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Die Partei der Natur

Die Grünen in der politischen Kultur der Bundesrepublik


Dreißig Jahre benötigte die Grüne Partei, um in Deutschland Wahlen zu gewinnen, also auf demokratische Weise Machtfragen zu ihren Gunsten zu beantworten. Inzwischen stellt sie den Ministerpräsidenten in einem der wichtigsten und wirtschaftsstärksten deutschen Flächenländer. Von den meisten Beobachtern war die erfolgreiche Auseinandersetzung um die Seniorposition in einer Koalitionsregierung jedoch zu Recht als symbolisch oder nachholend gewertet worden. Viel stärker fiel ins Gewicht, dass der Wahlsieg in Baden-Württemberg nur sichtbar machte, wie tief und wie nachhaltig der Habitus dieser Partei die politischen Vorstellungswelten, die neuen Ordnungsmuster und die Gefühlslagen des bundesdeutschen Wahlbürgertums bereits beeinflusst hatte, und zwar ungeachtet klassischer Trennlinien, ob sie nun Einkommensschichtung, kulturelles Milieu, Bildungsstand, Beschäftigungsverhältnis oder traditionelles Wahlverhalten betreffen. Um die Dimension dieser dreißigjährigen Veränderungskraft zu bezeichnen, ist Antonio Gramscis Hegemoniebegriff bemüht worden. Danach wäre es den Grünen gelungen, die eigenen Ziele als solche der Gesellschaft auszugeben: ein strategischer Sieg einer Partei mit weltanschaulichem Anspruch.

Vielleicht ist es jedoch anders, sogar weiterreichend. Dann wäre der Aufstieg der Grünen im Rahmen einer Entwicklung zu sehen, die sie maßgeblich geprägt haben, von der sie aber nur ein Teil sind. Ihre Hegemonie wäre dann der Ausdruck einer längerfristigen Transformation des politischen Milieus in der Bundesrepublik. Diese Transformation beträfe die Chance, allgemeine politische Ziele, ja die Definition von Gemeinwohl frei auszuhandeln, was ein Novum innerhalb einer bunt erweiterten, in ihren Grundströmungen aber immer noch formierten Parteienlandschaft wäre. Das hieße allerdings auch: das gesellschaftlich autonome, nicht durch Programmatik oder Taktik festgelegte Zustandekommen neuer politischer Ziele machtpolitisch zur Geltung zu bringen und den Staat darauf zu verpflichten.

Es setzte sodann auch die politischen Akteure unter Druck, auf diese ihrer Kontrolle entglittenen Prozesse zu reagieren, als ein unerwarteter Zwang zur Responsivität. Alle Parteien, sofern sie Ambitionen aufs Regieren haben, sind davon betroffen, wenn sich die Definitionsmacht des Gemeinwohls von den verfassungsmäßig dazu legitimierten Institutionen ablöst und in die Gesellschaft hineinwandert, auch die Grünen. Dann wäre ihr zentrales politisches Thema größer als die Partei. Die Transformation des bundesrepublikanischen politischen Milieus wird nicht beendet sein, wenn die Grünen wieder Wahlen verlieren. Die Frage ist also: Was werden die Grünen gewesen sein?

Als sie sich im Januar 1980 in Karlsruhe als Bundespartei konstituieren, kocht die Ursuppe ihres Milieus schon geraume Zeit. Naturschützer, Anti-AKWler, die Friedens- und die Frauenbewegung blicken bereits auf erfolgreiche Kämpfe zurück. K-Gruppen als versprengte Überbleibsel der Studentenbewegung stoßen hinzu und machen die Entscheidung, die außerparlamentarische Auseinandersetzung zugunsten einer Integration ins etablierte politische System aufzugeben, zur dramatischen Prinzipienfrage. Die neue Partei will "ökologisch, basisdemokratisch und gewaltfrei" sein. Es zeigt sich rasch, dass dieses einer schmerzhaften Kompromissbildung abgerungene Tableau von Zielsetzungen einer öffentlichkeitswirksamen Zuspitzung weichen muss: Der ökologische Aspekt tritt in den Vordergrund. Es ist ein ziemlich schillernder Begriff von Natur, für den die Grünen seither stehen und Sympathien auf sich ziehen.

