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Erfahrung, Institution und Kritik in der postindustriellen Gesellschaft

François Dubets Soziologie


Mit seinen umfangreichen qualitativen Studien – zum Beispiel über Jugendliche in französischen Vorstädten, über Schüler und Lehrer im französischen Schulsystem oder auch über das Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz – hat François Dubet entscheidend dazu beigetragen, die gegenwärtigen Gesellschaftsbeziehungen zu konzeptualisieren, und zugleich immer wieder innovative Impulse für die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in Frankreich gesetzt. Dabei hat er seine Forschungsarbeit im Sinne Michael Burawoys als "öffentliche Soziologie" verstanden: "Ich habe also gelernt, mich zu engagieren," wie er rückblickend schreibt, "in Zeitungen zu schreiben, gelegentlich in den Medien zu sprechen, an Kommissionen teilzunehmen, Berichte zu verfassen, mich an Eltern, Lehrer und Politiker zu richten, wenn sie mich dazu auffordern."[1]

Vor dem Hintergrund eines solchen intellektuellen Engagements geht Dubet in seiner Gesellschaftsanalyse von der Frage aus, wie "unsere Art und Weise zusammenzuleben" zustande kommt und strukturiert ist.[2] Er stellt sich dabei explizit in die Tradition von Alain Touraines Soziologie der sozialen Bewegungen.[3] Dies kommt neben Dubets Veröffentlichungen zusammen mit und über Touraine auch in der Methode zum Ausdruck, die Dubets Studien zugrunde liegt, der sogenannten Intervention sociologique [soziologischen Intervention].[4] Wie Touraine seine Untersuchung sozialer Bewegungen baut Dubet seine empirische Forschung auf Gruppengesprächen auf. In solchen Gruppengesprächen konfrontieren die an der Studie beteiligten Soziologen Personengruppen, die in der einen oder anderen Weise die Forschungsfragen repräsentieren, mit positiven und negativen Identifikationspersonen und treten dergestalt in einen Dialog mit ihren Untersuchungssubjekten.[5] Empirische Soziologie zu betreiben besteht für Dubet – wie im Übrigen auch für die anderen Mitglieder des von Touraine gegründeten Centre d'Analyse et d'Intervention Sociologiques (CADIS) an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris – folglich darin, Debatten über ein bestimmtes gesellschaftliches Thema in einem ausgewählten Personenkreis herzustellen, rekonstruierend zu beschreiben und schließlich im Hinblick auf gesellschaftliche Konflikte, Entwicklungen und Interaktionen verallgemeinernd zu analysieren. Insofern stellt das methodologische Design der Studien Dubets den Akteur und seine Perspektive auf das jeweils debattierte Thema ins Zentrum der Gesellschaftsanalyse. Zugleich sind damit Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaftsanalyse, die François Dubet mit seinen Veröffentlichungen vorgelegt hat, die individuelle oder auch kollektive Handlung, Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu formulieren, und die Frage nach Entstehung, Form und Wirksamkeit der Mobilisierung gegen ebendiese Verhältnisse – nach dem mouvement social [der sozialen Bewegung], wie es bei Dubet heißt.[6]

Der akteurszentrierte Ansatz Dubets unterscheidet sich deutlich von dem der französischen Soziologen, die in der Tradition Pierre Bourdieus Handlung als Ausdruck eines determinierenden Habitus oder in der Tradition Raymond Boudons soziale Phänomene als das Zusammenwirken von individuellen Handlungsrationalitäten analysieren.[7] Genauso wenig lässt sich die Soziologie Dubets der sogenannten neuen pragmatischen Soziologie in Frankreich zuordnen, für die zum Beispiel Bruno Latour, Luc Boltanski und Laurent Thévenot stehen.[8] Denn Dubet bindet seine Analyse der individuellen oder auch kollektiven Handlung an eine Analyse systemisch verstandener Handlungsbedingungen – in seinen Worten gesprochen an eine Analyse des Systems der Integration und Sozialisation, des Systems der Interdependenzen und Zwänge und schließlich des Systems der Historizität [historicité].[9] Die daraus folgende Eigenheit und individuelle Qualität der Soziologie Dubets lassen sich anhand von drei Begriffen erfassen: Erfahrung, Institution und Kritik. In der Tat spiegeln diese drei Begriffe sowohl die Schwerpunkte in seiner empirischen Sozialforschung als auch die entscheidenden Konzeptualisierungen seiner theoretischen Arbeit wider.

