Pathos des Eigensinns
Zivilcourage und Heldentum
Am 20. Dezember 2007 kehrt der pensionierte Realschulrektor Hubert N. von einer Weihnachtsfeier mit seinen alten Kollegen heim. Am Max-Weber-Platz steigt er um in die U4 Richtung Arabellapark und nimmt im letzten Wagen Platz, in der letzten Sitzreihe, wie er es immer tut. Zwei angetrunkene junge Männer setzen sich ihm gegenüber, Serkan A. und Spyridon L. Die beiden zünden sich eine Zigarette an und blasen den Rauch in Richtung des Rentners. Der sagt irgendwann den Satz, der sich als fatal erweisen wird: "In der U-Bahn wird nicht geraucht." Die beiden beschimpfen ihn daraufhin als "deutsches Arschloch" und "scheiß Deutscher". Als er aussteigt, folgen sie ihm und stoßen ihn, wie sich auf Überwachungsvideos beobachten lässt, von rückwärts zu Boden. Dann traktieren sie ihn mit Tritten gegen Kopf und Bauch. "Sie spielten Fußball mit meinem Kopf", erinnerte sich der Lehrer. Er erleidet einen dreifachen Schädelbruch.
Der Fall Hubert N. wurde sehr schnell zu einem Politikum. Bald ging es um "kriminelle Ausländer" und eine vermeintlich allzu lasche Justiz. Das Getöse der Parteien um den Vorfall hat es bald unmöglich gemacht, ihn als eine Episode zu sehen aus dem ganz normalen Alltag unserer Städte, die von ethnisch motiviertem Hass, Feigheit und Zivilcourage handelt. Wenn Roland Koch den Vorfall nicht für seine populistische Wahlkampagne zu vereinnahmen versucht hätte, fiele es leichter zu erkennen, dass das Schicksal des Hubert N. symptomatisch für unseren merkwürdigen Diskurs über "Zivilcourage" hierzulande ist.
Lassen wir die ganze hochideologische Debatte über den Fall beiseite: Auf dem Überwachungsvideo aus der U-Bahn-Station kann man deutlich erkennen, wie einer der beiden Täter Anlauf nimmt und mit voller Wucht gegen den Kopf des liegenden Sechsundsiebzigjährigen tritt. Die außergewöhnliche Aggressivität der beiden jungen Männer führte zu einer monatelangen, republikweiten Debatte. Einzelne Stimmen versuchten, die schockierende Inländerfeindlichkeit von Serkan A. und Spyridon L. als Kompensation eines Aufwachsens in ausländerfeindlicher Atmosphäre zu deuten – so etwa der Chef des Zeit-Feuilletons, Jens Jessen, der in einem Videoblog den versuchten Mord als ein fast schon verständliches Zurückschlagen der von deutschen Rentnern schikanierten Migranten hinstellte. Das war offenbar ein Versuch, die Koch-Kampagne gegen "junge kriminelle Ausländer" zu konterkarieren. Diese allerdings scheiterte ohnehin beim Publikum. Als herauskam, dass die hessischen Gerichte besonders lasch und langsam mit Jugendstrafverfahren umgehen, war Kochs Wiederwahl gefährdet.
Im Sommer 2008 wurden die beiden Täter wegen versuchten Mordes zu achteinhalb und zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Opfer hat das Urteil mit Genugtuung aufgenommen. Der Süddeutschen Zeitung gab er vor dem Prozess gegen die beiden Täter zu Protokoll, zwei Gedanken seien ihm durch den Kopf geschossen, als er auf dem Boden lag: "Die wollen mich totschlagen – warum eigentlich?" Und: "Was würde ein Held jetzt machen?" Gegenüber Spiegel Online erinnert Hubert N. sich, er habe, bereits am Boden liegend, ein Mädchen gesehen, das die Tat beobachtete: "Jetzt reden alle von Zivilcourage. Aber das bringt doch nichts."
