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Getrennt beisammen

Wir mögen zwar in einer multikulturellen Gesellschaft leben, doch was wir brauchen, ist ein positiverer Ansatz, um Segregation zu durchbrechen.

Schon seit fünfzig Jahren gelten die meisten westlichen Gesellschaften als "multikulturell". Sie haben in dieser Zeit Programme für Chancengleichheit entwickelt sowie eine Gesetzgebung gegen Diskriminierung. Trotzdem zählen noch immer viele Minderheiten zu den besonders benachteiligten Gruppen unserer Gesellschaft, die unter Vorurteilen und ungleichen Lebenschancen leiden. Dazu kommen ein Anstieg an interethnischen Konflikten und die Entwicklung separater Identitäten, die häufig durch Segregation oder Parallelgesellschaften sowie Tendenzen in Richtung transnationaler oder Diaspora-Gemeinschaften verstärkt werden. Die allmähliche Integration und der stärkere gesellschaftliche Zusammenhalt, die wir erwartet hatten, sind noch nicht erreicht worden, und neuerdings machen sich wieder Zweifel am Wert der Vielfalt breit, insbesondere in Bezug auf bürgerliche oder gesellschaftliche Solidarität.

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All history is the history of migration
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Identities and the subversion of borders
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Cities of migration
Mit dem Begriff "Multikulturalismus" lässt sich nicht mehr adäquat das Ausmaß und Wesen der Vielfalt beschreiben, er wird heute als Instrument zur Legitimierung von Getrenntheit und Spaltung angesehen. In der Vergangenheit stellte er ein sehr effizientes Mittel dar, um aufzuzeigen, dass "Differenz" respektiert und gefeiert werden müsse, keineswegs aber gefürchtet. Der Begriff "Multikulturalismus" wurde aber auch als "Auffangbecken" für ein ganzes Spektrum von Differenzen verstanden – ökonomische, politische, soziale, kulturelle, physische, etc. –, und er verschmilzt Begriffe wie Nationalität, nationale Identität, Gruppen- und persönliche Affinitäten. Derzeit hat er aber nur wenig tatsächliche Bedeutung.

Dieser Mangel an Klarheit, was Multikulturalismus nun eigentlich bedeutet, hat dazu geführt, dass die Gegner der Vielfalt "Britishness" weiterhin auf enge, homogenisierende Weise definieren, wobei sie alle anderen Konzepte verwerfen und zu zeigen bemüht sind, dass diese Differenzen miteinander unvereinbar sind und auf "natürlichen" oder ursprünglichen Unterscheidungen basieren. Sie bedienen sich dabei Ausdrücken wie "Menschen wie wir", wenn sie ihre Vorstellungen von Identität beschreiben. Dies ist eine gefährliche Form der Argumentation, und es scheint, dass selbst liberal gesinnte Kommentatoren leicht in die Falle geraten können, die eine solche Ausdrucksweise schafft. Die Menschheit besteht nicht aus genetisch definierten Gruppen, und die von uns kreierten – und verteidigten – ethnischen, religiösen und anderen Grenzen sind nahezu ausschließlich sozial oder politisch definiert.

Viele Befürworter des Multikulturalismus – und Antirassisten ganz allgemein – haben sich so daran gewöhnt, Angriffe auf Minderheiten abzuwehren, dass sie automatisch alle Differenzen verteidigen, als ob "kulturelle" Attribute ebenfalls festgelegt und in ihrer Gesamtheit schützenswert wären. Sie tun dies sogar, wenn sie in einem anderen Kontext, der diese Differenzen untergraben hätte, für liberalere Prinzipien eingetreten wären. Die Differenzen werden darüber hinaus auch auf der Grundlage von Gleichartigkeit und Einheit verteidigt, statt sie als ein Spektrum innerhalb eines weit gespannten Begriffs von "Kultur" zu sehen.

