauerlichen Auslassungen, die dem Kliniker Dr. Gutherz unbegreiflich anmuten, sind es aber vor allem einige der ganz nebenher gezogenen Schlussfolgerungen Welzers, welche ihm fragwürdig erscheinen und in denen er bereits jene später erfolgende, eigentümlich ressentiment-behaftete Traumatherapie-Polemik sich abbilden sieht. So z.B. geht Welzer davon aus, dass jene familienbiografischen Umdichtungen, bei denen ehemals Tatbeteiligte und Mitläufer des Nationalsozialismus zu "widerständigen Großeltern und Urgroßeltern" werden, "unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt ein motivierendes Beispiel dafür geben" könnten, "sich selbst couragiert zu verhalten, wenn nahe (sic!) Menschen bedroht oder verfolgt werden". Denn solche "umgedichteten Geschichten von Heldentum, Widerstand und Zivilcourage" würden zumindest zeigen, dass "individueller Widerstand auch in totalitären Zusammenhängen möglich und sinnvoll ist" (Welzer et al., 2002, S.78f., vgl. auch Lohl , 2003).
Von seiner systemisch-psychotherapeutischen Sicht auf die interaktionale und psychologische Dynamik von Familien und Familienbiographien her kann Dr. Gutherz nicht umhin, sich über das Ausmaß an Naivität zu wundern, mit der ein namhafter Sozialpsychologe es vermag, in apologetischen innerfamiliären Mythen, Illusionen und auch in bewussten Lügen und Verheimlichungen einen pädagogischen Mehrwert zu erkennen. Als ob die eigene Familie nur ein handliches Geschichtenbuch wäre, in dem man nach Gusto Pädagogisches erlesen oder das man in Zweifelsfall auch einfach beiseite legen könnte. Ein Familienklima, in dem substanzielle Verheimlichungen und systematische (Selbst-)Täuschung wirksam sind, wird aber in keiner Hinsicht sehr entwicklungsförderlich sein können. Jedenfalls wird es kaum geeignet sein, nachhaltige Formen der "Courage" zu generieren – selbst unter den besten denkbaren Umständen nicht, in denen die Familie sich aufrichtig bemüht, angemessene Einschätzungen und liberale politische Einstellungen hochzuhalten. Gleichermaßen unwahrscheinlich ist es, dass höher entwickelte Formen dieser "Courage", also ausgefeilte Fähigkeiten der Konfliktlösung sowie der psychosozialen Kompetenzen der Ambivalenzintegration und Frustrationstoleranz, entstehen. Für wahrscheinlicher hält Dr. Gutherz es vielmehr, dass dergleichen Milieus zwanghafte oder dissoziative Formen von "Courage" und politischer Aktivität hervorbringen, die vor visionär aufgeladenen und mitunter militanten Handlungsformen nicht zurückschrecken – soweit überhaupt die Ebene von politischer Apathie überschritten zu werden vermag.
Auch muss Dr. Gutherz hierbei sofort an die gerade aktuell geführte nationale Debatte zu Günter Grass" beinahe lebenslangem Schweigen über seine SS-Mitgliedschaft denken, und hierbei wird ihm klar: So naiv die Hypothese von der guten erzieherischen Wirkung von Familien- Mythen der edleren Art auch sein mag, sie scheint doch eine bestimmte Saite im politischen Denken der deutschen Bevölkerung und auch der Intellektuellen zu treffen. Denn nicht Wenige zogen im Falle Grass den Schluss, dass er, obwohl er seine SS-Mitgliedschaft verschwiegen hatte und indem er gleichzeitig andere energisch öffentlich ermahnte, ihre Verstrickungen während der Kriegszeit aufzudecken, dennoch und gerade deshalb eine unanfechtbare moralische Instanz war und als solche im Nachkriegsdeutschland einen wichtigen politischen und erzieherischen Einfluss ausübte.
Umso mehr gewinnt Dr. Gutherz den Eindruck, dass Welzers Konzept der pädagogisch gutartigen Familien-Geschichtsklitterungen keineswegs auf einen vollends unschuldigen Fall von sozialpsychologischer Unkenntnis zurückzuführen ist, sondern auf jene "Gefühlserbschaften" und "Entlastungsdiskurse", die in Tätergesellschaften immer wieder beobachtet wurden (Morgenroth & Reuleaux, 2004, S. 276ff. und Lohl, 2003). Auch findet sich Dr. Gutherz in seiner Einschätzung dadurch bestätigt, dass Welzer offensichtlich versucht, seine eigentümliche Annahme durch eine noch absonderlichere – und wiederum ressentiment-behaftete – abzusichern. In ausdrücklicher Entgegensetzung nämlich zu einem mutmaßlichen Gemeinplatz, dessen Entstehung Welzer auf die von ihm offenbar beargwöhnte Epoche der 1968-Bewegung zurückführt, bestreitet er entschieden, dass die Kriegsgenerationen "ihre Erlebnisse" nach dem Krieg hätten "verschweigen und verdecken" wollen. Vielmehr ginge diese Meinung auf eine unfundierte "Vermutung" und einen sorgfältig "kultivierten Mythos" seitens der Söhne und Töchter zurück, in dem "die eigenen Probleme der so genannten 68er Generation" sichtbar würden, die Welzer gleichwohl nicht weiter spezifiziert (2002, S. 26).
