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Die Zukunft der Zeitung


Der Aufstieg der Zeitungen zum privilegierten Organ moderner Öffentlichkeit beginnt im frühen 17. Jahrhundert, und er vollzieht sich in Schüben. Der Dreißigjährige Krieg auf dem europäischen Kontinent, die Spannung zwischen Parlament und König in England sind Katalysatoren für ihre Karriere. So werden Zeitungen zum Schlüsselmedium innerhalb der weltlichen Lektürestoffe. Über ihre Leserschaft unter den Eliten bei Hof, in den Verwaltungen wie in den Handelskreisen der Städte wachsen sie rasch hinaus. Die Öffentlichkeit, die sie herstellen, ist dabei noch weitgehend reguliert, weil sie mit der Welt der Arkana und Staatsgeheimnisse rivalisiert. Mit den Zeitungen wie der periodischen Presse insgesamt bildet sich indessen eine säkulare Weltwahrnehmung heraus, für die "Welt" immer mehr zur Sphäre prinzipieller Veränderlichkeit und also zum Schauplatz von Effekten wird, über deren Ursachen Hypothesen aufgestellt werden, die sich erörtern lassen. Die intermittierende, periodische Erscheinungsweise, die sich der Kombination von Druckerpresse und Postwesen verdankt, verankert die Nachrichtenzirkulation im 18. Jahrhundert in einem Medium, das älter ist als die gedruckte Zeitung: in der Mündlichkeit. Durch die Symbiose mit Wirtshaus, Kaffeehaus und Lesekabinetten sind Zeitungen ebenso sehr Gegenstand kollektiver wie individueller Lektüre, die Sucht nach Neuigkeiten kann durch Vorlesen auch illiterate Bevölkerungskreise erfassen. An den Auflagenhöhen allein lässt sich daher die Dynamik nicht ablesen, mit der die Zeitungen den stets nachwachsenden Rohstoff Neuigkeit schon in die Kapillaren der Gesellschaft injizieren, ehe sie im 19. Jahrhundert ihren steilen Aufstieg zum Massenmedium erleben.

Photo: Thinglass. Source: Shutterstock
Zu den technischen Voraussetzungen dieses Aufstiegs gehören die Industrialisierung der Papierproduktion, die Ausweitung der Rohstoffbasis durch die Umstellung von Lumpen auf Holzschliff sowie die Einführung des Rotationsdrucks. Zu den ökonomischen Voraussetzungen gehört die dichte Verknüpfung von Zeitung und Reklame, zu den kulturellen die fortschreitende Alphabetisierung. Die Steigerung der Auflagenhöhen geht dabei mit einer Erweiterung des stofflichen Umfangs der Berichterstattung einher. Im 19. Jahrhundert entstand die Ressortstruktur der modernen Tageszeitung, einschließlich der Professionalisierung und inneren Differenzierung der journalistischen Berufe. Ein äußeres Zeichen der Entfaltung des Mediums ist die Formatvergrößerung. Möglich geworden war sie durch den Rotationsdruck, mit dem sich die Zeitungsformate endgültig von den Buchformaten ablösten, denen sie im 18. Jahrhundert noch nahegestanden hatten. In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat die Zahl der Tageszeitungen in Deutschland – am höchsten war sie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewesen – kontinuierlich abgenommen. Die Auflagen sind ebenso gesunken wie die Anzeigeneinnahmen. Ihre historisch gewachsene Schlüsselfunktion innerhalb der Medien, die moderne Öffentlichkeit konstituieren, hat sie aber nicht verloren. Die Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, um nur ein Beispiel zu nennen, hatte ihren Ausgangspunkt im Netz. Ihre volle politische Dynamik aber gewann sie erst, als sie von den Tageszeitungen aufgegriffen wurde. Sie bündelten und konzentrierten die Debatte, sie trugen zur Verwandlung einer scheinbar lässlichen Verfehlung in ein politisches Skandalon substantiell bei. Solche Beispiele gibt es viele: Die Enthüllungen des ehemaligen Agenten Edward Snowden über das Ausmaß, in dem die Bürger westlicher Staaten überwacht werden, sind ebenso wie die Aufregungen um die Finanzpolitik des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst Ereignisse, die ihre Durchschlagskraft nicht zuletzt dadurch erhalten, dass sie auf bedrucktem Papier stattfinden.

Der niedrige Preis der Zeitung war von vornherein an den Verkauf von Öffentlichkeit an Gewerbetreibende geknüpft, ist aber viel mehr als nur eine ökonomische Option. Denn die Verbindung zwischen Reklame und Öffentlichkeit ist für die Zeitung existentiell. Im Hin und Her ihrer wechselseitigen Verstärkungen wird der Markt erst zum Markt und die Öffentlichkeit erst zur Öffentlichkeit. Denn die Zeitung teilt ja nicht nur etwas mit, weil es wichtig ist, sondern sie macht auch etwas wichtig, weil es mitgeteilt wird, was sie nicht nur medientechnisch in eine Verwandtschaft zur Reklame rückt. Dabei setzt die Zeitung einen Adressaten voraus, der sich bei näherem Hinsehen als problematische Instanz erweist: die Gesellschaft. Sie ist das Kollektivsubjekt, der Adressat, an den sich das Medium Zeitung wendet, auch dann, wenn die einzelne Tageszeitung, wie im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert häufig, eine Parteizeitung ist. Problematisch ist die Gesellschaft vor allem in ihrem diffus einschließenden Charakter: Gewiss, es gibt Wähler, Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen, Passanten, Leute aller Art. Doch selbst wenn man sie alle addieren würde, käme keine Gesellschaft dabei heraus.