Damit sind die Begriffe gefallen, um die es hier geht: Heldentum und Zivilcourage. Unsere öffentliche Auseinandersetzung mit dem Komplex Heldentum und Zivilcourage ist merkwürdig ambivalent. Es hat sich einerseits eine regelrechte Zivilcourageindustrie gebildet, die dem Bürger zuredet, bei Gewaltsituationen im öffentlichen Raum nicht wegzuschauen, sondern tapfer zu handeln. Wie ein Mantra wird von dieser Bewegung andererseits aber der Satz wiederholt, man solle dabei "bitte nicht den Helden spielen".
Die Bewegung für "mehr Zivilcourage" ist eng verbunden mit dem Kampf gegen den Rechtsradikalismus – mit Initiativen wie "Gesicht zeigen", "Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage" oder "Mut gegen rechts". Wenn diese Gruppen "Zivilcourage" sagen, meinen sie eigentlich den Kampf gegen aggressiv auftretende Neonazigruppen oder Schläger mit Insignien der rechtsradikalen Popkultur wie Bomberjacken, Skinhead-Haarschnitt und dergleichen. Mit diesen Worten zum Beispiel wird ein Handbuch für Zivilcourage angepriesen: "Was Sie tun können, wenn Sie selbst Zeuge oder Opfer rechter Gewalt werden, finden Sie in zahlreichen Verhaltenstipps für den Ernstfall – in der Kneipe, bei einer Schlägerei, im Bus oder in der Fußgängerzone. Trainings und Seminare werden vorgestellt und wo man diese Angebote buchen kann – ob Deeskalationstraining, Selbstbehauptungskurs oder Toleranztraining."
Wie selbstverständlich ist da von "rechter Gewalt" die Rede. Doch was dem Hubert N. widerfahren ist, passt nicht so recht in das Wahrnehmungsschema der Zivilcourageaktivisten. Die Täter, die ihren Hass an ihm auslebten, waren nichtdeutscher Herkunft. Ein Deutscher als Opfer von Rassismus – das ist natürlich verwirrend. Und so sind wohl die Versuche zu erklären, das Ereignis umzudeuten, bis es wieder ins vertraute Muster passt: Der auf einer rauchfreien U-Bahn insistierende Rentner sei eine unerträgliche Inkarnation des "deutschen Spießers", und die jungen Männer hätten wohl schon "unendliche Gängelungen" durch seinesgleichen zu erdulden gehabt, mutmaßte Jessen in seinem oben erwähnten Kommentar. Haben die beiden Täter also eigentlich nur zurückgeschlagen – Opfer endloser Schurigelei durch deutsche Rentner? Keine Umdeutung der Geschehnisse scheint offenbar zu absurd, will man das bekannte Täter-Opfer-Schema wiederherstellen.
Dabei hat Hubert N. getan, was die Propagandisten der Zivilcourage zu Recht fordern: den öffentlichen Raum nicht widerstandslos der Gewalt preiszugeben. Er hat sich der Einschüchterung nicht einfach ergeben, sondern auf ziviler Rücksichtnahme insistiert. Heldentum ist sicher ein zu großes Wort dafür. Aber hier hat sich jemand nicht weggeduckt und sich mindestens einen Kommentar über die raumgreifende Belästigung nicht verkniffen. Die meisten von uns werden in ähnlichen Situationen lieber klein beigeben – und damit Stück für Stück der angstfreien Öffentlichkeit aufgeben, ohne die es kein bürgerliches Leben geben kann.
Der Kampf um diese Sphäre ist unteilbar. Es ist zu kurz gegriffen, ihn als Widerstand gegen "rechte Gewalt" zu definieren. Der Kampf für das Recht, nicht zusammengeschlagen zu werden, weil man eine andere Meinung oder einen anderen Lebensstil hat oder einfach nur auf irgendeine signifikante Weise anders aussieht, wird in manchen ostdeutschen Städten in der Tat gegen den Pöbel geführt, der es auf dunkelhäutige Menschen und Asiaten abgesehen hat. In Berlin-Mitte wird er aber zum Beispiel auch gegen Homosexuellenfeinde ausgefochten, die schwulen Pärchen auflauern, um sie zu "klatschen". Die Berliner Polizei hat darum ein Beratungsteam speziell für Schwule eingerichtet, das über das richtige Verhalten bei homophober Aggression aufklärt. Es sind neben Rechtsradikalen zunehmend muslimische Jungs, von denen Schwule in der Öffentlichkeit das Schlimmste zu fürchten haben. Schwule werden aufgefordert, Gruppen von orientalisch aussehenden Jungs aus dem Weg zu gehen. Das mag klug sein, aber solche Ratschläge bedeuten letztlich, dass diese Gesellschaft ein weiteres Stück bürgerlicher Freiheit den Soziopathen opfert, denen niemand mehr entgegentritt.
