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"Die fremde Sprache bedeutet Freiheit"

Ein Dialog mit Wolfert von Rahden über Grenzgänge zwischen Sprachen, Staaten und Kulturen

Abbas Khider verbüsste aus "politischen Gründen" eine zweijährige Gefängnisstrafe im Irak, von 1996 bis 1999 hielt er sich als "illegaler" Flüchtling in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte in München und Potsdam. Zwei Romane erschienen bisher in deutscher Sprache, für den ersten, "Der falsche Inder", erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2010.

Wolfert von Rahden: Herr Khider, Gegenstand und Material eines Schriftstellers ist die Sprache, in Ihrem Fall sind es gleich mehrere Sprachen. Wie wichtig sind die Grenzen der Sprache für Ihre Arbeit?

Abbas Khider: Wenn man an Sprache denkt, denkt man gleichzeitig auch an Grenzen. Ich bekam früh ein Problem mit der Sprache, und das hatte mit der Politik zu tun. Weil mit der politischen Lage plötzlich die Worte begannen, sich zu verändern: Der Krieg wurde auf einmal "heilig", im Fernsehen, in der Schule, überall. So wurde der erste Krieg, den der Irak gegen den Iran führte, im Irak als "heilig" bezeichnet, und die Gegner waren die "bösen" Schiiten, die "Affengesichter". Aber nicht nur die Menschen im Iran sind schiitisch, auch die Mehrheit im Irak. Ich komme selbst aus einer schiitischen Familie. Wie konnte der Krieg gegen Schiiten für uns "heilig" sein? In der Schule wurde die Geschichte ganz anders gelehrt, als wir es in der Familie lernten. Unsere historischen Helden verwandelten sich in "Rebellen" und "Terroristen", wie zum Beispiel die schiitischen Imame, die gegen die Kalifen kämpften. In der Schule lernten wir, dass Al-Hussein, der größte Imam der Schiiten, ein Terrorist gewesen sei. Aber für uns ist er ein Freiheitskämpfer, und wir weinen jedes Jahr am Tag, an dem er getötet wurde. Die Worte "Terrorist" oder "Held" wurden fragwürdig für uns. Wir durften in der Schule nicht das Gleiche sagen, nicht die gleichen Worte benutzen wie zu Hause, also existierten zwei Sprachsysteme im Kopf. Das hat mich sehr geprägt, man nimmt die Dinge anders wahr, man versucht, die Ideologie hinter den Worten zu finden. Als die Revolution in Ägypten begann, stand zum Beispiel in deutschen Zeitungen: "Chaos in Ägypten". Für mich war das eine "Revolution". Und die Leute, die heute in Syrien auf die Straße gehen, werden in den Medien "Rebellen" genannt, für mich sind es Revolutionäre. Ich habe im Irak gelernt, die Worte immer genau anzusehen. Besonders über die allgemeinen Begriffe, die man ständig verwendet, muss ich nachdenken: Was wird damit gemeint? Skepsis habe ich gelernt, eine skeptische Haltung gegenüber den Worten einzunehmen.

WvR: In Ihrem Roman Der falsche Inder geht es ebenfalls um Sprachen und Sprachgrenzen, auch um Babel. Der Erzähler Rasul interpretiert die Geschichte erstaunlich positiv, die Sprachverwirrung – eine göttliche Strafe für Hybris oder auch Grenzüberschreitung – sieht er als Geburt der Literatur. Nur durch die vielen Sprachen, durch das Problem der Verständigung wird Sprache überhaupt als Instrument bewusst, wird sie geschrieben und verfeinert. Ist die Sprachverwirrung also eher ein Geschenk Gottes als eine Strafe?

