Vexierbild
Hans Magnus Enzensberger im Jahre 1968
"Immer radikal, niemals konsequent."
Walter Benjamin
Auf dem Foto ist zu sehen, dass mit Andreas Baader und Peter Urbach pikanterweise der spätere Frontmann der RAF gemeinsam mit einem Undercover- Agenten des Berliner Verfassungsschutzes zu den Sargträgern gehörte. Nicht zu sehen ist, dass auch Hans Magnus Enzensberger zu den Sargträgern zählte. Peter Schneider war es, der dessen Anwesenheit 1999 – in einem Sammelband zu Enzensbergers 70. Geburtstag – mit sichtlichem Vergnügen aufgedeckt hat. Darin schrieb er, einer der Sargträger habe ihm "fröhlich" zugewinkt und sei selbst "nicht erstaunt über die eigene Anwesenheit" gewesen.[3] Der Satz verrät eine doppelte Verrenkung – als habe ein Sargträger nicht ohnehin alle Hände voll zu tun, so will er mit einer Hand auch noch eine Winkbewegung ausgeführt haben, und zudem habe er – als könne das eine Überraschung gewesen sein – seine eigene Beteiligung ohne ein Moment des Erstaunens zum Ausdruck gebracht.
Nun wäre es abwegig, den Indizienprozess fortführen und daraus irgendeine verschwörungstheoretische Narretei stricken zu wollen. Dies umso mehr, da Enzensbergers jüngster Bruder Ulrich, der ja selbst zu den Ur-Kommunarden zählte, das Zustandekommen dieser eher peinlichen Szenerie in seinen Erinnerungen ausführlich beschrieben hat.[4] Es mag Zufall gewesen sein, dass der Ältere bei der Aktion mitgemacht hat. Dennoch könnte die damalige Szenerie eine Art Vexierbild gewesen sein. Ein lange Zeit verdeckt gebliebener Akteur wird als ein schelmischer Mitbeteiligter geschildert, wenn nicht gar enttarnt.
Schlaglichter um 1968
Als Enzensberger vor anderthalb Jahren im Nouvel Observateur nach seiner Beziehung zur 68er-Bewegung befragt worden war, hatte er überaus abgeklärt mit den Worten reagiert: "1968 galt ich als Enfant terrible der Linken. Das ist ulkig, denn in diesem Jahr war ich zehn Jahre älter als die militanten Linksextremen aller Mikroorganisationen. Ich hatte Teil an dieser Bewegung, die die Sitten erschütterte und die in Deutschland zwanghafte Autoritätsfrage ins Zentrum der Debatte rückte. Die Ethnologen sprechen von 'teilnehmender Beobachtung'. In genau dieser Haltung war ich in der Bewegung dabei. Ich war Beobachter."[5] Enzensbergers Behauptung aber, er sei lediglich ein Ethnologe, ein teilnehmender Beobachter der 68er-Bewegung, gewesen,[6] stieß umgehend auf Widerspruch und war für deutsche Feuilletons eine probate Gelegenheit, ihn mit einigen seiner Äußerungen aus der damaligen Zeit zu konfrontieren.Denen zufolge kann der Enzensberger vom Mai 1968 wohl kaum ein distanzierter Beobachter gewesen sein. Eher zeugen sie von einem Mann, der sich an die Spitze einer Bewegung hatte stellen wollen. Auf einer Protestveranstaltung gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Sendesaal des Hessischen Rundfunks hatte er etwa im Mai 1968 voller Emphase ausgerufen: "Die Lehre ist klar: Bedenken sind nicht genug. Misstrauen ist nicht genug, Protest ist nicht genug. Unser Ziel muss sein: Schaffen wir endlich, auch in Deutschland, französische Zustände!"[7] Er forderte, dass "französische Verhältnisse ", das, was im Nachhinein romantisierend als "Pariser Mai" bezeichnet wurde, auf die Bonner Republik übertragen werden sollten. Für die Süddeutsche Zeitung etwa galt Enzensberger nun als der Mann, der nur so tat als ob. Vielleicht ist dieses "Als-ob" ja überhaupt eine zutreffende Beschreibung für den Typus des Intellektuellen, der Ende der sechziger Jahre aus seiner Haut fahren wollte? Oder will sich hier jemand hinter einer Rolle verstecken, die es ihm im Nachhinein erlaubt, sich einer Überprüfung seiner Positionen zu entziehen? Doch gemach.
Trotz seiner starken medialen Präsenz ist es nicht einfach, sich ein Bild von Enzensbergers Rolle im Kontext der 68er-Bewegung zu machen. Am unproblematischsten ließe sich seine Publikationsstrategie – wie das oft genug vor allem im Zusammenhang mit seinen "Berliner Gemeinplätzen"[8] getan worden ist – in dem von ihm herausgegebenen Kursbuch verfolgen und die Dynamik jener Jahre anhand dieses Vademecums der Protestbewegung nachzeichnen.[9] Hierbei würde jedoch allzu unversehens die Frage unterschlagen, ob es nicht auch um eine Dimension des politischen Handelns gegangen sein könnte, die weit über die Rolle eines Publizisten hinausgegangen ist. Ohne für mich in Anspruch nehmen zu wollen, in dieser Hinsicht ein wirklich kohärentes Bild liefern zu können, werde ich im Folgenden einige Stationen aus Enzensbergers politischer Biographie präsentieren, die mehr als nur Zufallstreffer sein dürften.
Erstes Schlaglicht: Die Bewegung "Kampf dem Atomtod"
Die Geschichte des bewegten Enzensberger setzte nicht erst am Ende der sechziger Jahre, sondern weitaus früher ein. Sie führt in die Adenauer-Ära zurück und dort wiederum in die nicht nur zahlenmäßig stärkste Protestbewegung der damaligen Zeit. Die Rede ist von den Protesten gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr, die im Frühjahr 1958 ein ganzes Land in Atem gehalten haben, die so genannte Anti-Atomtod-Bewegung. Enzensberger hat damals einen wenig bekannten, gleichwohl aber bemerkenswerten Aufsatz verfasst, in dem er den Aktivisten – wie er nicht ohne Selbstbewusstsein bereits im Titel ankündigen ließ – "einige Vorschläge zur Methode des Kampfes" gemacht hat. Darin konzentriert er sich auf eine Analyse der psychologischen Dimension in der politischen Auseinandersetzung, weil er in ihnen die einzige Chance zu erkennen glaubt, überhaupt noch "etwas ausrichten" zu können. Da man in einer "Signal- und Plakatwelt" lebe, so sein Argument, müssten politische Aufrufe mit den Werbebannern konkurrieren können. Die üblichen Resolutionen, mit denen sich Protestierende gewöhnlich an die Vertreter der Exekutive wendeten, verwirft er als unfreiwilligen Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit. An ihrer Stelle schlägt er die Publikation von selbstfinanzierten Anzeigentexten vor, mit denen die Unterzeichner bekunden sollten, keine Abgeordneten mehr zu wählen, die sich "nicht [. . .] eindeutig und öffentlich gegen jede Form von Atomrüstung in Westdeutschland erklärt" hätten. Diese Anzeigen könnten eine Kettenreaktion auslösen. Es sei einfach nicht einzusehen, warum man sich im Rahmen einer Protestkampagne nicht auch jener Mittel bedienen solle, über die jeder beliebige Zirkus verfüge, der sein Programm der Öffentlichkeit offeriere. Die "bloße Rhetorik des Protestes" könne in einer solchen Kampagne nicht zum Ziele führen: "Was ihr nottut, ist die kaltblütige und phantasievolle Ausnutzung aller psychologischen Möglichkeiten, die sich ihr bieten."[10] Der "Kampf um das Überleben unseres Erdteils ", fügt er, sich expressis verbis auf die "Sprache des Marktes" berufend, hinzu, sei "immer noch die beste Investition", die es gebe.Das war in gewisser Weise das Präludium. Enzensberger, der damals in kaum einer Erklärung der Gruppe 47 fehlte, dürfte zunächst einmal ein "58er" gewesen sein.[11] Damit zählte er zu einer intellektuellen Kohorte von Atomwaffengegnern, die wie etwa Jürgen Habermas, Jürgen Seifert oder Ulrike Meinhof auch zehn Jahre später, obgleich in ganz unterschiedlichen Rollen, von sich reden gemacht hat. Im Nachhinein hat er allerdings von sich selbst behauptet, dass er "eher ein 67er" gewesen sei.
