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Die Kultur des Denunziatorischen


Jurastudenten interessieren sich wieder für Geschichte. Sie interessieren sich nicht nur für die Geschichte des Rechts, nicht nur für die Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie, sondern auch für die Geschichte der Rechtswissenschaft. Seminare über Wandlungen im Verhältnis zwischen Rechtswissenschaft und Rechtsprechung, über die Entstehung der Wissenschaft vom öffentlichen Recht im 19. Jahrhundert oder über den Methoden- und Richtungsstreit im 20. Jahrhundert hatten früher acht bis zwölf Teilnehmer. Heute sind sie voll.

Das Interesse gilt der Geschichte nicht nur des Rechts, sondern des Rechts im politischen und ökonomischen Kontext, nicht nur der Philosophie, sondern der Philosophie als Antwort auf die Lagen und Konflikte der Zeit, nicht nur der Rechtswissenschaft, sondern deren die Verhältnisse stabilisierender und legitimierender Funktion. Das Interesse ist kritisch. Die Studenten haben ein waches Gespür für die politische und ökonomische Manipulierbarkeit des Rechts, die ideologische Korrumpierbarkeit der Rechtswissenschaft und dafür, wie sich in der scheinbar heilen Rechtskultur des Kaiserreichs und der Weimarer Republik das nationalsozialistische Verderben vorbereitete.

Mein Seminar zur Geschichte der Rechtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität führte von Friedrich Carl von Savigny, dem ersten Professor für Zivilrecht, zu Uwe-Jens Heuer, einem der letzten Professoren für das Staatsrecht der DDR. Die Studenten erkannten, dass Savigny zwar vom Volksgeist redete, aber den Geist der Juristen meinte, dass Georg Friedrich Puchta über den Begriffen nicht die Interessen sah, dass Friedrich Julius Stahl das monarchische über das demokratische Prinzip stellte, dass Otto von Gierkes Vorstellung von Genossenschaft und Rudolf von Gneists Vorstellung von Selbstverwaltung nicht wirklich demokratisch waren, dass Rudolf Smends Begriff der Integration für faschistische Konnotationen offen war, dass Carl Schmitt mit dem Begriff der Großraumordnung die nationalsozialistische Kriegs- und Eroberungspolitik rechtfertigte, dass Eduard Kohlrauschs Arbeiten zum Blutschutzgesetz dieses nationalsozialistische Machwerk ernst nahmen, dass Justus W. Hedemann mit dem Volksgesetzbuch der Deutschen ein nationalsozialistisches Projekt verfolgte und dass Heuer in Treue zu Marx und Lenin im Recht nur ein Phänomen des Überbaus sah. Immer war der kritische Blick der Studenten richtig.

Und immer war er falsch. War der Autor als reaktionär oder als interessen- und wirklichkeitsblind oder als nicht hinreichend demokratisch oder als nationalsozialistisch oder kommunistisch identifiziert, dann war er erledigt. Ein weiteres Interesse an ihm, seinen Texten und an dem historischen und systematischen Zusammenhang, in dem die Texte entstanden waren, erübrigte sich.

Dass Savignys Historismus nicht nur antidemokratisch, sondern auch antietatistisch war, dass Puchta das begriffliche und konstruktive Instrumentarium der Rechtswissenschaft schärfte, dass Stahl sich mit seiner konstitutionellen Architektonik des Rechtsstaats der intellektuellen Herausforderung einer Versöhnung des unversöhnlichen demokratischen und monarchischen Prinzips stellte, dass Gierke und Gneist, auch ohne die Demokratie zum Ziel zu haben, den Abschied von der Monarchie beförderten, dass viele Begriffe der zwanziger Jahre offen für faschistische Konnotationen waren, dass Schmitts Begriff des Großraums mehr greift als nur das nationalsozialistische Europa, dass Kohlrausch das Blutschutzgesetz mit rechtsstaatlicher Interpretation bändigen wollte, dass die Idee eines für das Volk geschriebenen, verständlichen Gesetzbuchs älter ist als der Nationalsozialismus und dass Heuer das Recht als ein besonderes Phänomen des Überbaus gegenüber dessen anderen Phänomenen und gegenüber der Basis in einer gewissen Selbständigkeit halten wollte – es interessierte die Studenten nicht.

Eher interessierte sie, dass auch die Autoren, die ihnen zunächst akzeptabel erschienen, nicht ohne Fehl waren. Sie akzeptierten Georg Beseler, der als Professor für die Göttinger Sieben und als Abgeordneter in der Paulskirche für Grundrechte und Rechtsstaat eingetreten war, bis sie lernten, dass er später nationalliberal und Mitglied im Preußischen Herrenhaus wurde. Das Bild Franz von Liszts, des Reformers des Strafrechts und der Kriminalpolitik, wurde dadurch getrübt, dass seine Lehre von den Verbrechertypen von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, und das Bild Martin Wolffs, von den Nationalsozialisten zuerst von der Universität und dann aus Deutschland vertrieben, dadurch, dass er die Zivilrechtswissenschaft in einer dogmatischen Stringenz betrieb, die den politischen und ökonomischen Hintergründen geringe Aufmerksamkeit schenkte.

Immerhin traf Wolff kein moralischer Vorwurf. Und um das Moralische ging es den Studenten bei ihrem Urteil über die Autoren und Texte in diesem wie in meinen anderen Seminaren zur Geschichte des Rechts und der Rechtswissenschaft mehr als um alles andere. Reaktionär zu sein, wo andere schon liberal waren, kein Teil der demokratischen Bewegung zu sein und nicht im Widerstand zum Nationalsozialismus oder Kommunismus zu stehen, war moralisches Versagen.

