Latest Articles


22.10.2014
Nicole Gnesotto

There's no such thing as political globalization

How to explain the international explosion of tribal, mafia-style, dictatorial and terrorist violence? Nicole Gnesotto says it's down to the lack of "strategic globalization" on the political field, in sharp contrast to economic globalization's triumph. [ more ]

22.10.2014
Fréderic Neyrat

Critique of geo-constructivism

20.10.2014
Geert Lovink, César Rendueles

We do not prefer Facebook

15.10.2014
Eurozine Review

This revolutionary moment

New Issues


20.10.2014

Esprit | 10/2014

15.10.2014

Transit | 45 (2014)

Maidan - Die unerwartete Revolution [Maidan - The unexpected revolution]

Eurozine Review


15.10.2014
Eurozine Review

This revolutionary moment

"Index" looks into the future of journalism; "Transit" keeps alive the memory of the Maidan; in "Syn og Segn", climate optimist Kristin Halvorsen calls for a global price tag on pollution; "Kulturos barai" talks to urban ecologist Warren Karlenzig; "Rigas Laiks" congratulates Reykjavik's first anarchist mayor; "Merkur" discusses photography and the definition of artistic value; "La Revue nouvelle" braces itself for more European political deadlock; "Kritiikki" profiles Russian émigré author Sergei Dovlatov; and "Nova Istra" remembers the Croatian émigré poet Viktor Vida.

17.09.2014
Eurozine Review

Independence in an age of interdependence

03.09.2014
Eurozine Review

Was Crimea a preliminary exercise?

06.08.2014
Eurozine Review

What are you doing here?

23.07.2014
Eurozine Review

The world's echo system



http://www.eurozine.com/articles/2011-05-02-newsitem-en.html
http://mitpress.mit.edu/0262025248
http://www.eurozine.com/about/who-we-are/contact.html
http://www.eurozine.com/articles/2009-12-02-newsitem-en.html

My Eurozine


If you want to be kept up to date, you can subscribe to Eurozine's rss-newsfeed or our Newsletter.

Articles
Share |


Marktmystizismus


Im Oktober 2008 räumte der frühere amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan vor einem Kongressausschuss ein, dass er in der Wirtschaftstheorie, der er Zeit seines Lebens gefolgt war und die von der Annahme ausgeht, dass sich selbst regulierende Finanzmärkte reibungslos funktionieren, "einen Fehler gefunden" habe. Zum Erstaunen der Welt tat Greenspan seine Überraschung darüber kund, dass das Eigeninteresse der Marktteilnehmer nicht ausgereicht hatte, um die Stabilität des Finanzsystems vor jener Art verantwortungslosem Treiben zu schützen, das zur schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg geführt hat.

Dieser Glaube – dass Eigeninteresse die Basis der Selbstregulierung der Märkte sei – wurde in der amerikanischen Wirtschaftspolitik der letzten 30 Jahre zu einem Leitprinzip. Demokraten wie Bill Clinton vertraten ihn nicht weniger glühend als Republikaner wie Ronald Reagan und die beiden George Bushs.

30 Jahre lang haben Wirtschaftswissenschaftler der sogenannten neoklassischen Schule daran gearbeitet, diese Ideologie mit mächtigen pseudowissenschaftlichen Fundamenten zu unterlegen. Ihrer Theorie zufolge vollzieht sich die Preisbildung an den Märkten auf exakte Weise, weshalb die Preise keiner starken Fluktuation unterliegen sollten. Die jüngste Finanzkrise – ausgelöst durch eine massive Korrektur der Häuserpreise in den USA – hätte danach überhaupt nicht passieren dürfen.

Aber seit sie geschehen ist, drängt sich eine Frage auf: Ist es nicht gerade unsere ideologisch bedingte Weigerung, den Hang des Kapitalismus zu Extremen in der sozialen Sphäre wie auf den Finanzmärkten zur Kenntnis zu nehmen, welche wieder und wieder zu Krisen führt?

In kapitalistischen Wirtschaften sind Individuen und Unternehmen innovativ, indem sie neue Arten der Kapitalnutzung entdecken und neue Technologien hervorbringen. Diese Innovationen sind ihrem Wesen nach unvorhersehbar, ebenso wie die Evolution ihres sozialen Kontextes. Sie lassen sich nicht in mechanische Regeln einfangen. Unvorhersehbarkeit ist in die Marktwirtschaft eingeschrieben.

