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Deadline

Zur Geschichte der Aktualität


An Wahlabenden herrscht nicht nur bei den politischen Parteien, sondern auch in den Zeitungsredaktionen Hochspannung. Die Zahlen der Hochrechnungen wollen exakt ins Blatt gehoben und den gestaffelten Redaktionsschlüssen gemäß aktualisiert werden. Während sich ab 18 Uhr die Konturen des Wahlergebnisses herauszukristallisieren beginnen, schreitet in den Redaktionen die Verknappung der Zeit zur Frist voran. Die Kommentare müssen Schritt halten mit den sich abzeichnenden Koalitionsoptionen. Da es bei der Erwägung der politischen Konsequenzen des arithmetisch Möglichen wie bei der Beobachtung des Mienenspiels der Euphorie oder Enttäuschung auf die nicht vorhersehbaren Details ankommt, wird das Skelett eines vorab entworfenen Artikels im Schreiben verformt. Die Aktualität ist dabei eine strenge Herrin. Sie peitscht die Schreibgeschwindigkeit voran und löst, wo es sein muss, die individuelle Autorrolle auf. Einen Kommentar von 135 Zeilen zum Wahlergebnis kann ein gut vorbereiteter einzelner Autor notfalls in gut einer Stunde schreiben, eine Reportage von über 300 Zeilen, in die Beobachtungen an verschiedenen Orten und Zitate diverser Akteure einfließen, kann nur von mehreren Autoren gleichzeitig geschrieben werden.

Der gängige Begriff für das harte Regiment der Aktualität lautet: Deadline. Er stammt nach einer plausiblen Erzählung, die sich in der Geschichtsschreibung des amerikanischen Bürgerkriegs findet, aus dem Kriegsgefangenenlager Andersonville in Georgia. Dort durften die Gefangenen eine einfache Barriere vor der Lagergrenze nicht übertreten, wollten sie nicht Gefahr laufen, erschossen zu werden. Die "dead-line" als ursprünglich nichtmetaphorische Bezeichnung einer tödlichen Linie wanderte im Zuge der Presseberichterstattung über den Bürgerkrieg in den Journalismus ein und bezeichnete dort als "Deadline" statt einer räumlichen die zeitliche Grenze, die der Verfasser eines Artikels einhalten musste, wollte er nicht riskieren, dass sein Text für die aktuelle Ausgabe gestorben war. Die Deadline hat nicht nur schon manchen Redakteur und Chef vom Dienst zur Verzweiflung getrieben. Sie hat auch ingeniöse Einfälle und Formulierungen hervorgebracht, die ohne sie nicht entstanden wären.

Wenn die Deadline der Printmedien überschritten ist, wird die Aktualität weiter bewirtschaftet. Während die Zeitungen gedruckt und ausgeliefert werden, setzt sich ihr Staccato im Radio, im Fernsehen und im Internet fort, und wenn die gedruckten Zeitungen am nächsten Tag erscheinen, ist die letzte Hochrechnung, die sie mitteilen, an manchen Auslieferungsorten nur die letzte vor der Deadline und also, wie man so sagt, von der Aktualität überholt. Die mediale Auffächerung sowohl der Aktualität wie der Periodizität wird wie die Überlagerung und Hybridisierung der Darbietungsformen derzeit im Blick auf die fortgeschrittensten Online-Medien ins Auge gefasst, als Fluchtpunkt der größtmöglichen Annäherung von Ereignis und Nachricht. Ich schlage den umgekehrten Weg ein und nähere mich dem aktuellen Mischwesen aus Print- und Online-Formaten im Rückgang auf das Urmedium, in dem die Aktualität als Typus moderner Zeiterfahrung erzeugt wurde: auf die gedruckte Zeitung.

Verführt durch die landläufige Vorstellung eines buchzentrierten Gutenberg-Zeitalters, das in der Mitte des 15. Jahrhunderts begann, sich kontinuierlich entfaltete und nun zu Ende geht, sind wir gewohnt, die Zäsuren innerhalb dieser Gutenberg-Ära zu bagatellisieren. Das gilt vor allem für die wichtigste Zäsur, die Herausbildung zunächst der Zeitung und dann der Zeitschrift. Erst nach dem Buch in Kodexform kam mit der periodischen Presse ein neues Medium in die Welt, das mit dem Buch zwar das Trägermedium Papier und die Reproduktionstechnologie teilte, sich aber zugleich vom Buch substantiell unterschied. Die Druckerpresse allein war nicht in der Lage, ein Gebilde wie die Zeitung hervorzubringen. Es dauerte nach Gutenberg noch gut 150 Jahre, bis um 1605 in Straßburg mit der Relation des Johannes Carolus die erste gedruckte Zeitung auf den Markt kam. In diesen 150 Jahren hatte sich, zum Nutzen nicht nur der Kaufleute, sondern auch der Humanisten, deren Korrespondenzen ihre Bücher weitläufig umspülten, die moderne Infrastruktur des Postwesens in Deutschland entwickelt.

Die Reichspost und mit ihr ein zunehmend fahrplanmäßig bewirtschaftetes System von Haupt- und Nebenstrecken setzte sich um 1600 endgültig gegen das städtische Botenwesen des Mittelalters durch. Das neue Medium, die Zeitung, nistete sich in diese Infrastruktur der Raumerschließung und Beschleunigung der Zirkulation von Waren und Personen ein. Das war noch im späten 18. Jahrhundert gegenwärtig, als Joachim von Schwarzkopf, erfahrener Diplomat, Großbritannischer und Braunschweigischer Ministerresident beim Kur- und Oberrheinischen Kreise in Frankfurt am Main, sein Buch Über Zeitungen verfasste. "Zwei innigst miteinander vereinigte Institute boten dem Zeitungswesen überall wohltätig die Hand – der Postcours und die Handlung."[1] Mit "Handlung" sind Niederlassungen der Kaufleute gemeint, deren Fernhandelsbeziehungen zur Nachfrage nach verlässlichen Transportmedien wie Nachrichtenverbindungen erheblich beitrugen. Der ältere, noch nicht primär auf den sprachlichen Austausch verengte Kommunikationsbegriff, den noch in den 1820er Jahren Goethe benutzte, wenn er seinen Neologismus "Weltliteratur" im Blick auf die Eisenbahnen, Dampfschiffe und Schnellposten formulierte, war stets auf die Infrastruktur des Verkehrs und Transports, also die Medien der Raum- und Zeiterschließung bezogen.

