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Lob der Dissidenz

Größe und Grenzen


Im Anfang stehen die Dissidenten. Man kann den Untergang der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa zwar auch mit ökonomischer Ineffizienz, gesellschaftlicher Erstarrung, Unfähigkeit zur Modernisierung und geopolitischer Isolation erklären. Aber diese Erklärungen laufen am Ende immer auf die Unterstellung einer historischen Kausalität und damit auf ein Kernelement aus jenem Dogmenkanon hinaus, den die Revolutionen von 1989 mit Verve zum Einsturz gebracht haben. Die Revolutionen sind politische Ereignisse, nicht das Resultat geschichtlicher Gesetzmäßigkeiten. Im Zentrum der Erbschaft des annus mirabilis steht deswegen nicht die Idee der Notwendigkeit, sondern die Idee der Freiheit. Da hat Bundespräsident Joachim Gauck vollkommen recht.

Concord and conflict



This article is part of the Focal Point European histories (2): Concord and conflict.

In recent years, the possibility of a "grand narrative" that includes both East and West in a common European story has been discussed intensely. In this new Focal Point, Eurozine seeks to broaden the question beyond the East-West historical divide. How are contested interpretations of historical and recent events made active in the present, both uniting and dividing European societies?
Die Dissidenten wollten gar keine sein. Vermutlich wurde die Bezeichnung erstmals im Jahre 1970 von westlichen Journalisten im Blick auf russische Oppositionelle ins Spiel gebracht. Die offizielle sowjetische Presse griff sie in diskriminierender Absicht gerne auf. Die Dissidenten selber mochten die Bezeichnung nicht, weil sie ihnen zu sehr nach Sabotage, Kollaboration oder Nörgelei klang. Vaclav Havel, einer der berühmtesten Dissidenten, behalf sich damit, dass er die Bezeichnung übernahm, sie aber stets in Anführungszeichen setzte. Die Umwälzungen von 1989 haben auch den Sprachgebrauch verändert: Heute ist Dissident ein Ehrentitel. Er gilt jenen, die nicht nur in Gedanken mit der herrschenden kommunistischen Doktrin gebrochen hatten, sondern dies auch sichtbar und hartnäckig kundtaten, indem sie öffentlichen Protest gegen Willküraktionen des Regimes artikulierten, Briefe, Eingaben, Petitionen verfassten beziehungsweise unterschrieben und an (westliche) Journalisten übergaben, aktive Mitglieder in unabhängigen Gruppen waren, an der Herstellung und Verbreitung von Texten in Untergrundverlagen (Samisdat) mitwirkten oder Schriften im Ausland publizierten. Für diese Aktivitäten bekamen sie die gesamte Palette staatlicher Repressionen zu spüren: Wohnungsdurchsuchungen, Entlassungen, Verlust von Ämtern und Positionen, Berufsverbot, Überwachung, Folter, Gefängnis, Lager, Verbannung, Schikanen gegen Freunde, Verwandte und Angehörige, Zwangseinweisung in die Psychiatrie, Ausweisung.



Bevor einige Dissidenten durch die friedlichen Revolutionen urplötzlich an die höchsten Schalthebel staatlicher Macht katapultiert wurden, interessierte sich hierzulande kaum jemand für sie, weder im linken noch im rechten politischen Spektrum, weder in der Welt der Wissenschaft noch in Kunst und Kultur. Es gab rühmliche Ausnahmen. Zu ihnen gehörte der Osteuropahistoriker Wolfgang Eichwede, der mit vielen Dissidenten in Kontakt war, an der Universität Bremen 1982 die Forschungsstelle Osteuropa gründete und dort ein einzigartiges Archiv mit Samisdat-Literatur aufbaute. Zu ihnen gehörte vor allem der famose Heinrich Böll (wie man in seinem vor kurzem publizierten Briefwechsel mit Lew Kopelew, einem anderen namhaften Abtrünnigen des Kommunismus, nachlesen kann). Als am 14. Februar 1974 der von den Kreml-Machthabern nach langem internem Hin und Her des Landes verwiesene Alexander Solschenizyn bei Böll in der Eifel Zuflucht fand, trat die sowjetische Unterdrückungspraxis gegenüber den Dissidenten für kurze Zeit ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Aber während in Frankreich die Publikation von Solschenizyns Archipel GULag (Ende 1973 auf russisch, 1974 in deutscher und französischer Übersetzung) ein folgenreiches Erdbeben in der intellektuellen Linken auslöste, kam in der Bundesrepublik nur eine kurze, laue und ziemlich peinliche Diskussion zustande.

Auch die maßgeblichen politischen Kräfte, gleich ob in Regierungsämtern oder in der Opposition, verhielten sich den Dissidenten gegenüber sehr vorsichtig und zurückhaltend. Die Jalta-Staatenordnung der Welt galt ihnen als sakrosankt, und sie übten sich in Realpolitik. Eine Änderung der Verhältnisse konnten sie sich, wenn überhaupt, nur so vorstellen, dass sie in kleinen Schritten und wohlgeordnet von oben, also von den herrschenden Parteieliten dieser Länder eingeleitet wurde. Deswegen mieden sie bei ihren Besuchen im Osten Europas tunlichst die Begegnung mit den Dissidenten, und deswegen charakterisierte Bundeskanzler Helmut Schmidt die Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 als "notwendige Entscheidung" – was der sonst immer wohltemperierte Adam Michnik, einer der wichtigsten polnischen Dissidenten, trocken als "idiotische" Äußerung charakterisierte.