Zweites Schlaglicht: Die Verbindungen zur Kommune I
Zu Beginn des Jahres 1967 hatte ein Kreis von SDS-Mitgliedern um Dieter Kunzelmann mit dem "Anspruch einer existenziellen Verweigerung gegenüber dem kapitalistischen System" in West-Berlin bekanntlich die Kommune I gegründet.[12] Durch eine Revolutionierung des Alltagslebens sollten die bürgerlichen Lebensformen aufgebrochen, neue Verhaltensweisen erprobt und die Kommune zur Keimform einer subversiven Umwälzung der Gesellschaft gemacht werden.Von den zwölf SDS-Mitgliedern, die sich zur Vorbereitung des Projekts getroffen hatten, waren fünf kurzfristig wieder abgesprungen. Außer Kunzelmann und vier anderen ließen sich mit Dagrun und Ulrich Enzensberger auch der jüngste Bruder und dessen Ehefrau auf das Experiment ein. Die schlagzeilenträchtige Kommune I war demnach auch ein Terrain, auf dem sich zwei der nächsten Verwandten des Schriftstellers tummelten.
Angesichts der von den Kommunarden propagierten Prämisse, dass das Private politisch und das Politische privat sei, wurde ein Zusammenhang hergestellt, der auf Faktoren aus der Beziehungs- und Familiengeschichte verweisen musste. Da sich innerhalb der Gruppe jedes Mitglied einer Art psychologischer Laienanalyse zu unterziehen hatte, deren Sitzungen jeweils protokolliert wurden, konnte es nicht ausbleiben, dass die Enzensbergersche Familienkonstellation zum Thema wurde. In den im letzten Jahr in Paris aufgetauchten "Fritz-Protokollen", den Aufzeichnungen Fritz Teufels aus den ersten Monaten der KI,[13] heißt es, dass Ulrich nach Nürnberg fahren werde, um herauszufinden, ob "das Problem mit seiner Mutter" eines sei. Was dabei heraus - gekommen ist, geht aus den Aufzeichnungen leider nicht hervor.
Bereits im Mai 1967 wurden die Mitglieder der Kommune I wegen "falscher Unmittelbarkeit", "Überschätzung und Realitätsflucht" aus dem SDS ausgeschlossen. Die Gruppe, aus der anderthalb Jahre später die erste Untergrundorganisation hervorging, zerfiel trotz oder wegen ihrer medialen Aufmerksamkeitserfolge bereits nach kurzer Zeit. Fritz Teufel setzte sich im Dezember 1968 nach München ab, Kunzelmann wurde im Juli 1969 von den anderen hinausgeworfen, und Rainer Langhans ging zusammen mit Uschi Obermaier ebenfalls in die bayerische Landeshauptstadt, um dort eine Pop- Kommune zu gründen.
Drittes Schlaglicht: Der Kuba-Aufenthalt
Die Dritte Welt war ein anderer Fixpunkt im Kosmos der 68er-Bewegung. Das Land, das nicht nur projektiv, sondern auch ganz praktisch als Fluchtpunkt für Revolutionstouristen aus der ganzen Welt galt, war Kuba. Insofern war es nicht verwunderlich, dass an einem internationalen Kulturkongress Anfang Januar 1968 in Havanna rund 500 Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle aus 70 Staaten teilnahmen. Dazu zählten der französische Philosoph André Gorz, der britische Historiker Eric Hobsbawm, der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der Komponist Luigi Nono, der argentinische Romancier Julio Cortázar, der afrikanische Lyriker Aimé Césaire, die französische Schriftstellerin Christiane de Rochefort und ihr bundesdeutscher Kollege Enzensberger. Offizielles Thema waren "Probleme Afrikas, Asiens und Lateinamerikas", womit vor allem nach einer wirkungsvollen Unterstützung von Befreiungsbewegungen der Dritten Welt durch prominente Intellektuelle gefragt wurde. In der Abschlusserklärung des Kongresses wurde der drei Monate zuvor in Bolivien ermordete Guerillakämpfer Ernesto Che Guevara als das "höchste Beispiel" für einen zeitgenössischen revolutionären Intellektuellen bezeichnet. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, nicht länger mit der Regierung der USA zusammenzuarbeiten und jegliche finanzielle Unterstützung durch amerikanische Institutionen auszuschlagen. Einer derjenigen, die diesem Appell Folge leisteten, war Enzensberger, der nach seiner Rückkehr auf die Annahme eines Stipendiums verzichtete.Ende Februar veröffentlichte er in der New York Review of Books einen Brief, in dem er erklärt, dass er ein ihm verliehenes und drei Monate zuvor angetretenes Stipendium zurückgebe. "Ich halte die Klasse", gibt Enzensberger seine Beweggründe für den spektakulären Schritt an, "welche in den Vereinigten Staaten von Amerika an der Herrschaft ist, und die Regierung, welche die Geschäfte dieser Klasse führt, für gemeingefährlich. Es bedroht jene Klasse, auf verschiedene Weise und in verschiedenem Grad, jeden Einzelnen von uns. Sie liegt mit über einer Milliarde von Menschen in einem unerklärten Krieg; sie führt diesen Krieg mit allen Mitteln, vom Ausrottungs-Bombardement bis zu den ausgefeiltesten Techniken der Bewußtseins-Manipulation. Ihr Ziel ist die politische, ökonomische und militärische Weltherrschaft. Ihr Todfeind ist die Revolution."[14] Enzensberger kündigte nicht nur seine Abreise aus den USA an, sondern auch einen längeren Aufenthalt auf Kuba. Er habe den Eindruck, dass er den Kubanern bei ihren Bemühungen von größerem Nutzen sein könne als US-amerikanischen Studenten.
Viertes Schlaglicht: Die Kampagne "1 Stunde Sendezeit für die APO"
Im Frühjahr tauchte Enzensberger jedoch wieder in West-Berlin auf. Er war schockiert von dem Attentat auf seinen Freund und Kampfgefährten Rudi Dutschke. Unter dem Eindruck der so genannten Osterunruhen schrieb er in konkret: "Die Schüsse vom Gründonnerstag haben eine neue Phase eingeleitet: Die latente Internationalisierung des Konfliktes, spätestens seit der Vietnam- Konferenz in Berlin, tritt nun in ein akutes Stadium [...] Es gibt heute in Europa, zwischen Madrid und Warschau, nicht Hunderttausende, sondern viele Millionen von Leuten, die auf unserer Seite stehen [...] Ihr Stichwort ist Befreiung. Dieses Stichwort gilt nach außen für das zentrale weltpolitische Ereignis dieser Jahre: den Vietnam-Krieg, und nach innen für den Kampf gegen die mörderische Manipulation, für die in Deutschland der Name Springer einsteht."[15] Deutschland scheine "zum Testfall für den Versuch des Spätkapitalismus " zu werden, seine eigene Zukunft zu retten, indem er die der opponierenden Jugend "zu Tode prügele".Angesichts dieser Einschätzung war es durchaus logisch, dass er kurze Zeit später einen medienpolitisch einzigartigen Vorstoß unternahm. Zusammen mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss und dem Komponisten Hans Werner Henze suchte er den Intendanten des Senders Freies Berlin (SFB) auf und forderte unter Verweis auf die marktbeherrschende Rolle der Springer-Zeitungen "1 Stunde Sendezeit für die APO". Franz Barsig, der sein Amt erst einen Tag zuvor angetreten hatte, verwahrte sich gegen den Vorwurf der Manipulation und erteilte der gestellten Forderung eine klare Absage. Er sei zwar bereit, der APO die Möglichkeit zu geben, "in Rede und Gegenrede" ihre Ziele zu vertreten, er könne ihr jedoch nicht das Sonderrecht einräumen, eine Sendung "in eigener redaktioneller Verantwortung" auszustrahlen. Schließlich sei die APO auch nur eine Gruppe unter anderen. Würde ihrem Verlangen nachgegeben, dann liefe das auf die Aushöhlung der Programmgestaltung hinaus.[16] Damit war die Grenze der öffentlich-rechtlichen Anstalten abgesteckt. Ein eigener Sendeplatz oder eine unmittelbare Beteiligung an der Programmgestaltung würde nicht in Frage kommen. Der Vorstoß scheiterte ebenso rasch wie die "Enteignet Springer!"-Kampagne.