Der Nachdruck, mit dem Schwarzkopf die Zeitung als Nutznießerin des Postwesens und der Nachrichtenzirkulation der Kaufleute erscheinen lässt, ist von Historikern der Frühen Neuzeit wie Wolfgang Behringer und der historischen Presseforschung en detail bestätigt und untermauert worden.[2] Sie haben gezeigt, dass der Verleger Johannes Carolus, als er 1605 im verkehrsgünstig gelegenen Straßburg mit der Erfindung der periodischen Presse die zweite Medienrevolution der Frühen Neuzeit auslöste, schon unter Deadline-Bedingungen arbeitete. Er produzierte mit dem Erfindungsreichtum und der Energie eines Unternehmers, der eine Marktchance erkennt, eine Wochenzeitung, die so exakt auf die Verwertung der mit der Post eingehenden Nachrichten und den Vertrieb durch die ausgehende Post abgestimmt war, dass für das Schreiben, Setzen und Drucken der Zeitung nur eine Nacht blieb.

Seine Geschäftsidee war die Umformatierung der handgeschriebenen Zeitungen zu Druckerzeugnissen. Diese Umformatierung spekulierte auf den Gewinn durch die höhere, wenn auch in unseren Augen geringe Auflage von etwa 150 Stück. Die handgeschriebenen Zeitungen waren ihrerseits ein neues Medium der beschleunigten Nachrichtenzirkulation. Die Fugger-Zeitungen sind ihr bekanntester, aber keineswegs isoliert dastehender Repräsentant. Sie gingen nicht aus der kaufmännischen Geschäftskorrespondenz im engeren Sinne hervor, sondern aus dem allgemeinen Interesse der Kaufleute an jeglichem Nachrichtenstoff, der für ihre Entscheidungen von Belang sein konnte. Sie blieben ein Datenspeicher, der zwar nicht abgeschlossen war, aber auf Publizität weitgehend verzichtete, während die gedruckten Zeitungen die marktvermittelte Öffentlichkeit suchten. Aber darin, dass die handgeschriebenen Zeitungen großes Gewicht auf politische und militärische Nachrichten aus verschiedenen Ländern legten und ein weit über Geschäftsnachrichten hinausgehendes Themenspektrum aufwiesen, wie in ihrer Orientierung an Aktualität und Periodizität, waren sie den gedruckten Zeitungen ebenbürtig. Anders als es Marshall McLuhans Generalformel "from manuscript to print" nahelegt, verschwand das Medium der handgeschriebenen Zeitung denn auch nicht nach dem Aufkommen der gedruckten Zeitungen.

Die Koppelung und wechselseitige Durchdringung von Aktualität und Periodizität ist der heiße Kern, aus dem das Medium Zeitung hervorgegangen ist. Die Erinnerung daran, dass die Periodizität der Zeitung aus der Periodizität des Postwesens hervorgegangen ist, haben Zeitungsnamen wie Rheinische Post stets wachgehalten. Es kommen aber zu den temporalen Charakteristika der Zeitung zwei weitere Merkmale hinzu: die Publizität, also die Adressierung an die Öffentlichkeit und allgemeine Zugänglichkeit, und die Universalität, also die nichtspezialistische Offenheit für "all the news that's fit to print". Wie die Herkunft aus dem Postwesen sind auch die anderen Charakteristika am Namensspektrum der Zeitungstitel ablesbar. Die Frankfurter Neue Presse führt die Technologie der Publizität im Titel, die Augsburger Allgemeine wie die Frankfurter Allgemeine den Anspruch auf Universalität, das Hamburger Abendblatt eine Variante der Periodizität.

Aktualität, Periodizität, Publizität und Universalität bilden keine additive Liste, sondern ein Geflecht interdependenter Beziehungen. Diesem Geflecht fehlte, als Otto Groth (1875-1965) es seit den 1920er Jahren seinem großangelegten Versuch einer theoretischen Begründung der Zeitungswissenschaft zugrunde legte, ein sicheres historisches Fundament.[3] Dieses Fundament hat erst die historische Presseforschung seit den sechziger Jahren gelegt und dabei Groths Anspruch, die periodische Presse als "unerkannte Kulturmacht" zu würdigen, in die nuancenreiche Rekonstruktion der zweiten Medienrevolution der Frühen Neuzeit nach der Einführung und kulturellen Durchsetzung des Buchdrucks überführt.

