Vorurteil und Stolz
Zur Unverträglichkeit von Religion und Humor
Ich komme gerade aus dem als gemäßigt geltenden Marokko zurück nach
Paris. Der in Marokko praktizierte Islam ist unauffällig und moderat
(auch wenn am 16. Mai 2004 Selbstmordattentäter aus den Slums von
Casablanca Bomben in einem Restaurant im Stadtzentrum gezündet und
vierzig Menschen getötet haben). In Marokko, das zivilisatorisch und
wirtschaftlich eng mit Europa verbunden ist, wird seit einigen Wochen
heftig über die Mohammed-Karikaturen diskutiert. Die einhellige Meinung
lautet: Ihre Veröffentlichung war ein unerträglicher Angriff auf den
islamischen Glauben. Die marokkanische Wochenzeitung Le Journal hat die
berüchtigten Karikaturen nachgedruckt, woraufhin vor dem
Redaktionsgebäude in Casablanca eine Protestkundgebung stattfand.
Focal Point: Post-secular Europe?
Is religion a public or a private matter? Can there be such a thing as a European Islam? If so, what characterizes it? What role can religion -- or religions -- play when it comes to the emergence of a European solidarity? In a series of articles, Eurozine focuses on post-secular tendencies and religion(s) in the new Europe.
Jürgen Habermas
The dialectic of secularization.
Stephen H. Jones
The deep slumber of decided opinions. Rowan Williams and the Sharia controversy
Jean-Louis Schlegel
Nicolas Sarkozy, the laïcité and the religions
Abdul-Rehman Malik
Take me to your leader. Post-secular society and the Islam industry
Claus Leggewie
Between national Church and religious supermarket. Muslim organizations in Germany and the problem of representation
Sven-Eric Liedman
The rebirth of religion and enchanting materialism
Josè Casanova
Religion, European secular identities, and European integration
Danièle Hervieu-Léger
The role of religion in establishing social cohesion
Jan Philipp Reemtsma
Must we respect religiosity? On questions of faith and the pride of the secular society
Klaus Eder
European secularization: A special route to post-secular society?
Klaus Eder, Giancarlo Bosetti
Post-secularism: A return to the public sphere
Isolde Charim
Culture as battlefield
Ètienne Balibar
Discords in the French laicity
Olivier Mongin, Jean-Louis Schlegel
The legislation of 1905
Ernest Gellner
Religion and the profane
Ramin Jahanbegloo
Beyond the clash of intolerances
Nilüfer Göle
The Islamist identity. Islam, European public space, and civility
Olivier Roy
Islamic evangelism. Islam in Europe
Éric Rouleau
Power and religion. Political Islam
Abdesselam Cheddadi
The question of tolerance in Islamic societies
Rachid Benzine, Luca Sebastiani
The new paths of modern Islam
Tahar Ben Jelloun
Pride and prejudice. On the incompatibility of religion and humour
Seyla Benhabib, Giancarlo Bosetti
Beliefs in the US. Between new fears and old responses
Mattias Martinson
Theology of tidal waves. A post-humanist interpretation
Je größer die kulturelle Leere, umso stärker der Bezug auf die Religion. Wenn die Menschen in ihren Heimatländern kulturelle Erlebnisse in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt "konsumieren" könnten, wenn sie täglich die Wahl zwischen hunderten von Theater- und Konzertsälen hätten, wenn sie Ausstellungen von Malern aus aller Welt besichtigen könnten, kurz: wenn ihr Geist Nahrung durch kulturelle Werke und Produktionen erhielte, müssten sie sich nicht auf die Religion konzentrieren, in der sie nicht nur Frieden, sondern auch Antwort auf alle sie beschäftigenden Fragen zu finden meinen.
In einem Gespräch mit Studenten der Technischen Universität in Tanger hat mir kürzlich ein junger Mann, der Elektroingenieur werden will, erklärt: "Für uns ist der Islam keine Religion, er ist unsere Verfassung. Er gibt uns eine Moral, Gesetze, Rechte und eine Kultur!" Ich habe ihm gesagt, dass er Glauben und Wissenschaft verwechselt. Überzeugen konnte ich ihn nicht.
Der Karikaturenstreit zeigt, welch tiefer Graben zwischen der islamischen Welt und dem Westen klafft, wie groß die Unwissenheit, die Ängste und Missverständnisse, aber auch die Ressentiments auf beiden Seiten sind. In den marokkanischen Großstädten fanden friedliche Demonstrationen statt, obwohl zum Beispiel Casablanca sich immer stärker globalisiert, dem Vorbild westlicher Großstädte nacheifert und die Leute mit Begeisterung westliche Markenartikel - ob gefälscht oder nicht - kaufen und obwohl auch hier der technische Fortschritt allen das blitzschnelle und leichte Kommunizieren ermöglicht. Aber vielleicht trügt der Schein. Das grundlegende Problem ist ein anderes, es liegt in der Identität eines Volkes, das mit seiner Religion, dem Islam, verschmilzt. Das schafft eine Schizophrenie, ein Zugleich von zwei entgegengesetzten Weltanschauungen in ein und derselben Person.
