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Die Grüne Bewegung und der gewaltfreie Kampf im Iran


Drei Jahre liegt der iranische Frühling inzwischen zurück, doch sind dessen Nachbeben noch immer deutlich zu spüren – im Iran wie in der Welt. Die Proteste, die im Juni 2009 ihren Ausgang nahmen, erweisen sich im Rückblick als ein Schlüsselmoment in der iranischen Geschichte. Was als Aufstand gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen und die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad begonnen hatte, weitete sich zu einer Massenbewegung für bürgerliche Freiheiten und ein Ende des theokratischen Regimes im Iran aus. Die Demonstrationen – nicht allein Reaktion auf die unfairen Wahlen – brachten jahrelang aufgestaute Frustration, Unzufriedenheit und Wut über die repressive Herrschaft im Iran zum Ausdruck. Als junge, gewaltfreie und zivilgesellschaftliche Bewegung für einen Wandel innerhalb der iranischen Gesellschaft kämpfte die Grüne Bewegung für eine rechtmäßige und ihre Handlungen verantwortende Regierung. Der Wahlbetrug im Iran bot, wie in der Folge deutlich wurde, dem iranischen Volk die Gelegenheit, nicht nur ihre wenigen demokratischen Rechte zu verteidigen, sondern den Versuch zu wagen, neue Fundamente für ein wahrhaft demokratisches Regime zu legen. Die Islamische Republik schien sich langsam aufzulösen und ein jähes Ende zu nehmen, während die Grüne Bewegung wuchs und an Stärke gewann.

Gerade angesichts der Komplexität der iranischen Gesellschaft ist es wichtig, den Umstand zu betonen, dass die Grüne Bewegung, zumal was ihre demokratischen Grundüberzeugungen anlangt, nicht plötzlich unter dem Eindruck manipulierter Wahlen aufkam. Im Verlauf der letzten 20 Jahre vollzog sich im Iran eine bedeutende politische und gesellschaftliche Evolution, weil eine zunehmend junge Bevölkerung gebildeter, säkularer und liberaler wurde. Diese generationelle Kluft schied die iranische Gesellschaft in konservative sowie reformorientierte Gruppen und katapultierte liberale Ideen in den Fokus politischer Debatten. Man kann wohl sagen, dass die Grüne Bewegung eine Manifestation dieser sich wandelnden politischen, sozialen und kulturellen Einstellungen war, die sich allmählich unter Irans Intellektuellen, Studenten, Frauenrechtlern und seiner jungen Bevölkerung überhaupt entwickelt hatten.

Seit den ersten Tagen der Islamischen Revolution haben häufig zwei unvereinbare und sich widerstreitende Konzeptionen von Souveränität das ideologische Profil des politischen Machtkampfes im Iran bestimmt. Die bis dahin größten Proteste fanden ein Jahrzehnt vor dem Juni 2009 im Sommer 1999 statt, wobei damals Studenten an der Spitze dieser Auseinandersetzungen standen. Mit der Grünen Bewegung gingen aber zum ersten Mal seit der Revolution von 1979 unterschiedliche soziale Gruppen gemeinsam auf die Straße: Religiöse und Säkulare, Junge und Alte, Reiche und Arme. Dies verdeutlicht unübersehbar, dass sich die Rolle der Zivilgesellschaft im Prozess des sozialen und politischen Wandels während der vergangenen drei Jahrzehnte gewandelt hat. Aus einem Ad-hoc Zusammenschluss von Feminist/innen, Intellektuellen und Studierenden ist der ungleich reflektiertere und besser organisierte Kampf der Grünen Bewegung hervorgegangen. Tatsächlich bezeugen die letzten 20 Jahre einen bemerkenswerten Zuwachs an gewaltfreiem Denken und zivilem Widerstand gegen die autokratische Herrschaft im Iran. Nichts hat die Diskussionen und Stellungnahmen der letzten Dekaden derart stark bestimmt wie die Themen Zivilgesellschaft und gewaltfreie Aktion.