Es zeigte sich, dass die frühen Zeitungen, ganz auf die trockene Darbietung ihres politischen, diplomatischen und militärischen Stoffs ausgerichtet, noch weit davon entfernt waren, dem Anspruch auf Universalität zu genügen. Erst langsam löste sich bei ihrem vom Nachrichtenhunger im Dreißigjährigen Krieg – in England vom Dauerkonflikt zwischen Parlament und König – beförderten Aufstieg im 17. Jahrhundert ihre Sprache von der Diktion der Eingeweihten und wurde öffentlichkeitstauglich, bildeten sich das Spektrum der Ressorts, Standards von Layout und Redaktion heraus, löste sich die Figur des Journalisten aus dem Ensemble der Postmeister, Drucker und Schreiber heraus, wanderte in die Zeitung selbst das politische Räsonnieren über ihren Stoff ein, das seit dem späten 17. Jahrhundert Zeitschriften wie der Götter-Both Mercurius auf Basis der Verstetigung der Zeitungslektüre und als deren Resonanzverstärker erprobten.[4]

Wenn wir nun noch einmal zur Deadline zurückkehren, so ergibt sich, dass alle vier Bestimmungen auf sie einwirken, denen das entwickelte Printmedium Zeitung unterliegt. Es gibt die Deadline, weil die klassische Zeitung als physisches Objekt gedruckt und vertrieben wird. Beides kostet Zeit, deren Quantum durch die Drucktechnologie und eine ausgefeilte Logistik des Vertriebs begrenzt, aber nicht aufgehoben werden kann. Die Deadline der auf Papier gedruckten Zeitung ist aber ein Effekt nicht nur der Aktualität, sondern auch der Publizität. Denn die Dauer des Druckvorgangs ist eine Variable nicht nur der Leistungsfähigkeit der Druckmaschinen, sondern auch der Auflagenhöhe. Und ebenso ist der Zeitverbrauch des Vertriebs abhängig von Auflage und Reichweite der Zeitung, von der Logistik ihrer Zirkulation im Raum. Wie viel aber überhaupt zu drucken und zu vertreiben ist, das wird wiederum vom Anspruch auf Universalität mitbestimmt. Der Umfang der Zeitung ergibt sich aus der Binnengliederung in Politik, Feuilleton, Wirtschaft, Sport, Panorama, Beilagen, Anzeigen usw. Die aus der Publizität und Universalität resultierenden Faktoren wie Umfang und Auflagenhöhe führen im Verein mit den Forderungen der Aktualität und Periodizität zur Härte der Deadline im Printmedium Tageszeitung.

Noch im Wortschatz Martin Luthers war die "Zeitung" eine Kunde, eine Botschaft, eine einzelne Nachricht. "Auch hatten sie noch keine Zeitung von unseren Heiligen", heißt es bei Johann Fischart im späten 16. Jahrhundert. Der moderne Begriff der Zeitung, der sich seit dem 17. Jahrhundert entfaltete, meint nicht mehr die einzelne Nachricht, sondern das Medium, das die Nachrichten versammelt. Bereits als Medium des Buchdrucks hat die Druckerpresse, wie Niklas Luhmann gern betonte, zur Aufwertung des Neuen gegenüber dem Alten und der Tradition beigetragen, nicht zuletzt dadurch, dass in der Welt der gedruckten Bücher stets die letzte Auflage den höchsten Wahrheitsansprüchen zu genügen hatte, während in der Manuskriptkultur, in der die Vervielfältigung auf dem Wege des Abschreibens erfolgte, das jüngste Manuskript als das am weitesten vom Original entfernte unter dem Verdacht stand, von Fehlern der Kopisten durchsetzt zu sein. Ungleich stärker aber als das gedruckte Buch beförderte die beschleunigte Produktion und Distribution von Nachrichten die kulturelle Aufwertung des Neuen und stimulierte die Neugier, die theologisch verdächtige, aber unabweisbare curiositas.

Ein Indiz dafür sind die Stoßseufzer von Lesern, die tief in der gelehrten Bücherwelt verwurzelt waren, über die Zumutungen und Verlockungen der beschleunigten Nachrichtenzirkulation. Der Gelehrte Robert Burton klagte 1628 in seiner Anatomy of Melancholy nicht nur über die Zudringlichkeit der Kataloge mit immer neuen Büchern, die alle gelesen werden wollen, er erweist sich zudem als eifriger, wenn auch widerstrebender Konsument aller möglichen Arten von "News". Bei klassischen Autoren wie Plinius sucht er Halt und Belege dafür, dass schon die Antike die Vorliebe für das Neue kannte, insgeheim aber weiß er, dass es für die immer schneller durch sein Bewusstsein ziehenden Neuigkeitswolken kein historisches Vorbild gibt: "Every day almost come new news unto our ears, as how the sun was eclipsed, meteors see'n i' the air, monsters born, prodigies, how the Turks were overthrown in Persia, an earthquake in Helvetia, Calabria, Japan, or China an inundation in Holland, a great plague in Constantinople, a fire at Prague, a dearth in Germany, such a man is made a lord, a bishop, another hanged, deposed, pressed to death for some murder, treason, rape, theft, oppression, all which we do hear at first with a kind of admiration, detestation, consternation, but by and by they are buried in silence: thy father's dead, thy brother robbed, wife runs mad, neighbour hath killed himself; 'tis heavy, ghastful, fearful news at first, in every man's mouth, table talk; but after a while, who speaks or thinks of it?"

Robert Burton gehörte zur ersten Generation des Zeitungspublikums. Sein Stoßseufzer gilt nicht der schieren Fülle der Nachrichten allein, sondern zugleich dem disparaten Nebeneinander des Nachbarn, der sich umgebracht hat, und des Erdbebens in China, der Überschwemmung in Holland, der Hungersnot im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges. In der erwähnten ersten gedruckten Zeitung, der Straßburger Relation des Johannes Carolus, gab es keine Lokalnachrichten. Die Korrespondentenberichte aus aller Welt, die neben den politisch-militärischen Nachrichten einen Schwerpunkt der frühen Zeitungen ausmachten, prägen Burtons "News"-Liste.

