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Der Nabel der Welt

"What does he know of Europe who only Europe knows?" Schwer ist es, in Europa auf die Welt zu kommen. Dabei wurde das Abendland ja in Asien und in Afrika erfunden. Ein Plädoyer für den Blick über die Grenzen von Vaterland und Muttersprache.

Vor einem guten Jahr gab ein jüngerer Wissenschaftsphilosoph zum Besten, eine Studentin, keineswegs Asiatin oder Amerikanerin, habe "Leibniz" mit gleich drei falschen Buchstaben geschrieben. Aus eigener Erfahrung bescheiden geworden, meinte sein Gegenüber: "Wir wissen auch nicht, wie man die Namen indischer und chinesischer Philosophen schreibt." Darauf der andere: "Aber wir sind hier schließlich in Europa." Verdutztes Gesicht seines Kollegen: Ist der Mann nicht auf die Welt gekommen, als er geboren wurde? Was für eine mentale Wissenschaftskarte trägt er mit sich herum? Vielleicht eine Karte, auf der die Wissenschaftsgeschichte innerhalb der gewohnten Grenzen Europas gezeigt wird? Eine Karte, auf der Europa von lauter weißer Fläche umgeben ist? Weiß geblieben sind auf alten Karten abgelegene Regionen der Erde, in die noch kein Europäer vorgedrungen war.

Schweizer Wetter

Noch vor wenigen Jahrzehnten bekamen wir fast ausschließlich Wetterkarten dieser Art zu sehen. Sie zeigten das Wetter innerhalb der Landesgrenzen der Schweiz, irgendeines Landes, und nichts darüber hinaus. Das genügt, um zu wissen, wie das Wetter hier und heute ist. Möchte man erfahren, wie und warum es sich in den nächsten Tagen entwickeln könnte, ist eine Karte hilfreich, die so wenig an den Landesgrenzen aufhört wie Sonnenschein, Wind und Regen.

Heute erhalten wir Satellitenbilder, die sich an keine Landesgrenzen halten. Das Wetter, das in unserem Lande herrscht, hängt nur zu einem Teil von landesinternen Faktoren ab. Die Alpen spielen eine Rolle, ebenso der eigene Schadstoffausstoß. Zum Größeren Teil wird das Wetter anderswo gemacht, draußen im Atlantik. Von Kindheit an sind uns "Azorenhoch" und "Tief über Grönland" im Gedächtnis haften geblieben.

Ausgerechnet Kulturkarten sind besonders häufig vom gleichen Typ wie unsere nationalen Wetterkarten. Sie zeigen eine Provinz oder ein ganzes Land ausschließlich innerhalb ihrer zufälligen Grenzen. Nur innerhalb des umgrenzten Gebietes sind landschaftliche Eigenheiten und Kulturdenkmäler eingetragen. Verbindungslinien, selbst Flüsse und Seen, werden an den Grenzen einfach gekappt. Grenzüberschreitende Einflüsse sind nicht einmal angedeutet. Was innen ist, scheint aus sich heraus gewachsen und in sich verständlich zu sein.

Eine Zeitlang definierten sich Schweizer Literaten als "schweizerische Staatsbürger und deutsche Kulturbürger". Aber waren Leonardo oder Goya, die unsere Sehgewohnheiten revolutionierten, Deutsche? Waren es Descartes und Spinoza? Mancher Schweizer Philosoph fühlt sich von John Locke und David Hume stärker angezogen als von Fichte und Hegel. Natürlich überragt der Königsberger Kant sie alle. Aber was wäre Kant ohne seine Hume- und Rousseau-Studien? Selbstverständlich gehören Goethe und Schiller zu unserem Bildungsgut. Aber haben wir ihren Platz nach der Lektüre von Dostojewski und Tolstoi nicht etwas nach hinten und zur Seite gerückt?

Was wir lesen, wurde zu einem größeren Teil außerhalb unseres Landes und unseres Sprachgebietes geschrieben. Was wir denken, verweist auf Überlegungen, die ganz woanders aufgekeimt sind. Mit der Politik verhält es sich nicht anders. Hätte es in der Schweiz 1848 eine Bundesverfassung gegeben ohne die Revolution im französischen Nachbarland? War die Gewaltenteilung eine Idee, die in der Schweiz aufgekommen ist? Weder freisinnige noch sozialdemokratische Parteien sind genuin schweizerische Gewächse. Dennoch sind wir für unsere Politik selbst verantwortlich.