Die Diskussion über Identität wird so von beiden Seiten versteift – von den Verfechtern der Differenz und von ihren Gegnern. Wenn man "Britishness" als etwas Homogenes darstellt, so sind es auch die Vorstellungen von "schwarzer Kultur" oder "muslimischer Kultur", obwohl alle drei ein weites Spektrum an Werten, Überzeugungen und Lebensstilen in sich tragen. Wir verstehen Kultur inzwischen mitunter als etwas "Reines". Dies zeigt sich etwa daran, dass wir nicht in der Lage sind, Menschen mit Bindestrich-Identitäten positiv zu fassen: Sie haben keinen Platz in den Identitätsdebatten, mitunter wird sogar bezweifelt, dass sie eine identifizierbare Kultur besitzen. Und Ehen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen – eine Form der Integration – werden von vielen Gemeinschaften mit Missbilligung betrachtet.

Tatsächlich gibt es zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen von Mehrheits- und Minderheitenkulturen, es gibt ebenso viele Variationen innerhalb der "Kulturen" wie zwischen ihnen – manche Kulturen sind sogar so wenig kohärent, dass man sie kaum als "Kultur" bezeichnen kann – und was verstehen wir überhaupt unter "Kultur"? Wenn Identität instrumentalisiert wird und wenn sie bedroht wird – und dies betrifft die Mehrheitsgesellschaft genauso wie die Minderheiten – fallen wir zurück auf eine übertriebene, beinahe stereotype Sichtweise von uns selbst. Zwangsläufig betonen wir unsere Differenzen und nicht das, was uns gemein ist.

Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis wir die Vorstellung überwunden hatten, die Menschheit bestünde aus einzelnen "Rassen". Jetzt laufen wir Gefahr, ethnische und religiöse Differenzen als ebenso falsche Trennlinien zu instrumentalisieren.

Die Suche nach Identität kommt der Jagd nach einem Phantom gleich. Wir sollten uns viel eingehender damit befassen, wie wir uns eigentlich zueinander verhalten und wie die Beziehungen zu anderen wachsen können. Diese sollten sich durch ein gemeinsames Verständnis von Zugehörigkeit entwickeln und nicht auf eine "gemeinsame Kultur" beschränkt sein. Die Gesellschaft wächst auch durch politische Interaktionen zwischen Staat und Individuum wie auch zwischen den Individuen untereinander. Die laufenden Debatten über Prioritäten der staatlichen Ausgaben, über Höhe und Art der sozialstaatlichen Maßnahmen, über lokale Umweltpolitik oder über die Wirtschaft im allgemeinen, genauso wie der alltägliche gesellschaftliche Diskurs schaffen eine politische Einheit, wenngleich auch nur einen Rahmen, innerhalb dessen wir verschiedener Meinung sein können. Das soziale und politische Kapital und das Gefühl des Vertrauens, von dem sie abhängen, können nur durch Dialog und Meinungsaustausch entstehen. Die einst verspotteten Begriffe von Staatsbürgerschaft und Gemeinschaft gewinnen allmählich wieder an Boden, und das Konzept von Nationalität – im Gegensatz zum ephemeren Begriff der nationalen Identität – sollte im Vokabular des gesellschaftlichen Zusammenhaltes auch wieder seinen Platz einnehmen. Unsere Nationalität muss gemeinsam mit unserer Staatsbürgerschaft eine Grundlage für politischen Diskurs liefern und ist häufig das einzige Instrument, durch das wir zu einer internationalen und umfassenden Debatte beitragen können.