Und wenn ein älterer Herr als "scheiß Deutscher" in einer Münchner U-Bahn fast totgeschlagen wird oder die letzten verbliebenen deutschstämmigen Schüler auf manchen Berliner Schulhöfen von türkischen und arabischen Mitschülern als "Weißbrote" und "Schweinefleischfresser" drangsaliert werden, ist das auch ein legitimes Betätigungsfeld für die allerorten eingeklagte Zivilcourage. Auch wer gegen solche Mobgesinnung aufbegehrt, riskiert viel, wie etwa die Recherchen der ZDF-Reporterin Güner Balci gezeigt haben. Sie hat zwei Schüler der Thomas-Morus- Oberschule in Berlin-Mitte beim Spießrutenlauf auf dem Schulhof begleitet, wo sie regelmäßig zur Zielscheibe des Deutschenhasses wurden. Sie sind die letzten Deutschstämmigen in ihrer Klasse. Wenn die beiden sich nicht damit begnügen wollen, in einer de facto segregierten Ecke des Pausenhofs unbehelligt zu bleiben, müssen sie dauernde Belästigungen, Demütigungen und Schläge über sich ergehen lassen. Die Lehrer haben sich offenbar damit abgefunden, dass es für die beiden Übriggebliebenen keine angstfreien Schultage mehr gibt.
Wahrscheinlich werden die Jungen mit ihren Familien eines Tages klein beigeben und wegziehen und damit die ethnische Segregation in der deutschen Hauptstadt weiter zementieren. Mut brauchte es hier vonseiten der Schulleitung, aber auch vonseiten der Migrantenkinder und ihrer Eltern, die den angstfreien öffentlichen Raum als hohes Gut zu schätzen wissen, und zwar nicht nur solange sie selbst die Minderheit unter Deutschen darstellen. Wenige können sich dazu durchringen, das raumgreifende, pöbelhafte Verhalten der türkischen und arabischen Jugendlichen zu kritisieren, die vielerorts, längst nicht nur in Berlin, die Mehrheit darstellen.
Warum aber rät die Polizei in all ihren Broschüren und Schulungsfibeln immer wieder davon ab, "den Helden zu spielen"? Es gibt einen pragmatischen Grund dafür: Es soll unvorsichtigem Verhalten vorgebeugt werden, das den Helfer schnell zum zweiten Opfer werden lassen kann. Aber irgendetwas ist an der geradezu rituell wiederholten Formel auch merkwürdig. Wenn die Tugend der Zivilcourage mit großem Publicityaufwand beworben werden muss, kann Heldenübermut ja eigentlich nicht das vordringliche Problem sein. Wenn große Kampagnen zur "Aktivierung des Helferverhaltens in der Bevölkerung" nötig sind, weil "eine Haltung des Wegschauens den idealen Nährboden für kriminelle Machenschaften bereitet" (so die "Initiative für mehr Zivilcourage" der Polizei), dann scheint wohl eher ein Mangel an Mut vorzuliegen. Die Polizei klagt, "Gaffer und Schaulustige, die Straftaten in der Öffentlichkeit als 'Unterhaltung' missverstehen", seien "gänzlich fehl am Platz". Schlimmer noch: Viele greifen offenbar nicht nur nicht ein, sondern wollen nach der Tat auch nicht als Zeugen zur Verfügung stehen. Es gelte aber, die "Förderung des sozialen Miteinanders" und die "Verantwortung für den Nächsten" ernst zu nehmen. "Kriminelle werden verunsichert", heißt es auf der Website der Kampagne, "wenn sie sich nicht mehr darauf verlassen können, durch die Passivität möglicher Zeugen Schutz vor dem Zugriff der Polizei zu finden."