Was die Grüne Bewegung offenbart hat, war eine Legitimationskrise, mit der sich die politische Verfassung des Irans konfrontiert fand, weil die gegenwärtigen Machthaber durch ihre Lügen und Grausamkeiten alle moralische Glaubwürdigkeit verspielt hatten. Mit der Berufung auf den republikanischen Grundsatz, dass alle Macht vom Volke ausgeht, wies sie eine alternative Quelle politischer Legitimation aus, die im Gegensatz zur politischen Theologie der absoluten Souveränität eines "Obersten Rechtsgelehrten" stand.

Außerdem zählte die Mehrheit der Demonstranten, die die Legitimität des Wahlverfahrens als solche in Frage stellten, zu einer neuen Generation, einer Generation, die – anders als die ihrer Eltern – die Revolution von 1979 nicht erlebt hatte oder schlicht zu jung ist, um sich an die Ereignisse erinnern zu können. Sie verlangte nach einem anderen Iran. Diese Gruppe machte ein Drittel der Wahlberechtigten in den Präsidentschaftswahlen aus. Sie brachte machtvoll in Erinnerung, dass ein viel zu monolithisches Bild des Iran ihre Denkungsart, die Denkungsart von den 70 Prozent der Bevölkerung, die unter 30 Jahren sind, einfach nicht widerspiegelt. Das Demokratieverlangen der jungen Iraner stellte eine ernsthafte Herausforderung nicht nur für den Status und die Legitimität der Lehre von der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten (Velayat-e Faqih) dar, sondern auch für die politische Reformbewegung in ihrem Anspruch auf demokratische Authentizität. Paradoxerweise setzte die Grüne Bewegung auf zwei Strategien, die auch in der Islamischen Revolution von 1979 zum Einsatz kamen: auf Gewaltfreiheit und den Einsatz neuer Kommunikationstechniken. 1979 nutzten die iranischen Revolutionäre die damals verfügbare Technologie, um Chomeinis Reden auf Tonbändern heimlich in Umlauf zu bringen. 2009 wurden Facebook und Twitter zu den Waffen der Wahl in den Händen der jungen Protestierenden. Sie brachten ihr Anliegen mit gewaltfreien Aktionen zur Geltung und zeigten der Regierung dadurch zugleich, dass sie auf die Gewalt der paramilitärischen Miliz Basij nicht mit Vergeltungsschlägen reagieren wollten. Auch waren viele der jungen Studenten und Aktivisten davon überzeugt, dass Frieden und Demokratie allein auf dem Wege der Gewaltfreiheit erreicht werden können. Die Bewegung wäre zweifelsohne in der Lage gewesen, auf die Brutalität des Regimes ihrerseits mit dem Einsatz von Gewalt zu antworten. Doch blieb eine solche Reaktion aus. Die Demonstranten waren beherzt und entschlossen genug, den Dialog mit dem Staat zu suchen, um das Land nicht erneut in eine Phase des Blutvergießens zu stürzen. Ein weiterer Grund für die Gewaltlosigkeit der Bewegung könnte in dem Umstand zu finden sein, dass sich viele Iraner, insbesondere die jüngere Generation, von den ideologischen Weltanschauungen des Marxismus- Leninismus