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Sümpfe und Salons

Internetkolumne


"Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden." So schrieb Adam Soboczynski im Juni 2009 unter dem Titel Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird in der Zeit.

Obwohl es wenig Sinn hat, Behauptungen über "das Netz" aufzustellen, ist nachvollziehbar, wie man zu diesem Eindruck gelangen kann. Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zuckten nur die Schultern. Am "Netz als Feind" liegt es nicht, denn im englischsprachigen Bereich gibt es Orte, an denen die Kommentare lesenswerter sind als der kommentierte Beitrag. Bei einigen Angeboten[1] lese ich die Kommentare grundsätzlich vor den Artikeln, und die Praxis scheint so verbreitet zu sein, dass sich dafür analog zu RTFM ("read the fucking manual") in Diskussionen die Aufforderung RTFA, "erst mal den Artikel lesen", etabliert hat.

Wenn Autoren die Qualität der Kommentare unter ihren Texten beklagen, ist das in der Sache nicht falsch, die Vermutungen über Ursachen und Abhilfe sind aber oft unterkomplex. Im Zusammenhang mit den Kommentarforen von Printveröffentlichungen, aber auch vieler Onlinemedien herrscht die hinderliche Vorstellung, es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode. In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich. Dass Ausnahmen von der Misere existieren, deutet aber darauf hin, dass niedrige Beitragsqualität ein selbstgemachtes Problem ist. Konstruktive Beiträge entstehen nicht von allein, und auch nicht nur, weil ein Anbieter sie sich wünscht.

Man kann den Betreibern von Kommentarforen, Communities und anderen Kommunikationsangeboten aber höchstens mittelgroße Vorwürfe machen. Die technischen Voraussetzungen für den Meinungsaustausch mit Menschengruppen, die nicht mehr an einen Kneipentisch passen, gibt es noch nicht lange. Außerhalb spezialisierter Nerdkreise hatte niemand länger als zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, um Erfahrungen mit der Förderung und Erhaltung konstruktiver Kommunikation in großen Gruppen zu sammeln. Es ist keine Überraschung, dass zentrale technische wie soziale Probleme ungelöst sind.

Die erste Aufgabe, vor der Gründer einer Kommunikationsplattform stehen, ist die Beschaffung einer passenden Starterkultur; aus einem Sumpf wird nie mehr ein Salon. Häufig rekrutieren die Betreiber dazu ihren Freundeskreis oder schon vorhandene Autoren. Eine einigermaßen homogene und überschaubare Gruppe bringt in diesem quasi vorgesellschaftlichen Zustand meistens auch ohne ausgefeiltes Regelwerk eine zivile Form des Austauschs hervor. Schon an diesem Punkt scheitern viele Gemeinschaften an fehlendem Beteiligungsinteresse oder werden von Nutzern mit einer ganz anderen Agenda als geplant besiedelt. Trotzdem ist der erste Schritt noch vergleichsweise einfach.

Wenn er gelingt und eine produktive Diskussionskultur entsteht, wird schon ab einer relativ kleinen Gruppengröße Moderation unumgänglich. Das Erreichen dieser Schwelle ist ein schwieriger Moment, denn zuerst muss das Problem erkannt und akzeptiert werden, und vor dem Festlegen der Regeln muss irgendjemand die Regeln des Gesetzgebungsprozesses festlegen. Man müsste zuerst einmal über die Abstimmung abstimmen, aber wer soll an der Abstimmung über die Abstimmung teilnehmen? Auch halbwegs demokratische Systeme formen sich unter zweifelhaften Umständen, und die hier getroffenen Entscheidungen sind oft Anlass für jahrelang schwärende Konflikte.

Wächst die Gemeinschaft erfolgreich, steht sie über kurz oder lang vor dem Problem, dass die Regeln, die für eine kleine Gruppe gut funktioniert haben, nicht mitskalieren. Das Phänomen wird oft als "Eternal September" bezeichnet, benannt nach dem September 1993, als AOL seinen Kunden den Zugang zum Universitätsangehörigen vorbehaltenen Usenet öffnete. Bis dahin war nur der September mit seinem Zustrom tölpelhafter Studenten ein schwieriger Monat gewesen, und bis zum Oktober hatten die Neulinge gelernt, sich im Netz zu bewegen.