Wer über die Aktualität nachdenkt, hat es, wie das Beispiel zeigt, nicht nur mit einem Zeitbegriff zu tun, sondern mit einer Schnittstelle der objektiven wie subjektiven Koordinierung von Zeit- und Raumaneignung. Die Zeitungen schließen in ihrem Verbreitungsgebiet das im physischen Raum zerstreute Publikum zu einer Erfahrungsgemeinschaft von Gegenwart zusammen. Sie waren eine der Bedingungen der Möglichkeit für die Herausbildung von Zeitgenossenschaft. Und sie verbanden die Gegenwart auch desjenigen, der nicht reiste, mit der annähernd gleichzeitigen Gegenwart in China oder Japan. Diese in den Zeitungen erschlossene Raumdimension der Aktualität würden wir heute dem Begriff "Globalisierung" zuschlagen. Die table talks, auf die Burton anspielt, erweiterten zudem die durch die Druckerpresse erzielte Publizität. Nicht von ungefähr erscheint bei ihm das Ohr als Einfallstor der News und klingt seine Passage, als liege ihr weniger die Lektüre von Druckschriften zugrunde als die Aufzeichnung des Stimmengewirrs, zu dem sich der Nachrichtenstoff in Wirtshaus oder Kaffeehaus verwandelt. Zeitungen wurden häufig kollektiv gelesen und auch vorgelesen, sodass sie sehr häufig auch diejenigen erreichten, die selbst nicht lesen konnten. Auf jede Zeitung kamen durchschnittlich mindestens zehn – in der Regel männliche – Leser. Die Entstehung eines solchen Lesepublikums, als Gegenüber der schon damals dominant weiblichen Leserschaft von Romanen, war die Grundbedingung jener räsonnierenden und politisierenden Öffentlichkeit, die sich in der Folge zu entwickeln begann – damit im Übrigen früher als in Jürgen Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit zu lesen.

Aus Burtons Stoßseufzer lässt sich bereits die dialektische Struktur der Koppelung von Periodizität und Aktualität heraushören: "But after a while, who speaks or thinks of it?" In dieser rhetorischen Frage ist die Einsicht enthalten, dass die Periodizität die Aktualität nicht nur stützt, indem sie ihr verlässliches Eintreffen garantiert, sondern dass sie die Aktualität zugleich fortwährend vernichtet. Die Aktualität imprägniert die Zeitung mit ihrem Aroma, dieses Aroma aber verfliegt rasch. Der Spruch des modernen Volksmundes, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern, erfasst nur die eine Seite dieser Dialektik. Er hat die materielle Seite im Auge, die Verwandlung der eben noch aktuellen Zeitung in Altpapier. Mit der spurlosen Verabschiedung des eben noch Aktuellen ist der Umschlag von Aktualität in Inaktualität aber gerade nicht identisch. Im periodischen Pressewesen löscht die jeweils neue Zeitung nicht die Neuigkeiten der vorangegangenen Ausgaben, sondern überlagert sie, setzt sie fort, reichert sie an, und auch Themen, die sie fallen lässt, verschwinden nicht spurlos im Orkus des Vergessens. Periodizität ist intermittierende Kontinuität. Die veraltenden Neuigkeiten gehen so durch die Menschen hindurch wie die Nahrung, die sie ebenfalls periodisch zu sich nehmen.

Früh schon war in den Traktaten über das Zeitungslesen, in denen sich die Aufwertung der Neuigkeiten als Diskussion über die Legitimität oder Illegitimität der im Mittelalter als Sünde begriffenen curiositas niederschlug, die gastronomische Metaphorik allgegenwärtig. Man verschlang nun nicht nur im Rhythmus der "Messkataloge" die neuen Bücher, sondern im schnelleren Rhythmus der periodischen Presse die Neuigkeiten, und auch wenn der hingerichtete Mörder oder aus dem Amt gejagte Bischof vergessen war, blieb das Bewusstsein, in einer Gegenwart zu leben, die auf der horizontalen Ebene ein nicht minder reiches Ereignisrelief bot als auf der synchronen Ebene die Vergangenheit. Aus der Institutionalisierung der Wechselwirkung von Aktualität und Periodizität, nicht aus dieser oder jener Nachricht, ging das Gegenwartsbewusstsein hervor. "Every day come new news to our ears", sagt der Gelehrte Robert Burton. Die periodische Presse mit ihrem pulsierenden Zentrum, der Zeitung, war das Schlüsselmedium der Gegenwartsproduktion und -reflexion vom 17. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Sie hat aus der Gegenwart einen Epochenbegriff gemacht und in den Zeitgenossen das Bewusstsein geweckt, dieser Epoche anzugehören. Zur Aufwertung der curiositas, die an den "Neuigkeiten" der Zeitungen interessiert ist und damit einen Wissenstyp ausprägt, der sich von der Vertrautheit mit dem durch Tradition überlieferten Wissen abhebt, gehört die Überlagerung des alten, philosophisch gebundenen Begriffs der actualitas durch die journalistische Aktualität. Dabei gilt zum einen, dass der moderne Begriff seinem Gegenstand, der sich seit dem frühen 17. Jahrhundert als Medium der Neuigkeit herausbildet, in beträchtlichem Abstand folgt. Er gewinnt erst im 19. Jahrhundert allgemeine Geltung. Zum anderen firmiert die Aktualität nicht überall unter dem Begriff "Aktualität".

Erst gut ein Jahrhundert nach der Entstehung der gedruckten Zeitung lassen sich Belege für den modernen Begriff der Aktualität finden, so, noch im Adjektivischen verharrend, im Manuel Lexique, ou Dictionnaire portatif des mots françois, dont la signification n'est pas familière a tout le Monde von 1755. Dieses Handwörterbuch für den Alltagsgebrauch war an den Teil des Lesepublikums adressiert, in dem nicht jeder die alten Sprachen oder die Terminologie der modernen Wissenschaften beherrschte, in seiner Lektüre der Bücher und Zeitungen davon aber nicht behindert sein wollte. Autor des Dictionnaire war der Abbé Prevost, der Autor der Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut (1731), einem der erfolgreichsten Liebesromane des 18. Jahrhunderts. Der Abbé Prevost war aber nicht nur Romancier, sondern zugleich aktiver Journalist. Im knappen Eintrag "actuel" seines Dictionnaire, das dem Verständnis der Zeitungen und Zeitschriften zuarbeitete, erspart er dem Leser jede begriffsgeschichtliche Erörterung und belässt es bei der knappen Definition: "ce qui se fait ou ce qui se passe au moment présent". Aktuell ist das, was sich im gegenwärtigen Moment ereignet, was im gegenwärtigen Moment geschieht.

