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Imperiale Herrschaft und Gewalt


1. Einleitung

"Imperialismus" ist in den Kultur- und Geisteswissenschaften derzeit mindestens aus zwei Gründen ein modisches Thema. Zum einen hat der Boom der Weltgeschichtsschreibung und die zunehmende Zahl derjenigen, die transnationale Geschichte beziehungsweise Verflechtungsgeschichte betreiben, dazu geführt, dass gerade das "Andere" des vermeintlich isolierten "westlichen" Nationalstaates in den Blick genommen wurde, ebenjene imperiale "Unterseite", die allzu lange vernachlässigt oder als ein eher abseitiges Sonderthema exotisiert worden ist. Nicht zufällig – so das Argument – hatten aber die stärksten und mächtigsten Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts immer auch eine imperiale Grundstruktur, die man ernst nehmen muss, will man die heutige Welt verstehen. Zum anderen – und dies hängt mit dem ersten Grund durchaus zusammen – haben sich seit einiger Zeit postkoloniale Theoretiker darangemacht, den "westlichen" Blickwinkel zu verfremden oder gar zu brechen, wobei in diesem Fall die Perspektive der Herrschaftsunterworfenen, also all derjenigen, die als imperiale Subjekte behandelt wurden, besondere Fruchtbarkeit zu versprechen scheint. Auch aus theorieimmanenten und eben nicht bloß empirischen Gründen scheint eine intensive Beschäftigung mit dem Imperialismus eine ebenso notwendige wie vielversprechende Angelegenheit zu sein.

Die Soziologie, zumal diejenige in Deutschland, hat all diese Entwicklungen anscheinend nicht überzeugt. "Imperialismus" interessiert hier kaum jemanden. Diese thematische Abstinenz ist dabei vermutlich noch am wenigsten der Tatsache geschuldet, dass postkoloniale Theorien in der Soziologie – nimmt man einige benachbarte Disziplinen als Maßstab – vergleichsweise wenig Beachtung erfahren haben. – Relevanter erscheint mir, dass der "Rückzug" der Soziologie "auf die Gegenwart "[1], wie ihn Norbert Elias schon vor langer Zeit diagnostiziert hat, in den letzten Jahrzehnten gerade in der deutschen Soziologie immer weiter vorangeschritten ist. Die drittmittelstarke Variablensoziologie hat sich hierzulande – im Unterschied etwa zu den USA – stetig ausgebreitet, sodass historische Analysen aus dem Feld der Soziologie allenfalls noch von Exoten vorgelegt werden (können). "Imperialismus" kann dann nur mehr ein Phänomen aus einer längst vergangenen Zeit sein, das man am besten allein den Historikern überlässt. – Am wichtigsten ist aber vielleicht noch ein ganz anderer Punkt. "Imperialismus" ist etwas, das sich gerade mit dem herkömmlichen Begriffsapparat der Soziologie nur schwer fassen lässt, insofern die Terminologie von den Gründervätern der Disziplin entwickelt wurde, um vor allem Phänomene in den entstehenden respektive sich etablierenden Nationalstaaten zu fassen. Redet das Fach etwa von Herrschaft, meint es zumeist staatliche Herrschaft. Herrschaft durch und in Imperien ist hingegen soziologisch nicht so einfach zu fassen, weshalb diese Verlegenheit vielleicht auch die Reserviertheit der Disziplin gegenüber einer intensiven Beschäftigung mit Imperialismus und Kolonialismus erklärt.[2]

Der vorliegende Beitrag beabsichtigt nun in einer ersten Annäherung dieses Defizit in der Soziologie zu beheben, indem er die Frage zu beantworten sucht, wie imperiale Herrschaft überhaupt funktionierte und welche Rolle Gewalt bei der Etablierung und Aufrechterhaltung imperialer Herrschaft spielte. Kein Imperialismusexperte, stütze ich mich dabei auf eine Vielzahl historischer Arbeiten und – das sei zur Ehrenrettung gerade der Soziologie betont – insbesondere auch auf die Arbeiten zweier deutscher Soziologen. Wie deutlich werden wird, beschäftige ich mich freilich nicht mit imperialer Herrschaft und Gewalt an sich, sondern überwiegend, allerdings nicht ausschließlich, mit dem europäischen Imperialismus, wie er sich seit der sogenannten Entdeckung der "Neuen Welt" entwickelt hatte. All dies kann natürlich nur holzschnittartig und mit dem Mut zur Lücke erfolgen, wobei zudem jeder Leser/ jede Leserin auch sofort sehen wird, dass etwa mein Wissen zum spanischen Kolonialreich größer ist als dasjenige zum britischen Empire oder zu den deutschen Kolonien in Afrika.

2. Instrumente und Mittel kolonialer/imperialer Herrschaft

Was waren die üblichen Instrumentarien und Mittel kolonialer beziehungsweise imperialer Herrschaft? Einen Einstieg in die Beantwortung dieser Frage bieten Aussagen und Zitate eines gleichermaßen unbekannten Kolonialexperten wie weltberühmten politischen Theoretikers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zur Stabilisierung einer vergleichsweise jungen und gerade im Aufruhr befindlichen Kolonie in Nordafrika folgende Maßnahmen vorschlug: Da die Assimilation der kabylischen und arabischen Bevölkerung an die Kultur der französischen Siedler offensichtlich zum Scheitern verurteilt sei,[3] könne es jetzt – so Alexis de Tocqueville – nur um eine nochmals forcierte Peuplierung des Landes durch französische Siedler gehen.[4] Es gelte in diesem Zusammenhang unter allen Umständen eine arabische Nationsbildung zu verhindern, weshalb als letztes Ziel in Algerien die "totale Herrschaft" Frankreichs[5] anzustreben sei. Sie sei freilich nur unter massiver Gewaltanwendung zu erreichen, und zwar durch eine Kriegführung, welche die Lebensgrundlagen der arabischen Bevölkerung zerstört: Die Ernten seien zu vernichten, Nahrungsmittel sollten entzogen oder vorenthalten werden, Frauen und Kinder seien in Gewahrsam zu nehmen, ein Handelsverbot sei durchzusetzen.[6] Zudem hätten "kleine und bewegliche Einheiten" – allerdings unter Wahrung der "Menschlichkeit und (des) Völkerrecht(s)" – das Land zu verheeren und eine Zerstörung arabischer Städte vorzunehmen:[7] "Ich halte es für höchst wichtig, im Machtbereich Abdel-Kaders keine Stadt entstehen oder bestehen zu lassen."[8]

Es geht beim Verweis auf diese Aussagen und Zitate de Tocquevilles nicht um Skandalisierung, obwohl man sich durchaus darüber empören könnte, wie unmenschlich ein Theoretiker der Demokratie angesichts scheinbarer realpolitischer Zwänge tatsächlich argumentieren konnte.[9] Wichtiger ist hier vielmehr, dass in de Tocquevilles verdichtetem Plädoyer zur Herrschaftsstabilisierung fast all diejenigen Mittel und Maßnahmen genannt werden, die in kolonialen Situationen schon lange vor den 1840er Jahren zum Einsatz gekommen waren[10] und auch danach zentral bleiben sollten. Mit dem Mut zur Abstraktion lassen sich mindestens drei solcher Mittel und Maßnahmen ausmachen, ohne dass mit der Reihenfolge der Aufzählung schon ihre Wertigkeit angedeutet wäre:

1. Etablierung einer großen weißen Bevölkerungsgruppe, auf die man sich inmitten einer zu misstrauenden, nennen wir sie "indigenen Masse" verlassen konnte, wobei es freilich im Hinblick auf viele Weltregionen unklar bleiben sollte, ob ein solches numerisches Ziel überhaupt je erreichbar sei;[11]

2. wenn nötig, Einsatz von massiver Gewalt, um möglichen Widerstand der indigenen Bevölkerung zu brechen;

3. Bevölkerungsdislozierung, die von der Zerstörung indigener Städte bis hin zur Konzentration der indigenen Bevölkerung in bestimmten geographischen Zonen reichen konnte. Bemerkenswert ist, dass de Tocqueville – obwohl der Phantasie "totaler" Herrschaft sich hingebend – dann aber doch vergleichsweise wenig zum Alltag und zur Praxis von Herrschaft sagt, also dazu, wie die Untertanen tatsächlich verwaltet werden sollten, eine Frage, die um so brisanter wurde, je weniger das unter 1. genannte Peuplierungsziel erreicht wurde. Denn die Frage stellt sich ja, wie sich eine große und potentiell widerständige Bevölkerung überhaupt administrieren lässt. Es sollte sich zeigen, dass dies eine Frage war, die spätere Theoretiker gerade auch der Soziologie so einfach nicht beantworten konnten, definierte man dort – und darauf wurde in der Einleitung ja schon angespielt – "Herrschaft" doch in erster Linie mit Blick auf den entstehenden Nationalstaat, weshalb sie bei Max Weber und all seinen soziologischen NachfolgerInnen immer ganz explizit und vor allem eng mit Legitimitätsfragen verknüpft worden war. Das ist an sich nicht unplausibel. Und man sollte hinzufügen, dass Weber nicht allein den Legitimitätsglauben einer breiten Bevölkerungsmasse im Blick hatte, sondern die Stabilität von Herrschaft selbst dann als möglich ansah, wenn dieser Legitimitätsglaube nur bei den Personen im weiteren Verwaltungsstab und nirgendwo sonst vorhanden war! Gleichwohl stellt sich aber doch das Problem, wie Herrschaft – um einen Begriff von Georges Balandier zu verwenden – in der "kolonialen Situation" funktionierte, wo eine in der Regel weiße Bevölkerungsminderheit

a) sich selbst als kulturell und/oder rassisch überlegen, die unterworfene Bevölkerungsmehrheit dementsprechend als diesbezüglich minderwertig definierte,

b) diese beiden Bevölkerungsgruppen sich in höchster Heterogenität gegenüberstanden, und

c) eben diese Heterogenität den Konflikt geradezu erzwang, der dann

d) fast immer auch zu Gewalt führte.[12]

War vielleicht die imperiale Ordnung gar keine Herrschaft, sondern nur wenig mehr als nackte Gewalt, wenn in Kolonien – wie Trutz von Trotha es ausdrückte – die "Basislegitimation " der kulturellen Zugehörigkeit der Untertanen schlicht fehlte?[13] Max Webers Herrschaftssoziologie jedenfalls muss bei der Analyse einer solchen, "kolonialen Situation" fast zwangsläufig auf Schwierigkeiten stoßen und zwar schon deshalb, weil Weber zum einen – wie angemerkt – sehr stark den Legitimitätsglauben in den Mittelpunkt rückte, er zum anderen aber stets eher an Herrschaftstypologien arbeitete und weniger an Untersuchungen zur Genese von (staatlicher) Herrschaft,[14] was bedeutet, dass in seinem Werk die konkrete und vor allem lokale Wirkungsweise von Herrschaft häufig nicht hell genug beleuchtet ist. Also nochmals: Was kann koloniale oder imperiale Herrschaft in diesem Zusammenhang überhaupt heißen? Was sind die Mechanismen, die in der kolonialen Situation Stabilität begründen konnten? – Ich werde im Folgenden genau darauf eingehen, wobei natürlich nicht überraschend sein dürfte, dass die Antworten auf diese Fragen stark davon geprägt sein werden, über welchen Kolonietypus und über welche Zeit in der vergleichsweise langen Geschichte des Imperialismus man nun tatsächlich spricht. Ich werde beginnen mit einigen Ausführungen zum spanischen Kolonialreich, werde zunächst der Frage nachgehen, welchen Kolonisationstypus dieses Reich hervorbrachte, welche Aussagen zur alltäglichen Administration der Kolonie(n) sich in der Literatur finden lassen, welche Rolle Gewalt bei der Aufrechterhaltung von Herrschaft spielte und welche Merkwürdigkeiten dem Leser bei der Lektüre der entsprechenden Literatur auffallen. Aufgrund des begrenzten Raumes können meine Bemerkungen natürlich nur sehr kurz und fast stichpunktartig ausfallen, was auch für die Aussagen über Nordamerika zum Schluss dieses Abschnitts gelten wird.