Das Naturthema erweist sich als inklusiv gegenüber den oft skurrilen, nur aus den Zufälligkeiten der Konstitutionsphase zu erklärenden politischen Forderungen des grünen Milieus in den ersten Jahren, aber es erweist sich auch als langfristig inklusiv in Hinblick auf die Stimmungslagen einer spätmodernen Industriegesellschaft. Das Naturthema reflektiert im richtigen Moment den rousseauistischen Affekt der späten Siebziger, und es absorbiert mit der Zeit eine Vielzahl zivilisationsskeptischer, romantischer, religiös-spiritueller Unterströmungen, die sich in der deutschen Kultur lange erhielten. Die Sorge um die natürlichen Lebensgrundlagen einigt das Milieu: Technik, Wissenschaft und offizielle Kultur, so glaubt man, lösen eine Entwicklung zum Schlechten aus.

Die Grünen des heroischen Anfangs beantworten Jean-Jacques Rousseaus Frage der Abhandlung über den Ursprung und die Gründe der Ungleichheit unter den Menschen neu, aber nicht anders. 1972 war mit dem Bericht des Club of Rome sogar eine als wissenschaftlich geltende Analyse greifbar, die der westlichen Lebensweise ein bitteres Ende vorhersagte, sollte sie sich nicht radikal verändern. Die durch den Jom-Kippur-Krieg 1973 ausgelöste Ölkrise führte wenig später die Verletzlichkeit des bundesdeutschen Wohlstandssystems vor Augen, mit anschließender Rezession und steigenden Arbeitslosenzahlen. Im Mai 1975 verloren die Amerikaner den Vietnamkrieg endgültig; der selbstgerechte, brutale, imperialistische, ressourcenfressende Way of Life hatte sich diskreditiert.

Nicht gestärkte christliche Religiosität, nicht ein erneuertes Naturrecht treibt in diesen Jahren das Naturthema an die Oberfläche, sondern eine existentiell zugespitzte Zivilisationskritik. "Natur" artikuliert ein umfassendes Unbehagen. Es ist kein Zufall, dass der Kampf gegen die Atomkraft zum ersten politischen Subziel der grünen Bewegung aufsteigt. Kernenergie provoziert nicht nur deswegen, weil ihre kaum zu gewährleistende Kontrolle der ökologischen Unterlassungsmoral widerspricht, sondern weil sie in jener Zeit das letzte – und bizarre – Versprechen auf eine affluente, mit Ressourcenfragen nicht mehr befasste technische Zivilisation darstellt. Die Technikutopie steht seither direkt gegen die Austeritätsutopie. Kernkraft ist tödlich, täuschend, luxurierend, der Ausdruck eines mangelnden Gefährdungsbe wusstseins, einer fehlgeleiteten Vernunft und einer pervertierten Zivilisation. "Natur" markiert nicht weniger als die Gegenwelt. Das Wort erhält in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung: Es wird zum einen ein aktiver politischer Kampfbegriff, an den sich programmliche Ziele knüpfen, und es markiert zum anderen einen absoluten, ja einen endzeitlichen Horizont selbstverschuldeter Vernichtung als Grundlage einer neuen Gesellschaftsmoral.

Es ist müßig zu entscheiden, ob im Rahmen dieser unübersichtlichen, von Ängsten und Erwartungen geprägten Debatten tatsächlich ein älterer Naturbegriff aufgerufen wurde, nämlich Natur als Ursprung, als "arché", so mächtig im Prinzip, dass sie auch das ihr Entgegengesetzte, die Kultur, die Gesellschaft und die Technik noch umgreift und einen letzten Appell an die Naturgeborenen richtet, zu ihr zurückzukehren. Oder ob nicht simplere Endzeitvorstellungen der christlichen Tradition mobilisiert wurden, wenn nicht gar von der Hippiekultur popularisierte Visionen eines Kali-Yuga, also die im hinduistischen und buddhistischen Raum verbreitete Idee einer moralischen Verfallszeit, die dem Untergang der Welt vorausgeht. Jedenfalls wird diese Natur gottlos, das heißt modern gedacht, eine teleologische Sicht auf sie schließt das aus.

