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Street Art zwischen Revolte, Repression und Kommerzialität

Eine Untersuchung aus Anlass der Prozesse gegen den Hamburger Sprayer OZ


Was auf den New Yorker Straßen der 1960er Jahre von Jean Baudrillard als "Aufstand durch Zeichen" gegen die kapitalistische Vereinnahmung und Monopolisierung des öffentlichen Raums begann, ist im Jahr 2013 als Street Art oder, umfassender, als Urban Art längst in Galerien, Werbeagenturen und Universitäten angekommen. Wo und inwiefern wirkt ihre rebellische Dimension heute weiter? Oder ist sie als anerkannte, vereinnahmte und musealisierte Kunstform entmächtigt? Und wie verhalten sich ihre AkteurInnen zu diesem Prozess? Zum Fall des Hamburger Sprayers OZ sprachen Jorinde Reznikoff und KP Flügel im Rahmen ihrer Recherchen für das Buch "Free OZ!"[1] mit Street-Art-KennerInnen.

OZ – vom weggesperrten "Schmierfink" zum Künstler

Insgesamt acht Jahre musste der heute 63-jährige Walter F. alias OZ wegen fortgesetzter Sachbeschädigung im Gefängnis verbringen. Bunte Smileys und Kringel, schwarze Tags wie USP oder DSF und immer wieder das Schriftzeichen OZ: Hamburgs berühmtester Sprayer ist im Stadtbild allgegenwärtig. Auf tristen Tunnelwänden, grauen Bunkerfassaden, Rückseiten von Verkehrsschildern hat er unübersehbar seine Spuren, seine Smileys, Kringel und Buchstabenkombinationen hinterlassen. Mit einzigartiger Hartnäckigkeit ist OZ seit 30 Jahren Nacht für Nacht unterwegs. Dabei stellt er unmissverständlich das Vorrecht der Werbeindustrie in Frage, den öffentlichen Raum konkurrenzlos zu dominieren. Mainstream-Medien galt er bisher als "Schmierfink". Zugleich hat Walter F. Generationen von Graffiti- und Street-Art-KünstlerInnen in Hamburg inspiriert.

Der engagiert-akribischen Verteidigung durch die Hamburger Anwaltskanzlei Andreas Beuth sowie der sich formierenden Solidaritätsbewegung aus GaleristInnen, Recht-auf-Stadt-AktivistInnen und Ultra-St. Pauli-Fans ist es zu verdanken, dass OZ seit 2007 zu keiner Haftstrafe mehr verurteilt worden ist. Im Februar 2012 ging das Hamburger Landgericht erstmals so weit, nicht auszuschließen, dass es sich bei einigen Werken von OZ um Kunst handeln könnte. Daher wurde er wegen Sachbeschädigung in zehn Fällen "nur" zu einer Geldstrafe von 1.500 Euro verurteilt. Als die Hamburger OneZeroMore-Galerie ein Jahr später neue Werke von Walter F. ausstellte, die dieser teilweise zusammen mit anderen KünstlerInnen wie Loomit und Daim auf Leinwänden anbrachte, titelte die Hamburger Morgenpost: "Vom Schmierfink zum Künstler".

To create is to resist, Miss.Tic. Photo: Cicilie Fagerlid. Source: Flickr

Von der Straße in die Galerie oder Werbeagentur und die unliebsame Frage nach dem Geld

Illegales Sprayen scheint noch immer das Wesensmerkmal von Street Art bzw. Graffiti zu sein. Für Rudolf D. Klöckner, der in Hamburg seit 2006 den Blog urbanshit.de betreibt, gilt das nach wie vor. "Auch wenn es keine einheitliche Definition des Kunstgenres Street Art gibt – und vermutlich auch nie geben wird." Nicht autorisiertes Aneignung von Stadt und öffentlichem Raum sieht er als einen zentralen und unabdingbaren Faktor von Street Art. Diese politische Dimension präge das Genre viel stärker als das künstlerische Erscheinungsbild, über das Street Art in der Regel definiert werde. "Selbst wenn die Werbung Technik und Ästhetik der Street-Art-Künstler adaptiert, ist das Resultat noch lange keine Street Art!" Da stellt sich natürlich sofort die Nachfrage, wie es denn zu beurteilen sei, wenn Street Artists aus der Illegalität heraus den Sprung in die Galerien schaffen: Sind deren Straßenwerke dann noch immer Street Art? "Ja, das sind sie nach wie vor", antwortet Rudolf D. Klöckner, "Street Art zu machen heißt nicht, dass man als Künstler nicht auch in der Galerie ausstellen darf, auch nicht, dass man als Street-Art-Künstler kein Geld verdienen darf." Natürlich könne ein Street-Art-Künstler den räumlichen Wechsel von der Straße in die Galerie vollziehen: "Wichtig ist dabei, dass der Künstler den Bezug zum öffentlichen Raum nicht gänzlich aufgibt und weiterhin mit und in ihm als hauptsächliches Medium arbeitet. Wenn er das nicht tut, dann macht er keine Street Art mehr."

