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Öko-Biedermeier vs. ökologische Moderne

Die grüne Revolution


In den letzten Ausgaben der Blätter waren Texte von Harald Welzer sowie von Edward und Robert Skidelsky zu lesen,[1] bei denen ich mich eines gewissen Déjà-vu-Gefühls nicht erwehren konnte. Die Parallelen zu den Anfängen der Öko-Debatte in den 1970er und frühen 80er Jahren liegen auf der Hand: vom Warnruf vor den destruktiven Konsequenzen permanenten Wachstums,[2] der Kritik des Konsumismus als Form der Entfremdung[3] bis zum Aufruf zur Selbstbegrenzung als Gegenmodell zur expansiven Moderne.[4]

Siemens Superstar as symbol for green innovation, Germany. Photo: Siemens AG. Source: Wikipedia


Weshalb dieses Revival? Wenn die große Politik nicht willens oder fähig scheint, der globalen Öko-Krise wirksam entgegenzutreten, liegt es nahe, alle Hoffnung auf das moralische Handeln der Bürgerinnen und Bürger sowie das widerständige Potential von Graswurzel-Initiativen zu lenken. Tatsächlich zeigen zentrale Indikatoren eine beschleunigte Erosion der natürlichen Lebensgrundlagen an: Die Treibhausgas-Emissionen steigen von Jahr zu Jahr, der Verlust fruchtbarer Böden nimmt bedrohliche Formen an, Trinkwasser wird in vielen Weltregionen zum knappen Gut, der Raubbau an den Regenwäldern setzt sich fort und die Liste der bedrohten Pflanzen und Tiere wird länger und länger.

Wenn die Furcht vor dem Kollaps wächst, hat Zivilisationskritik Hochkonjunktur. Auch das ist nicht neu: Schon seit dem Turmbau zu Babel ist die Warnung vor Maßlosigkeit und Hybris die Begleitmusik zum "Schneller, Höher, Weiter", das zum Grundgesetz der abendländischen Kultur wurde. Gleichzeitig hat das krachende Debakel des Kasinokapitalismus die Rückkehr der Kapitalismuskritik befeuert. Teilen der Linken ist "Wachstumskritik" das trojanische Pferd des Antikapitalismus: Da die Akkumulation des Kapitals seine beständige erweiterte Reproduktion verlange, erfordere der Ausstieg aus der Wachstumsmaschine die Überwindung des Kapitalismus – zumindest aber die demokratische Entscheidung über die Produktionssphäre.

Hinzu kommt ein diffuses, aber unüberhörbares Leiden an der Beschleunigung des wirtschaftlichen und privaten Lebens, am allgegenwärtigen Wettbewerb, an der wachsenden Unsicherheit der Lebensverhältnisse und der Forderung nach grenzenloser Flexibilität der eigenen Lebensführung.

Man kann diese Stimmungslage als Indiz für einen tiefgreifenden kulturellen Wandel interpretieren: vom Materialismus zum Postmaterialismus, von der Jagd nach immer mehr zu Maß und Mitte, von permanenter Veränderung zur Bewahrung des Bestehenden – kurzum: als Symptome einer Müdigkeit, eines Gefühls der Erschöpfung, das sich in den gebildeten Klassen Europas ausbreitet. Kein Zufall, dass die Wiederentdeckung des aristotelischen "rechten Maßes"[5] in einer Gesellschaft stattfindet, die sich in einer nie gekannten demographischen Inversion befindet. Alternde Gesellschaften sind vermutlich empfänglicher für Zukunftspessimismus; ihre Priorität liegt auf konservativen Werten wie Sicherheit, Stabilität, Entschleunigung – nicht auf Risikobereitschaft, Innovation und Wachstum.

Dabei ist die Kritik am Wirtschaftswachstum durchaus kein Privileg der Linken: Man hört diese Melodie auf Attac-Konferenzen wie auf Kirchentagen, und neben Autoren wie Tim Jackson und Harald Welzer gehört der CDU-Querdenker Meinhard Miegel zu den Herolden einer Postwachstumsgesellschaft. In der prosperierenden Wachstumskritik fließen all diese Strömungen und Unterströmungen zusammen. Ich bin weit davon entfernt, diese Motive als bloßes Luxusphänomen zu denunzieren, zumal sie auch von jungen Leuten artikuliert werden, die sich Gedanken machen, wie sie leben wollen. Weshalb halte ich den Appell, der Wachstumsökonomie den Rücken zu kehren und der globalen ökologischen Krise vorrangig mit Maßhalten und Konsumverzicht zu begegnen, dennoch für einen theoretischen Irrtum und eine politische Sackgasse?