Mit welchen Fehlern sie auch sonst behaftet sein mögen: Finanzmärkte und Privateigentum sind die einzigen uns bekannten sozialen Institutionen, die in der Lage sind, bei der Allokation von Kapital die Unterschiedlichkeit von Wissen und Intuition angemessen, wenn auch nicht perfekt, zu berücksichtigen. Anreize zur Innovation und zum bestmöglichen Einsatz allzeit unvollkommenen Wissens sind die wesentlichen Stützen, auf denen der Erfolg des Kapitalismus beruht. Umgekehrt war die Unfähigkeit der Planwirtschaften Osteuropas und der Sowjetunion zur Innovation eine der Hauptursachen ihres letztendlichen Zusammenbruchs – und des völligen Verschwindens der zentralistischen Planung als ernstzunehmende wirtschaftliche Alternative.

Paradoxerweise jedoch hat die zeitgenössische Wirtschaftstheorie die Kernidee der zentralistischen Planung am Leben erhalten, weil sie auf ein ähnlich falsches Rationalitätskonzept zurückgreift – eines, dessen Unzulänglichkeit bereits Friedrich Hayek gezeigt hatte. Zentrale Planung, so Hayek, ist ihrem Wesen nach unmöglich, da kein mathematisches Modell das Verhalten von Märkten verlässlich abbilden kann.

Doch die Hauptströmung der heutigen Ökonomie hat Hayeks Kritik einzig auf die Planwirtschaft bezogen, während sie selbst die Wirtschaftstheorie auf den Glauben gründete, dass Ökonomen Marktveränderungen exakt vorhersagen können. Die Schaffung und Legitimierung der umstrittensten Finanzinstrumente von heute beruht auf ebendieser falschen Prämisse.

Höchst geachtete amerikanische Geldinstitute kamen mit Produkten auf den Markt, die auf der Annahme beruhen, dass sich die Gründe für Preisschwankungen genau erfassen lassen. Und die Wirtschaftstheorie behandelte die neuen Finanzinstrumente als Innovationen – ähnlich wie zum Beispiel Computer – und legitimierte ihre Verwendung auf den Märkten weltweit. Doch diese Instrumente korrelieren nur schwach mit den Preisen und Risiken der Finanzmärkte, und ihr verbreiteter Einsatz hat, wie wir heute wissen, dafür gesorgt, dass es zu heftigen Marktschwankungen und zum Ausbruch der jüngsten Krise kam.

Schlimmer noch, das falsche Rationalitätskonzept, auf dem die Hauptströmung der Wirtschaftstheorie basiert, stützt auch falsche Schlussfolgerungen darüber, in welchem Maße Marktregulierung notwendig ist. In der Folge haben zeitgenössische Wirtschaftsmodelle zwei Extrempositionen hervorgebracht: zum einen die Verurteilung jeglicher aktiven Rolle des Staates, zum anderen einen radikalen Staatsinterventionismus.

Man könnte meinen, dass die neoklassischen Ökonomen von Michel Foucaults These inspiriert waren, Sprache sei Macht, als sie in einem wahren Staatsstreich einen parawissenschaftlichen Jargon schufen, der ihnen half, Gruppenentscheidungen in eine sehr gefährliche und unproduktive Richtung zu lenken. Die Prämissen, auf denen ihr Modell gründet, waren für alle, die keinen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften hatten, weitgehend undurchschaubar, und die Debatte wurde mit Begriffen durchsetzt, die für die Nichteingeweihten das eine, für die Ökonomen etwas ganz anderes bedeuten.

Dazu gehört zuvörderst der Begriff der Rationalität, der die Grundlage dieses Diskurses bildet. In der Alltagssprache bedeutet Rationalität common sense oder Vernünftigkeit. Für Ökonomen ist ein "rationales Individuum" hingegen nicht einfach nur vernünftig; vielmehr verhält er oder sie sich im Einklang mit einem mathematischen Modell der individuellen Entscheidungsfindung, das nach Übereinkunft der Ökonomen "rational" genannt wird. Das Kernstück dieses Rationalitätsstandards, die sogenannte "Hypothese rationaler Erwartungen", geht davon aus, dass Ökonomen die wirtschaftlichen Erwartungen rationaler Individuen genau modellieren können. Die Unsinnigkeit dieses Standards ist eine Erklärung dafür, warum es Makroökonomen und Finanztheoretikern so schwer fällt, große Marktausschläge zu erklären.

