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Zu Fuß auf dem Sonderweg

oder Wandern als deutscher Erinnerungsort


Das Haar vom Sturm zerzaust, den Fuß in den Fels gestemmt und die Rechte auf einen Stecken gestützt: So erscheint der Wanderer auf einem Gemälde Caspar David Friedrichs. Auf anderen ist er vertieft in die Betrachtung des Mondes, fast eins geworden mit rahmenden Blättern und knorrigem Wurzelwerk. Unter ihm schimmern das Nebelmeer oder die Kreidefelsen von Rügen, vor ihm erstreckt sich eine schemenhafte Ferne. Vor dem deutschen Wanderer liegt ein weiter Weg, dessen Ziel er hier, auf dem Höhepunkt der Romantik, noch nicht kennen kann. "Ich habe das Reisen erwählt", sagt in Eichendorffs Marmorbild der Florio, "und befinde mich wie aus einem Gefängnis erlöst, alle Wünsche und Freuden sind nun auf einmal in Freiheit gesetzt."

Die Romantik hat den Wanderer als ihre zentrale Figur entdeckt – gleich ob in der Waldeinsamkeit des blonden Eckbert oder den Streifzügen eines Franz Sternbald. Sie lässt ihn nur kurz rasten, denn die blaue Blume, von der Novalis seinen Helden Heinrich von Ofterdingen träumen lässt, blüht irgendwo am Wegesrand. Manchen Dichter zieht es selbst hinaus auf die Landstraße. Der Verlagskorrektor Johann Gottfried Seume lässt sich von seinem Schuhmacher, dem "mannhaften alten Heerdegen in Leipzig", ein Paar Stiefel besohlen und geht damit 1801 nach Syrakus.

Die scheinbar zweckfreie kulturelle Praxis des Reisens wird früh mit dem Aspekt der Nation assoziiert. Der Göttinger Professor August Ludwig Schlösser behauptete vor zweihundert Jahren: "Wir Deutschen reisen häufiger als vielleicht irgend ein anderes Volk des Erdbodens; und diesen herrschenden Geschmack am Reisen können wir immer unter unsere Nationalvorzüge zählen." In der Belletristik entsteht ein Genre, das "ein ganz ausgesprochen nationales Gepräge trägt, wie es eigenartiger, individueller kein anderes Volk aufzuweisen hat": der Bildungsroman.[1] Idealtypischer Vertreter seiner Gattung ist der Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre.

Ungeachtet aller nationalen Zuschreibungen unterscheidet sich das Wandern grundlegend von anderen Formen der Bewegung im Freien. Während der Spaziergänger innerhalb der gesicherten Festen der Zivilisation promeniert, etwa in der domestizierten Natur eines Parks, setzt sich der Wanderer der Witterung und anderen Gefahren aus. Der Flaneur, der sich die Großstadt als Landschaft erkoren hat, kann bei einem Regenguss in das nächste Café einkehren. Der Wanderer hingegen weiß oft nicht einmal, wo er sein Nachtquartier nehmen wird: in einem Gasthof oder gar im Straßengraben. An seiner Form des Reisens, zumal in Zeiten der Strauchdiebe und Wegelagerer, haftet daher von Anfang an das Abenteuer.

An die Motive der Romantik, die Überwindung der Zivilisation durch die Natur, ein Ideal der Landschaft und des bäuerlichen Lebens, knüpft vor allem eine Bewegung an, die sich das Wandern als Programm erkoren hat: der Wandervogel. Die 1895 aus einem Stenographen-Zirkel am Steglitzer Gymnasium bei Berlin hervorgegangene erste Ortsgruppe des Wandervogels wurde zur Keimzelle der deutschen Jugendbewe gung, "ein Phänomen des deutschen Bildungsbürgertums ohne ein vergleichbares Pendant in den anderen europäischen Ländern", wie Hans-Ulrich Wehler in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte festhält. Hans Blüher, ihr invertierter Chronist, vermerkt 1916 in Wandervogel, seiner Geschichte einer Jugendbewegung: "Wie man zu mancher Zeit die Landstraße schier übervölkert sieht von fahrenden Handwerksburschen, von Kunden und walzenden Fabrikarbeitern ... so muß auch die gebildete Jugend ins Wandern geraten sein, weil es in ihrer Heimat viel Schmerzvolles und nicht mehr Erträgliches gab".