3. Die frühe Phase der europäischen Expansion, das spanische Kolonialreich und der Kontrastfall Nordamerika

Über das spanische Kolonialreich zu reden ist einigermaßen schwierig, weil die jeweils unterworfenen Völker hinsichtlich ihrer Lebens - weisen sehr unterschiedlich und die von den Spaniern aufoktroyierten Wirtschaftsformen regional ausgesprochen disparat waren. Es kann also nicht um einen umfassenden Bericht gehen, sondern nur darum, theoretisch interessante Aspekte des Zusammenhangs von imperialer Herrschaft und Gewalt herauszuarbeiten. Befragt man die großen Arbeiten zum spanischen Kolonialreich, etwa von Henry Kamen oder John Elliott, so fallen gleich mehrere Sachverhalte auf:

1. Zunächst scheint eine Art Konsens darüber zu herrschen, dass die Expansion von einem im Wesentlichen – wenn man dies überhaupt so bezeichnen konnte – schwachen Staat ausging:[15] Es war für die Könige Spaniens im 16./17./18. Jahrhundert aufgrund der rein personalen Herrschaftsstruktur immer schwierig gewesen, Steuern zu erheben und Soldaten zu mobilisieren, sodass sich allein schon im Hinblick auf die Geringfügigkeit der im Mutterland zur Verfügung stehenden Ressourcen die Frage stellt, wie die spätere imperiale Position überhaupt erreicht werden konnte. Es ist deshalb Henry Kamens These, dass diese Expansion nur deshalb gelang, weil Spanien eng in internationale Handelsnetzwerke eingebunden und dabei von der Hilfe italienischer Bankiers abhängig war; nur die Kooperation in Europa selbst und darüber dann die Handelsverflechtung mit Asien erlaubten das dauerhafte Ausgreifen Spaniens in die Neue Welt.[16] Insofern ist es wenig verwunderlich, dass zumindest der Beginn der Conquista von privaten Unternehmungen durchgeführt wurde, die erst mit der Zeit unter königliche Kontrolle gebracht wurden. Dann freilich fielen die staatlichen Kontrollversuche deutlich ambitionierter als diejenigen aus, die in London mit Blick auf die nordamerikanischen Kolonien ersonnen wurden, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet war, dass die vergleichsweise armen puritanischen Kolonien große administrative Anstrengungen gar nicht erst zu lohnen schienen.[17]

2. Unabhängig davon, welche staatlichen oder doch eher privaten Merkmale die Conquista trug, ist unbestritten, dass der Gewalteinsatz derart exzessiv war, dass noch immer das Wort vom "größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit"[18] im Raum steht. Doch geht es jetzt nicht um die (juristische oder normative) Bewertung dieser Vorkommnisse; im Mittelpunkt soll vielmehr die Frage nach der Rolle der Gewalt bei der Etablierung und Stabilisierung der spanischen Herrschaft stehen. Zunächst einmal ist zu konstatieren, dass die enormen Verluste der indigenen Bevölkerung primär von eingeschleppten Krankheiten herrühren.[19] Gleichzeitig ist die Brutalität von Cortés oder von Pizarro bei der Eroberung des Azteken- beziehungsweise des Inkareiches selbstverständlich unübersehbar. Ob die indigenen Gesellschaften aber vorrangig durch die spanische Art des Gewalteinsatzes und der Kriegführung überwältigt und paralysiert wurden, scheint eher fraglich zu sein. Der schnelle Sieg der Spanier gründete sich weniger auf ihre waffentechnische Überlegenheit oder militärische Taktik als vielmehr auf die Tatsache, dass sie höchst effizient bestimmte infrastrukturelle Gegebenheiten und Faktoren für ihre Zwecke nutzten: Hier ist neben der geschickten Inanspruchnahme religiöser und spiritueller Symbole[20] vor allem zu nennen, dass sie eine logistisch extrem wichtige "superior mobility by sea" genossen, und dass sie – der weitaus wichtigere Punkt - mit indigenen Bevölkerungsteilen zusammenarbeiteten, "who opposed the ruling empire".[21] Nur dort, wo sie auf die Kooperation und Kollaboration eines erheblichen Teils der indigenen Bewohner zählen konnten, waren die Spanier auch militärisch erfolgreich, wobei ihnen im Fall der Eroberungen des Azteken- und Inkareichs zugute kam, dass diese Reiche gerade aufgrund ihrer hierarchischen Strukturiertheit um so schneller kollabierten. Sehr viel schwieriger war es für sie, etwa die Maya in Yucatán zu besiegen, weil dort zentrale Leitungsstrukturen fehlten, weshalb sich der Widerstand gegen die Spanier immer wieder erfolgreich reorganisieren ließ.[22] Andere Europäer sollten später in Teilen Afrikas ähnliche Erfahrungen machen: Eine effektive Verwaltung und stabile Herrschaft konnte nur dort etabliert werden, wo zuvor schon staatlich imperiale Strukturen existierten. So ließen sich die traditionellen Institutionen des Osmanischen Reiches etwa in Tunesien oder Ägypten auch unter veränderten politischen Vorzeichen problemlos nutzen, weil der Zweck – die Herrschaftsausübung – über Jahrhunderte der gleiche geblieben war.[23] Oder anders und – in Anlehnung an Timothy H. Parsons – gewissermaßen paradox formuliert: Imperien lassen sich vergleichsweise leicht erobern, weil die Sieger beim Aufbau ihrer Herrschaft an schon bestehende Strukturen anknüpfen können.[24] In diesem Zusammenhang sind zwei weitere vergleichende Beobachtungen von Bedeutung:

A) Es scheint einigermaßen Konsens zu sein, dass die militärische Überlegenheit der Europäer (sieht man von Kriegsflotten ab) im Zeitraum zwischen 1500 und 1850 und damit vor der Erfindung des Repetier- und dann des Maschinengewehrs[25] ganz allgemein nicht allzu hoch gewesen ist.[26] Den Beleg liefern Versuche, nomadische Bevölkerungen zu unterwerfen, die aus Sicht der Europäer zumeist ziemlich kläglich endeten. Da bei Feldzügen gegen Nomaden schon aus strukturellen Gründen den Angreifern eher selten indigene Verbündete zur Verfügung standen, scheiterten beispielsweise die Anstrengungen der Spanier in Nordamerika, etwa in Kalifornien oder Florida, wirklich Fuß zu fassen.[27] Auch Bemühungen, die Araukanier auf dem Gebiet des heutigen Chile und Argentinien zu unterwerfen, blieben bis ins 19. Jahrhundert hinein schlicht erfolglos.[28] Warum aber brach der indigene Widerstand letztlich doch zusammen? Die von George Raudzens mit Blick auf Nordamerika gegebene Antwort lautet, dass man sich jedenfalls nicht durch die schnellen spanischen Erfolge in Mexiko und Peru irritieren lassen sollte, die eher Sonderfälle darstellten. Denn für die süd- und mittelamerikanischen Gebiete außerhalb des Azteken- und Inkareichs wie für ganz Nordamerika gilt: Der militärische "impact" der weißen Siedler war zunächst begrenzt; sie und ihr Militär waren in der Regel nur dort erfolgreich, wo sie ihre logistische Überlegenheit ausspielen konnten – etwa um die dichten weißen Siedlungskerne herum. Nicht zufällig gelangte die weiße Expansion in Nordamerika bis ins 18. Jahrhundert hinein kaum über einen vergleichsweise schmalen und von Weißen dicht besiedelten Streifen an der Ostküste hinaus. Umgekehrt gelang es der indigenen Bevölkerung schon aus logistischen und ernährungstechnischen Gründen nicht, eine große Menschenzahl für Zwecke der Kriegführung zu konzentrieren, weshalb sie die Weißen nie zurück ins Meer treiben konnten.[29] Es entstand eine Art prekäres militärisches Gleichgewicht, das erst vergleichsweise spät zugunsten der Weißen zerstört wurde – und zwar infolge der massiven Einwanderung aus Europa. Sie verdichtete und vermehrte die Siedlungskerne in Nordamerika, womit sich die logistische Überlegenheit der Europäer immer mehr zementierte.

B) Aufgrund dieser militärischen Gegebenheiten wird man dem spanischen Reich in Amerika keine allzu große Homogenität unterstellen dürfen, was auch deshalb der Fall war, weil sich die Einwanderung aus Spanien zahlenmäßig in Grenzen hielt (zwischen 1500 und 1650 kamen allenfalls 437 000 Spanier in die Neue Welt[30]). Gerade an diesem Punkt zeichnet sich eine deutliche Differenz zum britischen Reich in Nordamerika ab, die in ihrer Bedeutung freilich erst im 19. Jahrhundert voll zum Tragen kam. Angesichts ihrer geringen Zahl hatten die Spanier kaum eine andere Wahl, als sich in Städten zu konzentrieren und von dort aus das Umland zu beherrschen.[31] Diese Siedlungsstruktur hatte auch zur Folge, dass viele vermeintlich kolonisierte Gebiete lange Zeit schlicht unberührt und gewissermaßen nicht erobert blieben. Insofern ist die Rede von Indianer-Revolten für das 16. und frühe 17. Jahrhundert oft irreführend, weil es sich eher um herkömmliche Kriegszüge indigener Bevölkerungsgruppen handelte, die sich nie als besiegt oder erobert betrachtet hatten und sich einfach gegen das Vordringen etwa spanischer Administratoren wehrten.[32] Direkte Herrschaft außerhalb städtischen Einflussbereichs wurde von den Spaniern nur dort ausgeübt, wo reicher Gewinn zu erwarten und zum Abschöpfen solchen Gewinns "forced labour" nötig war. Zu diesem Zweck musste die indigene Bevölkerung disloziert werden, etwa mit dem Institut des "repartimiento", der Indianerzuteilung. Vertrauenswürdigen Personen aus Spanien wurde "durch die Beamten der Krone eine bestimmte Zahl von Indianern zugewiesen", die man zwar verköstigte und religiös unterwies, ansonsten aber unter in der Regel brutalen Umständen zur Arbeit zwang.[33] Das "repartimiento " wurde später durch das Mita-System ersetzt, das indigenen Dörfern einen Tribut- und Arbeitszwang auferlegte. Die Dorfgemeinschaften mussten Arbeiter zur Verfügung stellen, etwa zur Ausbeutung der Silberminen von Potosí,[34] in denen enorme Todesraten herrschten. Allerdings ließ sich auch dieses System[35] nur durch die Kooperation mit den Dörfern und indigenen Machthabern etablieren, sodass die spanische Verwaltung eher indirekt operierte. Steve Stern hat in einer detaillierten Studie zu Huamanga um 1550, dem heutigen Ayacucho, gezeigt, dass das System dieser formalen Tribute den chiefs der Dörfer erhebliche Verhandlungsmacht in die Hand gab, auch wenn die spanischen Behörden die Abordnung von Arbeitern oft mit grausamsten Mitteln erzwangen. Diese Verhandlungsmacht einzelner Gruppen wurde freilich oft auf Kosten der Handlungsfähigkeit der indigenen Bevölkerung als Ganze erreicht: Denn nicht nur gerieten durch die zwangsweise Verschickung von Arbeitern die gewachsenen dörflichen Strukturen erheblich unter Druck. Die um das Mita-System herum aufgebauten indigenen Verwaltungen, von den indigenen chiefs bis hin zu den niederen Funktionären, erhielten zudem Privilegien und Geldmittel, welche fast notwendigerweise zu "cleavages" innerhalb der indigenen Bevölkerung führten.[36] Das übliche "Teile und herrsche" funktionierte also auch hier,[37] und auf dem Gebiet des ehemaligen Inkareichs deshalb besonders gut, weil sich nach dem Zusammenbruch der Inkaherrschaft gewissermaßen kleinteiligere Strukturen herausbildeten,[38] die für die Spanier leicht zu manipulieren waren.[39]

