Die Republik der Außenseiter
Es gibt ein Genre des populären Films, in dem der Außenseiter der Held ist: der Katastrophenfilm mit seinen Untergängen, Alieninvasionen und Sturmfluten. Immer ist es hier der Außenseiter, der die Welt rettet. Er ist es, der das Verhängnis kommen sieht, das die anderen nicht wahrhaben wollen. Diese anderen, die Etablierten, sind zu verstrickt in den Alltag, um die nötige Wachheit aufzubringen. Und so wird für sie der zum Retter, den sie in ihrer Borniertheit ausgeschlossen haben. Sie haben nicht an seine Mahnungen geglaubt, ja sie haben ihn eigentlich kaum mehr wahrgenommen; sie haben ihn abgetan, wenn er wieder einmal mit abseitigen Theorien des kommenden Unheils die Aufmerksamkeit auf sich zog. Nun aber ist er gerechtfertigt, und sie stehen blamiert da in ihrer Verfallenheit an den Status quo.
Sie haben die Kontinuität des Bestehenden für gegeben genommen. Er hingegen konnte aus seiner Außenseiterposition schon lange erkennen, wie brüchig die Arrangements waren, auf die sie sich verließen, wie gefährdet die moderne Gesellschaft und wie unwahrscheinlich ihr Funktionieren.
So ist es in allen diesen Filmen: Der Außenseiter weiß, wie voraussetzungsvoll ist, was dem Normalen als schlicht gegeben und nicht weiter begründungsbedürftig scheint. Er nimmt als Ausgeschlossener am Rand der Gesellschaft eine Position ein, die ihm erlaubt, wie von draußen auf die Betriebsamkeit der Menge zu schauen. Wo sich die Masse am Funktionieren erfreut, spürt er schon das leise Knirschen, das die fatale Entgleisung ankündigt, die riesige Welle, die alles verschlingende Feuersbrunst oder die apokalyptische Rache einer höheren Intelligenz an der tumben Menschheit.
Wenn die Asteroiden, die Fluten, die Aliens schließlich kommen, vor denen er seit Jahren gewarnt hat, und wenn sie dann alles in Schutt und Asche legen, kann es für einen Moment scheinen, als wären sie Agenten seiner Wunscherfüllung, als handelten sie in seinem Auftrag. Der Außenseiter ist durchaus keine harmlos-gute Figur, auch wenn er im Film am Ende die Welt rettet. Von seiner Warte aus hätte sie durchaus den Untergang verdient. Und auch wir Zuschauer genießen die Zerstörung. Die Rettung der Menschheit – nicht selten in Form der Vereinigten Staaten als stellvertretender universaler Nation – verschleiert den menschenfeindlichen Kern des Katastrophenfilms. Antihumanismus ist das Faszinosum des Desasterkinos.
Lars Gustafsson hat in seinem Essayband Utopien den Begriff vom "Reaktionären in der phantastischen Kunst" geprägt. Er lässt sich gut auf den Katastrophenfilm übertragen: "Es ist ein Unterschied, ob man die Welt als das natürliche Milieu des Menschen betrachtet, oder ob man sie ... als einen Ort darstellt, wo der Mensch nicht zu Hause ist, wo er aus Versehen gelandet ist und dessen Anordnungen und Triebkräfte er deshalb auch nie verstehen oder überblicken wird." Die phantastische Kunst sei ein "gefährliches, ein menschlich bedrohliches Milieu", "die kälteste aller ästhetischen Klimazonen", sagt Gustafsson. Sie zieht den "Betrachter an, und obschon er in seinem Herzen ständig meint, er gehöre in die warmen, lebendigen Landstriche der Vernunft, der Ideologien, des Handelns, weiß er dennoch stets, dass diese Kunst bei ihm selbst eine geheime Besorgnis, eine halb vergessene Ahnung beantwortet."
Die halb vergessene Ahnung, dass die Welt ein Ort sei, an dem der Mensch nicht zu Hause, wo er nur aus Versehen gelandet ist, ein Ort, dessen Gesetze sich ihm entziehen, dessen Gesetze er nicht manipulieren und beherrschen kann, wie ihm die "Ideologien des Handelns" suggerieren – darum geht es hier. Und deshalb ist der Außenseiter im Desasterfilm notwendigerweise der Held: Denn er lebt ja täglich in einer Welt, in der er nicht recht zu Hause ist. Nicht dazuzugehören ist sein Alltag.