Europas Grenzen

Wenden wir also unseren Blick über die Grenzen unseres politischen Vaterlands und das Gebiet unserer Muttersprache hinaus und versuchen wir uns in Europa zu orientieren. Versuchen wir das kartografisch, stoßen wir rasch auf den gleichen Kartentyp, der uns von den nationalen Wetterkarten her vertraut ist. Ein krasses Beispiel für den Eurozentrismus ist die "Karte der mittelalterlichen Universitäten und wichtigen Schulorte Europas", die ein Schweizer Wissenschaftssoziologe erstellt hat. Auf den üblichen Karten von Europa ist immer auch ein Streifen Nordafrika abgebildet. Die Grenzen der Kontinente folgen nicht Längen- und Breitengraden. Wer Malta und Kreta mit auf einer Europakarte verzeichnet haben möchte, bekommt unvermeidlich auch einen Teil Nordafrikas mit aufs Bild.

Die Karte des Wissenschaftssoziologen folgt nicht diesem Standard, sondern begnügt sich mit der Anzeige der nordafrikanischen Küstenlinie. Weder Tunis noch Bijaya noch Qayrawan finden sich eingetragen. Dabei hielt sich der Universalgelehrte Ramon Lull aus Mallorca mehrfach in Tunis auf. Dominikaner unterhielten dort eine Schule zum Studium der arabischen Sprache. Fibonacci, der erste namhafte europäische Mathematiker nach Archimedes, verdankt seine revolutionären Erkenntnisse seiner Schulung im kabylischen Bijaya. An den frühesten medizinischen Fakultäten Europas, in Salerno und Montpellier, las man Texte des Isaac Israeli aus Qayrawan.

Im Osten endet die Karte drei- bis vierhundert Kilometer vor Konstantinopel. Mistras auf der Peloponnes, das zweite intellektuelle Zentrum im spätbyzantinischen Reich, hätte noch Platz auf der Karte, fehlt aber ebenfalls. Die aufkommende Renaissancephilosophie und die Zurückwendung zur hellenischen Antike in der europäischen Kunst und Literatur wurden von den italienischen Kontakten mit diesen beiden Bildungszentren belebt. Die mentale Europakarte, die viele von der Kultur des Kontinents in sich herumtragen, ist für die Zeit nach dem Ende der Antike, ohne dass sie es merken, eine halbierte Karte, auf Westeuropa beschränkt.

Ein Blick auf reale Karten ist immer lehrreich. Von der Iberischen Halbinsel aus ist es nach Afrika nicht einmal halb so weit (14 km) wie von Frankreich nach England (32 km). Die Strasse von Gibraltar ist enger als der Genfersee an seiner breitesten Stelle. Afrika ist vom europäischen Ufer aus gut sichtbar - und umgekehrt Europa von der afrikanischen Küste.

Weder die Grenzen von souveränen Staaten noch die reichlich konventionellen Grenzen der Kontinente und Subkontinente der "Alten Welt" (Afrika, Asien, Europa) waren je dauerhafte Grenzen von Wertegemeinschaften. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein war das Mittelmeer nie auf der ganzen Linie zugleich eine staatliche, wirtschaftliche, ethnische, sprachliche und religiöse Grenze gewesen. Von zwei spanischen Exklaven an der marokkanischen Küste abgesehen ist das westliche Mittelmeer erstmals mit der Unabhängigkeit Algeriens, 1962, eine solche Grenze geworden. Wer mag heute, nach nur einem halben Jahrhundert, noch glauben, dass die Grenzziehung nunmehr ein- für allemal stabilisiert sei? Die Übergriffe gingen einmal von dieser und einmal von der andern Seite aus. Zur Zeit ist Afrika wieder an der Reihe. Die Afrikaner, die gerne nach Europa übersetzen möchten, sind nicht mehr zählbar.

