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Neurokapitalismus


Die Phänomenologie des Geistes tritt indigniert zur Seite. Ein Dutzend Bindestrichwissenschaften wie Neuro-Anthropologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Theologie, Neuro-Ästhetik und Neuro-Ökonomie betreten die Bühne. Ihr selbstbewusster Auftritt verrät die usurpatorische Neigung der Neurowissenschaften, nicht nur eine naturwissenschaftliche Geisteswissenschaft, sondern auch die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts zu werden. Grundlage, Impetus und Versprechen dieses Anspruchs ist ihre Maxime, dass alles menschliche Verhalten durch die Gesetzmäßigkeiten der Aktivitäten von Nervenzellen und der Art, wie sie im Gehirn organisiert sind, bestimmt ist.

Auch wenn man die universelle Gültigkeit dieser Maxime bestreitet, kann mit gutem Grund postuliert werden, dass es einen neuen, einen Neurokapitalismus gibt – oder dass ein solcher im Entstehen begriffen ist. Schließlich hat sich die kapitalistische Wirtschaftsform als Grundlage moderner liberaler Gesellschaften nicht nur als besonders wandlungsfähig und krisenbeständig erwiesen, sie hat auch in jeder Phase ihrer Vorherrschaft Wissenschaften und Techniken hervorgebracht, um die selbstgenerierten "Betriebsstörungen" der sie konstituierenden Subjekte zu analysieren, zu mildern und, auch das einer der kapitalistischen Algorithmen, um sie in den unweigerlich wirksamen Kreislauf von Angebot und Nachfrage einzubinden.

Und so wie die Globalisierung eine bereits von Karl Marx und Friedrich Engels vorhergesehene Konsequenz der Optimierung der Produktionsmittel und Kommunikationswege darstellt, war das Hirn, die Kommandozentrale des modernen Menschen, ein immer begehrtes und nun endlich greifbares Ziel der mit dem Kapitalismus verbundenen Humanwissenschaften. Es mutet die Beobachter geradezu gespenstisch an, wie nah der schmale Weg zur Erkenntnisherrschaft über das Hirn an der breiten Autobahn verläuft, über die das Kapital seit mehr als hundertfünfzig Jahren rauscht. Das Verhältnis bleibt dynamisch, sind doch der Kapitalismus und die Neurowissenschaft nicht über ein stringentes Regulativ, sondern über das komplexe Syndrom systemischer Mängel miteinander verbunden.

So war der repressive Kapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit seinen ausbeuterischen Verboten, Geboten und Ungerechtigkeiten ein Nährboden für die im angehenden 20. Jahrhundert von den Forschern als seelische Volksseuche diagnostizierte Neurose. Diese geheimnisvolle Geißel der Bourgeoisie (einer Klasse, die dem Kommunistischen Manifest zufolge "durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation" reißt) brachte das stumme Aufbäumen des geschundenen Kreatürlichen zum Ausdruck; jenes Teils also der menschlichen Konstitution, der sich als eine "barbarische Nation" im Inneren des Menschen der gewaltsamen Modernisierung und Zivilisierung ebenso trotzig wie vergeblich widersetzte.

Es könnte in diesem Zusammenhang verwegen klingen, den Psychoanalyse-Erfinder Sigmund Freud als den ersten neurokapitalistischen Praktiker und Denker anzuführen. Doch Freud war, was gerne vergessen wird, von Haus aus Neuroanatom und Neurologe, also in seinem Selbstverständnis Neurowissenschaftler. Er war sich der Begrenztheit des zum Ende des 19. Jahrhunderts zur Verfügung stehenden Methodeninventars der Hirnforschung mehr als andere bewusst. Freud beschrieb die Neurose als eine erworbene Pathologie des Neuronalen. Da für deren Verortung und Behandlung jedoch noch keine Methode bekannt sein konnte, erfand er ein Vehikel, um trotzdem an das rätselhaft Krankmachende sowohl forschend wie auch heilend heranzukommen: die auf Kommunikation basierende Psychoanalyse. Psychologien dienten fortan den Erfordernissen einer sich stetig wandelnden kapitalistischen Lebenswirklichkeit. Ihr kommunikationsbezogener Grundansatz durchdrang intime, private, wirtschaftliche und kulturelle Sphären sozialer Interaktionen und erschuf neue Märkte: einen Reparaturmarkt für seelisch Kranke und einen Coachingmarkt für Optimierer kapitalistischer Produktion und Reproduktion.