Dissidenten in Aktion

Am 25. August 1968, vier Tage nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, trafen sich zur Mittagszeit sieben Freunde auf dem Roten Platz in Moskau und rollten Transparente aus: Hände weg von der Tschechoslowakei. Nieder mit den Okkupanten. Freiheit für Dubcek. Für Eure und unsere Freiheit. Ein paar Minuten später wurden sie verhaftet und nach mehreren Monaten Untersuchungshaft in Scheinverfahren verurteilt. Eine Demonstrantin, Mutter eines kleinen Kindes, wurde vorzeitig und ohne Gerichtsurteil aus der Haft entlassen, nachdem ein psychiatrisches Gutachten ihr Unzurechnungsfähigkeit attestiert hatte. Ein weiterer Demonstrant, dem man bei der Festnahme mehrere Zähne ausgeschlagen hatte und den man so nicht im Gerichtsverfahren präsentieren wollte, wurde in eine psychiatrische Klinik gesperrt.

Im Juni 1976 kam es in Polen, in Radom und Ursus bei Warschau, nach Preiserhöhungen zu spontanen Streiks und Demonstrationen, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden. Hunderte von Arbeitern wurden verhaftet, Tausende entlassen, 78 Personen in Sondergerichtsverfahren wegen "Rowdytum" zu Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren verurteilt. Am 17. Juli 1976, noch während der Prozesse gegen die Arbeiter der Traktorenfabrik von Ursus, traf sich eine Gruppe von Intellektuellen und beschloss, ein "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" (KOR) zu gründen, das die Inhaftierten und ihre Angehörigen materiell und juristisch unterstützen sollte.

Etwa acht Wochen später richtete die Gruppe ein öffentliches Schreiben an den Sejm. In ihm wurden die staatlichen Repressionen als Bruch des geltenden Rechts bezeichnet, die Organisierung und Koordinierung von Hilfe für die verfolgten Arbeiter angekündigt und eine Amnestie und die Wiedereinstellung der entlassenen Arbeiter verlangt. KOR veröffentlichte nun regelmäßig ein Kommuniqué mit Informationen über die staatliche Unterdrückungspraxis sowie mit Appellen an Regierung und Behörden. Die Aktivitäten der Gruppe fanden breite Unterstützung in der Bevölkerung, vor allem durch Studenten und Intellektuelle. Die Regierung griff zu den üblichen Mitteln: Hausdurchsuchungen, Entlassungen, Verhaftungen – die aber wiederum neue Proteste auslösten. Schließlich lenkte die Regierung ein und erließ sowohl für die verurteilten Arbeiter wie für die verhafteten Mitglieder von KOR eine Amnestie.

Nach diesem Erfolg stellte KOR seine Tätigkeit nicht ein, sondern setzte sie unter dem neuen Namen "Komitee für Gesellschaftliche Selbstverteidigung" (KSS-KOR) mit einem erweiterten Aufgabenfeld fort. Die Gruppe verschrieb sich nun der allgemeinen Verwirklichung der Menschen- und Bürgerrechte in Polen und entwickelte zu diesem Zweck an der staatlichen Zensur vorbei eine ausgedehnte Publikationsaktivität. KOR, ein Grüppchen von am Anfang 14 und am Ende 33 Leuten, wurde rasch zum Dreh- und Angelpunkt der polnischen Dissidenten und der sich formierenden Gewerkschaftsbewegung.

Am 1. Januar 1977 wurde in Prag die Charta 77 veröffentlicht, unterzeichnet von 242 Personen aus Kultur, Wissenschaft und Politik. Viele von ihnen waren nach der Zerschlagung des Prager Frühlings aus ihren Funktionen entlassen und verfolgt worden. Der Kern der Initiative bestand darin, mit den staatlichen Autoritäten einen konstruktiven Dialog über die Einhaltung der Menschenrechte zu führen, Rechtsverstöße zu dokumentieren und als Vermittler in Konfliktsituationen zu wirken. Als Sprecher wurden der Philosoph Jan Patocka, der Schriftsteller Vaclav Havel und der frühere Außenminister Jiri Hajek benannt. Bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft wurde die Deklaration von mehr als 1800 Personen unterschrieben. Ein Bulletin der Gruppe erschien monatlich im Samisdat mit einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren. Das Regime in Prag zog gegen die Chartisten zu Felde, als ginge es um den Beginn einer feindlichen Invasion. Jan Patocka starb nach auszehrenden Verhören im März 1977. Vaclav Havel musste dreimal für fast fünf Jahre ins Gefängnis, zuletzt im Jahre 1989, zwischendurch wurde er für längere Zeiträume unter strengen Hausarrest gestellt. Noch am 17. November 1989, als die Mauer in Berlin schon offen war, gingen die Sicherheitskräfte in Prag mit Gewalt gegen Demonstranten vor. Auf Initiative der Charta hin wurde am 19. November das "Bürgerforum" gegründet, das eine breite Palette oppositioneller Kräfte vereinte. Innerhalb weniger Tage musste dann das alte Regime seinen Platz räumen. Am 29. Dezember 1989 wurde der über Jahrzehnte hinweg vom kommunistischen Regime schikanierte und verfolgte Vaclav Havel als Kandidat des Bürgerforums zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

