Editorial
Was 1968 in den Köpfen einer unruhig gewordenen literarischen Intelligenzija rumorte und letztlich im September 1969 auch zur Gründung des Wespennest führte, war der drängende Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung. Den Unterbau lieferten marxistische Theoreme, die Praxis drängte nach selbstbestimmten Produktions- und Lebensformen. Auf Basis größtmöglicher Autonomie wurde die Literatur dem Postulat der Gesellschaftskritik unterstellt, das im Untertitel den hier veröffentlichten Texten und Bildern zugeordnete Kriterium der "Brauchbarkeit" verkündet diesen Anspruch bis heute.
"Fortschrittliche Literatur" hatte in den Siebzigerjahren des nun mit der Distanzformel der Läuterung versehenen "vorigen Jahrhunderts" einen klaren Klassenstandpunkt auszuweisen. Je dogmatischer die Definition desselben, umso rigider die Wort führende Fraktion. Die Dialektik von Fortschritt und Weggang wurde erst intensiver thematisiert, als der Hegemonieanspruch manch eigener Position durch die Implosion des Sowjetkommunismus in Frage gestellt war und die Glaubenslinie entlang der revolutionären Eckdaten 1789-1848-1917-1968 verstärkt wieder auch ins Visier der Selbstkritik geriet. So mancher Diskursmandarin konvertierte in der Folge zu kurz davor noch als "reaktionär" definierten Positionen, ohne dabei dem früher gegenüber Andersdenkenden so gerne angewandten Renegatenvorwurf noch ausgesetzt zu sein.
Das mit historischer Euphorie aufgeladene Jahr 1989, in den Neunzigerjahren gerne als Beleg für die postmoderne These vom Ende der Geschichte interpretiert, erscheint uns im Zeitabstand zweier Jahrzehnte in mancherlei Hinsicht als dilemmatisch, weshalb wir für den Schwerpunkt dieses Heftes neun Autorinnen und Autoren zu Rückschau und Analyse eingeladen haben. Daniela Dahn schreibt über das Dilemma deutscher Vergangenheit, die durch die Gegenwartsdimension medial etablierter Geschichtsbilder wegretuschiert wird. Ihr Beitrag ist unter anderem ein Einspruch gegen die sich etablierende These der zwei deutschen Diktaturen, die das nationalsozialistische Deutschland mit der DDR in Gleichsetzung bringen will. Wolfgang Müller-Funk decouvriert die mit der Formel vom grenzenlosen Raum verbundenen Stereotypen und stellt die fortdauernde Krise der Linken in einen Zusammenhang mit dem Jahr 1989. Martin Simecka, in den letzten Jahren der Tschechoslowakei einer jungen Dissidentengeneration angehörend, danach führender Publizist sowohl in der Slowakei als auch in Tschechien, artikuliert eine grundsätzliche Skepsis in die Möglichkeiten einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte, solange deren Interpreten immer noch von eigenen Erfahrungen mit dem Kommunismus geprägt sind. Slavenka Drakulic analysiert in ihrer Politfabel den aktuellen Zustand Rumäniens aus der Perspektive eines Bukarester Hundes, der die neuen Machthaber nicht mehr mittels Furcht, sondern durch Gier herrschen sieht und Mensch und Hund als Opfer sowohl des Kommunismus wie auch des Kapitalismus definiert. Mit einem der gravierenden Probleme nicht nur der früheren kommunistischen Länder, dem Aufkommen neuer Nationalismen, setzt sich Penka Angelova auseinander und stellt dabei unter anderem auch fest, dass die Gleichsetzung von Demokraten und Faschisten als zu rehabilitierende Opfer Teil eines stalinistischen Erbes ist. Im Gespräch mit dem litauischen Dichter Tomas Venclova über ideologisch infizierte Literatur und im ersten Text Lew Rubinsteins wird die Atmosphäre der Jahre vor 1989 vielleicht am stärksten spürbar, wobei sich insbesondere Rubinstein keinerlei Illusionen auch über die Zeit nach dem Fall der kommunistischen Systeme hingibt. Martin Halas großer Essay analysiert China zwanzig Jahre nach Tiananmen nicht nur – Stichwort Chimerika – als geopolitisch eng mit den USA verflochten, sondern beschäftigt sich auch mit Ähnlichkeiten zur osteuropäischen Situation vor 1989. Georgi Gospodinovs Bemerkung, dass es wohl der unausweichliche Lauf der Geschichte sei, dass sich Symbole irgendwann in Souvenirs verwandeln, können wir mit dem Fotofundstück auf der gegenüberliegenden Seite zumindest für die großen ideologischen Gegenspieler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts belegen.
Von der Gründung im Geist der Revolte, von den damaligen Akteuren heute gerne mythologisiert, über die sukzessive Neuausrichtung Ende der Achtzigerjahre bis zum vierzigsten Geburtstag: die Jahreszahlen 1969, 1989 und 2009 markieren auch Eckdaten in der Geschichte dieser Zeitschrift. Die Herbstschwerpunkte unseres Jubiläumsjahrganges, Dilemma 89 und, im nächsten Heft, Alt sein, implizieren daher auch einen reflektierenden Rückblick auf verschiedene in Wespennest über die Jahre vertretene Positionen.
Walter Famler
Published 2009-08-25
Original in German
© Wespennest