Der libertäre Wohlstandskapitalismus löste den im 19. Jahrhundert geprägten repressiven Kapitalismus ab. Gefügigkeit, Disziplin und Schuld wichen einem neuen Imperativ der Selbstverwirklichung. Das psychische Idealbild eines erfolgreichen Individuums zeichnete sich von nun an durch eine dynamisch erneuerbare Expansionsbereitschaft aus, was wiederum das Bedürfnis nach einem jederzeit aktivierbaren und frustrationsresistenten Selbstantrieb des Subjekts mit sich brachte. Nicht das ganze Potential seiner Möglichkeiten ausschöpfen zu können hieß in dieser Konstellation scheitern. Mit dieser Entwicklung hat sich der Charakter der seelischen Volkskrankheiten diametral verändert. Die Neurose, ein aus Schuld, Ohnmacht und versagender Disziplin geborenes Leiden, verlor an Bedeutung. Das an der Selbstverwirklichung scheiternde Selbst schob sich in den Vordergrund: Es begann der Siegeszug der Depression, den Alain Ehrenberg in Das erschöpfte Selbst beschrieben hat.

Die Depression aber war die erste seelische Volkskrankheit, gegen die die moderne Neurowissenschaft prompt ein Mittel gefunden hatte. Depression und Angst wurden jetzt im synaptischen Spalt zwischen Neuronen verortet und genau dort behandelt. Eine Schnittstelle war nunmehr ausgemacht, die unmittelbar und präreflexiv das Leiden am Selbst und der Welt zumindest zu lindern imstande war, wo zuvor nur reflexive Psychotherapie agierte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gesellte sich zum ungleichen Paar Kapitalismus / Neurowissenschaft ein dritter Partner: die aufblühende pharmazeutische Industrie. Waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Versuche einer Linderung seelischer Leiden durch sedierende Barbiturate, Elektroschocktherapie und Psychochirurgie geprägt, zeichnete sich schon in den dreißiger Jahren der auch von Freud prognostizierte Siegeszug der Neuropsychopharmakologie ab.

Kann es ein Paradox sein oder gehört es zu jenen Selbstverständlichkeiten, die aus allzu offensichtlichen Gründen lange verborgen bleiben, dass der Erfolg von Freuds Psychoanalyse und der der heutigen Neurowissenschaften auf ähnlichen Prämissen basieren? Der Erfolg der Psychoanalyse gründete darauf, dass medizinisch relevante Psychiatrie und Psychologie mit Kunst, Kultur, Pädagogik, Wirtschaft und Politik verwoben wurden und so wesentliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrangen. Die Neurowissenschaften scheinen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zumindest den Anspruch zu erheben, eine vergleichbare Rolle künftighin einnehmen zu können.

Unübersehbar ist, dass die Neurowissenschaften durch ihre methodologische Verankerung in den Naturwissenschaften und ihre ethische Legitimierung als Medizin ähnlich privilegiert erscheinen, wie es die Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts war. Doch die Neurowissenschaften sind dank staatlicher Förderung und vor allem wegen der privaten Investitionen aus der pharmazeutischen Industrie auch noch finanziell hervorragend ausgestattet. Gründe für diese exponierte Stellung liegen einerseits in Zahl und Bedeutung der für ein breites Publikum nachvollziehbaren Probleme, die sie zu lösen versuchen, und anderer seits in den respektablen Profiten, die mit ihren Erkenntnissen zu erwirtschaften sind; ökonomische und epistemische Triebkräfte also, die den heutigen kapitalistischen Verhältnissen entspringen und die morgigen, unter welchen Vorzeichen auch immer, prägen werden.