Charakteristisch für die Dissidenten ist ihr strikter Legalismus. Immer wieder konfrontierten sie die Regierungen ihrer Länder mit der Forderung, die fundamentalen und in internationalen Pakten verbrieften Rechte jedes Einzelnen zu achten. Diese Haltung bestimmte bereits die Protestaktion am 5. Dezember 1965 auf dem Moskauer Puschkin-Platz, die gemeinhin als Geburtsstunde der Dissidenten gilt. Auf dieser Kundgebung protestierten ein- bis zweihundert Demonstranten gegen die Verhaftung der Schriftsteller Andrei Sinjawski und Juli Daniel, denen von den staatlichen Behörden zum Vorwurf gemacht wurde, dass sie ihre regimekritischen Werke im Ausland publiziert hatten. Die Demonstranten beriefen sich auf die sowjetische Verfassung aus dem Jahre 1936, die im Artikel 125 die Freiheit des Wortes, der Presse, der Versammlungen, der Straßenumzüge und Kundgebungen garantierte. Es ist eine Paradoxie eigener Art, dass ausgerechnet diese von Stalin in Kraft gesetzte Verfassung, deren Autoren im Großen Terror mit einer Ausnahme alle umgebracht wurden, nun zu dem Text avancierte, auf dessen Einhaltung die Dissidenten pochten.

Mit der Verabschiedung der Schlussakte von Helsinki 1975, die auch von den Ländern des Ostblocks unterschrieben worden war, trat die Berufung auf die dort verankerten Menschenrechte und Grundfreiheiten ins Zentrum der Forderungen. Wie Adam Michnik sagte: "Sie haben die Helsinki-Deklaration zu den Menschenrechten unterzeichnet. Dem stimmen wir zu und werden Ihre Unterschrift in der Praxis nutzen. Hier ist sie, unsere Praxis: das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter – KOR." Überall in den osteuropäischen Ländern entstanden sogenannte Helsinki-Gruppen, die öffentlich die Einhaltung der Vereinbarungen verlangten und Verstöße gegen die Bestimmungen publik machten.

Zum Legalismus gehört, dass sich die Dissidenten dem Prinzip der Gewaltlosigkeit verschrieben. Sie wussten, dass sie auf dem Gebiet der Gewaltmittel den herrschenden Regimen hoffnungslos unterlegen waren – das war die Erfahrung von 1953, 1956 und 1968, als Veränderungs- und Protestbewegungen in der DDR, in Ungarn und in der CSSR jeweils mit brutaler Gewalt niedergeschlagen worden waren. Die Dissidenten zogen daraus die Konsequenz, mit ihren Aktionen stets unterhalb dieser Schwelle zu bleiben und den offiziellen Stellen immer wieder den Dialog anzubieten. In Polen zum Beispiel bezogen sie bei der Planung der eigenen Aktionen sehr nüchtern die Gefahr einer sowjetischen Intervention in ihre Überlegungen ein und entwickelten das Programm einer "sich selbst beschränkenden Revolution" (Jacek Kuron) beziehungsweise einer "Evolution der Freiheit" (Adam Michnik). Gegen die Gewalt setzten sie also nicht die Gegengewalt, sondern das Recht und den Dialog. Sie teilten ganz und gar nicht den Glauben an die Kreativität der Gewalt, wie sie Anfang der sechziger Jahre Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre für den antikolonialen Kampf beschworen hatten und wie sie bei Teilen der westlichen Neuen Linken in den siebziger Jahren zum Programm erhoben worden war.

Ein weiteres zentrales Merkmal ist der Aufbau einer Untergrundpresse (Samisdat), mit der die Zensur außer Kraft gesetzt und eine Art zweiter Öffentlichkeit etabliert wurde. Samisdat diente der Verbreitung von Informationen und der Selbstverständigung. Dokumentarische, literarische und analytische Texte, die in der ersten Öffentlichkeit verboten waren, konnten auf diese Weise in zum Teil hohen Auflagen zugänglich gemacht werden.

Die Dissidenten kamen aus allen Bevölkerungsschichten und waren den unterschiedlichsten Überzeugungen und Weltanschauungen verpflichtet. Zu ihnen zählten Alte wie Junge, Männer wie Frauen, Neokommunisten, Trotzkisten, Underground-People, Anhänger eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gläubige Christen, Atheisten, liberal und westlich ausgerichtete Demokraten, slawophile Antiwestler, ultrarechte, zum Teil religiös geprägte Nationalisten und Monarchisten. Beteiligt waren Künstler (vor allem Schriftsteller), Wissenschaftler (in der Sowjetunion auffällig viele Naturwissenschaftler), Arbeiter und Bauern. Die berühmtesten Schriftsteller waren Alexander Solschenizyn und Vaclav Havel, der berühmteste Naturwissenschaftler war Andrei Sacharow, der Elektriker Lech Walsa war der berühmteste Arbeiter, und der gläubige Katholik Augustin Navratil aus einem abgelegenen mährischen Dorf, dem Timothy Garton Ash in Ein Jahrhundert wird abgewählt ein einfühlsames Denkmal gesetzt hat, war der bekannteste Bauer, der mit schier unglaublicher Sturheit durch eine Fülle von Petitionen und Eingaben die staatlichen Repressionsapparate aus der Fassung brachte.