Erfahrung

Für Dubets Erfahrungsbegriff ist die 1987erschienene Studie La galère: jeunes en survie [Das Herumhängen: Jugendliche am Überleben] paradigmatisch.[10] La galère ist eine breit angelegte Untersuchung über Jugendliche, die in von Segregationserscheinungen gezeichneten Stadtvierteln französischer Großstädte in den 1980er Jahren lebten und unter den Bedingungen von Stigmatisierung, Arbeitslosigkeit, gescheiterten Bildungswegen und ökonomischer Prekarität ihren Alltag zu organisieren hatten. Dubet beschreibt in dieser nach über zwanzig Jahren weiterhin interessanten und spannend zu lesenden Studie, wie sich die soziale Frage – die Frage nach sozialer Gerechtigkeit – von der Arbeiterklasse hin zur Position in der Stadt verlagert hat. "Heute scheint es eine Selbstverständlichkeit zu sein", erklärt er im Vorwort zur Neuauflage von La galère, "dass die soziale Frage weniger mit der Problematik der Arbeiterschaft als mit der Stadtproblematik bezeichnet werden muss, das heißt mit einer Verknüpfung ökonomischer, kultureller und politischer Probleme."[11] Abgesehen von den Impulsen, die das Buch für die stadtsoziologische Forschung in den 1990er Jahren gesetzt, und von der Aktualität, die es nicht zuletzt durch die spektakulären Jugendaufstände in Frankreich im November 2005 erhalten hat, führt La galère zum einen vor Augen, welche Konflikte für postindustrielle Gesellschaftsstrukturen charakteristisch sind, und verdeutlicht zum anderen, was es heißt, wenn Handlung an multiplen, wechselnden Prinzipien orientiert und nicht von einem übergeordneten, vereinheitlichenden Prinzip strukturiert wird.

In der Tat liest Dubet aus den Alltagsbeschreibungen und Handlungsrechtfertigungen der Mitte der 1980er Jahre befragten Jugendlichen das Ende der industriegesellschaftlichen Klassenstrukturen heraus. Denn die Jugendlichen beziehen sich in ihren Alltagsbeschreibungen und Handlungsrechtfertigungen, so die Argumentation Dubets, nicht auf Positionen und Funktionen des Produktionssystems. Zudem verbänden sie Positionen und Funktionen des Produktionssystems nicht mit Lebensmodi oder Kollektiven, die individuelles Dasein und Denken oder auch politische Haltungen bestimmen. "[...] in der Galère zerreißen widersprüchliche Logiken die Verhaltensformen der Jugendlichen zutiefst", hebt Dubet hervor und fügt 2008 im Vorwort zur Neuauflage des Buchs hinzu, "es wäre ein Irrtum zu glauben, dass besondere kulturelle Codes diese Verhaltensformen bestimmen und integrieren, wie etwa in der Welt 'der Indianer', die den 'modernen', 'weißen' und 'zivilisierten' Modellen gegenübersteht. Diese kulturalistische und ethnologische Perspektive setzt, abgesehen von den guten Absichten, die ihr zugrunde liegen, eine kulturelle Kohärenz voraus, die meines Erachtens lediglich ein Distanzeffekt des Blicks aus dem Zentrumauf den Rand ist."[12] Vielmehr führen die Selbstbeschreibungen der Jugendlichen und ihre Bewertungen der gesellschaftlichen Verhältnisse Dubet zufolge die abnehmende Erklärungskraft des Klassenbegriffs, der in der Soziologie der klassischen Moderne zwischen Akteur und System vermittele, vor Augen.[13] Die abnehmende Erklärungskraft des Klassenbegriffs geht jedoch, wie Dubet in verschiedenen Veröffentlichungen unterstrichen hat, nicht damit einher, dass soziale Ungleichheiten und damit verbundene Herrschaftsverhältnisse verschwinden. Stattdessen vervielfältigten sich die Dimensionen der sozialen Ungleichheit und dergestalt die Machtasymmetrien in postindustriellen Gesell – schaftsbeziehungen.[14] Dadurch können, so Dubets Schlussfolgerung, die institutionalisierten Konfliktregelungsmuster, die in der Industriegesellschaft die Klassenakteure und das Produktionssystem zusammengehalten haben, nur noch unbefriedigende Teillösungen für postindustrielle Konflikte herbeiführen.[15]