Die Frage, wozu ein Jurist als Wissenschaftler wie als Praktiker moralisch verpflichtet ist, geht jeden Juristen und auch jeden Jurastudenten an. Im freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat fällt die Antwort leicht. Der Jurist schuldet dem geltenden Recht Loyalität, ob es seiner moralischen Überzeugung entspricht oder nicht. Er mag auf die Änderung des Rechts hinwirken, darf es aber nicht nach seiner Überzeugung verbiegen und verfälschen. Wenn er den Widerspruch, in dem eine Vorschrift des geltenden Rechts zu seiner Überzeugung steht, nicht ertragen und die Beschäftigung mit der Vorschrift bei seiner Tätigkeit nicht vermeiden kann, muss er sich eine andere Tätigkeit suchen.

Wenn der Staat weder freiheitlich noch demokratisch noch rechtsstaat lich, und erst recht, wenn er totalitär ist, fällt die Antwort schwerer. Wie viel Loyalität schuldet der Jurist einem Recht, das zwar der Gerechtigkeit widerspricht, aber Ordnung und Sicherheit gewährleistet? Darf er sich auf dieses ungerechte Recht einlassen, um den Widerspruch zur Gerechtigkeit durch seine Auslegung und Anwendung zu mildern? Darf er sich auf es einlassen, um es als Partisan der Gerechtigkeit zu korrigieren oder, wenn das nicht gelingt, zu sabotieren? Verliert er, wenn er sich auf ungerechtes Recht einlässt, seine Integrität? Ist die Beförderung der Gerechtigkeit den Verlust wert? Die Frage nach der moralischen Verpflichtung des Juristen führt zu Fragen über Fragen. In den Fragen wird deutlich, dass vieles von der historischen Situation abhängt, davon, wie groß der Widerspruch des Rechts zur Gerechtigkeit ist, welche Ungerechtigkeiten der Jurist auf der einen Seite hinnehmen oder begehen muss, um auf der anderen Seite mildern, korrigieren oder sabotieren zu können, wie sich die Ungerechtigkeit, die er befördert, und die, die er verhindert, gegeneinander verrechnen, und wo der Punkt ist, an dem alles Verrechnen aufhören muss.

In der Rechts- und Rechtswissenschaftsgeschichte findet sich zu diesen Fragen reiches Material. Ein Beispiel bietet Kohlrausch, der eine Entscheidung des Großen Senats des Reichsgerichts zum Blutschutzgesetz rational zu rekonstruieren versuchte, um auf der Grundlage der rationalen Rekonstruktion eine Blutschutzgesetz-Entscheidung eines einzelnen Senats des Reichsgerichts als zu weitgehend zu kritisieren. Eine Entscheidung des Großen Senats zu erschüttern war aussichtslos; eine Entscheidung eines einzelnen Senats mit dem Großen Senat im Rücken anzugreifen hatte Aussicht auf Erfolg. Ob Kohlrausch sich dem Blutschutzgesetz als Gesetz verpflichtet fühlte, ob er als Verwalter des Rechts oder als Partisan der Gerechtigkeit handelte und ob seine Interpretation des Blutschutzgesetzes Menschen geholfen hat, ist nicht auszumachen. Vermutlich konnte er die Folgen seiner Interpretation selbst nicht ausmachen. Wie hätte er handeln sollen? Hätte er das Blutschutzgesetz anders interpretieren können? Hätte er sich mit dem Blutschutzgesetz nicht beschäftigen dürfen? Die Studenten sahen gar nicht das Problem. Sie meinten, wenn Kohlrausch moralische Courage gehabt hätte, hätte er das Blutschutzgesetz unter Berufung auf das Naturrecht für nichtig erklärt. Dass ein entsprechender Aufsatz unter dem Nationalsozialismus nicht einmal gedruckt worden wäre, taten sie als technisches Detail ab.

Die Rechts- und Rechtswissenschaftsgeschichte bietet auch reiches Material zu den Grenzen einer Betrachtung, die das Moralische zu ihrem Dreh- und Angelpunkt macht. Wie berechtigt auch immer die moralische Forderung sein mag, Rechtswissenschaft und Rechtsprechung müssten die Wirklichkeit der Menschen und ihrer Interessen sehen und ernst nehmen – sie kann nur eine Forderung an Rechtswissenschaft und Rechtsprechung insgesamt sein und nicht bedeuten, dass jeder Einzelne die Rechtswissenschaft nur so betreiben und sein Richteramt nur so versehen kann. Stimmigkeit, aus der die Richtigkeit der einzelnen Interpretation und einzelnen Entscheidung und die Verlässlichkeit des Rechts folgen, ist nicht minder wichtig. Rechts wissenschaft und Rechtsprechung funktionieren arbeitsteilig, und sie sind durch die Bildung von Begriffen und die Konstruktion von Theorien und Systemen ebenso vorangebracht worden wie durch Verständnis für die Menschen und ihre Interessen. Historisch ging die sogenannte Begriffsjurisprudenz des 19. Jahrhunderts der sogenannten Interessenjurisprudenz des 20. Jahrhunderts voraus und musste ihr vorausgehen; ohne sie waren die Menschen und ihre Interessen im Recht nicht zu fassen. Das ließ die Studenten ihre moralische Verurteilung der Autoren des 19. und auch noch des 20. Jahrhunderts, die den Menschen und ihren Interessen nicht gerecht wurden, ein bisschen abmildern. Aber die Autoren blieben erledigt.

Auch die moralische Forderung, Rechtswissenschaft und Rechtsprechung müssten die Demokratie zu ihrer Sache machen, hat Grenzen. Gewiss ist es bewundernswert, wenn deutsche Juristen wie Karl Follen oder Gustav von Struve im 19. Jahrhundert ihrer Zeit und ihrer Welt voraus waren und Demokratie forderten. Aber sie mussten damit Ausnahmen bleiben. Der normale Jurist lebt nicht nur in seiner Zeit und in seiner Welt, sondern dient ihrer Erhaltung, wie das Recht ihrer Erhaltung dient. Unter dieser Voraussetzung war es schon eine Leistung, den Rechtsstaat, eine genossenschaftliche Verfassung der Gesellschaft und die Selbstverwaltung ihrer Gliederungen zu denken, ehe es sie gab, wie Stahl, Gierke und Gneist es taten. Im Horizont ihrer Zeit und ihrer Welt war es sogar eine moralische Leistung. Aber die Studenten waren auf der Höhe heutiger Moral und hielten nichts von moralischer Gestrigkeit.

