Die Welt lebenswerter machen
Stadtplanung als Gesellschaftspolitik
I.
Stadt ist Raum gewordene Gesellschaft. In der europäischen Stadt hat die bürgerliche Gesellschaft physische Gestalt gewonnen. Deshalb prägt die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit auch die räumliche Struktur der europäischen Stadt. Hans Paul Bahrdt hat diese Polarität seiner Definition von Stadt zugrunde gelegt: "Eine Stadt ist eine Ansiedlung, in der das gesamte, also auch das alltägliche Leben die Tendenz zeigt, sich zu polarisieren, das heißt entweder im sozialen Aggregatzustand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufinden. Es bilden sich eine öffentliche und eine private Sphäre, die in engem Wechselverhältnis stehen, ohne dass die Polarität verloren geht. (...) Je stärker Polarität und Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen, 'desto städtischer' ist, soziologisch gesehen, das Leben einer Ansiedlung."[1]Bahrdts Definition gilt nur für eine historisch sehr spezifische Ausprägung von Stadt, eben die europäische. Die islamische Stadt beispielsweise kennt die Polarität öffentlicher und privater Räume nicht. Keimzelle der islamischen Stadt ist zwar das private Haus, doch fehlt ihm die dialektisch auf eine Öffentlichkeit bezogene Intimität der bürgerlichen Privatsphäre. Das islamische Haus wendet sich von der Straße ab, seine Bauweise ist introvertiert. Die Gebäude sind nach innen auf einen Hof oder Garten orientiert, Licht und Luft werden nicht von außen, sondern über einen Innenhof oder Garten bezogen. Was im europäischen Bürgerhaus die einem städtischen Publikum zugewandte Fassade ist, das ist im islamischen Haus Innenarchitektur: Fenster und dekorierte Schauseiten gehen auf den Innenhof.[2] Der Straße werden fensterlose Rückseiten zugewandt. Für die islamische Stadt prägend ist das Prinzip der Abschließung nach außen, insbesondere die völlige Abschottung der Frauen gegen jeden unkontrollierten Kontakt. Um eine solche Abschließung zu gewährleisten, dürfen Fenster und begehbare Dächer auch den Nachbarn keinerlei Einblick gewähren. Selbst Haustore sollen nicht einander gegenüberliegen, um keinen zufälligen Blick ins Innere des gegenüberliegenden Hauses beim Heraustreten aus dem eigenen zu gewähren. Wenn Bahrdt es zum Charakteristikum der europäischen Bürgerstadt erklärt, dass mittels spezifischer Arrangements – zu denen auch die der Öffentlichkeit zugewandten Hausfassaden gehören – Kontakt unter Aufrechterhaltung von Distanz und Privatsphäre möglich gemacht wird, so folgt die islamische Stadt dem gegenteiligen Prinzip. Hier wird alles darangesetzt, Kontakte zu vermeiden. Das Prinzip der Abschließung nach außen setzt sich auf der Ebene der Stadtstruktur fort. Clans und Sippen sind in Häusergruppen, die zuweilen nur durch ein gemeinsames Tor von außen zugänglich sind, voneinander getrennt. Sie werden durch Sackgassen erschlossen, die kein Teil eines öffentlichen Wegenetzes sind, sondern die Fortsetzung interner Erschließungsgänge. Bei Gefahr können sie verriegelt und leicht verteidigt werden. Die Wohnviertel sind nach Stämmen oder religiösen Gemeinschaften separiert, möglichst mit eigener Moschee, eigenem Bad und Markt ausgestattet und teilweise mit Mauern gegeneinander abgegrenzt. Deren Tore werden nachts geschlossen wegen der endlosen "Feindseligkeiten der Stadtviertel untereinander".[3] "Von Fes ist überliefert, dass bis ins 18. Jahrhundert hinein jedes Quartier über eigene Tore und über eine eigene Schutztruppe verfügte (...), sodass es nachts verschlossen werden konnte und ein nächtliches Durchqueren der Stadt mit größten Schwierigkeiten verbunden war."[4] Freie Plätze sind äußerst selten, die Straßen sind von erdrückender Enge, teilweise durch vorkragende Obergeschosse auch nach oben geschlossen. Öffentlicher Raum existiert nicht einmal als physische Möglichkeit. Allein die Moschee bietet Raum für Versammlungen.
Diese räumliche Struktur reflektiert die politische Organisation der Stadt. Es gibt keine öffentlichen Angelegenheiten und dementsprechend auch keinerlei Planung der Stadt. Sie entwickelt sich informell, gesteuert nur durch die gegenseitigen Rechte der Nachbarn. Die Stadtobrigkeit beschränkt sich auf die Schlichtung von Nachbarschaftsstreitigkeiten und "eine bloße Überwachung des Bauwesens", um Gefahren abzuwehren und Durchgangsmöglichkeiten freizuhalten.[5] Im islamischen Recht hat die Stadt keinen eigenen Status, es kennt nur die unteilbare Einheit der Gläubigen. Die Stadt ist eine Untereinheit zentralistischer Verwaltung und Ort der Religionsausübung, weder rechtlich noch durch verliehene Privilegien vom Land unterschieden. Eine Einheit der Stadt erscheint allein im zentralen Verwaltungsgebäude und in der Moschee. Es gibt keinen eigenen Verwaltungsapparat der Stadt und schon gar nicht ein Rathaus. Deshalb sind ihre Mittelpunkte die Moschee und der Sitz des vom Herrscher eingesetzten Stadtvogts. Der Muslim ist nicht Bürger einer Stadt, sondern lediglich ihr Bewohner. Der Stadtbewohner ist seiner Familie, seinem Stamm und seiner religiösen Gemeinde verpflichtet. Die Stadt ist ihm notwendig, um sein religiöses Leben korrekt führen zu können. Mitglied einer Gemeinschaft ist er allein als Gläubiger und als Stammesangehöriger.[6] Die islamische Stadt ist kein politisches Subjekt, gestützt auf eine bürgerliche Öffentlichkeit. Wo es aber keine demokratisch verfasste Politik und keine marktförmig organisierte Ökonomie, das heißt wo es keine bürgerliche Gesellschaft gibt, da gibt es auch keinen öffentlichen Raum, allenfalls den Raum einer "repräsentativen Öffentlichkeit", bei der "das Volk die Kulisse (bildet), vor der die Herrschaftsstände, Adelige, kirchliche Würdenträger, Könige usw. sich selbst und ihren Status darstellen".[7] In der Hauptmoschee versammeln sich die Stadtbewohner, "um die Verlautbarungen der Obrigkeit zu vernehmen", sie kennen weder Debatte noch Abstimmung, allenfalls "lärmenden Protest" oder "Nichterscheinen".[8]
Die öffentliche Sphäre marktförmig organisierter Ökonomie und demokratisch verfasster Politik und als ihr Gegenüber die private Sphäre familialer Intimität und selbständiger Warenproduktion sind die Geburtsmerkmale des Idealtypus der bürgerlichen Gesellschaft wie der europäischen Stadt.[9] Die soziale Polarität zweier gesellschaftlicher Sphären hat in der Polarität öffentlicher und privater Räume physische Gestalt gewonnen. Deshalb ist die Qualität öffentlicher und privater Räume nur sekundär eine Sache der Architektur und des Städtebaus. Sie ist primär bestimmt durch die Qualität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die in ihnen ihre Orte und ihren symbolischen Ausdruck gefunden haben. Öffentlicher Raum verfällt, wenn Großbürokratien an die Stelle der Selbstverwaltung einer zivilen Gesellschaft treten, und die private Sphäre verkommt zum "Glück im Winkel", wenn sich die Individuen resigniert oder gezwungen aus Politik und Markt zurückziehen.[10] Um es an Erving Goffmans Bild vom öffentlichem Raum als einer "Vorderbühne" zu verdeutlichen:[11] Die Stadt stellt die Kulissen für ein Theaterstück, das vom ökonomischen System verfasst, vom politischen System inszeniert und von Stadtbürgern aufgeführt wird. Wenn die Bürger die urbanen Verhaltensweisen nicht erlernt haben, die Politik undemokratisch und der Markt vermachtet sind, dann kann selbst das schönste Bühnenbild daraus kein gutes Theater machen. Öffentlichen Raum im Sinne der europäischen Stadt, worunter eben mehr zu verstehen ist als gelegentliches Gewimmel unter freiem Himmel, kann es unter Bedingungen diktatorischer Herrschaft und einer Zentralverwaltungswirtschaft nicht geben. Die heutige Karl-Marx-Allee in Berlin war, als sie noch Stalinallee hieß, kein öffentlicher Ort, auch wenn sie die architektonischen und städtebaulichen Versatzstücke der bürgerlichen Stadt des späten 19. Jahrhunderts zitiert.
