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Unter Druck

Die Entstehung individuellen Leistungsstrebens um 1900


Es gehört zu den ehernen Glaubenssätzen moderner Gesellschaften, dass jeglicher "Happiness" zunächst einmal schweißtreibender "Pursuit" vorauszugehen habe. Die motivationsstimulierende Wirkung dieses Credos liegt auf der Hand. Es setzt jede(n) Einzelne(n) als potentiellen Schmied des eigenen Glücks gleichermaßen unter Aktivitätsdruck, legt es doch nahe, Erfolg als zwangsläufiges und somit verdientes Resultat persönlicher Leistung zu betrachten. Zwar ist offensichtlich, wie wenig das stimmt. Niemand zweifelt schließlich daran, dass manch gute Schülerin ihre Erfolge auch dem Einsatz ihrer Eltern verdankt, ebenso mancher Unternehmer seinen Mitarbeitern, die Sportlerin ihrem Trainer, der berühmte Professor seiner Assistentin etc. Und doch klammern wir uns an den Glauben, Leistung sei vor allem individuell zuzurechnen. Dementsprechend fordern und fördern wir Leistungsbereitschaft als wichtige persönliche Tugend, und das prägt unseren Umgang mit Erwerbsarbeit und Bildung ebenso wie unsere Freizeitgestaltung und unser Beziehungsleben. Aber warum? Und seit wann eigentlich?

Im öffentlichen Diskurs, aber auch in der Wissenschaft, wird gerne suggeriert, individuelles Leistungsstreben sei seinem historischen Ursprung nach genuin "bürgerlich". Es müsse folglich in den Dekaden um 1800 oder sogar noch früher entstanden sein, also in der Zeit, der auch die berühmte Formel vom individuellen Recht auf den "Pursuit of Happiness" entstammt. Diese Vorstellung, die sich unter anderem in dem stehenden Begriff vom "bürgerlichen Leistungsethos" niedergeschlagen hat, ist tendenziell positiv konnotiert. Dass jedes einzelne Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft etwas zu leisten bereit ist, erscheint als charakteristische Errungenschaft einer Sozialformation, die sich im Zeitalter der Aufklärung jenseits feudalständischer Strukturen herausgebildet und dabei das von Max Weber beschriebene protestantische Arbeitsethos ebenso verinnerlicht wie vorangetrieben hat.

Diese Auffassung wird häufig von einer zweiten, komplementären These begleitet, bei der oft ein eher kritischer Ton mitschwingt. Demnach seien die im 20. Jahrhundert von Amerika nach Europa ausstrahlenden Rationalisierungsbewegungen des Taylorismus und Fordismus, durch die auch Fabrikarbeiter und Angestellte auf einmal methodisch zu ständiger Effizienz und Selbstkontrolle gezwungen wurden, für eine gesamtgesellschaftliche Verankerung des Leistungsprinzips verantwortlich. Beide Thesen sind sicher nicht ganz falsch. Es spricht aber einiges dafür, individuelle Leistungsorientierung nicht als das zwangsläufige Resultat der Herausbildung "bürgerlicher" Wertvorstellungen im Verlauf von zwei Jahrhunderten zu verstehen, sondern als konstitutives Moment einer eher kurzen Episode der europäischen Geschichte: Der heutige Leistungsbegriff mit all seinen Implikationen bildete sich genaugenommen nämlich erst zusammen mit der Massengesellschaft heraus, also gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in jener historischen Phase, die in der Wissenschaft unter dem Begriff der "langen Jahrhundertwende" verhandelt wird.

Was aber war um 1900 mit "Leistung" gemeint? Zumindest für den deutschsprachigen Raum lässt sich das an Thomas Manns Wälsungenblut veranschaulichen. Die Novelle sollte ursprünglich 1906 veröffentlicht werden, im letzten Moment zog der Schriftsteller sie allerdings zurück, weil er einen Skandal fürchtete. Mann schildert darin die inzestuöse Erotik eines bürgerlichen, hochintelligenten, snobistischen und allzu selbstverliebten Zwillingspaares, wozu ihn seine Ehefrau Katja und deren Bruder inspiriert haben sollen. Die Zwillinge der Novelle, der neunzehnjährige Siegmund Aarenhold und seine Schwester Sieglind, sind einander nicht nur ausgesprochen zugetan, sie sind auch ausgesprochen leistungsorientiert. Sie marschierten, heißt es über sie, "an der Spitze des Geschmacks und verlangten das äußerste. Sie gingen hinweg über das, was Absicht, Gesinnung, Traum und ringender Wille geblieben war, sie bestanden erbarmungslos auf dem Können, der Leistung, dem Erfolg im grausamen Wettstreit der Kräfte, und das sieghafte Kunststück war es, was sie ohne Bewunderung, doch mit Anerkennung begrüßten."