In Europa gelten die Anerkennung des Individuums, der Rechtsstaat und die Prinzipien der Gedanken- und später auch der Religionsfreiheit als Grundlage der Demokratie. In Frankreich gingen lange und zähe Kämpfe voraus, ehe am 9. Dezember 1905 das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat in Kraft trat. In der arabischen Welt gibt es das Individuum als einzigartige und herausragende Einheit noch nicht: Jeder Mensch definiert sich dort in Bezug auf seine Familie, seinen Klan oder seinen Stamm.
Ich möchte das an einem persönlichen Beispiel erläutern: 1974 schrieb ich für die Pariser Tageszeitung Le Monde eine Reportage über die Pilger in Mekka. Es war die erste derartige Reportage in einer westlichen Zeitung, und ich erzählte darin, als wie hart ich die Pilgerfahrt empfunden hatte, kritisierte deren Organisation und prangerte die Schlamperei der Saudis an. Die Reportage kam in Europa gut an, sorgte in der arabischen und islamischen Welt jedoch für großen Wirbel. Die saudischen Behörden wandten sich informell an das marokkanische Königshaus, damit ich bestraft würde. Die Marokkaner beruhigten die Saudis und ließen meinem Vater ausrichten, er solle seinen Sohn besser erziehen. Damals gab es noch keine islamistische Bewegung. Ein paar marokkanische Gesandte hielten mir eine Standpauke, das war alles. Auf diese Weise wurde nicht ich als Individuum, sondern wurden mein Land und meine Familie zur Verantwortung gezogen.
Der Fall Salman Rushdie war weit schwerwiegender. Ein Kind aus dem Hause des Islam wurde bestraft. Niemand hat das Recht, Zweifel zu äußern oder die Grundlagen des Islam in Frage zu stellen, wenn er der "Umma" angehört. Wäre Rushdie nicht muslimischer Herkunft gewesen, hätten sie ihn vielleicht einfach ignoriert.
Bei den Karikaturen des Propheten liegen die Dinge anders. Erst Monate nach der Veröffentlichung kam es zum Eklat. Leute mit politischen Absichten stürzten sich darauf und nutzten die Sache ohne Zögern aus. Das betrifft vor allem Syrien und den Iran. Wenn Demonstranten die Konsulate nordeuropäischer Länder anzünden und deren Flaggen zerreißen, so tun sie das, weil sie nicht wissen, dass es Journalisten in diesen Ländern freisteht, zu schreiben oder zu zeichnen, was sie wollen. Eine solche Freiheit gibt es nur in wenigen arabischen Ländern. Die Journalisten leiden unter der Einmischung der Politiker in ihre Arbeit, manchmal werden sie wegen einer Reportage oder Analyse, die den Machthabern missfällt, vor Gericht gezerrt. Ein jordanischer Journalist hat völlig zu Recht gefragt: Was ist schwerwiegender: Zeichnungen veröffentlichen oder terroristische Attentate verüben?
Während des Ramadan fasten fromme Muslime einen Monat lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Nichtgläubigen müssen sich verstecken und dürfen ihre Andersartigkeit in keiner Weise zeigen. Das gesamte Volk ist dem gleichen Ritus unterworfen. Wenn ein Einzelner sich absondert, etwa indem er auf der Straße raucht, wird das vom Gesetz geahndet (ein Jahr Gefängnis, je nach Land) und die Passanten könnten ihn misshandeln.
Der Karikaturenstreit gehört in diesen Kontext der Nichtanerkennung des Einzelnen, der Kluft zwischen dem Westen und der islamischen Welt, der gegenseitigen Unkenntnis. Er ist ein Zeichen des tiefen Unbehagens, das die arabischen Völker schon lange und insbesondere seit den Attentaten des 11. September verspüren.
Nach den Kreuzzügen hatte die katholische Kirche die islamische Welt stigmatisiert. So stellte im Jahr 1415 der italienische Maler Giovanni Da Modena den Propheten Mohammed auf einem (von Dantes Divina Commedia inspirierten) Fresco dar, das er "Der Prophet in der Hölle" nannte. Man sieht, wie der Körper des Propheten von den langen Händen des Teufels in den Abgrund gezogen wird. Dieses Bild, auch eine Art Karikatur, ist nur einigen Eingeweihten bekannt. Es ist grotesk, ohne jede Harmonie und zeigt die deutliche Absicht, Muslime zu beleidigen und zu demütigen. Heute ist es in einer Kirche versteckt. Besser, man vergisst es.
Anlässlich der Karikaturen in der dänischen Zeitung musste ich an dieses Bild denken. Auch sie hätte man lieber ignorieren sollen. Wenn man mit Gleichgültigkeit und Nichtbeachtung auf sie reagiert hätte, wären sie schnell in Vergessenheit geraten. Natürlich hat das, was sie zeigen und unterstellen, keinen realen Bezug zur Person des Propheten. Aber Religionen sind humorlos, sie dulden nicht, dass man sich auf ihre Kosten amüsiert. Erinnern wir uns an Umberto Ecos Buch "Der Name der Rose". Dort wird deutlich, dass auch in einem christlichen Kloster nicht gelacht werden darf. Manchmal ist Lachen eine Waffe gegen den Fanatismus, aber es kann auch mehr Fanatismus provozieren.