Es ist die Gesellschaft, die sich in der Stadt ihre räumliche Gestalt schafft. Der Umkehrschluss, über die Gestaltung der physischen Struktur der Stadt auch soziale Strukturen planen zu können, ist der Grundirrtum aller Architekten und Stadtplaner, die mit ihren Mitteln eine bessere Gesellschaft herbeiplanen wollen. Eine räumliche Gestalt schafft sich keine zu ihr passende Gesellschaft, sie kann es der real existierenden Gesellschaft allenfalls etwas schwerer machen, zu funktionieren. Und heute ist vielleicht sogar vom Veralten der Stadtplanung als räumlicher Planung zu sprechen. Das Instrumentarium der Stadtplanung wurde entwickelt, um einer wachsenden Stadt Raum zu schaffen: zusätzliche Gewerbeflächen, mehr Wohnungen, leistungsfähigere Verkehrs- und Kanalsysteme. Gegenwärtig sieht sich die Stadtpolitik allerdings vor ganz andere Probleme gestellt: soziale Spaltung, Integration von Zuwanderern, Alterung und Schrumpfung. Solange es darum ging, einer wachsenden Gesellschaft das Gehäuse zu bauen, mochten Maßnahmen zur räumlichen Steuerung der Stadtentwicklung noch halbwegs genügen. Aber die Probleme der Ausgrenzung, Alterung und Integration löst man nicht mit Bebauungsplänen, dazu ist Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik nötig, dazu bedarf es anderer sozialer Dienstleistungen, nicht zuletzt der Toleranz. Menschen hilft man nicht mit Backsteinen, sie brauchen die Kooperation mit anderen Menschen. Und Stadtentwicklung als ein Prozess des Schrumpfens ist nicht mit der Ausweisung zusätzlicher Gewerbeflächen zu steuern. Mit dem allenfalls marginalen Einfluss der gebauten Umwelt auf soziales Verhalten und mit dem Veralten der räumlichen Planung mag sich der Leser beruhigen, wenn im Folgenden von den Gesellschaftsbeglückungsträumen der Stadtplaner die Rede ist.
II.
Die Geschichte der Stadtplanung kann als Geschichte dieser Einsicht und damit als Geschichte des allmählichen Verzichts auf eine Planung der Gesellschaft gelesen werden. Die frühen utopischen Stadtentwürfe sind Gesellschaftsutopien, die sich der Stadt als Hülle und bildhaftem Symbol bedienen. Heutige Entwürfe einer idealen Stadt kommen gänzlich ohne Gesellschaft aus. Es sind ästhetisch-technische Phantasiegebilde. Und die praktische Planung beansprucht allenfalls indirekt, gesellschaftliche Verhältnisse zu gestalten.Plato, Campanella und Morus formulierten in kritischer Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit ihrer Zeit die klassischen Themen positiver Utopien: Aufhebung der Arbeitsteilung, die Thema Zurückdrängung des Reichs der Notwendigkeit, Gleichheit der Chancen, umfassende Bildung. Aber derartige Utopien gehen mit Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung einher, die – besonders deutlich bei Campanella – totalitäre Züge tragen. Beide Elemente – positive Utopie und Ordnungsphantasien – sind der Stadtplanung inhärent.
Neben der antiken Polis und dem mittelalterlichen Stadtstaat orientierten sich die Utopisten am Kloster mit seiner Ortsgebundenheit, seinem Antiindividualismus und seinen strengen Regulierungen. Das spiegelt sich in den räumlichen Konkretisierungen der utopischen Gesellschaft. Die Idealstädte beruhen auf einfachen Geometrien: Rechteck, Dreieck, Quadrat, Symmetrie und die Zentrierung auf einen Mittelpunkt, idealiter wie bei Campanella eines Kreises als des vollkommenen Abbilds einer harmonischen Ordnung, ansonsten mathematische Formeln und Zahlenmystik, beispielsweise bei Platon die Zwölf. Das Regelhafte, zumal das geometrisch und mathematisch Regelhafte, gilt als das ästhetisch Schöne, und das Schöne ist auch das sozial Gute. So werden die sozialen Verhältnisse mathematischen Prinzipien unterworfen, die etwa bei Fouriers Phalanstère den Charakter abstruser Zahlenspiele annehmen. Geometrische Grundfiguren und mathematische Ordnungen sind zeitlos. Die auf ihnen beruhenden räumlichen Ordnungsschemata sind unverrückbar. Die Idealstädte bringen zum Ausdruck, was den frühen Utopien zugrunde liegt: Es sind auf Statik bedachte Ordnungsphantasien.
Umberto Eco hat auf den Widerspruch zwischen den statischen Ordnungsphantasien des utopischen Denkens und Heraklits Diktum vom ewigen Wandel der Dinge verwiesen, demgegenüber jede ideale Ordnung notwendig repressive Züge annehme.[12] Die Utopien liegen nicht nur im räumlichen Nirgendwo, sondern auch in einem zeitlichen Nirgends. Es handelt sich um Neugründungen aus dem Nichts, die mit der Vergangenheit so radikal brechen, dass nichts davon übrig bleibt. Ebenso geht es der Zukunft. Abweichungen von der vollkommenen geometrischen Figur wie von der mathematischen Formel sind nur als Fehler denkbar. Plato, Campanella und Morus entwerfen einen idealen Zustand, in dem Geschichte stillgestellt ist, denn gegenüber dem idealen Zustand kann Veränderung nur als fehlerhafte Abweichung und Rückfall gedacht werden. Aus dem Paradies entkommt man nur durch Sündenfall und Gottes Fluch.
Im 19. Jahrhundert kam es zu einem neuerlichen Schub idealstädtischer Entwürfe. Die enormen Umwälzungen im Zuge der kapitalistisch organisierten Industrialisierung und das unübersehbare Elend in der industriellen Großstadt waren zunächst kaum Anlass für ernsthafte Steuerungsversuche. Dafür blühte die Ideenproduktion. Robert Owen (1771 - 1858) und Charles Fourier (1772 - 1837) entwickelten Vorstellungen über Idealstädte, in denen alle Übel der Gegenwart in Harmonie aufgelöst waren. Owen entwarf kleine Siedlungseinheiten von 500 bis 1500 Einwohnern, in denen der Gegensatz von Stadt und Land, die sozialen Ungleichheiten, Egoismus und Konkurrenz in der freiwilligen Kooperation innerhalb autarker, selbstverwalteter Versorgungseinheiten überwunden werden sollten. Typisch für diese – als Vorläufer des Kommunismus von Marx "utopische" oder "Frühsozialisten" genannten – Denker war die Überzeugung, dass der Mensch durch seine Umwelt geprägt sei, Umwelt verstanden im umfassenden Sinne als soziale, kulturelle und gebaute, ja als planbare Umwelt.
Es gab vereinzelt Versuche, diese Konzepte in die Wirklichkeit umzusetzen, doch waren sie nur möglich auf der Basis großzügigen Mäzenatentums. Owen, ein erfolgreicher Unternehmer, hat selber verschiedene Modellversuche finanziert – die er nach erheblichen Verlusten wieder aufgeben musste. Aber einige der Ideen der Frühsozialisten sind, wenn auch in stark reduzierter Form, insbesondere in den israelischen Kibbuzim, in der Genossenschaftsbewegung und in Howards Gartenstadt-Konzept lebendig geblieben.[13]
Der Glaube der Frühsozialisten an die Machbarkeit auch der sozialen Welt stand in krassem Gegensatz zu einem heute kaum vorstellbaren Laissez-faire in der damaligen städtischen Wirklichkeit. Soweit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt eingegriffen wurde, waren solche Eingriffe Sache der staatlichen Polizei. Die keineswegs überall erlassenen Polizeiordnungen regelten Haushöhen und Abstandsflächen im Interesse der Feuerprävention.[14] Erst Mitte des Jahrhunderts, als im Zuge der industriellen Urbanisierung die Städte explosionsartig wuchsen, setzten in Europa systematische Bemühungen ein, die Stadtentwicklung zu steuern. Die prominentesten Beispiele sind Haussmanns Umgestaltung von Paris, die Wiener Ringstraße und Hobrechts Gesamtbebauungsplan für Berlin. Dabei wirkten sehr unterschiedliche Motive zusammen:
1. Funktionale Anforderungen. Der Hobrecht-Plan für Berlin sollte in erster Linie feuerpolizeiliche und Verkehrsprobleme lösen: Um die Kosten für die Erschließung der Grundstücke möglichst gering zu halten, wurde ein sehr weitmaschiges Straßenraster geplant. Dadurch ergaben sich tiefe Baugrundstücke, was die berüchtigte Berliner Hinterhofbebauung zur Folge hatte. Die Hinterhäuser wurden über Durchgänge und Innenhöfe erschlossen, für die eine Mindestgröße vor geschrieben war, damit die Feuerspritze darin noch wenden konnte.