Die ökologisierte Natur bleibt das "große Ganze" Voltaires, doch es fällt ein nachmoderner apokalyptischer Schatten auf sie. Die Natur ist die Geschichte ihrer Denaturierung, längst hat sie die Kraft eingebüßt, aus sich heraus in ein Gleichgewicht zurückzufinden. Dieses Ende wäre ganz ohne säkulares Gnadenangebot in der Tat verzweifelt, denn die Aussicht auf einen "deus malignus sive natura" wäre nur lähmend. In der technisch und wissenschaftlich beherrschten Welt tobt deswegen ein letztes moralisches Gefecht. Der selbstgewisse und steuerungslose Gesamtzusammenhang droht nur dann seiner Autodestruktivität zu erliegen, wenn die Menschheit sich nicht am Ende selbst in den Arm fällt.

Ein ethischer Dezisionismus tritt auf den Plan, von dem weder Voltaire noch Spinoza sich je hätten träumen lassen. Die moderne Ideologie der Naturbeherrschung ist zwar an ihr Ende gelangt, aber die ökologische Antwort darauf überschreitet keineswegs die neuzeitliche Vorstellung von Natur als gesetzmäßiger Objektivation, die dem Zugriff der Vernunft offensteht. Die Antwort besteht in einer finalen Geste der Naturbeherrschung – um der Selbsterhaltung willen. Das muss nicht, kann aber in ein politisches Programm münden.

Menschlicher Wille und Natur als gesetzmäßiger Zusammenhang sind auseinandergefallen, sagt also die Zeitdiagnose. Es ist daher eine Willensentscheidung und keine bloße Vernunfterkenntnis, die dazu zwingt, die bisherigen Rationalitätszwänge aufzukündigen und dabei doch im Sinne der "conservatio sui" der Natur zu handeln. Tatsächlich drängt das Agonale und Apokalyptische im ökologischen Naturbegriff zur Aktion. Die erneuerte Selbsterhaltungsmoral kann nicht ruhen, sie ist ungeduldig. Genau dieses Handeln ist das eigentlich naturgemäße, und jenseits der diskreditierten Vernunftkomplexe von Wissenschaft und Technik blüht ein Bereich von Na türlichkeit auf, der die menschliche Praxis betrifft, womöglich sogar Politik werden muss.

In dieser Sphäre ökologisierter Natur wird das vormoderne Spannungsverhältnis zwischen "physei" und "nomos" eingeebnet. Der neue Nomos ist das, was die Natur wirklich will, nämlich fortbestehen. Um dieses Ziel zu erreichen benötigt man weder alternative Weltbilder noch christlichen Glauben. Nicht einmal auf Wissenschaft und Technik muss man verzichten. Im Gegenteil, das große Ganze wäre ohne Vernunftagenten verloren. Die politische Praxis muss daher darin bestehen, die normative Emphase in den Bereichen des Erkennens und der Beherrschung der Natur geltend zu machen. Der Untergang kann nur sukzessive auf dem Zeitpfeil abgewendet werden, mit Hilfe einer naturgemäßen Vernunft, in der "physei" und "nomos" in eins fallen. Weshalb sich ökologische Politik in einer arbiträren Weise auf wissenschaftliche und technische Einzelfragen kapriziert, die, falls geeignet, als normativ markiert werden. Andere werden entsprechend perhorresziert.

Philosophiegeschichtlich gesprochen läuft das auf eine sophistische Position hinaus. In der Sicht der Sophisten ist der menschliche Nomos "von Natur aus" nichts anderes als Physik. Er kommt durch die Sprache, durch "logoi", zustande. Durch Sprache wirkt der Mensch auf die natürlichen Dinge ein, Sprache ist das Instrument, das nach Analogie natürlicher Kräfte vorgestellt wird. Dieses Handeln im Sinne des Naturgesetzes wirkt sich, Platon zeigt es im Gorgias, als Recht des Stärkeren aus. Die Einführung einer Idee von "Natürlichkeit" setzt also enorme agonale Kräfte frei.

So ist die Konstitution der Grünen als Partei in mehr als einer Hinsicht ein konsequenter Vorgang gewesen. In der demokratischen Politik tobt ein Streit um Positionen, nicht um das "Wahre". In ihr setzt sich durch, wer den besseren Nomos, also den stärkeren Logos hat. Der Diskurs ist ein Kriegsschauplatz, mehr oder minder zivil, darin sind sich so unterschiedliche Denker wie Ralf Dahrendorf oder Michel Foucault einig gewesen. Von Beginn an ist die Politik der Natürlichkeit Interessenpolitik. Das mag man als Widerspruch zum gelegentlich anrührenden und gefühlsbetonten Auftreten der Grünen empfinden, ihre politischen Köpfe wussten es immer besser.