AK: Die Angelegenheit ist kompliziert. Der "Turmbau zu Babel" ist nicht die einzige Geschichte, die Gott mit der Sprache in Verbindung bringt. Es gibt noch eine andere Geschichte, und die hängt mit dem Koran zusammen: Gott ist der Schriftsteller, der den Koran geschrieben hat. Und wenn Gott ein Buch geschrieben hat, dann ist es perfekt. Das heißt, jeder Schriftsteller, der ein gutes Buch schreiben will, konkurriert mit Gott. Jedem arabischen Schriftsteller steht der Koran gegenüber und sagt: "Du kannst kein besseres Buch schreiben." Der Koran bildet die Basis der arabischen Sprache, die Worte und die Grammatik stehen dort fest, und jede Änderung bedeutet im Grunde schon eine Gotteslästerung. Die hocharabische Sprache, die auf der Straße nie benutzt wird, existiert überhaupt nur, wenn man schreibt. Sogar Universitätsdozenten, die die arabische Sprache lehren, beherrschen sie nicht richtig, sie ist zu schwierig. Deshalb ist der Koran ein Fluch für die arabische Sprache, aber darin liegt auch ein Vorteil. Warum? Weil das Verlangen, besser als Gott zu sein, das Verlangen nach übermenschlichen Kräften – auf Sprache und Literatur bezogen – ein großer Ansporn ist. Auch die Geschichte von Babel hat damit zu tun. Gott straft die Menschen, die Sprachverwirrung ist ein Fluch. Von da an kämpfen die Menschen mit den Worten, sie kämpfen gegen Gottes Fluch und verbessern die Sprache.

WvR: Wie immer man die babylonische Sprachverwirrung interpretiert, wie verwirrend ist es, in Deutsch, in einer 'fremden' Sprache zu schreiben? Wie ist es möglich, in deutscher Sprache über Erlebnisse in der arabischen Welt zu schreiben? Und gibt es im Kopf eine Grenze zwischen den Sprachen, oder vermischen sie sich?

AK: Früher schrieb ich auf Arabisch und hatte das Gefühl, eine neue Sprache finden zu müssen, eine schöne Sprache, gegen all die Hässlichkeit. Im Irak waren Zeitungen und Bücher voll mit Worten wie 'Tod', 'Krieg' und 'Märtyrer', und ich wollte dagegen Worte wie 'Mensch' und 'Leben' stellen. Anfangs in Deutschland waren da zwei Menschen in mir, ein arabischer Abbas und ein deutscher Abbas. Der eine wollte in Arabisch und der andere in Deutsch denken, und beide haben mich geärgert. Und weil ich kein arabischer Diktator bin, habe ich die beiden in Ruhe gelassen und beobachtet. Beim Schreiben war das ähnlich, ich schrieb auf Arabisch, und plötzlich kamen deutsche Sätze dazwischen und umgekehrt. Das war schwierig und hat lange gedauert. 2003 stellte ich mir dann die Aufgabe, nicht mehr arabisch zu lesen oder auch nur zu sprechen, bis das erste Buch auf Deutsch fertig sein würde. Das war eine Entscheidung für das Deutsche, und bis 2008 habe ich nicht arabisch gesprochen oder gelesen.

WvR: Wie arbeiten Sie jetzt, wenn Sie in einer 'Fremdsprache' schreiben?

AK: Im Laufe der Zeit wurde der deutsche Abbas immer stärker. Ich dachte immer mehr auf Deutsch und träumte dann auch deutsch. Es fällt mir schwer zu erklären, wie ich schreibe. Auf Arabisch ist natürlich alles leichter, es ist meine Muttersprache. Ich schreibe eine Seite arabisch und kann sie in 20 Minuten korrigieren; ich schreibe eine Seite auf Deutsch und brauche vier oder sechs Stunden für die Korrektur. Ein schwieriges Problem liegt im Wortschatz, wenn man Wiederholungen vermeiden will. Im Arabischen fällt das leicht, weil die Sprache sehr vielfältig ist, zum Beispiel gibt es ungefähr 70 Begriffe für 'Hund'. In der deutschen Sprache muss man dagegen sehr suchen, um verschiedene Ausdrücke zu finden. Man braucht Wörterbücher, ich arbeite mit Arabisch-Deutsch, Deutsch-Arabisch, Deutsch-Deutsch, natürlich dem Duden und verschiedenen Synonym-Lexika – auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Wörterbücher.

WvR: Sprachgrenzen sind ja nicht nur Barrieren, Mauern und Schranken, sondern bilden auch eine Linie, an der Unterschiedlichstes aufeinanderstößt, also einen Ort des Austausches, an dem eher als anderswo Neues entstehen kann.