2. Katastrophale hygienische Zustände.[15] Was heute im nördlichen Ruhrgebiet noch Realität ist, nämlich die Entsorgung einer Region mit über zwei Millionen Einwohnern mittels offen durch Stadt und Landgeführter Abwässerkanäle, war in der Industriestadt des 19. Jahrhunderts Alltag. Die Fäkalien flossen durch die Straßen. Was unter ländlichen und vielleicht auch unter kleinstädtischen Bedingungen noch halbwegs folgenlos bleiben mochte, das wurde in der Großstadt durch die schiere Menge der Abwässer zu einem gravierenden Gesundheitsproblem. Die gelegentlichen Choleraepidemien blieben nicht auf die Viertel der Armen beschränkt. Das überzeugte selbst die hartnäckigsten Vertreter des Laissez-faire von der Notwendigkeit, in die Stadtentwicklung einzugreifen. Mit den gesundheitspolitischen Absichten waren allerdings von Anfang an weitere Motive verbunden. Peter R. Gleichmann hat im Anschluss an die Thesen von Norbert Elias die wachsende Sensibilität des Bürgertums gegenüber Schmutz und Gestank beschrieben.[16] Was zu Beginn des 19. Jahrhunderts und unter anderen Siedlungsbedingungen erträglich erschienen war, löste nun heftige Reaktionen aus. Die sanitären Verhältnisse wurden als peinlich empfunden und lösten Scham aus. Die Fortschritte in Sachen Selbstdisziplinierung sollten in Gestalt von Abwässerkanälen und Toiletten auch den proletarischen Massen nahegebracht werden. Man hegte die Hoffnung, über die Einübung hygienischer Standards Moral und Disziplin ganz allgemein in den "gefährlichen Klassen" zu verankern. Dieses Gemenge hygienischer, moralischer und sozialintegrativer Motive verschaffte den Forderungen der Stadthygieniker so viel politische Schubkraft, dass die von den Hauseigentümern beherrschten Stadtparlamente sowohl den immensen Kosten wie auch ersten Einschränkungen der Verfügbarkeit über ihr Eigentum zustimmten.[17] Die Einführung der Schwemmkanalisation war der zweite Schritt in Richtung auf planerische Interventionen in die Stadtentwicklung.
3. Der dritte Schritt hängt mit der Wohnungsfrage zusammen. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Teil der sozialen Frage zu einem zentralen gesellschaftspolitischen Thema. Auch bei ihr mischen sich moralische, gesundheitspolitische und sozialintegrative Motive. Die rapide Industrialisierung und die massive Urbanisierung hatten ein heute unvorstellbares materielles Elend entstehen lassen und zugleich Lebens- und Arbeitsverhältnisse geschaffen, die der in die Städte strömenden Landbevölkerung gänzlich fremd waren. Das Bürgertum sah in dem durch Armut und Enge erzwungenen Durcheinanderwohnen eine Bedrohung für Sitte und Moral, christliche Humanisten eine Verletzung der Menschenwürde, Gesundheitspolitiker im Mangel an Luft und Licht sowie in den miserablen hygienischen Zuständen die Gefahr von Seuchen und Krankheiten, die auch die Wehr- und Arbeitsfähigkeit infrage stellten. Das großstädtische Proletariat bildete eine neue Klasse, deren Verortung in der Gesellschaft völlig offen war. Sozialisten wie Bürgerliche erkannten in dieser Klasse das Potenzial für revolutionären Wandel – Erstere voller Hoffnung, Letztere begreiflicherweise voller Angst. Die Lösung der Wohnungsfrage, mochte sie auch noch so große Opfer verlangen, erschien – so der Zeitgenosse Gustav von Schmoller – als "[...] eine bescheidene Versicherungssumme [...], mit der [...] sich (die besitzenden Klassen, WS) schützen gegen die Epidemien und gegen die socialen Revolutionen, die kommen müssen, wenn wir nicht aufhören, die unteren Klassen in unseren Großstädten durch ihre Wohnungsverhältnisse zu Barbaren, zu tierischem Dasein herabzudrücken".[18] Aber trotz solcher "Mahnrufe" (Schmoller) gelang erst unter den gewandelten politischen Verhältnisse der Weimarer Republik die Etablierung eines "sozialen Wohnungsbaus ", der zu einem bestimmenden Element der Stadtentwicklung werden konnte. Während des 19. Jahrhunderts war eher mit brachialer Gewalt versucht worden, der drohenden Revolution im Wortsinne vorzubauen. Baron Haussmann eroberte die Pariser Innenstadt für die Bourgeoisie zurück, indem er die Behausungen der armen Bevölkerung niederreißen und Schneisen durch die Stadt schlagen ließ, die privilegierte Wohnsituationen an breiten Boulevards schufen und zugleich freies Schussfeld für Kanonen.
4. Die City-Beautiful-Bewegung. Schließlich spielten ästhetische Motive eine Rolle bei der Etablierung systematischer Interventionen in die Stadtentwicklung. Paradigmatisch dafür war das einflussreiche Buch von Camillo Sitte, Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen (Wien 1889).
Mit der Entwicklung des Städtebaus zu einer Fachdisziplin vermehrten sich die Leitbilder des Städtebaus, das heißt die bildhaften Vorstellungen von einer wünschenswerten Zukunft der Stadt. Ihre Vielzahl eint bei allen Unterschieden dreierlei: Erstens sind es Gegenentwürfe zur Stadt des 19. Jahrhunderts. Sie antworten auf wahrgenommene Defizite der Realität. So wird der Armut und Enge des Baublocks der Gründerzeit die helle, durchsonnte und durchlüftete Zeile eines sozialen Wohnungsbaus entgegengehalten, der gesunde Wohnverhältnisse zu bezahlbaren Preisen ermöglichte. Zweitens sind es fast immer Planungen auf einer Tabula rasa, als hätte die europäische Stadt keine Geschichte. Soweit Geschichte vorkommt, wird sie reduziert auf ein paar denkmalpflegerische Bijous. Drittens wird der gesellschaftspolitische Gehalt der Leitbilder ausgedünnt. Die utopischen Entwürfe hatten mit der idealen Stadt eine neue Gesellschaft schaffen wollen, die praktische Stadtplanung, wie sie sich im 19. Jahrhundert allmählich entwickelt, verfährt entschieden bescheidener: Es geht um die Beseitigung drängender hygienischer, funktionaler, sozialer und ästhetischer Missstände. Ein bestehender Zustand soll verbessert, Abhilfe geschaffen werden. Unter den Mühen des Alltags gerät die Gesellschaft allmählich aus dem Blick.
In dem Maße, in dem sich die Instrumente planerischer Intervention entwickelten, findet sich der gesellschaftspolitische Anspruch zurückgenommen. Die planerische Phantasie konzentriert sich nun auf das, was mit dem Instrumentarium des Städtebaus planbar ist, das heißt auf die technische Infrastruktur und physische Gestalt der Stadt. Die frühen Leitbilder der Gartenstadt und Broad Acre City enthielten noch Elemente, die auf umzugestaltende gesellschaftliche Verhältnisse deuteten. Ihre Planer, Ebenezer Howard und Frank Lloyd Wright, wollten England beziehungsweise die USA in eine einzige Gartenlandschaft verwandeln. Sie entwarfen rückwärtsgewandte Utopien, Ausdruck einer stadt- und technikfeindlichen Fortschrittskritik. William Morris (1891) verband die mittelalterliche Idylle, die er in seinen News from Nowhere beschreibt, mit sozialistischen, anarchistischen und individualistischen Prinzipien: Aufhebung des Privateigentums und der Arbeitsteilung, es gibt keinerlei Hierarchie, jeder arbeitet und lernt gemäß seinen Bedürfnissen, ohne Geld, ohne Regierung, ohne Gefängnisse, ohne Ehe und ohne Städte, eine naive Mischung von gesellschaftspolitischer Progressivität mit Technik- und Stadtfeindschaft. Angesteuert wird ein anarchistisches, individualisiertes und kommunistisches Leben auf dem technischen Stand des Mittelalters. Ähnlich, wenn auch weniger radikal, stellt sich das Konzept der Gartenstadt von Ebenezer Howard (1898) dar. Es war ein Gegenentwurf zum London des 19. Jahrhunderts. Wie die Frühsozialisten erhoffte sich Howard die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land sowie eine sozial gerechte Gesellschaft. Die industrielle Großstadt sollte in autonome Stadteinheiten von etwa 30000 Einwohnern mit genossenschaftlich organisierter Produktion und genossenschaftlichem Grundeigentum aufgelöst werden. Le Corbusiers "Ville Contemporaine" von 1922 – eine Hochhauslandschaft mit Autoverkehr – ist dagegen nur noch die ästhetisierende Verherrlichung der Industriegesellschaft, wie sie auf einer autoritären Hierarchie von Elite und Arbeiterschaft beruht. Auch Corbusier wollte das private Bodeneigentum abschaffen, doch ging es ihm dabei nicht um erschwingliche Mieten, sondern allein darum, etwaige Widerstände gegen seine Planungen zu beseitigen. Je später die Visionen entwickelt werden, desto dünner fällt ihr gesellschaftlicher Gehalt aus, bis schließlich nur noch Raumbilder gezeichnet werden, in denen die ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse der Stadt keine Rolle mehr spielen. Es bleiben erbitterte Auseinandersetzungen über Flachdach versus Steildach, gerade versus gekrümmte Straßen, Baublock versus Zeile, Siedlungshaus versus Hochhaus. Da die soziale Ordnung der Stadt weder verstanden noch überhaupt für steuerbar gehalten wird, presst der Stadtplaner das Unbegriffene wenigstens in ein ästhetisch befriedigendes Schema. Er zeichnet barocke Symmetrien oder organische Formen, bemüht rechenhafte Regelmäßigkeiten. Im Grunde handelt es sich um formale Beschwörungen, die das städtische Chaos abwehren sollen. Das hat weitere Schritte der Abstraktion von städtischer Alltagswirklichkeit zur Folge: Man entwirft aus der Vogelperspektive, der Stadtplaner blickt aus einer imaginären Höhe auf das Bild einer wohlgeformten Stadt. Von den Idealstädten der Utopisten überlebt letztlich nur die formale Ordnung.