Diese Zwillingsbeziehung ist die Symbiose zweier Bürgerkinder, denen stets alles gelingt – ohne dass sie sich übermäßig anstrengen müssen. Ganz anders der Vater, ein erfolgreicher jüdischer Unternehmer, den uns die Novelle beim Mittagessen präsentiert. Die Familie hat zu diesem Mahl einen Gast aus dem Adel eingeladen und betreibt mit ihm gehobene Konversation, wobei Siegmund und Sieglind durch ihren messerscharfen Verstand, ihre breite Bildung und ihre Eloquenz brillieren, während das Familienoberhaupt durch plumpe Bemerkungen unangenehm auffällt. Für diese Plumpheit gibt es biographische Gründe, denn Herr Aarenhold hat sich aus einfachen Verhältnissen emporgearbeitet. Er war "ein Wurm gewesen, eine Laus, jawohl; aber eben die Fähigkeit, dies so inbrünstig und selbstverachtungsvoll zu empfinden, war zur Ursache jenes zähen und niemals genügsamen Strebens geworden, das ihn groß gemacht hatte". Die Kinder allerdings messen die intellektuellen Fähigkeiten ihres Vaters an einem allgemeingültigen Maßstab, der die Aufstiegserfahrung des Redenden nicht in Rechnung stellt. Sie machen sich deshalb über ihn lustig, wobei der Vater das Gelächter bei Tisch nicht nur mit stoischer Gelassenheit erträgt. Er scheint seinem Nachwuchs sogar recht zu geben. Denn als der Gast der Familie dem Hausherren zur Seite springt, da weist ihn Herr Aarenhold mit folgenden Worten zurecht: "Sie sind sehr gutmütig, mein Lieber. Sie nehmen den guten Willen in Schutz. Resultate, – mein Freund! Sie sagen: Es ist zwar nicht ganz gut, was er macht, aber er war nur ein Bauer, bevor er zur Kunst ging; so ist auch dies schon erstaunlich. Nichts da. Die Leistung ist absolut. Es gibt keine mildernden Umstände. Er mache, was ersten Ranges ist, oder er fahre Mist."

Hier sind drei zentrale Merkmale einer spezifisch modernen Leistungssemantik versammelt, wie sie auch heutige Debatten noch immer prägt. In Wälsungenblut figuriert Leistung erstens als etwas, das sich individuell zuordnen lässt. Es geht stets um die Leistung einzelner Akteure, die allein für diese Leistung verantwortlich zu sein scheinen und deren Wert sich über ihre Leistungsfähigkeit bemisst. Zweitens wird Leistung verknüpft mit "Können" und "Erfolg". Es geht um Fähigkeiten, die nicht latent bleiben dürfen, sondern sich in "Resultaten" manifestieren müssen. Wälsungenblut beschreibt in diesem Sinne einen ergebnis- oder "outputorientierten" Leistungsbegriff, der sich nicht auf den Einsatz oder den "Input" – etwa die Anstrengung, den Fleiß oder den von Herrn Aarenhold erwähnten "guten Willen" des Subjekts – beschränken lassen möchte, obwohl er mit diesem verknüpft ist. Drittens soll die individuell zurechenbare, sich nach außen manifestierende Leistung allgemeingültig sein: Sie wird nicht relativ im Verhältnis zu den Anlagen oder den Lebensumständen eines Menschen gedacht, sondern an einem für alle gleichermaßen verbindlichen Maßstab gemessen. "Mildernde Umstände" gibt es nicht. Vor der Leistung, so könnte man formulieren, sind alle Menschen gleich.