Die Stunde der Moral

Was bei den Dissidenten am meisten ins Auge fällt, ist die Diskrepanz zwischen Einsatz und Erfolgsaussicht. Angesichts der Realitäten war klar, dass jede Beteiligung an einer Protestaktion von harten Sanktionen bedroht war und ansonsten gar nichts bewirkte. Zugespitzt: Die Chance, irgendeine politische Veränderung zu erreichen, lag bei Null, die Wahrscheinlichkeit, verhaftet, verurteilt, schikaniert zu werden, tendierte gegen 100 Prozent. Keiner von den sieben Teilnehmern jener ein paar Minuten dauernden Demonstration vom 25. August 1968 auf dem Roten Platz gegen die Invasion in der CSSR war in dem Glauben, etwas Greifbares bewirken zu können. Die Aktion war, so gesehen, vollkommen zwecklos. Kurz und in der Sprache des uns allen so sehr vertrauten homo oeconomicus mit seinen Nutzenkalkülen gesagt: Die persönlichen Kosten überstiegen den erwartbaren Nutzen um ein Vielfaches. Warum um alles in der Welt soll man Leib und Leben riskieren, das eigene so gut wie das seiner Angehörigen und Freunde, wenn überhaupt nichts dabei herauskommt?

Die Antwort lautet: Es ist die Stunde der Moral. Wer sich durch die offensichtliche Diskrepanz zwischen Kosten und Nutzen nicht von seinem Handeln abbringen lässt, wird von moralischen Prinzipien geleitet. Tatsächlich fällt immer dann, wenn Dissidenten in ihren Lebensberichten oder in Gesprächen über ihre Motive nachdenken, unvermeidlich der Begriff der Moral. Zugleich ist aber niemand von ihnen auch nur im Entferntesten in der Lage zu sagen, was Moral eigentlich ist, worin ihre zentralen Aussagen bestehen, ob sie eher christlich oder philosophisch oder konventionell und alltäglich gemeint ist. Wann immer die Dissidenten über die Motive, Prinzipien und Quellen ihres Handelns Auskunft geben, kommen sie nicht darüber hinaus zu sagen: Ich musste das tun, ich hatte keine andere Wahl, ich konnte nicht anders, es war mein Schicksal. Niemand von ihnen wusste, wohin es führt und wozu man es macht. Und jeder von ihnen verhielt sich im Grunde wie einst Martin Luther: Hier bin ich, und ich kann nicht anders.

Das moralische Handeln, dem sich die Dissidenten verschrieben, setzt die gesamte Zweck-Mittel-Logik außer Kraft und orientiert sich nur an sich selbst. Der Hinweis, dass sie vollkommen erfolglos sein werden oder gar, was sie immer wieder zu hören bekommen, alles noch viel schlimmer machen und zum Beispiel auch die eigenen Familienmitglieder und Freunde den Schikanen der Sicherheitsapparate aussetzen, irritiert sie gelegentlich, kann sie aber nicht von ihren Handlungen abhalten. Sie sind Gesinnungsethiker im strengsten Verstand, und Max Weber hätte sich bei ihnen, wenn er ihnen die Verantwortungsethik und die erwartbaren problematischen Folgen ihres Tuns entgegengehalten hätte, die Zähne ausgebissen. Die Dissidenten sind aber auch keine Christen. Der christlichen Lehre zufolge handeln wir immer dann gut, wenn wir uns für andere opfern, also selbstlos sind. Für die Dissidenten gilt eher das Gegenteil. Denn der Kern ihrer Moral ist – so paradox das für unsere Ohren heute auch klingen mag – die Sorge um sich selbst, will sagen: das Bemühen, in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben.

Mit dieser Haltung stehen sie, ohne es zu wissen, in einer Linie, die bis zum Ursprung der abendländischen Vernunftmoral bei Sokrates zurückreicht, wie sie uns in Platons Gorgias überliefert ist. Sokrates lehrt, dass es besser ist, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu tun. Die Begründung für diesen Grundsatz liegt nicht darin, dass man damit einem Anderen hilft oder dem Befehl einer Gottheit folgt, sondern nur darin, dass der moralisch Handelnde sich damit selbst einen Gefallen tut. Nicht der Andere ist der Bezugspunkt dieser Moral, sondern das Selbst. Die bei Sokrates im Hintergrund stehende Überlegung ist sehr einfach: Wenn ich ein Unrecht begehe, bin ich dazu verurteilt, bis an mein Lebensende mit einem Verbrecher zusammen zu leben. Da ich das nicht wirklich wollen kann, werde ich das Unrecht unterlassen.

Die moralische Integrität, die die Dissidenten für sich in Anspruch nehmen, bedeutet im Grunde eben dies: Sie können und wollen nicht mit jemandem zusammenleben, der sich an Verbrechen und an Unrecht beteiligt hat. Lieber nehmen sie in Kauf, dass ihnen Unrecht angetan wird, und sie ziehen es vor, mit der ganzen Gesellschaft uneins zu sein statt mit sich selbst. Das ist das Prinzip des Handelns, dem sie folgen. Diese Übereinstimmung mit sich selbst verleiht ihnen ihre Stärke und Unabhängigkeit, das Gefühl von Würde und Stolz und eine tiefe innere Befriedigung. Darin liegt der einzige Erfolg, der einzige Nutzen, der mit moralischem Handeln verbunden ist. Mit dieser Wendung nach innen, mit dieser Selbstbezüglichkeit immunisieren sich die Dissidenten gegen Niederlagen und Misserfolge. Die Implikation dieser Art von moralischem Handeln besteht stets in der Überzeugung, dass das Leben nicht der Güter höchstes ist, dass also im Leben immer mehr auf dem Spiel steht als die Aufrechterhaltung und Hervorbringung lebendiger Organismen.