III.
Soweit überhaupt am gesellschaftspolitischen Anspruch festgehalten wird, vertrauen die Planer auf einen naiven Umweltdeterminismus. Dank der guten Form der gebauten Umwelt werde den Menschen auch das gute Leben vermittelt. Das "Neue Bauen", wie es vom Bauhaus in den 1920iger-Jahren propagiert wurde, sollte helfen, den neuen Menschen zu erziehen. Nicht mehr die Gesellschaft, sondern die Menschen galt es zu verändern: Pädagogik statt Gesellschaftspolitik. Schon die Wohnungsreformer des 19. Jahrhunderts hatten neben der Schule und der Fabrik die Wohnung als dritte Erziehungsanstalt in der Stadt ausgemacht. Wohnungsbau diente der Erziehung zu Sittlichkeit und Familienleben, später beim Neuen Bauen der zwanziger Jahre einer gesunden Lebensführung, dem Schönheitssinn und der Askese. Mit dem umfangreichen Programm des sozialen Wohnungsbaus, das in der Weimarer Republik in Angriff genommen wurde, schien auch das geeignete pädagogische Instrument verfügbar. Eine sich als gesellschaftliche Avantgarde verstehende Architektenschaft formulierte entsprechend den Prinzipien fordistischer Rationalisierung ein Wohnungsbauprogramm, das mit der Lösung der Versorgungsfrage durch industrialisierten Wohnungsbau zugleich das Wohnen selber rationalisieren sollte. Die Wohnungsgrundrisse wurden exakt auf sorgfältig zerlegte Wohnfunktionen hin ausgezirkelt, so dass andere Nutzungen gar nicht mehr möglich waren. Die Menschen sollten sich ändern! Berühmt ist die "Frankfurter Küche", die nach tayloristischem Vorbild aufgrund aufwendiger Messungen aller erdenklichen Arbeitsvorgänge entworfen war. Auf gerade einmal sechs Quadratmetern war alles so angeordnet, dass eine durchschnittlich gewachsene Frau sämtliche Küchenarbeiten mit einem Minimum an Zeit- und Kraftaufwand erledigen konnte, aber eben auch nur Küchenarbeiten und nur die durchschnittlich gewachsene Frau. Im Medium einer vermeintlich fortschrittlichen Programmatik, die Mühe und Last der Hausarbeit verringern wollte, wurde zugleich die Rolle der Frau als emsige Hausfrau festgeschrieben. Ein helfender Mann war in dieser Küche nicht vorgesehen, er hatte buchstäblich keinen Platz. Bruno Taut, ein Vertreter des Neuen Bauens, hat die zugrunde liegende fordistische Logik auf den Punkt gebracht: " [...] jeder Winkel [...] (wird) in seiner Bestimmung vollkommen festgelegt [...] , dass also ein Wohnzimmer immer zum Wohnen und Schlafkabinen zum Schlafen und für nichts anderes bestimmt sind [...] nach Art eines Ingenieurs, der die Normalfamilie mit drei Kindern als den Betrieb ansieht, für den er die Maschinen und die Fabrik konstruiert."[19]Selbstverständlich fand der Wohnungsbau als autoritäre Erziehungsmaßnahme im Nationalsozialismus seine logische Fortsetzung. Mit dem Programm "Schönheit des Wohnens" des Reichsheimstättenamts der Deutschen Arbeitsfront sollte "eine neue Baugesinnung (...) an uns alle herangetragen (werden), damit nationalsozialistisch gebaut wird, auf dass nationalsozialistisch gewohnt wird." Die Gestaltung der Wohnung sollte ihrem Bewohner zu Bewusstsein zu bringen, dass er ein "Glied der Kampfund Schicksalsgemeinschaft seines Volkes ist."[20] Und wie die Wohnungen, so sollte auch der Hausrat ein neues Wohnen verkörpern, zu dessen Durchsetzung "großzügige Erziehungs- und Propagandaaktionen" notwendig seien, "damit das Volk das Wohnen an sich wieder lernt".[21]
In der Gegenwart kleidet sich der pädagogische Eros der Architekten vornehmlich ökologisch, wobei die Stadt- und Regionalplanung noch einen Schritt weiter geht:[22] Es sollen nicht nur bestimmte Standards etwa des ökologischen Bauens durchgesetzt werden, sondern weit allgemeiner Engagement für die Zukunft einer ganzen Region, einer Stadt oder eines Stadtteils geweckt werden. Dahinter steht ein grundlegender Wandel der Aufgabenstellung von Planung. Solange Strukturschwäche ein Phänomen gering industrialisierter Räume gewesen war, konnte sich die Planung auf Umverteilungsmaßnahmen beschränken. Den Zurückgebliebenen war auf die Beine zu helfen, damit sie schneller auf dem Königsweg industrieller Urbanisierung vorankämen. Mit der Krise des Ruhrgebiets wurde eine andere, neue Problematik sichtbar. Hier handelte es sich um eine hoch urbanisierte und industrialisierte Region, deren einstige Modernität in einer Sackgasse geendet war. Folglich durfte Strukturpolitik nicht mehr die vorhandenen Strukturen stärken, denn die waren gerade das Problem, vielmehr mussten sie grundlegend modifiziert werden. Es ging nicht um beschleunigtes Vorankommen auf vorgegebener Bahn, sondern um Innovation nach Joseph Schumpeters Definition: "die Veränderung der Bahn".[23] Eine solche Planung greift schwer fassbare soziale und kulturelle Themen mit der ebenso schwer fassbaren Zielsetzung auf, qualitative Veränderungen zu organisieren, also Innovationen in Gang zu bringen. Planung zielt unter diesen Voraussetzungen vorrangig auf weiche Standortfaktoren, und sie setzt auf weiche Strategien: kooperieren, verhandeln, koordinieren, aber auch begeistern und eigene Kräfte mobilisieren. "Verführung durch das Projekt" (Karl Ganser) lautet das Motto. Unter dem Stichwort der Projektorientierung konzentriert sich dieses Planen ganz auf ein inhaltlich, zeitlich und räumlich eng umschriebenes Vorhaben, das so genannte Projekt, also etwa die Umnutzung einer Industriebrache oder die Veranstaltung einer Weltausstellung. Dabei wird die zeitliche und akteurbezogene Trennung zwischen Zielformulierung und Durchführung zugunsten vielfältiger Kooperationsformen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren aufgehoben. Planung nimmt sich dementsprechend einerseits zurück im Vergleich zu dem Anspruch, die Entwicklung einer Stadt umfassend und langfristig zu steuern, erweitert andererseits aber ihren Aktionsraum, indem sie die klassische Arbeitsteilung zwischen rahmensetzender staatlicher Steuerung und privater Umsetzung überwindet.