Dieser Leistungsbegriff war um 1900 im deutschsprachigen Europa weit verbreitet, und zwar gerade in jener bürgerlichen Welt, in der sich Thomas Mann bewegte und in der er seine Novelle ansiedelte. Als eine um Besitz und Bildung kreisende Sozialformation, die weniger eine ähnliche ökonomische Lage als vielmehr ein Lebensstil einte, eine spezifische "Kultur und Lebensführung" (Jürgen Kocka), hatte sich das Bürgertum jedoch schon rund hundert Jahre vorher herausgebildet – und in dieser Zeit war ihm die Idee personenbezogener und ergebnisorientierter Leistung eher fremd.

In bürgerlichen Selbstzeugnissen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts kam zum einen das Wort in dem eben erläuterten Sinne gar nicht vor. Folgt man Briefen, Tagebüchern und Autobiographien, dann "strebten" und "schafften" Juristen, Kaufleute und Lehrer bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Sie "leisteten" jedoch nicht. Auch zeitgenössische Entwürfe der bürgerlichen Gesellschaft verzichteten auf den Terminus. Dass die Geschichtlichen Grundbegriffe das Lemma nicht führen, ist daher kein Versäumnis der Herausgeber, sondern sachlich vollkommen zutreffend.[1] Die europäische "Sattelzeit" (Reinhart Koselleck) zwischen Mitte des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts, in der unter dem Eindruck eines zunehmend zukunftsoffenen Erwartungshorizonts solch zentrale Termini bürgerlicher Selbstbeschreibung wie "Fortschritt" oder "Freiheit" in ihrer heutigen Bedeutung geprägt wurden, kannte schlichtweg keinen analog profilierten Leistungsbegriff.

Angesichts der landläufigen These von der bürgerlichen Leistungsorientierung ist das ein bemerkenswerter Befund. Natürlich liegt der Einwand nahe, ein moderner Leistungsgedanke könnte der Sache nach bestanden haben, noch bevor sich das entsprechende Vokabular herausbildete. Dagegen spricht jedoch, dass die Entwürfe der bürgerlichen Gesellschaft, die um Bildung und Besitz, um Arbeit und Vernunft, um Autonomie und Geselligkeit kreisten, vom Leistungsdiskurs der Gegenwart denkbar weit entfernt waren. Das Ideal, dem sie in aller Regel folgten, war das des "ganzen Menschen", der tugendhaft und strebsam seine Anlagen vervollkommnen sollte, wozu regelmäßige Arbeit, aber auch intensive Lektüre sowie das beständige Gespräch mit Freunden und der innige Umgang mit Familie und Kindern gehörten. Der berufliche Erfolg folgte dann gleichsam automatisch und beiläufig, er wurde erwartet, aber er war kein Wert an sich. Bürgerinnen und Bürger setzten zwar durchaus auf Fleiß und Anstrengung im Sinne einer christlich fundierten, methodischem Lebensführung. Aber dabei ging es weit mehr um eine möglichst umfassende innere Orientierung der jeweiligen Person als um die von ihr nach außen unter Beweis gestellten Fähigkeiten, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als "Leistung" gefasst werden sollten.