Schwierig werde es allerdings, wenn man Street Art und Werbung nicht mehr auseinander halten könne – "an diesem Punkt, wo selbst große, konservative Unternehmen mit Guerilla Marketing versuchen Aufmerksamkeit zu erzeugen, sind wir mittlerweile schon länger angelangt. Das wirft nicht die Frage auf, ob Künstler mit ihrer Arbeit prinzipiell auch im Bereich der Werbung ihr Geld verdienen dürfen, sondern vielmehr stellt sich die Frage, welche neuen Wege sich die Street Art sucht. Vielleicht sieht am Ende die Street Art aus wie Werbung und wir fallen als Betrachter darauf rein, wer weiß!?"

Jeder Künstler komme irgendwann an den Punkt, wo er entscheiden müsse, ob er mit dem, was er mache, professionell sein Geld verdienen wolle oder aber auch müsse. "Dabei führt der Weg klassischerweise über die Galerie." Bei OZ, so Rudolf D. Klöckner weiter, sei das noch einmal etwas anderes. Ihm gehe es beim Ausstellen in der Galerie nicht um das Geldverdienen als Broterwerb und auch nicht um das Ausstellen in einer Galerie als Präsentationsform seiner Kunst. OZ in der Galerie auszustellen sei eigentlich Quatsch, denn "er stellt ja ohnehin Tag und Nacht in der Stadt aus". Beim Präsentieren von OZ in der Galerie gehe es um den Versuch, OZ auf die Bühne des Kunstbetriebes zu heben. "Einerseits wird so versucht, den Prozess zu Gunsten von OZ und der allgemeinen Kunstfreiheit zu beeinflussen und auf der anderen Seite durch das Verkaufen von Bildern die immensen Prozesskosten zu decken."

Christoph Tornow hat in Hamburg fünfeinhalb Jahre die Vicious Gallery betrieben. Themenschwerpunkt waren Ausstellungen von Graffiti und Street Art. "Wir haben eine große Einzelausstellung mit OZ gehabt. Seine erste Ausstellung überhaupt." Zeitgleich zur Ausstellung sei der Bildband "Es lebe der Sprühling" erschienen. Bis Anfang dieses Jahres sei die Positionierung von OZ außerhalb des Kunstbetriebes offensichtlich gewesen. Christoph Tornow sagt: "Er will definitiv da nicht hin. Nur hat er jetzt begriffen, dass seine Probleme, egal welcher Art, ab einem gewissen Grad nur mit Geld zu lösen sind, da unsere ganze Gesellschaft darauf aufbaut." OZ habe begriffen, dass die Qualität des Rechtsbeistandes steige, wenn er ihn bezahlen könne.

OZ aus der Sicht "etablierter" KünstlerInnen und das Schweigen der Groß-KünstlerInnen

Stars des Kunstbetriebs wie Jonathan Meese und Daniel Richter halten sich mit Solidaritätsbekundungen für OZ deutlich zurück. Interviewwünsche wurden trotz wiederholter Nachfragen von der beide Künstler vertretenden Contemporary Fine Arts-Galerie in Berlin lapidar beantwortet: Die Herren seien zu beschäftigt. Zeit für ein Gespräch und eine Stellungnahme hatte aber Schorsch Kamerun, Sänger der Punk-Band "Die Goldenen Zitronen" und inzwischen Theater-Regisseur sowie Mitunterzeichner des Manifests "Not In Our Name, Marke Hamburg", in dem sich vor allem KünstlerInnen gegen die ungefragte Vereinnahmung durch das Hamburger Stadtmarketing für Werbezwecke wenden.