und des radikalen Islamismus entfernt haben, die in den ersten Jahren nach der Revolution von 1979 für so viel Gewalt gesorgt hatten. Die iranische Revolution bedeutete einen großen gesellschaftspolitischen Wandel, der von einem heterogenen intellektuellen Diskurs begleitet wurde; doch ging der geistige Wandel ohne Zweifel nicht in die Richtung einer Kritik der Gewalt. Die Revolution läutete ganz im Gegenteil die langfristige Rückkehr massiver Gewalt in die moderne iranische Politik ein. Jüngeren Generationen fällt es schwer zu glauben, dass es Ajatollah Chomeini am Ende des 20. Jahrhunderts gelingen konnte, eine gewaltsame Theokratie im Iran zu etablieren. Dies gelang in einem von Gewalt geprägten Kontext, zu dessen Entstehung und Normalisierung Mohammad Reza Schah und seine marxistischen Opponenten wesentlich beigetragen hatten. Zurückblickend muss man herausstellen, dass Chomeini, anders als die iranischen Linken, Gewalt nicht romantisierte, sie jedoch unbeugsam gegen seine Gegner einsetzte. In leichter Abwandlung von George Orwells berühmtem Zitat ließe sich sagen: Ajatollah Chomeini und seine Anhänger haben die Islamische Theokratie nicht eingesetzt, um eine Revolution zu sichern, sondern sie machten eine Revolution, um eine islamische Theokratie einzusetzen. Doch indem sie so vorgingen, ließen sie den Geist der Gewalt aus der Flasche, einen Geist, der (zumindest der Intention nach) 30 Jahre später von der Grünen Bewegung zurück in die Flasche gezwungen wurde. Eine weitere Auswirkung und Errungenschaft der Grünen Bewegung war, das sie die Spaltungen innerhalb des Regimes verstärkte.[1] Sie legte die tiefen Risse offen, die innerhalb der Islamischen Republik zwischen den parteiinternen und ideologischen Gruppen existierten. Der Oberste Religionsführer wurde nicht länger als neutraler Schlichter angesehen und verlor in den Augen vieler Iraner an Legitimität.[2] Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass der Staat nicht unbesiegbar, vielmehr durch innere Konflikte über die zukünftige Richtung des islamischen Staates destabilisiert war. Es ist der Grünen Bewegung geschuldet, dass der Riss zwischen dem iranischen Staat und der iranischen Gesellschaft tiefer als jemals zuvor wurde. Die Bewegung eröffnete eine Kluft zwischen jenen, die die Normalisierung der ökonomischen und politischen Beziehungen mit dem Westen als essentiell für die Zukunft des Irans betrachteten, und jenen, die solche Beziehungen als Verrat an den Idealen der islamischen Revolution verdammten. Der auffallende Kontrast zwischen Mir Hossein Mussawi, dem Präsidentschaftskandidaten der politischen Reformbewegung, und Mahmud Ahmadinedschad zeigte, welche Schwierigkeiten das Regime im Umgang mit seiner vorwiegend jungen Bevölkerung hat, die zunehmend weniger religiös, jedoch moderner und progressiver eingestellt ist.