Wie Dubet in seinen Veröffentlichungen ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre herausstellt, verstärkt sich diese Entwicklung insofern, als sie mit einer abnehmenden Integrationskraft des Nationalstaats verbunden ist. Darauf verweisen Dubet zufolge gerade die Proteste, in denen die Verteidigung eines nationalen Modells der Arbeitsorganisation oder einer nationalen Identität im Mittelpunkt steht, wie etwa während des Streiks zur Verteidigung des öffentlichen Diensts in Frankreich 1995 oder in den Kampagnen der französischen Gegner des EU-Verfassungsvertrags 2005.[16] Den Wandel der Konfliktstrukturen postindustrieller Gesellschaftsbeziehungen soziologisch in Betracht zu ziehen, verlange daher auch, die implizite nationalstaatliche Kontur des Gesellschaftsbegriffs in der Soziologie zu hinterfragen.[17]

Vor dem Hintergrund, dass der Klassenbegriff keine totale – allumfassende und allmächtige – Beschreibungskategorie der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Nationalstaatsbegriff keine selbstverständliche Integrationskategorie für die Gesellschaftsbeziehungen mehr darstellen, können beide Begriffe, so Dubets Analyse, individuelle und kollektive Handlung nicht mehr in zentraler Weise ausrichten. Wie Dubet schon in La galère erläutert, haben der Klassenbegriff und die Klassenstrukturen respektive Nationalstaatsbegriff und nationale Integration in der nationalstaatlichen Industriegesellschaft den Akteuren ermöglicht, Handlungsrationalitäten aufeinander zu beziehen und übergeordneten Wertmaßstäben unterzuordnen. Demgegenüber führten die Selbstbeschreibungen und Handlungsrechtfertigungen der Jugendlichen in den segregierten französischen Vorstädten der 1980er Jahre einen Handlungsmodus vor Augen, der sich dadurch auszeichne, dass Rationalitäten und Deutungsmuster ständig wechseln, ohne dabei irgendeinem übergeordneten Prinzip zu folgen. Die Jugendlichen "zirkulieren" zwischen systemkonformem Rollenverhalten, interessenorientierter Nutzenkalkulation und Selbstverwirklichungsversuchen.[18] Unter den gesellschaftlichen Bedingungen in marginalisierten Wohnorten führt dies dazu, wie Dubet eindrücklich in La galère beschreibt, dass die Jugendlichen zwischen protektionistischem Rückzug in Familienstrukturen, Kleinkriminalität und wutgeleiteter Gewalt ohne konkreten Objektbezug hin- und herwechseln. Je nach äußerem Zwang und insbesondere je nach Art der sozialen Beziehungen, die das Gegenüber in einer Interaktion bestimmt, wird diese Zirkulation neu ausgerichtet.[19]

