Nahe Ferne – ferne Nähe?
Einführung und Dokumentation*
Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück
Karl Kraus
Gegenwärtig sind in beiden Bereichen, sowohl den Künsten wie auch den Wissenschaften, verstärkt Tendenzen zu beobachten, Aspekte des gesellschaftlichen Kontextes in den Blick zu nehmen, etwa wenn Bedingungen und Folgen von Wissenschafts- und Kunstproduktion reflektiert werden. Die verwissenschaftlichte Welt zwingt die Kunst zur Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, und die Frage nach dem eigenen Status bringt die Wissenschaft mindestens punktuell dazu, sich mit der Kunst auseinanderzusetzen. Annäherung und Kooperation zeigen sich vor allem in der Zunahme von gemeinsamen Problemformulierungen, die in der jüngsten Vergangenheit häufiger auch zu inter- und transdisziplinären Projekten geführt haben zwischen verschiedenen Wissenschafts- und Technikdisziplinen und den Künsten, etwa bei ökologischen Themen oder bei Fragen möglicher zukünftiger Gesellschaftsentwicklungen. Und institutionell beginnt sich an verschiedenen Orten die sogenannte 'künstlerische Forschung' zu verankern, die den Anspruch erhebt, mit künstlerischen Mitteln Wissen zu generieren.
Wen freut es nicht, wenn zwei zusammenfinden, die vom Publikum schon in der Antike als ideales Paar gesehen wurden: Schönheit und Wahrheit. Und das gilt vielleicht umso mehr, da beide sich im Laufe der Zeit gewandelt haben und außerdem seit Längerem eigene Wege gegangen sind (von dem ehemals Dritten im Bunde, dem Guten, ganz zu schweigen).Wissenschaften und Künste also kommen wieder zusammen, und die Gründe und Chancen, aber auch mögliche Risiken einer Wiederannäherung verdienen eine genauere Betrachtung. Aus diesem Grunde behandelten die GEGENWORTE bereits in den Ausgaben 9 (2002) und 20 (2008) angrenzende Themen. Aus der Vielzahl und Vielfalt der Berührungszonen stehen vor allem drei Orte des Zusammentreffens im Blickfeld des aktuellen Heftes: zum einen die Museen als gemeinsamer Ort von Wissenschaften und Künsten, sodann das Thema künstlerische Forschung – 'Wissen schafft Kunst und Kunst schafft Wissen' – sowie schließlich das Wissen der Literatur, ihre Rolle im Kontext einer 'ästhetischen Folgeneinschätzung'.
Immer wieder in der Geschichte sind Wissenschaften und Künste – unter jeweils verschiedenen Bedingungen und mit unterschiedlichen Resultaten – zusammengerückt. Ob ihr aktuelles Rendezvous auch dauerhafte Folgen haben wird, kann freilich erst die Zukunft zeigen. Dazu könnte ein Blick in die Vergangenheit erhellend sein: Die Dokumentation widmet sich jener Epoche, die eine beeindruckende und für die europäische Kultur so folgenreiche Konstellation beider Bereiche darstellte: der Renaissance.
* Einführung von Wolfert von Rahden, Dokumentation von Wolfgang Dinkloh
Published 2010-07-30
Original in German
First published in Gegenworte 23 (2010)
Contributed by Gegenworte
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