Der Katastrophenfilm ist ein nicht sehr angesehenes Genre des kommerziellen Kinos. Schon seiner teuren Spezialeffekte wegen ist er auf den Massenerfolg angewiesen – ein Genre, das wegen des horrenden Investments in Technik, Ausstattung und Starpower auf das breite Publikum setzen muss, betreibt die Apologie des Außenseitertums. Dass die Helden des Massenvergnügens von jeher die Nerds, Dropouts und Misfits sind, die Unangepassten, die nicht ganz Gesellschaftsfähigen, ist auffällig. In den Geschichten des Katastrophenfilms ist der Konformismus der Feind, weil er blind und behäbig macht. Konformismus ist recht eigentlich das, was die Menschheit an den Rand des Untergangs geführt hat. Die Antihelden des Katastrophenfilms sind die Generäle, Bürgermeister, Präsidenten und Professoren, die sich den Sachzwängen und der Logik der Alternativlosigkeit ergeben. Dass die Welt "nicht für den Menschen gemacht" sein könnte, ist für sie ein absurder Gedanke. "Das haben wir immer schon so gemacht, das können wir uns nicht leisten, das ist ohnehin völlig unwahrscheinlich", lauten die typischen Sprüche, mit denen sie den Außenseiter und seine Bedenken abfertigen.
Kein Wunder, dass das Genre, das ihn zum Helden macht, seit den frühen siebziger Jahren seinen letzten Boom erlebte, als die Alternativbewegung sich bildete und der Zweifel an der Systemlogik selbst zum Gemeinplatz wurde. Zwei geradezu archetypische Nonkonformisten, die sich im Zuge der Katastrophe bald in der Rolle des Außenseiters und Retters wiederfinden, werden in John Guillermins Flammendes Inferno von Paul Newman und Steve McQueen verkörpert. Newman ist der Architekt des höchsten Wolkenkratzers von San Francisco, dessen feierliche Eröffnung ansteht. McQueen ist der Feuerwehrchef, der die Szene betritt, als das Unglück seinen Lauf nimmt. Beide sehen sich einer Verschwörung von Profitgier, Karrierismus und Mittelmaß gegenüber. Bei den elektrischen Sicherungssystemen hat man die Vorgaben des Architekten ignoriert, um zu sparen. Als der Feuerwehrchef die Evakuierung des Panoramadecks anordnet, zögert der Investor, wunderbar aalglatt gespielt von William Holden, aus Furcht vor schlechter Publicity. Als am Ende trotz der Rettungsversuche der beiden nur eine rauchende Ruine übrigbleibt, sagt McQueen: "Wann lernt ihr endlich so zu bauen, wie wir es euch sagen." Und Newman schlägt vor, die Ruine stehen zu lassen als "Mahnmal für alles, was falsch ist an dieser Gesellschaft".
Der Außenseiter ist eine Figur der amerikanischen Gesellschaftskritik und der kulturellen Selbsterneuerung. Popkultur betreibt entgegen dem kritischen Vorurteil, sie pflege den Konformismus, den Kult des Außenseiters. Und dies nicht nur an ihrem wilden avantgardistischen Rand, sondern in den Produkten des Mainstreams. Es gibt verschiedene Weisen, das Außenseitertum zu dramatisieren. In Independence Day zum Beispiel, Roland Emmerichs Film über eine Invasion aus dem Weltall, ist es religiös-ethnisch begründet. Jeff Goldblum gibt hier den jüdischen Computernerd, der durch seinen Jiddisch redenden Vater auf die Lösung gebracht wird, wie den Aliens beizukommen sei. In Michael Bays Armageddon ist es dann eine ganze Bande von Außenseitern, die unter Führung von Bruce Willis die Kollision eines Asteroiden mit der Erde verhindert. Die Außenseiter sind hier Vertreter der amerikanischen Arbeiterklasse, die über ihre Möglichkeiten hinauswachsen. In dem Moment, in dem die Außenseiterbande zu ihrem Himmelfahrtskommando aufbricht, fragt einer der NASA-Verantwortlichen verzweifelt, ob dieser desolate Haufen wirklich "die letzte Hoffnung der Menschheit" sei.
Genau so ist es. Im Zweifelsfall bleibt der Menschheit nur die Hoffnung auf die Außenseiter. Auch der einzige Wissenschaftler, der sich in Armageddon über den ängstlichen Konformismus seiner Kollegen hinwegsetzt, wird durch eine körperliche Behinderung als Mitglied der auserwählten Brüderschaft der Misfits gekennzeichnet.