Aber ist es vorstellbar, solche Passivität aufzubrechen ohne wenigstens Spurenelemente von Heldentum? Denn irgendjemand muss sich ja einen Ruck geben und nach vorne treten, um den Bann zu brechen. Irgendjemand, dem es nicht zu peinlich ist, "den Helden zu spielen". Das Problem des Zivilcouragediskurses ist aber, dass er eben jenes eingreifende Verhalten kleinredet, indem er reflexhaft das Heldentum problematisiert. Es ist ein Selbstwiderspruch, Courage fördern zu wollen und heroisches Handeln unter Verdacht zu stellen. Hubert N. hat sich nach Maßgabe der Ratgeber und Broschüren, mit denen die Bevölkerung hierzulande zum eingreifenden Verhalten erzogen werden soll, paradoxerweise schlicht falsch verhalten.
In den Arbeitsblättern der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema "Zivilcourage: Eingreifen statt Zuschauen?" werden so die Erwägungen beschrieben, die für das Einschreiten bestimmend seien: "Entscheidend für das Eingreifen oder Nicht-Eingreifen in einer Notsituation ist die Höhe der Kosten. Als solche Kosten kommen in Frage: erstens die Kosten der Hilfe, die sich auf die Gefahren und den Aufwand beziehen, die mit einem Eingreifen einhergehen können: z. B. die Gefahr der eigenen Verletzung, Zeitverlust, Blamage durch nicht sachgerechtes Handeln, aber auch Ärger mit Behörden oder Unannehmlichkeiten, die grundsätzlich jede Einmischung in die Angelegenheiten anderer Menschen einbringen kann; zweitens die Kosten der Nichthilfe wie z. B. Gewissensbisse, moralische Selbstvorwürfe oder eine Strafanzeige nach § 323c StGB (Unterlassene Hilfeleistung); damit ist gleichzeitig der Nutzen der Hilfe verbunden, der in der Vermeidung von Gewissensbissen, Selbstvorwürfen und einer eventuellen Strafanzeige besteht." Zivilcourage lässt sich aber nicht als Folge eines Kosten-Nutzen-Kalküls verstehen. Wer Situationen betrachtet, in denen sich zuerst Einzelne und dann in der Folge manchmal ganze Massen für das Handeln wider Macht und Gewalt entscheiden, merkt schnell, dass rationale Kostenabwägungen hier nicht sehr viel weiterhelfen.
Der Sommer nach den gefälschten Wahlen im Iran lieferte reichlich Anschauungsmaterial für solche Prozesse. Die Los Angeles Times berichtete unter anderem von einem dreiunddreißigjährigen Ingenieur namens Ali-Reza. Am Tag nach den Wahlen wurde er in Teheran zum Zeugen, wie Mitglieder der zur Aufstandsbekämpfung eingesetzten Bassidsch-Einheiten einen anderen Mann auf brutale Weise zusammenschlugen. "Schlagt ihn nicht", wandte er sich an die Prügelnden. Einige dieser Milizangehörigen in Zivil hörten tatsächlich auf, aber nur, um sich nun ihm zuzuwenden. Sie begannen, ihn mit Knüppeln, Kabeln und Fußtritten zu malträtieren. Er wurde in Haft genommen und noch tagelang weiter geschlagen. Als er sich beklagte, wurde ihm beschieden: "Du hast Mussawi gewählt, dich zu schlagen ist unser Recht. Wir können dich sogar umbringen." Bei den folgenden Verhören im Gefängnis wurden ihm Videoaufnahmen von Demonstrationen gezeigt, an denen er teilgenommen hatte. Nach zehn Tagen konnte seine Familie die Freilassung erreichen, allerdings gegen Hinterlegung der Hypothek des Familienhauses als Kaution. Die Los Angeles Times resümiert: "Die Tortur hat ihn wütender gemacht und seine Verachtung der iranischen Autoritäten bestärkt. Er erinnert sich, junge Männer blutend und verletzt am Boden liegend gesehen zu haben, und niemand kam ihnen zu Hilfe. 'Jetzt weiß ich, wen ich hasse', sagte er. 'Jetzt weiß ich, dass sie wie Tiere sind. Sie glauben an nichts. Sie schließen ihre Augen und schlagen auf dich ein, bis du tot bist.'"