Der Abbé Prevost macht damit eine alltagssprachliche Entwicklung aktenkundig. In ihr wurde aus dem Wirklichen, Realen der philosophischen Tradition der temporale Aspekt herausgehoben und zum Begriffskern des Aktuellen gemacht. "Ce qui se passe au moment présent" – das ist der Stoff, aus dem die Zeitungen gemacht sind. Über die Substantivierung in der Sphäre des französischen Journalismus kam der Begriff nach Deutschland und behielt sein französisches Aroma bis ins späte 19. Jahrhundert bei, so im Eintrag "aktuell" des Brockhaus von 1894: "Gegenwärtig bezeichnet der Ausdruck (in Anlehnung an den Gebrauch bei den Franzosen) das, was zur Zeit noch lebendiges Interesse oder zu den Tagesfragen Beziehung hat, im Unterschied zu dem, was 'nur noch historisch' interessiert." In Deutschland war nicht anders als in Frankreich die Entfaltung der periodischen Presse Teil der sprachgeschichtlichen Aufwertung der Aktualität und mit der Auffächerung des "moment présent" verbunden. Eine Grundtendenz in der im Wörterbuch der Brüder Grimm überaus reich dokumentierten Geschichte des Wortes "Gegenwart" ist das immer stärkere Hervortreten der temporalen Bedeutungsdimension gegenüber der Bedeutung von "Gegenwart" im Sinne von "Anwesenheit", ohne dass sich freilich die Raumdimension dabei ganz verlor.

Im angelsächsischen Sprachgebrauch fand dieser Import aus dem Französischen nicht statt. Wenn ein Engländer oder Amerikaner die Wendung "what I actually mean" benutzt, spricht er nicht von seiner aktuellen Meinung, sondern bekräftigt rhetorisch, was er wirklich, tatsächlich denkt. Das Englische "actual" ist der lateinischen Begriffstradition der actualitas treu geblieben und reflektiert die moderne Aktualität im Begriff "News". Wenn Robert Burton in einer charakteristischen Wendung von "new news" spricht, so ist dies keine Tautologie, sondern ein sprachlicher Tribut an die Durchdringung von Aktualität und Periodizität, an das intermittierende Pulsieren der Zeitung.

Benedict Anderson in seiner Studie Imagined Communities (1983) und John C. Sommerville in The News Revolution in England (1996) haben den fortwährenden Update-Charakter der Zeitungen, die Zerstückelung und Portionierung des von ihnen übermittelten Wissens durch die Periodizität und Aktualität als Hohlformen einer in Richtung Instabilität, Risiko und Veränderung gravitierenden Weltwahrnehmung interpretiert. Die Zeitung erscheint in dieser Sicht auch dort, wo sie das Bestehende aus freien Stücken oder unter der Einwirkung der Zensur hofiert, als das Medium des Ausgangs aus der Welt religiöser Gewissheiten, festgefügter Traditionen und des Statisch-Ständischen. Denn die Zeitungen verwandeln die Welt in etwas, das sich ständig ändert, sind Resonanzverstärker des ökonomischen, technologischen und politischen Wandels.

Es ist von hier nicht weit zu der These, dass die periodische Presse, die im späten 18. Jahrhundert gern mit den Stromstößen des Galvanismus und der Elektrizität verglichen wurde, als dynamische Kraft die Gegenwart miterzeugt, von der sie berichtet. Eben dies geschah nach dem Urteil schon der Zeitgenossen in der Französischen Revolution, dieser großen Maschine der beschleunigten Produktion und dramatischen Verdichtung von Aktualität. Das Ende des Ancien Régime schuf einen rasch expandierenden, tief gestaffelten Zeitungsmarkt royalistischer und antiroyalistischer Neugründungen, deren Teilhabe am revolutionären Prozess und deren dramatisches Potential in Jacques-Louis Davids Darstellung der Ermordung des Journalisten Jean-Paul Marat kongenial festgehalten ist – ein Stück Historienmalerei der Gegenwart. Eine Großfigur der modernen Welt, die in der Französischen Revolution und im Napoleonischen Zeitalter heranwuchs und heute allgegenwärtig ist, wird darin greifbar: die "Zeitgeschichte".

Das ist die Geschichte, die noch nicht erkaltet ist, in der die unmittelbare Gegenwart und das Jüngstvergangene einander im Horizont der noch lebenden Generationen begegnen. In Straßburg, wo knapp zweihundert Jahre zuvor die erste gedruckte Zeitung erschienen war, kam 1790 eine Zeitung mit dem Titel Geschichte der gegenwärtigen Zeit heraus. Eine Generation später wird Heinrich Heine seine für die Augsburger Allgemeine Zeitung verfasste Artikelserie Französische Zustände unter den Anspruch stellen, "Geschichtsschreibung der Gegenwart" zu sein. So entsteht mit der periodischen Presse der ihr gemäße Typus von Historiografie.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat zwischen 1801 und 1804 in Jena dem täglichen Ritual der Zeitungslektüre eine zu Recht berühmt gewordene Bemerkung gewidmet: "Das Zeitungslesen des Morgens ist eine Art von realistischem Morgensegen. Man orientiert seine Haltung gegen die Welt an Gott oder an dem, was die Welt ist. Jenes gibt dieselbe Sicherheit, wie hier, dass man wisse, wie man daran sei."[5] Diese Sätze sind das postrevolutionäre Gegenstück zur Auffassung der Zeitung als Instrument der Erosion und Veränderung, als Medium der Resonanzverstärkung aller Krisen und Revolutionen. Die Aktualität und intermittierende Periodizität erscheinen ganz unabhängig davon, ob sie von Schlachten oder Friedensschlüssen berichten, als Agenten der "Sicherheit" der Weltordnung. Der Morgensegen, dem Hegel die Zeitungslektüre als säkulares Analogon gegenüberstellt, ist ein prominentes Ritual des protestantischen Alltags, ein zu Beginn des Tages zu sprechendes Gebet, dessen Text Luther selbst verfasst hat und zu sprechen empfahl, nachdem man sich selbst mit dem Zeichen des Kreuzes gesegnet hatte. Es beginnt so:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.
Ich danke dir, mein himmlischer Vater,
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht
vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich,
du wollest mich diesen Tag auch behüten
vor Sünden und allem Übel,
dass dir all mein Tun und Leben gefalle.