Die Studenten haben sich das nicht ausgedacht. Es wurde ihnen beigebracht.

Zur mentalitätsgeschichtlichen Begleitung des rechtswissenschaftsgeschichtlichen Seminars las ich Gustav Freytags 1855 erschienenen Roman Soll und Haben. Er war das tausendfach gedruckte, tausendfach gelesene Hausbuch des deutschen Bürgertums und bietet Einsicht in das damalige bürgerliche Selbstverständnis, in die Gründe, aus denen das Bürgertum sich nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 mit den ökonomischen Herausforderungen der Moderne und mit seiner politischen Stellung in der konstitutionellen Monarchie versöhnte, und in die Art und Weise dieser Versöhnung. Vom Glauben an Freiheit, an menschliche und bürgerliche Rechte, an eine Verfassung des Kompromisses und an Fortschritt getragen, ist der Roman zugleich bürgerlich eng – Weltläufigkeit gehörte nun einmal nicht zu den Merkmalen des deutschen Bürgertums in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dann fand ich einen Band mit Studien zu Gustav Freytags kontroversem Roman, der sich nach hundertfünfzig Jahren vornahm, "seinen historischen Ort neu zu vermessen". Der neuen Vermessung hält der Roman ebenso wenig stand, wie die Texte meines Seminars der heutigen Beurteilung durch die Studenten standhielten. Nicht dass an die Stelle des skizzierten Interesses am Roman als mentalitätsgeschichtlichem Material ein spezifisch literaturgeschichtliches Interesse träte. Das Interesse der Studien gilt ebenfalls der Mentalität des deutschen Bürgertums, aber nicht der Mentalität, wie sie da mals existierte, sondern wie sie sich heute blamiert. Mit heutigem moralischem Maßstab vermessen, erweisen sich Freytags Judenbild, Polenbild, Frauenbild und Amerikabild als gestrig und moralisch defizitär. Wird gelegentlich gesehen, dass Freytag weder ein Antisemit noch ein Nationalist war und dass seine Bilder Spannungen und Brüche erkennen lassen, bleibt doch die kritische Frage, ob "ein Massenpublikum (entsprechend) differenzieren konnte".

Zur gleichen Zeit stieß ich auf Hans-Ulrich Wehlers Rezension einer Quellenedition zur Vorgeschichte des Krieges von 1870/71. Dass Deutschland den Ersten und den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, wüssten wir schon lange. "Endlich" erführen wir, dass Preußen auch den Krieg von 1870/71 ausgelöst habe. Wehler berichtet, wie Otto von Bismarck Napoleon III. diplomatisch so in die Enge und in die Ecke trieb, dass Frankreich nur noch reagieren konnte. Zwar erklärte Frankreich Preußen den Krieg, aber die Kriegserklärung ist für Wehler angesichts der "Kriegstreiberei" Bismarcks eine Lappalie.

Dass Bismarck den französischen Kaiser in eine Falle laufen ließ, hat mir schon mein Großvater auf den Spaziergängen erzählt, auf denen er mich über Geschichte belehrte. Er hatte nicht studiert und war kein Historiker, interessierte sich aber für Geschichte und hatte Bismarck gelesen. Er erzählte voller Stolz, wie Bismarck die Falle baute und wie Napoleon III. in sie tappte, wie Bismarck dadurch, dass er Napoleon III. in die Rolle des Angreifers lockte, den gerechtfertigten, von Begeisterung getragenen Verteidigungskrieg führen konnte, der Deutschland einte. Er erzählte aus der Sicht der Zeit, in der diplomatische Geheimnisse, Provokationen und Komplotte moralisch legitime Elemente des Spiels um Macht, Prestige und Einfluss waren. Wehler schreibt nicht aus der moralischen Sicht von Gestern, sondern von der Höhe heutiger Moral mit Entrüstung über "geheimes Krisenmanagement", "bedrohliches Vabanquespiel" und das Streben nach Macht. Das geht so weit, dass er schließlich Bismarcks Vorbereitung des Kriegs von 1870/71 in Kontinuität zu Hitlers Vorbereitung und Eröffnung des Zweiten Weltkriegs sieht.

Wehler hat diesen Zugriff auf die Geschichte, der sowohl der modernen Geschichtswissenschaft als Gesellschaftswissenschaft als auch der modernen Literaturwissenschaft eignet, programmatisch ausgewiesen: Geschichtswissenschaft soll "zur Schärfung eines freieren, kritischen Gemeinschaftsbewusstseins beitragen" und dafür "nach demjenigen Sinn fragen, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen". Die Gesichtspunkte von heute, unter denen historische Aktionen am einfachsten und deutlichsten einen Sinn annehmen, der ein freieres, kritisches Bewusstsein zu schärfen verspricht, sind die moralischen.

Dieses Programm gilt nicht nur für die Wissenschaft. Dem Umgang mit Geschichte, dem die Studenten in der Wissenschaft begegnen, begegnen sie schon in der Schule; gerade die engagierten Lehrer versuchen, ihre Schüler mit wuchtigen moralischen Verurteilungen zu Eigenständigkeit, Widerständigkeit und moralischer Courage zu erziehen. Und sie begegnen dem In sistieren auf dem gegenwärtigen moralischen Maßstab bei der Bewertung vergangenen Verhaltens im Alltag. Darf heute noch eine Straße Treitschkestraße, ein Gymnasium Hindenburg-Gymnasium oder eine Universität Ernst-Moritz-Arndt-Universität heißen? Dürfen Karl Binding oder Elly Ney heute noch als Ehrenbürger geführt werden?