Fünftes Schlaglicht: Die Anti-Notstands-Bewegung
Enzensberger wechselte ein weiteres Mal den Schauplatz und ging vorübergehend nach Frankfurt, in das andere Zentrum der außerparlamentarischen Bewegung. In einer Veranstaltung des Aktionskomitees Demokratie im Notstand kritisierten dort am 28. Mai 1968 zwei Dutzend Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten einen Tag vor Beginn der abschließenden Bundestagsdebatte über die Notstandsgesetze im Sendesaal des Hessischen Rundfunks die Eingriffe in das geltende Grundgesetz durch die geplante Gesetzesnovellierung. Als Kritiker traten in der vom Fernsehen live übertragenen Protestveranstaltung u. a. auf: Theodor W.Adorno, Rudolf Augstein, Ernst Bloch, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Rolf Hochhuth, Walter Jens, Alexander Mitscherlich, Oskar Negt, Helmut Ridder und Rudolf Wiethölter. Die radikalsten Schlussfolgerungen zog Enzensberger: "Die Lehre ist klar: Bedenken sind nicht genug. Mißtrauen ist nicht genug, Protest ist nicht genug. Unser Ziel muß sein: Schaffen wir endlich, auch in Deutschland, französische Zustände!"[17] Einige Beiträge, insbesondere der des Spiegel-Herausgebers Augstein, wurden durch Buh-Rufe und rhythmisches Klatschen mehrfach unterbrochen. Im Anschluss an die Rede Blochs, mit der die Kundgebung zu Ende ging, stürmten mehrere SDS-Mitglieder auf das Podium. Hans-Jürgen Krahl bezeichnete die Veranstaltung wutentbrannt als "einen Verrat an der außerparlamentarischen Opposition". Er forderte die Teilnehmer auf, sich umgehend zur Universität zu begeben. Dort sollten sie, herrschte er sie an, "ihr Tun rechtfertigen". Danach schaltete der Hessische Rundfunk seine Kameras wieder ab.[18] Vor dem Gebäude formierte sich ein Demonstrationszug, der mit den Schriftstellern Walser und Enzensberger an der Spitze zur Universität führen sollte. Mehrere hundert Demonstranten zogen jedoch zu einem im Westend gelegenen Gymnasium, das von Schülern besetzt gehalten worden war. Zu einem improvisierten Teach-in erschienen in der Aula Heinrich Böll, Enzensberger, Rolf Hochhuth und Martin Walser sowie Jürgen Habermas zusammen mit seinem Assistenten Oskar Negt. Als Böll die Rundfunkkundgebung mit den Worten zu rechtfertigen versuchte, man habe "den Apparat der Prominenz" benutzt, um die Stimmen der Autoren im letzten Augenblick noch einmal in die Waagschale zu werfen, erntete er mehr Pfiffe als Beifall. Danach setzte Krahl zu einer vehementen Strategiekritik an. Die Veranstaltung sei nichts anderes als "Selbstagitation" gewesen. Indem die Kabinettspolitik unter Ausschluss der Massen fortgesetzt worden sei, habe man sich einer fatalen Technik bedient. Die Studenten seien bei ihrem Universitätsstreik von den Professoren im Stich gelassen worden. Und auch die Gewerkschaften hätten viel weniger zum Widerstand gegen die Notstandsgesetze beigetragen als die APO. Nur durch deren Druck sei es gelungen, die Massen zu einer Protestkundgebung auf dem Römerberg zu mobilisieren. Im Funkhaus habe der Liberalismus nichts anderes als seine Hilflosigkeit demonstriert.Sechstes Schlaglicht: Die Habermas-Schelte
Nur wenige Tage später war Enzensberger offenbar aus der Stadt am Main schon wieder verschwunden. Dort trug Jürgen Habermas im Rahmen eines vom Verband Deutscher Studentenschaften einberufenen Schüler- und Studentenkongresses eine grundlegende Kritik am SDS vor, an dessen politischen Aktionsformen ebenso wie an seinem theoretischen Selbstverständnis. In fünf Thesen, die anschließend unter dem Titel "Die Scheinrevolution und ihre Kinder" publiziert wurden,[19] nahm er die vom SDS geprägte Studenten- und Schülerbewegung aufs Korn. Deren Aktivisten verfolgten gesellschaftspolitische Interpretationen, gab er zu bedenken, die "entweder ungewiß oder nachweislich falsch, in jedem Fall aber unbrauchbar" seien, um vernünftige Handlungsmaximen aus ihnen ableiten zu können. Im Einzelnen führte Habermas die Krisen-, die Klassen- und die Imperialismustheorie an, deren Gültigkeit er jeweils bestritt. Aus dem illusionären Festhalten an diesen drei Grundelementen marxistischer Theorie entstünden zwei grundlegende Missverständnisse – die Annahme einer als gegeben unterstellten revolutionären Situation und die eines vorhandenen internationalen Zusammenhanges, der den antikapitalistischen Kampf miteinander verbinde. Daraus wiederum folge eine "verhängnisvolle Strategie", die die Studenten und Schüler isolieren und die mit ihnen verbundenen Kräfte insgesamt schwächen müssten. Indem die SDS-Mitglieder Realität und Wunschphantasie miteinander verwechselten, erfüllten sie "im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung".Abschließend griff Habermas drei führende Köpfe der Rebellion an, ohne deren Namen zu nennen, sondern lediglich deren Rollen zu bezeichnen – den Agitator, den Mentor und den "zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre". Den meisten der Versammelten dürfte klar gewesen sein, wer damit gemeint sein musste: der Adorno-Doktorand Hans-Jürgen Krahl, der Habermas-Assistent Oskar Negt und Hans Magnus Enzensberger.[20] Im Unterschied zu Negt, der am nächsten Morgen selbst noch referierte und mit keinem Wort auf die Habermas-Kritik einging, versuchte Krahl in seinem Beitrag immerhin Position zu beziehen.[21] Habermas sei, erklärte das SDS-Bundesvorstandsmitglied, mit seinem Versuch, eine "große Gegenkoalition", die von dem Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein bis zu dem IG-Metall-Vorsitzenden Otto Brenner reichte, kläglich gescheitert und hinke nun der Arbeiter-, Studenten- und Schülerbewegung wie eine "flügellahme Eule der Minerva" hinterher. Das klang eher beleidigt als analytisch. Ob es eine Reaktion des Dritten im Bunde gegeben hat, ist nicht bekannt.
Siebtes Schlaglicht: Die Suhrkamp-Revolte
Eines der wichtigsten Foren für die SDS-Rebellen war die Frankfurter Buchmesse. Seit dem Herbst 1967 schwappte jedes Jahr eine Welle von Protesten durch die Messegänge. Nicht wenige Autoren schlossen sich ihnen an und begriffen sich als intellektuelle Produzenten, die sich nicht länger mehr in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Verlag bewegen wollten. Neue Allianzen taten sich auf. Die Rebellion erreichte im Oktober 1968 auch einen der führenden Verlage, den Suhrkamp Verlag, in dem die Schriften der für die Studentenbewegung besonders wichtigen Autoren der Kritischen Theorie erschienen. Um sich der in einem Entwurf für eine neue Verlagsverfassung von Lektoren formulierten Ansprüche zu erwehren, hatte der 44-jährige Verlagschef Siegfried Unseld am Abend einige seiner wichtigsten Autoren zu einem Treffen eingeladen. Erschienen waren neben Günter Eich, Max Frisch, Uwe Johnson, Hans- Erich Nossack und Martin Walser mit Enzensberger und Habermas auch zwei Kontrahenten. Habermas argumentierte, dass in einem kapitalistischen System die Partizipationsvorstellungen von Lektoren in einem privatwirtschaftlichen Verlag illusionär seien und keinerlei Aussicht auf Verwirklichung hätten. Während Walser, der sich bald darauf der DKP annäherte, sogar abfällig von einer "Feuilleton-Revolution" sprach, machte Enzensberger bei der bis tief in die Nacht gehenden Zusammenkunft deutlich, dass er mit dem Vorhaben der Lektoren sympathisiere. Diese forderten, dass sich die Verlagsleitung künftig über alle wichtigen Entscheidungen wie Programmplanung, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit mit dem Lektorat auszutauschen habe. Die Entscheidungen müssten, so der Kern ihrer Demokratisierungsziele, auf einer gemeinsamen Versammlung gefällt werden, die Mehrheitsbeschlüssen verpflichtet sei.Im Unterschied zu ähnlichen Vorstößen beim Spiegel und beim Stern ging die "Suhrkamp-Revolte" (Die Zeit) jedoch aus wie das berüchtigte Hornberger Schießen. Die Kontrahenten einigten sich auf eine Kompromisslösung, die die alte Machtstruktur völlig unangetastet ließ. Es wurde beschlossen, eine einmal wöchentlich tagende Lektoratsversammlung einzurichten, auf der alle wichtigen Entscheidungen "in demokratischer Weise" vorbereitet werden sollten, wovon das Recht des Unternehmers Unseld nach "unabhängiger Entscheidung" allerdings unbeschadet bliebe. Einer der Wortführer der Mitbestimmungsinitiative, der 47-jährige Cheflektor Walter Boehlich, verließ daraufhin den Suhrkamp Verlag. Es war nur zu konsequent, dass sich Unseld bald darauf weigerte, eine kapitalismuskritische Ausgabe des Kursbuchs zu akzeptieren. Enzensberger entschied sich zusammen mit seinem Co-Herausgeber, dem gleichaltrigen Karl Markus Michel, dazu, zum Wagenbach Verlag zu wechseln. Die Zeitschrift war damals so publikumswirksam, dass dieser Wechsel ihrem Erfolg keinerlei Abbruch tat.