Die entscheidende Veränderung liegt in der Verschiebung des Gegenstands der Planung weg von der physischen Planung, die Raum für die Kräfte des Wachstums schafft, hin zu einem anderen Management des Bestandes, zu weichen Standortfaktoren, institutionellen Regelungen und Organisationsformen, Mentalitäten und Verhaltensweisen.[24] Der communicative turn in der Planung, das heißt die Betonung von Verhandlung, Moderation und Kooperation, hat hierin eine seiner Ursachen. Lernprozesse lassen sich bekanntlich nicht hierarchisch organisieren. Den Akteuren einer Stadtregion kann man nicht befehlen, sich gefälligst als endogene Potentiale zu verstehen, ihr Verhalten und Denken zu verändern und umgehend innovativ zu werden. Dazu braucht es auf der einen Seite Projekte, die in ihrem Zuschnitt zum Mitmachen motivieren, auf der anderen Seite aber auch Verfahren, die Akteuren die Chance bieten, ihre Interessen einzubringen, sie in Verhandlungs-, Beteiligungs- und Kooperationsprozessen zu vertreten. Motive, Werthaltungen und Einstellungen sind damit zugleich Gegenstände wie Instrumente der Planung. Eine derartige Planung adressiert nicht nur die Bewohner, sondern weit mehr noch die wichtigen Akteure, also die Investoren, die Wohnungsbaugesellschaften, die Kommunalverwaltungen und die Politiker einer Region. Sie gilt es zu beeinflussen und für das Projekt einzunehmen. Insofern lässt sich tatsächlich von einer Kulturalisierung der Regional- und Stadtpolitik sprechen. Die so genannten harten Standortfaktoren wie Autobahnen, Flughäfen, Schienenwege oder Gewerbeflächen sind mittlerweile ubiquitär verfügbar. Folglich gewinnen kulturelle und soziale Faktoren an Erklärungskraft für den ökonomischen Erfolg von Regionen und Städten: Denkweisen, Mentalitäten, Rollenbilder, Politikstile und Verhaltensweisen erweisen ihre wirtschaftliche Bedeutung.
Die zentrale Kategorie zur Erklärung regionaler Entwicklungsunterschiede ist das regionale Milieu. Damit ist mehr gemeint als die Summe aus harten Standortfaktoren, Humankapital und protestantischer Ethik, nämlich die Vermittlung eines komplexen Sets ökonomischer, sozialer, kultureller und physischer Faktoren innerhalb einer räumlichen Einheit. Das regionale Milieu umfasst nicht bloß Akteure und materielle wie finanzielle Ressourcen. Zu ihm gehört vielmehr als wichtigstes Element eine soziokulturelle Qualität, ein Savoir-faire, eine Kultur der Konkurrenz, Kooperation und Kommunikation, das heißt Kompetenzen im Sinne des Verfügens über produktionsrelevantes Wissen, Regeln der Interaktion und gegenseitiges Vertrauen. Dieser Kulturalisierung der Erklärungen regionaler Entwicklungsunterschiede korrespondiert ein Wandel in Gegenstand, Mitteln und Zielen der Stadt- und Regionalpolitik. Statt neuer Autobahnanschlüsse und Gewerbeflächen werden Existenzgründer beraten, spektakuläre Kunstaktionen in den ehemals verbotenen Zonen aufgelassener Zechengelände veranstaltet, mittels Stadtteilmanagement die Bevölkerung in einem sozialen Brennpunkt aus ihrer Lethargie erweckt, und soweit überhaupt noch gebaut wird, ist das Gebaute Vehikel zum eigentlichen Ziel, nämlich Engagement zu wecken und Verhaltensweisen zu ändern. Indem die Planung die Lebensqualität, die Kommunikationsnetze und Kooperationsstrukturen in einer Region fördert und normative Orientierungen und Verhaltensweisen zu ändern versucht, zielt sie gleichsam auf den Intim bereich der Gesellschaft.
Dabei folgt sie implizit nun doch wieder utopischen Modellen. Das Schlüsselwort der modernen Planung, das "innovative Milieu", ist eine Art black box der je spezifischen Konfiguration "anthropologischer" und "natürlicher Potenzialfaktoren".[25] Dafür sind nicht die einzelnen Unternehmen, nicht die Branchen, nicht der Standort und seine Ausstattung entscheidend, sondern die jeweilige Form und Struktur der Verflechtung aller endogenen Faktoren. Diese formale Beschreibung passt allerdings auch auf den berüchtigten Filz im Ruhrgebiet, der gerade als das entscheidende Hemmnis für eine Erneuerung angesehen wird. Was also unterscheidet ein innovatives von einem sklerotischen Milieu?
Eine Balance zwischen Distanz, die Konkurrenz erlaubt, und Nähe, die Austausch und Vertrauen ermöglicht, Heterogenität der Akteure und Offenheit nach außen.
Ein relatives Machtgleichgewicht zwischen den Akteuren, ein Stil der Kooperation jenseits von Hierarchie, der bei aller Konkurrenz gegenseitiges Lernen ermöglicht.
Eine spezielle Qualität politischer Intervention, die nicht darauf gerichtet ist, bestimmte, klar umrissene Ziele durchzusetzen, etwa einen konkreten Notstand zu beseitigen. Ihre Effektivität liegt gerade in Überschuss und Redundanz ihrer Wirkungen, also nicht in der Einrichtung eines Informatik-Studiengangs mit angeschlossenem Gründerzentrum, sondern in der Gründung einer Universität mit vielfältigem Fächerspektrum.
Die Merkmale, mit denen innovative Milieus charakterisiert werden, verweisen implizit auf ein normatives Gesellschaftsmodell. Balance von Distanz und Nähe, Offenheit sowie vielschichtige Überlappung heterogener Akteursnetze sind Kategorien, die aus der Stadtsoziologie als Merkmale von Urbanität bekannt sind. Machtgleichheit unter einer Vielzahl von Akteuren und die Respektierung der Regeln kooperativer Beziehungen sind Funktionsbedingungen pluralistischer Demokratien. Und schließlich sind Redundanz und Überschuss staatlicher Interventionen wohl nur unter Bedingungen gesellschaftlichen Reichtums politisch erträglich. Wo scharf konturierte Notlagen existieren, die zur Grundlage von politischer Organisation und Artikulation werden, dürften derartig diffuse Strategien kaum mehrheitsfähig sein. Vielleicht liegt die Überzeugungskraft der Theorie der innovativen Milieus auch darin, dass jeder gerne glauben möchte, eine urbane, demokratische, reiche und relativ konfliktarme Gesellschaft sei auch die ökonomisch erfolgreichste. Doch enthält heutige Planung utopische Elemente nicht nur insofern, als sie implizit auf die prästabilisierte Harmonie von ökonomischer Prosperität und demokratischer Gesellschaft setzt. Sie bemisst ihre eigene Rationalität an utopischen Maßstäben. Wenn es ein verallgemeinerbares Merkmal gibt, dass die Planung gegenüber anderen Weisen sozialen Handelns auszeichnet, dann ist es ihr Anspruch auf Rationalität. Aber woran orientiert sich der planende Kopf, was macht die Rationalität planenden Handelns aus? Auf diese Frage nach der Rationalität planenden Handelns gibt es drei Antworten:[26]
Die erste ist die des geschlossenen Planungsmodells. Danach ist Planung in dem Maße rational, wie sie
– vollständige Informationen besitzt,
– widerspruchsfreie Ziele verfolgt
– und über alle Mittel verfügt, das Geplante zu verwirklichen.
In einer etwas altertümlichen Sprache ausgedrückt: Planung ist rational, wenn sie allwissend, allmächtig und jenseits von Gut und Böse handelt. An diesem Gott-Vater-Modell der Planung haben sich die sozialistischen Staaten orientiert, aber auch die Diskussionen über die umfassende Entwicklungsplanung in der Bundesrepublik Anfang der 1970iger-Jahre. In der Phase der extensiven Urbanisierung, als es vorrangig um Stadterweiterungen gegangen ist, wäre die Orientierung am geschlossenen Planungsmodell noch halbwegs realistisch gewesen: "Auf der grünen Wiese" gab es kaum Widerstände, die großen Wohnungsbaugesellschaften verfügten über ausreichende Mittel, die Flächen konnten leicht in eine Hand gebracht werden, und die Aufgabe, Raum zu schaffen für ein nur quantitatives Mehr an Wohnen, Gewerbe und Verkehr war von überschaubarer Komplexität. Das änderte sich grundsätzlich in der Phase der intensiven Urbanisierung. Nun ging es um die sehr viel komplexere Aufgabe qualitativer Änderung vorhandener Strukturen. Und obendrein war die Planung mit dem Stadtumbau in dicht vermintes Gebiet geraten: zersplitterte Grundstücksverhältnisse, harte, an die bestehenden Standorte gebundene ökonomische Interessen, historisch verankerte Identitäten und lang gewohnte Lebensverhältnisse. Die Flächensanierungen liefen sich fest im Widerstand der Bewohner, Eigentümer und Nutzer. Zur Beseitigung derartiger Hindernisse fehlten dann doch die rechtlichen und finanziellen Mittel. In der DDR ließen sich solche Widerstände überwinden, dafür wurden die Städte allerdings zerstört oder doch dem Verfall überlassen. Zudem waren die neu errichteten Strukturen von bedrückender Tristesse. Dagegen holten sich die Planer im Westen blutige Köpfe bei ihrem Versuch, in den Innenstädten gleichsam im Gewaltstreich die Tabula-rasa-Situation auf der grünen Wiese herzustellen.