AOL und Usenet sind mehr oder weniger Geschichte, aber der Eternal September wird für jeden neu erschlossenen Internetkontinent wieder heraufbeschworen. Mit wachsender Teilnehmerzahl wird es für Moderatoren und andere Interessierte schwieriger, neue Nutzer mit den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Gemeinschaft vertraut zu machen. Die durchschnittliche Beitragsqualität sinkt, das Verhältnis von Signal und Rauschen wird ungünstiger. Wer sich stärker für Inhalte interessiert als für Sozialgeräusche, zieht sich in diesem Stadium zurück, was die Plattform wiederum für andere Teilnehmer unattraktiver macht. Dieser Prozess läuft weiter, bis der kleinste gemeinsame Nenner erreicht ist; Beispiele für die Revitalisierung umgekippter Biotope im Internet sind mir nicht bekannt.

Freiwillig oder unfreiwillig klein bleibende Gemeinschaften vermeiden diese Probleme und handeln sich dafür andere ein. Wie bei Beziehungen gibt es auch bei neuen sozialen Kreisen eine Phase der Frischverliebtheit, in der sich die Teilnehmer von ihrer besten Seite zeigen. In den ersten Monaten oder Jahren einer Onlinegemeinschaft befinden sich alle Teilnehmer gleichzeitig in diesem Zustand. Später bildet sich eine phasenverschobene Mischung aus Neuzugängen und Alteingesessenen. Wenn Letztere zu stark überwiegen, legen alle die Füße auf den Tisch, der Diskussionsstandard verfällt, und der Mangel an Nachwuchs führt zu geistiger Stagnation. Eine solche Zombiecommunity kann noch lange weiterexistieren, aber sie ist nur noch eine leere Hülle.

Selbst wenn eine Gemeinschaft anfangs gut funktioniert, lässt die Qualität der Auseinandersetzung im Laufe der Zeit nach. Das muss kein Naturgesetz sein, dazu ist das Internet noch zu jung, aber in den letzten Jahren standen Betreiber und Nutzer immer wieder vor denselben Problemen, und entsprechend viel wurde im Trial-and-error-Verfahren daran gearbeitet.

Die naheliegenden Lösungsansätze haben sich dabei als Sackgasse erwiesen oder bringen unerwartete Nebenwirkungen mit sich. Eine der hinderlichsten Ideen ist die, das Problem seien bestimmte Personen oder Gruppen, die man nur draußen zu halten brauche. Fast jeder mir bekannte Mensch einschließlich meiner selbst hat sich bereits in Internetdebatten versehentlich oder mutwillig destruktiv betätigt, wenn die Umstände dazu einluden. Vielleicht ist mein Umfeld von ungewöhnlich großer Verkommenheit, wahrscheinlicher aber wäre es Zeit für eine Wiederaufnahme des klassischen Stern-Titelbilds: "Wir haben getrollt!"

Dass das menschliche Benehmen stark von Rahmenbedingungen, Erwartungen und sozialem Druck abhängt, ist außerhalb des Netzes schon seit einiger Zeit bekannt. Das Problem sind nicht die falschen Leute, sondern Nutzer wie alle anderen, die in einem bestimmten Biotop das falsche Verhalten an den Tag legen. Es gibt Plattformen mit albernen Themen und hoher Beitragsqualität ebenso wie Intellektuellenmagazine, in deren Kommentarabteilungen ganztags nur gerülpst wird; Betreiber können sich also nicht darauf berufen, das Thema ihres Angebots oder die Persönlichkeitsstruktur ihrer Leser sei schuld am niedrigen Niveau.