Die Frage nach der Rolle
Was nun war Enzensberger: Zuschauer, teilnehmender Beobachter, Zaungast, Hintergrundfigur, Ethnologe, Kommentator, Mentor oder doch Akteur? Auffällig ist, dass er im Verbund mit anderen gehandelt hat, meist mit Kollegen, Autoren, Wissenschaftlern oder Künstlern. Auffällig ist auch, dass es dabei um Interventionen ging, die mit der Rolle von Intellektuellen oder noch spezifischer mit der von Autoren zu tun hatten. Weder in Havanna noch in Berlin oder Frankfurt trat er in dem Bestreben auf, einen vollständigen Bruch seiner Autorenrolle herbeizuführen. Zwar schien er ein nicht unerhebliches Unbehagen an einer konventionellen Definition seiner Aufgaben zu verspüren, dennoch aber nicht auf ihre Öffentlichkeitsfunktion verzichten zu wollen. Im Gegenteil, Enzensberger versprach sich ganz offenbar durch eine Umdefinition des Autors eine Steigerung der Wirksamkeit, die man mit Texten erreichen konnte.Die Frage nach Rolle und Funktion des Schriftstellers und damit seiner eigenen hatte Enzensberger schon zuvor beschäftigt. Im November 1964, ein halbes Jahr vor dem Start des Kursbuchs, hatte er an der Frankfurter Universität mit seiner Poetik-Dozentur begonnen. Nach einer Einführung Adornos, dessen ideologiekritischen Anregungen er viel verdankte, widmete er seine erste Vorlesung der selbstironisch-doppelbödigen Frage "Spielen Schriftsteller eine Rolle?". Das Problem bestehe darin, so entfaltete Enzensberger seine These, dass Autoren zu viele Rollen spielen würden, Rollen, auf die sie nach ganz verschiedenen Mustern jeweils festgelegt seien. Nach einem starren Mechanismus würden von Lesern, Kritikern, Verlegern Rollen verteilt, die die Schriftsteller in bestimmte Schablonen pressten. Prominente Beispiele seien Jean-Paul Sartre in der Rolle des Engagierten, Thomas Mann in der des Ironikers, Ionesco in der des Absurden sowie John Osborne und Jack Kerouac in der des Outsiders. Diese stille Übereinkunft im literarischen Wechselspiel zwischen Erwartung und Bestätigung vertrage keine Abweichung, die Inszenierung dürfe nicht gestört werden. Je besser die Mechanik der Rollenverteilung funktioniere, desto weniger sei an eine Veränderung der gesellschaftlichen Zustände zu denken. Eine der wesentlichsten Aufgaben der Kritik, so beendete Enzensberger seine erste Vorlesung, bestünde in der rücksichtslosen Destruktion von Rollen und Mythen. Nicht ohne Grund lautete der Titel seiner abschließenden Vorlesung "Die Macht und die Ohnmacht – Von der Dialektik literarischer Wirkungen".
Hier taucht das Motiv der gesellschaftspolitischen Rolle und ihrer Wirksamkeit bereits expressis verbis auf. Als sich unter dem Eindruck eines eskalierenden Vietnamkrieges und einer mit der Bildung der Großen Koalition beinahe zur Unwirksamkeit verurteilten innerparlamentarischen Opposition die Rahmenbedingungen des Politischen maßgeblich veränderten und zum ersten Mal in Deutschland eine linke Studentenbewegung im Entstehen begriffen war, muss er auch für sich eine Chance gesehen haben, Einfluss zu nehmen. Die Rolle eines wirkungsvollen Publizisten, der mit dem Kursbuch ein Organ geschaffen hatte, auf das die außerparlamentarische Bewegung ein paar Jahre durchaus hörte, schien ihm jedenfalls nicht mehr ausreichend zu sein.
Er wurde – anfangs von Empörung über den Tod Ohnesorgs und den Beinahe-Tod Dutschkes getragen – zum Mitakteur. Die Selbstbezeichnung "Beobachter", und sei es auch in einer – als handle es sich um einen Aktionsforscher – zum "teilnehmenden Beobachter" erweiterten Fassung, hält ebenso wenig einer kritischen Überprüfung stand wie die einer "Hintergrundfigur".
Das Erwachen
In den 1970er Jahren verdichtete sich der Eindruck, als sei Enzensberger aus "1968" erwacht wie jemand, der nach einer durchzechten Nacht mit einem Brummschädel aufzustehen versucht und sich kaum noch an das vorausgegangene turbulente Geschehen erinnern kann. Es gab bis dahin nur einen einzigen Text, in dem er sich explizit auf seine Erlebnisse mit und in der Revolte bezog. Er trägt den bezeichnenden Titel "Erinnerungen an einen Tumult". Als ich vor über zehn Jahren in einem Spiegel-Text daraus zitierte, erhielt ich zahlreiche Nachfragen von Lesern, die sich vor allem nach der Quelle des weithin unbekannt gebliebenen Bekenntnisses erkundigten."Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen", listete Enzensberger darin an Notizen "Zu einem Tagebuch aus dem Jahre 1968" auf, "hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des 'Archivmaterials', der Podiumsdiskussionen, der veteranenhaften Stilisierung einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar geworden ist. Mein Gedächtnis, dieser chaotische, delirierende Regisseur, liefert einen absurden Film ab, dessen Sequenzen nicht zueinander passen. Der Ton ist asynchron. Ganze Einstellungen sind unterbelichtet. Manchmal zeigt die Leinwand nur Schwarzfilm. Vieles ist mit wackelnder Handkamera aufgenommen. Die meisten Akteure erkenne ich nicht wieder [ ...] Je länger ich mir das Material ansehe, desto weniger begreife ich [ ...] Es gibt Leute, die das alles säuberlich auf Flaschen abfüllen und Memoiren daraus machen. Mir ist dieses Verfahren schleierhaft [ ...] Es war nicht möglich, das alles gleichzeitig zu 'verstehen', sich 'einen Vers darauf zu machen', es 'auf den Begriff zu bringen'. Die Widersprüche schrieen zum Himmel. Jeder Versuch, den Tumult intelligibel zu machen, endete notwendig im ideologischen Kauderwelsch. Die Erinnerung an das Jahr 1968 kann deshalb nur eine Form annehmen: die der Collage."[22] Das war deutlich.
Was Enzensberger anlässlich einer Ausstellung des Prager Künstlers Jirí Kolár beschrieben hat, erscheint wie eine Flut an Bildern und Sequenzen, die vom Montagetisch gefegt wurden und wohl von niemandem mehr, am wenigsten vom Autor selbst, der seinem Gedächtnis die Rolle eines überforderten Regisseurs zudiktiert hat, zusammengefügt werden können. Jedwede Ordnung der Dinge hat zu existieren aufgehört. Verwunderung tritt an die Stelle von Erinnerung, Verwunderung darüber, "wie in 365 Tagen überhaupt so viel passieren konnte". Nicht mehr bestimmte Konfigurationen sind es, die das Gedächtnis bevölkern, sondern Elemente einer chaotischen Menge. Staub, Schnipsel, Bruchstücke, Fetzen – alles ist nur noch Material.
Nicht wenige haben Enzensbergers Bekenntnis zum Chaos der Erinnerungen in einem Satz zusammenzufassen versucht: Enzensberger wolle offenbar deshalb nicht mehr an "1968" erinnert werden, weil er es bis auf den heutigen Tag nicht verarbeitet habe. Der wortgewandte und phantasiereiche Autor, der einst das "Museum der modernen Poesie" eingerichtet hat, fände keine Form mehr, um das Trümmergelände an Erinnerungen in Worte kleiden zu können. Die Rede von der Collage sei deshalb kaum mehr als eine hilflose Geste. Enzensberger dürfte insofern über das politische Scheitern der 68er-Bewegung nie hinweggekommen sein. Deshalb beschimpfe er heute jene, die sich – gleichgültig von welcher Seite und aus welcher Perspektive auch immer – darüber streiten. In seiner Biographie scheine aus dieser Sicht "1968" für eine Verwundung zu stehen, die zwar verschorft, aber nie verheilt sei.