Dennoch gibt es die Gesellschaft. Sie kann sich sogar über sich selbst verständigen. In bürgerlichen Verhältnissen tut sie das vor allem über Medien, unter denen die Zeitungen eine besondere Rolle spielen. Warum das so ist, lässt sich an der Soziologie erkennen. Dieses akademische Fach, das als Disziplin zur Erforschung der modernen Gesellschaft entstand, wird häufig als "Gegenwartswissenschaft" bezeichnet. In der Tat ist nun aber "Gegenwart " der Komplementärbegriff zu Gesellschaft. Denn aus der Perspektive der einzelnen Subjekte gesehen, ist Gegenwart vor allem Zeitgenossenschaft. Die Zeitungen haben seit dem 17. Jahrhundert, sich vorarbeitend von den Haupt- und Staatsaktionen zum Alltag, von der Weltberichterstattung zum Lokalen, ihre im physischen Raum verstreuten Leser in Zeitgenossen verwandelt, in regionaler wie überregionaler Verbreitung, in einer dicht gestaffelten Überlappung von Erfahrungsräumen und Ereignishorizonten. Es ist die Zeitgenossenschaft, die vor allem und zuerst eine Gesellschaft ausmacht.

Eine Zeitung, gleich welche, hat ihr Publikum, sie ist Gegenstand der Lektüre und des Nachdenkens, sie begleitet den Tag, gibt ihm eine Physiognomie. Sie ist das Medium, in dem sich die bürgerliche Gesellschaft selbst begegnet, die Sphäre, in der sich Politik, Ökonomie und Kultur spiegeln. Eine Zeitung, die überleben will, macht sich daher zu einer notwendigen Lektüre – sie offeriert also Kenntnisse und Einsichten, die man braucht, um im Beruf und im Privatleben zurechtzukommen, sie verfügt über ein einzigartiges orientierendes Wissen.

Es heißt deswegen oft, die Presse sei innerhalb eines demokratischen Rechtsstaats die vierte Gewalt. Das aber ist ein Irrtum, weil Öffentlichkeit nur in Distanz zu allen anderen Instanzen des Gemeinwesens entsteht. Falls die Presse also überhaupt eine Gewalt ist, so ist sie eine, die sich in grundsätzlicher Differenz gegen die anderen drei Gewalten zu behaupten hat. Die Idee, die Zukunft der papiergebundenen Zeitung aus öffentlichen Mitteln subventionieren zu wollen, mit dem Argument, sie sei notwendig für den Fortbestand der Demokratie, verlangt, dass sich die Zeitungen in Abhängigkeit von den Instanzen zu begeben hätten, deren reflexives Gegenüber sie sein müssen. Die Aufhebung dieser Distanz lädt zur Korruption ein, zumindest zum Korruptionsverdacht. Wenn die Öffentlichkeit kein Interesse mehr an dem Medium hat, wenn die Gesellschaft nicht länger auf sich selbst reflektieren will, dann kann keine öffentliche Subvention sie an dieser Selbstauflösung hindern.

Die Zeitung wendet sich immer an die Allgemeinheit. Doch ist die Allgemeinheit der Zeitung stets eine partikulare, in jeder Hinsicht: im Bezug auf die Auflage, den Preis, das Vertriebsgebiet oder, nicht zuletzt, das Bildungsniveau. Rechnet man zum Beispiel die Leser zusammen, die es in Deutschland für seriöse nationale Tageszeitungen gibt, kommt man auf nicht mehr als auf 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Addiert man die Leser der ernsthaften Wochenpresse hinzu, wobei man berücksichtigen muss, dass viele Menschen sowohl eine Tages- als auch eine Wochenzeitung beziehen, ist man vielleicht bei fünf Prozent der Bevölkerung. Und ist man schließlich gro.zügig und schließt anspruchsvolle Regionalzeitungen ein, ist immer noch von weniger als zehn Prozent aller Bürger die Rede. Anders gesagt: Die Zeitung ist eine elitäre Veranstaltung, ob man will oder nicht. Und: Die Zeitung ist elitär, nicht obwohl, sondern weil sie einen Anspruch auf Allgemeinheit erhebt. Sie ist repräsentativ, und sie muss sich als repräsentativ verstehen, weil ihre Aufgabe darin besteht, den festen Rahmen zu schaffen, in dem jede wichtige, neu hinzukommende Nachricht verhandelt wird.

Mitte der neunziger Jahre entwickelte die Werbeagentur Scholz & Friends eine Kampagne für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den alten Slogan "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" in einen neuen, bildlichen Zusammenhang übersetzte, indem sie das gezeichnete Signet eines Mannes mit aufgeschlagener Zeitung in eine Situation der Leibhaftigkeit verwandelte. So sah man Hans Magnus Enzensberger in der Bodleian Library in Oxford, Kurt Masur hinter einem Fenster in der Spitze des Chrysler Building oder Ursula von der Leyen zwischen Hunderten von weißen Kaninchen, die ein Bild unerhörter Fruchtbarkeit abgaben. Die Kampagne war erfolgreich nicht nur wegen der schönen Bilder oder der prominenten Zeugen, sondern auch, weil sie die Zeitung als überw.ltigendes physisches Objekt inszenierte. Sie wurde als das – beruhigende, organisierende, bedeutungsvolle – Zentrum einer vielfältigen Welt dargestellt. Die Kampagne behandelte die Zeitung als eine allen Ereignissen übergeordnete Autorität.