Die beiden systematischen Punkte verweisen nochmals – und dies ist theoretisch bedeutsam – auf die Sonderstellung spanischer Herrschaft in Mittel- und Südamerika. Die Unterwerfung Amerikas durch die Spanier sollte lediglich dem Bemühen der Briten gleichkommen, Indien zu dominieren, insofern man ausschließlich in diesen beiden Fällen tat - sächliche Herrschaft über ein riesiges Territorium anstrebte, wo den Kolonisatoren aber aufgrund der geringen eigenen Siedlungszahlen eine überwältigende Mehrheit der indigenen Bevölkerung gegenüberstand.[40] Mit Blick auf das spanische Reich (die Karibik bleibt hier außer Betracht) heißt dies, dass die spanische Herrschaft in Asien – etwa auf den Philippinen – völlig anders strukturiert war, sodass allenfalls von "Stützpunktkolonien"[41] die Rede sein kann. Dort wurde von vornherein keine echte Eroberung und damit Besitznahme angesteuert, wohl weil der spanische Siedlungszustrom noch viel geringer war als derjenige in dieNeueWelt.[42] Dies aber bedeutete, dass selbst das strategisch wichtige Manila und die Insel Luzon nicht mehr waren als Herrschaftsflecken in einer ansonsten von spanischer Macht kaum durchdrungenen Inselwelt.[43] Die Spanier versuchten hier auch gar nicht erst andere ökonomische Strukturen einzuführen, sondern bemühten sich allenfalls, den im pazifischen und asiatischen Raum bestehenden Handel zu ihren Gunsten zu steuern, wobei sie von den regionalen Mächten, insbesondere der Gnade Japans und Chinas, extrem abhängig waren.[44] Der Gewalteinsatz blieb folglich begrenzt, weil man sich unter den gegebenen Bedingungen lediglich im Bereich der Seekriegführung militärische Chancen ausrechnen konnte. Diese Beobachtungen dürften helfen, die Form imperialer Herrschaft und die hierbei ausgeübte Gewalt in Nordamerika, vor allem auf dem Gebiet der späteren USA, genauer zu charakterisieren. Wie oben bereits angedeutet, war der militärische Vorteil der weißen Siedler anfangs relativ gering. Es gelang ihnen lediglich, den Ostküstensaum zu besiedeln, was hieß, dass trotz periodisch auftretender Massaker – siehe etwa den Pequot-Krieg von 1637[45] – das militärische Gleichgewicht einigermaßen gewahrt blieb. Erst die besondere Dynamik des sogenannten Siedlerkolonialismus, des "settler capitalism",[46] ließ der indigenen Bevölkerung keine Chance mehr. Mit dem Ende des 18. und erst recht im Verlauf des 19. Jahrhunderts führte die Zunahme der europäischen Einwanderung und das Vordringen der weißen Siedler gen Westen zur Entstehung der offenen frontier, welche die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung systematisch zerstörte und in dieser Gestalt in Lateinamerika nie existierte.[47] Dieses Vernichtungswerk wurde in der jungen Republik – und dies setzt Traditionen aus der Zeit vor der US-amerikanischen Unabhängigkeit fort – nicht vorrangig von der US-amerikanischen Armee[48] und Regierungsstellen durchgeführt, sondern einiger maßen staatsfern von den Siedlern selbst. Ihm fielen etwa 95 Prozent der indianischen Bevölkerung zum Opfer. Michael Mann identifiziert durchaus auch genozidale Elemente in der Siedlerideologie,[49] die auf eine von den Siedlern bevorzugte Wirtschaftsstruktur zurückverweisen, in der die indigene Bevölkerung als Arbeitskraftressource gar nicht erst gebraucht wurde. Die unübersehbare "Staatsferne" der Eroberungs- und Vernichtungspraxis änderte freilich nichts daran, dass die wenigen Überlebenden letztlich doch aufgrund gesetzlicher, also staatlicher Richtlinien – ganz im Sinne der von de Tocqueville ins Auge gefassten, eigentlich aber längst bekann ten Maßnahmen – in Reservate getrieben und damit disloziert wurden, um auch noch den letzten Widerstand zu brechen.[50] Derartige Phänomene verweisen auf einen weiteren wichtigen Aspekt von Herrschaft, der in den folgenden Abschnitten stärker zum Tragen kommen wird, nämlich auf die Frage, wie sehr sich koloniale Staaten und deren Administratoren von den weißen Siedlern und ihren Vorstellungen abhängig machten oder machen mussten. Generell gilt wohl, dass die Besiedlung der Neuen Welt durch Spanier und Briten insofern eine Ausnahme darstellt, als hier im Vergleich zu Afrika und auch Asien die weißen Bevölkerungszahlen relativ hoch waren. Bemerkenswert für die frühen amerikanischen Siedlerkolonien ist deshalb die Prominenz einer spezifischen Machtkonstellation. Die alltägliche Herrschaft wurde dort zwar in einem Machtdreieck zwischen staatlicher Administration, weißen Siedlern und Indigenen praktiziert. Aber die weißen Siedler konnten aufgrund ihrer numerischen Stärke ihre Interessen gegenüber den staatlichen Administratoren einigermaßen deutlich zur Geltung bringen, da Letztere auf die Kooperation mit den Siedlern unmittelbar angewiesen waren. So wird nicht zuletzt ein Grund dafür sichtbar, dass die Ereignisse nach 1776 und die lateinamerikanischen Revolutionen in den ersten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch als weiße "Siedler - revolten" bezeichnet wurden.[51] Damit komme ich zu meinem nächsten Abschnitt, der sich kurz mit der britischen Herrschaft in Indien beschäftigen wird, weil sich im Blick darauf ein weiterer systematischer Punkt ganz gut beleuchten lässt, nämlich die Kluft zwischen Herrschaftsanspruch und -praxis.

4. Die prekäre Herrschaft Großbritanniens über Indien

Christopher Bayly hat in seinen Ende der 1980er und Mitte der 1990er Jahre erschienenen Büchern zur britischen Herrschaft in Indien mindestens zwei systematische Argumente vorgebracht, die für das Thema dieses Aufsatzes relevant sind. Bayly betont zunächst, dass der indische Subkontinent vergleichsweise schnell kolonisiert[52] worden war – und zwar in beziehungsweise unmittelbar nach einer Schwächeperiode Großbritanniens. Zwar waren die nordamerikanischen Kolonien durch deren Unabhängigkeit verloren worden, doch fand sich der britische Staatsverband aufgrund der durch die Napoleonischen Kriege erzwungenen Ressourcenmobilisierung gefestigt, so dass er seine Stärke jetzt gewisser - maßen in einem ganz anderen geographischen Kontext erproben konnte. Es ist Baylys erste These, dass gerade auch die Herrschaft über Indien alles andere als entlang liberaler Denkprinzipien vorangetrieben wurde, sondern eher in einem neoabsolutistischen Geist, den man ja gemeinhin so einfach nicht mit Großbritannien in Verbindung bringt.[53] Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die Herrschaftsübernahme und die durch die East Indian Company herbeigeführte schleichende Auflösung des Mogulreichs[54] unter anderem auch deshalb so reibungslos verlief, weil die Briten auf bereits im Land vorfindliche Herrschaftsressourcen zurückgreifen konnten, nämlich – und hier zitiere ich John Darwin - "a professional army of sepoys loyal to its foreign paymaster. By 1835 the Bengal army had some sixty-four regiments of 'native infantry', and the company's Indian armies were much larger than the whole British army,at home and abroad.With this standing army as a battering ram, the Company could knock down all but the most determined opponents." 55[55] Trotz der zweifelsfrei vorhandenen, freilich über Herrschaftsallianzen geschmiedeten und damit irgendwie auch geborgten militärischen Stärke war aber nun laut Bayly – und dies ist seine zweite These – die Durchdringungsfähigkeit dieses britischen Verwaltungs- und Militärapparates vergleichsweise gering, war die Instabilität britischer Herrschaft oft mit Händen greifbar. Weil man sich nämlich nicht auf englische Siedler stützen konnte (in Großbritannien war die Bereitschaft zur dauerhaften Auswanderung nach Indien gering), hatte man sich zur Herrschaftssicherung in ständige Verhandlungssituationen mit lokalen Magnaten und Fürsten zu begeben, auf deren Macht und auf deren Informationen gezählt werden musste. Wie Bayly betont, waren die Briten von der indischen "Informationsordnung" abhängig, die sie selbst nicht gestalten konnten: "The British never controlled the bulk of capital, the means of production or the means of persuasion and communication in the subcontinent."[56] In Indien konnten sich die Briten eben nicht auf das verlassen, was in anderen Kolonien auf der Welt zur damaligen Zeit üblich war, auf das "patrimoniale Wissen" einer vergleichsweise breiten Schicht weißer oder "gemischtrassiger" Landbesitzer und Kaufleute, die mit den Kolonialherren kooperierten. "In India, as opposed to French Algeria or British southern Africa, white or mixed-raced farmers, or subimperialist commercial men, such as the Indians in East Africa, were not widely available to create and transmit information to the rulers."[57] Die Briten konnten allenfalls dünne Informationsketten aufbauen, die von städtischen Offizieren bis hinunter zur Dorfebene reichten: In Krisenzeiten freilich zerrissen diese allzu schnell, wie sich in der sogenannten Indian Mutiny von 1857 zeigte, ganz zu schweigen vom beginnenden 20.Jahrhundert, wo sich solche Bande nicht einmal mehr für kurze Zeit herstellen ließen: "By the 1920s, the police and political authorities were claiming that the village (. . . ) watchman system was disintegrating, and that the rural society was lost to British control because they could no longer anticipate what would happen there."[58] Die Briten waren zwar in der Lage, die exponiertesten Teile der indischen intellektuellen Öffentlichkeit zu kontrollieren, doch reichte die begrenzte Kontrolle keineswegs aus, um die indische "Gesellschaft" als Ganze zu beherrschen. Die Herrschaftsgrundlagen bröckelten also gerade deshalb, weil – so Bayly - Vorurteile und Ignoranz die Briten aus vielen Bereichen des indischen Lebens ausgeschlossen und damit von Informationen abgeschnitten hatten.[59] Immer dann, wenn sich eine erhebliche Anzahl indigener Führer oder Dorfgemeinschaften der britischen Kontrolle entzog, was immer häufiger der Fall sein sollte, offenbarte sich die ganze Brüchigkeit von Herrschaft: "Imperiale Herrschaft" stand also auch in Indien auf tönernen Füssen. Von 'Durchdringung' und 'Kontrolle', wie man sie sich ideal - typisch in der Soziologie vorstellt, wenn staatliche Herrschaft thematisiert wird, konnte hier keine Rede sein, was angesichts der Tatsache, dass selbst im Jahr 1931 nicht mehr als 168 000 Briten in Indien lebten, nicht weiter verwunderlich ist.[60] Aber liefert nicht gerade die Schwäche von Herrschaft zumindest einen Schlüssel zur Erklärung von Gewalt? Zuvor aber noch ein Wort zu einem eben nur gestreiften Problem. In der Imperialismus-Literatur wird immer wieder erwähnt, dass vor dem beginnenden 20. Jahrhundert, 'echte' Revolten gegen die Imperialherrschaft keine Chance hatten – allenfalls, wie schon angesprochen, Siedlerrevolten in der Neuen Welt.[61] Dies deshalb, weil unter anderem die Kommunikations- und Verständigungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerungen untereinander beschränkt gewesen, diese Bevölkerungen also organisatorisch ausmanövriert worden seien. Solange in den Kolonien nur lokale Identitäten vorherrschten, solange waren Imperien einigermaßen stabil. Erst mit dem global sich zeigenden Nationalismus habe sich diese Situation verändert. Eine solche These klingt zunächst plausibel, kann andererseits aber nicht wirklich zufriedenstellen, weil sich ja – wie oben betont – erst mit dem 19. Jahrhundert eine deutliche waffentechnische Überlegenheit der Europäer einstellte und die Europäer dann auch nicht zögerten, bei Rebellionen etwa das Maschinengewehr massiv einzusetzen, wie 1903 in der holländischen Kolonie Sumatra, 1898-1904 im französischen Madagaskar, 1915 und 1916 im ebenfalls französischen Tunesien oder eben 1906 im britisch beherrschten südafrikanischen Natal.[62] Der nationalistischen Mobilisierung als einem herrschaftsdestabilisierenden Faktor stand also zumindest die nun klar gegebene waffentechnische Überlegenheit der Europäer als ein anderer, nämlich herrschaftsstabilisierender Faktor gegenüber. Eine wirklich über - zeugende Erklärung für die zunehmende Instabilität imperialer Herrschaft nach 1850 scheint mir deshalb noch auszustehen.[63]