Das Neue Testament, der Hintergrundtext des Morgensegens, ist Offenbarung und frohe Botschaft zugleich, Zeitung im alten Sinn, einzelne Kunde. Seine Aktualität gewinnt es durch die immer neue Verkündigung derselben Botschaft, seine Publizität wird seit Luther durch die Fusion von Predigt und massenhafter Zirkulation der gedruckten Bibelübersetzung gefördert, seine Universalität liegt in der Adressierung an die gesamte Menschheit, und seine Periodizität gewinnt es als Element des Kirchgangs, des Morgensegens, des Abendgebets. Hegels Deutung der Zeitungslektüre als säkularisierter Morgensegen ging im 17. Jahrhundert die Sakralisierung der Zeitung voraus, kulminierend in Kaspar Stielers Zeitungs Lust und Nutz (1695), dem ersten großen Resümee über die Zeitung und Zeitungslektüre. Gott ist darin auf seine Weise Novellist und Zeitungsschreiber, die Zeitung selbst geht aus dem Evangelium hervor, schreibt es fort und ist wie das Evangelium ein Medium, in dem sich Gott den Menschen offenbart: "Als pulsierendes, kontinuierlich aktuelles Verschriftlichungsmedium der progredierenden Weltgeschichte, in der Gott sich mitteilt, ist die Zeitung dem göttlichen Geschichtemacher und Zeitenlenker am dichtesten auf den Fersen." [6]

Hegel deutet an, dass die Periodizität und Aktualität der Zeitung die taktgebenden Rituale des christlichen Alltags und seines Kalenders beerbt, in sie hineinwächst, sie ersetzt und überformt. Die säkulare Periodizität – "Unsere tägliche Zeitung gib uns heute" – ist nicht anders als der religiöse Morgensegen eine vertrauenschaffende Maßnahme. Die Aktualität kann die Unruhe revolutionärer Zeiten in den Alltag hineintragen. Sie kann aber im Verein mit der Periodizität zugleich als Agentin der fortwährenden Integration des Neuen in den Status quo fungieren und die Zeitungslektüre in ein Institut des Weltvertrauens verwandeln, das es mit dem Gottvertrauen aufnehmen kann.

Es gibt für diesen Effekt in der Romanliteratur des 19. Jahrhunderts, die voller Zeitungsleser steckt, einen hinreißenden Kronzeugen: den Fürsten Stepan Arkadjitsch Oblonski, in dessen Haus Tolstois Roman Anna Karenina beginnt. Hegel hätte an ihm seine Freude gehabt. Denn es geht in diesem Haus alles drunter und drüber, seit die Frau dem Gatten auf die Schliche seiner Untreue gekommen ist. Der Koch hat das Weite gesucht, Küchenmagd und Kutscher haben um ihre Auszahlung gebeten, aber inmitten der Turbulenz mag Stepan Arkadjitsch auf seinen Morgensegen nicht verzichten. Er greift beim Kaffeetrinken zur noch feuchten Morgenzeitung – darin, dass sie noch feucht ist, zeigt sich ihre Aktualität – und beginnt zu lesen: "Stepan Arkadjitsch bezog und las eine liberale Zeitung, keine radikale, sondern von jener Richtung, der die Mehrheit anhing. Und obwohl ihn eigentlich weder Wissenschaft noch Kunst, noch Politik interessierten, hing er bei allen diesen Gegenständen unbeirrbar den Ansichten an, denen die Mehrheit und seine Zeitung anhingen, und änderte sie nur, wenn die Mehrheit sie änderte, oder besser gesagt, änderte sie nicht, denn sie änderten sich unmerklich von allein."