Das Programm wird auf keinem historischen Feld so intensiv verfolgt wie auf dem Feld des Nationalsozialismus – in der Schule, in der Wissenschaft, im Feuilleton. Ein jüngstes Beispiel bietet die Diskussion um Das Amt und die Vergangenheit. Die Verfasser, die, die ihnen zustimmen, und die, die sie kritisieren, sind sich einig, dass das Auswärtige Amt bei der Entrechtung und Ermordung der Juden beteiligt war, dass es kein Hort des Widerstands war und dass seine Angehörigen einander nach 1945 deckten und halfen. Der Streit um die Frage, wie alt oder wie neu dieser Befund ist, ist von geringem Interesse – dass ein Ministerium in einem totalitären Staat mitspielt und nicht Widerstand leistet und dass seine Angehörigen einander in Korpsgeist verbunden bleiben, kann eigentlich niemanden wundern. Der Streit, ob das Auswärtige Amt ein bisschen früher oder ein bisschen später erfuhr und akzeptierte, dass Juden nicht nur deportiert, sondern ermordet wurden, ist zwar für Historiker, aber auch nur für Historiker wichtig. Interessant ist dagegen der Streit um die moralische Bewertung des Befunds.

Die Kritik, von Christopher R. Browning bis zu Hans Mommsen, vermisst bei der moralischen Bewertung eine "differenziertere und nuanciertere Betrachtung der deutschen Diplomaten, die auf ihren Posten blieben und sich zwar nicht der Opposition oder dem Widerstand anschlossen, aber dennoch in vielfältiger Weise auf die mörderische Judenpolitik des Regimes reagierten". Sie vermisst die Berücksichtigung der Situation, in der sich die Diplomaten befanden, ihrer Handlungsspielräume, der Möglichkeiten zum Widerstand, die sie hatten, und der Gefahren, denen sie sich dabei aussetzten. Sie vermisst auch die Sicht auf das Verhalten der Diplomaten im Kontext des Verhaltens anderer Ministerialer; immerhin scheint der Anteil der Angehörigen des Widerstands im Auswärtigen Amt größer gewesen zu sein als in anderen Ministerien.

Die Verfasser entgegnen, sie hätten keine moralischen Urteile gefällt, sie hätten die Geschichte dieser und nur dieser Institution erforscht und dabei auf individuelles Handeln lediglich konkretisierend und illustrierend verwiesen. Ihre Kennzeichnung des Auswärtigen Amts als "verbrecherischer Organisation" wäre demnach ein Urteil über die Institution und nicht über Personen. Aber Kapitel um Kapitel handelt die Arbeit, wie schon ihr Untertitel ankündigt, von Deutschen Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, und in ihrer gemeinsamen Entgegnung beklagen die Verfasser, dass die nationalsozialistische Belastung deutscher Diplomaten nicht schon in den fünfziger Jahren eine "Welle der Empörung" ausgelöst hat. Man kann die Arbeit nicht lesen, ohne den Eindruck zu gewinnen, die Verfasser seien über die deutschen Diplomaten moralisch empört und sie wollten mit ihrer Darstellung moralisch empören.

Von der Zeit über die Süddeutsche bis zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wird denn auch die "dezidiert kritische, sich um objektivierende Zurückhaltung gar nicht erst bemühende Stoßrichtung" der Arbeit gerühmt und ihr entnommen, Diplomaten seien als "Steinchen im Mosaik des Grauens" schuldig geworden oder "moralisch und historisch nicht mehr zu retten". Zwar argumentiert Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zunächst, es gehe nicht um individuelles Verhalten, sondern um die Einrichtung des Auswärtigen Amts; der Kritik an der Darstellung der Einrichtung hält er dann aber entgegen, die Diplomaten hätten sich durch ihr Verhalten moralisch diskreditiert. Ähnlich argumentiert Joachim Käppner in der Süddeutschen Zeitung zunächst, es gehe um das Auswärtige Amt und daher nicht um Schuld, eine individuelle, keine kollektive Größe, um am Ende das Versagen des Auswärtigen Amts dahin zu resümieren, "die Menschen hatten eine Wahl, und sie trafen die falsche".

Auf die moralische Bewertung läuft die Arbeit und läuft die Zustimmung zur Arbeit hinaus. Es ist eine Bewertung von der Höhe heutiger Moral. Die Forderung, die handelnden Personen im Horizont ihrer Zeit moralisch zu beurteilen, erinnert Käppner an "die Reaktionen überführter SS-Todesschützen". Ulrich Herbert meint, in der Konsequenz der Forderung gebe es "keine Verantwortlichen mehr, sondern nur noch in unterschiedlich starkem Maße Getriebene" – eine moralische Bewertung historischer Personen im Horizont ihrer Zeit kann er, kein Journalist, sondern ein Historiker, sich schlicht nicht vorstellen.

Sie ist auch nicht einfach, und sie ist beim Dritten Reich besonders schwierig. Seit mehr als sechzig Jahren wird über die zwölf Jahre des Dritten Reichs geforscht, geschrieben, gelesen, werden neue Befunde erhoben und alte neu entdeckt und neu sortiert, wird analysiert und reflektiert. Es bleibt nicht aus, dass die Ergebnisse dieses Forschungs- und Reflexionsprozesses in die Köpfe der damals handelnden Personen projiziert werden – als hätten diese damals gewusst und bedacht, was sich in mehr als sechzig Jahren herausgestellt hat.