5. Herrschaft über Afrika und die Zentralität der Gewalt - nicht nur dort und nicht nur damals

Als letzte imperiale Großregion soll nun Afrika, das im Großen und Ganzen sehr viel später kolonisiert worden ist als etwa die Americas oder Asien,[64] in den Blick rücken, weil in der entsprechenden Literatur hierzu wie nirgends sonst die enge Verzahnung von imperialer Herrschaft und Gewalt betont wird. Gemeint – und hier kommt zum Schluss doch ein Lob der Soziologie, zumal der deutschen Soziologie – sind die bereits seit den späten 1970er Jahren publizierten und wegweisenden Arbeiten Gerd Spittlers und Trutz von Trothas, die nicht deshalb so herausragend sind, weil sie – das wäre vielleicht von Trothas Selbstinterpretation – einen phänomenologischen Blick auf das Gewaltphänomen geworfen haben, sondern weil sie eine ziemlich nüchterne Untersuchung der Logik von Herrschaft unter ganz bestimmten sozialen und ökonomischen Bedingungen anbieten und die Rolle der Gewalt in diesem Zusammenhang analysieren.

Spittler macht in einer seiner ersten Untersuchungen, in Herrschaft über Bauern aus dem Jahre 1978, von Anfang an deutlich, dass unter den ökonomischen Bedingungen einer Bauerngesellschaft Gewalt bei der Herrschaftsetablierung und -sicherung zwangsläufig eine große Rolle spielt. So zeigt er zum einen, dass in der von ihm untersuchten Region schon der Beginn der Kolonialherrschaft eng mit dem Massaker verbunden war: "1899 zieht die von den französischen Offizieren Voulet und Chanoine geleitete 'Mission Afrique Centrale' sengend und mordend durch das Flußtal von Gobir. Mehrere Ortschaften im Tal werden niedergebrannt. Die Einwohner Tibiris evakuieren die Stadt, um den Soldaten zu entgehen. Am 18. 7. 1899 wird Tibiri fast kampflos ein - genommen. 27 Personen (Männer, Frauen und Kinder), derer man habhaft werden kann, werden an einem Gao-Baum aufgehängt. – Die Eroberung wird von der Bevölkerung als Unterwerfungsdatum angesehen. Mit großer militärischer Überlegenheit wird den Bewohnern Gobirs eindrücklich demonstriert, wer jetzt die neuen Herren sind. Dieses Ereignis haben alte Leute noch lebhaft in Erinnerung und es wird auch weiter mündlich tradiert."[65] Diese Beobachtung wird Trutz von Trotha dazu veranlassen, das Massaker als "Normalfall der Eroberung und 'Pazifizierung' in bäuerlichen Gesellschaften"[66] zu bezeichnen. Das Massaker stiftet Ordnung, weil die überwältigende Gewalt schlicht durch sich selbst überzeugt,[67] weil es die Machtverhältnisse klärt oder zumindest zu klären versucht, weshalb es gerade in der Konstituierungsphase von (kolonialer) Herrschaft immer wieder passiert – und nicht nur in Bauerngesellschaften.[68] Ist das Massaker deshalb aber schon ein normales Instrument zur Perpetuierung und dauerhaften Stabilisierung von Herrschaft? Hier hat Spittler (wie von Trotha auch) eine einigermaßen differenzierte These, die darauf verweist, dass gerade egalitäre Bauerngesellschaften höchst schwierig zu beherrschen sind. Weil es in derartigen Gesellschaften keine Mittelsmänner, keine 'broker', Lehrer oder Schreibkundigen gibt, die in leicht ausbeutbare Klientelbeziehungen einbezogen werden könnten, findet sich nur weniges, auf das sich Herrschaft bauen ließe.[69] Die Verwaltung muss direkt auf die Bauern zugreifen, was angesichts begrenzter Herrschaftsressourcen jedoch ein fast unmögliches Unterfangen ist, weil sich die bäuerliche Bevölkerung selbstverständlich diesem Zugriff – vor allem dann, wenn Landüberfluss gegeben ist[70] – zu entziehen sucht: "Die Verwaltung probiert verschiedene Wege aus, um ihr Ziel maximal zu erreichen: Überredung, diverse Mittelsmänner, Gewaltandrohung. Die Strategie der Bauern besteht überwiegend in defensiven Reaktionen: Ausweichen, Ignorieren, Deformation von Forderungen der Verwaltung. Dazu gehören auch Kommunikationsformen wie Schweigen, Zustimmung, Lügen."[71] Spittler beschreibt diese Interaktionsformen zwischen Verwaltern und Bauern als eine Art Spiel, ohne diesem Begriff einen beschönigenden Ton geben zu wollen, zeigt er doch, dass die staatliche Verwaltung selbstverständlich noch stets der stärkere Spieler ist, da sie über die größeren Gewaltressourcen verfügt und ihre Gewaltmittel immer wieder sporadisch zur Erzwingung der Herausgabe von Steuern etc. nutzt: "Der häufige Einsatz von Gewalt wird entscheidend dadurch bestimmt, dass die Verwaltung kaum alter native Druckmittel besitzt. Ein autarker Bauernhaushalt kann weder durch Lohnkürzungen, Berufsverbot, Karrierekontrolle, noch durch Kontrolle von Lebensmitteln, wichtigen Konsumgütern, Produktionsmitteln oder sozialen Leistungen gefügig gemacht werden."[72] Gewalt ist also für die Verwalter solcher Gesellschaften stets eine Verlegenheitslösung, auf die sie zurückgreifen, weil keine anderen Mittel zu Gebote stehen. Natürlich ist Gewalt auch kein besonders effektives Instrument, da sie sich bekanntlich allenfalls als Mittel der Güterverteilung, nicht jedoch als ein solches der Güterproduktion einsetzen lässt.[73] Folglich kann der administrative Apparat lediglich verteilen, was er vorgefunden und gegebenenfalls eingezogen oder geraubt hat; die Produktion zu steuern vermag er nicht. Allein aus diesem Grund – und dies war wie erwähnt auch schon zu Beginn des spanischen Reiches so – haben die kolonialen Verwalter in Bauerngesellschaften Afrikas die ländliche Bevölkerung dazu gedrängt, für den Markt zu produzieren und die Subsistenzökonomie aufzugeben. Solche Maßnahmen verfolgten – auch darauf macht Spittler in höchst eindringlicher Weise aufmerksam – nicht nur den Zweck, die Ressourcenabschöpfung zu erleichtern, weil sich auf dem Markt relativ einfach Steuern eintreiben oder in einer Hafenstadt Zölle erheben lassen. Mindestens ebenso wichtig war auch, dass das Aufgeben der subsistenzwirtschaftlichen Existenzweise schon aus logistischen Gründen zu einer Bevölkerungskonzentration führt, die vergleichsweise einfach zu administrieren ist: In Feldern lebenden, verstreuten Bauern ist schwerer beizukommen als solchen, die sich – um ihre Produkte zu verkaufen – in der Nähe von Straßen, von Märkten, von Eisenbahnlinien ansiedeln müssen und dadurch zwangsläufig stadtähnliche Agglomerationen bilden.