"Ganz grundsätzlich" ist Schorsch Kamerun der Auffassung, dass es bei OZ erst mal um Selbstverwirklichung gehe, "um eine Art von Intervention, um sich bemerkbar Machen, sich einzumischen." Das solle eine Gesellschaft tragen und aushalten können. Eine Debatte, die sich darum drehe, wo der Nächste "unzulässig berührt" werde, fände er "als fröhlicher Vorgabenverachter" zu kompliziert und mühselig. Trotzdem unterstütze er OZ weiterhin. "Wenn man dafür sorgt, dass sich jemand mit seiner Ausdrucksart zurückzuhalten hat, halte ich dies schon für einen autoritären Akt, der es wert ist, bekämpft zu werden."

Schorsch Kamerun erlebe das, was OZ mache, als eine Art von Einmischung in den öffentlichen Raum, für die er prinzipiell sei. Bei dem überzogenen Umgang mit OZ habe er das Gefühl, dass hier ein Exempel statuiert und jemand gebrochen werden solle: "Wir nehmen diesen Fall deswegen so grundsätzlich wahr, weil sich jemand besonders zäh und unerschrocken gegen Autoritäten auflehnt." Allerdings scheine ihm zweifelhaft, ob solche Zeichensetzungen noch ihre gewünschte radikale Wirkung haben, denn "die vordergründig radikalste Kunst landet heutzutage am schnellsten im Museum." Doch Graffitis, selbst die von OZ, empfände er nicht mehr als Gegenkultur. "Das ist wie ein klischeehafter Punksong, an den ich nicht mehr glauben kann, wie ein Irokesenhaarschnitt, wie ein Che-Guevara-T-Shirt. Dennoch, grundsätzlich ist mir ein OZ-Schnörkel lieber als ein Paragraphen-Kringel ..."

Provoziert der "Aufstand durch Zeichen" die Sehnsucht nach der weißen Wand?

Ist das Genre Street Art an einem Punkt angelangt, der zum Overkill führen kann? Christoph Tornow bekennt, dass ihm die Faszination verloren gegangen sei. "Was daran liegt, dass ich mich exzessiv damit beschäftigt habe und es für mich schon wieder langweilig wird. Insgesamt ist das Interesse stark am Abebben." Nach einiger Zeit werde es wieder eine Renaissance geben. "Momentan, wo es ökonomisch schlechter geht, wollen alle die weiße Wand und wenn wir wieder satt sind, werden wir uns auch den Luxus der Rebellion wieder leisten."

Tornow ist nach wie vor fest der Meinung, wenn OZ für seine Anwälte nicht das Geld bräuchte, hätte er bis heute kein Bild verkauft. "100prozentig nicht. Ich hab es vorher schon versucht, ihn eine Leinwand malen zu lassen. Dafür war er nie zugänglich. Nur die Not hat ihn dazu getrieben, mit Teilen seiner Gesinnung zu brechen. Man sieht auch, dass er sich bei seinen kommerziellen Bildern extra keine große Mühe gibt. Er malt da keine schönen Bilder. Man merkt, dass er sich bei seinen illegalen Arbeiten häufig viel mehr Mühe gibt. Weil das für ihn Sinn macht. Und er will eigentlich gar nicht, dass die legalen Sachen existieren. Er will nicht jemanden wie mich als Galeristen belohnen, der etwas macht, was ihm eigentlich zuwider ist, der nämlich Handel treibt und damit den Kapitalismus fördert. Das ist seine letzte Freiheit, die er hat ... Der Hass regiert den Strich."

Die Galerie als Atelier der Straße

Seit vielen Jahren unterstützt Alex Heimkind von der Galerie OZM OZ während der Prozesse sowie in seiner künstlerischen Arbeit. Um ihm ein Forum als Künstler zu geben. hat Heimkind seit 2010 vier Ausstellungen organisiert, für die OZ eigens Tafelbilder und eine Raummalerei geschaffen hat. Die Galerie wird hier zum straffreien und gefahrenfreien Arbeitsraum. Dieses Jahr gelang es ihm, Walter F. davon zu überzeugen, neue Leinwandwerke für eine Ausstellung zu malen. Nach anfänglichem Zögern fand OZ auch Gefallen daran, gemeinsame Werke mit anderen Graffiti-KünstlerInnen wie u. a. Daim und Loomit zu kreieren.