Solche Erfahrungen ließen das Pendel der Planungsdiskussion zurückschwingen zum offenen Planungsmodell, das in beinahe allem das glatte Gegenteil zum geschlossenen Modell darstellt: Planung beschränkt sich ihm gemäß auf punktuelle Maßnahmen, auf einzelne Projekte, verzichtet auf hoheitliche Eingriffe zugunsten von Verhandlungslösungen und bedient sich privatrechtlicher Organisationsformen und informeller Verfahren. Aus dem hoheitlich agierenden Souverän wird der Moderator von Aushandlungsprozessen. Eine offene Planung gelingt dann, wenn alle wichtigen Akteure mitmachen. Erfolgskriterium ist nicht wie beim geschlossenen Modell die Effizienz, mit der ein souveränes Planungssubjekt das einmal für richtig Erkannte auch gegen Widerstände durchsetzt, sondern die Zustimmung der Beteiligten.
Im Zuge der Diskussion über den ökologischen Umbau der Gesellschaft ist noch eine dritte Antwort auf die Frage nach der Rationalität planenden Handelns formuliert worden. Johann Jessen hat sie den "prinzipiellen Irrtumsvorbehalt" genannt. Danach ist Planung in dem Maße rational, wie sie Irrtümer und Fehler erlaubt, ihre Ergebnisse also auch wieder zurückgenommen werden können. Spektakulärer Anlass für die Einführung dieses Rationalitätskriteriums sind die Risiken der Atomtechnik. Die Konsequenzen dieser Technik reichen über einen Zeitraum von 10.000 Jahren hinweg, und Irrtümer könnten tödliche Folgen nach sich ziehen. Nach dem Kriterium des prinzipiellen Irrtumsvorbehalts ist die Atomtechnik irrational: Sie ist nicht revidierbar, also absolut fehlerunfreundlich.
Nun lässt sich zeigen, dass alle drei Antworten in bestimmten Planungssituationen gültig sind, in anderen falsch, und dass sich alle drei an einer Utopie orientieren. Gott Vater ist womöglich selbst für außerordentlich selbstbewusste Stadtplaner ein etwas hoch gegriffenes Vorbild. Dennoch bietet das Gott-Vater-Modell bei bestimmten Aufgaben den richtigen Orientierungsrahmen. Man kann nicht von rationaler Planung sprechen, wenn ein Brückenbauer mangels Informationen die Statik ungenau berechnet, die Ästhetik zu Lasten der Stabilität optimiert und aus Geldmangel am Beton spart. Vollständige Information, widerspruchsfreie Ziele und Verfügung über die Mittel sind die gültigen Maßstäbe bei ingenieurwissenschaftlichen Aufgaben. Sie definieren die technische Rationalität der Planung. Freilich sind die genannten Bedingungen selbst in diesem, dem ingenieurwissenschaftlichen Bezugsrahmen niemals vollständig erfüllbar. Auch im Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften gibt es chaotische Prozesse, die sich ex definitione der technischen Kontrolle entziehen. So reagiert etwa das Klimasystem der Erde nicht-linear, ruckhaft und disproportional, weshalb menschliche Eingriffe zu abrupten Veränderungen führen können, deren Zeitpunkt, Lokalität und Ausmaß nicht berechenbar sind.[27] Von daher bleibt gerade auch die technische Rationalität von Planung einer Utopie verhaftet, der Utopie einer vollständigen Beherrschung von Natur.
Um so unbestreitbarer ist, dass die technische Rationalität der Planung zumal in sozialen Situationen scheitern muss. Soziale Systeme sind durch komplexe Wechselwirkungen und nicht-lineare Reaktionen gekennzeichnet, die eine umfassende Berechnung von Folgewirkungen planerischer Eingriffe illusorisch machen. Man hat soziale Probleme deshalb "bösartig" genannt:[28] Deren Bewältigung produziert Folgeprobleme, und diese Folgen sind schon aus dem einfachen Grund unberechenbar, dass zur Informationsbeschaffung Zeit aufgewendet werden muss, während derer neue Daten entstehen, zu deren Beschaffung wiederum Zeit vonnöten ist, weshalb der Versuch vollständiger Informationssicherung in einen Regress unendlicher Informationsbeschaffung mündet. So liefert die technische Rationalität unter den angeführten Vorbehalten zwar den angemessenen Maßstab bei ingenieurwissenschaftlichen Problemstellungen, doch ist sie für soziale Situationen schlechterdings unangemessen.
Ähnlich verhält es sich mit der politischen Rationalität von Planung. Das offene Planungsmodell formuliert einen politischen Rationalitätsmaßstab: den demokratischen Konsens. Das offene Planungsmodell scheint also dort angemessen zu sein, wo Menschen aktiviert werden sollen, wo es um Innovationen, um die Veränderungen von Verhaltensweisen und Mentalitäten geht. Freilich kommt Konsens bei ungleicher Machtverteilung und bei gegensätzlichen Interessen so gut wie nie zustande. Starke Interessen bedürfen der Zustimmung durch die Schwachen nicht, während gegensätzliche Interessen in aller Regel zu gegenseitigen Blockaden führen. Konsens ist von daher nur dann möglich, wenn die Akteure prinzipiell kompromissfähige Interessen verfolgen und wenn sie über annähernd gleiche Macht verfügen – man könnte von daher sagen, wenn alle Akteure gleichermaßen machtlos sind. Das gilt im Übrigen auch für die Organisation von Lernprozessen. Gewöhnlich blockieren hierarchische Situationen das Zustandekommen von Lernprozessen, bezeichnet Macht doch das Privileg, nicht lernen zu müssen. Auch ist zu bedenken, dass man den Schwachen Innovationsfähigkeit, also verhaltens- und mentalitätsverändernde Lernprozesse, nicht befehlen kann. Somit verweist auch der Konsens unter Beteiligten als Kriterium rationaler Planung auf eine Utopie, die Utopie einer verwirklichten herrschaftsfreien, demokratischen Gesellschaft.
Diese politische Utopie ist genauso wenig Realität wie die technische Utopie der Naturbeherrschung. Auch das offene, konsensorientierte Planungsmodell stößt deshalb auf unüberwindliche Grenzen. Wo machtvolle Interessen im Spiel sind, läuft offene Planung häufig darauf hinaus, hochflexibel zurückzuweichen. Gerade harte Interessenkonflikte, wie sie sich beispielsweise an Fragen der Umverteilung entzünden, werden meist umgangen. Aus diesem Grund lebt die moderne, projektorientierte Planung nicht zuletzt von einer Strategie des Nicht-Entscheidens. Die Konzentration auf einzelne Projekte bietet den Vorteil, konfliktträchtige Felder zu meiden und eher dort tätig zu werden, wo die Akteure kooperationsbereit, die Flächen verfügbar und die Themen weniger kontrovers sind. Von daher ist das offene Planungsmodell durch einen Bias zugunsten des Status quo gekennzeichnet.
Damit sind einige empirische Einwände gegen die Realitätstüchtigkeit des offenen Planungsmodells benannt. Doch wie die technische Rationalität des geschlossenen Modells ihre theoretische Grenze an der Nicht-Linearität natürlicher und sozialer Prozesse findet, so stößt auch die politische Rationalität des offenen Modells neben seinen unrealistischen Voraussetzungen auf eine grundsätzliche, theoretisch zu begründende Schranke. Selbst in der realisierten Utopie durchgesetzter Demokratie treten nämlich unvermeidliche Irrationalitäten politischer Willensbildung zutage, was sich beispielsweise zeigt, wenn im Kontext von Nachhaltigkeitserwägungen die Bedürfnisse künftiger Generationen in den Blick genommen werden. Hans-Joachim Schellnhuber macht daher völlig zu Recht darauf aufmerksam, dass diese Bedürfnisse zu antizipieren hieße, "sie zu konstruieren, also die Entwicklung des Planeten so zu lenken, dass unseren Nachkommen nichts anderes übrigbliebe, als die Wünsche und Ansprüche, die wir für sie im wahrsten Sinne des Wortes vorgesehen haben, tatsächlich zu haben".[29] Deshalb unterliegt Planung noch einem dritten, dem ökologischen Rationalitätskriterium. Es kommt zunächst bescheiden daher, ja geradezu antiutopisch, bestimmt dieses Kriterium die Rationalität von Planung doch nach dem Grad der Revidierbarkeit des Geplanten: Statt einer Planung für die Ewigkeit ist Planung für den späteren Umbau gefordert. Robert Musil hat diese Rationalität dem Schöpfer-Gott selber zugeschrieben. Ulrich, der Held seines Romans Der Mann ohne Eigenschaften, schreibt in einem Schulaufsatz: "[...] daß wahrscheinlich auch Gott von seiner Welt am liebsten im Conjunctivus potentialis spreche (hic dixerit quispiam = hier könnte einer einwenden), denn Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte ebensogut anders sein".[30]
Für Planer dürfte der Gedanke tröstlich sein, dass selbst Gott – folgt man Musil – unter prinzipiellem Irrtumsvorbehalt gehandelt hat, als er die Welt erschuf, was, rein unter planerischem Gesichtspunkt, wahrlich keine kleine Aufgabe gewesen ist. Die auf diesem Umweg wieder erreichte Nähe des Planers zu Gott offenbart, dass selbst die so moderat daherkommende Rationalität der Revidierbarkeit auf ein utopisches Moment verweist, namentlich auf die Vorstellung, jeder Eingriff in die Natur könne wieder rückgängig gemacht oder der Eingriff selbst vermieden werden. Offenkundig ist hier die Utopie einer Versöhnung des Menschen mit der Natur im Spiel. Freilich wäre ein Versuch illusionär, die ökologische Hinterlassenschaft der industriellen Vergangenheit wieder aus der Welt zu schaffen. Das Gift ist nun einmal in der Welt. Allenfalls ist anzustreben, die Verschmutzungen unter Kontrolle zu halten. Nach 150 Jahren Industriegesellschaft und angesichts einer sich abzeichnenden Weltbevölkerung von zehn Milliarden Menschen wäre das Unterfangen, wieder in den Stand der Unschuld zurückkehren zu wollen, seinerseits höchst folgenreich – nicht nur wegen der gravierenden Ernährungsprobleme, der vergifteten Böden und verseuchten Gewässer. Heute muss unter der Bedingung geplant und gehandelt werden, gar nicht wissen zu können, ob sich etwaige Folgeprobleme tatsächlich bewältigen lassen. Das Gott-Vater-Modell der Planung muss also versagen, wenn es um Innovation und Motivation geht. Für Strategien grundlegender Erneuerung innerhalb existierender gesellschaftlicher Strukturen steht es nicht zur Verfügung. Und das konsensorientierte Modell versagt, sobald es vor der Aufgabe steht, schwache Gruppen vor ihrer Benachteiligung durch Stärkere zu schützen, die Interessen künftiger Generationen an einer lebenswerten Umwelt zu sichern und Reichtum zugunsten der an den Rand der Gesellschaft Gedrängten umzuverteilen.