Nach der Jahrhundertwende herrscht ein allgemeines Klima des Aufbruchs, anarchistische, lebensreformerische und anthroposophische Ideen konkurrieren, Pädagogik, Rechtschreibung und Tanz werden erneuert, Matriarchat und Freikörperkultur diskutiert. Der zum Pazifisten geläuterte Kolonialoffizier Hans Paasche predigt 1913 beim Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner den Vegetarismus. Zeitgleich entsteht der Massentourismus: Im selben Jahr beherbergen allein die Hütten des 1895 gegründeten Deutsch-Österreichischen Alpenvereins mehr als 200 000 Wanderer, es entstehen Gebirgs-, Wander-, Trachten- und Verkehrsvereine, die Landschaft und Brauchtum vermarkten: "Eine diffus älplerische Gemütlichkeit hält Einzug in die Alltagskultur der hektisch expandierenden Städte: Jägerhüte, Lodenmäntel, Dirndlkleider, knorrige Spazierstöcke mit Plaketten aus Bad Tölz und Eger, 'röhrende Hirsche' und 'uriger' Nippes aus Holz und Horn und nicht zu vergessen der Triumph des 'bai rischen' Biers."[2]

Im bekanntesten Werk des naturreligiösen Grafikers Hugo Höppener, der sich Fidus nennt, findet sich der Wanderer Caspar David Friedrichs wieder, diesmal allerdings bar seiner textilen Hüllen, zum esoterischen "Lichtgebet" gereckt. Das Gemälde wird zur Ikone des Wandervogels. Der entwickelt sich allmählich zur nationalen Bewegung mit Ausstrahlung nach Österreich und in die Schweiz. Schon 1912 umfasst der "Wandervogel – Bund für Deutsches Jungwandern" reichsweit 25 000 Mitglieder in 800 Ortsgruppen. "Wir meinen also im Wandern eine freie und geistige Lebensbetätigung", schreibt Frank Fischer, Gründungsmitglied des Steglitzer Wandervogels. "Das sagen wir gegenüber aller sportsmäßig organisierten Touristik und allem turnerischen Schuldrill."

Dabei enthielt schon die Pädagogik des "Turnvaters" Friedrich Ludwig Jahn eigene Ideen zum Wandern. Bereits 1828 war in den Runenblättern des "Alten im Barte" von "vaterländischen Wanderungen" die Rede, allerdings weniger als romantische Bildungsfahrt denn als Abhärtungsmaßnahme gegen die "Schmachzeit der Überfeinerung und Verzierlichung der Schläfer und Schlaffen". Auslandsfahrten hingegen seien schädlich: "So verreist sich der Junghans unter allerlei fremden Völkern seine Deutschheit, impft und pfropft sich so viel Fremdes auf Kopf, Herz und Seele, daß er als völlige Zerrheit anwidert und aller Völker Sünden in und an sich als Musterreiter herum trägt." In den xenophoben Theoremen Jahns mutiert das Wandern zum Vehikel völkischer Besinnung, denn im Gegensatz zu deutschen Mittelgebirgen wachse "in Italien, Frankreich und England nicht die Weisheit als Wegwart wild an der Landstraße".

Auch das Wandern der Jugendbewegung, die sich ursprünglich in Abkehr von völkischen und nationalistischen Ideen der Turner- und Burschenschaften formierte, bleibt nicht ganz frei von Rassismus, es kommt zu einer Radikalisierung völkisch-nationalistischer Kräfte. In Analogie zu Julius Langbehns "Rem brandtdeutschem" sah schon der Wandervogel Hans Breuer die Jugendbewegung auf dem Pfad eines "neuen Erdentypus" wandeln: "In der Jugend von der Nährmutter Heimat gezogen, als Pursche gekräftigt im Deutschtum, als Männer willig zu Taten, zu deutscher Arbeit, zur Prägung deutscher Gesinnung. Der Wandervogeldeutsche." Und im Vorwort zur Kriegsausgabe der populärsten Liedsammlung der Jugendbewegung, dem Zupfgeigenhansl, heißt es 1915: "Wir müssen immer deutscher werden. Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe, ist unser Grundwesen, ist der Spiegel unseres Nationalcharakters überhaupt. Und laßt Euch nicht irre machen! Jetzt erst recht gewandert!! Erwandert Euch, was deutsch ist."