Die deutschen Zivilcouragefibeln haben für Ali-Rezas Verhalten keinen Sinn. Es war ja absehbar, dass die berüchtigten Bassidsch-Milizen sich nicht von seinem Appell beeindrucken lassen würden. Mit seiner eigenen Misshandlung und Verhaftung hätte er nach den Erfahrungen mit früheren Aufständen im Iran rechnen müssen. Und doch nötigt uns seine unerschrockene Tat Respekt ab. Ali-Rezas Kosten-Nutzen-Kalkül scheint sich selbst durch die Misshandlungen nicht verändert zu haben: Er ist wütender und in seiner Verachtung der Autoritäten bestärkt durch die Behandlung, die man ihm angedeihen ließ.
Es ließen sich viele solcher Beispiele allein aus den sommerlichen Aufständen im Iran anführen: Es war bewegend, allabendlich die "Gott-ist-groß"-Rufe von den Dächern Teherans zu hören, wie sie durch YouTube dokumentiert wurden. Tausende Teheraner Bürger gingen noch Wochen nach den gefälschten Wahlen auf die Straßen und riefen "Tod dem Diktator", wohl wissend, dass sie nicht mehr auf einen Sieg der Bewegung rechnen konnten. Es schien ihnen längst mehr um ihre Würde zu gehen als um die Aussicht auf reale Veränderung. Die Bilder der vor laufender Handykamera verblutenden Studentin Neda Agha-Soltan wurden zum Symbol der Unbeugsamkeit einer Bewegung, die Gefahr nicht suchte, aber im Zweifelsfall auch nicht scheute.
Es sind die Bilder und Geschichten von solchem Widerstand, die dem Wort Zivilcourage einen Sinn geben. Das Bild der blutüberströmten Neda kann gefährlich werden für das herrschende Regime, wenn es einen Märtyrermythos begründet – zumal in einem schiitisch geprägten theokratischen Staat, der selber immer wieder das Märtyrertum funktionalisiert hat. Die Waffe des Märtyrertums, die von der Islamischen Republik Iran so erfolgreich im Krieg gegen den Erzfeind Irak eingesetzt wurde, kann sich in Krisenzeiten auch gegen das Regime selber richten.
Es ist nicht schwer zu verstehen, warum der deutsche Zivilcouragediskurs nicht ohne Denunziation des Heldentums auskommt. Die Kritik am Heldentum versteht sich als Teil der geschichtspolitischen Aufarbeitung. Wenn Zivilcourage als Alternative zum Heldentum präsentiert wird, geht es darum, Unangepasstheit gleichsam zu demokratisieren und zu vergesellschaften. Nicht auf den Einzelnen, sein Pathos und moralisches Virtuosentum soll es ankommen. Um missbrauchsanfällige Heldenideale gar nicht erst aufkommen zu lassen, soll es unter dem Schlagwort Zivilcourage auch zu ermäßigten Kosten möglich sein, Mut zu zeigen, ohne Konfrontation und ohne Selbstgefährdung. Zivilcourage wird daher in Deutschland nicht einfach nur als Bürgermut, sondern immer auch als Gegenkonzept zum verdächtigen Kriegerethos früherer Zeiten verstanden.
Ob sich Zivilcourage aber verlustfrei entheroisieren lässt? Typischerweise bestreiten die Helden selber das Heroische ihrer Haltung: "Ich habe bloß meinen Job getan." Oder sie behaupten, sie seien "nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen" und so zum Handeln gezwungen worden: "Jeder hätte sich so verhalten." Ganz offenbar ist das aber nicht wahr. Es bleibt ein Geheimnis um das Nichtmitmachen, das oft auch von den Handelnden selber nicht durchschaut werden kann. Ohne das Pathos des Eigensinns kann der Schritt aus der Reihe nicht gelingen.
Ich will an drei Beispielen zeigen, dass die Rede von der Zivilcourage hohl bleibt, wenn sie nicht die radikalen Querköpfe im Blick hat, die sich nicht zu schade sind, "den Helden zu spielen". Denn ohne die Bockigkeit der Schweißerin und Kranführerin Anna Walentynowicz wäre der Kommunismus in Polen womöglich bedeutend später zusammengebrochen. Ohne die Bereitschaft von John Lewis, immer wieder Schläge einzustecken, wäre Barack Obama heute vielleicht nicht Präsident der Vereinigten Staaten. Und auch die Blogeinträge des ägyptischen Studenten Karim Amer wird man vielleicht eines Tages als Vorboten eines Wandels sehen können.