Das am häufigsten vorgeschlagene und umgesetzte Mittel zur Erhöhung der Beitragsqualität ist die erzwungene Anmeldung. Es klingt naheliegend, dass eine Registrierung Nutzer zu manierlicherem Verhalten bewegt, aber die Tatsachen sprechen nicht dafür. Im japanischen 2channel, dem mit mehreren Millionen Beiträgen pro Tag größten Internetforum der Welt, gibt es weder Realnamen noch Pseudonyme; alle Nutzer sind vollständig anonym. Der Gründer Hiroyuki Nishimura erklärte in einem Interview: "Wenn die Nutzer Namen haben, arten Diskussionen schnell in Schlammschlachten aus. In einem anonymen System weiß man bei Kritik an den eigenen Beiträgen nicht, über wen man sich ärgern soll. Wenn es Benutzernamen gibt, neigen die alteingesessenen Nutzer dazu, immer mehr Autorität anzuhäufen, und es wird immer schwieriger, eine abweichende Meinung zu vertreten. In einem vollständig anonymen System kann man Langweiliges auch langweilig nennen. Alle Informationen sind gleichberechtigt, und nur präzise Argumente bringen einen weiter." Totale Anonymität macht es schwierig bis unmöglich, Beiträge nur des Autors wegen positiv zu bewerten oder auf Teilnehmern herumzuhacken, die weiter unten in der Hackordnung stehen.

Der gängige Einwand gegen vollständige Anonymität lautet, dass sie die Teilnehmer zu Beleidigungen und destruktivem Verhalten anstiftet. Dassel- be passiert aber auch überall dort, wo Anmeldungszwang herrscht. Zweit-, Dritt- und Fünfzehntpseudonyme sind so gebräuchlich wie unvermeidlich, und wenn jeder Nutzer mehrere Strohmänner betreibt, greifen weder negative Sanktionen für destruktives Verhalten noch positive für konstruktive Beteiligung. Moderation ist beim Einsatz von Pseudonymen ebenso unumgänglich wie bei anonymer Teilnahme, und manche Betreiber berichten sogar von sinkendem Blödsinnsanteil nach Abschaffung der Registrierungspflicht. Es gibt keine Einstiegsbarrieren, die ausschließlich die unerwünschten Nutzer fernhalten.

Im ungünstigsten Fall schreckt die Barriere gerade diejenigen stärker ab, die man eigentlich anlocken wollte. In diese Kategorie gehört der immer wieder vorgebrachte Vorschlag, für eine Anmeldung in Communities und insbesondere Kommentarforen einen kleinen Geldbetrag zu verlangen, um so Narren und Mehrfachpseudonyme draußen zu halten. Wer provozieren, besserwissen oder Verschwörungstheorien verbreiten möchte, hat immer die stärkere Motivation auf seiner Seite. Gerade diejenigen Nutzer, die Lesenswertes mitzuteilen hätten und dafür auch anderswo geschätzt würden, haben am wenigsten Grund, für die Beteiligung an einer Diskussion Geld zu bezahlen. Der Filter fördert also eventuell gerade diejenigen, die er abschrecken sollte. Außerdem beschleunigt jede Erhöhung der Zugangsschwellen die Erstarrung der Gemeinschaft durch Nachwuchsmangel. Gegen den allmählichen Sittenverfall unter einmal angemeldeten, legitimen Nutzern richtet sie gar nichts aus.

Aussicht auf dauerhafte Erhaltung der guten Sitten versprachen Karmasysteme, die sich in den letzten zehn Jahren weit verbreitet haben. Dabei sammeln die Nutzer Punkte für erwünschtes Verhalten und büßen sie ein, wenn sie sich danebenbenehmen. Das geschieht zum Teil automatisch, zum Beispiel für das Schreiben von Beiträgen oder das Beisteuern von Links, vor allem aber können andere Nutzer oder Moderatoren ihre Stimme abgeben wie bei Facebooks "Gefällt mir". Ein Nachteil der Karmaidee ist, dass gerade die für hilfreiches Verhalten vorgesehenen Belohnungen dazu beitragen, in bis dahin nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft Machtstreben und Bürokratiebegeisterung zu wecken. Wer genügend Punkte gesammelt hat, bekommt mehr Einfluss und darf dann zum Beispiel die Beiträge anderer in der Versenkung verschwinden lassen. Die Versuchung ist groß, diesen Einfluss für eine private Agenda zu nutzen.