Die Schizophrenie der Wachstumsdebatte

Während an Universitäten und in den Feuilletons die Abkehr vom "Wachstumswahn" diskutiert wird, giert gleichzeitig fast ganz Europa nach wirtschaftlichem Wachstum wie ein Verdurstender nach frischem Wasser. Tatsächlich gibt es keinen Ausweg aus der hartnäckigen Schuldenkrise und der ökonomischen Depression ohne Wiederbelebung der wirtschaftlichen Dynamik (vulgo: Wirtschaftswachstum). Die zentrale Frage lautet daher, wie ein neuer Zyklus von Investitionen und Innovationen in Gang gesetzt werden kann, der neue Jobs und Einkommen generiert. Die Erfahrung der letzten Jahre hat zudem bestätigt, was theoretisch ohnehin klar war: bloße Austeritätspolitik ("Gesundschrumpfen") führt nur noch tiefer in die Rezession. Was fehlt, ist eine überzeugende europäische Wachstumsstrategie. Was aber haben die Wachstumskritiker zu dem ökonomischen und sozialen Drama zu sagen, das sich gegenwärtig in weiten Teilen Europas abspielt?

Soweit sie sich überhaupt mit den Niederungen der realen Politik befassen, empfehlen sie, sich in das Unvermeidliche zu fügen: Seht endlich ein, dass es mit dem Wachstum vorbei ist und nutzt die Krise als Chance, den Rückzug aus einer expansiven Wirtschafts- und Lebensform zu organisieren. Reduziert Erwerbsarbeit und fremdbestimmten Konsum, entdeckt die Freuden des einfachen, aber authentischen Lebens. An dieser These stimmt allerdings weder die Prämisse – das Ende des Wachstums – noch die frohe Botschaft, dass ein sinkendes Sozialprodukt in eine bessere Zukunft führt. Was anhaltendes "Minuswachstum" bedeutet, erleben die Menschen in Griechenland, Spanien oder Portugal gerade hautnah: heftige Verteilungskämpfe, zunehmende Existenzunsicherheit, brutale Kürzung öffentlicher Leistungen und eine junge Generation, die um ihre Zukunft fürchtet.

Auch die parallelen Diskurse über Wachstumskritik und Ausbau des Sozialstaats grenzen an Schizophrenie. Forderungen nach sozialer Grundsicherung in allen Lebenslagen – von der armutsfesten Grundrente bis zum bedingungslosen Grundeinkommen -, nach kostenloser Bildung vom Kindergarten bis zur Universität, nach verbesserten Pflegedienstleistungen usw. sind nichts anderes als Wechsel auf künftiges Wirtschaftswachstum. Bloße Umverteilung reicht nicht aus, um die horrenden öffentlichen Schulden abzutragen und wachsende Ansprüche an soziale Leistungen zu finanzieren. Das gilt erst recht angesichts des demographischen Wandels mit seinen steigenden Kosten für Gesundheitsversorgung und Pflege.

Die Welt im Wandel

Die Debatte über die Postwachstumsgesellschaft grenzt an Realitätsflucht. Tatsächlich leben wir in einer historischen Wachstumsperiode der Weltwirtschaft, vergleichbar allenfalls der industriellen Revolution im Europa des 19. Jahrhunderts. Heute befindet sich die große Mehrheit der Weltbevölkerung im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Damit verbunden ist ein gewaltiger Zuwachs an Gütern und Dienstleistungen aller Art. Aller Voraussicht nach wird sich die globale Wirtschaftsleistung in den kommenden 20 Jahren glatt verdoppeln. Die Treiber für diese Entwicklung stehen schon jetzt fest.

Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung von heute sieben auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen. Gleichzeitig verzeichnen wir eine rasch wachsende globale Mittelklasse. Es geht um den Aufstieg von Milliarden Menschen aus bitterer Armut in eine moderne Lebensweise: komfortable Wohnungen, Haushaltsgeräte, elektronische Kommunikation, globale Mobilität, professionelle Gesundheitsversorgung und steigendes Bildungsniveau. Die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt, für eine rasch wachsende Zahl von Menschen eröffnen sich neue Möglichkeiten über das bloße Überleben hinaus. Nur ein Snob kann diese Entwicklung bedauern. Für die große Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten bedeutet wirtschaftliches Wachstum indes den Weg zu sozialem Fortschritt.

Darüber hinaus trägt auch die Urbanisierung der Welt zum epochalen Wachstum bei. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte lebt heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Dieser Anteil wird sich in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich auf 70 bis 80 Prozent erhöhen. Das bedeutet, dass sich die Zahl der Stadtbewohner in etwa verdoppeln wird – von heute 3,5 auf 7 Milliarden. Sie alle benötigen Lebensmittel, Wohnungen, Energie, Wasser, Transportmittel, Bildung und Dienstleistungen aller Art. Mit dem Wachstum der Städte wird ein nie dagewesener Bauboom einhergehen, Hand in Hand mit dem Entstehen neuer Fabriken, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrswege und Flughäfen. Die Zukunft des Planeten wird sich maßgeblich in den Städten Asiens, Lateinamerikas und Afrikas entscheiden.

Schließlich wird auch Innovation das Wachstum antreiben. Wirtschaftliches Wachstum bedeutet entgegen dem landläufigen Vorurteil nicht immer mehr vom immer Gleichen. Es entsteht maßgeblich durch Erfindungen – neue Technologien, Produkte und Dienstleistungen, mit denen auch neue Märkte entstehen. Am Ausgangspunkt jedes großen Wachstumszyklus standen bahnbrechende Erfindungen, die Wirtschaft und Alltagsleben veränderten.

Neu ist allerdings, dass innovationsgetriebenes Wachstum kein Monopol Europas, Nordamerikas und Japans mehr ist. Dieser Prozess spielt sich mittlerweile im globalen Maßstab ab. China ist bereits im Übergang von einer extensiven zu einer wissensbasierten Ökonomie, andere aufstrebende Länder folgen. Die Geschwindigkeit, mit der neue Verfahren und Produkte in die Welt kommen, wird sich weiter beschleunigen. Bildung, Wissenschaft und Forschung werden zur entscheidenden Produktivkraft.

Die neue grüne Gründerzeit: Der European Green New Deal

Welche Folgen hat dies für unser Zusammenleben? Fest steht: Keine Gesellschaft kann ihre Zukunft durch bloße Umverteilung des vorhandenen Reichtums bestreiten. Wer die soziale Demokratie bewahren will, muss die Frage nach der künftigen ökonomischen Basis des europäischen Sozialmodells beantworten. Nachhaltiges Wachstum oder nachhaltiges Schrumpfen – an dieser Frage entscheidet sich auch die Zukunft des Sozialstaats.

Europa kann mehr, als einen schrumpfenden Wohlstand gerecht zu verteilen. Unser Kontinent verfügt über das wissenschaftliche Potential und das industrielle Know-how, um zum Vorreiter für die nächste Stufe der industriellen Revolution zu werden. Genau darauf zielt das Konzept eines European Green New Deal: Massive Investitionen in Bildung und Wissenschaft, in den Ausbau der europäischen Energienetze, die Modernisierung des Bahnverkehrs, in Elektromobilität und die energetische Sanierung unserer Städte sollen eine lange Welle nachhaltigen Wachstums anschieben.

Eine solche Investitionsoffensive ist eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Voraussetzung, um die bedrohliche Abwärtsspirale zu durchbrechen, in der sich immer mehr europäische Länder befinden. Sie muss flankiert werden durch Reformen des Finanzsektors, der öffentlichen Verwaltung, der Arbeitsmärkte und der sozialen Sicherungssysteme.