Von allen Qualitäten, die eine Zeitung besitzen kann, ist eine solche Autorität die am schwierigsten zu erreichende. Sie ist aber von so elementarer Bedeutung, dass es im Englischen (newspaper of record) wie im Französischen (presse de référence) einen besonderen Ausdruck dafür gibt. Eine solche Autorität erwirbt sie nur in langen Zeiträumen, in denen jede Unterbrechung eine Rückkehr weit hinter den Ausgangspunkt darstellt. Das bekannteste Beispiel für einen schnellen Absturz ist das Magazin Stern, nachdem es 1983 die angeblichen Hitler-Tagebücher veröffentlicht hatte. Es geht aber auch langsamer, mit vergleichbaren Resultaten, wie das Beispiel der Frankfurter Rundschau belegt, deren endgültiger Niedergang durch den Versuch einer Regionalisierung herbeigeführt wurde – was zeigt, dass man auf Autorität nicht graduell verzichten kann, ohne sie substantiell zu beschädigen. Und durch eine Formatveränderung, die als Modernitätssignal gedacht gewesen sein mag, aber als symbolischer Abschied aus dem Kreis der "großen" Zeitungen wahrgenommen wurde.

Es gibt nur eine Art, Autorität zu erwerben: durch Wissen, Klugheit, Verlässlichkeit, durch freie, begründete Urteile, die der Diskussion unterworfen werden und bei denen Wiederholungen nicht schaden. Das bedeutet auch, dass originelle Ideen oder sogar scoops die Autorität einer Zeitung nur stützen, aber nicht garantieren können. Die Autorität eines Mediums entsteht vielmehr durch lange, fortwährend erneuerte und intermittierend den Alltag begleitende Folgen von nachvollziehbaren Begründungen in der politischen Analyse, Welterkundungen in Reportageform, Kommentaren und Glossen, die Ereignisse werten, konterkarieren, auf die Bedingungen ihrer Möglichkeit hin befragen. Eine solche Autorität kann nur über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut werden. Und weil die Gesellschaft von ihren Medien nicht nur abgebildet, sondern gestaltet wird, ist die Art und Weise, wie gründlich und sorgfältig eine Öffentlichkeit mit ihren Nachrichten umgeht, der unmittelbare Ausdruck dessen, was die Gesellschaft von sich selber weiß. Anders gesagt: Autorität und gesellschaftliches Allgemeines sind reziproke Begriffe. Als das traditionelle Format der Tageszeitung, das broadsheet-Format, in vielen Ländern abgeschafft wurde, wurde dieser Schritt oft damit begründet, es sei unpraktisch und den bedrängten Verhältnissen etwa in der Bahn nicht angemessen. Aber war das nicht immer so gewesen, ohne dass der Anspruch auf Platz unangenehm aufgefallen wäre? Eher also, als dass das Broadsheet ein sachliches Problem verursacht hätte, fiel es einer Idee von Modernität zum Opfer, die nicht mit der symbolischen Dimension physischer Größe rechnet. Dass die gedruckte Zeitung raumgreifend ist, gehört seit der Ablösung der Zeitungsformate von den Buchformaten im 19. Jahrhundert zu ihrem Prinzip. Die Tendenz zur Formatvergrößerung war zum einen Ausdruck der inhaltlichen Ausweitung, inneren Differenzierung und Ressortierung der Tageszeitung, zum anderen ein Effekt der technischen Kombination von Rotationsdruck und Endlospapier. Die heutigen Zeitungsformate, vom Broadsheet über Nordisches und Rheinisches Format bis zum Berliner Format, rücken zusammen. Dass die tageszeitung (Rheinisches Format) und die Neue Zürcher Zeitung (Schweizer Format) kleiner sind als die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung (beide Nordisches Format), fällt weniger ins Gewicht, als dass alle vier Formate in ihrer physischen Gestalt untereinander verwandter sind als jede einzelne dieser gedruckten Zeitungen mit dem physischen Format eines iPad oder iPhone.

Umfragen unter den Lesern von Tageszeitungen belegen immer wieder, dass vor allem ein älteres Publikum zur Zeitung greift, während die Leserschaft bei Menschen unter vierzig und mehr noch unter dreißig Jahren gering ist und zudem abnimmt. Gleichzeitig zeigen dieselben Untersuchungen, dass die Autorität der Zeitung dadurch nicht abnimmt: Sie ist in dieser Hinsicht auch beim jüngeren Publikum allen anderen Medien überlegen. Diese Differenz stellt nicht unbedingt ein Argument gegen die Zukunft der Zeitung dar. Denn zum einen dürfte die Zeitung, ihrer Orientierung auf die gleichsam erwachsenen Anliegen der Gesellschaft wegen, noch nie ein jugendliches Medium gewesen sein. Zum anderen gelang es immer wieder, ein jüngeres Publikum an die Zeitung zu binden – so zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den neunziger Jahren, als sich mit ihrem Feuilleton eine Neuorientierung in den Geisteswissenschaften verband. Und zum Dritten kann zwar kein Zweifel daran herrschen, dass eine literarische Sozialisation, in deren Mitte digitale Medien stehen, Folgen für den Umgang mit der gedruckten Zeitung haben muss. Ein Ende der gedruckten Zeitung steht deswegen aber nicht auf dem Programm.

Werbeagenturen für Markenartikel haben ein sicheres Gespür für die Bedeutung von Zeitungsformaten. Wenn sie die fünfte Seite im politischen Buch einer Tageszeitung komplett für eine Anzeige buchen, dann geschieht das nicht nur, weil die Hersteller von teuren Markenartikeln ihre Kunden unter den Lesern der Zeitung zu finden glauben, sondern auch, weil sie an der Autorität der Zeitung zu partizipieren hoffen. Zwar reden Werbeagenturen nicht von "Autorität", sondern von "Marke". Sie meinen aber dieselbe Sache. Auch deshalb gelang es bisher keiner Zeitung, nicht einmal der New York Times, die Autorität ihrer gedruckten Ausgabe vollständig auf die Internetausgabe zu übertragen. Auch für die Spezialisten der Onlinevermarktung in den großen überregionalen Blättern ist die auf Papier gedruckte Zeitung häufig noch das "Premiumprodukt", das als Markenkern auf alle anderen Produkte abstrahlt, die unter dem Namen der Zeitung vertrieben werden.