Es sind vor allem die Schauwerte der Spezialeffekte, die dieses Genre erfolgreich machen. Die einfache Moral, die den guten Außenseiter dem bösen Establishment gegenüberstellt, hat eine wichtige Funktion. Indem der Katastrophenfilm das Außenseitertum moralisch auflädt, macht er die Zerstörung genießbar. Aus dem Blickpunkt des Außenseiters ist das Desaster gerechtfertigt durch die Schlechtigkeit der Gesellschaft. Die finale Rettung erlaubt uns als Zuschauern reuelosen Genuss: Unsere Lust am knapp verhinderten Untergang ist moralisch gedeckt.
Die Katastrophe, die zur Apotheose des Außenseiters als eines Helden und Retters führt, hat Züge einer Rachephantasie: Wenn man nur früher auf ihn gehört, wenn man nicht die kommerziellen Interessen über die Vernunft gestellt hätte, wären die schlimmsten Folgen vermeidbar gewesen! Der Außenseiter hätte Grund genug, die sich ihm verschließende Welt durch Feuerbälle, Fluten und Plagen verschluckt sehen zu wollen. Und doch rettet er sie.
Der hochbegabte Nachfahre polnischer Einwanderer, der mit sechzehn Jahren ein Stipendium für Harvard erhielt, könnte einem dieser Filme entsprungen sein. Allerdings zeigt sein Lebensweg, wie der Außenseiter auf Abwege kommen und wie die Selbstermächtigung zum Weltretter in gewaltsamen Irrsinn führen kann. Theodore Kaczynski war ein schwieriges Kind, seit er mit sechs Monaten eine Nesselsucht überstanden hatte. 1943 therapierte man den schmerzhaft juckenden Ausschlag noch unter Beachtung striktester Quarantäne. Immer wieder verbrachte das Kleinkind lange Phasen getrennt von seiner Mutter im Krankenhaus. Schon in der Grundschule brillant, vor allem in Mathematik, konnte "Ted" bald Klassen überspringen. Seine Kontaktschwierigkeiten wurden forciert, weil die Klassenkameraden sich an dem Hochbegabten durch Mobbing schadlos hielten.
Einer Blitzkarriere in Harvard (bester Schüler des Philosophen W. V. O. Quine), Michigan und Berkeley (Assistenzprofessor mit fünfundzwanzig) folgt ein jäher Absturz: Mit sechsundzwanzig Jahren zieht sich Kaczynski zurück, zunächst zu seinen Eltern, dann in eine selbstgebaute Hütte in Montana. Er beginnt sich mit psychologischen Techniken der Verhaltenskontrolle, mit der Kritik der industriellen Gesellschaft und mit Theorien über den Zusammenhang von Vernunft, Macht und Technologie zu beschäftigen. Neben Autoren wie Lewis Mumford, Herbert Marcuse und Neil Postman scheint ihn vor allem der christliche Anarchist und Technikapokalyptiker Jacques Ellul beeindruckt zu haben. Sein Versuch der Subsistenzwirtschaft scheitert. Als die Gegend, in der er lange Wanderungen zu unternehmen pflegt, zunehmend kommerziell erschlossen wird, beschließt er, gegen "das System" zurückzuschlagen. Es folgt, ab 1978, eine Phase intensiver Theoriearbeit in Kombination mit terroristischen Anschlägen gegen Instanzen des Systems der "technologischen Sklaverei": Computerwissenschaftler, Fluggesellschaften, Genetiker, Vertreter der Werbewirtschaft und der Holzindustrie.
Drei Menschen sterben in der Kampagne gegen die moderne Industriegesellschaft, und dreiundzwanzig weitere werden verletzt. Das FBI setzt eine Sondereinheit auf den "Unabomber" (Universities and Airlines Bomber) genannten Täter an. Am Ende ist es seine Theorie, die ihn als Urheber verrät. Washington Post und New York Times veröffentlichen am 19. September 1995 das Manifest des Unabombers. In dem Text firmiert Kaczynski als Stimme eines imaginären "Freedom Club". Er hatte versprochen, mit der Bombenkampagne aufzuhören, wenn sein Pamphlet in Gänze abgedruckt würde. Die Behörden verfolgen mit der Publikation, zu der sie die Zeitungen ermutigen, allerdings einen Hintersinn. Sie erhoffen sich Hinweise auf den Unabomber aus dem Publikum. Und so kommt es auch: David Kaczynski erkennt das Denken seines Bruders Ted in dem Text über die "Industriegesellschaft und ihre Zukunft". In alten Briefen kann er Parallelen zu dem Manifest erkennen. Er zeigt seinen Bruder an.