In der Rückschau stößt der Blick auf eine Reihe von Anzeichen für ein untergründiges, aber erhebliches Legitimationsdefizit des politischen Systems der Bundesrepublik in den achtziger Jahren. Die Rolle Westdeutschlands im Kalten Krieg hatte sich überlebt, der Ostblock war offensichtlich wirtschaftlich und militärisch nicht länger in der Lage, das Konkurrenzverhältnis zum Westen aufrechtzuerhalten. Nachrüstung und Kernkraft eröffneten weitreichende Konfliktfelder. Das Unbehagen in der politischen Kultur richtete sich auf die pragmatischen Routinen oder den autoritären Führungsstil während der Schmidt-, später der Kohljahre. Auf schleichende Weise kam der Bundesrepublik die weltpolitische Daseinsberechtigung abhanden. Ihre einigermaßen stabile und weit entwickelte demokratische Kultur geriet unter Erneuerungsdruck. Eine solche Regeneration muss nicht mit einem Schlag erfolgen, und sie kann unterschiedliche Wege nehmen. Der gesetzgeberische Impuls der Brandtschen Reformen beispielsweise hatte sich verbraucht oder war unter einer veränderten Finanzlage nicht mehr in – weitgehend konsumtive – Politik umsetzbar. Reformen hatte man erlebt – und war zur Tagesordnung übergegangen.

Die klassische Regeneration eines Gemeinwesens ist die republikanische, also eine symbolisch aufgeladene Beschwörung des nationalen Zusammenhalts in Verbindung mit einer Anpassung der politischen Institutionen an veränderte Bedürfnislagen. Oft ist eine äußere Bedrohung der Anlass einer solchen Vergewisserung von Legitimität. Interessanterweise stand der Bundesrepublik in den Achtzigern genau dieser Weg nicht offen. Eine politische Experimentalphase, womöglich verbunden mit einer zeitweiligen Verfassungskrise, hätten die Verbündeten und hätte der Staat sich selbst in dieser Phase nicht zugestanden, dazu war das Land noch zu sehr in konfrontative Bündnisse eingebunden, dazu fehlte ihm Souveränität.

Und auch im Inneren hatte der Kampf gegen den RAF-Terrorismus Fragen nach einer Veränderung des politischen Institutionengefüges konservativ beantwortet. Noch interessanter ist, dass sich die Möglichkeit einer republikanischen Regeneration nach 1990 plötzlich tatsächlich auftat, aber nicht ergriffen wurde. Viele Gründe sind dafür genannt worden, ein entscheidender könnte sein, dass sich im dominierenden Teil des wiedervereinigten Landes die politische Legitimität längst auf zureichende Weise wiederhergestellt hatte, und zwar anders: nicht durch nationalen Neorepublikanismus, sondern durch Natur.

Im evolutionären Gerangel möglicher neuer Sinnhorizonte hatte sich zum Zeitpunkt des Mauerfalls die Sorge um die natürlichen Grundlagen des eigenen Lebens und des Fortbestehens der Erde bereits fest etabliert. Die Nation – und damit auch die Fortentwicklung der eigenen Demokratie – beschäftigte die wiedervereinigten Deutschen erstaunlich wenig, woran die Politik in jener Zeit auch wenig zu rühren geneigt war, indem sie den Zusammenfall der Teilstaaten im Wesentlichen als technisch beherrschbaren Prozess inszenierte. Wenn man so will, waren die Deutschen im Sinne des ökologischen Weltethos längst darüber hinaus, was einschließt, dass ihnen regionale und lokale Probleme der eigenen Lebensführung und der Gefährdung der eigenen Lebensintegrität näher lagen.