Anna Walentynowicz war als Arbeiterin auf der Danziger Leninwerft die meiste Zeit ein Problem für die Behörden. Sie wird für ihre gewissenhaften Schweißarbeiten ausgezeichnet, aber sie will sich nicht damit abfinden, dass Männer bei Planübererfüllung besser bezahlt werden als Frauen. Weil sie sich darüber beklagt, wird sie 1953 zum ersten Mal verhaftet und acht Stunden lang verhört. Sie kann trotzdem Kranführerin werden, gerät aber wieder mit der Leitung aneinander, weil sie sich über die Veruntreuung von Geldern durch ein Mitglied der Werftleitung beschwert. Die sechziger und siebziger Jahre hindurch ist sie in einer verbotenen Arbeitergruppe aktiv und unterstützt die Streikbewegung, die 1970 in einem wahren Massaker niederkartätscht wird, bei dem neunundvierzig Menschen sterben. Ende 1978 ist sie an der Gründung einer freien Gewerkschaft beteiligt. Und 1980 wird ihr Fall dann zum Auslöser der Streiks an der Leninwerft, die den Anfang vom Ende des polnischen Sozialismus einläuten. Walentynowicz wird wegen ihres fortgesetzten Eintretens für bessere Arbeitsbedingungen fünf Monate vor Erreichen des Rentenalters entlassen. Vor einem Gericht setzt sie zwar durch, dass diese Kündigung unrechtmäßig sei, die Werftleitung stellt sie aber dennoch nicht wieder ein. Diese Ungerechtigkeit führt zu dem Streik auf der Leninwerft, der Lech Walesa auf die Bühne der Weltpolitik katapultiert. Die Arbeiter können ihre Forderungen durchsetzen, die Solidarnosc wird gegründet, der Rest ist Geschichte.
Woher nahm das katholische Bauernmädchen Anna Walentynowicz – gebürtig aus der heutigen Ukraine, Kriegswaise, Vertriebene und alleinerziehende Mutter – die Courage, sich dem allmächtigen System entgegenzustellen? Schwer zu sagen, doch wie sie den zeitweilig über hundert Stasiagenten getrotzt hat, die auf sie angesetzt waren, selbst noch in der Haft, ist zweifellos heldenhaft zu nennen. Die Entwicklung der Solidarnosc verlief dann zwar weitgehend ohne sie. Die Kompromisslosigkeit, die sie für den Widerstand prädestinierte, disqualifizierte sie zugleich für die Politik. Doch ohne ihre Störrischkeit hätten andere nicht die Gelegenheit bekommen, den Kommunisten am Runden Tisch die Freiheit abzuverhandeln.
Der Kongressabgeordnete John Lewis steht für einen der seltenen Fälle, in denen der Übergang vom zivilen Widerstand zur etablierten Politik gelungen ist. Lewis war in den sechziger Jahren der junge Mann der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Er war an der Planung des legendären "Marsches auf Washington" vom 28. August 1963 beteiligt, und er hat dort neben King die Rede mit der größten Resonanz gehalten – und dabei war er erst dreiundzwanzig Jahre alt. Die Schlüsselworte der Rede lauten: "Denen, die uns gesagt haben 'Seid geduldig und wartet', müssen wir sagen, dass Geduld ein schmutziges und hässliches Wort ist. Wir können keine Geduld haben, und wir wollen nicht Schritt für Schritt frei werden. Wir wollen unsere Freiheit, und wir wollen sie jetzt."
Die Insistenz auf dem Hier und Jetzt hob Lewis heraus und machte ihn zum Helden der jungen Schwarzen in den USA. Er war als Kind von Erntearbeitern in Alabama aufgewachsen und hatte Theologie studiert. Martin Luther Kings Radioansprachen inspirierten ihn, sich der Bürgerrechtsbewegung im Süden anzuschließen. Als Student begann er, Sit-Ins zu organisieren, um gegen segregierte Restaurants in Nashville zu protestieren. Lewis gehörte zu den Freedom Riders, die gegen die Rassentrennung in den Bussen aufbegehrten. 1961 wurde er von einem rassistischen Mob zusammengeschlagen, weil er seinen Sitzplatz nicht einem Weißen abtreten wollte.