Der imperative Furor des als nationale Wanderfahrt gedachten Kriegsabenteuers bleibt bald im Schlamm des Stellungskrieges stecken. Der Wanderer zwischen beiden Welten heißt eines der erfolgreichsten Kriegsbücher. Sein Autor Walter Flex gibt ihm mit dem Leutnant und Wandervogel Ernst Wurche einen idealistischen Helden, der mit einem Band Nietzsche, Goethes Gedichten und dem Neuen Testament im Tornister an die Front zieht. Den Krieg imaginiert auch Flex als Wanderfahrt. Tatsächlich waren gerade die Jugendbewegten das Leben unter Geschlechtsgenossen mit Zelt und Tornister gewohnt. Bereits der Zupf enthielt 37 Soldatenlieder. "Neue Kriegsnöte, neue nationale Sturmfluten werden auch wieder neue Volkslieder emportreiben", so die Hoffnung im Vorwort der letzten Auflage im Frieden.

Den Krieg verstehen die Wanderer auch als Verteidigung der deutschen Landschaft mit der Waffe: "Noch widerhallte die Welt von den Empörungsschreien aller Gesitteten über den Sarajewoer Fürstenmord, schon ballen sich die Wolken zu dem entsetzlichen Unwetter zusammen, das Europa verheert, wir aber dachten an nichts als Wander- und Sommerlust. Denn drei Wochen sollen wir, befreit von allen Fesseln der Vernunft, wie Schule, Mathematik, Hosen mit Bügelfalten und Stehkragen, die Schönheit der mitteldeutschen Gebirge genießen", heißt es mitten im Kriegsjahr 1916 im Wandervogelfahrtenblatt fürs Ems-Weserland. Die Abenteuerlaune währt nicht lange. Materialschlachten, der Drill und die Hierarchien des Militärs waren der größtmögliche Kontrast zum freien Fahrtenleben. Noch im selben Jahr druckt das gleiche Fahrtenblatt einen Feldpostbrief ab: "Erst ein paar Granaten, Fünfzehner, dann Zentnerminen, dann Handgranaten. Und morgen kann man dann wieder flicken. Es ist ewig dasselbe. Romantik und Abenteuerei sind längst zum Deubel. Wahrhaftig."

Für die Jugendbewegung ist der Erste Weltkrieg eine Zäsur. Danach wandern Jungs und Mädchen, die vorher noch gemeinsam im Heu genächtigt hatten, strikt getrennt. Die bunten Federn an den Hüten weichen gleichfarbigen Halstüchern, Abzeichen, Trommeln und martialischen Fahnen. Kohlrabi-Apostel und barfüßige Propheten ziehen durchs Land, Muck Lamberti tanzt mit seiner "Neuen Schar" über die Dörfer, und Teile der Bündischen Jugend brechen aus den straff organisierten Massenzeltlagern zu spektakulären Auslandsfahrten aus. Eberhard Köbel, Gründer des charismatischen Jungenbundes dj.1.11, führt Touren an den nördlichen Polarkreis durch und konstruiert dafür ein mit einem Lagerfeuer von innen beheizbares Zelt. Nerother Wandervögel halten ihre Weltfahrten durch Afrika und Asien auf Zelluloid fest – sie erscheinen im Rückblick als Pioniere der Globetrotter- und Trekkingkultur.

Der Lehrer Richard Schirrmann war 1909 mit einer Schulklasse acht Tage durch das Sauerland gewandert und hatte bei einem Unwetter Schutz in einer Scheune gesucht. Nach diesem Erlebnis gründete er den "Ausschuß für Jugendherbergen". Bis Anfang der dreißiger Jahre entstehen rund 2000 von "Herbergsvätern" geführte Unterkünfte – deutsche Vorläufer des Hostels. Auch das organisierte Proletariat entdeckt die Be wegung an der frischen Luft, allen voran die sozialistischen "Naturfreunde". Der in Opposition zum bürgerlichen Alpenverein gegründete Verband hatte um 1910 nur 1200 Mitglieder für das Wandern begeistern können, bis zum Ersten Weltkrieg seine Mitgliederzahl jedoch beinahe verzehnfacht. Wandern dient nicht nur als Erholungsmaßnahme von der Enge der Mietskasernen und dem Staub der Fabriken, sondern als Gegenprogramm mit geradezu idealistischen Qualitäten.[3] In der Zeitschrift Naturfreund heißt es 1922: "Heraus aus den staubigen Arbeitsstätten, den qualmenden, betäubenden Trink- und Rauchbuden! Heraus aus den düsteren Kirchen... Stärkt euren vom Industrialismus ständig gefährdeten Körper, kräftigt eure Nerven im Gesundbrunnen der Natur! Starke Nerven brauchen wir im täglichen Kleinkrieg, und stählerne Nerven werden wir brauchen in den erbitterten, beispiellosen Kämpfen der nächsten Zeit!"