Die Möglichkeiten zu solchen Interaktionen sind durch die klassischen Siedlungsmuster weitaus eingeschränkter als wir allgemein annehmen. Die Entwicklung des "Multikulturalismus" hat seit dem Zweiten Weltkrieg mitunter die Spielarten der Segregation eher verstärkt denn aufgeweicht. Die Statistik zeigt erstaunlicherweise, dass 1961 auf London 47 % der schwarzen und ethnischen Minderheitsbevölkerung (SEM) und auf die West Midlands 14 % entfielen und dass 40 Jahre später diese Zahlen nahezu unverändert sind. Ein kleiner Prozentsatz der SEM-Bevölkerung ist in überwiegend weiße Wohngebiete gezogen, doch die Gegenden mit einem hohen Anteil an Minderheiten erfuhren im allgemeinen einen weiteren Zustrom von Immigranten, während gleichzeitig die "Weißen" flüchteten. Die SEM-Gemeinschaft mit ihrer im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft wesentlich jüngeren Bevölkerung ist charakterisiert durch eine größere natürliche Zuwachsrate, und Gebiete mit einer hohen SEM-Population werden unabhängig von den Migrationstrends weiter expandieren. In der Folge werden zahlreiche Gegenden kulturell homogener, das gilt gleichermaßen für Gegenden mit überwiegend weißer Bevölkerung wie auch für SEM-Gemeinschaften.

Es hat sich auch als schwierig erwiesen, Respekt und Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen zu fördern, wenn es mangels Kontakten nicht zu einem wirklichen Wissen um oder Verständnis für die andere Gruppe kommt. Die Parlamentarierin Oonagh King war bestürzt über die Segregation der Schulen in ihrem Londoner Wahlbezirk und beschrieb ihr Erlebnis gegenüber ihren Kollegen im Parlament:

Ich habe schon einmal im Parlament meine Bestürzung geäußert, als ich kurz nach meiner Wahl im Jahr 1997 zwei benachbarte Schulen besuchte. Sie teilten sich einen Spielplatz, der in der Mitte durch einen Zaun getrennt war. Auf der einen Seite des Zauns spielten weiße mit einer Schar afro-karibischer Kinder, auf der anderen Seite waren braune, muslimische und Kinder aus Bangladesh. Vielleicht war ich deshalb so schockiert, weil mein Vater im Süden der USA, wo Rassentrennung herrschte, aufgewachsen war. Ich konnte es einfach nicht glauben. Wir lesen zwar über solche Dinge, aber wenn ich so etwas in Großbritannien sehe, denke ich, dass irgendetwas ganz falsch läuft.

Tatsache ist, dass Großbritannien sich selbst zwar als multikulturelle Gesellschaft begreift, die meisten Menschen jedoch nicht in multikulturellen Gemeinschaften wohnen. Obwohl der Großteil der ethnischen Minderheiten sich auf London und einige andere regionale Hauptstädte konzentriert, dominiert die weiße Bevölkerung im übrigen Land, wobei Gebiete wie der Nordosten, Wales und der Südwesten nahezu ausschließlich weiß sind. In weniger homogenen Gegenden ist die Segregation meist genau so evident, denn die meisten Städte sind in verschiedene Viertel aufgeteilt.

Der Begriff "Segregation", mit dem dieses Phänomen meistens beschrieben wird, passt hier nicht wirklich. Wörtlich bedeutet Segregation eine gesetzlich verordnete und durchgesetzte Trennung. Natürlich gibt es keine derartige Gesetzgebung. Man geht aber davon aus, dass "Autosegregation", d.i. wenn Menschen es vorziehen, in einer Gegend zu leben, die mehrheitlich von ihrer Ethnie oder Glaubensgruppe bewohnt wird, mehr oder weniger vergleichbar ist. In Wirklichkeit wird die Wahl des Wohnortes von sozioökonomischen Faktoren bestimmt, dem Mangel an entsprechenden sozialen und kulturellen Einrichtungen und passenden Schulen, und vor allem von realen Ängsten vor mangelnder Sicherheit in anderen Gegenden. Da die von Minderheitengruppen "bevorzugten" Wohngebiete im Allgemeinen die ärmsten Wohnverhältnisse und die schlechtesten Lebensbedingungen aufweisen, fällt es mir schwer zu glauben, dass dies das Resultat einer freien Wahl ist.