Aber natürlich haben die damals handelnden Personen in den zwölf Jahren nicht gewusst und bedacht, was sich heute von selbst versteht. Sechs der zwölf Jahre waren zwar noch Friedensjahre, aber schon eine Zeit sich jagender Ereignisse, und in den sechs Kriegsjahren jagten und überstürzten die Ereignisse sich erst recht. Die damalige Lebenswelt war von der heutigen gesättigten Wahrnehmung der zwölf Jahre weit entfernt. Es ist ein eigentümliches Paradox: Indem das Wissen über das Dritte Reich wächst, rückt die damalige Lebenswelt in immer weitere Ferne; je mehr wir über das Dritte Reich wissen, desto weniger wissen wir darüber, wie damals gelebt und erlebt und was gedacht und gefühlt wurde. Der Abstand zwischen dem, was aus heutigem Wissen und heutiger Reflexion an damaligem Wissen und damaliger Reflexion vorausgesetzt wird, und dem, was damals tatsächlich gewusst und bedacht wurde, wird mit dem Zuwachs des heutigen Wissens größer und größer.

Nicht dass die damalige Lebenswelt nicht erforschbar wäre. Aber sie ist weniger die Welt der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen als vielmehr die Welt der sozialen Beziehungen, der Freundes- und Kollegengruppen, der Familien, der Milieus. Sie hat ihre Spuren weniger in Statistiken, Akten und offiziellen Verlautbarungen hinterlassen als vielmehr in privaten Aufzeichnungen, Tagebüchern, Briefen, den Büchern, die damals gelesen, den Filmen, die damals gesehen, den Predigten, die damals gehört, und den Vergnügungen, die damals gesucht wurden. Wie die Menschen damals gefühlt haben, lässt sich nicht ohne Einfühlung in ihre Wahrnehmungen und Empfindungen herausfinden, und wie moralisch sie sich damals verhalten haben, nicht ohne Rücksicht darauf, welche Verhaltensmöglichkeiten und moralischen Verpflichtungen sie damals gesehen haben. Mit der heutigen Außensicht die damalige Innensicht zu verbinden, ist nicht unmöglich. Aber es ist schwierig.

Das Desinteresse an der damaligen Innensicht kommt auch daher, dass die Selbstzeugnisse der Kriegsgeneration oft der Rechtfertigung und Entschuldigung dienten. Es waren Legenden, Beschönigungen, Verfälschungen, die von der Nachkriegsgeneration demontiert werden mussten. Das Demontieren begegnete erheblichem Widerstand und musste mutig erkämpft werden; das rebellische Aufbegehren der sechziger und siebziger Jahre wurde dadurch auch zur moralischen Leistung. Dass es die Personen, deren Legenden, Beschönigungen und Verfälschungen es zu demontieren galt, nicht im Horizont ihrer Zeit und ihrer Lage sehen mochte, ist verständlich. Sie waren der Gegner.

Aber heute sind sie tot. Sie leisten keinen Widerstand mehr. Sie müssen nicht mehr bekämpft werden. Ihre Legenden, Beschönigungen und Verfälschungen sind erledigt. Ihre Geschichte so zu schreiben, wie sie war, erfordert keinen Mut mehr. Der rebellische und moralische Anspruch geht ins Leere.

Aber als Gestus ist er anscheinend unentbehrlich. Als sei es etwas Besonderes, das man nicht von jedem Historiker erwarten darf, betonen die Verfasser der Arbeit über das Auswärtige Amt, ihre Darstellung sei "aufrichtig und ungeschönt". Es müssen Legenden her, die endlich entlarvt werden: die Legende vom Auswärtigen Amt als Hort des Widerstands und die vom unbelasteten, unschuldigen Neuanfang des Auswärtigen Amts nach dem Krieg. Es muss moralisch Gericht gehalten werden – mit heutigen Maßstäben über gestriges Verhalten. Vor diesem Gericht sind alle Diplomaten schuldig, die nicht Widerstand geleistet oder ihren Abschied genommen haben, und ist Bismarck schuldig, der getrickst hat, und Freytag, der mit seinem Bild der Juden, Polen und Frauen nicht über seine Zeit hinaus war, und sind es die Rechtswissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts, die nicht so demokratisch und wirklichkeitsorientiert und totalitarismusresistent waren, wie wir das heute von Rechtswissenschaftlern fordern. Würde ihr Verhalten im Horizont ihrer Zeit gesehen und moralisch bewertet, gäbe es "keine Verantwortlichen, nur Getriebene".

Das ist denunziatorisch, obwohl es niemanden auf den Scheiterhaufen, ins Lager oder ins Gefängnis bringt. Es unterwirft Personen einem Maßstab, der ihnen nicht gemäß ist, und überantwortet sie einem Gericht, das ihnen nicht gerecht wird. Das Gericht ist fest etabliert, und der Maßstab wird verlässlich exekutiert. Aber das schließt Denunziation nicht aus, es ist deren Voraussetzung.

Es schafft eine Kultur des Denunziatorischen, weil es den Umgang mit der Geschichte insgesamt prägt, den wissenschaftlichen wie den alltäglichen, den Umgang mit der politischen Geschichte wie mit der Literatur- und Kulturgeschichte.

Es prägt sogar den Umgang mit der Gegenwart. Bei einer Bewertung historischer Personen, als lebten sie heute, bei einem Umgang mit der Geschichte, als sei sie Gegenwart, bleibt das nicht aus. Die Bewältigung der Vergangenheit erfolgte, indem die Verbrechen des Dritten Reichs aufgedeckt, die Legenden, Beschönigungen und Verfälschungen demontiert und das damalige Verhalten mit heutiger moralischer Strenge verurteilt wurde. Vergangenheitsbewältigung hat den Graben zwischen Vergangenheit und Gegenwart eingeebnet; indem der Maßstab der Gegenwart an die Vergangenheit angelegt wurde, wurde der Entlarvungs- und Demontierungsimpuls, der sich zunächst auf die Vergangenheit richtete, auch auf die Gegenwart erstreckt.