Zu den vielen Scherzen, die Graf Bobby, einer erfundenen Figur aus dem Wien der fünfziger Jahre, zugeschrieben werden, gehört das gespielte Erstaunen darüber, dass auf der Welt an jedem Tag genauso viel passiert, wie in die Zeitung von morgen passt. In diesem Witz ist eine Einsicht in die Grundlagen der Zeitung verborgen: Es lässt sich zwar über alles schreiben, die Gegenstände und Schreibweisen sind virtuell unendlich. Aber man muss es auf einer begrenzten Fläche und für einen bestimmten Zeitpunkt tun. Lange Zeit war diese Begrenzung so selbstverständlich, dass man nicht darüber nachdachte. Heute steht sie jedoch in Kontrast zu den scheinbar unendlichen Möglichkeiten der digitalen Medien, und zwar sowohl im Bezug auf die räumliche Begrenzung als auch in Hinsicht auf die Bindung der Zeitung an die Zeit: Die Tageszeitung muss eben an einem Tag gedruckt und vertrieben werden. Danach verwandelt sie sich in Archiv und Altpapier. Diese beiden Elemente – temporale und stoffliche Abgeschlossenheit – gehören zu den Grundbestimmungen jedes Exemplars einer auf Papier gedruckten Tageszeitung.

Die Fixierung der Diskussion über die Zukunft der Printmedien auf die Konkurrenz mit den digitalen Medien hat einen großen Nachteil: Das Nachdenken über die Konkurrenz entbindet die Zeitung von der Reflexion auf sich selbst. Es ist, als habe man in den papiergebundenen Zeitungen in den vergangenen zwanzig Jahren keine hausgemachten Irrtümer begangen. Das Gegenteil ist der Fall, und zudem scheinen die Fehler umso gröber zu werden, je mehr sie durch die Konkurrenz mit den digitalen Medien versteckt werden. Das Schicksal der Frankfurter Rundschau oder der Financial Times Deutschland sind hierfür Beispiele: Beide Blätter sind nicht primär an der Konkurrenz mit den digitalen Medien, sondern an verlegerischen und redaktionellen Entscheidungen zugrunde gegangen (und sie sind von vornherein oder zumindest schon seit langer Zeit ökonomisch prekär gewesen, trotz aller journalistischen Qualitäten).

Zur Reflexion der Zeitung auf sich selbst gehört das Nachdenken über die eigenen Begrenzungen. Denn sie erzwingen nicht nur die prinzipielle Unterscheidung zwischen Themen, die man behandeln muss, und Gegenständen, die unerwähnt bleiben dürfen. Sie sind auch die Grundlage einer Ordnung, die praktisch und symbolisch zugleich ist: Die Zeitung besteht aus einer bestimmten Anzahl von Seiten, sie ist geteilt in mehrere "Bücher", mit Frontund Schlussseiten, die kein Gegenüber haben, in rechte Seiten, die mehr, und in linke Seiten, die weniger gelesen werden, mit einem politischen, einem ökonomischen und einem kulturellen Teil, in der Gliederung der Seiten in Spalten (die meist mit vertikalen Strichen voneinander getrennt werden), in Überschriften, Unter- und Zwischentitel – kurz: Sie setzt sich zusammen aus allen Elementen der produktionstechnischen und grafischen Bewirtschaftung des Zeitungspapiers.

Diese physische Ordnung ist die Voraussetzung des Blätterns in der Zeitung, und sie existiert, bevor die erste Zeile geschrieben ist. Wenn es die erste und wichtigste Aufgabe der Zeitung ist, Nachrichten zu selektieren und zu gradieren, so steht dieser Aufgabe im technisch-grafischen Apparat der Zeitung eine Struktur gegenüber, die eine solche Systematik erzwingt und in dem Augenblick, in dem Inhalt und Struktur zusammenkommen, der Welt als symbolische Ordnung gegenübertritt: Die Zeitung gehorcht einer künstlichen Ordnung, die aus potentiell unendlich vielen Ereignissen und Gegenständen die Ordnung eines Tages werden lässt. Sie ist ein Medium, das unstrukturierte Nachrichten, diffuse Reaktionen und undeutlich ausgedrücktes gesellschaftliches Wollen in etwas für alle sichtbar Existierendes und Geordnetes verwandelt, was ein gewisses Maß an Fiktivität stets einschließt. Der auf Papier gedruckten Zeitung steht mit dem Internet ein Medium gegenüber, das keine einheitliche Ordnung kennt, sondern allenfalls Schichten oder Skalen möglicher Ordnungen. Gewiss lässt sich – so, wie es alle großen Zeitungen tun, indem sie Ausgaben für digitale Lesegeräte anbieten – die physische Erscheinung einer Zeitung in ihrer Endlichkeit nachahmen, doch nur als eine im Grunde willkürliche Veranstaltung ohne sachliche Notwendigkeit. Es wird deshalb mittelfristig schwierig werden, den grundsätzlichen Unterschied zwischen der Printausgabe und ihrer Imitation mit digitalen Mitteln zu verbergen. Man kann diesen Gedanken indessen auch ins Positive wenden: Die physische Endlichkeit der papiergebundenen Zeitung stellt nicht lediglich einen Mangel an Möglichkeiten dar, sondern zugleich eine Befreiung von einer immer noch wachsenden Fülle von Optionen, die innerhalb der digitalen Medien zudem einem heftigen Druck zur Innovation ausgesetzt sind.

