Säkularismus neu denken
Es ist noch nicht so lange her, dass die Säkularisierung als unvermeidliche Begleiterscheinung der Modernisierung galt. Säkularisierung wurde als Fortschritt wahrgenommen, der die Religion nach und nach durch rationale Vernunft ersetzt, und Europa verstand sich als Avantgarde dieses Prozesses. Inzwischen sieht es eher so aus, als hätte der Alte Kontinent einen Sonderweg eingeschlagen, während ringsherum die Religion unter den Bedingungen der Modernisierung keineswegs abstirbt, sondern gedeiht, in hochindustrialisierten Gesellschaften ebenso wie im postkommunistischen Raum oder in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Mehr noch: Heute sehen sich die Europäer auch daheim einer wachsenden Zahl von Menschen gegenüber, die aus Gesellschaften zugewandert sind, in denen der Religion eine hohe Bedeutung zukommt.
Diese Entwicklung hat sich unter den Bedingungen der Globalisierung beschleunigt und wird begleitet von einem Wandel in der Wahrnehmung der Säkularisierung: Bilden, so fragen kritische Stimmen, ihre Prinzipien nicht ihrerseits eine Ideologie, der undurchschaute Prämissen zugrunde liegen? Ist der Säkularismus nicht selbst zu einem quasi-religiösen Dogma geworden? Und umgekehrt: Hat das Christentum nicht unsere säkulare Moderne zutiefst geprägt, und ist die Säkularisierung nicht dem Christentum selbst entsprungen? Tragen die eingesessenen Religionen nicht längst schon zum Zusammenhalt unserer Gesellschaften bei? Und sollten die zugewanderten Religionen nicht auch deshalb willkommen geheißen werden, weil sie helfen können, die neue Vielfalt zu bewältigen? Würden wir also unser Gemeinwesen nicht irreparabel beschädigen, wenn wir ihm die Religion vollends austrieben?
Es scheint an der Zeit, den Säkularismus neu zu denken – sowohl, um der wachsenden Komplexität unserer Gesellschaften gerecht zu werden, als auch, um unser Selbstverständnis als Europäer zu überprüfen. Die hier vorgestellten Autoren wollen dazu einen Beitrag leisten, indem sie Säkularisierung aus verschiedenen Perspektiven hinterfragen.
Zweifellos ist Säkularisierung als politisches Prinzip eine Errungenschaft, das Produkt bitterer Erfahrungen. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass Religion die Gesellschaft spalten kann, oft mit verheerenden Folgen. Die Argumentationen in diesem Heft können gelesen werden als ein Plädoyer für einen reflektierten, offenen und konstruktiven Säkularismus, der aus den Erfahrungen sowohl der eigenen Geschichte als auch der anderer Gesellschaften lernt, einen Säkularismus, der auf der Trennung von Staat und Religion beharrt, nicht aber die Ausgrenzung der Religion betreibt. Begleitet werden diese Überlegungen von Versuchen zu einer kritischen Rekonstruktion des Begriffsfelds "Säkularisierung / Säkularismus" und zur Freilegung seiner historischen Wurzeln. Untersucht werden auch die Antworten der Religionen auf die Säkularisierung sowie Säkularismusmodelle anderer politischer Kulturen, die ein neues Licht auf die westlichen Traditionen der Trennung von Religion und Staat werfen. Weitere Überlegungen zum Thema finden sich fortlaufend in der elektronischen Schwesterzeitschrift Tr@nsit_online auf der Website des IWM.[1]
Der Wandel in der Entwicklung und im Verständnis der Säkularisierung hat sich in den letzten Jahren in kontroverse Debatten um eine Neubestimmung des Orts der Religion in der modernen Gesellschaft niedergeschlagen. Ausschnitte davon finden sich in einer Reihe von Aufsätzen, die in dieser Zeitschrift seit 1994 erschienen sind und auch in Buchform veröffentlicht wurden.[2]
Die Beiträge in der vorliegenden Ausgabe von Transit sind aus dem 2008 am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) eingerichteten transdisziplinären Forschungsschwerpunkt Religion und Säkularismus hervorgegangen, der von dem kanadischen Philosophen Charles Taylor geleitet wird.[3] Er hat seine Thesen jüngst in dem vielbeachteten Werk Ein säkulares Zeitalter zur Diskussion gestellt.[4] In seinem das Heft einleitenden Essay nimmt Taylor diese Thesen auf und entwickelt sie weiter.
Der photographische Essay zu dieser Ausgabe kommt von einer jungen Photographin aus Georgien, deren Beobachtungen des Alltags zwischen Tradition und brachialer Modernisierung eine irritierende Poesie zutage treten lassen.
Wien, im Mai 2010
- [1] www.iwm.at. Aktuelle Beiträge zum Thema finden sich auch in Eurozine, Themenschwerpunkt Post-secular Europe (www.eurozine.com)
- [2] Die in den letzten Jahren in Transit erschienen Aufsätze zu Religion und Politik erschienen in: Krzysztof Michalski (Hg.), Conditions of European Solidarity, Bd. 2: Religion in the New Europe, Budapest/New York (Central European University Press) 2006, und ders. (Hg.), Wie christlich ist Europa?, Wien (Passagen Verlag) 2007. Die Beiträge zu Transit 8, Das Europa der Religionen (1994), wurden unter demselben Titel und ergänzt um weitere Texte von Otto Kallscheuer bei S. Fischer, Frankfurt a.M. 1996, herausgegeben.
- [3] Mehr zu diesem Forschungsschwerpunkt unter www.iwm.at.
- [4] Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2009; A Secular Age, Harvard UP 2007.