Manchmal ist die Gegenwart auch voller Vergangenheit. Die, die das Dritte Reich gestaltet haben, leben nicht mehr. Von denen, die in der DDR Karriere gemacht oder doch begonnen haben, leben viele noch. Machen sie auch im wiedervereinten Deutschland Karriere, richtet sich der Entlarvungs- und Demontierungsimpuls auf sie. Das begann mit Manfred Stolpe und Gregor Gysi und reicht bis zu Stanislaw Tillich und Jan-Hendrik Olbertz. Gewiss, wer in der DDR Karriere machte oder auch nur begann, hat nicht Widerstand geleistet, sondern mitgespielt. Aber wie? Aus welchen Gründen, um welchen Preis und mit welchem Ziel? Auf Kosten anderer oder auf eigene Kosten? Es geht um Biographien, die eine differenzierte und nuancierte Betrachtung und eine moralische Bewertung im Horizont ihrer Zeit verdienen. Stattdessen wird der Blick darauf verengt, ob einer als Soldat an der Grenze eingesetzt war oder als inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit geführt wurde oder als Wissenschaftler ein "ideologisch kontaminiertes" Fach vertreten hat. Die Verweigerung der moralischen Beurteilung im Horizont der Zeit wird besonders augenfällig, wenn dem Wissenschaftler, der sich dem damaligen Jargon nicht verweigerte, vorgeworfen wird, er müsse es entweder aus Überzeugung oder gegen seine Überzeugung getan haben und sei entweder ideologischer Verblendung oder der Unredlichkeit schuldig. Zwar kann, wer die administrativen oder auch gerichtlichen Überprüfungen der Wende- und Nachwendezeit bestanden hat, durch heutige Entlarvungen nicht mehr um die berufliche oder politische Stellung gebracht werden. Aber er kann und soll moralisch diskreditiert werden.

Auch wo die Gegenwart nicht voller Vergangenheit ist, bringt sich der Entlarvungs- und Demontierungsimpuls zur Geltung. Thilo Sarrazin, die, die sein Buch Deutschland schafft sich ab schätzen, und die, die es ablehnen, sind sich einig, dass in Deutschland die Integration von Zuwanderern nicht hinreichend gelungen ist, dass es bei ihnen das Problem der Bildungsferne gibt, dass die Integrationsbemühungen verstärkt und die Zuwanderungspolitik überdacht werden muss. Die falschen erbbiologischen Thesen des Buchs sind widerlegt und erledigt, anscheinend auch in den Augen des Verfassers. Der Streit, ob die polemischen Zuspitzungen des Buchs, weil Aufmerksamkeit garantierend, der Sache zuträglich sind oder, weil Empörung provozierend, abträglich, ist müßig.

Vom Verfasser und denen, die das Buch schätzen, wird wieder eine differenzierte und nuancierte Beschäftigung mit dem Buch gefordert. Stimmen dessen Befunde beziehungsweise welche Befunde stimmen und welche nicht? Stimmen die theoretischen und historischen Analysen? Tragen sie die Folgerungen, die das Buch zieht? Was ist von den zuwanderungs-, sozial- und bildungspolitischen Vorschlägen des Buchs zu halten? Taugen sie als Beitrag zur Verbesserung der Integrationsbemühungen und Zuwanderungspolitik? Man muss das Buch gar nicht schätzen, um eine solche Diskussion notwendig zu finden. Dass es millionenfach gekauft wird, zeigt das gesellschaftliche Bedürfnis nach ihr an.

Statt auf eine Diskussion zielt die ablehnende Beschäftigung mit dem Buch auf seine Entlarvung. Es gehe dem Buch nicht um das, wovon es zu handeln vorgebe, sondern um das populistische Ansprechen politischer Ressentiments oder um die Propagierung einer neuen politischen Moral oder vielmehr Unmoral im Geist des Darwinismus. Es sei menschenverachtend, rassistisch und unmoralisch – so unmoralisch, dass die Empörung manchmal zu den Adjektiven "abstoßend", "unappetitlich", "ekelerregend" greift.

In dieser Kultur des Denunziatorischen wachsen die Studenten intellektuell auf. In der Schule wird statt des Verständnisses des Verhaltens in der und aus der Lebenswelt des Dritten Reichs dessen moralische Bewertung mit ihnen eingeübt. In den Medien begegnen ihnen die denunziatorischen Kampagnen als Höhepunkte eines aufklärerischen und moralisch verantwortlichen Journalismus. In der Literatur zur politischen, Literatur- und Kulturgeschichte finden sie die Abwertung zeitgebundenen und -begrenzten Verhaltens bereits in der Behandlung des 19. Jahrhunderts. Wie sollte ihr Verhältnis zu Savigny, Puchta, Stahl und allen anderen anders sein, als es ist?

Was denn dagegen einzuwenden sei, mag man fragen – dagegen, dass die heutigen Studenten von der Höhe heutiger Moral nicht nur heutiges, sondern auch gestriges Verhalten beurteilen, dass sie Menschen anderer Zeiten für ebenso verantwortlich halten wie die Menschen unserer Zeit und dass sie niemandem erlauben, sein unmoralisches Verhalten auf die Umstände zu schieben und sich als Getriebenen zu verstehen und zu präsentieren. Ist das nicht ein couragierter kritischer Zugriff auf die Vergangenheit, der Zivilcourage gegenüber den Herausforderungen der Zukunft verspricht?