Außerdem übt die Manifestation sozialen Erfolgs in Zahlenform auf die meisten Menschen wenigstens vorübergehend eine spielautomatenartige Wirkung aus. Egal, was gemessen wird und wie sinnlos die Metrik ist – das Gemessene wird sofort zum eigentlichen Handlungsziel, und der Schwanz fängt an, mit dem Hund zu wedeln. Gleichzeitig steigt damit der Drang, Abkürzungen zu diesem Ziel zu nehmen. Der Satz des Ökonomen Peter Drucker "What gets measured gets managed" bedeutet eben auch, dass es das Gemessene ist, an dem sich die Ziele ausrichten. Da es in sozialen Systemen selten möglich ist, direkt dasjenige Verhalten zu messen, das man fördern möchte, belohnen Karmasysteme meistens nicht den konstruktiven Beitrag, sondern schnelle Antworten, schäbige Scherze oder opportunistisches Verhalten. Neben dieser unbeabsichtigten Verschiebung der Handlungsziele sind Karmasysteme anfällig für aktiven Betrug.

Werden die Karmapunkte einer Person zugeordnet anstatt einer Leistung, führt das dazu, dass Personen im Mittelpunkt der Gemeinschaft stehen und nicht Inhalte oder Praktiken. Zum einen gefährdet es das ganze System, wenn diese Personen dann eines Tages das Interesse verlieren oder im Streit gehen. Zum anderen trägt der entstehende Personenkult zur Elitebildung und damit zur allmählichen Einengung des Diskussionsspielraums bei, wie Nishimura sie beschreibt.

Die Einsicht, dass es keine "richtigen" Nutzer gibt und dass auch die konstruktivsten Mitglieder einer Gemeinschaft bessere und schlechtere Tage haben, hat zumindest an manchen Stellen des Netzes komplexe Moderationsverfahren hervorgebracht. Die 1997 entstandene Nerd-Nachrichtensite Slashdot bewältigt mit Hilfe eines gewachsenen Moderationssystems ein enormes Kommentarvolumen. Jeder Nutzer kann selbst einstellen, ab welcher Bewertungsgrenze Kommentare für ihn sichtbar werden und ob er anonyme Beiträge sehen möchte oder nicht. Schlechtere Beiträge werden nicht entfernt, sie sind nur nicht mehr auf den ersten Blick sichtbar. Eine solche transparente Filterung verhindert, dass Moderatoren unbeobachtet ihre Macht missbrauchen, und bewahrt gleichzeitig die Nutzer vor Verschwörungstheorien über diese Moderatorenmacht.

Regelmäßige Leser, die sich nicht allzu auffällig danebenbenommen haben, werden nach dem Zufallsprinzip hin und wieder für kurze Zeit zu Moderatoren befördert. Zusätzlich gibt es ein Metamoderationssystem, bei dem Nutzer die Fairness von Moderationsentscheidungen bewerten können. Alle Elemente des Systems sind darauf ausgelegt, Machtmissbrauch, Willkür und die Arbeitsbelastung einzelner Moderatoren zu reduzieren.

Natürlich kommt es vor, dass interessante Kommentare unterhalb der Sichtbarkeitsschwelle bleiben, weil sie nicht der herrschenden Meinung entsprechen. Ungelöst ist auch das grundsätzliche Problem, dass einerseits differenziertere Begründungen für die Bewertung von Beiträgen wünschenswert wären, weil ein vergebener Pluspunkt sonst zu oft nur "Ich teile diese Meinung" anstatt "Der Beitrag bringt die Diskussion voran" bedeutet. Andererseits stimmen Nutzer nicht gern ab, wenn diese Abstimmung zu viel Mühe verursacht.