Ein paar Belege: "Deshalb existierte eine Minderheit – und diese Minderheit muss es geben –, die lieber mit sich selbst in gutem Einvernehmen leben möchte als mit dem Staat. Für diese eigentümliche Freundschaft zahlt sie mit ihrer Karriere. Nirgendwo kann man völlig auf seine Kosten kommen."[1] "Anders kann man das Vorgehen von Leuten nicht erklären, die weder mit einem Sieg rechneten noch mit einem Teilerfolg zu ihren eigenen Lebzeiten. Was wir taten, taten wir in allererster Linie für uns selbst, um uns von der für einen erwachsenen Menschen erniedrigenden Gängelung durch unsere Obrigkeit zu befreien. In allererster Linie wollten wir selbst frei werden, nicht andere befreien."[2] Gerne berufen sich die Dissidenten auf einen Ausspruch von Lew Tolstoi: "Überlegungen darüber, welcher Nutzen der Welt aus unseren Unternehmungen erwachsen möge, können uns nicht in unseren Unternehmungen als Anleitung dienen. Der Mensch wird von anderem geleitet, einem nicht anzweifelbaren Gebieter: seinem Gewissen; und so er ihm folgt, weiß er ohne zu wanken, dass er tut, was zu tun ist."[3] Oder, wie Jan Patocka seinen Freunden, Schülern und Mitstreitern immer wieder mit auf den Weg gab: Es gibt Dinge, für die zu leiden sich lohnt. Für das Leben in der Wahrheit gilt, so Vaclav Havel, die "Irrelevanz jeglicher Kalkulationen".[4]

Dissidenz und Transzendenz

Nach Sokrates liegt die Voraussetzung moralischen Handelns in der Fähigkeit und Bereitschaft, im fortdauernden Zwiegespräch mit sich selbst zu sein. Dieser innere Dialog ist nur eine andere Beschreibung für die Tätigkeit des Denkens. Die moralisch Handelnden sind die Denkenden, und die Stärke kommt aus den Handelnden selbst. Es bedarf für das moralische Handeln also keiner transzendenten, haltenden oder Gebote gebenden Macht, keiner Gottheit, es bedarf nicht der Drohung mit Höllenstrafen oder des Versprechens himmlischer Belohnungen.

Für die Dissidenten ist diese Beschreibung nicht durchgehend angemessen. Viele von ihnen suchen die Unterstützung durch eine jenseitige Instanz, durch etwas Absolutes, auf das sie sich als sicheren Grund ihres Handelns beziehen können, gleichsam einen archimedischen Ort außerhalb der Welt, von dem sie die Imperative ihres Handelns herleiten und von dem sie Schutz und Sicherheit beziehen. Das ist Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes, die Rückbindung an eine höhere verpflichtende und tragende Macht. Offenbar braucht man eine religiös-spirituelle Bindung, wenn man in einer vollkommen feindlichen Umgebung auf Dauer widerständig sein will. Für die Bedeutung spiritueller Kraftquellen ist der Mystizismus Solschenizyns so gut ein Beispiel wie die Rolle der katholischen Kirche in Polen oder die große Anzahl von Theologen bei der "protestantischen Revolution" in der DDR.

Aber es gibt deutliche Abstufungen und Unterschiede im Grad der spirituellen Inspiration. Zum einen sind da die strengen Gläubigen, wie zum Beispiel die Baptisten, die in der Sowjetunion für die Dissidenten nicht nur ein Vorbild an Standfestigkeit, sondern zugleich die Lehrmeister des Samisdat gewesen sind. Die Rationalisten dagegen beziehen ihren Ansporn und ihr Pathos aus der Hingabe an die Wissenschaft und aus dem Glauben an die Kraft des Menschen zu Naturbeherrschung und Fortschritt. Dazu gehören die sowjetischen Naturwissenschaftler, zum Beispiel Andrei Sacharow, für den die Diskrepanz zwischen der Willkür der staatlichen Gewalt- und Herrschaftsapparate und der aufklärerischen Potenz des menschlichen Verstandes unerträglich wurde. Und schließlich gibt es die Artisten, die in Kreativität, Spontaneität und im künstlerischen Anspruch auf Selbstverwirklichung über einen unverbrüchlichen Kraftquell ihres Aufbegehrens verfügen.

Bei aller Vielstimmigkeit der Positionen und Weltbilder haben die Dissidenten einen gemeinsamen Nenner. Er besteht im Recht. Über die Sprache des Rechts, über die Forderung nach Anerkennung der Menschenrechte und Grundfreiheiten können sie miteinander kommunizieren und in Verbindung treten. Jede Person, in dieser Auffassung stimmen sie überein, hat das Recht, die eigenen Lebensentwürfe offen und ohne Angst vor Unterdrückung zu verfolgen. Damit hängt unmittelbar die Überzeugung vom Vorrang und der Unteilbarkeit der Freiheit zusammen. Das bedeutet, dass beispielsweise die Einschränkung der Freiheit einer Rockgruppe, ihre Musik zu machen, ein Anschlag auf die Freiheit aller ist und nicht hingenommen werden darf.

Schließlich ist für die Frage nach den moralischen Kraftquellen die Bedeutung der Freundschaft nicht zu vernachlässigen. In den Berichten und Reflexionen der Dissidenten wird sie immer wieder beschworen, sie ist unersetzlich und überlebenswichtig. Freunde sind diejenigen, auf die man sich vollkommen verlassen kann und die im Falle der eigenen Verhaftung das begonnene Werk aufgreifen und fortsetzen. Der Freund ist im aristotelischen Sinn der allos autos, das andere Selbst, mit dem man den sokratischen inneren Dialog mit sich selbst auch außen fortsetzen kann. Nach György Konrad ist es so, dass sich die Dissidentenfreunde schon am Geruch und am Blick erkennen, also auch ohne dass sie überhaupt ein Wort sagen müssen.