Aber was werden die moralischen Herausforderungen der Zukunft sein? Vermutlich werden es andere sein als die der Vergangenheit. Vermutlich wird vor ihnen neu vermessen werden müssen, was an Anpassung erlaubt und an Widerstand geboten ist, wann Einfluss, der Unrecht mildern, korrigieren oder auch sabotieren kann, mit schmutzigen Händen erkauft werden darf oder sogar muss und wann die persönliche Integrität oder ein absolutes moralisches Gebot alles Vermessen verbietet. Dass das Argument von der Verhütung des Schlimmeren missbraucht wurde, heißt nicht, dass es die Situationen nicht gibt, in denen Schlimmeres dadurch verhütet werden kann, dass Schlimmes getan wird, und in denen sich die Frage stellt, ob es zu tun ist. Dass sich Menschen mit dem Argument, sie seien Getriebene, aus ihrer Verantwortung zu stehlen versuchten, heißt nicht, dass die Umstände nicht in Konflikte treiben können, in denen die richtige Entscheidung, das richtige Handeln über die Kräfte geht. Ohnehin ist Getrieben- und Verantwortlichsein eine törichte Dichotomie; wir werden getrieben und sind verantwortlich.

Die zukünftigen Konflikte im Spannungsfeld von Verantwortungs- und Gesinnungsethik und eigenen Schwächen und Zwängen und Ängsten werden andere sein als die, die es nach 1933 gab. Schon nach 1933 waren sie komplizierter, als dass sie mit Zivilcourage zu lösen gewesen wären, und sie werden wieder komplizierter sein. Gewiss, im Rückblick scheint es immer einen Moment zu geben, in dem couragiertes moralisches Verhalten vieler das Verhängnis verhindern kann. Aber wann ist der Moment? Und was, wenn nicht viele bereit sind, sondern nur wenige? Oder wenn man nicht weiß, ob auch andere bereit sind oder man allein bleibt?

Moshe Zimmermann, einer der Autoren der Arbeit über das Auswärtige Amt, wünscht sich, dass aus der Geschichte gelernt wird. Wer wünschte sich das nicht! Aber man lernt aus der Geschichte nicht, indem man auf sie blickt und über sie urteilt, als sei sie die Gegenwart. Man lernt Zivilcourage gegenüber totalitären Vereinnahmungen nicht, wenn sie präsentiert wird, als habe sie nach 1933 nicht mehr gekostet, als heute ein Aufbegehren gegenüber staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen kostet. Man lernt nicht, sich auch noch als Getriebener seiner Verantwortung bewusst zu sein, wenn man um das Verständnis für das Getrieben- und zugleich Verantwortlichsein anderer gebracht wird. Man lernt Widerständigkeit nicht, indem man einübt, sich vom Mainstream moralischer Selbstgewissheit und -gerechtigkeit tragen zu lassen.

Geschichte lehrt keine Rezepte. Sie lehrt, dass alles schon anders war und dass alles auch anders sein kann. Sie lehrt, am Anderssein der Vergangenheit einen Sinn für das zu entwickeln, was in der Gegenwart anders sein kann und in der Zukunft anders sein wird, und dafür, was in altem und neuem Gewand wiederkehrt. Sie lehrt das Leben mit Alternativen – dass Alternativen einem begegnen und man sie bewältigen muss, aber auch, dass man sie suchen und dass man sie gestalten kann. Sie lädt dazu ein, die Welt verschieden zu interpretieren, sie utopisch neu zu entwerfen und sie zu verändern.

Unsere Gegenwart ist alternativlos? Was Politik und Kultur an Alternativen verweigern – Geschichte bietet der Phantasie und Kreativität Stoff in Fülle. Erstaunlich an der Kultur des Denunziatorischen und ihrem Positivismus der Gegenwärtigkeit ist, dass sie nicht langweilen. Wieder und wieder besser sein und es besser wissen als die Vergangenheit, entlarven, was alle schon wissen, widerlegen, was niemand mehr vertritt, anklagen, was längst verurteilt ist – was ist daran attraktiv?

Der rebellische Gestus? Oder ist das Gefühl der Überlegenheit, das sich bei der Darstellung und Bewertung der Vergangenheit von der Höhe heutiger Moral einstellt, so verführerisch? Oder ist die entschlossene Einseitigkeit, die sich Differenzierungen und Nuancierungen erspart, so verlockend?

Es ist ein Geflecht von Gründen, dem sich die Kultur des Denunziatorischen verdankt. Der denunziatorische Zugriff auf die Vergangenheit und auch die Gegenwart ist einfach. Moralisieren reduziert Komplexität. Die Erforschung nicht nur des äußeren, sondern auch des inneren Geschehens, die Erhebung nicht nur der markanten, sondern auch der unscheinbaren Befunde, aus denen Lebenswelten rekonstruiert werden, das Bewussthalten der Distanz, der letztlich unüberbrückbaren Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Balance zwischen dem analytischen und theoretischen Gegenwartsblick und der Einfühlung in vergangene Mentalitäten, das moralische Urteil aus dieser Balance – es ist aufwendig. Mit heutigem moralischem Maßstab zu entlarven und zu diskreditieren bedarf keines großen Aufwands.

Dazu kommen die Gratifikationen moralischer Überlegenheit und des rebellischen Gestus. Sie befriedigen die Eitelkeit. Mehr noch, sie scheinen den Makel der deutschen Vergangenheit zu tilgen, den noch die Angehörigen der dritten und vierten Generation spüren, wenn sie sich für Geschichte interessieren und ihre Identität nicht nur aus dem Leben in der Gegenwart, sondern auch aus dem Leben mit der Vergangenheit bestimmen. Wird gegen die Vergangenheit rebelliert und wird sie moralisch verurteilt, dann scheint ihre Integration in die Identität zu gelingen: als Integration der Rebellion und der Verurteilung.