Am 7. März 1965 führte er den berühmten Marsch sechshundert friedlich protestierender Bürger von Selma, Alabama, an, bei dem es um das Wahlrecht der Schwarzen im Staate ging. Beim Versuch, eine Brücke zu überqueren, wurden die Demonstranten brutal zusammengeknüppelt. Der vorneweg marschierende Lewis erlitt gefährliche Schädelverletzungen. Die Ereignisse wurden als "Bloody Sunday" bekannt. Die Bilder der Gewaltorgie wurden zum Fanal für die Bürgerrechtsbewegung. Präsident Johnson beschleunigte danach die Verabschiedung des Voting Rights Act, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Die Demonstranten hatten freilich gewusst, welche Be handlung sie durch die State Trooper erwartete. Sie marschierten dennoch singend auf die schwerbewaffneten Polizisten zu. Sie hatten also die Gefahr in Kauf genommen. Dennoch würde man ihnen wohl kaum vorhalten wollen, den Helden gespielt zu haben. Es war eine Frage der Selbstachtung, der Gewalt nicht zu weichen.
Mehr als vierzig Mal wurde Lewis in der heißen Phase der Bürgerrechtsbewegung verhaftet. Er ist so schwer am Kopf verletzt worden, dass man noch heute die Narben sieht. Bei einem Vortrag im letzten Herbst, kurz nach Obamas Wahl, sagte Lewis: "Dieselben Hände, die einst im Süden Baumwolle pflückten, haben jetzt Barack Obama zum Präsidenten gewählt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich den Tag erleben würde, an dem dieses Land die Bürde des Rassismus niederlegt, hätte ich ihm nicht geglaubt." Fünfundvierzig Jahre nach dem Marsch von Selma war John Lewis als wichtigster Zeitzeuge der Bürgerrechtsbewegung bei der Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten der USA zugegen. Barack Obama übergab ihm danach ein Foto mit der Widmung: "Because of you, John".
Karim Amer heißt eigentlich Abdul Karim Nabil Suleiman. Der heute fünfundzwanzigjährige Student der Rechtswissenschaften hatte sich geweigert, einige Blogeinträge zurückzunehmen, die sich radikal kritisch mit seiner Universität, mit dem Islam und mit dem ägyptischen Regime auseinandersetzen. Als Student der Kairoer Al-Azhar-Universität, der höchsten theologischen Autorität des sunnitischen Islam, hatte Suleiman sich immer weiter vom konservativen Mainstream entfernt. Er hatte angefangen, sich für die Rechte der Frauen zu engagieren. Die Apartheid der Geschlechter in der Welt des Islam begann ihn zu empören, ebenso die Verschränkung der religiösen Autoritäten mit dem Geheimdienstregime Mubaraks.
Zu den scharfen Worten, die ihn ins Gefängnis bringen sollten, wurde er allerdings durch ein Ereignis inspiriert, dessen Augenzeuge er wurde. Am Freitag, dem 21. Oktober 2005, hatte sich in Alexandria ein Mob von mehreren tausend Menschen versammelt, um gegen ein Theaterstück zu protestieren, das in einer koptisch-orthodoxen Kirchengemeinde aufgeführt worden war. Die Menge war aufgepeitscht durch die Berichterstattung einiger Boulevardzeitungen, die dem Stück die Verächtlichmachung des Islam unterstellten. Es handelte sich um eine gezielte Hasskampagne gegen die ägyptischen Christen: Das Stück war in Wahrheit bereits zwei Jahre zuvor gespielt worden und hatte eine Kritik jedes religiösen Extremismus zum Inhalt. Dies alles interessierte die Menge aber nicht, die plündernd und prügelnd durch das Viertel zog. Drei Menschen starben bei den Unruhen.