Der Text des Unabombers ist eine ebenso abstoßende wie faszinierende Lektüre, weil er geradezu idealtypisch die Selbsterhöhung des Außenseiters zum apokalyptischen Revolutionär vorführt. Kaczynski genießt darum bis heute auch aus dem Gefängnis heraus in manchen Kreisen einen legendären Ruf. Für den radikalen Rand der amerikanischen Ökobewegung ist er "ein Revolutionär für unsere Zeit". So preist ihn Professor David Skrbina von der Universität Michigan, der sich selber als Pionier der "Ökophilosophie" vorstellt, im Vorwort zur Ausgabe von Kaczynskis gesammelten Schriften.[1] Skrbina versichert zwar, dass die Erlöse dem Autor, einem reuelosen Mörder, vorenthalten und gemeinnützigen Zwecken zur Verfügung gestellt würden. Doch das Cover des Buchs ziert, in bewährter Manier des "radical chic", eine der Paketbomben, mit denen Furcht und Schrecken verbreitet wurde.
In der Sammlung findet sich ein Text über Moral und Revolution, der 1999, also drei Jahre nach der Verhaftung, in der Szenezeitschrift Green Anarchist veröffentlicht wurde. Darin wird der Kampf gegen die "technologische Sklaverei" mit dem Einsatz der USA im Zweiten Weltkrieg verglichen. Hitler und seine Alliierten, schreibt Kaczynski, hätten nur im "größeren Maßstab" Verbrechen wiederholt, die "wieder und wieder im Laufe der Geschichte der Zivilisation" passiert sind: "Was durch die moderne Technik droht, ist hingegen absolut präzedenzlos. Heute müssen wir uns fragen, ob der Nuklearkrieg, die biologische Katastrophe oder der ökologische Zusammenbruch ein Vielfaches der Opfer des Zweiten Weltkriegs fordern werden; ob die Menschheit weiter existieren wird, ob sie von intelligenten Maschinen oder genetisch erzeugten Geschöpfen ersetzt wird; ob die letzten Reste der menschlichen Würde verschwinden werden – nicht nur für die Dauer eines totalitären Regimes, sondern für alle Zeiten... Wer wird unter diesen Umständen behaupten, der Zweite Weltkrieg sei gerechtfertigt gewesen, nicht aber unsere Revolution gegen das technoindustrielle System?"
Ein entgrenzter Begriff der Freiheit begründet die Legitimität dieser Revolte. Freiheit "bedeutet, die Kontrolle zu haben (entweder als Individuum oder als Mitglied einer kleinen Gruppe) über die Leben-und-Tod-Fragen der Existenz: Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen welche Bedrohung auch immer... Man hat keine Freiheit, wenn irgendjemand sonst (insbesondere eine große Organisation) Macht über einen hat, wie wohlwollend, tolerant und permissiv auch immer sie ausgeübt werden mag." Die Art der Verfassung und die Form der Regierung sind entsprechend dieser kindlich-anarchistischen Vorstellung von Freiheit völlig unwichtig. Historische Diktaturen und Autokratien sind in gewisser Weise sogar "ehrlicher" als die Vereinigten Staaten und vergleichbare moderne westliche Systeme, weil ihre altmodischen Formen der Repression eine größere persönliche Freiheit erlauben als die subtilen Kontrollgesellschaften von heute: Sie hatten weniger effiziente Polizei, keine modernen Kommunikationsmittel, keine Überwachungskameras und kannten noch nicht die Gehirnwäsche durch Werbung und Unterhaltungsindustrie.
"Verfassungsmäßige Rechte sind bis zu einem gewissen Grad nützlich, aber sie garantieren kaum mehr als den bourgeoisen Begriff der Freiheit", heißt es zusammenfassend in Absatz 97 des Manifests. Was nützt die Pressefreiheit, wenn die Massenmedien in den Händen der "großen Organisationen" sind? "Nehmen Sie nur uns, den >Freiheitsclub<,>,>
Die Tatsache, dass erst eine jahrelange Terrorkampagne die Zeitungen veranlasste, das Manifest auf sechsundfünfzig Zeitungsseiten abzudrucken, spricht wiederum gegen das System. Ein geschlossenes Wahngebäude, aparterweise gebaut aus lauter Versatzstücken kritischer Theorie, ist in den vielen Schleifen dieses Textes zu besichtigen. Der Unabomber hat in seinem Manifest zwar nichts als Verachtung übrig für die Linke, der er allzu viele gutmenschliche "Anliegen" und Kollektivismus vorhält. Sich für Frauen, Schwarze, Schwule, Arme und Behinderte einzusetzen, das führt aus seiner Sicht nur weg vom Hauptwiderspruch der industriellen Gesellschaft: der Versklavung des Menschen durch den technischen Fortschritt.