Wie auch immer es sich damit im einzelnen verhalten haben mag und zu welchem transzendenten Beistand die Dissidenten ihre Zuflucht nahmen, fest steht, dass ihr Verhalten ohne den Rekurs auf moralische Prinzipien nicht zu verstehen ist. Und fest steht auch, dass die Dissidenten mit ihrer moralischen Aufrichtigkeit vielen Intellektuellen, vor allem im Westen, auf die Nerven gingen. Diese nämlich hielten es lieber – rechtsherum – mit Gottfried Benns Theorie vom Doppelleben, nach der die Einheit der Persönlichkeit eine "fragwürdige Sache" ist, oder – linksherum – mit Brechts Kultivierung des unmoralischen und zynischen Rollenmenschen, dessen Entfremdung auf ihrem Höhepunkt von alleine in die Beförderung einer revolutionären Veränderung umschlägt.

Das kleinere Übel und das Lügen

Das größte Hindernis, das die Dissidenten aus dem Weg zu räumen hatten, war die Logik des kleineren Übels. Aus der Perspektive der Dissidenten ist sie das Einfallstor für die Beteiligung der unterworfenen Bevölkerung am System der Lüge und des Konformismus. Das kleinere Übel bezeichnet den Punkt, an dem die Verwandlung der Beherrschten und Opfer der Regime in Komplizen der eigenen Verfolgung einsetzt. Der Mechanismus ist so einfach wie effektiv: Jedes konforme, ergebene und loyale Verhalten wird mit kleinen Belohnungen prämiert – bestehe die Prämie auch lediglich darin, dass man nicht ins Visier der Repressionsapparate gerät. Vorausgesetzt ist dabei nur, dass alles immer auch noch schlimmer kommen kann, dass man noch bei jedem etwas findet, was man ihm nehmen, dass es immer eine noch schlechtere Arbeit gibt, die einem zugewiesen werden kann, kurz: dass immer und zu jeder Zeit eine weitere Steigerung der Schikanen möglich ist. Wer das nicht riskieren will, verhält sich besser ruhig; wer aufbegehrt, macht alles nur noch schlimmer. Es ist eine Art Nichteinmischungspakt: Die Herrschenden verzichten auf die totale Kontrolle und Unterwerfung, und die Ohnmächtigen mischen sich nicht ungefragt ein, und sie erklären sich zudem bereit, ihre Zustimmung kundzutun beziehungsweise Zustimmung zu simulieren, wenn es von ihnen verlangt wird.

Für die Dissidenten besteht das Nervenzentrum der staatssozialistischen Herrschaftssysteme im systematisch betriebenen Lügen. Der totalitäre Anspruch manifestiert sich darin, nicht nur die Oberhoheit über Leben und Tod, sondern auch die Oberhoheit über Wahrheit und Falschheit in Anspruch zu nehmen. Durch die Logik des kleineren Übels wird die gesamte Gesellschaft in das System des Lügens einbezogen. Die Wirklichkeit wird zur Fiktion, und Fiktionen werden ununterscheidbar von der Wahrheit. Das Ergebnis ist ein Realitätsverlust ohnegleichen, in dem sich alle verfangen und die Orientierung verlieren. Der ungarische Essayist Istvan Eörsi schreibt 1985: "Wir wissen, es ist nicht wahr, und die Macht weiß es auch, und wir wissen ebenfalls, dass sie wissen, dass wir es wissen, doch wir tun so, als wäre nichts geschehen."[5]

Der Ausgangspunkt aller Dissidenz besteht darin, die Beteiligung am allgemeinen Lügen aufzukündigen, sofort und ein für allemal. Alexander Solschenizyn schreibt im Februar 1974 den kurzen leidenschaftlichen Aufruf Lebt nicht mit der Lüge!, Vaclav Havels wichtigste Programmschrift der Dissidenz trägt den Titel Versuch, in der Wahrheit zu leben. Der Schritt, die Lüge hinter sich zu lassen und fortan in der Wahrheit zu leben, ist nach Havel und Solschenizyn immer und überall möglich. Er ist Ausdruck der inneren Freiheit, die niemandem genommen werden kann. Um das Lügen zu beenden, muss man, wie Solschenizyn schreibt, nicht einmal aktiv etwas tun, sondern kann sich passiv darauf beschränken, etwas nicht zu tun. Man muss nur darauf verzichten, das zu sagen, was man gar nicht denkt und glaubt. Da das gesamte System auf der Lüge beruht, begreifen die Herrschenden freilich jeden Versuch, in der Wahrheit zu leben, in gewissem Sinne mit Recht als Frontalangriff, mit dem sogleich die Fundamente ihrer Herrschaft auf dem Spiel stehen.

Ausschlaggebend für den Entschluss, in der Wahrheit zu leben, ist aber, wie Havel in seinem Essay betont, nicht die politische Dimension, sondern die individuelle. Tatsächlich kommt der Frage des Lügens in der Sphäre der Vernunftmoral zentrale Bedeutung zu. Ein probater und naheliegender Weg, den Ansprüchen der sokratischen Moral zu entgehen, besteht offenkundig in Erinnerungsverweigerung und Lüge. Immer kann ich mir und meiner Umgebung vormachen, auch gegen besseres Wissen, dass ich der Täter jener üblen Taten gar nicht gewesen bin. Dann schaffe ich es, trotz des Verbrechens, das ich begangen habe, mit mir selber unverdrossen weiter zusammenzuleben. Wo es keine Erinnerung gibt, gibt es keine Moral.