Die "kognitive Aktivität", Handlungsrationalitäten aufeinander zu beziehen oder zu wechseln, konzeptualisiert Dubet über den Begriff "Erfahrung". Wie er in seinem Buch Sociologie de l'expérience [Soziologie der Erfahrung] erläutert, wird Erfahrung zur zentralen soziologischen Kategorie für das Verständnis von Handlung und damit für die allgemeine Gesellschaftsanalyse dort, wo Klassen und Nationalstaatsbegriff die Handlungsrationalitäten der Gemeinschaftsintegration, der individuellen Nutzenstrategie und der persönlichen Selbstverwirklichung nicht mehr in ein ausgeglichenes Verhältnis stellen können.[20] Erfahrung ist bei Dubet also weder eine Gefühlsangelegenheit noch Ausdruck eines reinen Subjekts, sondern eine Tätigkeit, die jeweils unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen – unter bestimmten Herrschaftsverhältnissen, sozialen Ungleichheitskonstellationen, Machtasymmetrien, Rollensozialisationen und ökonomischen, politischen wie auch kulturellen Voraussetzungen – vollzogen wird.[21]

Institution

Dass Erfahrung zu einer zentralen soziologischen Kategorie postindustrieller Gesellschaftsbeziehungen wird, steht für Dubet in einem unauflöslichen Zusammenhang mit dem Niedergang der Sozialisationsarbeit, die nationalstaatliche Institutionen nach Auffassung der klassischen Soziologie leisten, unter postindustriellen Bedingungen jedoch nicht mehr zu leisten vermögen. Diesen Gedankengang fasst Dubet in seinem Buch Le déclin de l'institution [Zerfall der Institution] zusammen.[22] Dabei greift er auf seine Studien aus den 1990er Jahren über die französische Schule zurück und argumentiert, dass die in diesen Studien deutlich gewordene Vielfalt der Erfahrung der Lehrer und Schüler und damit die Heterogenität der kognitiven Aktivität dieser beiden Gruppen die Rollendefinitionen des institutionellen Programms durchbrechen, verwischen und überragen. "Die Erfahrung der Schüler und Lehrer, insbesondere die Tatsache, dass die Herstellung der Erfahrung als Sozialisationsmechanismus selbst im Vordergrund steht, muss als Offenlegung der Schwäche des institutionellen Programms verstanden werden [...]."[23] Dadurch verlieren Dubet geht in seiner Konzeptualisierung institutionellen Wandels von einem durkheimianischen Sozialisationsbegriff und einem Institutionenverständnis aus, das dem Modell der französischen Republik traditionell zugrunde liegt. In dieser Hinsicht beschreibt er für Institutionen das "Programm", via Sozialisationsarbeit "in das Individuum eine Kultur einzuschreiben". Idealiter sozialisieren also Institutionen die Individuen, ermöglichen diesen, durch die Verinnerlichung von Wertmaßstäben und Prinzipien zu Personen zu werden, und befähigen schließlich diese Personen zu Autonomie, das heißt zur Freiheit, jenseits von Primärsozialisation durch Familie, ethnische oder religiöse Gemeinschaft zu handeln. Die Konzeption der école publique [öffentlichen Schule] stellt nach Dubet den Inbegriff dieses institutionellen Programms dar. Denn die Vertreter dieser Institution, die Lehrer, transformieren die Individuen in Akteure, indem sie dank ihres Berufs und ihrer Berufung im Sinne des französischen Verbs instituer [einführen] soziale Handlung bewirken. Die französischen Grundschullehrer werden daher auch als instituteurs bezeichnet.25 die Institutionen, so Dubet in Le déclin de l'institution, nicht nur ihr Deutungsmonopol und ihre Kraft, Wertmaßstäbe und Prinzipien in individuelle wie auch kollektive Handlung und Subjektivität umzuwandeln, sondern auch ihren Status als "Schrein" der Moral, die gegen jeden gesellschaftlichen Konflikt gefeit ist. [24]