Trotz seiner langen Hasspassagen über die real existierende Linke ist Kaczynskis Text ein bedrückendes Zeugnis, wie man an linker Gesellschaftskritik irre werden kann. Die Idee der allgegenwärtigen sozialen Kontrolle – durch Werbung, Ideologie, Medien – führt zum Wahn, überall nur noch ferngesteuerte Zombies zu sehen (die man dann auch ohne Skrupel ausschalten darf). Die Verteufelung von Fortschritt und Wachstum führt in den naturvergötzenden Antihumanismus und den Luddismus. Die Kritik der Macht endet in der Ermächtigung zum Mord für die revolutionäre Sache.
Wer die Hütte des Unabombers betrachtet, in der er seine Bomben baute, wird feststellen, dass Kaczynski hier ein berühmtes Vorbild zitiert. Henry David Thoreau lieferte mit Walden, dem Bericht von seinem Versuch, ab dem 4. Juli 1845 in einer selbstgebauten Hütte am Walden Pond bei Concord, Massachusetts, zu leben, die mythische Schrift des amerikanischen Nonkonformismus. "Ich ging in die Wälder, um bewusst zu leben, um mich den wesentlichen Fakten des Leben zu stellen; damit ich nicht, wenn es einst ans Sterben geht, erkennen muss, dass ich nicht gelebt habe. Ich wollte tief leben und das Mark aus dem Leben saugen, ich wollte derb und spartanisch leben, um alles auszurotten, was nicht Leben war."
Der Waldgänger Thoreau inszenierte seine Absonderung von vornherein als eine persönliche Unabhängigkeitserklärung und wählte den 4. Juli: In seinem Leben in den Wäldern sollte gewissermaßen Amerika zu sich kommen. Thoreau wollte eine amerikanische Urszene wieder erschaffen. Das ist bemerkenswert am amerikanischen Nonkonformisten: Er führt mit seiner Absonderung Amerika, eine Nation von Dissentern, Revolutionären und Rebellen, zu ihren Wurzeln zurück. Er stellt sich nicht gegen die alteingesessene Kultur, er tritt vielmehr auf als ihr letzter authentischer Erbe. Dissens ist in einer Nation von Sektierern so amerikanisch wie Apfelkuchen. Außenseitertum und Nonkonformismus können sich auf den Gründungsmythos einer Nation von religiösen Abweichlern berufen, auf fromme Rebellen wie Anne Hutchinson und Roger Williams, die schon im frühen 17. Jahrhundert, also unmittelbar nach der Gründung der Kolonie von Massachusetts, die herrschenden Puritaner herausforderten. Das ist der historische Grund, auf dem der Außenseiter als amerikanischer Held steht.
Amerika sieht sich seit diesen Urkonflikten als eine Nation von Nonkonformisten, die sich einen Staat gegeben haben, der ein Leben im Dissens ermöglicht und schützt. In den Worten Präsident Eisenhowers: "Hier in Amerika sind wir in Blut und Geist Abkömmlinge der Revolutionäre und Rebellen – von Männern und Frauen, die sich trauten, von der herrschenden Lehre abzuweichen. Als ihre Erben dürfen wir niemals aufrichtigen Dissens mit illoyaler Subversion verwechseln."
Diese Grenze zu beachten fällt allerdings nicht nur den Mächtigen manchmal schwer, die in Versuchung sind, Abweichung zu unterdrücken – wenn auch Eisenhower bei seiner Warnung vor allem sie im Blick hatte. Nicht nur die Mächtigen, auch die Kritiker der Macht müssen die Grenze zwischen Dissens und "illoyaler Subversion" immer wieder neu bestimmen. Die "loony left", der extreme Rand der anarcho-ökologischen Linken in Amerika, ist bemüht, sie zu verwischen, genau wie ihr bombendes Idol. Diese Grenze aber trennt Kaczynski von Thoreau.