Dieser Innovationsdruck greift derzeit auf die gedruckte Zeitung über. Ein Symptom dafür sind die Mischformen und Hybridbildungen, wie etwa die unmittelbare Koppelung der auf Papier gedruckten Tageszeitung mit digitalen Apps. Die Tageszeitung Die Welt erschien zum Beispiel am 6. September 2013 mit aufgedruckten QR-Codes, die das Abrufen von Zusatzmaterial – etwa zu einem gedruckten Interview die erweiterte Videofassung oder zu einer Grafik die interaktive Version – über ein Smartphone oder ein Lesegerät erlauben. Diese Strategie der elektronischen Erweiterung der gedruckten Zeitung ist freilich mindestens so sehr Unterbrechung wie Komplettierung der Zeitungslektüre. Sie öffnet nicht ein Fenster in der gedruckten Seite selbst, sondern stellt ihr ein weiteres Medium an die Seite, das ebenfalls an Auge und Hand des Lesers adressiert ist. In der Zeit, in der Auge und Ohr das Bonusmaterial wahrnehmen, ist die Zeitungslektüre ausgesetzt. Für die gedruckte Zeitung stellen solche Experimente die Frage: Wie findet sie ihren Ort innerhalb der neuen Konstellation, nicht gegen diese Konstellation, aber auch nicht gegen sich selbst?

Die meisten großen Tageszeitungen erscheinen gegenwärtig in drei Formaten: Verkauft werden die im Tagesabstand erscheinenden Ausgaben, also die Printausgabe und die Ausgabe für elektronische Lesegeräte. In der Regel (noch) gratis vertrieben wird die Ausgabe für das Internet. Während die Ausgaben für Print und Lesegerät dem Tagesrhythmus unterliegen, ist die Onlineausgabe zeitlich variabel. Da die Technik des Lesegeräts aber prinzipiell den Anschluss an eine flexible Aktualität erlaubt, stellt sich die Frage, ob die Nutzer auf Dauer tolerieren werden, dass sie diese Option nicht aktivieren können. Vermutlich werden sie es nicht tun, wenn nicht mit den Lesegeräten ein besonderer Nutzen verbunden wird. Auch entwickelt sich die Doppelbewirtschaftung von Print- und Onlineformaten asymmetrisch: Die Überschneidungen zwischen den Nutzern der digitalen Ausgaben einer Tageszeitung und den Lesern des Printprodukts sind weitaus geringer, als man das im Interesse der Zeitung annehmen möchte, und sie differieren zudem in wichtigen Parametern wie der Altersstruktur.

Je mehr das Nachrichtenwesen auf die audiovisuellen und die digitalen Medien übergehe, so heißt es oft, desto größer werde die Bedeutung, die Kommentare und Dossiers, Hintergrundberichte und Reportagen, Essays und mehr oder minder literarische Texte für die Zeitung annähmen. Man könne deshalb von einer "Kulturalisierung" der Zeitung sprechen, bis tief in das Ressort Wirtschaft hinein, das nun auch, wie das Feuilleton, Essays und Porträts biete. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die allmähliche Herauslösung des Nachrichtenwesens trifft die Tageszeitung im Kern: Sie teilt eben nicht nur das aktuelle Wichtige mit, sondern schafft auch das Wichtige, indem sie es mitteilt. Sie kann also auf die Nachricht gar nicht verzichten. Im selben Maße aber, wie diese in ihrer auf das rein Faktische zielenden Form auf andere Medien übergeht, muss dieses Wichtige einen anderen, reflexiven Charakter annehmen.

Diese Entwicklung stellt eine Verminderung der Möglichkeiten dar, in denen eine gedruckte Zeitung operieren kann. Sie ist in der Tat gehalten, den nachrichtlichen Kern mehr und mehr analytisch und reflexiv zu ummanteln. Sie kann dies aber nur in dem ihr gesetzten Rhythmus, also nicht dem der Wochenmagazine und Wochenzeitungen, tun. Und sie muss sich gegenüber einem Leseverhalten behaupten, das die Lektüre einer Wochenzeitung mit der Deckung des täglichen Informationsbedarfs durch kostenfreie Onlinemedien verknüpft. Dadurch intensiviert sich der klassische Aktualitätsdruck der Tageszeitung. Ihm ist immer weniger schon dadurch Genüge getan, dass der Sachgehalt von Meldung und Nachricht verlässlich ist und die Darbietung in Text und Überschrift journalistisch professionell erfolgt. Vielmehr muss die Tageszeitung in Anmutung, Aufmachung und Binnengliederung ihren Charakter als Spezialistin für reflexive Distanz bewahren. Die Aufgabe des Feuilletons besteht, über alle Rezensionen zu Literatur, Film, Bildender Kunst, Tanz oder Theater hinaus, darin, auf einer Grundlage von historischem, philosophischem und philologisch-technischem Wissen Auseinandersetzungen um Begriffe und Ideen zu führen. Das Feuilleton ist deswegen der Teil der Zeitung, in dem alle journalistischen Techniken unter ihren jeweils eigenen Bedingungen entwickelt und entfaltet werden können und müssen: die Geschichtsphilosophie ebenso wie die philologische Analyse, der biografische Essay ebenso wie das Plädoyer, die Glosse ebenso wie die Reportage. Zugleich ist das Feuilleton der Teil der Zeitung, in dem das Gesamte der Gesellschaft noch einmal innerhalb des journalistischen Ressortwesens seinen Auftritt hat, und zwar nicht zuletzt mit den Mitteln der historischen Ableitung und Rückversicherung. Dieses Gesamte erscheint dabei einerseits im Umgang mit den Reflexionen, die in künstlerischen Werken geführt werden, andererseits auch im direkten Zugriff auf die Gegenwart. Der historische, soziologische, philosophische Essay zu aktuellen Themen hat deswegen seinen Platz vorzüglich im Feuilleton.