Die Hamburger Morgenpost reflektierte diesen unerwarteten Perspektivenwechsel mit der drastischen Headline "Vom Schmierfink zum Künstler".[2] Diese Headline ist für Alex Heimkind durchaus nachvollziehbar. Skeptisch ist er jedoch bei der Beantwortung der Frage, ob die Medien jetzt beginnen, das Werk und die Person von OZ zu schätzen. "Dieselben, die ihn vorher Scheiße fanden, finden ihn jetzt gut und morgen wieder Scheiße. Kann man das verstehen?"

Alex Heimkind möchte weiter Ausstellungen für OZ organisieren, damit dieser selbst eine Möglichkeit bekommt, mit seiner Kunst Geld für die hohen Anwaltskosten zu verdienen. Denn es ist keine Frage: OZ sprüht weiter. Zur paradoxen finanziellen Situation eines Bürgers, der sich selbst den öffentlichen Auftrag der kostenlosen Stadtverschönerung gegeben hat, äußert sich Alex Heimkind mit unwirscher Ironie. "Jeder Polizist, der OZ hinterher schnuppert, jeder Richter, der ihn verklagt, wird ja bezahlt vom Staat. Und OZ, was macht er? Der ist frei, der macht das einfach. Doch das Lustige daran ist: OZ wird auch bezahlt vom Staat. Also erschafft das System sich selbst und bleibt wunderbar erhalten. Denn was kosten 8 Jahre Gefängnis? Dafür hätten wir OZ auch eine Villa kaufen können."

Natürlich hat es gegen die OZ-Ausstellungen heftigen Protest aus der Sprayerszene gegeben. Zu deren Selbstverständnis gehören sowohl die Illegalität als auch die radikale Ablehnung der Kommerzialisierung von Kunst im öffentlichen Raum. Alex Heimkind wurde vorgeworfen, er würde OZ genau dazu zwingen. Gegen diese Anschuldigung verwahrt sich Heimkind ganz entschieden. Die letzte Ausstellung habe er bewusst "Untitled" genannt und den Eröffnungstermin erst sehr kurzfristig angekündigt, um OZ in seinen künstlerischen Entscheidungen völlig frei zu halten. "OZ hat es geschafft, eine komplette Ausstellung zu machen. Das Beste, was er je in einer Räumlichkeit gemacht hat. Und das innerhalb von drei Wochen." Dabei galt als Rechtfertigung vor seinem Sprayer-Gewissen bisher, die Bilder "für seine Anwälte zu machen, denn die ermöglichen es ihm, nicht womöglich im Gefängnis oder gar in einer Psychiatrie, sondern in Freiheit zu sein. Ohne sie wäre er nicht an diesem Ort, um diese Werke zu schaffen."

Das Gegenkonzept von Miss.Tic: Von der Street Art leben und sich einen Platz in der Kunstgeschichte erobern

Es gibt wohl keinen größeren Gegensatz als zwischen OZ und der als Grande Dame der französischen Street Art bezeichneten Pariserin Miss.Tic. Auch sie musste sich mit der Frage "Straße oder Galerie?" auseinandersetzen und sich der Justiz in einem Strafprozess wegen Vandalismus stellen. Ganz anders als OZ hat sie ihre – etwa gleich lange – Laufbahn als Graffitikünstlerin von Beginn an selbstbewusst und erfolgsorientiert durchgeplant. Von Anfang an wollte sie von ihrer Kunst leben können und sich einen Platz in der bürgerlichen Kunstgeschichte erkämpfen.

Dem Vorwurf, ihrer Notorietät halber heute für Galerien zu arbeiten und damit ihre Arbeit auf der Straße zu verraten, stellt sie energisch entgegen, sie habe ihre erste Ausstellung im gleichen Moment gemacht, als sie ihr erstes Schablonenbild auf der Straße angebracht habe. Also mache sie seit fast 30 Jahren Ausstellungen in Galerien, nur sei vorher nicht darüber gesprochen worden, weil das weniger spektakulär gewesen sei.