Eine Variante ist die "passive Moderation" durch technische Mittel analog zum E-Mail-Spamfilter. Das von mir mitgegründete Weblog Riesenmaschine verlangt keine Registrierung der Nutzer, setzt aber einen Filter ein, der anhand einiger Regeln bestimmte Kommentare verwirft. Obwohl diese Regeln einfach sind, etwa "keine multiplen Frage- und Ausrufezeichen", fangen sie den Großteil aller unerwünschten Beiträge ab. Ein ähnliches, aber ausgefeilteres System zur passiven Moderation ist das StupidFilter Project, dessen Filtersoftware Interessierte kostenlos herunterladen und einsetzen können. "Werden die Leute nicht einfach versuchen, den Filter zu überwinden, so wie Spammer es bei Spamfiltern versuchen?", ist eine der häufig gestellten Fragen auf der Website, und die Antwort lautet: "Hoffentlich – denn das heißt, dass sie keinen Text mehr produzieren, der mit hoher Wahrscheinlichkeit dumm ist." Ein solcher Filter für Leserbriefe auf Papier müsste zum Beispiel auf die Auslöser "gesamtgesellschaftlich", "Deutschland" oder "es kann doch nicht sein, dass" anspringen.

Passive Moderation hat zum einen den Vorteil, dass sie unabhängig vom Wachstum der Gemeinschaft funktioniert. Zum anderen bewahrt sie die menschlichen Teilnehmer vor den Verlockungen des Machtmissbrauchs und der Bürokratie. Hier sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Von Paul Graham, dem Betreiber von Hacker News, stammt etwa der Vorschlag, die Qualität des nächsten Kommentars aus dem bisherigen Debattenverlauf vorherzusagen und eine dazu umgekehrt proportionale Antwortzeitverzögerung einzubauen, so dass dumme Diskussionen langsamer wachsen.

In den letzten Jahren sind neue Möglichkeiten zur individuellen Filterung der Welt hinzugekommen. Fast alle nach der Gründung von Friendster im Jahr 2002 entstandenen Kommunikationsplattformen filtern die Welt durch ein Sieb aus Freundschaftsbeziehungen. Bis in die frühen nuller Jahre gab es im Netz vorwiegend Kommunikationsorte, an denen alle Beteiligten die Interaktionen aller anderen verfolgen konnten, wobei dieses "alle" durch die Wahl der Plattform vorgegeben war. Bei den neueren Angeboten bewegt sich jeder Nutzer in seinem eigenen kleinen Universum, wobei Einzelteile weiterhin nach dem alten Muster funktionieren können: Facebookprofile und Newsfeeds sind individuell gefiltert, Fanpages, Gruppen- und Eventseiten sehen für alle Nutzer gleich aus.

Die zweite wesentliche Neuerung des Social Networking war die Einführung des Followerprinzips durch Twitter. Im Unterschied zur Freundschaft, wie sie bei Facebook vorgesehen ist, entsteht durch das Followen eine unilaterale Verbindung. Sie entspricht den Verhältnissen in der analogen Welt außerhalb des engsten Freundeskreises in vielen Fällen besser als eine wechselseitige. Dass A genauso gern alles von B wissen möchte wie B von A, ist schließlich eher die Ausnahme als die Regel.

Sowohl die ungefilterte Öffentlichkeit als auch die überlappenden Privatuniver sen haben Vor- und Nachteile. Das alte Modell – in den neunziger Jahren etwa in Form von Usenetgruppen und später Foren zu besichtigen – ist leichter zu starten, weil es von Anfang an Nutzwert bietet. Wer in einem individuell gefilterten Angebot niemanden kennt, ist schwer zum Wiederkommen zu bewegen. Auch sind die Privatuniversen zum Großteil unsichtbar, sie entwickeln ihren Nutzwert erst durch die Filterung und nur für den Filternden selbst. Das führte zu dem im Zusammenhang mit Twitter in den letzten Jahren häufig zu lesenden journalistischen Missverständnis, es sei doch alles unfassbar uninteressant dort.