In Deutschland, den Vereinigten Staaten und zahlreichen westeuropäischen Ländern sind es heute nicht Schmerz- und Herz-Kreislauf-Medikamente, die die höchsten Arzneimittelkosten verursachen, sondern Neuropsychopharmaka. Der riesige Markt für diese Medikamentengruppe wird mit der weiter steigenden Lebenserwartung beschleunigt wachsen, da das Alter der größte Risikofaktor für neurologische und psychiatrische Erkrankungen ist. Weltweit forschen Armeen von Neurowissenschaftlern in universitären, häufig von der Industrie geförderten Projekten, aber vor allem in Forschungseinrichtungen der Industrie, um wirksamere und renditeträchtigere Wirkstoffe auf den Markt zu bringen. Kapital ist der Motor des enormen Fortschritts der Neurowissenschaften, der Markt indessen scheint die Potentiale dieser Entwicklung ebenso zu entfesseln wie zu beschränken.

Aufgrund strenger Ethikkonventionen in den USA und der Europäischen Union, den heute profitabelsten Märkten für Neuropsychopharmaka, ist die staatliche wie auch die industrielle Forschung streng auf Prävention und Therapie von Krankheiten ausgerichtet. Öffentlich bekunden darum auch nur wenige Pharmafirmen ein Interesse an der Entwicklung und Beforschung von Substanzen, die kognitive Leistungen oder das psychische Wohlbefinden von Gesunden steigern: Man nennt sie Neuroenhancer. Der Grund ist einfach: Es existiert kein legaler Markt dafür. In den USA beispielsweise steht ihr Einsatz in Prüfungen unter Strafe. Im Widerspruch zu diesem Umstand liegen die Umsatzzahlen einiger Neuropsychopharmaka deutlich höher, als es die Häufigkeit der Erkrankungen, für die sie indiziert sind, erwarten ließe. Dieses scheinbare Paradox betrifft vor allem Neuropsychopharmaka, die Merkmale von Neuroenhancern aufweisen. Eine naheliegende Schlussfolgerung ist daher: Forschung zum Neuroenhancement findet millionenfach im Selbstversuch statt, auch in Universitäten, doch weniger in ihren Labors.

Die zehn in den USA meistverkauften psychotropen Substanzen – zu ihnen gehören Antidepressiva, Neuroleptika, Stimulantien und Antidementiva – wurden im Jahr 2007 über hundert Millionen Mal rezeptiert bei einem Umsatz von mehr als 16 Milliarden Dollar. Diese Zahlen illustrieren: Angebot und subjektive Bedürftigkeit erzeugen in einem zwar regulierten, aber schwer zu kontrollierenden Umfeld einen Markt, der Milliarden umsetzt und dort expandieren wird, wo sich das post-postmoderne Selbst in der Leistungsgesellschaft defizitär erlebt, also in Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft und im Alter. Zu den umsatzstärksten Neuropsychopharmaka gehören solche, die das emotionale Erleben modulieren oder die Aufmerksamkeit und Konzentration verbessern, und zwar weitgehend unabhängig davon, ob eine klinische Störung dieser Funktionen vorliegt.

Um das Glück als Ziel des guten Lebens zu erreichen, empfahl Aristoteles die Einübung von Verstandes- und Charaktertugenden. Auch einige Neuropsychopharmaka zielen auf diese beiden zentralen Tugenden. Allgemein beschreiben Verstandestugenden instrumentelle Eigenschaften wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Die Ausstattung mit diesen Eigenschaften, ob nun angeboren oder erworben, ist individuell und damit ungleich. Nach der Adoleszenz beginnt ihre Effizienz graduell nachzulassen. Ungleichheit und drohender Verlust sind starke Handlungsmotive. Folgt man der aktuellen Diskussion zur Ethik des Neuroenhancements, dann scheint unter Einhaltung allgemeiner medizinethischer Grundsätze – der Selbstbestimmung, der Nichtschädigung und des Nutzens – eine Ächtung des pharmakologischen Eingriffs in instrumentelle Ei genschaften des Hirns nicht mit einem liberalen Demokratieverständnis vereinbar zu sein.