Der zornige junge Mann im Alter
Enzensberger hat seither – womit er keineswegs alleinsteht – in der Öffentlichkeit ebenso wie im privaten Gespräch eine affektive Abwehr gegenüber dem Dauerstreitobjekt "68" zu erkennen gegeben. Weder kann er die Jubilare leiden, denen nichts Besseres einfalle, als sich bei jeder passenden Gelegenheit selbst zu feiern, noch die Nörgler und Dauerkritiker.[23] Auch von der weit verbreiteten Neigung, die damalige Bewegung auf eine Generation hochzurechnen und ihr eine Art Jahrgangs-Konfiguration zuzugestehen, hält er nichts.[24] Und zuweilen passiert es, dass er deshalb schlicht und einfach aus der Haut fährt und sich vom Zorn das Wort diktieren lässt.[25] So geschehen im Januar 2001 im Kontext einer überaus aufgeregten Debatte, in der es unmittelbar um die Karriere eines Bundesaußenministers ging, mittelbar jedoch um die Legitimität des 68er-Aufbruchs im Allgemeinen.Das Pamphlet, das er mit der Invektive "Ihr ödet uns an!" in der FAZ publiziert[26] oder besser über die FAZ in den öffentlichen Raum geschleudert hat, war jedoch ein Wurfgeschoss mit einem Bumerangeffekt. Ein über 70-jähriger Autor schrieb im Stile eines 25-Jährigen. Mehr noch, der Artikel lief wegen seiner überaus affektgeladenen Züge Gefahr, in die Sparte postpubertärer Pennäler eingeordnet zu werden.
"Gnadenlos wird ein vor dreißig Jahren verendeter Hund durchs Dorf getrieben. Kein Vergleich ist den Veranstaltern zu idiotisch, keine moralisierende Geste zu billig, um die Medien zu füttern. Tatsachen, die seit dreißig Jahren bekannt sind, werden als Sensation gehandelt und geben Schlagzeilen her. Dabei liegt es auf der Hand, dass sich niemand mehr, außer den Angehörigen der Opfer, von Ohnesorg bis Buback, wirklich für diese Geschichte interessiert, am allerwenigsten die Leute, die das Gequassel angezettelt haben – und nicht einmal die Millionen von Personen, die sich nachträglich zu 'Achtundsechzigern' stilisiert haben, solange sie in dem Wahn lebten, damit wäre ein Distinktionsgewinn zu erlangen. So gut wie ausnahmslos alle Jüngeren halten sich ohnehin die Ohren zu [...] Wer sich an solchen Manövern beteiligt, geht unter sein Niveau. Liebe Meinungsfabrikanten, lasst es gut sein. Hört auf! Niemand glaubt euch! Ihr ödet uns an!"
Es ist ganz unverkennbar, dass Enzensberger angesichts der ausufernden Debatte über Joschka Fischer, Jürgen Trittin und die linksradikale Vorgeschichte mancher Grünen-Politiker der Kragen geplatzt war. Doch das, was er abschätzig als "Gequassel" bezeichnete, war nichts anderes als eine Fehleinschätzung. Denn es ging in diesem Falle im Kern um nichts anderes als das Schicksal des Bundesaußenministers und das der rot-grünen Koalition. Hätte Fischer zurücktreten müssen – und er war an diesem Schritt sehr nahe dran –, dann wäre das das Ende der Regierungskoalition und die Ausrufung von Neuwahlen unvermeidlich gewesen. Verräterisch war dabei zudem, dass Enzensberger "1968" als "einen toten Hund" bezeichnete, "der durchs Dorf getrieben " würde. Wäre es tatsächlich so, dann ließe sich die Aufgeregtheit, die in diesen Fragen von unterschiedlichster Seite aufgekommen ist, wohl kaum erklären. Der sprichwörtliche Hund könnte jedoch dort begraben liegen, wo Enzensberger diese Metapher ins Spiel bringt. Hier sprach jemand, der sich offenbar verletzt fühlte. Er erweckte ganz den Anschein, als solle nicht an Dinge gerührt werden, die ihn ganz unmittelbar auch selbst betrafen.
Doch es existiert ein Gegenbeispiel zur Aussparung des 68er-Themas, das sich andere Schriftsteller wie etwa Peter Schneider,[27] F.C. Delius[28] und Uwe Timm[29] zu einer Art Lebensthema gemacht haben. In der amerikanischen Ausgabe einer seiner Aufsatzsammlungen,[30] in der Enzensberger dem Publikum seine wechselnde Haltung zu den Vereinigten Staaten zu erläutern versuchte, hat er sich zusammenhängend über die Studentenbewegung geäußert.[31] Sie habe, schreibt er, ihren amerikanischen Vorbildern wie etwa dem Free-Speech-Movement nachgeeifert; das sei für die Entwicklung der bundesdeutschen Demokratie längst überfällig gewesen und habe "trotz ihrer Konfusion, ihrer Großmäuligkeit, ihres Sektierertums – in vieler Hinsicht gutgetan ". "Ich möchte sogar behaupten", steigert er sein positives Grundurteil, "sie hat Deutschland wieder bewohnbar gemacht. Sie hat frische Luft ins Land gebracht, hat die Nazi-Verbrechen unübersehbar auf die Tagesordnung gesetzt und Schluß gemacht mit der deutschen Unart, immer und jedem zu gehorchen. "[32] Es sei allerdings, so räumt er selbstkritisch ein, der Vietnamkrieg gewesen, der diesen Umschwung nach dem klassischen Muster einer Projektion ausgelöst habe. Augenblicke der Rebellion seien in der deutschen Geschichte ziemlich selten. "Ich wollte diese Gelegenheit auf keinen Fall verstreichen lassen und steckte bis zum Hals in den theatralischen Happenings von 1968."[33]Das klingt ganz nach einem offenen Wort.
In diesem Zusammenhang kommentiert er auch seinen Kuba-Aufenthalt: "Schon damals war mir klar, dass mein Entschluß etwas Lächerliches an sich hatte. Ich kam mir vor wie eine Maus, die dem Elefanten sagt, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben, solange er sich nicht besser benimmt. Die Politik der Gesten bestraft sich selbst. Trotzdem kann ich diese Episode auch heute nicht einfach bedauern. Zwar war ich wieder einmal bei einem Versuch gescheitert, Amerika zu entdecken, andererseits jedoch vermittelte mir das Jahr in Kuba eine gründliche Lehre in realem Kommunismus – mit dem Resultat, daß ich mich von allen Illusionen, die ich bis dahin vielleicht noch gehegt hatte, verabschiedete."[34] Es müssen also Erfahrungen gewesen sein, auf die er – selbst wenn sie bitter gewesen sein sollten – auch im Nachhinein nicht verzichten möchte. Doch warum, so ist zu fragen, breitet er diese Erfahrungen im Ausland und nicht hier aus, vor einem Publikum, das sich davon sehr viel eher angesprochen fühlen könnte?
Das Echo
Bereits 1975 zog sich Enzensberger als Herausgeber des Kursbuchs zurück. 1980 gründete er zusammen mit Gaston Salvatore die Zeitschrift TransAtlantik, die er jedoch schon zwei Jahre später wieder verließ. In dieser Zeitspanne setzte er den im Kursbuch eingeschlagenen Weg seiner Revisionen weiter fort. Hatte er in seinem alten Organ schon 1972 vom "Revolutions-Tourismus" (Nr. 30) und 1976 "Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums" (Nr. 45) geschrieben, so machte er 1982 "Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang " (Nr. 52) und rief sogar "Zur Verteidigung der Normalität" (Nr. 68) auf, als ginge es darum, die letzten Bastionen eines aufs Klassenkampf-Denken eingeschworenen Denkens zu schleifen.Am stärksten richtungsweisend war vielleicht sein Essay über "Das Ende der Konsequenz",[35] in dem er weniger einzelne Positionen der Ex-68er als die darin zum Vorschein gekommene Haltung demontierte. Als diskursiver Punchingball diente ihm ein Herr G., ein offenkundiger Opportunist und Anpasser, der andererseits aber von ihm "Prinzipienfestigkeit, Radikalität, Unbestechlichkeit, kompromißlose Klarheit, unerbittliche Konsequenz" verlangte. Aus seiner doppelbödigen Haltung zog er eine exemplarisch gemeinte Schlussfolgerung: "Je mürber die eigne Identität, desto dringender das Verlangen nach Eindeutigkeit. Je serviler die Abhängigkeit von der Mode, desto lauter der Ruf nach grundsätzlichen Überzeugungen. Je frenetischer die Spesenjägerei, desto heroischer das Ringen um Integrität. Je schicker das Ambiente, desto inniger der Hang zum 'Subversiven'. Je größer die Bestechlichkeit, desto ärger die Angst davor, 'integriert' zu werden. Je weicher der Brei, desto fester die Prinzipien, und je hilfloser das Gezappel, desto inständiger die Liebe zur Konsequenz."[36] Die dieser Haltung innewohnende Heuchelei machte er an fünf verschiedenen Typen fest – dem Umstürzler, dem Kritiker, dem Aussteiger, dem Punker und dem Konfliktforscher. Bei ihnen, so sein vernichtendes Urteil, sei "der moralische Schizo" zur Norm geworden.