Angesichts der epochalen Veränderungen, deren Zeuge wir sind, ist die entscheidende Frage für die Zukunft des Planeten nicht ob, sondern wie die Weltwirtschaft wächst: Vollzieht sich der Aufschwung der vormaligen "Dritten Welt" auf der Basis des alten, ressourcenfressenden und umweltzerstörenden Wachstums oder gelingt der Übergang zu einem nachhaltigen Wachstumsmodell – vom Raubbau an der Natur zum Wachstum mit der Natur? Es geht dabei um nicht weniger als um eine neue industrielle Revolution, die zur Entkopplung von wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch führt. Dazu braucht es drei grundlegende Operationen: eine kontinuierliche Steigerung der Ressourcenproduktivität, die Substitution fossiler durch erneuerbare Energiequellen sowie den Übergang von linearen Produktionsprozessen zur Kreislaufökonomie, in der alle Reststoffe zum Ausgangspunkt neuer Wertschöpfungsketten werden.

Wir leben nicht in der Endzeit des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, sondern in einer neuen Gründerzeit. Sie ist eine der aufregendsten Perioden der Industriegeschichte – vergleichbar zu früheren großen Innovationsperioden wie dem Aufkommen der Dampfmaschine und der großen Industrie, der Elektrifizierung oder der digitalen Revolution. Die Farbe dieser neuen industriellen Revolution ist grün. Die jüngste Hannover Messe – die größte Industrieausstellung der Welt – gab einen Eindruck, wohin die Reise geht: Neben der automatisierten Fabrik standen umweltfreundliche Techniken, Systeme und Produkte im Zentrum der Selbstdarstellung von Industrieunternehmen aus aller Welt. Selbst wenn man einen Anteil grüner Fassadenmalerei abzieht, fließen enorme Forschungsmittel und Investitionen in nachhaltige Produktionsprozesse und Produktlinien.

Kein Sektor der globalen Wirtschaft wächst schneller als die grüne Ökonomie: Erneuerbare Energien, Effizienztechnik, Wertstoffrecycling, Wasseraufbereitung, ökologische Gebäudetechnik, Elektromobilität, Naturstoffchemie sind nur einige Stichworte aus einem umfangreichen Katalog.

Die Umrisse einer neuen industriellen Revolution

Schon heute zeichnen sich die Umrisse einer neuen industriellen Revolution ab. Dazu zählen beispielsweise CO2-neutrale Städte, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Als erste Metropole hat Kopenhagen sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2025 klimaneutral zu sein. Andere große Städte folgen diesem Beispiel, auch in Amerika und Asien.

In den Städten entwickeln sich neue Formen des Urban Farming: Städtische Nahrungsmittelproduktion in Form hochmoderner Gewächshäuser und vertikaler Farmen, die mit Solarenergie, industrieller Abwärme und geschlossenen Wasserkreisläufen arbeiten, den Düngemitteleinsatz radikal reduzieren und eine vielfach höhere Flächenproduktivität als die konventionelle Landwirtschaft erreichen. Wachsen mit der Natur heißt auch lernen von der Natur: Die Bionik (Biomimikry) zielt darauf ab, die "Erfindungen" der biologischen Evolution in neue Produkte, Materialien und Verfahren zu übertragen. Bekannte Beispiele sind der Lotuseffekt, also die Entwicklung selbstreinigender Oberflächen, oder auch die Reduzierung des Energieverbrauchs von Schiffen und Flugzeugen durch stromlinienförmige Konstruktion.

In eine ähnliche Richtung weist die Naturstoffchemie: die Umstellung der petrochemischen Industrie auf die Kaskadennutzung pflanzlicher Rohstoffe. Dazu gehört auch die Entwicklung von Biokatalysatoren, die den Energieverbrauch chemischer Prozesse reduzieren. Dass es sich dabei nicht nur um experimentelle Nischen handelt, zeigt der wachsende Anteil von Naturfarben und Kosmetika auf pflanzlicher Basis. Aus Kaffeesatz und anderen organischen Reststoffen können Bio-Kunststoffe hergestellt werden. Hierher gehört auch die Nutzung von CO2 als Rohstoff in der chemischen Industrie oder die Gewinnung von Biokraftstoffen aus Algen.

Die Rekultivierung von Böden und die Regeneration der Humusschicht durch eine Kombination von traditionellen landwirtschaftlichen Methoden (Terra Praeta, Agroforstwirtschaft) mit modernen mikrobiologischen Erkenntnissen, werden die organische Bodenqualität verbessern. Dadurch verringert sich der Düngemittelbedarf, zugleich ist die CO2-Bindungsfähigkeit von Ackerflächen höher. Ein noch weitgehend unentdecktes Potential liegt zudem in der Nutzung von Mikroorganismen (Mikroben). Sie können bei der Rückgewinnung von Edelmetallen aus Elektroschrott, der Sanierung kontaminierter Böden oder auch bei der Umwandlung von Zellulose in Biokraftstoffe helfen.