Die Parallelen der beiden Eremitenleben sind so offensichtlich, dass man annehmen muss, Kaczynski habe es darauf angelegt. Er wollte offenbar in Thoreau, der wie er mit sechzehn nach Harvard gekommen war und ebenfalls immer ein Außenseiter blieb, das historische Vorbild sehen: die Rückwendung zur Natur, die Zivilisationskritik, der Versuch des autarken Wirtschaftens – das sind bereits Thoreaus Themen. Allerdings lebte Thoreau entgegen dem Mythos nicht wirklich abgesondert, sondern gewissermaßen am Ortsrand, auf einem Grundstück, das ihm der Freund Ralph Waldo Emerson zur Verfügung gestellt hatte (der ihn auch regelmäßig besuchte). Das literarisch-lebensphilosophische Experiment Thoreaus mit der Einsamkeit dauerte auch nur zwei Jahre, dann hatte er genug Material für sein Buch beisammen und kehrte in die Gesellschaft zurück.
Wie von der kritischen Theorie, so scheint Kaczynski auch vom Mythos Thoreau als Einzelgänger, Naturapostel und Uranarchist überwältigt worden zu sein. Walden wurde zwar verehrt, aber John Updike zufolge "wahrscheinlich so wenig gelesen wie die Bibel". Die Generation der sechziger Jahre wollte in dem Waldgänger das Vorbild ihres eigenen Aufstands sehen. Das schien nicht völlig unplausibel, denn schließlich hatte Thoreau die Prinzipien des "zivilen Ungehorsams" begründet, nachdem er sich 1846 geweigert hatte, seine Steuern zu zahlen (aus Opposition gegen die Sklaverei und den Mexikanischen Krieg), weswegen er eine Nacht im Gefängnis zubringen musste. Den Widerstand der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung gegen die Einberufungsbefehle während des Vietnamkriegs sah man in dieser Tradition verankert. Auch äußerlich schien Thoreau sich – mit seinem Haar, das nach zeitgenössischen Aussagen wie "mit einem Tannenzapfen frisiert" aussah und mit seinem Landstreicheraufzug – als eine Art Urform des Hippies aufzudrängen. Doch Walden ist kein politisches Manifest. Es ist, gerade in seiner ostentativen Rückwendung zur Natur, ein radikales Kunstwerk, ein Experiment in moderner Subjektivität.
Es geht bei allen noch so minutiösen Schilderungen der Farben, Gerüche und Laute der Natur – und übrigens auch, mit erstaunlicher Zustimmung, des Pfeifens und Ratterns der ersten Eisenbahn, die nahe am Walden Pond vorbeifährt – eigentlich immer um die Innenwelt des Mannes, der rauer, intensiver und freier leben und davon Zeugnis ablegen will.
Dass dieses Thema später von der Jugendbewegung und schließlich von der Freizeitindustrie kommerzialisiert und verramscht wurde, kann man Thoreau nicht anlasten. Er suchte in der Wildheit der amerikanischen Natur den Kontakt mit einer "Realität" – ein immer wiederkehrendes Schüsselwort seiner Schriften , die nicht um den Menschen und seine Maßstäbe kreist. Er feierte die Natur, nach Jahrhunderten des Anthropozentrismus, als anders und fremd, unfassbar und unverfügbar. Und so werden ihm selbst noch die Schrecken der Nahrungsketten, der Geruch eines toten Pferdes oder der Anblick einer überfahrenen Kröte, zu Zeichen einer unverwüstlichen Vitalität und "universalen Unschuld" der wilden Natur. Der merkwürdige Waldschrat von Concord war damit ein Wegbereiter des wunderlichen Realismus der amerikanischen Moderne, der in William Carlos Williams¹ Spruch kulminierte, es gebe "keine Ideen außer in Dingen".
Der letzte große Erbe von Emerson und Thoreau in der Gegenwartskunst ist der große Außenseiter des amerikanischen Kinos, der Regisseur Terrence Malick. Für ihn ist wie für Emerson "jede natürliche Tatsache das Symbol einer geistigen Tatsache", und so sind Malicks Filme – von der Mörderballade Badlands über das Depressionsdrama Days of Heaven und den Kriegsfilm The Thin Red Line bis zu dem neuesten Werk The Tree of Life – durchschossen mit Bildern menschenferner Schönheit und Gleichgültigkeit der Natur. Malick sucht wie Thoreau in Amerikas Natur die ursprüngliche Erfahrung der "New World" (so der Titel seines Film über die Entdeckung Amerikas), in der die Wälder noch nicht verteilt und die Landkarten noch nicht ausgemalt waren. Terrence Malick ist der Thoreau des Kinos, auf der Suche nach dem Moment, in dem Amerika sich dem Ankömmling in überwältigender und zugleich befreiender Weise öffnet.