Heute sucht man angestrengt nach einer kulturellen Definition Europas. "What does he know of Europe who only Europe knows!", um es mit der Abwandlung eines Wortes von Kipling zu sagen. Gefragt ist ein nicht willkürliches Kriterium für die Ausgrenzung außereuropäischer Staaten aus der EU. Ein traditioneller Ansatz zu einer solchen Definition besteht darin, Europa als ein eigenartiges Amalgam von hellenischen und biblischen Welt- und Wertvorstellungen zu verstehen. Fragt man jedoch, wo diese Verschmelzung geschaffen wurde, kann man nur antworten: nicht in Europa, sondern in Südwestasien und Nordafrika. Jüdische Gelehrte und frühchristliche Kirchenväter waren ihre Schöpfer. Philon von Alexandria, Origenes aus Caesarea in Palästina und Augustinus im numidischen Hippo sind einschlägige Namen.

Das Amalgam wurde im Mittelalter philosophisch vertieft. Führend waren nun islamische Gelehrte von al-Farabi bis Ibn Rushd (Averroes), gefolgt von jüdischen Gelehrten wie Moses Maimonides. Den islamischen, jüdischen und christlichen Denkern machte dasselbe Problem zu schaffen, die Vereinbarkeit der Lehren ihrer Offenbarungsschriften mit den Theorien der hellenischen Philosophen. Die Lösungsstrategien der muslimischen Gelehrten wurden dann wegleitend für ihre jüdischen und christlichen Leser. Johann Gottfried Herder nennt die Kultur Europas folgerichtig "ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabischem Samen". Er schreibt sogar, Mohammed sei, indirekt natürlich, für die Philosophie in Europa ebenso richtungweisend gewesen wie Aristoteles. Keiner der Politiker und Kirchenmänner, die darauf drängten, das christliche Erbe Europas in der Verfassung der EU festzuschreiben, hatte Herders Geschichtshorizont vor Augen.

Gehen wir noch etwas weiter zurück: Warum kamen Philosophie und Wissenschaft Europas aus Südosten und nicht aus Nordwesten, ihrem neuzeitlichen Zentrum? Die Antwort ist bei einem Blick auf eine Karte augenfällig. Hellas ist das europäische Land, das am nächsten bei den seinerzeit fortgeschrittensten Stadt-, Schrift- und Wissenschaftskulturen im Niltal und Zweistromland lag. Ähnliches gilt für Israel. Es ist kein weit abgelegenes Hinterland. Zusammen mit Phönizien liegt es zwischen Ägypten und Mesopotamien, in einer Kernzone des "Fruchtbaren Halbmonds", dort, wo zum ersten Mal eine alphabetische Schrift aufgekommen ist. Der jüdische Monotheismus, der universale Horizont seiner Ethik und das entmythologisierende Naturverständnis des biblischen Schöpfungsberichts sind ohne die Kontakte der jüdischen Elite mit Ägypten, dem Nachbarn Phönizien, Mesopotamien und schliesslich mit ihren persischen Befreiern aus der babylonischen Gefangenschaft nicht verständlich. Nazareth, nebenbei erwähnt, liegt näher bei Tyros und Sidon als bei Jerusalem.

Überlegungen solcher Art veranlassten mich, für eine philosophiegeschichtliche Vorlesung eine Europakarte anfertigen zu lassen, die ganz Nordafrika umfasste und im Osten bis an den Indus und über den zentralasiatischen Oxus, den Syr Darya, hinausreichte (siehe Philosophie-Atlas, Ammann Verlag, Zürich 2004). Al-Farabi und Ibn Sina (Avicenna), zwei Denker der islamischen Aufklärung, stammten ja aus "Transoxanien". Mein Schock war gross, als ich kurz darauf, im Mai 1993, im "Scientific American" eine mittelalterliche Mappa mundi abgebildet fand. Ihr Ausschnitt von der Welt deckte sich genau mit meiner Europakarte, auf deren Spannweite ich mir einiges zugute hielt. Im Süden reichte sie bis Äthiopien, im Osten war, nicht anders als auf meiner Karte, ein schmaler Streifen Indien sichtbar, von China kein Schimmer.

In der Tat, wenn man beim Versuch, Europa kulturell zu definieren, die wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen seit der Neuzeit mitberücksichtigt, reicht zur Veranschaulichung auch eine erweiterte Europakarte nicht aus. Man braucht dazu einen ganzen Weltatlas. Die genannten Revolutionen sind nicht erklärbar ohne beispielsweise die Weiterentwicklung der babylonischen und hellenischen Mathematik in Indien und nicht ohne eine ganze Reihe von technischen Erfindungen vom Papier bis zum Schiesspulver in China.