Manche Angehörige von ethnischen Minderheiten verfügten natürlich über die erforderlichen Mittel und über das Selbstvertrauen, um aus ihren traditionellen Wohngebieten wegzuziehen. Doch dieses nur selten zu beobachtende Phänomen wird durch die "Flucht der Weißen" wettgemacht, die mit ihren Familien aus gemischten Gebieten dorthin ziehen, wo es in ihren Augen bessere Wohnbedingungen oder Schulen gibt. Oder die wegziehen, weil sie fürchten, ihr Viertel könnte eine vorwiegend schwarze Wohngegend werden, was ihnen weniger erstrebenswert erscheint. Das Nettoresultat ist eine noch auffälligere Segregation zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft.

Viele dieser "segregierten" Gemeinschaften werden von einer Gruppe derart dominiert, dass nur geringe Kontaktmöglichkeiten zwischen den einzelnen Gemeinschaften gegeben sind. Diese Parallelgesellschaften treffen nirgendwo aufeinander, sie haben keine Möglichkeit, die Unterschiede zu erkunden und gegenseitigen Respekt aufzubauen, geschweige denn den Anderen als Bereicherung der eigenen Gemeinschaft anzusehen. Inzwischen können Rassisten Mythen und falsche Gerüchte verbreiten und sich die Ignoranz der Gemeinschaft zunutze machen, um Minderheiten zu dämonisieren. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir uns bemühen sollten, eine totale Integration oder "Assimilation" anzustreben. Ein gewisses Maß an "Clustering" ist wichtig für jede Gruppe, wenn wir kulturelle Identitäten ernsthaft bewahren möchten. Jede Gemeinschaft bedarf einer kritischen Masse, damit die unterschiedlichen Orte zur Religionsausübung, die eigenen Geschäfte, Lokale und sozialen Einrichtungen gewährleistet bleiben.

Doch es gibt nur wenige Überlegungen zu der Frage, wie Nachbarschaften in Zukunft aussehen sollen, und uns stehen nur wenige Techniken zur Verfügung, mit deren Hilfe wir sie gestalten können. Tatsächlich wird wenig unternommen, um die Dynamiken solcher Gemeinschaften zu verstehen und um gemischte Wohnformen und die durch die verschiedenen Lebensformen hervorgebrachten Wechselbeziehungen zu unterstützen. Im Großen und Ganzen werden die vorhandenen Siedlungsmuster – und die Segregation, die diese hervorbringen –, perpetuiert und verfestigt. Dies zeigt sich zum einen an den gegenwärtigen Migrationsmustern. Zum anderen dürften Überlegungen zu diesem Thema aber, was noch alarmierender ist, auch in Bezug auf die neueren Entwicklungen nicht berücksichtigt worden sein.

Noch immer verabsäumen wir es, den Wert der Interaktionen zu erkennen. Doch wie können wir erwarten, dass Menschen irgendeine Form von Beziehung zueinander aufbauen, wenn sie keine Gelegenheit haben, ein Verständnis füreinander zu entwickeln? Wenn sie weiterhin in Parallelgesellschaften leben, ohne echten Kontakt, wird die Ignoranz in Misstrauen und Angst umschlagen. Die bloße Nachbarschaft zur anderen Gruppe allein genügt nicht. Eine Nachbarschaft wird im allgemeinen zu Kontakten in vielen verschiedenen Aspekten des Alltagslebens führen – z. B. zu gemischten Schulklassen und informellen Freundschaften in der Schule, zur gemeinsamen Teilnahme an lokalen Sport- und Kulturveranstaltungen, zu gemeinsam absolvierten Trainings am Arbeitsplatz und gemeinsamen Arbeitsverhältnissen usw. Doch sollte man es nicht für selbstverständlich nehmen, dass bloße Nachbarschaft zu Interaktionen führt. Selbst die harmlosesten Aktivitäten können segregiert werden – erinnern wir uns nur an das Ergebnis der kürzlich von der Commission for Racial Equality durchgeführten Untersuchung: "95 % der Weißen hatten keine schwarzen Freunde". Vertrauensbildung muss auf beiden Seiten stattfinden und Beziehungen können nur entstehen, wenn sie nicht auf Drohung und Abschreckung beruhen. So gibt es jetzt beispielsweise zahlreiche Schulpartnerschaften, die es Schulen mit entweder nur schwarzen oder nur weißen Schülern ermöglichen, gemeinsame Aktivitäten in der Schule und auch außerhalb zu unternehmen, gleichsam als Auftakt dazu, eines Tages schwarze und weiße Schüler aufzunehmen.