Dubet geht in seiner Konzeptualisierung institutionellen Wandels von einem durkheimianischen Sozialisationsbegriff und einem Institutionenverständnis aus, das dem Modell der französischen Republik traditionell zugrunde liegt. In dieser Hinsicht beschreibt er für Institutionen das "Programm", via Sozialisationsarbeit "in das Individuum eine Kultur einzuschreiben". Idealiter sozialisieren also Institutionen die Individuen, ermöglichen diesen, durch die Verinnerlichung von Wertmaßstäben und Prinzipien zu Personen zu werden, und befähigen schließlich diese Personen zu Autonomie, das heißt zur Freiheit, jenseits von Primärsozialisation durch Familie, ethnische oder religiöse Gemeinschaft zu handeln. Die Konzeption der école publique [öffentlichen Schule] stellt nach Dubet den Inbegriff dieses institutionellen Programms dar. Denn die Vertreter dieser Institution, die Lehrer, transformieren die Individuen in Akteure, indem sie dank ihres Berufs und ihrer Berufung im Sinne des französischen Verbs instituer [einführen] soziale Handlung bewirken. Die französischen Grundschullehrer werden daher auch als instituteurs bezeichnet.[25]

Dieses Institutionenverständnis verliert, so Dubets Argumentation, zwangsläufig seine Plausibilität, wenn die Repräsentanten der Institutionen und ihre Zielgruppen, wie zum Beispiel Lehrer und Schüler, in Konkurrenz zu ihren vorgesehenen Rollen, gegen oder unabhängig von diesen Rollen Erfahrung konstruieren. Denn die Personen übernähmen beziehungsweise entwerteten nunmehr die Arbeit des institutionellen Programms mit ihrer kognitiven Aktivität, Gemeinschaftsintegration, individuelle Nutzenstrategien und persönliche Kreativität aufeinander zu beziehen. Diese Entwicklung erklärt in den Augen Dubets den normativen Pluralismus und die instabilen Rollenverständnisse in postindustriellen Gesellschaftsbeziehungen. Zudem habe sie zur Folge, dass die Institutionen von ihrer Aufgabe entlastet würden, dass alle Personen trotz ungleicher Ressourcenverteilung in gleichberechtigter Weise jede Handlungsrationalität für sich in Anspruch nehmen können. Insofern trägt die Erschöpfung der Institutionen laut Dubet dazu bei, dass sich die Ungleichheitsstrukturen in den Gesellschaftsbeziehungen vervielfältigen und die institutionelle Verantwortung für die gesellschaftlichen Bedingungen auf den Einzelnen übergeht. Trotz verschwimmender Klassenstrukturen und erhöhter öffentlicher Aufmerksamkeit für die Gleichberechtigung bleibe die soziale Frage also nicht nur bestehen, sondern verschärfe sich.

Kritik

Die Schwäche der Institutionen, Erfahrung zu normieren und zu vereinheitlichen, vergrößert aber gleichzeitig, wie Dubet in seinen Studien zeigt, den Spielraum individueller Handlungsfreiheit. Insofern legitimiere sie implizit normativen und kulturellen Pluralismus, verstärke indirekt die Mobilität der Akteure und diversifiziere ihre Forderungen nach Gerechtigkeit. In der Verständigung über Gesellschaft würden gemeinsam geteilte Wert- und Rollenvorstellungen dadurch ihre Bedeutung verlieren. Stattdessen wird für die Akteure, wie Dubet erläutert, Gerechtigkeit, das heißt, "als legitim geltende hierarchische Ordnung", zum Bewertungsmaßstab gesellschaftlicher Beziehungen.[26] Diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt von Dubets Buch Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz. Dubet schreibt mit dieser Untersuchung von Arbeitsplatzbewertungen seine Konzeptualisierung der Erfahrungskonstruktion fort, denn er richtet hier sein Erkenntnisinteresse auf die normative Aktivität, die ihm zufolge die kognitive Aktivität, Handlungsrationalitäten aufeinander zu beziehen, begleitet. Die "Gerechtigkeitsgefühle [der sozialen Akteure, NT] hängen nicht nur von der vorgefundenen Situation ab, sondern besitzen auch eine Eigendynamik, die eine selbstständige moralische Aktivität impliziert und jeden zwingt, seine moralische Erfahrung ebenso zu konstruieren wie seine gesellschaftliche Erfahrung."[27] Andersherum formuliert: Erfahrung zu konstruieren, findet nach Dubet auf der normativen Ebene seinen Ausdruck darin, Ungerechtigkeitsempfinden zu äußern und Kritik zu formulieren.