Eine seiner Einsichten hört sich ganz nach einem Resultat aus der Hochzeit des Linksradikalismus an, in der nicht wenigen die RAF als zwingendste aller Optionen erschien: "Der konsequente politische Kampf mit allen Mitteln führt zum Terrorismus."[37] Gleichzeitig räumt er mit der unter Intellektuellen besonders verbreiteten Manie auf, alles auf die Spitze treiben und unbedingt radikaler als alle anderen sein zu wollen: "Wer weiter als alle anderen ging, der war das Salz der Erde. Das ganze Pathos der Avantgarde, ihr Prestige und ihr Hochgefühl hing von dieser Logik ab. Ihr wichtigster theoretischer und ästhetischer Imperativ war die Konsequenz."[38] Der schier unstillbare Hang zur Konsequenz ist ihm "eine deutsche Obsession", deren geistige Vaterschaft er bei Carl Schmitt, Ernst Jünger und Martin Heidegger sucht.
Den Demontage-Kurs [39] setzte Enzensberger in zahlreichen Gelegenheitsarbeiten weiter fort. Eine 1997 erschienene Aufsatzsammlung trug nun den ebenso provokativen wie programmatischen Titel Zick Zack.[40] Die so oft aus vermeintlich politischen Gründen geforderte Geradlinigkeit, Konsequenzlogik, Linearität werden hier demontiert. Im Gegensatz zu Heroen der Eindeutigkeit würdigt er Figuren des Übergangs wie Chruschtschow, Kádár, Jaruzelski und Gorbatschow als "Helden des Rückzugs".[41] Anstatt ihnen vorzuwerfen, sie hätten das Erbe der Oktoberrevolution oder der Sowjetunion verraten, verteidigt er sie als Transformatoren von totalitären und diktatorischen in demokratischere und menschenwürdigere Verhältnisse. Auch einen ehemaligen Kommunisten wie Herbert Wehner, der der SPD die Klassenkampfallüren austrieb, und einen ehemaligen Falangisten wie den spanischen Ministerpräsidenten Adolfo Suárez, der den Übergang von der Franco-Diktatur zu einer Demokratie mit friedlichen Mitteln herbeigeführt hat, sieht er in einer ganz ähnlichen Rolle. Als exemplarische Gegenfigur erscheint ihm dagegen ein Mann wie der Kambodschaner Saloth Sar, bekannter unter seinem Kampfnamen Pol Pot.[42] Der Anführer der Roten Khmer hatte an der Sorbonne studiert, sich das Konzept eines radikalen Antikolonialismus zu eigen gemacht und nach dieser Vorgabe in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre einen Massenmord an seinem eigenen Volk durchgeführt. Hier führte das Modell zu einer radikalen Umwälzung der Sozialstrukturen direkt in die Barbarei.
Das Lob der Inkonsequenz, der Nichtlinearität und des gleitenden Übergangs ist eine Art Umerziehungsprogramm, eine Re-education-Maßnahme für ehemalige 68er, die sich in ihrem Denken, ihrer Lebenseinstellung, ihrer Mentalität eingemauert haben. Zugleich ist es Ausdruck eines einstigen Vordenkers, der sich selbst stark gewandelt hat. Ohne die Zusammenhänge mit dem einstigen Radikalisierungsschub explizit zu thematisieren und ohne an die eigenen Involvierungen zu erinnern, kann darin eine intellektuelle Antwort auf eine politische Fehlentwicklung gesehen werden, die ihre eigene theoretische Matrix besaß.
Abrechnungen und Würdigungen
Doch nun war Enzensberger für nicht wenige seiner ehemaligen Weg- und Kampfgefährten ein Opportunist, der sich den Machtverhältnissen angepasst hatte, ein Revisionist, der das Denken in Klassenkampfkategorien aufgab, ein Hasardeur, der mit den gesellschaftlichen Widersprüchen, anstatt ihre Antagonismen sichtbar zu machen, nur noch spielte. Nun galt er als Verräter oder – wie es sein Biograph Jörg Lau einmal formuliert hat – gar als "Erzverräter der deutschen Intellektuellen". Aus dem Vor- und Querdenker war in ihren Augen ein Schönredner des vermaledeiten Systems, ein Integrationist geworden.Andererseits aber wird ihm – und das dürfte zweifelsohne auch in diesem Jahr wieder der Fall sein – das Hohelied des Stilisten, Artisten und Virtuosen gesungen. Insbesondere Vertreter einer jüngeren Generation an Intellektuellen haben kein Problem damit, die Slalomfahrten durch den Stangenwald des Zeitgeistes, die politischen und weltanschaulichen Hakenschläge und Wendungen zu goutieren. Für sie steht das Bild vom Ironiker im Vordergrund.[43] Oder wie es Florian Illies kürzlich formuliert hat: "Er nahm zwar alles ernst. Aber dennoch alles nicht so wichtig."[44] Aus dieser Perspektive lassen sich auch selbst zu verantwortende Widersprüche distanziert und spielerisch betrachten. Wer mit seinen ästhetischen Fähigkeiten dazu in der Lage ist, seinen Texten eine artistische Leichtigkeit zu verleihen, der braucht den Einspruch nicht in der sonst üblichen Schärfe zu fürchten.
Doch vielleicht ist dieses Enzensberger-Bild ein zu geglättetes. Es fehlt ihm vor allem die existenzielle Komponente. Und vielleicht hat das vor fünfzig Jahren von Alfred Andersch gezeichnete Bild vom "zornigen jungen Mann",[45] das auf der anderen Seite des Spektrums einzuordnen ist und von dem man sich im Laufe der Zeit immer weiter entfernt hat, doch auch heute noch mehr für sich, als manche vermuten würden. Empörung und Zorn, die man bereits früh aus seinen Texten herausgehört hat, sprechen jedenfalls immer noch aus vielen seiner Zeilen. Diese Quelle der Imagination scheint auch nach der herben Enttäuschung, die mit der 68er-Zeit, wenn auch eher mit deren Niedergang als deren Aufbruch, verbunden gewesen ist, nicht versiegt zu sein.
Biographische Sattelzeit
Vielleicht lässt sich ein von Reinhart Koselleck geprägter Begriff, mit dem der Übergang der frühen Neuzeit zur Moderne als Epochenschwelle charakterisiert worden ist,[46] in gewisser Hinsicht auch auf Biographien übertragen und im Falle Enzensbergers das Jahr 1968 als eine lebensgeschichtliche Sattelzeit bezeichnen, vielleicht auch deshalb, weil – um im Bilde zu bleiben – ihr Reiter zur besagten Zeit in einem durchaus wörtlich zu nehmenden Sinne aus dem Sattel geworfen worden ist. Dieser Reiter hat sich jedoch aufgerappelt, den Staub abgeschüttelt und sich erneut ins Rüstzeug geworfen, um nun wieder als Poet auf einem Pegasus davonzureiten.Ein erheblicher Teil seines Schaffens wäre ohne den soziokulturellen Umbruch von 1968 nicht zu verstehen. Das Jahr, an dem sich auch nach so vielen Jahrzehnten immer noch die Geister scheiden, markiert insofern zumindest für einen Teil seines Werkes eine Wasserscheide. Auch wenn er sich selbst eher unwillig oder nur sehr zögerlich darüber äußert, so dürfte daran doch kaum ein Zweifel bestehen.
Der Schriftsteller, der bereits in seiner frühen Lyrik[47] wie kaum ein Zweiter die Doppelbödigkeit des Wirtschaftswunderlands Bundesrepublik ausgelotet hatte, ist ein Sonderfall in der Riege von Intellektuellen, die der so genannten Flakhelfer-Generation zugeschrieben werden. Im Unterschied zu Günter Grass, Jürgen Habermas und Alexander Kluge etwa hatte er sich mit Emphase auf die Seite der 68er-Bewegung gestellt und mit dem Kursbuch nicht nur die seinerzeit vielleicht wichtigste Zeitschrift herausgegeben. Durch eine Reihe spektakulärer Auftritte hat er keinen Zweifel daran gelassen, dass er im Angesicht einer sich abzeichnenden Revolution auf keinen Fall abseits stehen wolle.
Die 68er-Bewegung war in Berlin als Studentenbewegung entstanden, hatte zahllose Intellektuelle – Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler, Komponisten, Filmregisseure und Theatermacher – wie einen Schweif hinter sich hergezogen, den Kulturbetrieb – das Kino, die Oper, die Museen, das Theater – umzukrempeln versucht, Revolten in Redaktionen und Verlagen angezettelt und sich schließlich in einer Art proletarischer Mimesis zu verleugnen versucht, um ihre machtpolitische Schwäche zu kompensieren. "1968" war in ihrem Kern auch eine Intellektuellen- und Medienrevolte und insofern für einen Mann wie Enzensberger wie geschaffen. Dass er keiner Organisation, keiner Gruppe, keiner Partei angehörte, war nicht – wie von ihm noch im letzten Jahr behauptet[48] – eine Schwäche, sondern gerade seine Stärke.