Sofern am Wertehimmel von Bürgerinnen und Bürgern im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert neben Fixsternen wie Bildung, Fleiß und Selbständigkeit überhaupt so etwas wie "Leistung" strahlte, dann bestenfalls in diesem aus heutiger Sicht befremdlich introvertierten Sinne. Wörterbücher des ausgehenden 18. Jahrhunderts kannten das Wort "Leistung" zwar durchaus, aber es markierte vor allem soziale Pflichten. Das 1809 von Joachim Heinrich Campe bestellte Wörterbuch der deutschen Sprache verwies unter dem Lemma "leisten" etwa darauf, dass ein Mensch dem anderen Gehorsam zu leisten habe – oder er solle ihm Gesellschaft leisten. Dieser Leistungsbegriff bestimmte offenbar nicht den Wert eines Individuums, sondern qualifizierte die Beziehung zwischen mindestens zwei Individuen. Und die gleichsam zwischen diesen stehende Leistung ließ sich nicht auf einer nach oben offenen Skala quantitativ abmessen und ins Unendliche steigern, sie war vielmehr binär codiert. Hatte ein Akteur das, wozu er verpflichtet war, erfüllt, so war seine Schuld abgeleistet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dachten deutschsprachige Lexikonautoren darüber bereits anders. An die Stelle sozialer Pflicht war der mechanische Output getreten. "Leistung", informierte das Brockhaus Konversationslexikon von 1892, "in der Mechanik soviel wie Effekt (s.d.)". Das verweist auf einen naturwissenschaftlichen Leistungsbegriff, der im Verlauf des 19. Jahrhunderts in wissenschaftlichen Diskursen Kontinentaleuropas Einzug hielt. Wie Anson Rabinbach gezeigt hat, machten in der zweiten Jahrhunderthälfte verschiedenste Disziplinen von der Physik bis zur Arbeitswissenschaft individuelle Schaffenskraft zu ihrem Thema, wobei sie menschliche Leistungen analog zu maschineller Arbeitskraft dachten und das Konzept eines "human motor" entwarfen.[2] Aber auch jenseits wissenschaftlicher Diskurse und ohne direkten Rekurs auf die Metapher der Menschmaschine avancierte die Idee individueller Leistungskraft nun zu einer oft genutzten Selbstbeschreibungsformel. Gegen Ende des Jahrhunderts versicherten sich bürgerliche Männer in Tagebüchern, Briefen und Autobiographien ihrer eigenen Leistungskraft oder sorgten sich um deren Erhalt, während bürgerliche Frauen die Leistungskraft ihrer Ehemänner und Söhne lobten, bewunderten, bestärkten oder auch einforderten. "Ich liebe am Manne nur die Leistung. Je größer die Leistung, desto mehr muss ich ihn lieben", ließ Alma Mahler ihren Ehemann, den Komponisten Gustav Mahler, auf einem Spaziergang angeblich wissen.[3]

Bürgerliche Frauen wie Alma Mahler huldigten dem Fetisch Leistung möglicherweise besonders hingebungsvoll, und diese Hingabe ist gut überliefert. Aber als Selbstbeschreibungsformel war Leistung in der langen Jahrhundertwende nicht spezifisch "bürgerlich". Die Reflexion der eigenen Leistungskraft hatte sich da längst in Selbstzeugnissen anderer sozialer Gruppen als Thema etabliert. Unter dem Titel Vom Amboß zum Doktoreid. Eine Geschichte für solche, die vorwärts kommen wollen erschien beispielsweise 1917 die Autobiographie Gustav Weises, der sein Leben als eine von Leistungsstreben gezielt vorangetriebene Aufstiegsdynamik beschrieb.[4] Weises früh verstorbener Vater war Handwerker oder Arbeiter gewesen, er selber schloss an die Ausbildung zum Techniker ein Studium an. Während die bessergestellten Studierenden abends dem Kneipenleben frönten, so seine Erinnerung, lernte er selber ohne Unterlass, oder er arbeitete, um das Studium zu finanzieren. Das schloss Weise schließlich mit der besten Note der Abschlussklasse ab, wie er stolz berichtete. Ganz offensichtlich schaute er seinen erfolgsorientierten Lerneifer keineswegs von bürgerlichen Kommilitonen ab, sondern übertrumpfte diese.

Allgemeiner lässt sich formulieren, dass individualisierte und ergebnisfixierte Leistungsorientierung nicht primär vom Bürgertum ausging und von dort in andere soziale Gruppen diffundierte. Vielmehr etablierte sie sich quer zu bestimmten Gruppen in der im ausgehenden 19. Jahrhundert entstehenden Massengesellschaft – und setzte gerade die Bürgerlichen schließlich unter Druck. Unter Druck gerieten Männer aus dem etablierten Bürgertum aber nicht allein, weil sie sich nun mitunter mit leistungsorientierten "Emporkömmlingen" messen mussten, wie die Aufsteiger jener Zeit pejorativ genannt wurden. Hinzu kam, dass sich um die Jahrhundertwende eine neue Sozialtechnologie etablierte, der standardisierte Leistungstest. Obwohl ein solcher Leistungstest zunächst einmal deskriptiv die in einer konkreten Situation abgerufenen Fähigkeiten eines Menschen ermittelt, verspricht er doch tendenziell, auch über die dahinterstehenden Leistungspotentiale und zugleich prospektiv über zukünftig zu erwartende Leistungen Auskunft zu geben. Der Einzelne erfährt, wo er mit seiner Leistungskraft im Vergleich zu allen Anderen vermeintlich objektiv steht. Das wiederum wirkt auf das Selbstverständnis des Subjekts zurück, und es ist symptomatisch für den "Normalismus" der Moderne – jene von Jürgen Link beschriebenen Tendenz, den Menschen auf eine gleichsam von der Masse aus gedachte, in Kurven verlaufende Normalität zu eichen.[5]