Noch ganz perplex von der Massierung dergleicher Betrachtungen, die Dr. Gutherz fraglos mutig und unzeitgemäß, aber letztlich vor allem unsinnig erschienen, entsteht in ihm die Frage, ob sich hierin nicht unvermerkt genau dasjenige Handlungsmuster (re-)inszeniert, das dem von Welzer anvisierten Begriff der "Courage" eigentlich zugrunde liegt. Denn Welzer legt ja nahe, dass die Kriegsgenerationen gerne rückhaltlos über ihre Erlebnisse und Verstrickungen gesprochen hätten, wenn nur ihre Kinder, die renitenten 68er-Student/innen, sie hätten ausreden lassen. Und diese unerhörte These, zumal sie inhaltlich kaum tragfähig scheint, muss durchaus furchtlos, mutig und "couragiert" in dem Sinn genannt werden, dass sie jedenfalls geeignet ist, ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Polarisierungen zu erzeugen. Schiebt Welzer hier doch den schwarzen Peter der verschwiegenen – und "unverfügbar" gehaltenen – Vergangenheit zwischen Eltern und Kindern hin und her, was angesichts der notorischen Verspannungen in den Generationsverhältnissen der letzten Jahrzehnte einige Aussicht auf eine höchst dynamische Resonanz hat.
Mithin scheint hier eine Form der "Zivilcourage" wirksam zu werden, die nicht so sehr rechts-schützend motiviert ist, als dass sie mutwillig auf ein energisches und emotional turbulentes Ausagieren von dissoziierten gesellschaftlichen Konflikt- und Aggressionspotentialen zutreibt? Dies jedenfalls scheint Dr. Gutherz die einzige ihm plausible Erklärung zu sein – im übrigen auch dafür, wie die erstaunlichen Missverständnisse, die der Sozialpsychologe Welzer über die Gesetzmäßigkeiten von innerfamiliärer Kommunikation erkennen lässt, mit seinem seltsamen Impuls der Traumatherapie-Diffamierung zusammengehen: Denn in Zusammenhängen der Transgenerationalität der Überzeugung zu sein, dass es eigentlich die Kinder sind, die Schuld haben, dass also "die eigenen Probleme" "der so genannten 68er Generation" verantwortlich zu machen sind, ist in seiner interaktionalen Logik mit der Zurückweisung von Traumtherapie kongruent. Bei beidem handelt es sich um anti-analytische Impulse der Abwehr gegen psychosoziales Durcharbeiten von persönlichen Verantwortlichkeiten und Erfahrungen von Gewalt, Trauma und Konflikt; und es handelt sich um Impulse der Täterdeckung. Durchaus Ähnliches, so stellt Dr. Gutherz fest, kann freilich auch für jene poststrukturalistische Grundüberzeugung gesagt werden, dass "das Trauma [dem Gedächtnis] unverfügbar bleiben [muss]". Jedoch: Gezeichnet von den Beschwerlichkeiten dieses im Ganzen so undankbaren Lektüreunterfangens, findet Dr. Gutherz, dass die Geistesund Kulturwissenschaftler/innen letztlich selbst aufgerufen sind, dergleichen Missverständnisse aufzulösen. Für seinen Teil beschließt Dr. Gutherz, all das hinter sich zu lassen – und sich ein wenig Urlaub zu gönnen. Und die einzigen Bücher, die er dorthin mitnehmen möchte, sind ein paar gute klinische Studien und Romane von Haruki Murakami (Weilnböck, 2007c).
Anmerkung: Die Bibliographie wird dem dritten und letzten Teil dieses Artikels nachgestellt sein.
- [1] Dr. Gutherzens Freund verwies auch auf LaCapras Arbeit über ästhetische Darstellungen der Shoah und darauf, dass LaCapra dazu beitrug, die große Bewunderung vieler Intellektueller für Lanzmanns Film-Serie Shoah als einzig angemessene Form der medialen Repräsentation des Holocaust in Frage zu ziehen und die Aufmerksamkeit auch darauf zu richten, in welch hoch suggestiver Weise Lanzmann die interviewten polnischen Bauern mitunter manipulierte und letztlich missbrauchte, um sie als Protagonisten eines internationalen Antisemitismus aufzubauen, den zu erforschen doch nicht ernsthaft in erster Linie der Gegenstand einer Studie über die polnischen Bauernschaft sein kann. (HW Weilnböck, 20030 xx).
Published 2008-03-26
Original in English
Translation by Wulf Kansteiner
First published in Mittelweg 36 2/2007
Contributed by Mittelweg 36
© Harald Weilnböck/Mittelweg 36
© Eurozine