Diese Kämpfe enden 1933 in einer Niederlage. Die in der Hitlerjugend gleichgeschalteten Jugendorganisationen wandern nicht mehr, sondern marschieren im Gleichschritt der Kolonnen. "Ich war auf Fahrt schon 60 Kilometer gewandert, mit Lust und Vergnügen, aber 20 Kilometer in hohen Reitstiefeln, das kannte ich nicht", klagt ein in die Hitlerjugend gepresster Pfadfinder. "Mutter zog mir die Stiefel aus. Sie fiel fast in Ohnmacht, meine Füße waren ganz blutig, die Strümpfe starr vor Blut."[4] Gruppen, die unter ihren alten bunten Wimpeln und nicht unter dem Hakenkreuzbanner in die Wälder ziehen, bekommen es mit den Schlägern des HJ-Streifendienstes zu tun. Das Gruppenwandern außerhalb der HJ wird 1936 verboten, und "bündische Umtriebe" sind ein Straftatbestand, der unter pauschalem Homosexualitätsvorwurf den rosa Winkel einbringen kann. Der Führer des Nerother Wandervogels Robert Oelbermann kommt im Konzentrationslager Dachau um.

Nach dem Krieg ist eine ganze Generation zu Fuß auf dem Leidensweg: Soldaten schleppen sich in die Gefangenenlager im Osten, die Flüchtlingstrecks in umgekehrte Richtung. Diese Fußmärsche sind das kollektive Trauma von 1945, und so geht auch danach niemand gern freiwillig zu Fuß. Der ganze Stolz der Nachkriegsgeneration ist die allmähliche Motorisierung. Die Anfänge des Tourismus sind bescheiden: Faltbootwandern und Camping mit dem Motorrad sind in Bundesrepublik und DDR verbreitete Formen der Freizeitgestaltung. An den Wochenenden zieht es die Familien hinaus aus den Trümmerstädten in die Naherholungsgebiete. Man wandert, weil die Urlaubsreise zu den Sehnsuchtsorten des späteren Massentourismus, zur schmachtend besungenen Sonne von Capri oder den weißen Rosen aus Athen noch nicht erschwinglich ist.

In der DDR wird der Urlaub zunehmend durch den Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes organisiert. In "den FDGB-Ferienheimen sind Wanderungen und Besichtigungen Teil der Urlauberbetreuung", wie es offiziell heißt, dazu kommen abendliche Vorträge und kulturelle Darbietungen, die auch die Urlaubsreise unter das sozialistische Motto stellen: "Durch höhere Planerfüllung – bessere Erholungsmöglichkeiten. Durch kulturelle Erholung in einem Heim der Gewerkschaften – neue Kraft für die Erfüllung des Vierteljahresplanes". Die Plätze in den Heimen sind heiß begehrt und werden bald nur in Absprache mit den Betriebsgewerkschaftsleitungen vergeben. Der Vorteil des Wanderns ist, dass es keine Organisation braucht. Als Individualsport bietet es die Gelegenheit, auch ohne Visum oder Zuteilung die Freizeit zu gestalten.