Beim Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise kommt den erneuerbaren Energien eine entscheidende Rolle zu – ihr Siegeszug steht erst am Anfang. Sie sind global der am schnellsten wachsende Sektor der Energiegewinnung. Während die Kosten für neue Solar- und Windkraftanlagen kontinuierlich sinken und zugleich ihre Leistungsfähigkeit wächst, schießen die Kosten für neue Atomkraftwerke durch die Decke. Insbesondere in Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung steht Photovoltaik bereits an der Schwelle zur Wettbewerbsfähigkeit gegenüber fossilen Energieträgern, ebenso die Windenergie – ganz zu schweigen von den horrenden Folgekosten der Kohleverbrennung. Die deutsche "Energiewende" ist kein exotischer Sonderweg, sondern ein globales Pilotprojekt.

In einer langfristigen Perspektive geht es um den Übergang in eine Solarökonomie. Bisher nutzen wir die tägliche Energiedosis, die von der Sonne zur Erde gelangt, nur zu einem Bruchteil. Der nächste große Schritt in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise wird die künstliche Photosynthese sein, also die Umwandlung von Sonnenlicht, Wasser und CO2 in biochemische Energie (Kohlenstoff-Verbindungen). Dieser Prozess bildet die Grundlage allen biologischen Lebens auf der Erde. Er wird künftig auch die Grundlage einer ökologischen Ökonomie sein.

Der rasche Zubau erneuerbarer Energien bildet schließlich die Basis für einen Aufschwung der Elektromobilität im Straßenverkehr (E-Bikes, E-Rollern oder E-Autos). Die Autoindustrie hat bereits große Summen in die Entwicklung neuer Antriebstechniken und Fahrzeugtypen investiert. Aktuell kommen zahlreiche neue Elektro- oder Hybridfahrzeuge auf den Markt. Ob sie den Durchbruch schaffen, hängt auch an den erforderlichen Weichenstellungen durch die Politik: Sie muss durch verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten, steuerliche Förderung und privilegierte Behandlung von Elektroautos im öffentlichen Raum die Mehrkosten bei der Anschaffung zumindest partiell kompensieren.

Das alles ist keine Science-Fiction. Es handelt sich um Innovationen, an denen bereits heute in unzähligen Forschungslabors, Ingenieurbüros und Architekturfirmen gearbeitet wird. Damit sie zum Tragen kommen, braucht es nicht nur eine pro-aktive Umwelt- und Wirtschaftspolitik, die den Prozess ökologischer Innovation vorantreibt. Ernst Ulrich von Weizsäcker spricht in seinem Standardwerk "Faktor Fünf" von "Begeisterung für die grüne industrielle Revolution", die es zu wecken gilt. Ökologische Politik muss weniger an die Furcht vor der Katastrophe appellieren als an die Fülle von Möglichkeiten, die mit der großen Transformation verbunden sind. Es geht nicht um den Rückzug in eine karge Lebensform, sondern um den Aufbruch in eine neue Produktionsweise, die das Leben von Milliarden Menschen auf unserem Planeten verbessern wird.

Wider den Zukunftspessimismus

Eben diese Chancen sehen die Wachstumskritiker nicht. Im Gegenteil: Meinhard Miegel spricht von der Erschöpfung der Wachstumsgesellschaft, und für Harald Welzer hat Europa seine besten Zeiten hinter sich. Sein Devise: Man muss loslassen können. Das Gefühl der Müdigkeit in Europa und die Aufbruchstimmung im Rest der Welt stehen jedoch in scharfem Kontrast zueinander. Neu ist dieser Konflikt nicht. Der Ruf nach Abkehr von einer expansiven Lebensform, die Fixierung auf die Risiken technischer Innovation, der Wunsch nach einer stationären, beschaulichen Lebensweise[6] erinnert an die lange abendländische Geschichte der Fortschrittsangst und Fortschrittskritik. Sie reicht vom Gleichnis des Turmbaus zu Babel über Mary Shellys Frankenstein und Goethes Faust bis zu Huxleys "Schöne neue Welt" und den zahlreichen Endzeitgeschichten des modernen Films, in denen nur noch die Trümmer der menschlichen Zivilisation übrig geblieben sind. Wenn aber – nach einem Diktum von Peter Sloterdijk – das "Weiter so" ein Verbrechen ist und bloße Verzichtsappelle hilflos bleiben, welchen Weg können wir dann noch einschlagen?