Doch das Entscheidende bei dieser Gretchenfrage der Street Art ist und bleibt für Miss.Tic ihr radikales Freiheitsbedürfnis. Ihre Kunst passe in keine Schublade, auch nicht in die der Street Art. "Das Draußen braucht das Drinnen, das Außen das Innen. Das Atelier ist das Laboratorium der Straße. Ich lasse mich nicht draußen einsperren."[3] Das gilt auch für die im ersten vermeintliche bzw. im zweiten Fall definitive Schublade, gute Kunst und ganz besonders die ursprünglich aus dem Underground gegen das Establishment gerichtete Street Art habe frei von Geld zu sein. Dagegen wendet Miss.Tic ein, sie "stehe nicht außerhalb dieser Welt. Ich habe Kosten, muss Atelier und Steuern bezahlen – und bekomme von niemandem etwas geschenkt." Um Ausstellungen realisieren zu können, brauche sie Geld. "Ich verkaufe mich, wie ich mich mein ganzes Leben lang verkauft habe." Sie sei weder Erbin noch Rentenempfängerin. Wir lebten nicht mehr im 19. Jahrhundert. Der Kunstmarkt habe sich weiter entwickelt. Man werde nicht mehr durch die Kirche oder wen auch immer unterstützt. "Wie jedermann muss auch ich eben schuften." Also nehme sie Aufträge an, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dazu gehöre heutzutage die Werbung. "Wenn man jetzt auf mich zukommt, weil ich Miss.Tic bin und einen eigenen Stil habe, bin ich zufrieden und akzeptiere."

Natürlich produziere sie lieber intelligente als dumme Botschaften. Und sie denke nicht, dass sie sich verrate, wenn sie für die Autovermietung UCAR schreibe: "Mieten heißt frei bleiben". Es gebe Werbung, die sie akzeptiere, und Werbung, die sie ablehne. Die Leute bekämen also nur die Werbung von ihr zu sehen, die sie akzeptiert habe. "Wenn jetzt jemand Bulle spielen will, kann er ja mal versuchen herauszubekommen, welche Angebote ich abgelehnt habe." Danach habe sie bisher nie jemand gefragt. Kritisiert werde sie immer nur für das, was sie akzeptiert habe. Seit sie es schaffe, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Kunst zu verdienen, und man das sehen könne, würde sie hart angegriffen – als eine Künstlerin, die sich verkaufe. In manchen Kreisen werde sie sogar "Miss Fric" [Miss Kohle] genannt. Es gebe enorm viel Kritik von Eifersüchtigen, NeiderInnen, Talentlosen, Gescheiterten, IntrigantInnen und von Künstlern und Künstlerinnen, die talentiert seien, es aber nicht schafften, ihre Werke zu verkaufen. "Niemand würde mich in Frage stellen, wenn ich heute im Bois de Boulogne auf den Strich ginge."

Auch Miss.Tic hat vor Gericht gestanden. Ein Pariser Hauseigentümer hatte das Graffiti "Egérie et j'ai pleuré" an seiner Hauswand als Eingriff in sein persönliches Eigentum empfunden und gegen sie einen Prozess angestrengt. Miss.Tic wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Daraufhin traf sie die Entscheidung, nur noch mit Genehmigung im öffentlichen Raum zu sprühen, da "so ein Adrenalinkick" nur von kurzer Dauer sei und sie nicht "maso" wäre.

Von der Subversion zur Denkmalpflege – Blek le Rat in Leipzig

Ein weiterer Graffitikünstler hat auch längst Karriere gemacht: Der ebenfalls aus der situationistisch geprägten französischen Szene stammende Blek le Rat, der seit etwa 30 Jahren seine Bilder durch Straßen und Galerien schickt. Zuerst waren es Ratten, dann mannshohe Silhouetten von Dichtern und Clochards, darunter aber auch eine Madonna mit Kind. Letztere sprühte er 1991 in Leipzig.