Und genau deshalb hatten und haben Herrscher in agrarischen Ländern ein großes Interesse daran, den Straßen- und Eisenbahnbau zu forcieren. So wird Infrastruktur zum Herrschaftsinstrument:[74] "Wichtig ist die Zugänglichkeit der Agrargesellschaft für die Interventionen der Bürokratie. Dem dient der Straßenbau, der zunächst die städtischen Zentren miteinander verbindet, dann aber auch die Dörfer für die staatliche Verwaltung öffnet. Auf diesen Ausbau der Infrastruktur verwendet die staatliche Bürokratie in einem Bauernstaat von Anfang an große Anstrengungen, "die weit über die ökonomische Notwendigkeit des Verkehrsnetzes für den Handel hinausgehen."[75] Trotz aller in den Kolonien durchgeführten infrastrukturellen Maß - nahmen bleibt aber auch wahr, dass die "fertige [...] Utopie von staatlicher Herrschaft",[76] welche die Imperialisten aus ihren Heimatländern mitbrachten, nicht einmal annähernd verwirklicht werden konnte. Aufgrund der geringen weißen Siedlungsdichte (Ausnahmen waren in Afrika unter anderem Algerien und die Kapregion)[77] und bestimmter Vorgaben aus den Mutterländern, dass sich nämlich die Kolonien in der Regel selbst tragen sollten, waren die tatsächlichen Verwaltungsressourcen immer erstaunlich gering. Wie von Trotha dokumentiert, gab es in Togo um 1900 gerade einmal 42 deutsche Beamte und eine Polizeitruppe von 250 Mann; im Jahresdurchschnitt zwischen 1899 und 1912 standen "67 Regierungsbeamten 948 400 Afrikaner gegen über",[78] womit man im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht lag, weil etwa in Französisch-Westafrika das Verhältnis zwischen Territorial beamten und Bevölkerung zwischen 1 zu 12 000 und 1 zu 26 000 schwankte.[79]

Verwaltung musste angesichts derart schmaler Personalressourcen so funktionieren, dass verstreute Verwaltungs- und Polizeistationen errichtet wurden, die Distriktkommandanten auf beschwerlichen Tourneen periodisch besuchten – was auch immer "periodisch" heißen mochte.[80] Diese Distriktkommandanten besaßen einen enormen Handlungsspielraum, weil die Gouverneure im Prinzip vollkommen von ihren Informationen abhängig waren. Angesichts der Masse der von ihnen zu verrichtenden Aufgaben akkumulierten sie eine erhebliche Machtfülle, die in je unterschiedlichem Ausmaße genutzt wurde.[81] Doch bedeutete Machtfülle nicht gleich Kontrolle über die indigenen Untertanen! Tatsächlich war die Durchsetzungsfähigkeit der Kommandanten wie der ihnen untergebenen Polizisten gering, schon allein weil es an ihrer Präsenz vor Ort mangelte. Dies führte zu einer spezifischen Form der Herrschaftsausübungkraft Gewaltanwendung, die an sich nicht irrational[82] war: Gewalt diente der Sichtbarmachung von Herrschaft: "Gewalt wird in Bauernstaaten von der staatlichen Verwaltung auch häufig demonstrativ eingesetzt, weil nur diese ständige Sichtbarkeit den Staat überhaupt ins Blickfeld der Bauern rückt, die sich sonst an den intermediären Lokalgewalten orientierten."[83] Diese Gewalt meint auch nicht notwendig "Massaker": "Die Polizisten machen ständig Tourneen in die Dörfer, um die Präsenz staatlicher Gewalt anzuzeigen. Bei politischen Versammlungen in den Dörfern gehört die Androhung von Strafen zum Ritual jeder Rede."[84] Doch im Falle der Anzweifelung von Herrschaft, also in Situationen, wo die bloße Drohung nicht mehr fruchtete, stand der tatsächliche und womöglich massivere Gewalteinsatz durchaus auf der Tagesordnung, wie allein die Tatsache beweist, dass etwa vor dem Ersten Weltkrieg in den deutschen und englischen Gebieten Afrikas kaum ein Jahr ohne Feldzug verging[85] und die Summen für den Unterhalt der kolonialen Streitkräfte das Gros des kolonialen Budgets ausmachte.[86] Krieg und Frieden sind also zumindest mit Bezug auf die Kolonien in Afrika als ineinanderfließende Kategorien zu betrachten.[87] Die Kolonialherrschaft war unter diesen Umständen stets auch eine "Form von militärischer Herrschaft".[88]

6. Fazit

Lässt man die Ausführungen zu den drei Großregionen – die Americas, Indien und Afrika – abschließend Revue passieren, drängen sich mehrere allgemeinere Bemerkungen auf. Zunächst scheint ziemlich unklar zu sein, was überhaupt unter imperialer oder kolonialer Herrschaft zu verstehen und wie sie begrifflich zu fassen ist. Ist "kolonialer Staat" ein angemessener Terminus? Daran lässt sich durchaus zweifeln, denn einen 'eigenständigen' Status hatte dieses Gebilde insofern ja nicht, als es kein souveräner außenpolitischer Akteur war.[89] Aber auch hinsichtlich seiner nach innen gerichteten Durchsetzungsfähigkeit erscheint es einigermaßen problematisch zu sein, den Begriff des "Staates" zu verwenden, weil die in Westeuropa üblichen Herrschaftsressourcen schlichtweg nicht zur Verfügung standen. Oft existierte die für selbstverständlich erachtete, gleichwohl nicht überall vorhandene Durchdringungs- und Kontrollfähigkeit von Staatlichkeit gar nicht. [90] Gerd Spittler bezweifelt sogar, ob der Herrschaftsbegriff angesichts des Fehlens von Ressourcen wirklich passt,[91] auch wenn er schließlich doch von "Herrschaft", freilich von einer solchen ohne jegliche Legitimität, spricht.[92] Der Herrschaftsbegriff ist also offenbar unvermeidlich, bedarf indes einer detaillierteren Qualifizierung. Mir scheint die Definition von Albert Wirz nach wie vor ganz treffend zu sein, die vom "kolonialen Staat" als von einer "Despotie" spricht, "welche sich auf eine Herrschaftsallianz mit den Kräften des Hinterlandes stützte".[93] Diese Definition erinnert – vielleicht unfreiwillig – an die von Michael Mann eingeführte Unterscheidung zwischen despotischer und infrastruktureller Macht,[94] verweist sie doch genau genommen darauf, dass despotische Macht häufig nicht allzu weit reichte und mittels Gewalteinsatzes räumlich wie zeitlich allen - falls punktuell zum Ausdruck gebracht werden konnte. Freilich sollte man dieses Argument nicht überziehen, unterschieden sich die Kolonien doch nicht zuletzt durch das Potential der Herrschaftsressourcen, die den imperialen Administratoren zur Verfügung standen – und die wohl entscheidende Ressource waren eben weder Waffen noch ökonomische Mittel, sondern die Bevölkerungen! Dies führt zur zweiten allgemeineren Bemerkung: Kolonien mit hoher weißer Siedlungsdichte waren wohl am einfachsten zu administrieren, weil hier sowohl auf Wissenszufluss als auch auf weitgehend problemlose Kollaboration zurückgegriffen werden konnte. Waren weiße Siedler nicht in ausreichender Zahl vorhanden, dann gewannen – und auch hier ist der Verweis auf "Herrschaftsallianzen" in der oben zitierten Definition von Wirz bedeutsam – zumindest klare Elitestrukturen in der indigenen Gesellschaft für die Administratoren eine entscheidende Bedeutung. Auf solche Eliten konnten Herrschaftsaufgaben übertragen werden, selbst wenn man ihnen stets auch einen eigenen Machtanspruch unterstellte und folglich zu misstrauen hatte. Am problematischsten waren aus imperialer Sicht Regionen wie in Afrika, die mit ihren vergleichsweise egalitären Sozialstrukturen undurchschaubar blieben. Echte, in den Populationen verankerte "Herrschaftsallianzen" ließen sich dort kaum schmieden. Michael W.Doyle hat in seinem mittlerweile schon klassisch zu nennenden Werk Empires versucht, die Herrschaftsunterworfenen sozialstrukturell zu klassifizieren: Konkret unterschied er zwischen wenig differenzierten "tribalen" und vergleichsweise hoch differenzierten "patrimonialen" Gesellschaften. Sein Argument lautete, dass patrimoniale Gesellschaften aufgrund ihrer differenzierten Sozialstruktur imperialen Invasoren zwar massiven Widerstand entgegenbringen, aber – einmal in Schlachten besiegt – schnell zusammenbrechen[95] und ziemlich erfolgreich unterworfen werden können. Ihre komplexen Sozialstrukturen bieten den neuen imperialen Herrschern willkommene Ansatzpunkte für Koalitionen nach dem Motto "Teile und herrsche". Doyle hat aus diesem Befund die Schlussfolgerung gezogen, die imperiale Unterwerfung patrimonialer Gesellschaften führe zu einer Form der "indirect rule", während eine Form der "direct rule" das Resultat der Unterwerfung tribaler Gesellschaften sei.[96] Ob eine derart klare Dichotomisierung haltbar ist, sei dahingestellt. Doyle selbst hat sie mit Blick auf den Gewalteinsatz nicht ausbuchstabiert. Vielleicht sollte man genau dies nachholen und also die aus den Arbeiten Spittlers und von Trothas herzuleitende These wagen, dass für imperiale Herrscher in sogenannten tribalen Kontexten Gewalt tatsächlich eine eminente Rolle spielte. In solchen Territorien waren nicht nur Massaker zu beobachten, die für die beginnende Etablierung von Herrschaft überall konstitutiv waren. Vielmehr wurde dort der Gewalteinsatz notwendigerweise permanent, weil anders Herrschaft nicht sichtbar gemacht werden konnte. In welchem Ausmaß auf Gewalt zurückgegriffen wurde, hing freilich nicht ausschließlich von strukturellen Gegebenheiten ab, sondern oft auch - wie jüngst der US-amerikanische Soziologe George Steinmetz deutlich gemacht hat[97] – von der Positionskonkurrenz innerhalb kolonialer Administrationen und von der vermeintlich wissenschaftlich-anthropologischen Deutung der "Eingeborenen" durch maßgebliche Kolonialbürokraten.[98]

Bezieht man diese zwei Bemerkungen auf die noch in den 1980er Jahren laufenden, meiner Wahrnehmung nach inzwischen aber eingeschlafenen theoretischen Debatten um den Imperialismus, dann scheint gerade angesichts der skizzierten Bedeutung von Herrschaftsallianzen noch immer Roland Robinsons Interpretation und Rede von den "non- European foundations of European imperialism"[99] beziehungsweise von der "excentric idea of imperialism" angemessen, weil die Stabilität imperialer Herrschaft ohne den absolut zentralen Faktor der Kollaboration, ebenjener "Herrschaftsallianzen", einfach nicht zu verstehen ist:[100] Weiße Siedler stellten gewissermaßen die idealen Kollaborateure – doch waren diese idealen Herrschaftsbedingungen eben keineswegs überall gegeben, die Kollaborationsmöglichkeiten also faktisch gestuft, dementsprechend (un-)stabil die Herrschaft und dementsprechend unterschiedlich die Ökonomie der Gewalt! Den imperialen Herrschern war dieses Bedingungsgefüge nur allzu bewusst, suchten sie die Stabilitätskonditionen ihrer Herrschaft doch kontinuierlich zu ihren Gunsten zu verbessern: Wenn eine Besiedlung mit Europäern nicht gelang, dann mussten etwa in 'tribalen' Gesellschaften zumindest Strukturen geschaffen werden, auf die sich Herrschaft aufbauen ließ, dann mussten "Stämme" erfunden und die Bevölkerung gewissermaßen entindividualisiert werden, dann mussten chiefs ernannt, Mitglieder der Bevölkerung also gleichzeitig auch wieder individualisiert werden.[101] Eine lesbare Sozialstruktur, also eine solche, die sich nach westlichem Verständnis differenzierte und damit einen Zugriff mittels Allianzen erlaubte, war für imperiale Herrschaft unverzichtbar. Wird nun, was in der deutschen Soziologie ja als besonders wichtig gilt, nach dem Bezug zur Gegenwart gefragt, so dürfte die Beschäftigung mit dem historischen Phänomen imperialer Herrschaft vielleicht gerade deshalb interessant sein, weil es sich in vielen Teilen der Welt empfiehlt, Herrschaft nicht durch die Brille von Theoretikern des westlichen Staates zu betrachten. Damit soll nicht einer übersteigerten Staatszerfallsthese das Wort geredet werden. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass Herrschaft oft nicht mit einem emphatischen Legitimitätskonzept zu fassen ist und der interessierte Blick auf Allianzen zwischen Eliten vielleicht aufschlussreicher sein kann als der leere auf die (nicht-vorhandenen) bürokratisch-staatlichen Strukturen: Dies – so die abschließende These – würde im Übrigen auch die Ökonomie und Morphologie heutiger Gewalt besser erklären, weil die An- oder Abwesenheit einer nach westlichen Prinzipien strukturierten Staatlichkeit noch nicht sehr viel über die Gewalttätigkeit in einer Gesellschaft besagt.[102]

Dem Text liegt ein Vortrag zugrunde, der im November 2011 am Hamburger Institut für Sozialforschung gehalten wurde. Ermöglicht wurde all dies aufgrund der mir vom Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) geschenkten Zeit und durch die vielfältigen Anregungen, die ich aus dieser Institution heraus erfahren habe.