Wie die Gründe, denen sich die Kultur des Denunziatorischen verdankt, hat sich auch das Material noch nicht erschöpft. Ein Ministerium des Dritten Reichs nach dem anderen wird historisch aufgearbeitet werden, und es wird sich zeigen, dass es ein williges Instrument des Nationalsozialismus war. Bei noch einem und noch einem Industrieunternehmen wird aufgezeigt werden, dass es von Aufrüstung und Zwangsarbeit profitiert hat. Jedes Stadt-, jedes Gerichts-, jedes Kirchen- und jedes Vereinsarchiv enthält Quellen aus dem Dritten Reich, und wenn sie erhoben werden, werden sie den Weg der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden bestätigen. Was sonst? Ohne Unterlass kann die Frage gestellt werden, was die Deutschen wussten und was sie nicht wussten – was wussten sie, wenn sie nicht wissen wollten, was sie hätten wissen können? Nach dem Dritten Reich gibt es die DDR und die Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre, die das Erbe des Dritten Reichs nicht entschlossen genug abgeschüttelt hat, und in den siebziger und achtziger Jahren den Terrorismus und seine Bekämpfung. Ständig wird Gegenwart zu neuer Vergangenheit und hält dem neuen moralischen Blick einer neuen Ge genwart nicht mehr stand. Ständig wird es in der Gegenwart neue Stoffe für moralische Skandalisierungen geben.

Aber wie sich bei der Kultur des Vergessens und Verdrängens und der Kultur des studentenbewegten und sozialdemokratischen Aufbruchs und der Kultur des In-der-Bonner-Republik-angekommen-und-mit-ihr-zufrieden-Seins schließlich Überdruss eingestellt hat, wird er sich auch bei der Kultur des Denunziatorischen einstellen. Es müsste einem nicht leid um sie sein, wäre nicht zu befürchten, dass sich mit ihr auch das Interesse an der Vergangenheit erledigen wird, mit der sie sich auf ihre besondere Art besonders intensiv beschäftigt. Der Überdruss an der Art der Beschäftigung wird deren Gegenstand nicht verschonen. Für eine der nächsten Generationen werden die Furchtbarkeiten des Dritten Reichs nicht nur weit weg sein; sie wird der Beschäftigung mit ihnen überdrüssig sein.

Im Sommer des letzten Jahres verbrachte ich einen Nachmittag und Abend mit einer Gruppe amerikanischer und deutscher Studenten. Die deutschen Studenten, die in England und Amerika englisch gelernt hatten, zeigten den amerikanischen, die nicht deutsch sprachen und noch nie in Berlin und Deutschland gewesen waren, die Universität und die Stadt. Ich begleitete die Gruppe durch die Universität, in die Alte Nationalgalerie und ins Deutsche Historische Museum. Als Letztes stand das Holocaust-Mahnmal auf dem Programm.

Nachdem wir uns zwischen den Stelen verloren hatten, fanden wir uns auf der Terrasse mit Bier- und Wurst- und Andenkenbuden wieder, die das Mahnmal säumt. Die ersten waren durstig gewesen und hatten sich etwas zu trinken bestellt; wir späteren setzten uns dazu. Den deutschen Studenten war das Getriebe und Gelärme auf der Terrasse, von der man auf das Mahnmal sieht wie von der Terrasse eines Schwimmbadcafés auf Strandkörbe und Badegäste, peinlich. Die amerikanischen waren über dieses Nebeneinander sichtbar verwundert, aber zu höflich, als dass sie Kritik geäußert hätten. Ein Gespräch über den Eindruck, den das Mahnmal hinterlassen hatte, mochte nicht aufkommen.

Bis ein deutscher Student unvermittelt sagte: "Mein Großvater war bei der SS." Ein anderer Student erzählte, sein Großvater sei in Afrika gefallen, eine Studentin, ihr Großvater in Russland. Ein Student erwähnte, sein Großvater habe bei der Reichsbahn gearbeitet. Die Vorfahren einer amerikanischen Studentin waren vor dem Ersten Weltkrieg aus Russland nach Amerika ausgewandert; mit Beginn der deutschen Besatzung war der Kontakt zu den zurückgebliebenen Verwandten abgebrochen. Die Großeltern eines Studenten waren 1938 aus Würzburg nach Amerika entkommen; ihre Eltern waren geblieben und wurden ermordet. Es war wie bei einer Vorstellungsrunde; jeder Student, jede Studentin sagte ein paar Sätze über die Großeltern. Die anderen hörten aufmerksam zu; als ein amerikanischer Student mit Witz von seinem Großvater und Urgroßvater erzählte, sie hätten in der Prohibition ihr Geld mit Schwarzbrennerei verdient, lachten sie erleichtert.

Dann begann die amerikanische Studentin den deutschen Studenten zu fragen. Sie tat es interessiert, ruhig, fast sanft. Habe er seinen Großvater gut gekannt? Was wisse er über ihn? Warum sei der Großvater zur SS gegangen, und was habe er davor gemacht? Sei er ein fanatischer Nazi gewesen? Ein Antisemit? Ein Opportunist? Was habe er im Krieg gemacht? Was habe er gewusst? Der deutsche Student blieb die meisten Antworten schuldig. Er war stolz, dass sein Vater mit dem alten Nazi gebrochen hatte; er selbst hatte ihn nur drei Mal gesehen, das letzte Mal mit vierzehn Jahren. Aber dann wuchs sein Interesse am Großvater. Er wusste, dass der Großvater Bauingenieur war, dass seine Eltern katholisch waren und seine Ehe glücklich war. Warum ging so jemand zur SS? Er wusste, dass in den fünfziger Jahren ein Verfahren gegen ihn eröffnet, aber eingestellt worden war – worum war es gegangen? Er erinnerte sich, dass sein Vater von Erschießungen geredet, aber nicht gesagt hatte, was genau der Großvater getan hatte oder getan haben sollte; der Vater habe sich wohl geschämt. Er grub in seiner Erinnerung, wie der Großvater gewesen war – ein grimmiger alter Mann, ein freundlicher?

Der Student hatte an meinem Seminar teilgenommen, und ich erinnerte mich an die moralische Strenge seiner Urteile. Unter den behutsamen Fragen der amerikanischen Studentin schien sich sein strenger Blick auf den Großvater zu wandeln. Es war, als wolle der Student erstmals wissen, wer sein Großvater eigentlich war.


 



Published 2011-06-21


Original in German
First published in Merkur 6/2011

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