Das gute Auge

Die Dissidenten sind nicht nur Metaphysiker, die von einer transzendenten Verwurzelung zehren, sondern zugleich Positivisten, die nur an das glauben, was sie sehen. In einem System reiner Fiktionalität benötigen sie einen spirituellen Kraftquell, der sie dazu befähigt, das Vertrauen zu ihren eigenen Augen und Sinnen zurückzugewinnen. Tatsächlich basiert ein großer Teil ihrer Aktivitäten auf einem radikalen Positivismus, will sagen auf der Ermittlung und Verbreitung von Informationen über das, was der Fall ist und was im Lande vor sich geht, diesseits aller Emotionen, Wertungen und Verallgemeinerungen. Das Periodikum Chronik der laufenden Ereignisse, das zwischen 1968 und 1983 im sowjetischen Samisdat erschien, erfüllte genau diese Funktion und ist dafür das berühmteste Beispiel.

Man darf sich die Herausbildung eines guten positivistischen Auges nicht zu einfach vorstellen. Hinter ihr steht bei vielen Dissidenten das Erwachen aus dem dogmatischen Schlummer, in den das ABC des Kommunismus sie versetzt hatte. Lew Kopelew ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Spät erst fängt er an, seinen Augen zu trauen, vorher sieht er nur, was er sehen will und was zu sehen ihm erlaubt ist. Als überzeugter Kommunist und Bolschewik beteiligt er sich 1932/1933 eifrig an der Beschlagnahme von Getreide und Lebensmitteln in der Ukraine, arbeitet also mit an der Herbeiführung jener großen Hungersnot, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Er sieht vor Entkräftung winselnde Kinder, ausgezehrte, verhungernde und aufgedunsene Menschen. Aber er traut nicht dem, was er sieht, sondern sieht nur, was er glaubt: dass der Weg ins Paradies der Freiheit die Vernichtung von Hunderttausenden und Millionen Menschen verlangt, die der Erreichung des Ziels im Wege stehen oder in Zukunft im Wege stehen könnten. Es ist für Kopelew ein langer und mühsamer Weg, diesen Glauben aufzugeben und an seiner Stelle wirklich den eigenen Augen zu trauen. Die Abtrünnigen müssen sich vom Diktat einer Geschichtsphilosophie befreien, die mit dem Prinzip historischer Gesetze und Notwendigkeiten operiert.

Antipolitik

Es ist eine Banalität, dass die Dissidenten nicht isoliert von ihrer Umgebung lebten und dass ihre "parallele Polis" keine Insel der Seligen war. Generell gilt, dass Verfolgung zwar äußerst unangenehm, aber kein Verdienst ist und dass Verfolgte nicht a priori und ein für allemal unter die Engel untadeliger Lebensführung zu zählen sind. Auch unter den Dissidenten gab es Niedertracht, Verrat, Schwäche, Konformismus. Das alles kann man getrost vernachlässigen und auf sich beruhen lassen.

Wichtiger und folgenreicher ist etwas anderes: dass das Verständnis von Politik, das sich die Dissidenten zurechtlegten, das genaue Spiegelbild jener Verhältnisse und politischen Systeme war, in denen sie lebten. Die Dissidenten wollten eigentlich von der Politik nichts wissen. Politik war für sie die Hölle, von der man sich fernhalten sollte. Das Politische erschien ihnen schon seiner Natur nach, also jenseits von Gebrauch und Missbrauch, jenseits seiner konkreten Erscheinungsweise, als eine zutiefst dubiose Angelegenheit, die nolens volens immer ins Verderben führt. "Die Osteuropäer identifizieren die Politik mit der Lüge", schrieb György Konrad, der mit seinem Buch Antipolitik für diese Art des Denkens ein wichtiger Stichwortgeber war.

So weit sich die Dissidenten auch an vielen Punkten von den in ihren Gesellschaften vorherrschenden Praktiken befreien konnten und der Unterdrückung die Stirn boten – ihr Politikbegriff markiert einen Punkt, an dem deutlich wird, in welchem Ausmaß sie in ihrem Denken von den in ihrer Umgebung vorwaltenden Auffassungen und Entstellungen geprägt waren. Immer schon galt in der Tradition des Marxismus die Auffassung, dass wir es bei Politik und Staat mit Angelegenheiten zu tun haben, in denen die Herrschenden ihre partikularen Interessen als allgemeine verkleiden und die deswegen im Grunde auf Lüge und Verbrechen beruhen. Es gehört zur irritierenden Technik des "Wahrlügens" (wie Hannah Arendt das genannt hat), dass die kommunistischen Regime genau das wahrmachten, was nach Marx der Kern des Politischen ist: Sie selber waren es, die in ihrer Praxis die Politik in eine ganz und gar lügenhafte und verbrecherische Angelegenheit verwandelten.