Seine Rolle war nicht die eines Wortführers, eher die eines Mentors, eines überaus einflussreichen Anregers, später eines Kritikers, der den einstigen Gleichgesinnten die Leviten las, aber auch die eines zeitweiligen Aktivisten. Wäre der Begriff der multiplen Persönlichkeit nicht so negativ vorbelastet, indem er eine dissoziative Identitätsstörung im klinischen Sinne bezeichnet, würde dieser wohl am ehesten die hier gebrauchte Freiheit der Rollenwahl umschreiben. Der im Kulturbetrieb Etablierte spielte der antiautoritären Bewegung anfangs ihre Melodie vor, und er konnte zeitweilig sogar – wie es Wolf Lepenies einmal genannt hat[49] – als ihr "Libero" auftreten. Er war jedoch weniger ihr Ausputzer als ihr freier Mann. Sein Spielraum ermöglichte es ihm nicht nur, zwischen Städten und Erdteilen hin- und herzupendeln, sondern auch Gedankenfiguren und Kritikmodelle zu entwickeln, die von vielen als innovativ betrachtet wurden. Wer sich auf das anfangs erwähnte Vexierbild einlässt, dem treten hier die Umrisse einer bestimmten, obgleich multiplen Figur vor Augen: Enzensberger war nichts anderes als der Libero der 68er- Bewegung.
- [1] Der Sozialdemokrat Paul Löbe (1875–1967) war ein politischer Gegner der Nazis, hatte 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt und deshalb einige Zeit in einem Konzentrationslager zubringen müssen.
- [2] Auf den als "Pressemitteilung" bezeichneten Flugblättern hieß es: "Ihr wollt heute Paul Löbe durch den Schornstein feiern. Euch wird ein großes Fest beschert, ein großes, ernstes, wo einer vom Staat begraben wird. Wir nehmen die Feste, wie sie fallen, wir nehmen uns dies Fest mit den Ehrenmännern in Uniformen, den Leuten mit den reinen Westen, den aus Film und Fernsehen bekannten Darstellern von Charakterrollen und wir machen mit, denn wir wollen auch was feiern: Wir wollen ein paar smarte Leichen verscharren, die lange schon zum Himmel stinken – Da sind sie: Albertz, Büsch, Duensing, Kuntze, Dehnicke, Hoppe ..." Aus: Quellen zur Kommuneforschung, Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung.
- [3] Peter Schneider, "Bildnis eines melancholischen Entdeckers", in: Rainer Wieland (Hrsg.), Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich. Über Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt/M. 1999, S. 137–145; hier: S. 141.
- [4] Ulrich Enzensberger, Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969, Köln 2004, S. 190–196. Seiner Darstellung nach soll der Verfassungsschutzagent Urbach der eigentliche Urheber der Aktion gewesen sein.
- [5] Hans Magnus Enzensberger, zitiert nach: Gilles Anquetil, François Armanet, "Les débats de lŒObs. Le plaisir de dire non", in: Le Nouvel Observateur vom 20. September 2007.
- [6] Ganz ähnlich äußerte sich Enzensberger vor einem Jahr in einem Interview: "Ich war", erklärte er Stephan Schlak, nicht ohne ein relativierendes "glaube ich" einzufügen, "eher eine Hintergrundsfigur, bin nie Mitglied einer Organisation, einer Gruppe oder einer Partei gewesen. Eine öffentliche Rolle habe ich höchstens als Herausgeber des Kursbuchs gespielt." "das wahre ausland ist die vergangenheit. ein gespräch mit hans magnus enzensberger", in: das magazin der kulturstiftung des bundes, Frühjahr 2008, S. 9.
- [7] Süddeutsche Zeitung vom 26. September 2007.
- [8] Hans Magnus Enzensberger, "Berliner Gemeinplätze", in: Kursbuch 11, 1967, S. 151–169 und Kursbuch 13, 1968, S. 190–197.
- [9] Die tonangebenden Stichworte lauteten: "Der nicht erklärte Notstand" (Nr. 12), "Tod der Literatur" (Nr. 15), "Kulturrevolution" (Nr. 16), "Kritik des Anarchismus" (Nr. 19), "Baukasten zu einer Theorie der Medien" (Nr. 20), "Das Elend mit der Psyche" (Nr. 28/29), "Revolutions- Tourismus" (Nr. 30), "Kritik der politischen Ökologie" (Nr. 33) usw.
- [10] Hans Magnus Enzensberger, "Einige Vorschläge zur Methode des Kampfes gegen die atomare Aufrüstung", in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3. Jg., 1958, Heft 4, S. 410– 414, hier: S. 414.
- [11] Die in absichtlicher Parallele zu der Rede von den "68ern" benutzte Bezeichnung stammt von dem Politikwissenschaftler Jürgen Seifert (1928–2005), der in der Kampagne "Kampf dem Atomtod" selbst zu den studentischen Akteuren zählte.
- [12] Im November des Vorjahres hatte der aus der situationistisch inspirierten Gruppe Spur über die Subversive Aktion zum SDS gestoßene Kunzelmann eine Art Manifest der Kommune- Idee geschrieben. In seinen "Notizen zur Gründung revolutionärer Kommunen in den Metropolen " heißt es: "Unsere Praxisvorstellungen können im Moment nur als diffus bezeichnet wer - den. Sind die divergierenden Konzeptionen durch konzentrierte Praxis aufgehoben, bleibt nicht ausgeschlossen, dass dies eine falsche war. Soll dieser Prozess nicht in Frustration versanden – und die Kommune ist nicht der konkrete Versuch, ob Praxis möglich ist, sondern wir machen die Kommune, um Praxis jetzt zu machen: Praxis als Methode zur Erkenntnis der Wirklichkeit – ist unser Entwicklungsprozess bei Beginn des Zusammenlebens von ausschlaggebender Bedeutung, um den Experimentalcharakter gemeinsamer Praxis durchstehen zu können. Wenn wir die Aufhebung unserer bürgerlicher Individualitäten nur erhoffen durch den mit bestimmter Praxis stattfindenden Prozess des Kampfes, besser dessen Anfangsstadium zwischen revolutionären Kommunen und repressiver Gesellschaft, könnten wir erneut unser Dasein dem weltgeschichtlichen Prozess anheimdelegieren, vergessen erneut unsere Ausgangsbasis: die Leidenschaft der an sich selbst Interessierten." Am Ende des im Gestus eines Bekenntnisses verfassten Textes greift Kunzelmann Herbert Marcuses kurz zuvor in dessen Aufsatz "Repressive Toleranz " vertretene Ansicht auf, dass es ein "Naturrecht auf Widerstand" für unterdrückte Minderheiten gebe und erweitert diese Position bis zu einer Praxis, die "bis zum Umsturz geht".
- [13] In der Notiz vom 19. März 1967 heißt es: "Ulrich fährt nach Nürnberg, um rauszukriegen, ob das Problem mit seiner Mutter eines ist." In: "Fritz-Protokolle I, KI. Texte aus der Kommune- Vorgeschichte, 19–23", hier: 20, Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung.
- [14] Hans Magnus Enzensberger, "Warum ich Amerika verlasse", in: Die Zeit vom 1. März 1968, 23. Jg., Nr. 9, S. 16.
- [15] Hans Magnus Enzensberger, "Eine neue Phase des Kampfes", in: konkret, Mai 1968, S.11.
- [16] Der entscheidende Passus in Barsigs Erklärung lautet: "Wir können die außerparlamentarische Opposition aber nicht privilegiert behandeln, denn unsere Satzung legt fest, daß der Sender Freies Berlin nicht Werkzeug einer Gruppe sein darf. Die außerparlamentarische Opposition ist eine Gruppe unter anderen, und sie muß deshalb bereit sein, einzusehen, daß ihr nicht Sonderrechte eingeräumt werden können [ ...] Über die Forderung der außerparlamentarischen Opposition im konkreten, nämlich pro Tag eine Stunde Sendezeit in eigener redaktioneller Verantwortung, haben wir uns nicht einigen können. Ich konnte dieser Forderung nicht zustimmen, denn sie würde die Programmverantwortung aushöhlen, und sie müsste zwangsläufig dazu führen, daß jeder anderen Gruppe ein gleiches Recht eingeräumt wird. Das wäre das Ende eines Programms, das schließlich für die Hörer und Zuschauer und nicht für einzelne Gruppen gemacht wird." "Außerparlamentarische Opposition fordert eine Stunde Sendezeit – eine Erklärung des neuen SFB-Intendanten Franz Barsig", in: Fernsehinformationen, 19. Jg., 1968, Nr. 11, S. 216.