Die Dämme sind längst an vielen Stellen brüchig geworden. Jetlag-freier Kurzurlaub auf Bali, Berufstätigkeit in globalen Konzernen mit einem vierundzwanzigstündigen Informationsfluss via Zentralen in Tokyo, Brüssel und San Francisco, Prüfungen und Assessments, ärztliche Notdienste etc.: All dies sind Situationen, in denen schon heute eine von Laien praktizierte chemische Beeinflussung der Aufmerksamkeitszustände keine Ausnahme mehr ist. Die Beschleunigungstechnologien der Globalisierung wie Internet, Handy, Flugzeug prägen die Lebenswirklichkeit einer schon heute großen Zahl von Menschen und greifen in ihre biologischen und kulturell vermittelten Zyklen von Aktivität und Erholung ein.

Das von Marx und Engels bereits zu Grabe getragene kapitalistische System scheint am Anfang des 21. Jahrhunderts mit dem Eintritt in die Globalisierungsphase immer noch nicht am Ende, sondern an einem neuen Anfang seiner Entwicklung zu stehen. Nach dem Paradox der libertären Phase, in der der vom Kommunismus postulierte (und nie verwirklichte) demokratisch untermauerte Wohlstand breiter Massen unter kapitalistischer Schirmherrschaft zumindest eine Zeitlang und in einem Teil der Welt möglich war, scheint nun der globale Kapitalismus einen anderen Mythos aus der Asservatenkammer der kommunistischen Träume für sich zu vereinnahmen und auch prompt verwirklichen zu wollen: den eines neuen, besseren Menschen.

Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Überinanspruchnahme von materiellen und insbesondere human-geistigen Ressourcen den globalisierten Kapitalismus charakterisieren wird. Auch in der häufig verwendeten Floskel Informationsgesellschaft scheint dieser Trend bereits auf. Denn die Information kann letztlich nur dann ihren Warencharakter entfalten, wenn sie menschliches Verhalten verändert. Dies wiederum kann sie nur, wenn sie Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung erfährt. Nicht zufällig stehen Gefühle und die ihnen zugrundeliegende Aufmerksamkeit im Zentrum von zwei neueren Kapitalismustheorien, Eva Illouz' Gefühle in Zeiten des Kapitalismus und Georg Francks Mentaler Kapitalismus. Der mentale Kapitalismus ist eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, deren Kontrolle (Erzeugung, Verdichtung, Verknappung) über Massenmedien geschieht. Nur dank ihrer Bündelung in den dafür bereitgestellten Kanälen kann diese flüchtige Ressource als Ware vermarktet werden.

Die Arbeiten zum emotionalen Kapitalismus beschreiben dagegen die Verwertungsbedingungen, Bedeutungsverschiebungen und die Pathologie der Emotionen in modernen marktkapitalistischen Verhältnissen. Emotionen sind wiederum soziale Aufmerksamkeitssignale, die nach innen und außen gerichtet sind. Ihre Bedeutung vergrößerte sich dadurch, dass Konventionen als Handlungsanweisungen des sozialen Umgangs heute eine viel geringere Gültigkeit haben als vor fünfzig Jahren. Das führt zu Unberechenbarkeit, die sich als soziale Angst manifestiert. Das Wissen über Emotionen – aber insbesondere jenes, das die Neurowissenschaften zu generieren vermögen – ist seiner Natur nach ein herstellendes und nicht nur verstehendes, es impliziert die Möglichkeit der Anwendbarkeit.