Wesentlich in unserem Zusammenhang ist, dass überlappende Privatuniversen ein Wachstum ohne Qualitätsverlust ermöglichen. Facebook hatte Anfang 2011 sechshundert Millionen aktive Nutzer, die nichts voneinander zu sehen bekommen, wenn sie es nicht ausdrücklich so wollen. Mit einer Ausnahme: Unter den Beiträgen der eigenen Freunde finden sich Kommentare aus deren Freundeskreis, wodurch eine Art Störerhaftung entsteht. Wer Freunde hat, die dauerhaft Unsinn schreiben, läuft Gefahr, aus dem Facebookumkreis anderer entfernt oder ausgeblendet zu werden. Ein verwandtes Phänomen gibt es bei Google Buzz, wo man sich zwar aussuchen kann, wem man folgt, aber nicht, welche Kommentare man unter fremden Beiträgen sehen möchte. Das ist kein einfach zu lösendes Problem, denn hier treffen zwei Anforderungen aufeinander, die sich kaum gleichzeitig erfüllen lassen. Wenn nur die Beiträge bestimmter Personen zu lesen sein sollen, kann es keine zusammenhängende Diskussion geben, denn durch das Ausblenden anderer entstehen Lücken im Diskussionsverlauf. Bei Twitter sieht jeder Nutzer ausschließlich das, was er sehen möchte, kann aber dafür nur begrenzt auf andere Beiträge Bezug nehmen.

Auf der 2008 gegründeten Plattform Stackoverflow können Nutzer Fragen zum Thema Programmierung stellen und beantworten. Schon 2010 waren dort über eine Million Fragen zusammengekommen, es gibt Stackoverflow-Klone für andere Wissensgebiete, und die Vorteile des Modells gegenüber den bis dahin vorhandenen Angeboten sind offensichtlich: Man muss nicht mehr durch zwanzig Forumsseiten voll falscher und themenfremder Antworten waten, um zum Ziel zu gelangen. Hilfreiche Antworten schwimmen per Abstimmung nach oben, der Rest ist nur dann sichtbar, wenn man ihn explizit sehen will. Allerdings korrumpieren auch bei Stackoverflow die Verlockungen des schnellen Karmas die Nutzermotivation.

Die seit Sommer 2010 öffentlich zugängliche Frage-Antwort-Plattform Quora baut auf dem Stackoverflow- und dem Followerprinzip auf und versucht das Karmahorten einzudämmen, indem sie Beiträge statt Personen in den Mittelpunkt stellt. Es ist nur schwer herauszufinden, wer der Autor einer Frage ist, und alle Nutzer dürfen die Fragen editieren. Nur bei den Antworten sind die Autoren sichtbar, wobei Pseudonyme nicht zugelassen sind. Plus- oder Minuspunkte werden den Fragen und ihren Antworten zugeordnet, nicht den Autoren. Anders als bei Twitter eröffnet das Followerprinzip hier nur eine mögliche Betrachtungsweise; die Plattform ist auch im öffentlichen Modus sinnvoll nutzbar.

In den Anfangszeiten pflegten die Quoramitarbeiter die Rechtschreibung und Grammatik der Antworten zu redigieren. Das ist heute schon aus Gründen des Volumens nicht mehr möglich, aber bevor neue Nutzer ihre erste Frage formulieren, müssen sie einen kurzen Test durchlaufen, der sie mit den wichtigsten Gepflogenheiten vertraut machen soll. Auch bei Quora wurde nach einem steilen Anstieg der Nutzerzahlen Anfang 2011 bereits der "Eternal January" ausgerufen, und noch ist offen, ob die Bemühungen zur Sozialisierung neuer Beitragsautoren mit dem Zuwachs Schritt halten können.