- [17] Hans Magnus Enzensberger, "Notstand. Rede in Frankfurt", in: Tintenfisch 2. Jahrbuch für Literatur, hrsg. von Michael Krüger und Klaus Wagenbach, West-Berlin 1969, S. 20. Die radikale Forderung war in ein berühmtes Zitat gepackt. Denn kein Geringerer als Heinrich Heine hatte bereits 1832 von den "französischen Zuständen" geschrieben. Unter diesem Titel erschien ein Buch mit seinen in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" publizierten Artikeln, das in Preußen verboten wurde. Vgl. Heinrich Heine, "Französische Zustände", in: ders., Werke, 3. Band, Schriften über Frankreich, hrsg. von Eberhard Galley, Frankfurt/M. 1968, S. 60–237.
- [18] Siehe: Der Spiegel vom 10. Juni 1968, 22. Jg., Nr. 24, S. 30–34.
- [19] Jürgen Habermas, "Die Scheinrevolution und ihre Kinder – Sechs Thesen über Taktik, Ziele und Situationsanalysen der oppositionellen Jugend", in: Frankfurter Rundschau vom 5. Juni 1968.
- [20] Habermas hat einem Autor auf eine briefliche Anfrage hin die Bezugnahme auf Enzensberger später bestätigt. Hans Matthias Kepplinger, Rechte Leute von links. Gewaltkult und Innerlichkeit, Olten 1970, S. 306.
- [21] Hans-Jürgen Krahl, "Antwort auf Jürgen Habermas", in: ders., Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt/M. 1971, S. 242–245.
- [22] Hans Magnus Enzensberger, "Erinnerungen an einen Tumult – Zu einem Tagebuch aus dem Jahre 1968", in: Text und Kritik, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, Heft 49, Hans Magnus Enzensberger. Zweite, erweiterte Auflage, März 1985, S. 6–8.
- [23] "...ich muß gestehen, daß mir diese ewigen 68er-Jubiläen längst zum Hals heraushängen. Von der Seite der Beteiligten hat das etwas Veteranenhaftes. Mit nostalgischen Erinnerungen kann ich nicht aufwarten [ ...] Auf der anderen Seite versuchen manche Leute, mit der Dämonisierung des Geschehens zu punkten. Das ist ebenfalls eine müde Sache, von der ich mir keine neuen Erkenntnisse verspreche." – "das wahre ausland ist die vergangenheit. Ein gespräch mit hans magnus enzensberger", in: das magazin der kulturstiftung des bundes, Frühjahr 2008, S. 9.
- [24] "Eine allgemeine Physiognomie dieses Jahrganges zu zeichnen, halte ich für sehr problematisch. Es sind doch immer nur ganz wenige, die da als Testpersonen herbeizitiert werden. Von den andern ist nicht die Rede, und diese andern sind die Mehrheit. Überhaupt wird der Begriff der Generation überstrapaziert. Das Geburtsjahr allein sagt nicht viel über einen Lebenslauf aus. Das Einzige, was eine demographische Kohorte verbindet, sind die historischen Erfahrungen, die sie gemacht haben." Ebenda.
- [25] Alfred Andersch hatte bereits 1958 in einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis geschrieben: "Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen, der junge Mann, der seine Worte nicht auf die Waagschale legt, es sei denn auf die der poetischen Qualität [ ...] Eine Begabung wie diejenige Enzensbergers wird immer gefährdet sein. Was wird mit ihm geschehen, wenn der Zorn einmal nachläßt, wenn nicht mehr Empörung die leichte Hand regiert? Gleichviel, – mit diesen 18 Gedichten hat er einer Generation Sprache verliehen, die, sprachlos vor Zorn, unter uns lebt." Alfred Andersch, "1 (in Worten: ein) zorniger junger Mann", in: Frankfurter Hefte, 13. Jg., 1958/2, S. 145.
- [26] Hans Magnus Enzensberger, "Ihr ödet uns an! Kein Diskussionsbeitrag", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Januar 2001.
- [27] Vgl. aus Peter Schneiders Publikationen: Ansprachen, West-Berlin 1970; Lenz, West-Berlin 1973; Schon bist du ein Verfassungsfeind, West-Berlin 1975; Atempause, Reinbek 1977; Rebellion und Wahn, Köln 2008.
- [28] Vgl. aus der Reihe seiner Publikationen: Wenn wir, bei Rot, West-Berlin 1969; Unsere Siemens- Welt, West-Berlin 1972; Mogadischu Fensterplatz, Reinbek 1987; Himmelfahrt eines Staatsfeindes, Reinbek 1992; Amerikahaus und der Tanz um die Frauen, Reinbek 1997.
- [29] Vgl. aus der Reihe seiner Publikationen: Heißer Sommer, Gütersloh 1974; Rot, Köln 2001; Der Freund und der Fremde, Köln 2005.
- [30] Hans Magnus Enzensberger, Zick Zack. Aufsätze, Frankfurt/M. 1997; ders., ZigZag. The Politics of Culture and ViceVersa, New York 1998.
- [31] Hans Magnus Enzensberger, "My Fifty-year Effort to Discover America. A Hapless German¹s Tale", in: ders., ZigZag.
- [32] Hans Magnus Enzensberger, "Wie ich fünfzig Jahre lang versuchte, Amerika zu entdecken", in: Rainer Wieland (Hrsg.), Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich. Über Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt/M. 1999, S. 96–111; hier: S. 104f.
- [33] Ebenda, S. 105.
- [34] Ebenda, S. 106.
- [35] Hans Magnus Enzensberger, "Das Ende der Konsequenz", in: ders., Politische Brosamen, Frankfurt/M. 1982, S. 7–30.
- [36] Ebenda, S. 11.
- [37] Ebenda, S. 19.
- [38] Ebenda, S. 21.
- [39] Vgl. Jørgen Bonde Jensen, "Die Figur des Übergangs. Enzensberger und der Essay", in: Rainer Wieland (Hrsg.), Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich, S. 187–203.
- [40] Hans Magnus Enzensberger, Zick Zack.
- [41] Hans Magnus Enzensberger, "Die Helden des Rückzugs. Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung", in: ders., Zick Zack, ebenda, S. 55–63.
- [42] Hans Magnus Enzensberger, Das Ende der Konsequenz, S. 22–24.
- [43] Exemplarisch: Wolf Lepenies, "Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich. Laudatio auf Hans Magnus Enzensberger", in: Wieland (Hrsg.), Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich, S. 23–32.
- [44] Florian Illies, "Der Schreibtisch von Hans Magnus Enzensberger", in: Zeit-Literatur, Nr.12, März 2009, S. 94.
- [45] Alfred Andersch, "1 (in Worten: ein) zorniger junger Mann", S. 143–145.
- [46] Reinhart Koselleck, "Einleitung", in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, A–D, Stuttgart 1972, S. XIII–XXVII; ders., "Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte ", in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1992, S. 107–129.
- [47] Hans Magnus Enzensberger, verteidigung der wölfe, Frankfurt/M. 1957; ders., landessprache, Frankfurt am Main 1960; ders., blindenschrift, Frankfurt/M. 1964.
- [48] Vgl. Fn. 6.
- [49] Lepenies hatte 1998 anlässlich der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises in seiner Laudatio auf Enzensberger erklärt: "Denn dies hat Enzensberger mit Beckenbauer gemeinsam: auch wenn er einmal ein Selbsttor schießen sollte – in die Geschichte wird er unweigerlich als genialer Rück - pass eingehen. Franz der Große gibt mir das Stichwort, um mit einem Wort deutlich zu machen, was Hans Magnus für die Geistesgeschichte der Bundesrepublik bedeutet: er ist der Libero der intellektuellen Welt. Wir verfügen im geistigen Deutschland, die Namen sind bekannt, über beeindruckende Ausputzer und intelligente Flügelflitzer, kühne Flankenschläger und biedere Stopper, bedächtige Aufbauspieler und ehrgeizige Ersatzleute, und im rechten Mittelfeld herrscht schon wieder das übliche Gedränge. Aber wir haben nur einen Libero. Hans Magnus Enzensberger. Der Libero. Der Nationaldichter, der nach Belieben den Raum deckt oder den Gegner, der hinten dichtmacht und dabei zugleich nach vorne marschiert. Der Libero. Philosophisch gesprochen: der freie Mann." Wolf Lepenies, Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich, S. 25.
Published 2009-11-03
Original in German
First published in Mittelweg 36 5/2009
Contributed by Mittelweg 36
© Wolfgang Kraushaar / Mittelweg 36
© Eurozine


