AK: Auf jeden Fall ist aus der Konfrontation beider Sprachen etwas wirklich Neues entstanden. Ich habe das Gefühl, dass sich – durch das Schreiben in der deutschen Sprache – die arabische Kultur in mir verändert. Ich habe das Gefühl, ganz anders umzugehen mit den Worten, mit der arabischen Kultur, mit meiner Vergangenheit und mit der Geschichte. Es verändert sich alles in der deutschen Sprache. Wenn ich Dinge auf Arabisch erzähle, dann wirken sie manchmal ganz einfach, auf Deutsch aber klingen sie magisch und märchenhaft. Ein anderes Beispiel ist die Kommunikation: Gespräche auf Deutsch sind freier. In der fremden Sprache wird es möglich, über alles zu reden. Ich kann über mehr Dinge offener sprechen auf Deutsch. Man kann sagen, dass die Selbstzensur der Kultur wegfällt mit der neuen Sprache. In der eigenen Sprache stecken Gebote und Verbote, die in einer fremden Sprache nicht existieren.

WvR: Die moralischen – und auch andere – Regeln einer Kultur stecken also in der Sprache?

AK: Ja, und die fremde Sprache bedeutet deshalb eine große Freiheit – der deutsche Abbas ist freier. Ich kann über alles schreiben, es gibt, wenn ich auf Deutsch schreibe, keine Grenzen. Ich habe überhaupt keine Angst, wenn ich auf Deutsch schreibe. Das ist mit dem Arabischen ganz anders. Mithilfe der deutschen Sprache erkenne ich auch viele Dinge, die ich früher nicht gesehen habe, Dinge, die mit der Komplexität der Gesellschaft im Irak zusammenhängen. Ein Beispiel: Frauen, deren Männer an der Front sterben, nennt man "Märtyrerfrauen". Sie sind hoch angesehen, eigentlich sogar "heilig". Sie bekommen vom Staat Geld, eine Wohnung und ein Auto. Aber sie sind auch sehr beliebt bei Männern; alle Männer versuchen, an solche Witwen heranzukommen: Sie haben Geld, sie wollen nicht mehr heiraten, sie sind keine Jungfrauen mehr. Also fiel mir auf, dass diese Frauen, die auf der einen Seite als "heilig" gelten, auf der anderen Seite von den Männern herabwürdigend und äußerst abschätzig behandelt werden. In Wahrheit respektiert man sie überhaupt nicht, der Status der 'Heiligkeit' macht sie tatsächlich zur 'leichten Beute' für die Männer. Diese Entdeckung verdanke ich der deutschen Sprache und der Distanz, die ich sprachlich gewonnen habe – im Arabischen wären mir die Widersprüche nicht aufgefallen. Auch meine eigene Geschichte entdecke ich durch die deutsche Sprache neu: Sie bringt Distanz und Verfremdung hinein, was wiederum ein anderes Verständnis ermöglicht und auch vieles erträglicher macht. Über das Gefängnis zum Beispiel, die Härte, die Traurigkeit, die Folter – darüber konnte ich nicht auf Arabisch schreiben, man leidet schließlich auch sprachlich.

WvR: Wie werden Grenzen als Flüchtling erlebt? Im Roman Der falsche Inder wird der Fluss Ebrus im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Griechenland als "Fluß der Verdammung" und als "internationaler Wasserfriedhof" bezeichnet, weil so viele Flüchtlinge in ihm ihr Leben lassen. Wie werden die Grenzen Europas von außen erlebt?

AK: In der Türkei verläuft diese Grenze zwischen Westeuropa und der arabischen Welt. Als Flüchtling betrachtet man sie, als sei dort die Brücke zwischen Dunkelheit und Licht, an diesem Ort konzentrieren sich auch alle Ängste. Wenn man dort ankommt, denkt man, "ich gehe weg und lasse alles hinter mir", und dass man nicht mehr zurückkehren kann, denn hinter einem liegen Hunger, Angst, Mord, Tod und Diktatur. Dieser Ort bedeutet viel mehr als nur eine Grenze. Ich habe das einmal so beschrieben: Auch Grenzen können uns vergewaltigen, innerlich vergewaltigen. Es ist eine Art Neugeburt, wenn man diese Linie überquert, und ebenso ist es ein unendlicher Tod, wenn man es nicht schafft. Jede Grenze, die ich überquert habe, war ein neuer Anfang, jede Grenzüberwindung war ein Ziel im Leben: Man war bereit, sein Leben zu riskieren, um sie zu überqueren.