Parallel zu den technischen Entwicklungen der letzten Jahre haben auch die Nutzer des Netzes mehr darüber herausgefunden, was in schriftlichen Debatten mit zahlreichen Teilnehmern weiterführt und was nicht. Ich kann diesen Eindruck nicht belegen, aber eine solche Entwicklung scheint mir schon deshalb plausibel, weil es in Prä-Internetzeiten sowohl weniger Gelegenheit zum Einsatz fortgeschrittener Diskussionsfähigkeiten gab als auch weniger Gelegenheit, diese Fähigkeiten durch Übung oder Beobachtung guter wie schlechter Vorbilder zu verfeinern. Auch ansonsten zurechnungsfähige Erwachsene müssen bei ihren ersten Schritten in Onlinedebatten lernen, die naheliegenden Fehler nicht zu machen. Wissen über häufige Denk- und Argumentationsfehler ist in den Mainstream vorgedrungen, zumindest im englischsprachigen Raum.[2]

Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept, um Nutzern brauchbare Beiträge zu entlocken. Vielleicht verhält es sich wie mit dem Händewaschgebot in Kliniken, und es geht nicht ohne ständige Ermahnung, ständigen sozialen Druck, ständiges Einbeziehen aller Beteiligten. Jede Gemeinschaft wird ihren eigenen Satz an Werkzeugen finden müssen, wenn nicht technische Gegebenheiten oder der Betreiberwille von vornherein eine Behebung des Problems verhindern.

Die gesuchten technischen oder sozialen Lösungen müssten den Tatsachen Rechnung tragen, dass Mehrfachidentitäten unvermeidlich sind und dass Nutzer immer versuchen werden, Abkürzungen zu nehmen. Sie müssten konstruktives Verhalten fördern, ohne durch die Belohnung dieses Verhalten wieder zu untergraben. Hilfreich wäre ein Verfahren, das weniger als die bisherigen dazu einlädt, fremde Beiträge nur deshalb positiv zu bewerten, weil sie der eigenen Meinung entsprechen. Die Technik darf bei hunderttausend Nutzern nicht wesentlich schlechter funktionieren als bei hundert, und sie darf nicht abschreckend auf Neuzugänge wirken. Wer eine solche Lösung finden will, muss als ersten Schritt akzeptieren, dass die Probleme ihre Wurzeln nicht in der unbehebbaren Schlechtigkeit bestimmter Personen, Gruppen oder gleich der menschlichen Natur haben. Dieser Schritt wird zumindest in der deutschsprachigen Diskussion des Themas zu selten getan.

Vielleicht gibt es gegen den allmählichen Verfall von Gemeinschaften aber auch kein Mittel, oder das noch zu entwickelnde Gegenmittel ist so mühsam einzusetzen, dass es besser ist, nach ein paar Jahren weiterzuziehen. Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen.

Vielleicht stammt die Frage, wie sich konkret definierte Gemeinschaften dauerhaft erhalten lassen, noch aus Prä-Internetzeiten, und die von Alvin Toffler 1970 angekündigte Adhokratie hält nicht nur im Beruf, sondern auch in unserem Sozialleben Einzug. Es ginge dann nicht darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt. Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen sozialen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen im Netz klebenzubleiben. Der eingangs erwähnte Intellektuelle ist selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt. Das "Wenn's dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben", das im staatsbürgerschaftlichen und geopolitischen Raum nur sehr begrenzt funktioniert, ist im Netz ein praktikabler Vorschlag. Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen.


 

  • [1] Dieser Beitrag enthält keine Leseempfehlungen, dazu vollzieht sich der beschriebene Ver fall zu schnell. Vor fünf Jahren hätte ich die Nachrichtenaggregationssite Reddit empfoh len, und es kurze Zeit später bereut. Was ich heute mit Gewinn lese, wird schon kurz nach Erscheinen des Beitrags seinen Nutzwert verlieren.
  • [2] Wikipedia bietet eine "List of fallacies" und eine "List of cognitive biases" an.


Published 2011-05-03


Original in German
First published in Merkur 5/2011

Contributed by Merkur
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