Die Dissidenten erliegen der in ihrem Erfahrungszusammenhang nur zu verständlichen Versuchung, alles Politische a priori als verwerflich anzusehen. Indem sie diese Erfahrung verallgemeinern und zur Basis ihres Verständnisses von Politik machen, verstellen sie sich den Zugang zu jener republikanischen Tradition des politischen Denkens, die ihren eigenen Erfahrungen in den demokratischen Revolutionen viel angemessener ist und deren Kerngehalt darin besteht, dass Freiheit und Politik nicht Gegensätze sind, sondern zusammengehören. Stattdessen setzen sie die Abwertung des Politischen, die die Geschichte des abendländischen Denkens an so vielen Stellen beherrscht, nahtlos fort. Sie stellen sich in die Linie jener metaphysischen Tradition, die seit Platon das politische Handeln für eine minderwertige Angelegenheit hält – weil es die Wahrheit verfehlt, weil es immer lügenhaft ist, weil es jenes Reich der Schatten ist, eine Welt des Scheins, in der sich zwar die Menge wohlfühlt, in der der Philosoph, der sich der Wahrheit der Ideen hingibt, jedoch niemals gelitten ist und am Ende, wie einst Sokrates, getötet wird, zumindest immer ein Fremdling bleiben wird.

Die philosophischen Vordenker der Dissidenten schlagen kräftig in diese Kerbe und missverstehen damit grundlegend, worum es im politischen Handeln eigentlich geht. Man sieht das etwa bei Jan Patocka, der für die Dissidenten in der CSSR mit seinen legendären Untergrundseminaren eine wichtige Rolle spielte, eine große Autorität in diesen Dingen genoss und generell als einer der wichtigsten tschechischen Philosophen im 20. Jahrhunderts gilt. In seinen Texten, zum Beispiel in den Ketzerischen Essays zur Philosophie der Geschichte, formuliert er im Geiste von Husserl und Heidegger, deren Schüler er war, eine radikale Zivilisations- und Zeitkritik.[6] Da ist viel die Rede von der Seinsvergessenheit der modernen Welt und Technik, in der wir entfremdet und haltlos umherirren. Am Ende aber fällt die planetarische Krise der menschlichen Situation dann so extrem aus, dass Patocka, wie Heidegger, zu dem Ergebnis kommt: Nur ein Gott kann uns retten. Unversehens sind es dann nicht mehr die üblen Verhältnisse in dieser Welt, die zur Kritik stehen, sondern die Welt selber wird zu dem Übel, von dem wir erlöst werden müssen.

Dem abwertenden Politikbegriff korrespondiert das Verständnis der Freiheit. Die Erfahrung hinter der Antipolitik ist, dass Freiheit immer erst dort beginnt, wo die Politik endet. Politik gilt als das Übel, das vielleicht unvermeidlich ist, das aber auf jeden Fall so klein wie möglich gehalten werden muss. "Gerecht und wahrhaftig" ist der Mensch nach Patocka nicht im politischen Handeln, sondern immer nur in jener Sphäre, in der er sich, wie die klassische griechische Philosophie es lehrte, möglichst ungestört von allen weltlichen Belangen, der "Sorge um die Seele" und dem "Sein in der Wahrheit" widmen kann.

Dem ist entgegenzuhalten: Das Politische ist ein Raum ganz eigener Würde und Bestimmung. Und nur hier ist der Raum der Freiheit in einem positiven Verständnis. Tatsächlich geht es im politischen Handeln nicht um die Wahrheit, und politisches Handeln ist auch nicht angewandte Moralität. Die sokratische Moral, in der das Selbst das Maß der Dinge ist, ist nur in Krisenzeiten und Ausnahmesituationen politisch relevant. Der Raum des Politischen dient nicht der "Sorge um die Seele", sondern der "Sorge um die Welt", er ist nicht die Sphäre der Wahrheit, sondern der Pluralität. Freiheit im politischen Sinn beginnt nicht jenseits des politischen Handelns, sie realisiert sich nicht im sogenannten freien Spiel der gesellschaftlichen und geistigen Kräfte, im Schutz des Eigentums und des Erwerbsinteresses, sondern in der Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten.

Die Erfahrung aller Revolutionen ist, dass politisches Handeln und Freiheit eins werden. Nirgendwo ist es bislang gelungen, diese Erfahrung in einer Staatsform aufzuheben und zu bewahren. Auch für die Dissidenten gilt, was der französische Dichter und Schriftsteller René Char im Blick auf die vier Jahre Résistance sagte und was nach Hannah Arendt bislang noch das Schicksal aller Revolutionen und aller Revolutionäre gewesen ist: Ihrer Erbschaft ist keinerlei Testament vorausgegangen. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass die politischen Erfahrungen der Dissidenten und der Schatz der friedlichen Revolutionen, die ohne sie niemals stattgefunden hätten, nicht begriffs- und namenlos bleiben und nicht verlorengehen.

 

  • [1] György Konrad, Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen. Frankfurt: Suhrkamp 1985.
  • [2] Sergej Kowaljow, Der Flug des weißen Raben. Von Sibirien nach Tschetschenien. Eine Lebensreise. Berlin: Rowohlt 1999.
  • [3] Raissa Orlowa/Lew Kopelew, Wir lebten in Moskau. München: Knaus 1987.
  • [4] Vaclav Havel, Versuch, in der Wahrheit zu leben. Reinbek: Rowohlt 1990.
  • [5] Istvan Eörsi, Der rätselhafte Charme der Freiheit. Versuche über das Neinsagen. Frankfurt: Suhrkamp 2003.
  • [6] Jan Patocka, Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte. Neu übersetzt von Sandra Lehmann. Berlin: Suhrkamp 2010.


Published 2013-03-05


Original in German
First published in Merkur 3/2013

Contributed by Merkur
© Helmut König / Merkur
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