Es geht um eine Kultur und Politik der reflexiven Moderne, die an ihren Errungenschaften festhält und sich zugleich ihrer Selbstgefährdung bewusst wird. Die Gefahr, dass uns der rasende technische Fortschritt und eine stürmisch wachsende Weltwirtschaft in den Abgrund treiben, ist real. Aber die Antwort darauf kann nicht darin bestehen, dass wir uns möglichst klein machen und versuchen, die Welt still zu stellen. Ein hoher Grad an individueller Selbstbestimmung, an Entfaltungschancen, Bildung, Mobilität, Kommunikation gehören ebenso unwiderruflich zu den Attributen der Moderne wie ein gewisser Grad an Alltagskomfort – dazu zählt bereits der Strom aus der Steckdose – und Sicherheit, ja selbst solche scheinbar überflüssigen Dinge wie Mode, Kino, Reisen in ferne Länder und vieles mehr.

Wer glaubt im Ernst, dass wir bereit wären, dem veloziferischen (eine Wortschöpfung Goethes) Lebensstil den Rücken zu kehren und uns auf eine selbstgenügsame, ganz nach innen orientierte Daseinsform zu verlegen? Und wer glaubt auch nur eine Sekunde, dass sich die aufstrebenden Nationen des globalen Südens davon abhalten ließen, nach genau diesen Errungenschaften der modernen Industriegesellschaft zu streben? Welche Macht sollte das bewirken? Selbst religiöse Bindungen haben sich nicht als stark genug erwiesen, den Verlockungen der Moderne auf Dauer zu widerstehen. Das gilt nicht nur für das "christliche Abendland", sondern auch für buddhistisch, hinduistisch oder muslimisch geprägte Gesellschaften.

Kein Zufall also, dass führende Köpfe der Wachstumskritik wie Denis Meadows oder sein Kollege Jørgen Randers an der Fähigkeit der Demokratie zweifeln, den Ausstieg aus der Konsumgesellschaft herbeizuführen. Wer die Rettung vor der ökologischen Katastrophe in einer massiven Schrumpfung von Produktion und Konsum sieht, landet folgerichtig entweder bei der psychischen Reprogrammierung der Individuen (Bahro) oder bei autoritären Regierungsformen, die eine Politik der Einschränkung von oben durchsetzen.

Schon im berühmten Bericht über die "Grenzen des Wachstums", der im Auftrag des Club of Rome erstellt wurde, findet sich eine zutiefst autoritäre Tendenz, die auf rigide Reglementierung von Produktion, Konsum und Fortpflanzung zielt (auch das Bevölkerungswachstum soll möglichst unterbunden werden). Jørgen Randers, der schon Anfang der 70er Jahre zur Autorengruppe von "Limits to Growth" gehörte und kürzlich eine Neuauflage unter dem Titel "2052" vorlegte, sympathisiert offen mit dem chinesischen Regime. Er träumt von einem "wohlwollenden Diktator", der keine Rücksichten auf die störrischen Massen nehmen muss. So wird die Demokratie auf dem Altar des Gattungsinteresses geopfert. Auf diese schiefe Ebene sollten wir uns nicht begeben. Zum Standardrepertoire der Wachstumskritik gehört auch die von Erich Fromm geprägte Frage "Haben oder Sein". So aktuell das Unbehagen an einer selbstvergessenen Konsumkultur und an der Vorherrschaft des Habens ist, so problematisch ist die Vorstellung eines guten Lebens, das sich selbst genügt. Die Alternative Sein oder Haben verfehlt den nie abgeschlossenen Prozess des Werdens – das unvollendete Projekt der menschlichen Zivilisation auf diesem Globus.