Das Thema der "Natürlichkeit" hatte in zehn Jahren die politische Kultur auf mannigfache Weise infiltriert. Weder die postmateriell eingestellten Westdeutschen noch die höchst materiell stimulierten und kränkungsbereiten Ostdeutschen wollten "Bürger" sein. Sie wollten vielmehr im Sinne Rousseaus "Menschen" sein, will sagen: Fragen der Übereinstimmung mit sich, des moralischen Selbstverhältnisses, des wechselseitigen Respekts, der Stilisierung persönlicher Lebensvollzüge brachten sich in der politischen Kultur stärker zu Geltung als partei- oder verfassungspolitische. Rousseaus Erbe ist die Antinomie zwischen Bürger und Mensch. [1] Rousseau selbst hielt diesen Gegensatz für unaufhebbar. Den Bürger sperrte er in die engen Grenzen einer konstruierten nachantiken Republik, den modernen Menschen sah er nach der Freilassung der Subjektivität durch das Christentum für die Politik verloren. Dafür eröffnete er dem Menschen die Aussicht auf eine asoziale, wenngleich erfüllende Selbstversöhnung, auf eine Autonomie, die sich politischen Zwängen nicht fügen kann, weil sie Höherem verpflichtet ist.

Die Grünen der ersten Stunde traten denn auch mit Aplomb als "hommes naturels" auf den Plan, ob als guter Wilder in der großen Stadt oder als vergrübelter Protestant. Allerdings konnten die Kostüme aus dem Fundus des klassischen politischen Schauspiels nicht allzu lange getragen werden, dazu wurde die Rolle bald zu anspruchsvoll. Der krude Rousseauismus gehört ebenso wie der Marxismus der Grünen zum Komplex des durchgestrichenen Ursprungs. Er wird im Prozess der gesellschaftlichen Akkommodation zum Anlass einer erstaunlichen Sublimierungsleistung. Denn das Subjekt der Natürlichkeit, der politischen Versöhnung mit Natur, kann keine privilegierte Klasse mehr sein, die im historischen Prozess dialektische Widersprüche der Gesellschaft aufhebt. Das muss nun der Einzelne in der demokratischen Kultur tun.

Der Grüne ist klassenlos. Und er dementiert die Analyse Leo Strauss' in Naturrecht und Geschichte, wonach der Eintritt des natürlichen Menschen in die Politiksphäre den Staat revolutioniere. Der Grüne wird also Parteipolitiker. Seine Losung bleibt jedoch: Wo Bürger war, soll Mensch werden. Nicht republikanische Tugend sorgt dafür, sondern Subjektivität und Engagement. Eine höhere Halbwertszeit verzeichnete eine rousseauistische Camouflage, die sich auf Herbert Marcuse beziehen konnte. Marcuse skizzierte im Kontext der Studentenbewegung unter Berufung auf Freud einen Typus, der sich erfolgreich dem Realitätsprinzip, also der väterlichen Autorität des Staates, entwand und im Vorgriff auf Marx' kommunistisches Paradies die Rolle des nicht länger selbstentfremdeten Dilettanten spielte.

Leider war das Marcusesche Emanzipationsprojekt an den stabilen Bestand einer affluenten westlichen Gesellschaft gekoppelt. Dennoch prägte die Berufung auf das Lustprinzip, der Anspruch auf eine zivilisationsresistente Kindlichkeit den grünen Habitus nachhaltig. Sie zeigte sich in den vielfältigen Versuchen, ironische Distanz zum politischen Betrieb zu halten und Politik nicht vollständig als Beruf auszuüben, sie zeigt sich am Misstrauen vieler Grüner gegenüber der staatlichen Autorität und an der Neigung, bei Bedarf allzu gern das Realitätsprinzip mit einer kleinen Utopie zu desavouieren. Joschka Fischers Weg vom Sponti zum Außenamtschef ist die große Erzählung vom "homme naturel", der zum "citoyen" wurde, ohne dass der eine über den anderen einen finalen Sieg davontrug. In der Rückschau muss man sagen: Fischer hat es sich nicht leicht gemacht. Das An- und Abschwellen seiner Körpermasse lässt darauf schließen, dass ein großes Drama im Gang war.