Als Tolstois Oblonski Hegels Morgensegentheorie verkörperte, war die Erosion des Zeitungsmonopols auf die Aktualität schon in Sicht. Wenige Jahre, nachdem Hegel in Jena seine Morgensegentheorie skizziert hatte, erschien in Berlin am 12. Oktober 1810 unter der Rubrik "Nützliche Erfindungen" in den Berliner Abendblättern, die täglich in der Jägerstraße ausgegeben wurden und in ihrem ersten Quartal auf lebhaftes Interesse stießen, der Artikel Entwurf einer Bombenpost, mit einem Kürzel signiert, von dem wir wissen, dass es der Herausgeber selbst, Heinrich von Kleist, benutzte: "Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs innerhalb der Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden; einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will sagen, in kürzerer Zeit, als irgendein chronometrisches Instrument angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths, Nachrichten mittheilt; dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht's dir? Derselbe, ehe man noch eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer stünde, antworten konnte: recht gut." Es ist nicht ohne Ironie, dass Kleist dieser Skizze des Telegraphen den einschränkenden Satz hinzufügt, es habe "auch diese Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Übermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und Packeten taugt." Denn diese Einschränkung betrifft nicht nur den Kaufmann, sondern auch Kleist selbst, vor dessen Periodenbau die frühe Telegrafie hätte kapitulieren müssen. Wenn Kleist zwischen Berlin und einem antipodischen, also etwa australischen Freund die Nachrichten im Handumdrehen hin und her gehen lässt und ein Medium imaginiert, das den Periodenbau seiner Sätze, lange Briefe und Beilagen aufnehmen könnte, beschreibt er nicht die Telegrafie seiner Zeit, sondern die elektronische Kommunikation unserer Tage, das Hin und Her der E-Mails mit Text- und Bilddateien im Anhang über die Grenzen der "Welttheile" hinweg. In diese Infrastruktur hat sich die Aktualität eingenistet wie einstmals ins Postwesen und dabei die Zäsuren des 19. und 20. Jahrhunderts hinter sich gelassen. Zunächst stellte das Medium Zeitung die neuen Nachrichtentechnologien in seinen Dienst und nahm nicht selten den Telegrafen, der sich ja an die alte Infrastruktur des Postwesens anlagerte, stolz in ihren Titel auf, nannte sich etwa Daily Telegraph. Denn die Zeitung profitierte von der Beschleunigung der Nachrichtenzulieferung, zumal der Korrespondentenberichte aus dem Ausland. Noch hatte sie das Aktualitätsmonopol, auch auf dem Gebiet der "Breaking News", für die sie seit der Napoleonischen Ära ein Sonderformat, das Extrablatt, ausgebildet hatte. Das Extrablatt, von Beilage zum Medium gesteigerter Aktualität avanciert, signalisierte die Dramatik der Berichte von den Schlachtfeldern, indem es die Infrastruktur der Zeitung nutzte, aber zugleich deren Periodizität durchbrach. Eine Zäsur der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich daran ablesen, dass das zentrale Aktualitätsformat beim Ausbruch des Ersten Weltkrieg noch das Extrablatt war – Karl Kraus' Drama Die letzten Tage der Menschheit beginnt mit dem Ruf "Extraausgabee!" –, der Beginn des Zweiten Weltkriegs aber eine Sondermeldung im Radio, die zeitlich ereignisnäher war als die Extrablätter. Die gedruckte Zeitung konnte im 19. und 20. Jahrhundert zwar die Beschleunigung der Nachrichtenzufuhr integrieren und auch ihre Produktionsgeschwindigkeit steigern, nicht aber im selben Maß ihre Distributionsgeschwindigkeit. "Es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt", so Karl Kraus – aber die stündliche Aktualisierung der Nachrichten blieb der auf Papier gedruckten Zeitung verwehrt.

Die nun schon Jahrzehnte währende Koexistenz von Radio und Printmedien beruht unter anderem darauf, dass die aufgefächerte Aktualität mit den "Breaking News" nicht identisch, an Minute und Stunde nicht gebunden ist. Sie kann sich über Tage, ja Wochen ausdehnen und, weil der Historismus Routinen der fortwährenden Aktualisierung des Vergangenen erzeugt hat, Großfiguren wie Charles Darwin, wenn er Geburtstag hat, ein ganzes Jahr lang mit dem Index der Aktualität versehen. Es herrscht im Radio so wenig wie in der Zeitung ein homogenes Aktualitätsklima. Das Radio sendet nicht nur Nachrichten, sondern auch vorproduzierte Features, der Sportteil der Tageszeitung wird noch am Montag hingebungsvoll gelesen, obwohl jeder Fußballinteressierte schon seit Samstag weiß, wie die Spiele der Bundesliga ausgegangen sind.

Das Internet hat die vom Radio erschlossene und vom Fernsehen erweiterte Beschleunigung von Nachrichtenzufuhr und Nachrichtendistribution gesteigert, die Formate der Live-Berichterstattung übernommen und zugleich die schon in der klassischen Zeitung enthaltene Koppelung von Archiv und Aktualität potenziert. Und es hat als interaktives Medium den Adressaten der Printmedien weit über den klassischen Leserbrief hinaus zum Medienakteur gemacht.

Der Durchbruch des Online-Journalismus war der 11. September 2001. Dieses Datum war zugleich der Anfang vom Ende des Wettbewerbs um die rein temporale Aktualität. Seit der Etablierung des Kurznachrichtendienstes Twitter ist es im professionellen Online-Journalismus häufig unmöglich geworden, Nachrichten schneller zirkulieren zu lassen, als dies die potentiellen Nutzer selber tun. Entscheidend ist nicht mehr die Zahl der Zugriffe auf ein Online-Portal. Entscheidend wird zunehmend die Verweildauer auf der Seite, das Herausfischen von Lesern, die bleiben, aus dem Strom der Klicks. An die Stelle des Wettbewerbs um die harte, zeitbasierte Aktualität tritt daher der Wettbewerb um die "weiche Aktualität". Die Formel dafür lautet: "nach einiger Zeit die beste Geschichte zu haben, die im Netz empfohlen, versendet, verlinkt wird". In den Ummantelungen der temporalen Aktualität gleicht der Online-Journalismus der Bewegung von der schieren Neuigkeit zur Entfaltung immer neuer Formate der Erzählung und des Räsonnements in den Zeitungen und Zeitschriften der Frühen Neuzeit.

Wir sind damit auf Umwegen wieder bei der Deadline angekommen. Sie wird, während sie im Printmedium beinhart bleibt, im Online-Journalismus, der in einem Medium der ausfransenden Periodizität lebt, elastisch. Die Rivalität um die Publizität macht die Investition von Zeit in den Prozess der Verwandlung des Rohstoffs der Neuigkeit in Kommentare, Glossen, Meinungsartikel lohnend. Es ist denkbar, dass der Online-Kollege für seinen aktuellen Artikel zum Rücktritt des Papstes mehr Zeit hat als der Redakteur im Printmedium. "Nach einiger Zeit die beste Geschichte zu haben" – das ist eine Formel, die Print und Online einander annähert.