Vor allem im Übergang zwischen Feuilleton und Wirtschaftsressort liegen indessen noch Themen brach. In allen westlichen Gesellschaften gehört Kultur längst zu den größten und produktivsten Wirtschaftsbereichen überhaupt. Denn zur Kultur gehören ja nicht nur die Künste, die Wissenschaften, die Medien oder, als Vergröberung oder populäre Zuspitzung von Kunst, die Unterhaltungsindustrie. Vielmehr gehen in die Kultur auch die Mode, das Design und, alles andere übergreifend, die Kommunikationstechnik ein, vielleicht sogar ganze Sphären von Dienstleistungen und Waren, die nicht unmittelbar oder nicht nur Gebrauchsgegenstände oder Lebensmittel sind. Denn in allen diesen Bereichen werden nicht lediglich Gebrauchsgüter hergestellt, sondern zugleich Bilder des Menschen von sich selbst – Bilder, in denen heute ein Lebensgefühl erfasst wird, das morgen schon verschwunden sein kann. Diese Bildproduktion hat eigene Märkte hervorgebracht, etwa in der Telekommunikation oder in den sozialen Medien. Aber es gibt in den öffentlichen Medien nahezu keine Auseinandersetzung damit, warum das so ist, angefangen bei den vielen Millionen Euro, die ein Autohersteller im "Premiumsegment" für das bloße Design eines neuen Fahrzeugs ausgibt, bis hin zu den Inhalten der Kommunikation, für die man Smartphones braucht. Dass diese Gegenstände bislang noch nicht hinlänglich gründlich und umfassend behandelt werden, dürfte daran liegen, dass die Debatte um die Zukunft der Medien bislang einseitig durch die Aussicht auf eine digitale Zukunft geprägt ist und also mediale Eigengesetzlichkeiten nicht hinreichend bedacht werden.

Eines der Motive, die seit der Herausbildung der gedruckten Zeitung im frühen 17. Jahrhundert die Entwicklung der Medien vorantrieben, war die Verringerung des zeitlichen Abstands zwischen dem Ereignis und seiner Einspeisung in die Zirkulation als Nachricht. Dass die gedruckte Tageszeitung mit schnelleren Medien konkurrieren muss, ist also nichts Neues. Seit fast hundert Jahren ist sie langsamer als der Rundfunk, seit etwa sechzig Jahren langsamer als das Fernsehen. Diese Konkurrenz hat der großen, seriösen Tageszeitung bisher nicht nachhaltig geschadet. Im Gegenteil, in Deutschland waren die neunziger Jahre – die Jahre nach der allgemeinen Durchsetzung des Privatfernsehens und des PCs – für die Zeitungen eine der erfolgreichsten Perioden ihrer jüngeren Geschichte. Während dieser Periode experimentierten alle diese Zeitungen mit eigenen Radio- und/oder Fernsehsendern. Sie verloren viel Geld bei diesen Abenteuern, von diesen Sendern sind heute nur noch Reste übrig.

Der fundamentale Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Konstellation besteht darin, dass die Digitalisierung die Zeitung selbst erreicht hat: Sie ist Teil der Zeitung geworden. Zunächst in ihrem Produktionsprozess, dann in der Distribution. Während die papiergebundene Zeitung also so langsam geblieben ist, wie sie das seit Jahrzehnten ist (sie ist, nach dem Wegfall der Extrablätter, sogar langsamer geworden), hat sie gleichzeitig Anteil an den schnellsten, an den digitalen Medien. Auf der einen Seite gebunden an Papier und Druck, tritt sie gleichzeitig als Repräsentantin höchster Aktualität auf. Möglich ist dies, weil es sich beim Internet nicht, wie beim Rundfunk und beim Fernsehen, um ein anderes Medium, sondern um eine neue Infrastruktur für Medien handelt – ein Umstand, der sich am Unwillen des Publikums, für Inhalte im Internet zu zahlen, bemerkbar macht. Die Beschleunigung der Medien, die vor zweihundert Jahren begann, ist indessen an ihrem historischen wie systematischen Ende angekommen. Die Nachricht hat das Ereignis erreicht, in Gestalt der sozialen Medien. Das aber hat nicht nur zur Folge, dass die Nachrichtenagenturen ihr Monopol verlieren, sondern auch, dass die Beschleunigung des Nachrichtenflusses aufhört, das letzte und entscheidende Kriterium in der Konkurrenz der Medien zu sein.

Die meisten Zeitungen werden einmal am Tag produziert und in den Abendstunden dieses Tages mehrmals aktualisiert, meist mit Ausnahme des Samstags. Der Tag-Nacht-Rhythmus, dem sie gehorchen, galt bislang im Wesentlichen auch für die digitalen Ausgaben einer Tageszeitung. Während jedoch die papiergebundene Zeitung nur einmal am Tag erscheint, und zwar mit einer Verspätung von mindestens acht bis zwölf Stunden gegenüber dem Ereignis, wird die Internetausgabe wenn nicht fortlaufend, so doch in Rhythmen von zwei oder drei Stunden aktualisiert. Die gedruckte Tageszeitung bewegt sich zunehmend im Echohof der an den Livestream herangerückten Aktualität. Sie streckt, dehnt, konzentriert die von Ereigniskernen ausgehenden Reflexionsimpulse im Staccato ihres Erscheinungsrhythmus über Tage, manchmal über Wochen hinweg. Ihr Zeitklima ist ein In- und Durcheinander verschiedener Aktualitätsstufen. Es ist ihr daher nicht zuletzt die Aufgabe zugefallen, die eigene Verspätung gegenüber den elektronischen Medien in ihren Formaten und Schreibweisen zu kompensieren. Insbesondere Sportteile der großen Tageszeitungen sind zu Virtuosen der journalistischen Bewirtschaftung ihrer Verspätung geworden. Sie wenden sich am Montag an Leser, denen alle Ereignisse des Bundesligaspieltages längst bekannt sind. Darum lösen sie sich von der Ereignisberichterstattung und entwickeln Formate und Schreibweisen der physiognomischen Charakterisierung des Geschehens auf den Plätzen und um sie herum.