Wenn nach dreißig Jahren der grüne Typus die bundesrepublikanischen Mentalitäten grosso modo stärker beeinflussen konnte als andere Vorbilder aus den "linken" Ursprungsmilieus, liegt es auch daran, dass er vor den Au gen der Öffentlichkeit nachvollziehbare Konflikte des Inneren austrug, und zwar mit dem Anspruch, dies sei ein politischer Erfahrungs- und Entwicklungsprozess der Gesellschaft. Auf andere, im Kern nicht allzu weit von den Grünen entfernte Weise versuchte auch Jürgen Habermas in den Achtzigern, die postmateriellen Attitüden der Deutschen, ihren embryonalen Kosmopolitismus, ihre überschüssige, nicht mehr auf die nationale Interessengemeinschaft gerichtete Moralität in ein politisches Aufbruchsprogramm umzumünzen. Doch blieb diese Idee von postnationaler Tugendhaftigkeit eigentümlich streng auf einen klassischen Republikanismus zurückgebogen, der auf die Wunderwelten skrupulöser Subjektivitäten keine Rücksicht zu nehmen geneigt war.

Mentalitätsprägend war Habermas letztlich nicht, ebenso wenig gelang ihm, für seine Praxisphilosophie eine realpolitische Basis in einer Partei zu finden. Das Natürliche blieb dem Philosophen ein blinder Fleck. Immer attraktiver wurden hingegen die Grünen, die zeigten, dass politisches Engagement und normativ anspruchsvolle, staatsferne Lebensführung langfristig kein unlösbarer Widerspruch waren. Das Wort vom Politischen, das privat sei, wie das Private politisch, mag nur ein Witz sein. Gleichwohl ermunterten die Grünen zum Engagement jenseits der gewohnten Organisationsformen der Politik. Sie eröffneten damit auch die Chance auf einen Republikanismus im vorpolitischen Raum.

Ökologische Politik wirkt dann überzeugend, wenn es ihr gelingt, zwei Verläufe miteinander in Beziehung zu setzen, die im Prinzip selbständig sind: die kollektivmental beeinflussten Entscheidungsprozesse von Individuen, denen es in einem von staatlichen und ökonomischen Zwängen beherrschten Umfeld um die Erhaltung ihrer spontanen Natürlichkeit geht, sowie ein parteipolitischer Prozess der Privilegierung ausgewählter technologischer Entwicklungen, die als ethisch, das heißt den Erhalt der Natur befördernd markiert werden. Die mit der Durchsetzung dieser Technologien oder der Verhinderung anderer einhergehenden Konflikte rufen zu neuen Formen des politischen Engagements auf. Im Kampf für die Natur geht es nicht länger um Verteilung oder Feindschaft. Aus diesem Grund konnten die Grünen auch so stark in die bürgerlichen Milieus hinein wirken.

Der Bürger, der bundesdeutsche Bourgeois, will keinen Klassenkampf führen, schon gar nicht nach unten, und jede Form von Kriegslust liegt ihm fern. Im Zeichen einer universell erweiterten Selbsterhaltungsmoral der Natur lässt er sich allemal mobilisieren. Es ist eine demoskopische Binsenweisheit, dass die Aufmerksamkeit für Fragen des Risikomanagements oder der Technikfolgenabschätzung stets sehr hoch ist, entsprechend auch für Fragen der Bürgerbeteiligung, des Heimatschutzes auf lokaler Ebene, der Gesundheit oder Ernährung, und dass die Aufmerksamkeit sinkt, sobald außen- oder sicherheitspolitische Kernfragen staatlichen Handelns berührt sind, etwa beim Thema Europa oder Naher Osten. Ökologische Politik ersetzt nicht ein altes Politikregister durch ein neues. Vielmehr verschiebt es die Relevanzordnung von politischer Praxis: Alte Konflikte erscheinen im Lichte eines universalisierten Werthorizontes als neu.

Die Evolution des Themas Klimapolitik ist dafür ein gutes Beispiel: Es hob als nationaler Streitfall um zukunftsfähige Energiegewinnungstechniken an und erweiterte sich sukzessive zum Erkenntnisrahmen sämtlicher politischer und ökonomischer Phänomene der globalisierten Welt. Auch die Interessen und Strategien der aufstrebenden Schwellenländer werden inzwischen im Kontext einer natürlichen Weltethik wahrgenommen und beurteilt. Nicht so von den Schwellenländern. Auf diese Weise wird die Sorge um die Natur selbst politisch konfliktträchtig, ohne dass es bereits Schlichtungsmechanismen für diese neuen Konflikte gäbe.