Man kann die Geschichte der Menschheit stattdessen als ständige Erweiterung der Grenzen lesen, die uns die Natur setzt, von den Anfängen des Ackerbaus und der Viehzucht bis zur modernen Raumfahrt. Daraus folgt nicht, dass es keine ökologischen Grenzen des Wachstums gäbe. Sie liegen in der Tragfähigkeit der globalen Ökosysteme, von denen die menschliche Zivilisation abhängt: Klima, Boden, Wasserkreislauf, Artenvielfalt. Wenn wir diese Systeme überlasten, stolpern wir in massive Krisen und Verwerfungen.

Die flexiblen Grenzen des Wachstums

Der springende Punkt ist, dass aus den Grenzen der Belastbarkeit der Biosphäre keine fixen Grenzen ableitbar sind, was dem Menschen auf dieser Erde möglich ist. Wer die Natur als starres System begreift, dem sich die Menschheit unterwerfen muss, verkennt die größte Produktivkraft, über die wir verfügen: Kreativität, Erfindungsreichtum und Unternehmergeist. Nicht in der Selbstfesselung der Menschheit besteht der Ausweg aus der globalen Umwelt- und Ressourcenkrise, sondern in der Freisetzung innovativer Kräfte und Lösungen.

Dazu gehören auch soziale Innovationen, einschließlich veränderter Konsumstile. Auch sie sind längst im Gang: Erneuerbare Energien, Biolandwirtschaft, Fair-Trade-Produkte, Öko-Mode, ethisches Investment, Car Sharing und Tauschbörsen sind auf dem Vormarsch; unter jungen Großstädtern verliert das Auto seinen Nimbus als Statussymbol, bei elektrischen Geräten schaut man nicht nur auf den Preis, sondern auch auf den Energieverbrauch.

All das ist gut und wichtig, ebenso wie die Kritik an der Massentierhaltung und an der Menschenschinderei in den ausgelagerten Billigfabriken der Textilindustrie. Wir sollten uns nur nicht einbilden, dass wir mit Lebensreformen den Wettlauf mit der ökologischen Krise gewinnen können. Angesichts einer dynamisch wachsenden Weltwirtschaft führt kein Weg an der grünen industriellen Revolution vorbei.

Dafür braucht es ein ganzes Bündel von Akteuren: den Erfindungsreichtum von Wissenschaft und Forschung, die Innovationskraft von kleinen und großen Unternehmen, eine kritische Zivilgesellschaft und eine pro-aktive Politik, die den Mut aufbringt, langfristige Ziele zu setzen und den Märkten einen ökologischen Ordnungsrahmen zu verpassen. Dazu zählen die schrittweise Deckelung von CO2-Emissionen; eine ökologische Steuerreform, die den Umweltverbrauch verteuert; ambitionierte Grenzwerte und Effizienzstandards; internationale Vereinbarungen zum Schutz globaler Gemeinschaftsgüter wie der Weltmeere und des Klimas.

Auf dem Weg globaler Arrangements werden wir umso schneller vorankommen, wenn uns der praktische Beweis gelingt, dass Umweltschutz und Wohlstand kein Gegensatz sind, sondern zwei Seiten einer Medaille. Ob wir den Wettlauf gegen den Klimawandel gewinnen, ist eine offene Wette. Es geht dabei auch um das Vertrauen, dass wir die Selbstgefährdung der Moderne mit den Mitteln der Moderne überwinden können: Wissenschaft, Innovation und Demokratie.

 

  • [1] Vgl. Harald Welzer, Der Konsumismus kennt keine Feinde, Blätter, 6/2013, S. 67-79; Edward und Robert Skidelsky, Zurück zum Wesentlichen. Was wir zum guten Leben brauchen, Blätter, 4/2013, S. 79-90.
  • [2] Vgl. Denis Meadows et al., Grenzen des Wachstums, München 1972.
  • [3] Vgl. Erich Fromm, Haben oder Sein, München 1976.
  • [4] Vgl. Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Stuttgart und Wien 1987.
  • [5] Vgl. Skidelsky / Skidelsky, a.a.O.
  • [6] Vgl. dazu Niko Paech, Das Elend der Konsumwirtschaft. Von Rio+20 zur Postwachstumsgesellschaft, in: Blätter, 6/2012, S. 55-63.


Published 2013-08-06


Original in German
First published in Blätter 8/2013

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