 

  • [1] Norbert Elias, Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II, Frankfurt am Main 1985, S. 147.
  • [2] In der US-amerikanischen Soziologie gibt es durchaus eine lebendige Debatte über den Imperialismus, wobei freilich – und dies ist bezeichnend – weniger der Imperialismus als solcher in den Blick kommt, als seine Folgen. Vgl. hierzu die Werke von Matthew Lange oder James Mahoney, die sich ihrerseits als eine Auseinandersetzung mit wirtschaftswissenschaftlichen Thesen lesen lassen: Matthew Lange, Lineages of Despotism and Development. British Colonialism and State Power, Chicago 2009; James Mahoney, Colonialism and Postcolonial Development. Spanish America in Comparative Perspective, Cambridge 2010.
  • [3] Wer in Afrika gewesen ist, "weiß, daß die muslimische Gesellschaft und die christliche Gesellschaft leider in keinerlei Verbindung stehen, daß sie zwei nebeneinander, aber vollkommen getrennt existierende Organismen bilden. Er weiß, daß sich dieser Zustand aus Ursachen, gegen die man nichts tun kann, tendenziell von Tag zu Tag zuspitzt. Der arabische Teil isoliert sich immer mehr und löst sich allmählich auf. Die muslimische Bevölkerung nimmt tendenziell ständig ab, während die christliche Bevölkerung unaufhörlich weiter wächst. Die Verschmelzung dieser beiden Populationen ist ein Hirngespinst, das man sich erträumt, wenn man nicht vor Ort gewesen ist." (Alexis de Tocqueville, "Gedanken über Algerien" [Oktober 1841], in: ders., Kleine politische Schriften. Herausgegeben von Harald Bluhm unter Mitwirkung von Skadi Krause, Berlin 2006, S. 157).
  • [4] A.a.O., S. 117.
  • [5] A.a.O., S. 115.
  • [6] A.a.O., S. 119ff.
  • [7] A.a.O., S. 120f.
  • [8] A.a.O., S. 121.
  • [9] Zum Kontext der Arbeiten de Tocquevilles im Rahmen des französischen Imperialismus in Nordafrika vgl. Olivier Le Cour Grandmaison, Coloniser. Exterminer. Sur la guerre et l'État colonial, Paris 2005.
  • [10] Wenn Giulia Brogini Künzi zum Abessinienkrieg 1935/36 schreibt, dass "einzelne Elemente der modernen Kolonialkriegführung [...] bereits aus dem südafrikanischen Burenkrieg (1899-1902) oder dem Rifkrieg in Marokko (1921-1927) bekannt [waren], beispielsweise die Einrichtung von Lagern, die Verwendung von Stacheldraht zur großräumigen Absperrung der Front, die Waffen- und Nahrungsmittelblockaden, die Umsiedlungen der einheimischen Bevölkerung, die Zerstörung von Feldern und Viehherden und letztlich auch die aerochemische Kriegführung" ("Der Wunsch nach einem blitzschnellen und sauberen Krieg: Die italienische Armee in Ostafrika (1935/36)", in: Thoralf Klein/Frank Schumacher [Hrsg.], Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburg 2006, S. 272-290, hier S. 274), so wird man ergänzen müssen, dass zumindest die Grundprinzipien, die diesen Maßnahmen zugrunde lagen, schon viel früher gedacht worden waren, wenn man nicht gar versucht hatte, sie zu verwirklichen.
  • [11] Damit soll also nicht gesagt werden, dass für imperiale Herrschaft und Ausbeutung immer auch eine massive Besiedlung erwünscht oder gar notwendig war (vgl. Timothy H. Parsons, The Rule of Empires. Those Who Built Them, Those Who Endured Them, and Why They Always Fall, Oxford 2010, S. 10). Verwiesen werden soll lediglich darauf, dass stabile Herrschaft in den Kolonien immer auch angewiesen war auf eine 'weiße' Bevölkerung, die für die Kolonialverwaltungen entweder Kooperationspartner oder Rekrutierungsreservoir darstellte.
  • [12] Georges Balandier, "Die koloniale Situation: ein theoretischer Ansatz", in: Rudolf von Albertini (Hrsg.), Moderne Kolonialgeschichte. Köln und Berlin 1970, S. 105-124, hier S. 121ff.; Jürgen Osterhammel hat dann auch davon gesprochen, dass in Imperien im Unterschied zu Nationalstaaten gerade nicht kulturelle Gemeinsamkeit unterstellt, sondern Legitimität gewisser maßen von oben verordnet wurde ("Expansion und Imperium", in: Peter Burschel u. a. [Hrsg.], Historische Anstöße. Festschrift für Wolfgang Reinhard zum 65. Geburtstag, Berlin 2002, S. 371-392, hier S. 382ff.). Legitimitätsfragen wurden also in Imperien überwiegend mit Blick auf außen politische Konkurrenten und nicht mit Blick 'nach innen' diskutiert (George Steinmetz, "'The Devil's Handwriting': Precolonial Discourse, Ethnographic Acuity, and Cross-Identification in German Colonialism", in: Comparative Studies in Society and History 45/1 [2003], S. 41-95, hier S. 43).
  • [13] Trutz von Trotha, "Über den Erfolg und die Brüchigkeit der Utopie staatlicher Herrschaft. Herrschaftssoziologische Beobachtungen über den kolonialen und nachkolonialen Staat in Westafrika", in: Wolfgang Reinhard (Hrsg.), Verstaatlichung der Welt? Europäische Staatsmodelle und außereuropäische Machtprozesse, München 1999, S. 223-251, hier S. 224.
  • [14] Stefan Breuer, Max Webers Herrschaftssoziologie, Frankfurt am Main und New York 1991, S. 26f.
  • [15] G. V. Scammell spricht davon, dass die Ausgangsbasis für imperiale Unternehmungen hinsichtlich der staatlichen Ressourcenbasis eigentlich denkbar schlecht gewesen sei (The First Imperial Age. European Overseas Expansion c. 1400-1715, London et al. 1989, S. 2).
  • [16] Henry Kamen, Empire. How Spain became a World Power, 1492 – 1763, New York 2003, S. 37ff., 157. Timothy H. Parsons spricht in einer zugespitzten Formulierung sogar von einem "empire by franchise" (The Rule of Empire, S. 116).
  • [17] John H. Elliott, Empires of the Atlantic World. Britain and Spain in America, 1492-1830, New Haven und London 2006, S. 27. Vgl. auch Anthony Pagden, der die starken privaten Elemente im frühen britischen Kolonialismus betont (Lords of all the World. Ideologies of Empire in Spain, Britain and France, c. 1500-1800, New Haven und London 1995, S.128).
  • [18] Tzvetan Todorov, Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frankfurt am Main 1985, S.13.
  • [19] Bei Alistair Hennessy heißt es: "From approximately 25 millions in 1519, the population of central Mexico shrank to a little over a million by 1600. Records are not so complete for the Andean region but the pattern was similar, and the population may have declined from possibly six millions to one and a half millions in the course of the thirty-five years after 1575; additional factors earlier were the murderous civil wars between Pizarrists and Almagrists and the depletion of Llama herds." (The Frontier in Latin American History, London 1978, S. 46).
  • [20] Todorov, Die Eroberung Amerikas, S.121-151.
  • [21] Kamen, Empire, S.112.
  • [22] Mark A. Burkholder und Lyman Johnson, Colonial Latin America. Third Edition, New York und Oxford 1998, S. 60.
  • [23] Crawford Young, The African Colonial State in Comparative Perspective, New Haven und London 1994, S. 101f. Vgl. auch nochmals die verallgemeinerten Aussagen von Scammell: "Where there were no commodities that attracted them, where they encountered no political units, whether tribes or states, which could be turned to their own use by the substitution of Europeans for rulers and ruling classes, and where they met unfamiliar ways of fighting, their advance was slow and defeats common." (The First Imperial Age, S. 75).
  • [24] Parsons, The Rule of Empires, S. 132.
  • [25] Vgl. Hennessy, The Frontier, S. 65.
  • [26] Vgl. auch Jeremy Black, War and the World. Military Power and the Fate of Continents,1450-2000, New Haven und London 1998, S. 19, 27, 67, 75.
  • [27] Kamen, Empire, S. 252.
  • [28] A.a.O., S. 116. Vgl. auch Scammell, The First Imperial Age, S. 73f., der auf die taktischen Vorteile der indigenen Völker verweist, die auf ihrem Territorium kämpfen konnten.
  • [29] George Raudzens, "Why did Amerindian Defences Fail? Parallels in the European Invasions of Hispaniola, Virginia and Beyond", in: War in History 1996 (3), S. 331-352.
  • [30] Kamen, Empire, S. 130. "In Peru, for instance, of the 1,115,000 inhabitants in 1795, only 140,000 were whites. The remainder consisted of 674,000 Indians, 244,000 mestizos and 81,000 blacks of whom half were slaves." (Elliott, Empires of the Atlantic World, S. 392).
  • [31] Zur Stadt in Spanisch-Amerika vgl. Hennessy, The Frontier, S. 47ff. "The conquerors established a series of major cities as spearheads of control and expansion over their respective hinterlands. It was on regional and local levels that the confrontation of Europeans and Indians created a new kind of society in the Americas." (Steve J. Stern, Peru's Indian Peoples and the Challenge of Spanish Conquest. Huamanga to 1640, Madison 1982, S. XV).
  • [32] Elliott, Empires of the Atlantic World, S. 116.
  • [33] Wolfgang Reinhard, Geschichte der europäischen Expansion, Bd. 2, Die Neue Welt, Stuttgart et al. 1985, S. 60.
  • [34] "Imperial Potosí, the 'opulent pious and licentious city' with a population of 120,000 in its heyday in the seventeenth century was not only the largest city of the Americas but was also the motor of the Spanish economy between the first strike in 1543 and the 1660s – a lodestone attracting Spaniards, Portuguese and foreigners alike from all over the continent and beyond the seas." (Hennessy, The Frontier, S. 75).
  • [35] Schon für das repartimiento-System galt: "Early relations [...] between the Andean native peoples and the Europeans displayed an uneasy mixture of force, negotiation, and alliance. The parties to the post-Incaic alliances probed one another for weaknesses or vulnerabilities, testing the limits of the new relationships. In the early years, each encomendero – accompanied by soldiers if necessary – asked his cacique [kuraka] for what he thought necessary, and [the chief] bargained about what he could give." (Stern, Peru's Indian Peoples, S. 34).
  • [36] A.a.O., S. 80ff.
  • [37] "Indeed, Spanish legal authority encouraged Indians to develop individualized interests and privileges shielding them from the lot assigned to the poorer peasantry. Legal immunity from mita or tribute enabled municipal and church functionaries, Inca descendants, and artisans to sidestep burdens which impoverished kinfolk." (a. a.O., S.134).
  • [38] Scammell, The First Imperial Age, S.158.