Erstaunlich viele in Europa verwendete Leistungstests wurden in der langen Jahrhundertwende entwickelt. Nicht nur Ökonomie und Physik, auch die noch jungen Disziplinen der Psychologie, Physiopsychologie und die schon erwähnte Arbeitswissenschaft wagten sich an die Vermessung körperlicher, kognitiver und psychischer Kompetenzen. Sie entwarfen eine Reihe von Testverfahren für den Arbeitsplatz, ihr Wissen strahlte aber auch in die Pädagogik aus und trieb die Professionalisierung und Standardisierung von Prüfungen im Bildungswesen voran – der damals entwickelte Intelligenztest ist in modifizierter Form trotz aller Kritik noch heute in Gebrauch.

Neben den Praxisfeldern der Arbeit und der Bildung etablierten sich Leistungstests außerdem in der modernen Freizeitkultur. Die ebenfalls noch junge Sportwissenschaft begleitete die Vermessung körperlicher Fitness und gab Ratschläge für das "body building". Parallel etablierten sich Sportarten wie das Radfahren, die nicht nur auf die unmittelbare Konkurrenz der Sportler – und mitunter auch Sportlerinnen – setzten, sondern deren jeweilige Ergebnisse mit Hilfe von Stoppuhren technisch vermaßen und schriftlich fixierten. In den Dekaden um 1900 sind die Anfänge des modernen Leistungssports zu suchen, und parallel kam es zur Wiederbegründung der Olympischen Spiele, die quantitatives Rekordstreben gleichsam globalisierten. So avancierten Leistungstests nicht nur zu einem Steuerungselement von Bildungsabschlüssen und Erwerbspositionen, sondern auch zu einem wichtigen Element der von Michel Foucault beschriebenen "Technologien des Selbst", also jenen Praktiken, mit denen Menschen eine Beziehung zu sich selbst herstellen und ihre Individualität modellieren.

Die Erwerbsarbeit war also keineswegs die einzige Sphäre, für die im ausgehenden 19. Jahrhundert Leistungstests entwickelt wurden. Vielmehr scheint das Interesse an der Vermessung individueller Potenz in den Praxisfeldern der Arbeit, der Bildung und der Freizeit parallel angeschwollen zu sein. Es wäre vorschnell, dahinter das tendenziell illegitime Ausgreifen einer Logik des Marktes auf die private Lebenswelt zu verstehen, weil der Markt, wenn er auf reinen Wettbewerb setzt, die Praxis des Leistungstests überhaupt nicht braucht. Folgt man Christiane Eisenberg, dann erfreute sich das Leistungsprinzip ausgerechnet in England, dem Vorreiter moderner Marktgesellschaften, im Vergleich zum Kontinent lange Zeit "keiner besonderen Wertschätzung".[6] In Deutschland dagegen scheint das Interesse an Theorien individueller Leistungskraft und an Techniken seiner Vermessung um 1900 besonders stark ausgeprägt gewesen zu sein. Vermutlich war das der Fall, weil sich die Deutschen mit den Dynamiken einer modernen Ellenbogengesellschaft lange nicht abfinden mochten und darauf hofften, Erfolge an objektiv bestimmte Leistungskriterien binden zu können. Dagegen dürfte die Idee des Wettbewerbs in England zu diesem Zeitpunkt bereits so fest verankert gewesen sein, dass man der Sozialtechnologie des Leistungstests zur vermeintlichen Objektivierung von Konkurrenzbeziehungen nicht bedurfte.