Dubets Studien über die Jugendlichen in La galère und über die Gymnasiasten im französischen Schulsystem der Studie über das Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz gegenüberstellend, werden die Entsprechungen zwischen seiner Soziologie der Erfahrung und seiner Soziologie der Kritikformulierung deutlich. In der Tat unterscheidet Dubet in den Ungerechtigkeitsbeschreibungen von Personen, die über ihre Arbeitsbedingungen befragt worden sind, drei Gerechtigkeitsprinzipien: Gleichheit, Leistung und Autonomie. Diese Prinzipien hängen, so Dubets Erläuterungen, notwendigerweise zusammen, widersprechen sich gegenseitig und veranlassen gleichzeitig jeweils zu einer Kritik an der Anwendung des einen oder anderen Prinzips. "So kann man die Leistung im Namen von Gleichheit und Autonomie kritisieren, genauso wie die Gleichheit eine Kritik an Leistung und Autonomie nach sich zieht, während die Autonomie zu einer Kritik an der bloßen Leistung und an der – dann als Egalitarismus aufgefassten – Gleichheit führt. Auf dieser Dialektik beruht die normative Arbeit der Akteure."[28] Betrachtet man nunmehr die unterschiedlich orientierten Kritikformulierungen der Akteure vor dem Hintergrund der kognitiven Aktivität, Erfahrung herauszubilden, erhält man folgende Verweisungszusammenhänge zwischen Kritik und Handlungsrationalitäten: Ausgehend vom Gerechtigkeitsprinzip "Gleichheit" verweist eine Kritikformulierung auf die Handlungsrationalität "Gemeinschaftsintegration". Eine Kritikformulierung, die an dem Gerechtigkeitsprinzip "Leistung" orientiert ist, steht wiederum in einem Zusammenhang mit interessengeleiteter, strategischer Handlungsrationalität. Vom Gerechtigkeitsprinzip "Autonomie" geleitete Kritikformulierungen dagegen besitzen ihr Korrelat in der Handlungsrationalität "Selbstverwirklichung" oder auch in der "Subjektivierung", wie Dubet sagt. Die "Syntax der Gerechtigkeitsprinzipien" in einer Kritikformulierung spiegelt also auf der normativen Ebene wider, wie ein Individuum oder ein Kollektiv auf der kognitiven Ebene Handlungsrationalitäten in ein Verhältnis zueinander stellt.[29]

Kritik und Erfahrung – normative und kognitive Aktivität – aufeinander zu verweisen, unterscheidet Dubets Soziologie des Ungerechtigkeitsempfindens von der Soziologie der Kritik im Sinne Boltanskis, Chiapellos und Thévenots.[30] Letztere erfassen Kritik in der Kompetenz von Personen, Wertmaßstäbe bestimmter Rechtfertigungsordnungen (sogenannte Gemeinwesen [cités]) und deren Prinzipien in ihrer Anwendung zu überprüfen oder aber von einem gesellschaftlichen Kontext in den anderen zu verschieben, das heißt, Größenprüfungen [épreuves de grandeur] und Kraftproben [épreuves de force] zu vollziehen. Bei Dubet hingegen setzen Akteure die Gerechtigkeitsprinzipien "Gleichheit", "Verdienst" und "Autonomie", die immer für alle gesellschaftlichen Kontexte gleichzeitig gültig und relevant sind, in ein Verhältnis zueinander und formulieren ihre Kritik durch und über die inneren Widersprüche der drei Prinzipien. Die drei Gerechtigkeitsprinzipien aufeinander beziehend, verweist Kritik in Dubets Konzeptualisierung zudem auf die Erfahrung der Akteure und damit auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Akteure Erfahrung herausbilden. Insofern sind Kritikformulierungen in den Augen Dubets unauflöslich mit Machtasymmetrien und Ressourcenverteilungen in den Gesellschaftsbeziehungen wie auch mit der Wirkungsmacht politischer Institutionen verknüpft.