Es müssen echte praktische Probleme überwunden werden, insbesondere von den vielen weißen Kindern, die in rein weißen Gegenden des Landes leben und die keine Erfahrung mit der multikulturellen Gesellschaft haben, deren Teil sie sind. Viele von ihnen begegnen erst auf der Universität Menschen mit SEM-Hintergrund – und diese stellen immer noch eine Minderheit unter den Studenten dar. Auch ihnen muss man Zusammenhalt in der Gemeinschaft beibringen, und es wird einiger Phantasie bedürfen um nachzuvollziehen, wie beispielsweise Wigan, eine überwiegend weiße Wohngegend, seine jungen Bewohner mit Jugendlichen im multikulturellen Leicester zusammengebracht hat.

Es wird nicht ausreichen, gemeinsame Erfahrungen zu haben – und daraus wird sich nichts Neues entwickeln –, es sei denn, es gibt auch gemeinsame Visionen und andere sinnstiftende Gemeinsamkeiten. Die Art und Weise, wie die verschiedenen Kulturen instrumentalisiert werden, führt häufig dazu, dass Differenzen verfestigt werden. Mit der wachsenden Vielfalt innerhalb von Gesellschaften gibt es jedoch ein größeres Bedürfnis nach gemeinsamen Werten und ein wachsendes nationales Solidaritätsgefühl. Dies stellt uns vor größere Probleme, da wir es nun nicht mehr lediglich mit ein paar größeren Minderheiten zu tun haben, sondern mit einer Unzahl von verschiedenen Gemeinschaften – in Londons Schulen werden heute über 300 Sprachen gesprochen.

Die Natur der Differenz hat durch das größere Spektrum an Menschen aus Osteuropa, Afrika, dem Mittleren Osten eine neue Qualität erhalten, und in jedem Winkel der Erde entstehen neue "Domänen der Differenz", sowohl zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Immigranten als auch zwischen den einzelnen Minderheiten. Wir haben eine Kultur entwickelt, in der jede einzelne Gruppe das Gefühl hat, sie werde im Vergleich zu den anderen ungerecht behandelt und müsse mit diesen um Jobs, Wohnungen und staatliche Leistungen konkurrieren. Zudem meint jede Gruppe, dass ihre Identität bedroht und unter Druck ist.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass wir uns nur auf ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten konzentrieren – oder überhaupt nur auf den Islam, der im Blickpunkt der Aufmerksamkeit steht. Es handelt sich jedoch um ein weitaus komplexeres Problem und wir müssen uns mit der Angst vor Differenz viel allgemeiner auseinandersetzen. Das bedeutet, in Bildungsprogramme zu investieren und die Barrieren zwischen den einzelnen Gruppen zu durchbrechen, Brücken zwischen Gemeinschaften zu bauen, auf institutioneller Ebene, in den Nachbarschaften und überall dort, wo Menschen aufeinander treffen. Das heißt, den Menschen zu helfen, mit Diversität umzugehen und diese als Bereicherung ihrer Gemeinschaft und nicht als Bedrohung zu erleben. Wir sollten daher negative Wahrnehmungen nicht zu leichtfertig als "rassistisch" oder als vorurteilsbeladen abtun, sondern versuchen, die Ursachen zu begreifen und uns mit dem tatsächlichen Kampf um Ressourcen auseinandersetzen und dafür sorgen, dass Konflikte gerecht und transparent behandelt werden. Leider haben wir wenig Erfahrung darin, wie wir "gute Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen fördern können", obwohl dies in Großbritannien seit dreißig Jahren gesetzlich verordnet wird. Dieser Aspekt der Vielfalt wird weit gehend ignoriert oder an eine kleine Zahl von unterfinanzierten Initiativen delegiert, die oft mit geringer Aussicht auf Erfolg kämpfen, während das Hauptaugenmerk auf der Gleichstellung liegt. Natürlich bleibt Gleichstellung nach wie vor ein wichtiges Thema, aber es reicht nicht mehr aus, sich allein darauf zu konzentrieren. Wir müssen in den Wandel der Einstellungen und der Werte investieren – also Herz und Verstand ansprechen. Dies muss zur "Mainstream"-Aktivität aller öffentlichen Einrichtungen werden.