Dass im Online-Journalismus einschließlich der Tweets die temporale Aktualität die letzte Beschleunigungsstufe erreicht hat, betrifft auch den Erscheinungsmodus der Tageszeitung, ihre Periodizität. Das Printprodukt verbleibt im Modus trennscharfer, wenn auch gestaffelter Periodizität bei geringerer Aktualität, für das Online-Produkt ist der Aktualitätsgewinn mit einem Ausfransen der Periodizität verbunden. Hier kann, anders als im Printmedium, ein Artikel tagelang Bestandteil des Angebots der Seite bleiben. Der elementare Tag-Nacht-Rhythmus bleibt hier wie dort erhalten, innerhalb der Tagesproduktion (und potentiell: die Nacht hindurch) ersetzt im Online-Format die fortlaufende Aktualisierung den definierten Zeitpunkt des periodischen Erscheinens. Dem Staccato der in sich abgeschlossenen Andrucke der Printausgabe, die unter einem gemeinsamen Datum erscheinen, steht die sukzessive Metamorphose der Online-Formate gegenüber.

Zur Zeitungsgeschichte gehört die gespielte Verwunderung darüber, dass Tag für Tag in der Welt immer genau so viel passiert, wie in die Zeitung vom nächsten Tag hineinpasst. In diesem alten Witz wird ein Grundelement der auf Papier gedruckten Zeitung greifbar: die Beschränkung ihrer Universalität und Aktualität durch die Abgeschlossenheit des Mediums in Zeit und Raum. Diese Abgeschlossenheit des Mediums war so selbstverständlich, dass sie selten in allen ihren Konsequenzen reflektiert wurde. Sie tritt aber jetzt in dem Maße hervor, in dem die elektronischen Medien in Kombination mit der Infrastruktur des Netzes die Abgeschlossenheit der gedruckten Zeitung entgrenzen. Die Elementarform der stofflichen Entgrenzung ist der im Text einer Online-Zeitungsseite gesetzte Link. Ihm entspricht die Anlagerung von Nachrichtengenealogien und Archivmaterial an die eingestellten Artikel. Wie die Nutzung von Twitter, Facebook und anderen sozialen Medien die klassische Stoffzufuhr durch Nachrichtenagenturen erweitert, so erweitern die in fertig produzierte Texte gesetzten Links den Horizont und Umfang der Lektüre.

Die Abgeschlossenheit der Zeitung als Printmedium stand nie grundsätzlich unter Legitimationsdruck. Mochte man ihr auch vorwerfen, sie bringe dieses oder jenes zu spät oder gar nicht, gewichte dies oder jenes zu stark oder zu schwach, so musste sie sich doch nicht dafür rechtfertigen, dass sie überhaupt ein zeitlich wie räumlich fest definiertes, abgeschlossenes Produkt war, das sich wie ein Buch nur durch neuerliche Drucklegung aktualisieren und revidieren ließ. Die Asymmetrien zwischen den miteinander verzahnten, zu Hybriden heranwachsenden Print- und Online-Formaten der Zeitungen beruhen darauf, dass letzteren eine Fülle von Optionen offenstehen, die den Printformaten unzugänglich bleiben. Diese Optionen werden aber, nicht anders als in der Frühgeschichte der Zeitung, zum Rohstoff der Nachrichten, zum Gegenstand redaktioneller Bewirtschaftung, oder anders gesagt: der Verknappung. Verlinkungen etwa sind nicht nur stoffliche Anreicherungen der Universalität, sondern auch Ausstiegsoptionen, die mit dem Ziel der Ausweitung der Verweildauer in Konflikt geraten können. Darum ist die Zeitung im Printformat gegenüber der Fülle elektronischer Optionen nicht lediglich ein Mängelwesen. Für die aus ihren Produktionsbedingungen und ihrem Trägermedium resultierende Abgeschlossenheit werden sich in den Online-Formaten Entsprechungen bilden müssen, die sich der Abundanz von Optionen entgegenstellen.

 

  • [1] Joachim von Schwarzkopf, Über Zeitungen (und ihre Wirkung). Faksimiledruck der Ausgabe von 1795. München: Fischer 1993.
  • [2] Vgl. Astrid Blome/Holger Böning (Hrsg.), Presse und Geschichte. Leistungen und Perspektiven der historischen Presseforschung (2008); Martin Welke/Jürgen Wilke (Hrsg.), 400 Jahre Zeitung. Die Entwicklung der Tagespresse im internationalen Kontext (2007); Volker Bauer/Holger Böning (Hrsg.), Die Entstehung des Zeitungswesens im 17. Jahrhundert. Ein neues Medium und seine Folgen für das Kommunikationssystem der Frühen Neuzeit (2011), alle bei edition lumière in Bremen.
  • [3] Otto Groth, Die unerkannte Kulturmacht. Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik). Sieben Bände. Berlin: de Gruyter 1960ff.
  • [4] Vgl. Johannes Weber, Götter-Both Mercurius. Die Urgeschichte der politischen Zeitschrift in Deutschland. Bremen: Edition Temmen 1994.
  • [5] Johannes Hoffmeister (Hrsg.), Dokumente zu Hegels Entwicklung. Stuttgart: Frommanns 1936.
  • [6] Jörg Jochen Berns, "Nochmals zur "Parteylichkeit". Entstehungsbedingungen, Kriterien, Geltungsbereich." In: Blome/Böning, Presse und Geschichte.


Published 2013-04-03


Original in German
First published in Merkur 4/2013 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Merkur
© Lothar Müller / Merkur
© Eurozine
 

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