Mit dieser Konzeptualisierung hebt sich Dubets Soziologie der Kritikformulierung ebenfalls von der kritischen Soziologie ab, für die der Name Bourdieus steht. Dubet begreift Kritik als "normative Aktivität" von Akteuren und damit als ein Untersuchungsobjekt, was ihn im Übrigen jenseits der genannten Unterschiede mit Boltanski, Chiapello und Thévenot verbindet. Kritik ist folglich keine exklusive Eigenschaft des soziologischen Blicks, der erlaubt, ideologische, im Habitus einer Person verfestigte Herrschaftsverhältnisse aufzudecken. Vielmehr teilt der Soziologe mit seinen Untersuchungssubjekten Dubet zufolge die Kompetenz, Kritik zu formulieren. "Statt ganz allgemein eine gesellschaftliche Situation zu beurteilen, die man für ungerecht hält, sollte man sich fragen, inwiefern die Akteure ihre Situation und die Welt, in der sie leben, gerecht oder ungerecht finden. Die Kritikfähigkeit der Individuen reicht völlig aus; wir müssen sie nicht durch unsere eigene Kritik ersetzen und die Arbeitenden für verblendet und entfremdet erklären, wenn sie nicht unseren Erwartungen entsprechen."[31] Diese Haltung bringt Dubet nicht zuletzt schon mit der Anwendung der eingangs beschriebenen Methode, der Intervention Sociologique, in seinen Studien zum Ausdruck. Soziologie zu betreiben heißt für ihn, "eine besondere und spezifisch kontrollierte Form der gesellschaftlichen Debatte " zu führen.[32] Vor dem Hintergrund von Dubets Veröffentlichungen betrachtet, ist das grundlegende Element dieser besonderen und spezifisch kontrollierten Debatte, empirische Sozialforschung mit soziologischer Begriffs- und Theoriebildung zu verbinden. Diese Verbindung in verschiedenen Studien immer wieder neu und innovativ herzustellen, macht die eigene Qualität der soziologischen Arbeit von François Dubet aus.

 