Tatsächlich haben ihre inkohärenten Prämissen die Ökonomen zu absurden Schlussfolgerungen verleitet – zum Beispiel, dass unbeschränkte Finanzmärkte den Preis von Vermögenswerten nahezu perfekt auf ihren "wahren" Fundamentalwert festlegen. Wenn dem so wäre, sollte der Staat seine Aufsicht des Finanzsystems drastisch beschneiden. Leider ließen sich viele Finanzaufseher weltweit von dieser Behauptung, die als "Effizienzmarkthypothese" bekannt ist, überzeugen, was zu der massiven Deregulierung der späten 1990er und frühen 2000er Jahre führte, welche die Krise wahrscheinlicher, wenn nicht gar unvermeidbar machte.

In den letzten Jahren hat eine andere Denkschule, die Verhaltensökonomik, Berge von Belegen vorgelegt, dass Marktteilnehmer sich nicht so verhalten, wie konventionelle Ökonomen es für "rationale Individuen" voraussagen würden. Doch statt endlich den fragwürdigen Rationalitätsstandard über Bord zu werfen, der solchen Voraussagen zugrunde liegt, interpretieren sie ihre empirischen Befunde dahingehend, dass viele Marktteilnehmer irrational sind, zu Emotionen neigen oder die grundlegenden wirtschaftlichen Gegebenheiten aus anderen Gründen ignorieren.

Nach dem Verhaltensansatz erfüllen große Ausschläge beim Preis von Vermögenswerten keine nützliche soziale Funktion. Wenn der Staat sie also irgendwie durch massive Intervention beseitigen oder irrationale Spieler durch strikte regulatorische Maßnahmen ausschalten könnte, würden die "rationalen" Spieler ihre Kontrolle zurückgewinnen und die Märkte zu ihrem normalen Modus zurückkehren, Preise nach dem "wahren" Wert festzulegen.

Das ist freilich unplausibel, weil ein exaktes Modell rationaler Entscheidungsfindung die Fähigkeiten der Ökonomen – und jedes anderen Menschen – übersteigt. Sobald Ökonomen erkennen, dass sie nicht genau erklären können, wie vernünftige Individuen Entscheidungen treffen und wie sich Marktergebnisse über die Zeit entwickeln, werden wir nicht länger mit zwei Extrempositionen über die Rollen von Markt und Staat konfrontiert sein.

Eine alternative Theorie der Märkte ist vonnöten, und ihre Grundlage sollte die Tatsache sein, dass die Marktteilnehmer mit einem stets unvollkommenen Wissen über die fundamentalen Triebkräfte wirtschaftlichen Wandels umgehen müssen. Dieses offenkundige Merkmal des Kapitalismus wird vom herrschenden Marktmodell vollkommen ignoriert, obwohl es die Haupterklärung für Preisschwankungen in Marktwirtschaften ist.

Solch ein alternativer Ansatz führt auch zu einer neuen Auffassung der Rollen von Staat und Finanzmärkten. Solange Preisschwankungen innerhalb vernünftiger Grenzen bleiben, sollte der Staat seine Funktion darauf begrenzen, Transparenz sicherzustellen, monopolistisches Verhalten zu zügeln und Marktversagen zu verhindern. Doch wenn Preisfluktuationen exzessiv werden, wie es im Vorfeld der jüngsten Krise geschehen ist, sollte der Staat Maßnahmen ergreifen, um ihre Schwankungsbreite zu begrenzen (auch wenn es ihm stets schwerer fallen wird als dem Markt, mit unvollkommenem Wissen umzugehen).

Eine an dieser Leitlinie ausgerichtete Kombination von passiver und aktiver Rolle des Staates würde die Kapitalallokation den Märkten überlassen, aber die Möglichkeit bieten, die sozialen Kosten zu vermindern, die entstehen, wenn Preisausschläge zu lange dauern, um dann unweigerlich in abrupte Gegenbewegungen umzuschlagen.


 



Published 2010-11-30


Original in English
Translation by Andreas Simon dos Santos
First published in Transit 40 (2010) (German version)

Contributed by Transit
© Roman Frydman / Michael D. Goldberg / Transit
© Eurozine
 

Support Eurozine     click for more

If you appreciate Eurozine's work and would like to support our contribution to the establishment of a European public sphere, see information about making a donation.

Focal points     click for more

Russia in global dialogue

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurocrisis.html
In the two decades after the end of the Cold War, intellectual interaction between Russia and Europe has intensified. It has not, however, prompted a common conversation. The focal point "Russia in global dialogue" seeks to fuel debate on democracy, society and the legacy of empire. [more]

Ukraine in focus

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/publicsphere.html
Ten years after the Orange Revolution, Ukraine is in the throes of yet another major struggle. Eurozine provides commentary on events as they unfold and further articles from the archive providing background to the situation in today's Ukraine. [more]

The ends of democracy

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/democracy.html
At a time when the global pull of democracy has never been stronger, the crisis of democracy has become acute. Eurozine has collected articles that make the problems of democracy so tangible that one starts to wonder if it has a future at all, as well as those that return to the very basis of the principle of democracy. [more]

The EU: Broken or just broke?