Indem wir uns auf die Gemeinsamkeiten einlassen, statt uns nur mit Differenzen zu begnügen, wird die Debatte weitaus komplexer. Wir haben Differenz in vielerlei Hinsicht gefördert: wir haben getrennte Schulen für die verschiedenen Religionsgemeinschaften, öffentliche Wohnbauprogramme für Minderheiten, eine ganze Palette an gesonderten Kultur-, Kunst- und Sportprogrammen eingerichtet, Revitalisierungsprogramme für unterschiedliche Gemeinschaften, getrennte Berufsausbildungen angeregt, usw. Wir haben es aber im Allgemeinen verabsäumt, jene Dinge zu fördern, die allen Gemeinschaften eigen sind. Um Rassismus und Diskriminierung zu begegnen, mag eine Fokussierung auf Fragen der Differenz gerechtfertigt gewesen sein. Jetzt aber müssen wir das Gleichgewicht wieder herstellen und Bereiche der Differenz in Frage stellen, die mit größeren gesellschaftlichen Interessen konfligieren, und wir müssen eine gemeinsame Sprache und aktive Staatsbürgerschaft viel energischer unterstützen und uns nicht nur auf eine "friedliche Koexistenz" verlassen.

Dies wird keine leichte Aufgabe sein, ist aber ein Gebot der Notwendigkeit. Wir müssen weiterhin klarstellen, dass wir, während wir auf der politischen und ökonomischen Ebene einen stärkeren Gemeinschaftssinn – oder Integration – anstreben, gleichzeitig auf der kulturellen Ebene an einer Teilung festhalten, um die Vielfalt gedeihen zu lassen.

Diejenigen, die immer noch unsere multikulturelle Realität leugnen, wehren sich gegen alle Unternehmungen, die Gleichstellung und positive Diskriminierung fördern. Doch die Programme zur Gleichstellung von Minderheiten müssen noch verstärkt werden, nicht bloß um Fairness und soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, sondern auch als Mittel zur Förderung von Interaktion, Verständnis und Respekt. In diesem Sinne verstärken sich Programme für ethnische Gleichstellung und Gemeinschaftszusammenhalt gegenseitig. Was wir jetzt freilich brauchen, ist ein positiverer Ansatz, um die Segregation und die Parallelgesellschaften zu durchbrechen, und wir sollten nicht nur in unserem täglichen Leben interagieren, sondern auch als Teil der politischen Gemeinschaft, als Staatsbürger mit einem gemeinsamen Interesse an der Entwicklung unseres Staates. Andernfalls werden wir ewig damit beschäftigt sein, das Verhalten der Menschen durch Mikromanagement zu regulieren, mit immer detaillierteren Gesetzen Diskriminierung zu verhindern und Chancengleichheit zu gewährleisten, statt Grundeinstellungen und Werte nachhaltig zu verändern.


Multiculturalism: a "failed experiment"? Read a panel debate on Ted Cantle's notion of "commonality".

 



Published 2007-04-11


Original in English
Translation by Andrea Marenzeller
First published in Index on Censorship 2/2006

Contributed by Index on Censorship
© Ted Cantle/Index on Censorship
© Eurozine
 

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