  • [1] François Dubet, L'expérience sociologique, Paris 2007, S. 67. Vgl. auch ders., "Du côté de l'action", in: Sociologie du travail 41/1991, S. 79-88; Michael Burawoy, "For Public Sociology", in: American Sociological Review, 70/2005, S. 4-28.
  • [2] Vgl. François Dubet, L'expérience sociologique, S. 110.
  • [3] Vgl. u. a. Alain Touraine, La voix et le regard, Paris 1978.
  • [4] François Dubet, Michel Wieviorka, "Touraine and the Method of Sociological Intervention", in: John Clark, Marco Diani (Hrsg.), Alain Touraine. London, Washington 1996, S. 55-75.
  • [5] Vgl. Alain Touraine, Michel Wieviorka, François Dubet, Le mouvement ouvrier, Paris 1984; François Dubet, Sociologie de l'expérience, Paris 1994, S. 256ff.
  • [6] Vgl. François Dubet, "Between a Defence of Society and a Politics of the Subject: The Specificity of Today's Social Movements", in: Current Sociology 52/4/2004, S. 693-716.
  • [7] Vgl. Raymond Boudon, La logique du social, Paris 1979; Pierre Bourdieu, Sozialer Raum und 'Klassen'. Leçon sur la leçon, Frankfurt am Main 1985.
  • [8] Vgl. Luc Boltanski, Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, Hamburg 2007; Luc Boltanski, Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003; Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Eine Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main 2007; Laurent Thévenot, L'action au pluriel. Sociologie des régimes d'engagement, Paris 2006.
  • [9] Vgl. François Dubet, Sociologie de l'expérience; ders., "The System, the Actor, and the Social Subject", in: Thesis Eleven 38/16/1994, S. 16-35.
  • [10] Vgl. François Dubet, La galère: jeunes en survie [1987], Paris 2008 (Mit einem Vorwort des Autors zur Neuauflage).
  • [11] François Dubet, La galère, S. 12; vgl. auch ders., Didier Lapeyronnie, Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen Gesellschaft, Stuttgart 1994.
  • [12] François Dubet, La galère, S. 19.
  • [13] Vgl. François Dubet, L'expérience sociologique, S. 93.
  • [14] Vgl. François Dubet, Les inégalités multiples, La Tour d'Aigues 2000; ders., "Youth Experience, Socialization and Inequalities in France", in: Laurence Roulleau-Berger (Hrsg.), Youth and work in the post-industrial city of North America and Europe, Leiden 2003, S. 11-42.
  • [15] Vgl. François Dubet, "Das Comeback der Stadt. Umbrüche der Industriegesellschaft und ihre Folgen", in: Lothar Albertin u. a. (Hrsg.), Frankreich-Jahrbuch 1993, Opladen 1993, S. 83-97; ders., "Strukturwandel der Gesellschaft: von den Klassen zur Nation", in: Marieluise Christadler, Henrik Uterwedde (Hrsg.), Länderbericht Frankreich. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Opladen 1999, S. 97-117; ders., "Die Schwäche der Institutionen: eine Folge der Globalisierung oder der Moderne", in: Lothar Albertin u. a. (Hrsg.), Frankreich-Jahrbuch 2002, Opladen 2003, S. 101-123.
  • [16] Vgl. François Dubet u. a., Le grand refus, Paris 1996; ders., "Between a Defence of Society and a Politics of the Subject : The Specificity of Today's Social Movements", in: Current Sociology 52/4/2004, S. 693-716.
  • [17] Vgl. François Dubet, Le travail des sociétés, Paris 2009.
  • [18] Vgl. François Dubet, La galère, S. 134ff.
  • [19] Vgl. ebd., S. 152.
  • [20] Vgl. François Dubet, Sociologie de l'expérience, Paris 1994.
  • [21] Vgl. u. a. François Dubet, Les lycéens, Paris 1991.
  • [22] Vgl. François Dubet, Le déclin de l'institution, Paris 2002.
  • [23] François Dubet, L'expérience sociologique, S. 64; vgl. ders., Les Lycéens, Paris 1991; ders., Danilo Martuccelli, A l'école. Sociologie de l'expéreince scolaire, Paris 1996; ders., "L'égalité et le mérite dans l'école démocratique de masse", in: L'Année sociologique 50/2/2000, S. 383-408.
  • [24] Vgl. François Dubet, Le déclin de l'institution, S. 24, 26.
  • [25] Vgl. ebd., S. 24.
  • [26] François Dubet, Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz, Hamburg 2008, S. 20.
  • [27] Ebd., S. 41.
  • [28] Ebd., S. 36.
  • [29] Ebd., S. 36.
  • [30] Vgl. Luc Boltanski, Tetsuji, Yamamoto, "Luc Boltanski", in: Tetsuji, Philosophical Designs for a Socio-Cultural Transformation. Beyond Violence and the Modern Area, Bolder, Tokyo 1998, S. 248-273; Luc Boltanski, Laurent Thévenot, "The Sociology of Critical Capacity", in: European Journal of Social Theory, 2/3/1999, S. 359-377.
  • [31] François Dubet, Ungerechtigkeiten, S. 47.
  • [32] François Dubet, Expérience sociologique, S. 25.


Published 2011-05-04


Original in German
First published in Mittelweg 36 2/2011

Contributed by Mittelweg 36
© Nikola Tietze / Mittelweg 36
© Eurozine
 

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Arrivals/Departures: European harbour cities as places of migration
The 24th European Meeting of Cultural Journals
Hamburg, 14-16 September 2012

http://www.eurozine.com/comp/hamburg2012.html
Harbour cities as places of movement, of immigration and emigration, as places of inclusion and exclusion, develop distinct modes of being that not only reflect different cultural traditions and political and social self-conceptions, but also communicate how they see themselves as part of the structure that is "Europe". The 2012 Eurozine conference will explore how European societies deal variously with the cultural legacy of the "harbour city". [more]

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Multimedia section including videos of past Eurozine conferences in Vilnius (2009) and Sibiu (2007). [more]


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