Suleiman war schockiert von diesem Gewaltexzess und reagierte in seinem Blog mit einem wütenden Angriff auf die Religion, auf die sich der Mob berufen hatte: "Die Muslime", schrieb er, der selber Muslim ist, "haben die Masken fallenlassen und ihr wahres, hasserfülltes Gesicht gezeigt. Sie haben der Welt gezeigt, dass sie auf der Höhe ihrer Brutalität und Inhumanität sind [...] Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie diese Lumpen in die Geschäfte unserer christlichen Brüder einbrachen, nachdem die gesamte Gegend von Muharram Bey außer Kontrolle der Polizei war. Ich habe gesehen, wie sie die Läden plünderten und dabei extremistische islamische Slogans riefen. Ich habe gesehen, wie sie das Geld aus den Kassen nahmen und unter sich aufteilten, als würde es ihnen rechtmäßig zustehen, von den 'Ungläubigen' und den 'Kreuzesverehrern' zu nehmen." Suleiman rief dazu auf, nicht bloß die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sondern "zuerst die schmutzigen Lehren vor Gericht zu stellen, die sie veranlassten, plündernd und zerstörend durch die Straßen zu ziehen".
Das war genug, um die Scheichs der Azhar zu seiner Zwangsexmatrikulation zu bewegen. Doch Suleiman ließ sich dadurch nicht einschüchtern. Im Herbst 2006 schrieb er: "Ich habe überhaupt keine Angst. Die Tatsache, dass die Gegner des freien Denkens glauben, solche Methoden gegen mich anwenden zu müssen – wie es nur die intellektuell Bankrotten tun , macht mich selbstsicherer, standfester in meinen Prinzipien und bereit, alles zu ertragen für das Privileg, meine Meinung sagen zu können." Es ist anrührend zu lesen, mit welch jugendlichem Enthusiasmus Suleiman sein Freidenkertum ausbuchstabiert – in zunehmend radikalen Blogtexten, die gegen eine Atmosphäre der Intoleranz und Unfreiheit aufbegehren. Woher bloß, fragt man sich, nimmt er die innere Freiheit dazu? Viele Kommilitonen wenden sich von ihm ab. Sein Vater distanziert sich. Hier steht ein einzelner junger Mann gegen ein ganzes System von Autoritäten, die sich wechselseitig tragen und sich verschworen haben, ihn niederzuhalten: Familie, Moschee, Universität und Geheimdienst. Am Montag, dem 11. September 2006, schreibt er in seinem Blog: "Die Grundfunktion des Gesetzes besteht darin, die Beziehungen der Individuen in einer Gesellschaft zu organisieren und ihre Freiheiten davor zu schützen, entwertet oder ausgebeutet zu werden."
Dieses Bekenntnis zum liberalen Rechtsstaat, nicht zufällig am Jahrestag der Terroranschläge, war eine Provokation zu viel für den ägyptischen Staat und für die Autoritäten der Azhar-Universität. Suleiman wurde vor Gericht gestellt wegen "Schürens gesellschaftlicher Unruhe und Diffamierung des Islam" sowie "Gefährdung der öffentlichen Sicherheit" und "Beleidigung des Präsidenten". Der Staatsanwalt im Gericht von Alexandria fragt Suleiman, was er damit meine, dass "Hosni Mubarak der Kalif sei, Gottes Stellvertreter im Lande Ägypten, Unterdrücker der Menschen und Symbol der Tyrannei". Der Angeklagte antwortet: "Das ist meine Überzeugung. Ich habe das sarkastisch gemeint. Ich sehe ihn als Tyrannen." Das Urteil am 22. Januar 2007 lautete auf vier Jahre Haft: drei für die "Missachtung der Religion", ein Jahr für die "Diffamierung des Präsidenten". Sein Vater ließ die Medien wissen, er hätte die Todesstrafe für angemessen gehalten.
Schwer zu ermessen, wie einsam ein solcher Mensch sein muss: Sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen ist unter diesen Umständen etwas Heroisches. Undenkbar ist es immerhin nicht, dass man in dem unbeugsamen Eigensinn von Karim Amer eines Tages den Anfang vom Ende der Mubarak-Tyrannei sehen wird.
Published 2009-09-22
Original in German
First published in Merkur 9-10/2009
Contributed by Merkur
© Jörg Lau/Merkur
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