Die Leipziger Universität hatte eine Gruppe von deutschen und französischen Graffiti-KünstlerInnen 1991 auf ihren Campus eingeladen und damit Street Art offiziell nach Leipzig geholt. Blek le Rats jedoch illegal angebrachtes Madonna-Pochoir (Stencil) wurde von Maxi Kretzschmar wieder entdeckt und am 12. April 2013 am Ursprungsort, restauriert und mit einer Glasscheibe versehen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieses Werk sei, so die Wiederentdeckerin, als eine Liebeserklärung an seine Frau Sybille entstanden: "Heute steht es unter Denkmalschutz und wird dauerhaft im Leipziger Stadtbild als archäologisches Fenster mit hohem Kunstwert erhalten." Allerdings scheint sich ein Leipziger Hardcore-Sprayer gegen diese Musealisierung mit Sprayattacken auf das restaurierte Werk zu wenden.

Maxi Kretzschmar ist freiberufliche Kunst- und Kulturmanagerin im Urban-Culture-Bereich u. a. bei IBUg (Industriebrachenumgestaltung), einem Urban Culture Festival. Aus ihrer Sicht habe die Leipziger Stadtverwaltung "das Thema Urban Art als Marketingtool noch nicht wirklich auf dem Schirm, obwohl Leipzig durchaus eine Rolle in der deutschlandweiten Urban-Art-Szene, vor allem im Bombing, spielt. Die Verwaltung macht es aber auch der lokalen Szene nicht unbedingt leicht, wenn ein gutes Hall-of-Fame-Netz mal eben aufgesprengt wird."[4] In London dagegen "wird streng zwischen Graffiti als Sachbeschädigung und Street Art als Kunst unterschieden". Nur Graffiti würden entfernt. Für das Stadtmarketing in den Metropolen wie London oder Berlin ist Street Art noch immer ein Anziehungsthema für TouristInnen, auf das ausdrücklich auf Prospekten oder im Internet hingewiesen wird.[5]

Street Art ohne Ende oder es gibt keine Konklusion ...

Die fragmentarischen Spots zeigen eine Vielfalt und Widersprüchlichkeit im Verhalten der Street-Art-AktivistInnen und ihres Umfelds. Während die heute als renommierte KünstlerInnen gefeierten Banksy, Blek le Rat und Miss.Tic den KunstsammlerInnen mitunter als Kapitalanlage dienen, muss sich ein OZ nach wie vor regelmäßig vor Gericht verantworten. Bisher hat sich OZ der bewussten Nutznießung seiner steigenden Anerkennung als Künstler mit Don-Quijote-artiger Hartnäckigkeit verweigert, sie ist ihm nicht geheuer. Absurd wäre es, wenn OZ erneut zu Haftstrafen verurteilt würde, um dann später von denselben staatlichen Kulturbeauftragten oder MuseumsdirektorInnen, die ihm jetzt ihre Solidarität verweigern, in museale Kontexte eingesperrt zu werden.

Nachtrag: Am 2. Mai endete ein weiterer Prozess gegen OZ vor dem Amtsgericht Hamburg-St. Georg. Von Andreas Blechschmidt erhalten wir die Information: "Im aktuellen Verfahren gegen OZ hat die Anklage mehr oder weniger Schiffbruch erlitten. Von insgesamt 19 Anklagepunkten, darunter ein angebliches Scratchen von Fenstern eines Lidl-Marktes mit einer Schadenshöhe von 10.000 Euro, wurde OZ in diesem wie weiteren 17 Vorwürfen auch auf Antrag der Staatsanwaltschaft freigesprochen. Als erwiesen sahen Staatsanwaltschaft und Gericht lediglich zwei Tags auf einer Hauswand an, für die OZ nach fast sechs Monaten Verhandlungsdauer zu einer Geldstrafe von 240 Euro verurteilt wurde. Gerügt wurde die schlampige und nachlässige Ermittlungsarbeit der Polizei. Hingegen gab es sogar von der Staatsanwaltschaft ein seltenes Lob für die Verteidigung: Durch deren akribische Nachermittlungen seien Widersprüche der Ermittlungen und entlastende Beweise überhaupt nur aufgedeckt worden."


 



Published 2013-07-16


Original in German
First published in dérive 52 (2013) (German version)

Contributed by Dérive
© Jorinde Reznikoff, KP Flügel / dérive
© Eurozine
 

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