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurocrisis.html
Brought on by the global economic recession, the eurocrisis has been exacerbated by serious faults built into the monetary union. Contributors discuss whether the EU is not only broke, but also broken -- and if so, whether Europe's leaders are up to the task of fixing it. [more]

Time to Talk     click for more

Time to Talk, a network of European Houses of Debate, has partnered up with Eurozine to launch an online platform. Here you can watch video highlights from all TTT events, anytime, anywhere.
Dessislava Gavrilova, Jo Glanville et al.
The role of literature houses in protecting the space for free expression

http://www.eurozine.com/timetotalk/european-literature-houses-meeting-2014/
This summer, Time to Talk partner Free Word, London hosted a debate on the role that literature houses play in preserving freedom of expression both in Europe and globally. Should everyone get a place on the podium? Also those representing the political extremes? [more]

Eurozine BLOG

On the Eurozine BLOG, editors and Eurozine contributors comment on current affairs and events. What's behind the headlines in the world of European intellectual journals?
Simon Garnett
Britain flouts the European Court of Justice

http://www.eurozine.com/blog/
The UK has passed legislation on data retention that flouts European concerns about privacy. The move demonstrates extraordinary arrogance not only towards the Court of Justice of the European Union but towards the principle of parliamentary deliberation in Britain, writes Simon Garnett. [more]

Vacancies at Eurozine     click for more

There are currently no positions available.

Editor's choice     click for more

William E Scheuerman
Civil disobedience for an age of total surveillance
The case of Edward Snowden

http://www.eurozine.com/articles/2014-04-18-scheuerman-en.html
Earlier civil disobedients hinted at our increasingly global condition. Snowden takes it as a given. But, writes William E. Scheuerman, in lieu of an independent global legal system in which Snowden could defend his legal claims, the Obama administration should treat him with clemency. [more]

Literature     click for more

Olga Tokarczuk
A finger pointing at the moon

http://www.eurozine.com/articles/2014-01-16-tokarczuk-en.html
Our language is our literary destiny, writes Olga Tokarczuk. And "minority" languages provide a special kind of sanctuary too, inaccessible to the rest of the world. But, there again, language is at its most powerful when it reaches beyond itself and starts to create an alternative world. [more]

Piotr Kiezun, Jaroslaw Kuisz
Literary perspectives special: Witold Gombrowicz

http://www.eurozine.com/articles/2013-08-16-kuisz-en.html
The recent publication of the private diary of Witold Gombrowicz provides unparalleled insight into the life of one of Poland's great twentieth-century novelists and dramatists. But this is not literature. Instead: here he is, completely naked. [more]

Literary perspectives
The re-transnationalization of literary criticism

http://www.eurozine.com/comp/literaryperspectives.html
Eurozine's series of essays aims to provide an overview of diverse literary landscapes in Europe. Covered so far: Croatia, Sweden, Austria, Estonia, Ukraine, Northern Ireland, Slovenia, the Netherlands and Hungary. [more]

Debate series     click for more

Europe talks to Europe

http://www.eurozine.com/comp/europetalkstoeurope.html
Nationalism in Belgium might be different from nationalism in Ukraine, but if we want to understand the current European crisis and how to overcome it we need to take both into account. The debate series "Europe talks to Europe" is an attempt to turn European intellectual debate into a two-way street. [more]

Conferences     click for more

Eurozine emerged from an informal network dating back to 1983. Since then, European cultural magazines have met annually in European cities to exchange ideas and experiences. Around 100 journals from almost every European country are now regularly involved in these meetings.
Law and Border. House Search in Fortress Europe
The 26th European Meeting of Cultural Journals
Conversano, 3-6 October 2014

http://www.eurozine.com/comp/conversano2014.html
Taking place in southern Italy, not far from Lampedusa, this year's Eurozine conference will address both EU refugee and immigration policies and intellectual partnerships across the Mediterranean. Confirmed speakers include Italian investigative journalist Fabrizio Gatti and Moroccan feminist and Nobel Peace Prize nominee Rita El Khayat. [more]

Multimedia     click for more

http://www.eurozine.com/comp/multimedia.html
Multimedia section including videos of past Eurozine conferences in Vilnius (2009) and Sibiu (2007). [more]


powered by publick.net