Aber auch in Deutschland war die Einführung von Leistungstests umstritten. Anders als heutzutage warf man ihnen allerdings keineswegs vor, als verschleierte Kulturtests die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu legitimieren. Die Sorge war im Gegenteil, ein Leistungstest könne Menschen aus unteren sozialen Gruppen übermäßig begünstigen und den Eliten so zur Bedrohung werden. Tatsächlich beschrieben Aufsteiger und Aufsteigerinnen mitunter in ihren Autobiographien, wie gute Testergebnisse ihnen Selbstbewusstsein verschafften und sie erfolgreich nach Höherem greifen ließen. Entsprechend waren es die durch die aufstrebende Arbeiterschaft irritierten Bürgerlichen und auch der Adel, die sich der Etablierung von Leistungstests zuweilen hartnäckig widersetzten. Der Historiker Heinrich von Treitschke etwa erklärte 1874 in seinem Aufsatz Der Socialismus und seine Gönner: "die gemäßigten Socialisten verherrlichen die gleiche Erziehung aller Kinder und wollen dann jenen Knaben, die im Examen sich bewähren, eine höhere Bildung von Staatswegen geben. Offenbar eine Sünde wider die Natur. Denn dies System reißt den Knaben willkürlich von der Vergangenheit seines Hauses los, entfesselt einen rasenden Ehrgeiz, der jedes Rechtsgefühl zerstört, und giebt schließlich gar keine Gewähr für die Herrschaft der Besten. Den Aberglauben an die Unfehlbarkeit der Examina sollten wir den Mandarinen China's überlassen; die Lebenskraft starker Männer spottet jeder Voraussicht, auch der Weisheit socialistischer Staatsbehörden".

Unabhängig davon, wie oft der Leistungstest als fernöstlicher Aberglaube und als sozialistische Anmaßung diffamiertet wurde und ob er tatsächlich über ein demokratisches Potential verfügte, er verdankte seine Anziehungskraft auch der überhitzten Atmosphäre der langen Jahrhundertwende selbst. Diese Zeitspanne wird in der Geschichtswissenschaft nachgerade als "Aufbruch in die Moderne" gesehen.[7] Denn in den Dekaden um 1900 bildete sich der Typus des modernen Sozialstaats heraus, die modernen Massenmedien und Massenparteien entstanden, aber auch das System der Human-, Medien- und Sozialwissenschaften sowie die von ihnen institutionalisierte Selbstreflexivität der Moderne. Und dieser Übergang vom bürgerlichen zum Massenzeitalter könnte ein Übergang in die moderne Leistungsgesellschaft gewesen sein. Das lässt nicht zuletzt die Modekrankheit des Fin-de-Siècle vermuten, die Neurasthenie. Die Betroffenen klagten über eine diffuse Symptomatik, zu der Herzrasen, Zittern und eben die Sorge um mangelnde Leistungskraft zählten. Dass Bürgerliche die Nervenheilanstalten der Jahrhundertwende besonders oft aufsuchten, hing sicherlich mit ihren finanziellen Ressourcen zusammen. Aber vielleicht waren die bis dahin weichgebetteten und von einem inneren Bildungsanspruch getragenen Bürgerkinder auf die neuen Anforderungen an das Subjekt, das sich von außen vermessen und einstufen lassen sollte, auch besonders schlecht vorbereitet?

Das verdeutlich noch einmal, dass individuelle Leistungsorientierung nichts genuin Bürgerliches war, sondern dem bürgerlichen Selbstverständnis zum Teil sogar entgegenstand. Erst um 1900 wurde das unverwechselbare bürgerliche "Individuum" zum modernen, von der Masse aus bewerteten Subjekt. Aber was genau verschaffte der Sozialtechnologie des Leistungstests gegen Ende des bürgerlichen Zeitalters ihre Evidenz und Dringlichkeit? Zu den Voraussetzungen zählten mit Sicherheit die schon erwähnten wissenschaftlichen Diskurse, die Metapher der Menschmaschine, aber auch der Darwinismus oder die Entwicklungen der Statistik. Hinzu kamen technologische Innovationen, denn viele Testverfahren verdankten ihre Überzeugungskraft der angeblichen Objektivität eines technischen Geräts. Mindestens ebenso aber ist an transnationale Verflechtungen zu denken. In der ersten Phase der Globalisierung konkurrierten die europäischen Nationen in einem vorher nicht bekannten Ausmaß und waren zugleich auf das engste miteinander und mit der außereuropäischen Welt verflochten. Sie verglichen die Zahl ihrer Kolonien, die Entwicklung ihrer ökonomischen und militärischen Stärke oder die Statur ihrer Bürgerinnen und Bürger. Es liegt daher nahe, Rückkoppelungseffekte zwischen der Institutionalisierung von Leistung als individueller und kollektiver Selbstbeschreibungsformel zu vermuten – eine Dynamik, die allerdings erst noch untersucht werden muss.