Das Wandern nach 1945 – und das ist der wichtigste Unterschied zur Vorkriegszeit – ist weitgehend entideologisiert. Zwar zieht es nationalistische Organisationen wie die Deutsche Jugend des Ostens immer noch auf Wanderfahrt zu den Kyffhäuserdenkmälern oder in die "verlorenen" Gebiete, doch bleibt dies ein randständiges Phänomen. Die Mehrheit der deutschen Wanderer wandelt nicht mehr auf dem Pfad nationaler Sinnsuche, sondern erschließt zunehmend auch das Ausland zu Fuß. Korsika und Spanien, die Provence und die Toskana oder die skandinavischen Nationalpfade werden von Rucksacktouristen entdeckt, und die Anlage europäischer Wanderwege fördert im Wortsinn das Überschreiten der Nationalgrenzen. In den Breitensport- und Trimm-dich-Kampagnen der Siebziger schwingt noch der sozialdemokratische Volksgesundheitsgedanke der zwanziger Jahre mit, ebenso in der Schullandheimbewegung und dem Schulwandern, das Großstadtkindern den Aufenthalt in der Natur ermöglichen soll. Fester Bestandteil vieler Lehrpläne ist der halbjährliche Wandertag, an dem Lehrer ihre Schüler zum Waldspaziergang verpflichten.

Die ersten Alternativ-Reiseführer erscheinen in Deutschland um 1976. Auf den Spuren der Hippies, die es nach Indien zog, werben sie mit Insidertipps für "die letzten unberührten Fleckchen Erde", um deren Berührung die Rucksack- und Sandalentouristen konkurrieren. Die Einsamkeit ist mehr denn je Ziel des Zivilisationsflüchtlings, und die Linke entdeckt die Wanderung als politische Protestform. "Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln", ist das Motto der Spaziergänge zur geplanten Startbahn West.

Zum prominentesten deutschen Wanderer schwingt sich der Bundespräsident Karl Carstens auf. In seinen Memoiren nehmen Wanderungen denn auch mit 13 Seiten weit mehr Raum ein als etwa die Kapitel "Nationalsozialismus" (vier Seiten) oder "Meine Frau" (fünf Seiten). Bereits in seiner ersten Rede als Bundespräsident hatte der wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft umstrittene CDU-Politiker angekündigt, "daß ich gemeinsam mit meiner Frau Deutschland von Norden nach Süden, von der Ostsee bis zum Alpenrand, durchwandern wollte". Damit habe er zeigen wollen, dass "trotz aller Umweltsorgen, die ich ernst nahm, unser Land noch immer zu den schönsten der Welt zählte und daß die Darstellungen, die in den auf Schreckensparolen programmierten Blättern wie Spiegel und Stern von unserer Landschaft als einer riesigen Abfall- und Müllhalde gegeben wurden, eine maßlose Übertreibung darstellen".

Die letzte Etappe der präsidialen Wanderjahre führt im August 1981 auf dem König-Ludwig-Wanderweg nach Garmisch-Partenkirchen, wo Volkstrachtenvereine, Musikschulen, der Ministerpräsident Franz Josef Strauß und die Jagdhornbläser der Ersten Gebirgsjägerdivision den Bundespräsidenten begrüßen. Carstens resümiert noch einmal den Zweck seiner dreijährigen Wanderung: "Sie sollte die Liebe zu unserem Lande wecken und wach halten. Sie sollte uns unsere bewegte und wechselvolle Geschichte vor Augen führen, und sie sollte uns in dem Willen bestärken, an der deutschen Einheit festzuhalten." Die Deutschlandwanderung endet in der Melodie des vom Kinderchor Garmisch intonierten Liedes "Wir sind durch Deutschland gefahren / Vom Meer bis zum Alpenschnee". Es ist die vielleicht letzte politische Wanderung mit nationalem Pathos.

In den achtziger Jahren schlägt sich die Internationalisierung des Wanderns auch sprachlich nieder: Outdoorreisen, Trekking oder Backpacking finden als Neologismen Eingang in die Wörterbücher und tragen zur Internationalisierung des Wanderns bei, die Reiseziele werden exotischer. Populär wird die Survivaltour, eine Extremreise, die abseits der ausgetretenen Pfade das wahre Abenteuer verspricht und bald auch als Managertraining verkauft wird. Es entsteht eine regelrechte Erlebnisindustrie, in deren Rüstkammern vom himalayatauglichen Einmannzelt bis zum Adventure-Lunch aus der Tube die Zivilisationsflucht organisiert wird. Im Unterschied zum Hippie ist der Erlebnisreisende "kein Aussteiger, sondern ein leistungsorientierter, gut vorbereiteter Tourist ... Das Abenteuer – einst Refugium des Außergewöhnlichen, des Gefährlichen, des 'Grenzübertritts' – ist domestiziert", heißt es im Ausstellungskatalog Endlich Urlaub! des Deutschen Historischen Museums.