Unter den zahlreichen Paradoxien im Leben und Nachleben von Henry David Thoreau – Einsiedler, Landvermesser, Umkehrprediger – ist dies vielleicht die erstaunlichste: Er ist der Modellfall eines Unpolitischen und bestimmt bis heute unsere politischen Phantasien – und vielleicht morgen noch viel mehr, wenn die Ökologie zum bestimmenden Thema der Politik wird. Er hat zwar die Pflicht zum "zivilen Ungehorsam" gegen eine moralisch verwerfliche Staatsmacht nicht erfinden müssen (sie ist schließlich Teil der Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten), und auch die Sehnsuchtsfigur des "Ausstiegs" aus der Maschinerie der industriellen Gesellschaft lässt sich vor seiner Zeit nachweisen. Aber Thoreau war es, der aus diesen dürren Formeln politische Mythen schuf, indem er nach ihnen lebte und sein Leben in Literatur verwandelte.
Seine beiden Hauptwerke Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (1849) und Walden (1854) predigen die absolute moralische Unabhängigkeit und die Selbstverwirklichung des authentischen Individuums im Einklang mit der fremden Natur. Ohne Thoreau lassen sich weder die Bürgerrechtsbewegungen noch die Ökologie verstehen, jene beiden Kräfte also, mittels deren die politische Welt des 19. Jahrhunderts ins nächste Jahrtausend fortwirken wird. Thoreau, der Mythenbildner, ist über seinem postumen Erfolg – ohne ihn kein Gandhi, kein Martin Luther King, kein Greenpeace – selbst zum Mythos geworden. In seinen Tagebüchern allerdings erscheint kein ganzheitlicher Held, sondern ein zerrissenes Bewusstsein, dem die Lesbarkeit der Welt zur fixen Idee geworden ist.
Thoreau, wie er sich in den Tagebüchern zeigt, ist eine zentrale Figur zum Verständnis der modernen Seele. Der einsame Wanderer von Massachusetts ist die komplementäre Gestalt zu seinem Zeitgenossen Charles Baudelaire, dem Flaneur in der großen Stadt Paris. Thoreau und Baudelaire, von heute aus gesehen sind sie Blutsverwandte, beide auf ihre Art absolut modern. Sie rücken zusammen in der Sehnsucht nach Bindungslosigkeit, beides Männer auf der Flucht – der eine in die Niemandsbucht am Waldensee, der andere ins Dickicht der Stadt. Thoreau und Baudelaire, das sind zwei Pole der modernen Subjektivität: rigorose Moralität und Lob der Dekadenz, Natur als Utopie und Gesellschaft als zweite Natur, Authentizität und Zerstreuung.
Ein Großteil der Aufzeichnungen Thoreaus sind Naturschilderungen von oft erstaunlicher Einfühlsamkeit und Sinnlichkeit. Für diesen franziskanischen Geist ist der Fund eines in der Falle verendeten Kaninchens eine herzzerreißende Tragödie. Der Waldschrat, den die Menschen längst "sonderbar und abartig" finden, wie er selbst registriert, ist ein wahrer Akrobat des Mitgefühls. Sein unbändiger Wille zur Empathie macht auch vor Bruder Baum und Schwester Schildkröte nicht halt.
Der Kontrast von heiler Natur und kaputter Gesellschaft ist nicht immer frei von Kitsch. Die Bauern der Gegend schütteln über den Einsiedler zu Recht den Kopf. Sie wissen schon, dass er bald wieder gehen wird und dass auch er von ihrem robusteren Verhältnis zur Natur abhängig bleiben wird, denn seine Art der Selbstversorgung kann auf Dauer nicht funktionieren. Die Natur ist Thoreau zum Träger eines hohen Sinns geworden, den er in der frühkapitalistischen Gesellschaft mit ihren widerstreitenden Interessen nicht mehr ausmachen kann. Je intransparenter ihm das Getriebe der Menschenwelt erscheint, umso obsessiver besteht er auf der Entzifferbarkeit des Buchs der Natur. Der See wird ihm "ein Tagebuch, und der Schnee der gestrigen Nacht das leere Blatt". Am Ende fällt ihm gar nicht mehr auf, dass auch dies nur eine andere Weise ist, sich die Welt untertan zu machen: "Jede noch so bescheidene Pflanze oder jedes Unkraut, wie wir es nennen, steht da, um einem Gedanken oder einer Stimmung von uns Ausdruck zu verleihen, doch wie lange steht es vergeblich dort!" Auch die Natur als das ganz andere zu stilisieren dient am Ende einem menschlichen Zweck.