Die natürlich gestimmte Seele muss allerdings schmerzlich feststellen, dass das erfolgreiche grüne Agendasetting nicht zwangsläufig mit realpolitischen Erfolgen einhergeht, jedenfalls mit keinen, die den höchsten normativen Ansprüchen genügten. Zwischen engagierter Kollektivmentalität und Welt liegen hohe Hindernisse. Der Preis für die Selbstversöhnung, die immer nur angestrebt, aber nie erreicht werden kann, weil sie sich auf die Unberechenbarkeit des Politischen eingelassen hat, ist dauerhafte Alarmisierung. Die Unruhe äußert sich als Angst oder Zorn. Der grüne Bürger muss mit Kränkungen und Rückschlägen leben, mit der Uneinsichtigkeit anderer Völker und der Zählebigkeit von Geschichte. Die Entrüstung, die aus der Erfahrung einer bis auf weiteres uneingelösten moralischen Entscheidung hervorbricht, lindert auch kein Sieg bei einer Landtagswahl.

Peter Sloterdijk hat dem Verbleib thymotischer Energien in der neuzeitlichen Politikwelt nachgespürt.[2] Er erinnerte an deren Funktion im antiken Staat, und er beklagte ihre neurotische Verdrängung unter dem Beruhigungsdruck der parlamentarischen Demokratie von heute. Dass seine Phänomenologie der unterdrückten Wut als Analyse der Gegenwart letztlich doch nicht überzeugte, liegt vermutlich daran, dass Sloterdijk ein romantisches Verhältnis zum klassischen Republikaner unterhält. Der aber ist längst Mensch geworden und folglich am Machterwerb oder an existentieller Feindschaft herzlich uninteressiert. Als politischer Affekt ist der "thymos" Opfer einer Inversion geworden. Wenn er sich nicht mehr in den Grenzen einer Republik zur Geltung bringen kann, sondern verzweifelt in den universalmoralisch erschlossenen Weiten der Globalwelt umherirrt, muss er zu einem defensiven Affekt schrumpfen: Der politische Mensch hat Angst. Empörte Furcht ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn die Rettung des großen Ganzen und die Versöhnung mit sich in ein politisches Projekt geflossen sind, welches die Offenheit des Zeitstrahls sucht und den Globus zum Maßstab hat.

Ob die Grünen gut regieren können, weiß noch niemand. Leichter haben sie das Regieren jedenfalls nicht gemacht. Die alte kommode Distanz zwischen Stimmung und Macht, zwischen den kritischen Haltungen in der Gesellschaft und einer bis zum nächsten Wahlakt davon kaum berührten Exekutive, hat sich jedenfalls eingeebnet. In dem Maße, wie Politik normativ zu sein behauptete, steigt ihr Legitimationsbedarf. Erfahrene Häupter der politischen Klasse beklagen immer wieder, mit den klassischen Themen des Staates – innerer Sicherheit, Außen-, Sozial-, Gesundheits- oder Bildungspolitik – ließen sich inzwischen kaum noch Wahlkämpfe bestreiten, geschweige denn gewinnen. Ein Staat, der im Gegensatz dazu ökologische Politik zu treiben genötigt ist, muss ja nicht allein die Erhaltung des Natürlichen technisch organisieren, er muss dabei auch die komplizierten Selbstverhältnisse seiner Bürger im Blick behalten. Und keiner behaupte, all dies spiele sich nur an der Peripherie ab, an den therapiebedürftigen Rändern der Gesellschaft.

Dass der Mensch den Bürger im Handstreich überwältigen kann, führten in den letzten Jahren ausgerechnet konservative Spitzenpolitiker vor. Sie stiegen aus ihren Ämtern einfach aus, beriefen sich auf ihre Familie, Ungleichgewichte in der Work-Life-Balance oder nur auf ihre Unlust. Sie legten das republikanische Pflichtethos ab wie eine alte Jacke. Die plötzliche Empfänglichkeit des bürgerlichen Lagers für die Seelennöte des armen Jean-Jacques ist natürlich ein Menetekel. Aber die Grünen werden das verstehen.


 

  • [1] Vgl. Robert Spaemann, Rousseau – Bürger ohne Vaterland. Von der Polis zur Natur. München: Piper 1980.
  • [2] Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt: Suhrkamp 2006.


Published 2011-09-23


Original in German
First published in Merkur 11/2011; Eurozine

Contributed by Merkur
© Thomas E. Schmidt / Merkur
© Eurozine
 

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