Schließlich hat die Geschichtswissenschaft das Ausmaß sozialer Mobilität um 1900 lange unterschätzt. Die im Vergleich zu früheren Zeiten relative Offenheit sozialer Strukturen versetzte alle Schichten gleichermaßen in einen Konkurrenzkampf, den die Sozialtechnologie des Leistungstests zu regulieren und damit nach allseits anerkannten Kriterien abzufedern versprach. Zugleich konnte die Denkfigur einer individuellen, ergebnisorientierten und von außen messbaren Leistung zum Motor sozialen Aufstiegs werden und diesen auch nachträglich legitimieren. Es ist daher kein Zufall, dass in Thomas Manns Novelle Wälsungenblut ausgerechnet der Aufsteiger der Familie, der Vater, seinem adeligen Gast gegenüber die Vorstellung einer von biographischen Hintergründen abstrahierenden, individuellen und sich in Resultaten manifestierenden Leistungskraft verteidigt.

Ob es heutzutage wieder notwendig ist, diese Idee in Erinnerung zu rufen, scheint zweifelhaft. Zwar konstatiert der Soziologe Sighard Neckel eine partielle "Erosion des Leistungsprinzips", das in bestimmten Bereichen der Erwerbssphäre durch reine Erfolgsorientierung ersetzt worden sei.[8] Trotzdem ist das Ausmaß, in dem sich Menschen über ihre Leistung definieren beziehungsweise über das, was sie selbst und andere dafür halten, immens. Bestenfalls wäre also daran zu erinnern, wie unbürgerlich diese Orientierung ihrem Ursprung nach ist – und damit wie wenig elitär. Wir haben es statt mit einer originären Hinterlassenschaft des Bürgertums mit den Spätfolgen einer von ökonomischer Dynamik, sozialer Mobilität, globaler Verflechtung und nationalem Konflikt geprägten Zeit zu tun, deren Spannungen sich ebenso in Sanatorien wie im Ersten Weltkrieg entluden, aber auch manche Aufstiegsbiographie in bürgerliche Sphären hinein ermöglichten. "Wie weit hätte ich es gebracht mit Ihrer dankbaren Gesinnung?", fährt daher der Unternehmer Aarenhold an seinen Gast gerichtet fort: "Ich hätte mir sagen können: Du bist nur ein Lump, ursprünglich; 's ist rührend, wenn du dich aufschwingst zum eigenen Kontor. Ich säße nicht hier. Ich habe die Welt zwingen müssen, mich anzuerkennen, – nun also, auch ich will zur Anerkennung gezwungen werden."


 

  • [1] Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Stuttgart: Klett-Cotta 1972-1997.
  • [2] Anson Rabinbach, The Human Motor. Energy, Fatigue, and the Origins of Modernity. New York: Basic Books 1990; Philipp Sarasin / Jakob Tanner (Hrsg.), Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt: Suhrkamp 1998.
  • [3] Ein Glück ohne Ruh'. Die Briefe Gustav Mahlers an Alma. Berlin: Siedler 1995.
  • [4] Vgl. Peter Alheit / Frank Schömer, Der Aufsteiger. Autobiographische Zeugnisse zu einem Prototypen der Moderne von 1800 bis heute. Frankfurt: Campus 2009.
  • [5] Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998.
  • [6] Christiane Eisenberg, Englands Weg in die Marktgesellschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009.
  • [7] Vgl. August Nitschke u.a. (Hrsg.), Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880-1930. 2 Bände. Reinbek: Rowohlt 1990.
  • [8] Sighard Neckel, Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft. Frankfurt: Campus 2008.


Published 2012-05-08


Original in German
First published in Merkur 5/2012 (German version)

Contributed by Merkur
© Nina Verheyen / Merkur
© Eurozine
 

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