Es wäre daher ein Irrtum zu glauben, die Internetausgabe sei gegenüber der gedruckten Tageszeitung das durchgängig aktuellere Medium. In jeder Netzausgabe (und das gilt für alle Zeitungen) stehen Artikel, die wesentlich älter sind als die Zeitung von gestern. "Online" bedeutet also keineswegs nur einen höheren Grad von Aktualität, sondern auch einen höheren Grad von Archiv. Richtiger, als das Verhältnis von Print und Online als Gegensatz zu denken, wäre es daher, von unterschiedlichen Mischungsverhältnissen zu reden, vor allem auch im Umgang mit längeren Artikeln. Die Mischungsverhältnisse müssen dabei der gedruckten Zeitung keineswegs zum Nachteil gereichen. Denn während der Zeitungsartikel im Netz einer diffusen Zeitstruktur unterworfen ist, ist die papiergebundene Zeitung an diesem Punkt eindeutig: Es gibt sie einmal pro Tag, wenn auch nicht an allen Orten, an denen sie vertrieben wird, in nur einer identischen Ausgabe.

Es ist ein Erbteil der Medientheorien des 20. Jahrhunderts, im Blick auf das Verhältnis zwischen verschiedenen Medien – etwa Kino und Fernsehen, Buchdruck und elektronischen Medien etc. – die Elemente der Konkurrenz und des Verdrängungswettbewerbs hervorzuheben. Sind nicht die Extrablätter der Tageszeitungen, die noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs das Zentralorgan der breaking news waren, mit der Verbreitung erst der Radioapparate und dann des Fernsehens nach und nach verschwunden? Sind nicht Nachrichtenformate wie die Wochenschau aus dem Kino ins Fernsehen ausgewandert? Und lässt nicht der wachsende Austausch von E-Mails und Mitteilungen über Chats, Facebook und Twitter den handgeschriebenen Privatbrief samt Beigaben zu einem anachronistischen Exklusivformat werden? Leicht lassen sich aus dieser Perspektive der Medienkonkurrenz betrübte Verlustanzeigen oder euphorische Szenarien einer nie dagewesenen Dichte der Vernetzung in einem Universalmedium schreiben, das alle anderen in sich aufnimmt.

Es gibt aber zugleich in der Geschichte der Medien die Effekte der Resonanzverstärkung, der Symbiose und Rückkoppelung von Medien, die sich gerade nicht technologisch integrieren, sondern als distinkte, getrennte Sphären aufeinander reagieren und miteinander kooperieren. Die Schallplatte wie das Radio riefen eigene Zeitschriftentypen auf den Markt, das Radio macht Presseschau; im Fernsehen gibt es Pressegespräche, bei denen Zeitungsjournalisten um runde Tische sitzen; werbefinanzierte Onlinemagazine im Internet vernetzen, was in den Zeitungen steht, und verwandeln Rezensionen oder anderen Stoff aus gedruckten Zeitungen in synoptisch angeordnete Extrakte. Die Magazine, die wöchentlich erscheinen und einer Tageszeitung beiliegen, statt am Kiosk auszuliegen, verdanken ihre ökonomisch erfolgreiche Existenz ebenso sehr der Symbiose mit der Tageszeitung wie ihrem Trägermedium, dem für bestimmte Werbekunden verlässlich attraktiven Hochglanzpapier. Um diesen Hochglanzkern herum lagern sie Bonusangebote im digitalen Format an.

Die Differenzierung der Medienwelt einschließlich der Entstehung immer neuer digitaler Formate im Journalismus ist von solchen Effekten der Resonanzverstärkung und Rückkoppelung ebenso geprägt wie von der Medienkonkurrenz. Zu den jüngsten Ressorts, die das Medium Tageszeitung ausgebildet hat, gehören kaum zufällig die Medienressorts, als Institutionalisierung sowohl der Selbstbeobachtung wie der Fremdbeobachtung, etwa des Fernsehens. Die Entwicklung der digitalen Medien ist also keineswegs abgeschlossen.

Die Zeitungen werden gegenüber den digitalen Medien vermutlich weiter verlieren – und zwar in den Bereichen, in denen die Bindung an das Papier keinen Gewinn darstellt, in denen also auf der einen Seite Ordnung, Konzentration und Gradierung wenig nutzen und in denen es auf der anderen Seite scheinbar nicht auf Autorität ankommt. Es lässt sich leicht ausrechnen, welche Ressorts von dieser Konkurrenz am heftigsten erfasst werden müssen: die vermischten Nachrichten und die special interest-Bereiche wie Mode, Automobile oder Küche. Letztere finden, weil sie intensiv mit Bildern und Bildstrecken arbeiten und im besonderen Maße auf Archivfunktionen angewiesen sind, im Internet eine Fülle von oft überlegenen Darstellungsoptionen. Aber auch auf diesen Feldern gibt es eine zunehmende Differenzierung, und es entstehen neue Mischformen: Kurze, an Persönlichkeiten und Dingen orientierte Artikel mit großen, einprägsamen Bildern lassen sich zwar leicht und eindrucksvoller online realisieren. Die gedruckten Zeitungen geben diese Stoffe indessen nicht auf. Stattdessen steigen die Ansprüche, Stoffe wie diese mit eigener, den Gesetzen der gedruckten Zeitung folgenden Autorität zu behandeln. Und der Magazinjournalismus liegt der Tageszeitung nicht mehr nur bei. Er gewinnt auch in ihr selbst an Bedeutung, indem zum Beispiel Themen mittlerer Aktualität in der Tageszeitung immer häufiger auf Doppelsonderseiten und in Text-Bild-Formaten verhandelt werden, die vom üblichen Layout abgehoben sind.