Während die Beeinflussbarkeit auf der genetischen Ebene vermutlich heute noch in weiter Ferne liegt, ist die Möglichkeit einer temporären Einflussnahme auf neurochemischer Ebene in verschiedenen Lebensbereichen Realität geworden. Das Wissen um die Möglichkeit, die eigene emotionale und aufmerksamkeitsökonomische "Fitness" chemisch zu verbessern, hat das öffentliche Bewusstsein längst erreicht. Teenager wissen heute, was Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung sind und wie sie behandelt werden. Sie konzeptualisieren Bewegungsunruhe, Unkonzentriertheit als neurochemische Symptome, die mit Hilfe von Stimulanzien zu bezähmen sie mehr als bereit sind.

Ihre häufig bipolar affektive Aufmerksamkeitsstörung umschreibt vermutlich die Kernsymptome der seelischen Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts. So wie die Repression in vergangenen Jahrhunderten das stumm-dramatische Panoptikum der neurotischen Symptome hervorbrachte, so wie das scheinbar unbegrenzte Überangebot der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem wunschlosen Unglück der Depression einen geeigneten Nährboden bot, so könnte die Erhebung der berechnend vorselegierenden Aufmerksamkeit und emotionaler Intelligenz zu den entscheidenden Wettbewerbsvorteilen diese gerade beschädigen, nämlich im Falle des Scheiterns: Hilfloses Zappeln zwischen Zuviel und Zuwenig an verwertbaren Reizen, Unfähigkeit, sich einer allfälligen Signalüberflutung zu entziehen, Beschädigung der Entspannungsmechanismen und die damit einhergehende Verrohung des emotionalen Erlebens – das alles sind Symptome, die schon heute unter dem Sammelbegriff ADHS im kollektiven Bewusstsein wahrgenommen werden.

In der neuen Ära, der wir entgegengehen, wird zudem womöglich das Greisenalter zügig der prolongierten Adoleszenz folgen. Künftige junge Alte werden aber noch weniger bereit sein, ihre Altersvergesslichkeit als eine physiologische Gesetzmäßigkeit zu akzeptieren, genauso wenig wie die Alterssichtigkeit oder den Libidoverlust. Frisch verliebte Senioren werden wissen, dass ihr Trennungsschmerz durch die Herunterregulierung des Serotonins verursacht ist, und sie werden nach der entsprechenden Therapie verlangen.

Die Aufhebung raum-zeitlicher Beschränkungen der Kommunikation nährt die Illusion einer nahezu uneingeschränkt herstellbaren Verfügbarkeit und Mobilität. Der Verfügbarkeit der in der libertären Phase des Kapitalismus wichtigen Mittel, die die äußere Erscheinung und den Status optimierten, folgt nun das imperative Bedürfnis, auch kognitive und emotionale Ressourcen zu optimieren. Die Möglichkeit der unkontrollierten Beschaffung wirksamer Neuroenhancer, die Kommunikation von Anwendungserfahrungen im Internet und eine individual-utilitaristische Ethik bereiten den Boden für den Markterfolg der Substanzen, an denen heute in den Laboratorien gearbeitet wird.

Die psychologisch relevante Frage, wie sich ein Selbst zum stimmungsmäßig aufmodulierten und leistungsfähigeren Ich situiert, wird dabei von der Tatsache ihrer Bedeutung enthoben, dass unter den Anforderungen der neuen kapitalistischen Wirklichkeit eine sol- che individuelle Verbesserung als eine höchst begehrenswerte Option erscheinen muss. Als ein kapitalistisch angeeigneter Gebrauchs- und Warenwert zirkuliert sie längst, mit aggressiver Dynamik. Neben die Globalisierung – der kapitalistischen Rationalisierung von Raum und Zeit – tritt die epistemische und technische Rationalisierung der neuronalen Grundlagen des Selbst: die Abstraktion des Ich von sich selbst.


 



Published 2009-06-09


Original in German
First published in Merkur 6/2009

Contributed by Merkur
© Hennric Jokeit, Ewa Hess / Merkur
© Eurozine
 

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