Freedom of speech
Free speech is a fundamental human right and a central tenet of democracy. Or is it? Reactions to the Danish cartoon controversy reveal strong divergences among liberals about what the right to free speech entails. [ more ]
Eurozine editorial
Ian Jack
Pictures, provocation, and free expression
George Blecher
Politics dressed up as principle
Tom Stoppard
Playing the trump card
Isolde Charim
Culture as battlefield
Ronald Dworkin
A new map of censorship
Göran Rosenberg
Freedom of expression and its limits
Kenan Malik
Say what you think
Salil Tripathi
Schmucks and miniskirts
Christoph Türcke
Blasphemy. On the structure of mass insult
Agnès Callamard
Can we say what we want?
Ursula Owen
Getting used to offence
Richard Sambrook
Regulation, responsibility, and the case against censorship
Rachid Benzine, Luca Sebastiani
The new paths of modern Islam
Tahar Ben Jelloun
Pride and prejudice
Doch Freiheit heißt nicht überall das Gleiche. Keine Religion duldet Zweifel oder Sarkasmus. Martin Scorseses Film "Die Passion Christi" hatte bei den Christen gewalttätige Reaktionen hervorgerufen, und in Paris wurde in einem Kino, in dem er lief, eine Bombe gezündet.
Die Karikaturen haben ein Tabu gebrochen: das Verbot der bildlichen Darstellung des Propheten. Der Islam verbietet die Darstellung des Propheten aus einem hehren Grund: Der Prophet ist einer der höchsten Geister, ein Gipfel an Spiritualität, der jegliche bildliche Darstellung transzendiert und unter keinen Umständen auf ein Bild reduziert werden kann, und sei es noch so genau. In dem syrischen Film "Le Messager" (Der Bote) von Al Akkad ist der Prophet nicht dargestellt, gezeigt wird nur der Schatten der Kamelstute, die ihn getragen haben soll. Die Anwesenheit des Propheten wird ein einziges Mal suggeriert, ohne dass er körperlich gezeigt würde. Es gibt persische Illuminationen, die den Propheten und seine Jünger zeigen, aber das sind keine ihn ins Lächerliche ziehenden oder als Terroristen darstellenden Karikaturen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind in meinem Zimmer eine Darstellung des Propheten Abraham hängen hatte, der sich mit einem Messer in der Hand anschickt, seinen Sohn zu opfern, und ein Engel schwebt mit einem Opferlamm vom Himmel herab, um den Sohn zu retten. Dieses Bild wurde überall verkauft, und niemand regte sich darüber auf. Aber das war zu einer anderen Zeit.
Warum also dieses Feuer? Manche Muslime sind empfindlich, das heißt verletzlich. Sie wollen, dass der Westen damit aufhört, Islam und Terrorismus gleichzusetzen. Sie haben genug von der Stigmatisierung, die sie zu Verdächtigen abstempelt. Im März 2004 habe ich trotz meines französischen Passes fast eine Stunde in einem Raum des Flughafens Newark verbracht, nur weil ich in einem arabischen und islamischen Land geboren bin. Ich habe diese Stunde der Verdächtigung als traumatisch in Erinnerung.
Warum Millionen von Menschen in ihrem Glauben verletzen? Meinungsfreiheit bedeutet nicht Freiheit, zu diffamieren, lächerlich zu machen und vor allem nicht einen Propheten mit einer Bombe über dem Kopf abzubilden, das heißt, ihn als Terroristen darzustellen.
Symbole sind etwas Heiliges. Laizität hat doch nur einen Sinn, wenn sie Religionen achtet und schützt. Wo religiöse Überzeugungen und Leidenschaften im Spiel sind, ist es sinnlos, den Hass zu schüren. Bekanntlich waren in der Geschichte immer wieder Menschen bereit, für ihren Glauben zu sterben, so irrational er in den Augen der anderen auch sein mochte.
Wenn die arabischen und islamischen Länder eines Tages zur Trennung von Kirche und Staat finden sollen, kann dies nur durch Bestrebungen der Araber und Muslime selbst geschehen. Der Westen muss endlich aufhören, auf diese Menschen herabzuschauen. In Frankreich kam die Trennung von Kirche und Staat erst nach langen und furchtbaren Kämpfen zustande. Wir dürfen nicht vergessen, dass die arabische Welt noch nicht so weit ist. Im Karikaturenstreit haben Unkenntnis und Vorurteile über die Vernunft gesiegt. Es wird Zeit, dass sich die Gemüter wieder beruhigen, denn ohne Toleranz wird das Zusammenleben unmöglich.
Published 2006-04-18
Original in French
Translation by Christiane Kayser
First published in Le Monde diplomatique (Berlin) 3/2006
Contributed by Le Monde diplomatique (Berlin)
© Tahar Ben Jelloun/Le Monde diplomatique (Berlin)
© Eurozine