Schließlich zeigen sich die Schwächen des Prinzips der Revidierbarkeit, sobald es um Eingriffe in die Natur geht, die bereits zu irreversiblen Folgeproblemen geführt haben. Die Welt schonen zu wollen, also auf Eingriffe weitgehend zu verzichten, kann wiederum, denkt man etwa an die Neuerschließung von Flächen für den Wohnungsbau, in Widerspruch zu den Bedürfnissen und Interessen derer geraten, die unter Wohnungsnot leiden. Die Aufgaben, Schwache zu schützen, für künftige Generationen Vorsorge zu tragen und den gesellschaftlichen Reichtum gerechter zu verteilen, setzen bei Lichte besehen einen starken, zentralistischen Interventionsstaat voraus. Im Bereich der Ökologie und der Sozialpolitik, bei harten Konflikten um die Flächennutzung, aber auch angesichts der Unumgänglichkeit negativer Verteilungsentscheidungen unter Bedingungen des Schrumpfens wird eine Planung, die sich lediglich als Moderation versteht, sehr schnell scheitern. Umgekehrt versagt die hierarchische Intervention von oben, wo es um Innovation und um Aktivierung von Menschen geht. Im Fazit bleibt daher festzuhalten, dass sich die Planungsaufgaben widersprüchlich gestalten, weshalb sich Planung an unterschiedlichen Rationalitäten zu orientieren hat. Notwendig sind alle drei Typen von Planung: das souveräne, durchsetzungsstarke Planungssubjekt, die kooperative, konsensorientierte Moderation und die fehlerfreundliche, revidierbare Maßnahme. Die technische, politische und ökologische Rationalität wird in unterschiedlichen Aufgabengebieten wirksam. Dort besitzt sie ihre jeweilige Gültigkeit als orientierendes Modell. Doch bleibt unbestreitbar, dass jede ihre blinden Flecken hat und auf unüberwindliche Grenzen stößt. Planung ist demnach in eine Pluralität von Rationalitäten eingelassen, die sich ergänzen und überlappen, freilich auch wechselseitig ausschließen können. In postmoderner Beliebigkeit lassen sich die drei Rationalitäten nicht einfach aufaddieren. Hiermit zeichnet sich eine vierte Rationalität ab, die gerade darin besteht, die Widersprüche zwischen den Anforderungen der drei Planungsrationalitäten auszuhalten und auszubalancieren. Ein sinnfälliges Beispiel für diese vierte Rationalität liefert die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher-Park. Sie agierte auf der Grundlage eines Beschlusses der Landesregierung, demzufolge die Projekte der IBA vorrangig zu fördern seien. Insofern profitierte die IBA von einer durchaus hierarchischen Entscheidung, was die Umverteilung von Geldern zugunsten ihrer Projekte anlangte. Zumindest indirekt steuerte die IBA mit einem kräftigen goldenen Zügel. Sie wählte die Themen aus und setzte Qualitätsstandards, denen zu genügen war, wollte man sich an der Ausstellung beteiligen. Zugleich war die IBA privatrechtlich als eine GmbH organisiert, handelte mithin informell als ein dezentral organisiertes, verhandlungsorientiertes, offenes und lernendes System. So gesehen verkörperte sich in der Planungslogik der IBA das widersprüchliche Modell eines demokratisch aufgeklärten Absolutismus. Gerade in der Paradoxie einer solchen Bezeichnung liegt ihre Wahrheit. Zutreffende Charakterisierungen moderner Planungsprozesse fallen stets paradox aus: perspektivischer Inkrementalismus, einer Vision folgen und gleichzeitig pragmatisch vorgehen, das heißt das Naheliegende tun, die Mobilisierung demokratischer Initiativen von unten durch hierarchische Intervention von oben, Überredungsdirigismus. Die vierte, die eigentliche Rationalität der Planung bewährt sich an ihrer Fähigkeit, sich im Spannungsfeld verschiedener Rationalitäten gleichsam in der Schwebe zu halten. Heroischer gesagt ist das Geschäft der Planung tatsächlich die Quadratur des Kreises – und das Geschäft der Theorie besteht darin, diese Quadratur bewusst zu halten, nicht um Planung zu verhindern, sondern um sie als Bedingung rationaler Planung transparent zu machen.
IV.
Dilemmata und Widersprüche sind nicht leicht auszuhalten. Das Unbehagen an ihnen wird gerne in einem übersteigerten Selbstbewusstsein des Planers verdrängt. Er imaginiert sich als souveräner Gestalter gesellschaftlicher Verhältnisse. Es ist das Verdienst der Arbeiten von Werner Durth und Niels Gutschow [31], die Gefahren solcher Verdrängung am Beispiel der Planung unter dem Nationalsozialismus bewusst gemacht zu haben.[32] Die beiden Bände Träume in Trümmern verdeutlichen auf erschreckende Weise, wie viel personelle und konzeptionelle Kontinuität in der Stadtplanung über die behaupteten Brüche von 1933 und 1945 hinweg besteht: die gleiche Geschichtsvergessenheit von den Nazis über Corbusier bis zu den Flächensanierungen sowohl in der BRD als auch in der DDR, wo die Kriegszerstörungen als Chance genommen werden, sich vom Plunder der alten Stadt endlich zu befreien, um Platz für eine neue Ordnung zu schaffen;
der gleiche autoritäre Gestus einer aufgesetzten Hierarchisierung der Stadt von Tauts leuchtenden Stadtkronen über die Gauforen der Nazis bis zu den städtebaulichen Dominanten der 1960iger-Jahre;
die gleiche aggressive Verleugnung von Einzigartigkeit, Differenz und Widersprüchlichkeit der Stadt in der Addition identischer Siedlungseinheiten, egal ob sie Ortsgruppe, Siedlungsknolle oder Nachbarschaftseinheit hießen.
Es mussten, schreiben die Autoren, "nur einige Vokabeln ausgetauscht (...) werden, um die Konzepte sprachlich zu entnazifizieren" (Durth/Gutschow 194).[33] Doch reicht es angesichts der inhaltlichen Kontinuitäten aus, allenfalls die Legende unter den Planskizzen auszutauschen? Woher rührt die Kontinuität in den Konzepten? Abgesehen von der Kontinuität der ökonomischen Strukturen verweisen Durth und Gutschow auf bemerkenswerte personelle Kontinuitäten, die innerhalb einer "technokratischen Funktionselite"[34] Albert Speers "Arbeitsstab Wiederaufbauplanung" mit den Protagonisten verbindet, die den Wiederaufbau nach dem Ende des Kriegs planten. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als die noch aus dem Dritten Reich stammende Planergeneration abtrat und sich zugleich das Ende des Fordismus abzeichnete, vermochten sich allmählich andere Planungen durchsetzen.