  • [39] Nicht nur mit Bezug auf Amerika, sondern auch mit Bezug auf Afrika ist zu Recht darauf hingewiesen worden, dass der Kolonialismus dauerhafte "cleavages" erst schuf, wobei mittels einer spezifischen Sprachenpolitik, mittels Missionstätigkeit und mittels der Durchsetzung der Geldwirtschaft gerade ethnische Spaltungen verstärkt wurden (Albert Wirz, "Imperialism and State Formation in Africa: Nigeria and Chad", in: Wolfgang J. Mommsen/Jürgen Osterhammel [Hrsg.], Imperialism and After. Continuities and Discontinuities, London 1986 S.123-138, hier S. 130; Andreas Eckert, Kolonialismus, Frankfurt am Main 2006, S. 68).
  • [40] Scammell, The First Imperial Age, S. 142. Jürgen Osterhammel spricht deshalb mit Blick auf das spanische Reich in Amerika von "Beherrschungskolonien" und betont, dass der Versuch der Herrschaftsausübung in Spanien immerhin von einer klaren Siedlungspolitik begleitet war, während der britischen Herrschaft in Indien von vornherein das Siedlungsmoment fehlte (Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 2003, S. 9-15).
  • [41] Osterhammel, Kolonialismus, S.17ff.
  • [42] "It has been estimated that in any one year between 1600 and 1740 there were not more than fifty thousand Europeans to be found in the whole of Asia, a figure that pales before the scores of millions who peopled the continent and continued their lives quite oblivious of the existence of strangers on their shores." (Kamen, Empire, S. 222).
  • [43] A.a.O., S. 204. Zur Form der "Herrschaft" der Ostindienkompanien vgl. Jürgen G. Nagel, Abenteuer Fernhandel. Die Ostindienkompanien, Darmstadt 2007.
  • [44] Kamen, Empire, S. 220.
  • [45] James Wilson, Und die Erde wird weinen. Die Indianer Nordamerikas, Frankfurt am Main 2001, S.141.
  • [46] Vgl. zum Überblick Caroline Elkins/Susan Pedersen, "Introduction: Settler Colonialism: A Concept and Its Uses", in: dies. (Hrsg.), Settler Colonialism in the Twentieth Century. Projects, Practices, Legacies,New York und London 2005, S.1-20; klassisch: Donald Denoon, Settler Capitalism. The Dynamics of Dependent Development in the Southern Hemisphere, Oxford 1983.
  • [47] Hier sollte man hinzufügen, dass die frontier in Spanisch-Amerika eine andere Bedeutung hatte als in Nordamerika, vor allem deshalb, weil sie in den USA eine wesentlich stärkere mythische Bedeutung und damit gesellschaftliche Aufladung erhielt, weil die Zahlen der nach Westen Ziehenden viel größer waren und weil schließlich die frontier im Unterschied zu Südoder Mittelamerika, wo politische Grenzen zwischen bereits bestehenden unabhängigen Republiken existierten, offen war (Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 478ff.).
  • [48] Robert M. Utley, "Total War on the American Indian Frontier", in: Manfred F. Boemeke/Roger Chickering/Stig Förster (Hrsg.), Anticipating Total War. The German and American Experiences, 1871-1914, Washington und Cambridge 1999, S. 399-414, hier S. 414.
  • [49] Michael Mann, The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing, Cambridge 2005, S. 72ff.
  • [50] Hier sind freilich auch wieder Parallelen zu Gebieten in Südamerika, in Chile und Argentinien, unübersehbar, wo nach der Unabhängigkeit ähnliche frontier-Gegebenheiten zu beobachtenwaren, wobei während der erst später, nämlich in den späten 1870er und frühen 1880er Jahren erfolgenden Feldzüge etwa gegen die Mapuche unter General Roca die Armee sehr viel stärker zum Einsatz kam, um die Landgier der Vieh- und Schafzüchter zu befriedigen (vgl. Hennessy, The Frontier, S. 147). Unbeachtet ist in meinen Ausführungen auch geblieben, dass die frontier in Spanisch-Amerika eine "frontier of inclusion" war (a.a.O., S.19), im Unterschied zur "frontier of exclusion" auf dem Boden der heutigen USA. Was damit gemeint ist, verdeutlicht am besten ein Zitat von Elliott: "Where the Spaniards tended to think in terms of the incorpo - ration of the Indians into an organic and hierarchically organized society which would enable them in time to attain the supreme benefits of Christianity and civility, the English, after an uncertain start, seem to have decided that there was no middle way between anglicization and exclusion. Missionary zeal was too thinly spread, the crown too remote and uninterested, to allow the development of a policy that would achieve by gradual stages the often asserted objectiveof bringing the Indians within the fold. ( . . . ) Tudor and Stuart England, unlike Habsburg Castile, had little tolerance for semi-autonomous juridical and administrative enclaves, and no experience of dealing with substantial ethnic minorities in its midst." (Empires of the Atlantic World, S. 85)
  • [51] David B. Abernethy, The Dynamics of Global Dominance. European Overseas Empires 1415-1980,New Haven und London 2000, S. 318.
  • [52] John Darwin, After Tamerlane. The Rise and Fall of Global Empires, 1400-2000, London 2007, S. 264.
  • [53] Christopher A. Bayly, Imperial Meridian. The British Empire and the World 1780-1830, London und New York 1989, S. 8.
  • [54] Vgl. Nagel, Abenteuer Fernhandel, S. 76ff.
  • [55] Darwin, After Tamerlane, S. 264. Vgl. auch Peter Wende, Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München 2008, S.154f. Zu verweisen ist hier auf die überragende, aber durchaus nicht immer bekannte militärische Bedeutung Indiens für das britische Empire, die gerade auch nach der Indian Mutiny von 1857 und damit nach der direkten Herrschaftsübernahme durch die britische Regierung noch weiter wachsen sollte: "By the late nineteenth century, when the Empire's standing armies totalled some 325,000 men, two-thirds of this number was paid for by the Indian taxpayer. For the rule was that every British soldier, once embarked for India, had to be paid, pensioned, equipped and fed by the government of India, not of Britain. And there was an irresistible tendency, as time went on, for more and more British soldiers to be kept in India at Indian expense." Dabei muss nicht weiter betont werden, dass der Einsatz dieser überwiegend indischen und von indischen Steuerzahlern finanzierten Truppen gewissermaßen auf der ganzen Welt erfolgte und mit der Verteidigung wie auch immer zu definierender indischer Interessen häufig gar nichts zu tun hatte (John Darwin, The Empire Project. The Rise and Fall of the British World-System 1830-1970, Cambridge 2009, S. 183).
  • [56] Christopher A. Bayly, Empire and information. Intelligence gathering and social communication in India, 1780-1870, Cambridge 1996, S.7.
  • [57] A.a.O., S. 8. Um Indien überhaupt verwalten zu können, mussten die Briten eine lokale Verwaltungsklasse schaffen, deren Umfang für sie selbst freilich sehr schnell bedrohliche Ausmaße annehmen konnte: "By the 1880s, it had thrown up a local class literate in English, familiar with British ideas and deeply loyal to the new educational and social institutions that had shaped its outlook and opportunities. Though small by Indian standards, this anglo-literate community (700 000 adult males could read and write English by 1901) dwarfed the non-military British population in India (c. 100 000). It filled the highest bureaucratic ranks to which Indians could be promoted. It quickly overran the senior profession open to talent – the law – and expanded sideways into education and journalism. Because it depended not on local patronage or district-level politics, but on the expansion of government, education and trade at the procincial level and above, it was quick to form associations that spanned the provinces." (Darwin, The Empire Project, S.192).
  • [58] Bayly, Empire and Information, S. 334.
  • [59] A.a.O., S. 365.
  • [60] Niall Ferguson, Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht, Berlin 2004, S. 253. Die genannte Zahl ist aber schon das Ergebnis eines ebenso kontinuierlichen wie langsamen Wachstums, denn: "[...] the western population in India grew from approximately three thousand Europeans to eighty thousand between 1814 and 1871" (Parsons, The Rule of Empires, S. 213).
  • [61] Am stärksten wurde diese These jüngst von Timothy Parsons gemacht, der schlicht feststellt: "[...] Nationalism corroded empires." (The Rule of Empires, S. 286); siehe aber auch Abernethy, Global Dominance, S.314ff. und Black, War and the World, S. 226. In diesem Zusammenhang spricht z.B. Scammell (The First Imperial Age, S.196) davon, dass im Untersuchungszeitraum zwischen 1400 und 1715 bis auf wenige millenarische indigene Bewegungen ernst - hafte koloniale Revolten fehlten. Größere Rebellionen gab es erst später, vgl. etwa die vier großen Aufstände in Spanisch-Amerika zwischen 1760 und 1810, die allerdings oft nicht auf Unabhängigkeit zielten, sondern lediglich eine Änderung der verschärften Reformpolitik unter den Bourbonen herbeizuführen versuchten (vgl. Alan McFarlane, "Rebellions in Late Colonial Spanish America", in: Bulletin of Latin American Research 1995 (14), No. 3, S. 313-338). Young betont, dass selbst noch in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts die Loyalität der Kolonien zu den Mutterländern erhalten blieb, was er auf mangelnde Alternativen zurückführt: "In the Islamic arc from the Sudan to the Maghreb there were real fears at the outset of the war that an appeal of the Caliphate to Muslim solidarity might find some audience. However, only in Libya, seized from the Ottoman state on the eve of the war, was there any nostalgia for Turkish rule. Elsewhere, the assiduously spun black legend concerning the venal and oppressive character of the Ottoman polity proved resilient [...]." (The African Colonial State, S.145).
  • [62] Black, War and the World, S. 233.
  • [63] Young verweist darauf, dass ein möglicher, hier zu berücksichtigender Faktor die Ausdünnung des weißen Herrschaftspersonals während der Weltkriege war. Zwar wurde mit dem Ersten Weltkrieg der koloniale Staat in Afrika erst institutionalisiert, weil die Kolonien in einer völlig neuen Größenordnung nun nicht nur manpower liefern mussten, sondern auch die für den Krieg benötigten Rohstoffe. Gleichzeitig schwächte der Krieg aber auch den kolonialen Überbau, weil eben viele zu den Waffen gerufen wurden, was nicht zuletzt den Pool ländlicher Arbeitskräfte verringerte: "In Algeria one-third of the males between the ages of twenty and forty were recruited either into the military ranks or the industrial work force in France" (Young, The African Colonial State, S.145). Allerdings scheint mir dieses Argument hinsichtlich der implizierten Kausalitätskette noch zu wenig entwickelt zu sein, um eine überzeugende Erklärung der Instabilität imperialer Herrschaft nach 1850 liefern zu können.