Bedauerlicherweise suchte das Regime keine diplomatischen Gespräche mit den Protestierenden. Es beantwortete deren Proteste stattdessen mit einer brutalen Repressionskampagne, die darauf abzielte, jeden, der sich dem Regime in den Weg stellte, zu töten, zu verletzen, einzuschüchtern oder zu foltern. Nach mehreren Monaten des Protests fiel der Preis, den es kostete, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, zweifelsohne höher aus, als von den zivilgesellschaftlichen Akteuren erwartet. Es kam zu massiven Verhaftungen, Schauprozessen in stalinistischer Manier, zu Folter, Vergewaltigung und Mord.

Zudem trug der Charakter des politischen Systems im Iran mit seiner Gewaltenteilung zwischen zwei Zentren, dem Präsidenten und dem Obersten Religionsführer, dazu bei, den in Gang gekommenen Wandlungsprozess zu verkomplizieren und zu verlangsamen. Das höchste Amt im Iran ist das des Obersten Religionsführers, das zur Zeit Ajatollah Ali Chamenei, der Nachfolger von Ajatollah Chomeini, innehat. Chamenei bestimmt und übersieht die "grundlegenden Prinzipien der Islamischen Republik", was bedeutet, dass er den Ton und die Richtung der iranischen Innen- und Außenpolitik angibt. Er ist oberster Befehlshaber der bewaffneten Kräfte und kontrolliert den Geheimdienst sowie den Sicherheitsapparat. Er hat das Recht, die obersten Richter, die Leiter der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten und den Oberbefehlshaber der iranischen Revolutionsgarden zu ernennen und abzusetzen. Außerdem wählt er 6 der 12 Mitglieder des Wächterrates. Zu den Kompetenzen des Wächterrates gehört die Auslegung der Verfassung und ihm obliegt es, zu beurteilen, ob Gesetze, die das Parlament verabschiedet hat, mit der Scharia im Einklang stehen. Somit verfügt er über ein umfassendes Vetorecht gegenüber den Entscheidungen des Parlaments. Der Rat überprüft weiterhin Parlamentsund Präsidentschaftskandidaten und entscheidet über ihre Eignung zur Kandidatur. In den letzten Präsidentschaftswahlen wurden nur 8 der 2000 Kandidaten zur Wahl zugelassen. Der Expertenrat, der jährlich eine Woche lang tagt, wählt den Obersten Religionsführer und überwacht zugleich seine Aktivitäten und die aller Organisationen, die unter seiner Kontrolle stehen. Der Expertenrat besteht aus 86 "tugendhaften und erfahrenen" Geistlichen, die vom Volk für 8 Jahre gewählt werden. Von vielen Analysten wird der Expertenrat mit dem vatikanischen Kardinalskollegium verglichen. Das Amt des Präsidenten ist das zweithöchste Amt im Iran. Er wird vom Volk für 4 Jahre gewählt. Der Präsident ernennt die Minister, leitet den Ministerrat und koordiniert die Regierungsarbeit. Außerdem bestimmt der Präsident die Grundsätze der Wirtschaftspolitik, hat jedoch keine Kontrolle über die bewaffneten Kräfte. Obwohl der Präsident nominell die Autorität über den Sicherheitsrat und den Nachrichtendienst hat, unterstehen alle Sicherheitsangelegenheiten de facto dem Obersten Religionsführer und den ihm zugeordneten Institutionen. Die Macht des Obersten Religionsführer ist mit anderen Worten unbeschränkt. Daher ist es wenig überraschend, dass die Grüne Bewegung im Juni 2009 ihren Slogan "Wo ist meine Stimme?" zu "Nieder mit Velayat-e Faqih!" radikalisierte.

Gleichwohl gelangte die Grüne Bewegung an ihr Ziel. Sie gewann die moralische Überlegenheit und zeigte der Welt das wahre Gesicht des islamischen Regimes. Auf diese Art wusste sie die innerstaatliche Legitimität des Regimes erheblich schwächen. Überdies demaskierte sie Chomeinis Lehre von der Statthalterschaft des Rechtsgelehrten, beschleunigte deren Untergang, indem sie die politischen Risse innerhalb des Regimes offenlegte. Das Regime fand mühelos Wege, seine eigenen Bürger anzugreifen oder zu töten, setzte sogar Scharfschützen gegen unbewaffnete Demonstranten ein. Neda Agha-Soltan war eine unschuldige Demonstrantin, die von Scharfschützen erschossen wurde und bald darauf zu einem "mächtigen Symbol für die Grausamkeiten" der Islamischen Republik wurde.[3] Trotz der Brutalität des Regimes blieb die Bewegung gewaltfrei und friedlich. Die Iraner lernten zunehmend, sich diese geistige Haltung zu eigen zu machen. Viele Aktivisten der Bewegung sahen auch, dass Gewaltfreiheit von Vorteil für ihre Sache war, da sie ihr Legitimität und moralische Überlegenheit verlieh und das Regime zugleich weiter diskreditierte. Dass die Grüne Bewegung, die so viele verschiedene Gruppen unter ihrer Fahne vereinigte – darunter Intellektuelle, Studentenbewegungen und Frauenrechtsgruppen – entschlossen und in der Lage war, eine gewaltfreie Haltung zu kultivieren, ist eine wahrhaft große Leistung gewesen. Solch massiver Einsatz von gewaltfreiem zivilem Ungehorsam ist eine Seltenheit in der modernen iranischen Geschichte und deutet auf einen Wandel in der Kultur wie dem politischen Bewusstsein des Iran hin.