Noch immer scheint es innerhalb der papiergebundenen Zeitung ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den digitalen Medien zu geben. Deutlichster Ausdruck dieses Gefühls ist der Link, der Gedanke also, man solle Leser von der papiergebundenen Zeitung oder deren digitaler Ausgabe weiterschicken zu einer anderen Veröffentlichung im Netz. Der Link ist das systematische Äquivalent zur fortlaufenden Aktualisierung. Was diese in der Zeit tut, schafft der Link im Artikelmaterial. So wie Twitter, Facebook und die anderen sozialen Medien den Strom der Nachrichten ausweiten, weitet der Link die Lektüre aus. Doch müssen Leser, die einen Link anklicken, nicht zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der Link stellt daher ein doppeltes Risiko dar. Das äußerliche Risiko besteht darin, dass der Link die Autorität – oder die "Marke" – schwächt. Der Link gefährdet zudem ein hohes Gut, das im Onlinejournalismus die Fixierung auf die Klicks ersetzt hat: die Verweildauer. Aus der Verweildauer geht die Empfehlung eines Artikels hervor, wer länger verweilt, ist für die Werbung ein interessanterer Adressat als der flüchtige Klicker, die Verweildauer ist das elektronische Äquivalent zur Leserbindung. Onlinejournalisten, die sich an der Verweildauer statt lediglich an den Reichweitenzahlen der Klicks orientieren, stoßen deswegen Qualitätsdebatten an.

In dem Maß, in dem im Onlinejournalismus die Orientierung an der Verweildauer zunimmt, wird das Klischee hinfällig, demzufolge der Onlinejournalismus trashverdächtig und der Begriff Qualitätsjournalismus printnah ist. So wie die auf Papier gedruckte Zeitung seit vier Jahrhunderten die in den ihr gesetzten Grenzen möglichen Formate, Binnengliederungen, Ressortgliederungen, rhetorischen Strategien und Techniken der Aktualitätsbewirtschaftung erschlossen und definiert hat, wird der Onlinejournalismus seine eigenen Formate ausprägen und sich dabei von dem Formvorbild der gedruckten Zeitung, dem die Versionen für Lesegeräte noch folgen, mehr und mehr lösen. Denn er muss sowohl dem Livestream der Aktualität wie den Möglichkeiten Rechnung tragen, die es ihm erlauben, in den Text einer großen Reportage Audio- und Videodateien einzufügen. Die Vernetzung von Printredaktionen und Onlineredaktionen unter dem Dach eines gemeinsamen Zeitungstitels – ökonomisch gesprochen: einer gemeinsamen Marke – kann nur im kalkulierten Zusammenspiel von Akteuren bestehen, die sich der notwendigen Differenz ihrer Produkte bewusst sind und den Fehler vermeiden, gegenüber dem Publikum diese Differenz zu überspielen.

Wie die Abgeschlossenheit ihrer einzelnen Seiten gehört der Umstand, dass eine auf Papier gedruckte Tageszeitung Geld kostet, zu den traditionellen Elementen. Sie muss die Höhe ihrer Preise rechtfertigen, aber nicht mühsam erkämpfen, dass sie überhaupt etwas kostet. Natürlich kann sie dieses Element preisgeben, aber kostenlose Zeitungen, auch wenn sie, wie in der Schweiz, erfolgreich zirkulieren, bezahlen diese Preisgabe in der Regel mit einem Status minderer Autorität. Der Onlinejournalismus wiederum steht an der Schwelle zur Entwicklung von Bezahlmodellen. Die Überschreitung dieser Schwelle ist eng an die Entfaltung seiner journalistischen Formate gebunden, also daran, dass er ein knappes Gut anbietet. Schnell sind alle, die online sind. Knapp sind die gute Geschichte, die medial perfekt inszenierte Reportage, die brillante Glosse. Das knappe Gut heißt auch hier: Autorität. Unter denjenigen, die gegenwärtig in der Öffentlichkeit über die Zukunft der Zeitung sprechen, zählt die Mehrheit offenbar zu einer besonderen Art von Adventisten. Diese sind überzeugt davon, der endgültige Triumph der digitalen über die papiergebundenen Medien sei schon bald zu erwarten. Doch beruft sich dieser Adventismus auf einen tautologischen Gedanken, darauf nämlich, die nächste Zukunft könne gar nicht anders, als eine Fortsetzung der jüngeren Vergangenheit zu bilden. Zwar haben sich die Zeitungen in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert und sind von ausschließlich papiergebundenen Unternehmungen zu Mischwesen zwischen Papier und Digitalem geworden. Doch ist es keineswegs gewiss, dass diese Mischwesen nur Phänomene des Übergangs sind. Mindestens genauso wahrscheinlich ist es, dass die Doppelstruktur von Print und digitalen Medien erhalten bleibt. Und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Mischwesen in Zukunft wieder größere Anteile Papier enthalten. Tatsächlich erwächst die größte Zukunftschance der gedruckten Zeitung aus der Konsequenz, mit der sie dem Überfluss von Optionen im Netz die Verknappung der Optionen im Print gegenüberstellt, redaktionell wie technologisch.

Die seriöse, nationale Tageszeitung wird es daher auch in Zukunft geben, etwas schmaler vielleicht, aber nach wie vor als Schlüsselmedium der Öffentlichkeit. Es wird ihr umso leichter fallen, sich zu behaupten, je mehr sie ein bewusst ikonografisches Verhältnis zu sich selbst entwickelt, je besser und qualitätsvoller sie mit Papier, Layout und Bildsprache umgeht.

 



Published 2013-12-18


Original in German
First published in Merkur 12/2013

Contributed by Merkur
© Lothar Müller, Thomas Steinfeld / Merkur
© Eurozine
 

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