  • [64] A.a.O., S. 11. Vor 1885 war bis auf wenige Ausnahmen das Hinterland der wenigen von Europäern beherrschten Küstenstädte kaum 'erschlossen', sodass die Landnahme durch die Europäer unter beschleunigten Bedingungen erfolgte (vgl. Jeffrey Herbst, States and Power in Africa. Comparative Lessons in Authority and Control, Princeton 2000, S. 61).
  • [65] Gerd Spittler, Herrschaft über Bauern. Die Ausbreitung staatlicher Herrschaft und einer islamisch-urbanen Kultur in Gobir (Niger), Frankfurt am Main und New York 1978, S. 42.
  • [66] Trutz von Trotha, Koloniale Herrschaft. Zur soziologischen Theorie der Staatsentstehung am Beispiel des Schutzgebietes Togo, Tübingen 1994, S. 42.
  • [67] Trutz von Trotha, "Genozidaler Pazifizierungskrieg. Soziologische Anmerkungen zum Konzept des Genozids am Beispiel des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika, 1904-1907", in: Zeitschrift für Genozidforschung 2003 (2), S. 28-57, hier S. 45.
  • [68] Trutz von Trotha bezeichnet das Massaker auch als "systematische(n) Bestandteil der Entstehung des Gewaltmonopols" (Trutz von Trotha, Koloniale Herrschaft, S. 28); ders., "'The Fellows can just starve'. On Wars of 'Pacification' in the African Colonies of Imperial Germany and the Concept of 'TotalWar'", in: Boemeke (Hrsg.), Anticipating TotalWar, S. 415-435, hier S. 421ff.
  • [69] Spittler, Herrschaft über Bauern, S.10f.
  • [70] Landüberfluss scheint im kolonialen Afrika aber insgesamt weit verbreitet gewesen sein und damit die Möglichkeit der Bauern, sich staatlicher Herrschaft zu entziehen, vgl. Herbst, States and Power in Africa, S. 37ff., 88.
  • [71] Spittler, Herrschaft über Bauern, S.13.
  • [72] A. a.O., S. 67.
  • [73] A.a.O., S. 69.
  • [74] Vgl. Dirk van Laak, "Infra-Strukturgeschichte", in: Geschichte und Gesellschaft 27/3 (2001), S. 367-393. Ders., Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880-1960, Paderborn u. a. 2004.
  • [75] Gerd Spittler, Verwaltung in einem afrikanischen Bauernstaat. Das koloniale Französisch-Westafrika, 1919-1939. Freiburg i. Breisgau 1981, S.26/27 (Hervorh. von W. K.). Hier soll gleichzeitig auf eine Art 'Dialektik der Kontrolle' (Anthony Giddens) verwiesen werden. Zwar erhöhte die Konzentration afrikanischer Arbeitskräfte an bestimmten geographischen Orten die Kontrollmöglichkeiten der imperialen Verwaltungen; gleichzeitig gestattete diese Bevölkerungsverdichtung aber auch neue Formen des Widerstandes dagegen.
  • [76] Von Trotha, Koloniale Herrschaft, S.14.
  • [77] "There were [...] only 1.86 French settlers for every thousand Africans in French West Africa in 1938." (Herbst, States and Power, S.79).
  • [78] Von Trotha, Koloniale Herrschaft, S. 87.
  • [79] Spittler, Verwaltung in einem afrikanischen Bauernstaat, S.159. Für die deutschen Kolonien gilt Ähnliches: "Die deutschen Kolonialbeamten in Afrika [...] waren auf dreifache Weise noritär: gegenüber der afrikanischen Bevölkerung, gegenüber der deutschen Gesellschaft und gegenüber ihrer eigenen Schicht. Sie standen unter dem ständigen Verdacht, abweichend zu sein. Sie waren gehalten, sich an die Mechanismen eines in Berlin entworfenen bürokratischen Apparates anzupassen, aber auch an lokale Situationen, in denen sie als Kolonisierende handelten. "(Andreas Eckert, "Bürokratische Ordnung und koloniale Praxis. Herrschaft und Verwaltung in Preußen und Afrika", in: Sebastian Conrad/Jürgen Osterhammel [Hrsg.], Das Kaiser - reich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004, S. 87-106, hier S. 91).
  • [80] Patrouillen und damit die Kontrolle etwa der auf Farmen arbeitenden Schwarzen durch die Stationsbesatzungen waren auch deshalb sehr unregelmäßig, weil solche 'Besuche' nicht zuletzt zu Spannungen führten, die man nicht unnötig schüren wollte (Jürgen Zimmerer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster 2004, S.130).
  • [81] Spittler, Verwaltung in einem afrikanischen Bauernstaat, S. 55ff.
  • [82] Gemeint ist allerdings nicht, dass diese Gewalt immer auch rational ausgeübt wurde; der Gewalteinsatz konnte aus vielerlei Motiven heraus erfolgen, er konnte nicht zuletzt habitualisiert erfolgen, weil es den Machthabern immer wieder nötig schien, 'ein Exempel zu statuieren' (vgl. zu diesem ganzen Problemkomplex Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008).
  • [83] Spittler, Verwaltung in einem afrikanischen Bauernstaat, S. 24. In einer Untersuchung zum Phänomen des Bürgerkrieges hat jüngst Stathis N.Kalyvas – auf der Basis von Rational-Choice-Prämissen argumentierend – diese These unterstützt. Gerade in für Herrscher unübersichtlichen Situationen, also in solchen von Informationsknappheit und großen Machtunterschieden zwischen Herrschern und Beherrschten, sei massive und unterschiedslose Gewalt vor allem deshalb zu erwarten, weil sie, obwohl wenig produktiv, für die aktuellen Machthaber in einem bestimmten Territorium besonders kostengünstig sei. Fokussierte Gewaltanwendung, also die gezielte Bestrafung oder Tötung von zuvor identifizierten Personen, von deren Schuld oder Gegnerschaft derartige Machthaber überzeugt seien, funktioniere ohne vorherige Informationsbeschaffung nicht. Informationen seien in Bürgerkriegssituationen aber oft nur schwer oder überhaupt nicht zu erlangen. Deshalb sei unterschiedslose Gewalt, mithin das Massaker, viel naheliegender und tatsächlich auch häufiger, weil mit dieser massiven Gewalt auch ohne die Mühen und Kosten der Informationsbeschaffung ein schwer zu bestreitender Machtanspruch erhoben werden könne (Stathis N. Kalyvas, The Logic of Violence in Civil War, Cambridge 2006, S.146ff.).
  • [84] Spittler, Herrschaft über Bauern, S. 68 (Hervorh. von W. K.).
  • [85] H. L.Wesseling, "ColonialWars andArmed Peace, 1871-1914: A Reconnaissance", in: ders., Essays on the History of European Expansion, Westport, Conn. und London 1997, S.12-26, hier S.16.
  • [86] Ebd. In diesem Zusammenhang sollte darauf verwiesen werden, dass unter Bedingungen einer relativ geringen weißen Siedlungsdichte die Steuerlasten umso stärker auf der indigenen Bevölkerung lagen, was wiederum die Kolonialverwaltungen dazu veranlasste, diese Bevölkerung zu LohnarbeiterInnen zu machen, um überhaupt erst eine handhabbare Ressourcenabschöpfung zu ermöglichen (vgl. Young, The African Colonial State, S. 126). Aber selbst unter Bedingungen einer monetarisierten Ökonomie war Steuereintreibung eine an sich schwierige Angelegenheit, weil man angesichts der Personalknappheit auf chiefs und Mittelsmänner angewiesen war, die aber ihre eigenen Interessen verfolgten (a.a.O., S. 128ff.). Immerhin gelang es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in allen kolonialen Staaten Afrikas die Steuereinnahmen erheblich zu steigern.
  • [87] Wesseling, "Colonial Wars: An Introduction", in: ders., Essays, S. 3-11, hier S. 4.
  • [88] Von Trotha, Koloniale Herrschaft, S. 50.
  • [89] Young, The African Colonial State, S. 43.
  • [90] George Steinmetz (The Devil's Handwriting. Precoloniality and the German Colonial State in Quingdao, Samoa, and Southwest Africa, Chicago und London 2007, S. 29) widerspricht freilich einer solchen Einschätzung; für ihn sind koloniale Administrationen durchaus als Staaten zu bezeichnen – nicht zuletzt auch unter Hinweis auf ihre Autonomie gegenüber den Metropolen.
  • [91] Spittler, Herrschaft über Bauern, S.14.
  • [92] "Eine solche legitimitätslose Herrschaft ist zwar von begrenzter Effizienz, da sie nicht auf Kooperation beruht. Aber sie ist keineswegs instabil. Fehlt dieser Herrschaft der Gehorsam aus Überzeugung, so kennt sie andererseits auch keinen manifesten Protest und Widerstand. Denn dies würde ein Legitimitätsmodell voraussetzen." (A.a.O., S.16).
  • [93] Albert Wirz, "Körper, Kopf und Bauch. Zum Problem des kolonialen Staates im subsaharischen Afrika", in: Reinhard, Verstaatlichung der Welt, S. 253-271, hier S. 256.
  • [94] Michael Mann, The Sources of Social Power. Volume I: A history of power from the beginning to A.D. 1760, Cambridge 1986, S. 4ff.
  • [95] Michael W. Doyle, Empires, Ithaca und London 1986, S. 202.
  • [96] A.a.O., S.135 und S. 226.
  • [97] Steinmetz, The Devil's Handwriting, 2007.
  • [98] Es ist deshalb – wie Jürgen Osterhammel betont – falsch, von einem durchdringenden oder gar exterminatorischen Rassismus in den Kolonien auszugehen (Osterhammel, Die Verwandlung der Welt, S. 659). Hier variierten die ideologischen Deutungskonstrukte zu sehr, waren eben auch Bilder von den guten "Wilden" vorzufinden, denen gegenüber – weil zivilisierungsfähig – Gewalt sparsam eingesetzt werden müsse. Wichtig ist auch Steinmetz' Hinweis, dass die Kolonialadministrationen in sich durchaus gespalten waren und in dieser Spaltung nicht nur eine gewisse Autonomie gegenüber der Metropole, also gegenüber Berlin, London oder Paris, sondern auch gegenüber den weißen Siedlern besaßen (Steinmetz, The Devil's Handwriting, 2007, S. 21 und S. 31).
  • [99] Ronald Robinson, "Non-European foundations of European imperialism: sketch for a theory of collaboration", in: Roger Owen & Bob Sutcliffe (Hg.), Studies in the theory of imperialism, London 1977 (4. Aufl.), S. 117-142; ders., "The Excentric Idea of Imperialism, with or without Empire", in: Wolfgang J. Mommsen, Jürgen Osterhammel (Hg.), Imperialism and After. Continuities and Discontinuities, London 1986, S. 267-289.
  • [100] Die Allianzbasis des Imperialismus bzw. der ausgehandelte Charakter imperialer Macht wird in der historisch-soziologischen Literatur im Übrigen auch mit Bezug auf nicht-europäische Reiche immer stärker betont, vgl. etwa Karen Barkey, Empire of Difference. The Ottomans in Comparative Perspective, Cambridge 2008, v.a. S.10.
  • [101] Parsons, The Rule of Empires, S.146 und S.324ff.
  • [102] Diese Einsicht verdanke ich – wie so vieles – Peter Waldmann.


Published 2012-06-26


Original in German
First published in Mittelweg 36 3/2012

Contributed by Mittelweg 36
© Wolfgang Knöbl / Mittelweg 36
© Eurozine
 

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