Interkontinentale Nachbarn

Die herkömmliche europäische Kulturgeografie versucht die kulturelle Eigenart eines Landes mit zwei Faktoren zu erklären: Terrain und Klima. Das Erklärungsmuster geht auf den Arzt Hippokrates zurück. Hippokrates dachte wie jeder vernünftige Arzt ganzheitlich. So wurde er zum ersten europäischen Ökologen. Es macht sich gesundheitlich bemerkbar, körperlich wie seelisch, ob jemand in einem engen Hochgebirgstal oder in einer weiten Tiefebene lebt, in einer Sandwüste oder in einem Sumpfgebiet, auf der Sonnen- oder Schattenseite eines Berges.

Wenn es um kulturelle Entwicklungen geht, kommt jedoch noch ein ganz anderer Faktor ins Spiel, Nachbarschaft im großen Stil. Nochmals: Warum begannen Philosophie und Wissenschaft in Europa in Hellas? Wegen seiner Nähe zu Ägypten und Mesopotamien. Oder warum entwickelte sich in Tibet eine hochspezialisierte Philosophie und Medizin, nicht aber in den präkolumbischen Andenstaaten? Die Andentäler liegen weniger hoch und sind wirtlicher als das tibetische Plateau. Aber sie liegen zwischen einem dichtem Regenwald und dem weiten Pazifischen Ozean. Tibet dagegen liegt zwischen Indien und China.

Heute, denkt man, ist räumliche Distanz nicht mehr maßgebend für eine Nachbarschaftsbeziehung. Wir können in der gleichen Zeit um den halben Globus fliegen, die man früher brauchte, in die nächste größere Stadt zu gelangen. Jeder ist eines jeden Nachbar geworden. Bei einer Katastrophe auf einem anderen Kontinent fühlen wir uns ähnlich spontan zu helfen motiviert, wie wenn das Unglück in der unmittelbaren Nachbarschaft geschehen wäre. Grundsätzlich kann man per Telefon, Internet und Fernsehen von jedem Punkt auf dem Globus aus mit jedem anderen nahezu augenblicklich Kontakt aufnehmen.

Globale Filter

Die Kommunikation geschieht jedoch ähnlich wie bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Es gibt Verkehrsknotenpunkte (Bahnhöfe und Flughäfen), an denen die einzelnen Verbindungen gesammelt und sozusagen "fusioniert" zu einem anderen Verkehrsknotenpunkt geleitet und dort wieder verteilt werden. Nicht jeder Fernsehsender kann es sich leisten, auf allen Kontinenten und an den abgelegensten Orten präsent zu sein. Kleinere Sender übernehmen die Bilder von einem der großen globalen Sender (BBC, CNN). Mit den Bildern vermitteln sie auch die Bildauswahl und den Blickwinkel dieses Senders. Jede Vermittlung ist immer auch eine Filtrierung.

Die Bündelung der Verkehrsverbindungen nimmt zu. Mit dem Zusammenschluss der Fluggesellschaften zu Allianzen schrumpft die Zahl der Hubs und der Verbindungswege. Mit Büchern verhält es sich ähnlich. Man kann nicht erwarten, dass jedes Buch direkt aus der Originalsprache in eine andere Sprache übertragen wird. Für Sprachen mit einer relativ kleinen Anzahl von Sprechenden gibt es nicht in jeder anderen Sprache fachkompetente Übersetzer. Der philosophische Bestseller Sofies Welt wurde aus dem Norwegischen über die deutsche Übersetzung ins Koreanische und ins Japanische übersetzt. Was bislang über deutsche oder auch französische Versionen übersetzt wurde, findet seinen Weg zunehmend über das Englische in andere Sprachen. Noch mehr als für die Übersetzungen selbst ist dies für die Kenntnisnahme der Literatur mittlerer wie kleiner Sprachgemeinschaften durch Verlagslektoren der Fall. Weltweit gelesen und diskutiert wird immer mehr nur, was englisch lesbar ist und in englischsprachigen Medien diskutiert wird. Es wäre kartografisch reizvoll, kulturwissenschaftlich jedoch deprimierend, die zunehmende Konzentration der globalen kulturellen Kontakte auf einer Weltkarte einzutragen.

 



Published 2006-02-22


Original in German
First published in du 11-12/2005

Contributed by Du
© Elmar Holenstein/du
© Eurozine
 

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