Abschließend bleibt zu fragen, wo Irans Grüne Bewegung drei Jahre später steht. Wahr ist, dass die Bewegung im Iran an Stärke und Mobilisierungsfähigkeit verloren hat, während der Arabische Frühling überall in der Region zum Sturz von Regime geführt hat. Hätte die Führung der Grünen Bewegung kraftvoller und entschiedener gehandelt, wäre es ihr vielleicht gelungen, die Basis des Rentierstaates zu unterhöhlen und so den Ausschlag zu ihren Gunsten zu geben. Doch erlaubte die Zögerlichkeit und Zurückhaltung der Oppositionskandidaten Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karroubi es dem Staat, sie durch nackte Gewalt, Drohungen und Hausarrest langsam wirkungslos zu machen. Als Potential für zivilgesellschaftlichen Wandel hingegen ist die Bewegung innerhalb und außerhalb des Iran lebendig und ihre Führung hat sich verlagert: aus einer zentralisierten Führung wurde eine polyzentrische, so dass die Bewegung von allen im Exil lebenden Dissidenten wirksam repräsentiert wird. Dass die Grüne Bewegung ihrer Einheit und Stärke verlustig gegangen ist, schreiben viele dem gewaltsamen Durchgreifen des iranischen Regimes zu. Andere halten dem entgegen, dass die Grüne Bewegung die Kapazitäten und das Potential hatte, nahezu alles zu erreichen, jedoch zurückgehalten wurde; dafür, dass sie hinter den Erwartungen letztlich zurückblieb, machen sie ihre größte Schwäche verantwortlich – ihre Führung.

Die Grüne Bewegung setzte nur eine beschränkte Palette an Taktiken gegen den Staat ein: Straßenproteste entpuppten sich als ihre Hauptwaffe. Stattdessen hätte die Grüne Bewegung Unterstützer aus den Schlüsselbereichen der iranischen Ökonomie für sich gewinnen sollen, wozu die mächtigsten Industriezweige, das Verkehrswesen und die Gewerkschaften, Regierungsangestellte, Basarverkäufer und – vor allem – Ölarbeiter gehört hätten. Doch selbst wenn es der Grünen Bewegung nicht gelungen ist, die Islamische Republik zu bezwingen, so war sie doch keinesfalls ein vollkommener Misserfolg. Der Bewegung gelang es nicht nur, die iranische Politik und Kultur zu beeinflussen, sondern auch die Islamische Republik weiter zu delegitimieren. Die Proteste und Demonstrationen haben die demokratische Reife der iranischen Bevölkerung unter Beweis gestellt, die willens war, ihr Leben zu riskieren, um minimale demokratische Rechte zu verteidigen. Ohne Zweifel kündigt das Aufkommen einer solchen Bewegung an, dass das politische System des Iran in der Zukunft biegen oder brechen wird. Das republikanische Prinzip der Volkssouveränität führte die sozialen und politischen Akteure der Grünen Bewegung dazu, Ajatollah Chameneis autoritäre Regierungsmethoden herauszufordern. Die Bewegung hat den Geist der Demokratie aus der Flasche gelassen, und jetzt fürchtet das iranische Regime offenkundig, nicht in der Lage zu sein, ihn wieder in die Flasche zurückzuzwingen.


 

  • [1] Mehran Kamrava, The Modern Middle East. A Political History Since the First World War, Berkeley/Los Angeles 2005, S. 168.
  • [2] Nader Hashemi/Danny Postel (Hrsg.), The People Reloaded. The Green Movement and the Struggle for Iran's Future, New York City 2011, S. 52.
  • [3] Ebd., 12.


Published 2012-09-05


Original in English
Translation by Hendrikje Schauer
First published in Mittelweg 36 4/2012 (German version) / Eurozine (English version)

Contributed by Mittelweg 36
© Ramin Jahanbegloo/Mittelweg 36
© Eurozine
 

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