Jenseits des Personals und der gesellschaftlichen Interessen hat die Erinnerungsarbeit von Durth und Gutschow aber auch eine Kontinuität im planerischen Denken selbst sichtbar gemacht. Räumliche Ordnung wollte über die Zäsur des Kriegsendes hinweg stets soziale Ordnung herstellen. Damit stellt sich die beunruhigende Frage, inwieweit die konzeptuelle Kontinuität nicht auch in einer Affinität planerischen Denkens zu autoritären Regime begründet sein könnte. Hier liegt als eine mögliche Erklärung der Verweis auf die heimliche Sehnsucht des Architekten nach einem mächtigen Bauherrn nahe, der die Entwürfe gegen alle Widerstände durchsetzt und ihre Realisierung ermöglicht. Freilich hatten die Architekten noch in einem anderen, nicht nur psychologischen Sinne Teil am "Cäsarenwahn" des Dritten Reichs.[35]
Die europäische Stadt ist kraft der Planung geordnete Stadt. Es sind, worauf eingangs bereits hingewiesen wurde, nicht zuletzt die chaotischen Zustände in den industriellen Großstädten des 19.Jahrhundert und die wiederholt auftretenden Choleraepidemien gewesen, die eine ordnende Planung der Stadt unabweisbar gemacht haben. Über diese funktionalen Notwendigkeiten hinaus verdankt sich die moderne Stadtplanung der Absicht, die Welt gerechter und schöner einzurichten, sie damit lebenswerter zu machen. Stadtplanung ist ein Kind der Aufklärung, also der Überzeugung, dass die Welt von Menschen gemacht ist und deshalb auch durch Menschen verbessert werden kann. Gerade dieser emanzipatorische Anspruch verstrickt das Projekt der Aufklärung in eine Dialektik, die Heinrich Heine lange vor Horkheimer und Adorno schon wahrgenommen und beunruhigt hat:
"Aber ach: jeder Zoll, den die Menschheit weiterrückt, kostet Ströme Blutes; und ist das nicht etwas zu theuer? Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel werth wie das des ganzen Geschlechtes? Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte."
Die Stadtplanung, selbst die wohlmeinendste, kann sich als historisches Kind der Aufklärung ihrer Dialektik nicht entziehen. Ist nicht jeder Versuch ordnenden Eingriffs, so notwendig er sein mag, ein Akt der Herrschaft, der als Chaos, Verfall und Abweichung ausgrenzt, was der angestrebten Ordnung im Wege steht? Ob die Notwendigkeit von Ordnung ästhetisch, sozial oder funktional begründet wird, immer bleibt das Bestreben, dieses unendlich komplexe Artefakt Stadt zu strukturieren, mit einer Reduktion von Komplexität verbunden, mit einem Ausschluss von Differenz und Widerspruch, mit der Stillstellung von Wandel, kurz: mit der repressiven Seite von Herrschaft. Wie sehr gerade auch die Architekten und Städtebauer den Verführungen der Macht im Dritten Reich erlegen sind, haben Durths und Gutschows Studien eindringlich dokumentiert. Diese Verführbarkeit war nicht zuletzt der Sehnsucht nach einer höheren Ordnung geschuldet, "in der jedes Ding und jeder Mensch an seinem zuvor bestimmten Platz steht, den der Planer schließlich nach seinen Regeln zuzuweisen hat".[36] Von einer solchen Sehnsucht nach Prinzipien überhistorischer Ordnung führt offenbar nur ein Schritt zu Konzepten "totaler Planung", wie sie zwischen 1933 und 1945 entwickelt wurden. Sie zielten letztendlich auf die "totale Regulierung des Lebens".[37] Das Bewusstsein für diese totalitären Potenziale von Planung wachzuhalten, gehört zum Pensum einer kritischen Stadtsoziologie. So macht sie empfindsam für die autoritären Versuchungen des Planens.
- [1] Hans-Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt, Opladen 1998, S. 83f.
- [2] Stefano Bianca, Architektur und Lebensform im islamischen Stadtwesen, Zürich 1979, S. 42ff.
- [3] Gustav E. von Grunebaum, "Die islamische Stadt", (1955) in: Saeculum 6, S. 138153.
- [4] Stefano Bianca, Architektur und Lebensform (Fn. 2), S. 106.
- [5] Ebd., S. 98.
- [6] Gustav E. von Grunebaum, "Die islamische Stadt" (Fn. 3), S. 141.
- [7] Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1990, S. 17.
- [8] Gustav E. von Grunebaum, "Die islamische Stadt" (Fn 3), S. 143.
- [9] Siehe dazu Walter Siebel, Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004.
- [10] Hans-Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt (Fn. 1), S. 144ff.
- [11] Siehe zu dieser Metaphorik Erving Goffman, Wir alle spielen Theater, München 2003.
- [12] Siehe Ingrid Krau, Jochen Witthinrich (Hrsg.), Imagination der Stadt. Vom literarischen zum architektonischen Entwurf – ein Werkstattbericht, Wolfratshausen 2007, S. 20.
- [13] Vgl. Hartmut Häußermann, Walter Siebel (Hrsg.) Soziologie des Wohnens, Weinheim und München 1996, S. 95ff. Visionen von Urbanität: Ebenezer Howards Theorie der drei Magneten. Wie lassen sich die Vor- und Nachteile des Lebens in der Stadt oder auf dem Land in einer idealen Gartenstadt miteinander verbinden?
- [14] Marianne Rodenstein, Mehr Licht, mehr Luft, Frankfurt am Main und New York 1988, S. 59.
- [15] Ebd.
- [16] Siehe Peter R. Gleichmann, "Die Verhäuslichung von Harn- und Kotentleerungen", (1979), in: Medizin, Mensch, Gesellschaft 4 (1), S. 4652.
- [17] Siehe Rodenstein, Mehr Licht, mehr Luft (Fn. 14), S. 84ff.
- [18] Gustav von Schmoller, "Ein Mahnruf in der Wohnungsfrage" (1890), in: H. Frank und D. Schubert (Hrsg.), Lesebuch zur Wohnungsfrage, Köln 1983, S. 159174
- [19] Zitiert nach Gert Kähler, "Von der 'Raumzelle' zum 'freien Grundriß' – und zurück", in: A. Schildt und A. Sywottek (Hrsg.), Massenwohnung und Eigenheim, Frankfurt am Main/New York 1988, S. 548.
- [20] Henlein zitiert nach T. Harlander und G. Fehl (Hrsg.), Hitlers sozialer Wohnungsbau 194045, Hamburg 1986, S. 33.
- [21] Dörr, Abteilungsleiter des Reichsheimstättenamts, zitiert nach Harlander, Fehl (Fn. 20), S. 34.
- [22] Siehe dazu Walter Siebel, "Planung und Pädagogik", in: W.-D. Scholz und H. Schwab (Hrsg.), Bildung und Gesellschaft im Wandel, Oldenburg 1999, S. 213223
- [23] Zitiert nach Richard Svedberg, Josef A. Schumpeter. Eine Biographie, Stuttgart 1999, S. 55.
- [24] Walter Siebel, Oliver Ibert, Hans-Norbert Mayer, "Staatliche Organisation von Innovation: Die Planung des Unplanbaren unter widrigen Umständen durch einen unbegabten Akteur ", in: Leviathan 29. Jg. (2001), Heft 4, S.526543.
- [25] R. Thoss, "Potentialfaktoren als Chance selbstverantworteter Entwicklung der Regionen", in: Informationen zur Raumentwicklung (1984) Heft 1/2, S. 2127, hier S. 21f.
- [26] Siehe Walter Siebel, "Dankrede zur Verleihung des Fritz Schumacher Preises 1995", in: Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Fritz Schumacher Preise 1995.
- [27] Siehe etwa Hans-Joachim Schellnhuber, "Versuche, das Überleben zu sichern: Die Parabel von La Trinidad", in: FAZ Nr. 229, 2. Oktober 2001, S. 60.
- [28] Vgl. Horst Rittel, Planen – Entwerfen – Design, Stuttgart/Berlin/Köln 1992.
- [29] Siehe Hans-Joachim Schellnhuber, "Versuche, das Überleben zu sichern" (Fn. 27).
- [30] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1958, S. 19.
- [31] Werner Durth, Niels Gutschow, Träume in Trümmern, Wiesbaden 1988, 2 Bde.
- [32] Walter Siebel, "Laudatio auf Werner Durth anlässlich der Verleihung des Fritz Schumacher Preises 2004", unveröffentlichtes Manuskript.
- [33] Werner Durth, Niels Gutschow, Träume in Trümmern (Fn. 31), S. 194.
- [34] Ebd., S. 9.
- [35] Ebd., S. 21.
- [36] Ebd., S. 8.
- [37] Ebd., S. 161.
Published 2010-01-11
Original in German
First published in Mittelweg 36 6/2009
Contributed by Mittelweg 36
© Walter Siebel / Mittelweg 36
© Eurozine