Der Freund der Natur erweist sich übrigens als sanfter Unmensch, wo er nicht von Gräsern, Fröschen und Bibern, sondern von seinesgleichen spricht. Und je näher die Menschen ihm stehen, umso verwischter gerät ihm ihr Bild. Der "Freund" – dahinter verbirgt sich Ralph Waldo Emerson – fällt in Ungnade, als er sich den Thoreauschen Projektionen entzieht und sich der Öffentlichkeit zuwendet. Nachdem ein Liebesprojekt gescheitert ist, weil die Verehrte andere Pläne hatte, schreibt Thoreau mit luzider Bitterkeit, es habe sich endlich für ihn "eine Geliebte gefunden: Ich habe mich in eine Zwergeiche verliebt!"
Die vielen Tiraden über "die Gesellschaft" und "die Zivilisation" sind voller Bilder eines drohenden Kontrollverlustes. Über die schlichten Bauern der Umgegend, die ihn mit wohlwollender Nachsicht behandelten und sich nicht dagegen wehren konnten, als Sinnbilder edler Einfalt benutzt zu werden, schreibt er bedeutend milder als über die Städter. Für jene spricht, dass sie nicht zur Gesellschaft gehören, in der die Menschen "ein Leben in stiller Verzweiflung" verbringen.
Thoreau, der Unausstehliche, der die Natur umarmte und die Menschen vor den Kopf stieß, war ein Virtuose der Fernstenliebe. Unfähig zu den alltäglichsten Freundlichkeiten, riskierte er für die Befreiung eines Sklaven seine Freiheit. Er nahm viele Wendungen der Alternativbewegung des folgenden Jahrhunderts vorweg, vom gesinnungsmäßigen Vegetarismus bis zur Apologie des politischen Terrors des Abolitionisten John Brown. Wer wissen will, was vom Alternativbewusstsein bleibt in einer Welt ohne Alternativen, der muss auch heute noch Thoreau lesen, den Mystiker, die Nervensäge, das moralisch-politische Genie.
Aber in dem archetypischen Außenseiter der amerikanischen Literatur ist auch der Vordenker eines liberalen Individualismus zu entdecken, der erstaunlich aktuell klingt. Die Autorität der Regierung, sagt Thoreau am Ende seiner Rede Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, bedarf "der Vollmacht und Zustimmung der Regierten. Sie kann nur so weit Recht über meine Person und mein Eigentum haben, als ich es ihr konzediere. Der Fortschritt von einer absoluten zu einer begrenzten Monarchie, von einer begrenzten Monarchie zur Demokratie, ist Fortschritt hin zu wahrer Achtung für das Individuum. Ist die Demokratie, so wie wir sie kennen, die letzte mögliche Verbesserung der Regierungsform? Ist es nicht möglich, einen weiteren Schritt hin zur Anerkennung und Organisation der Menschenrechte zu nehmen? Es wird niemals einen freien und aufgeklärten Staat geben, solange der Staat das Individuum nicht als eine höhere und unabhängige Macht anerkennt, von der all seine Macht und Autorität abgeleitet sind, und es entsprechend behandelt."
Thoreau geht am Ende weit über die Begründung des Rechts auf zivilen Ungehorsam hinaus: "Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein und das Individuum respektvoll als Nachbarn zu behandeln; der es nicht als unvereinbar mit seiner Würde ansähe, wenn einige in Distanz zu ihm lebten, sich weder mit ihm einließen noch von ihm in Anspruch genommen würden, solange sie die Pflichten von Nachbarn und Mitmenschen erfüllten. Ein Staat, der solche Früchte trüge und sie fallen ließe, sobald sie reif sind, würde den Weg für einen vollkommeneren und ruhmreicheren Staat bahnen, den ich mir auch vorstellen kann, aber noch nirgends gesehen habe."
Das ist eine liberale Utopie von unerwarteter Seite. Ausgerechnet der Hypermoralist Thoreau schafft ein Gegenbild zum Konzept des Gouvernantenstaats, das in unseren Tagen die politischen Phantasien beflügelt: ein Staat, der die Leute in Ruhe lässt, weil er die individuelle Freiheit als Quelle seiner Legitimität anerkennt – eine Republik der Außenseiter.
- [1] Theodore J. Kaczynski, Technological Slavery. Port Townsend: Feral House 2010.
Published 2011-09-15
Original in German
First published in Merkur 9-10/2011
Contributed by Merkur
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