Für Flüchtlinge sind die Grenzen weit mehr als Geografie: Sie sind konkret, in den Gesichtern der Polizisten verkörpert, aber gleichzeitig auch ganz abstrakt, wie eine unsichtbare Mauer. Und ihr Status hängt vom jeweiligen Land ab: In Libyen zum Beispiel ist 'Grenze' gleichbedeutend mit 'Gefängnis'. Warum? Ein Flüchtling, der sich ohne Papiere im Land aufhält, bekommt eine sogenannte "grüne Karte", mit der er nicht reisen darf. Man kann sich nur in der Stadt aufhalten, in der man gerade wohnt, auch wenn die Stadt nur zehn Häuser hat. Was heißt da 'Grenze'? Wer seinen Wohnort verlässt, riskiert die Festnahme und eine Gefängnisstrafe.

Ist man illegal unterwegs, dann erfährt man, dass die Grenze eine Welt an sich ist: Minenfelder, Polizei, Armee, Schlepper und Kriminalität – ein ganz spezielles Leben spielt sich da ab, eines, in dem die Menschenwürde nicht zählt. Flüchtlinge werden von der Polizei und von der Armee misshandelt, von Banditen, die sich in den Grenzgebieten aufhalten, und von Schleppern werden sie bestohlen und vergewaltigt. Die Flüchtlinge werden gedemütigt, verletzt, und nicht wenige verlieren ihr Leben. Ich habe viele Menschen sterben sehen an Grenzen. In einem Gefängnis in Griechenland stand in arabischer Schrift an einer Zellenwand: "Grenzen der Welt, vereinigt euch".


 



Published 2012-07-31


Original in German
First published in Gegenworte 27 (2012) (German version); Eurozine

Contributed by Gegenworte
© Abbas Khider / Gegenworte
© Eurozine
 

Time to Talk     click for more

Time to Talk, a network of European Houses of Debate, has partnered up with Eurozine to launch a new online platform. Here you can watch video highlights from all TTT events, anytime, anywhere.
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The Eurozone crisis: A Keynesian response

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Political economistst and Keynes biographer Robert Skidelsky explains the reasons for the failure of the current anti-crisis policy and how Europe can start to grow again. Listen to the full debate organized by Krytyka Polityczna. [more]

Norman Davies, Luuk van Middelaar
Forgotten Kingdoms

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Norman Davies discusses the hidden history of Europe with Luuk van Middelaar, adjudging our present political superstructures according to the standards proved by the past. Video highligthts from a deBuren debate. [more]

Focal points     click for more

Arrivals/Departures: European harbour cities

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/harbourcities.html
Harbour cities develop distinct modes of being that not only reflect different cultural traditions and political and social self-conceptions, but also contain economic potential and communicate how they see themselves as part of the larger structure that is "Europe". [more]

The EU: Broken or just broke?

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Brought on by the global economic recession, the eurocrisis has been exacerbated by serious faults built into the monetary union. Contributors discuss whether the EU is not only broke, but also broken -- and if so, whether Europe's leaders are up to the task of fixing it. [more]

European histories (2): Concord and conflict

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Broadening the question of a common European narrative beyond the East-West divide. How are contested interpretations of historical and recent events activated in the present, uniting and dividing European societies? [more]

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Social segregation, cultural appropriation: the six-hundred-year history of the European Roma, as recorded in literature and art, represents the underside of the European subject's self-invention as agent of civilizing progress in the world, writes Klaus-Michael Bogdal. [more]

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Nationalism in Belgium might be different from nationalism in Ukraine, but if we want to understand the current European crisis and how to overcome it we need to take both into account. The debate series "Europe talks to Europe" is an attempt to turn European intellectual debate into a two-way street. [more]

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Even nameless horrors must be named

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The re-transnationalization of literary criticism

Eurozine's series of essays aims to provide an overview of diverse literary landscapes in Europe. Covered so far: Croatia, Sweden, Austria, Estonia, Ukraine, Northern Ireland, Slovenia, the Netherlands and Hungary. [more]

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FEMEN and the campaign for gender justice in Ukraine

Is FEMEN the precursor of a bold new protest pattern, or has it been reduced to an organization of exhibitionists? As long as gender injustices multiply in Ukraine, the strength of FEMEN's message remains undiminished, argues Marian Rubchak. [more]

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Arrivals/Departures: European harbour cities as places of migration
The 24th European Meeting of Cultural Journals
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Harbour cities as places of movement, of immigration and emigration, inclusion and exclusion, develop distinct modes of being that communicate how they see themselves as part of the structure that is "Europe". The 2012 Eurozine conference explored how European societies deal variously with the cultural legacy of the "harbour city". [more]

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