Eine Repolitisierung erfährt das Wandern durch die Ökologiebewegung. Umweltinitiativen führen auf Lehrspaziergängen die Wanderer gezielt in die verdorrten und abgestorbenen Braunflächen, mit denen das Waldsterben die Laub- und Nadellandschaften verheert. Der deutsche Wald, einst romantischer Sehnsuchtsort für Seelenheil und schwärmerisches Naturerleben, wird naturwissenschaftlich zum Biotop versachlicht, bedroht von Borkenkäfer und Straßenbau, doch appelliert die grüne Politik auch an das Nationalgewissen, indem sie mit dem Wald einen deutschen Erinnerungsort zum politischen Symbol erhebt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts scheint das Wandern weniger deutsch als jemals zuvor. "Ein Heil dem deutschen Walde, zu dem wir uns gesellt", heißt es in einem alten Wanderlied, in der Revision des Liederbuches der Bundeswehr von 1991 wird daraus "dem grünen Walde". Das Wandern wird zunehmend als rein sportliche Aktivität betrieben, das Heimatschema tritt dahinter zurück. Ging es früher um eine Spannungskurve vom Aufbruch über das Überwinden von Schwierigkeiten bis zum Höhepunkt, einer Aussichtsplattform oder einem Berggipfel etwa, dem der Rückweg und die Einkehr in ein Wirtshaus folgt, wo bei einer zünftigen Brotzeit und einem Schluck Hochprozentigem die Erlebnisse des Tages noch einmal in geselliger Runde auflebten, so findet nun eine Spezialisierung statt, wie sie zuvor schon der Skisport durchlaufen hat. Einzelne Elemente der Wanderung werden herausgelöst und verselbständigen sich als Teildisziplin: "Walking" setzt auf die Mühen der Ebene, "Nordic Walking" simuliert die Gletscher- oder Schneewanderung mit Stöcken als Selbstzweck.

Das traditionelle Wandern, gerade wegen seines ganzheitlichen Anspruchs einstmals Ausdruck der reformorientierten jungen Generation, die jenseits der Großstadtenge ein auch von moralischen Konventionen freieres Leben in der Natur suchte, gilt um die Jahrtausendwende als Rentnerbeschäftigung. Der Autor Wolfgang Büscher, der in einer Sommernacht des Jahres 2003 seine Berliner Wohnungstür hinter sich schließt und zu Fuß nach Moskau aufbricht, folgt keinem literarischen Trend. Umso überraschender ist der Erfolg seines Berichtes Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß, der es in die Bestenlisten schafft und eine Welle von Nachahmungsreisen auslöst. Das Buch eines Fernsehkomikers, der zu Fuß auf dem Jakobsweg pilgert, verkauft sich mehr als drei Millionen Mal und gibt dem von Krankenkassen propagierten Herz- und Kreislaufsport transzendentale Tiefe zurück. Der unheilbar an Krebs erkrankte Gärtner Kurt Peipe geht die 3350 Kilometer von Flensburg nach Rom in 170 Tagen und bezeichnet seine Wanderung als "elementare Herausforderung, auf die mein ganzes Leben zugelaufen ist: so etwas wie eine Entscheidung auf Leben und Tod" (FAS, 3. August 2008). Der imperative Buchtitel Du musst wandern des Fernsehredakteurs Manuel Andrack erreichte ein Massenpublikum, der Nachfolgeband setzt sich mit dem programmatischen Untertitel Ohne Stock und Hut im deutschen Mittelgebirge vom traditionellen Erscheinungsbild des Waldschrats ab.

Unbemerkt von den auf neue Trendsportarten ausgerichteten Medien ist das Wandern zu einem der populärsten Hobbys der Deutschen geworden. Laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach stieg der wandernde Teil der Bevölkerung 2007 von zuvor 54 auf 62 Prozent, und 8,7 Millionen Deutsche gaben sich als regelmäßige Wanderer zu er kennen. Ausflügler, die von der Suche nach der Waldeinsamkeit getrieben werden, haben es da schwer: "Auf beliebten Wegen herrscht, vor allem sonntags, übles Gedränge. Auf schmalen Pfaden müssen Sie umständlich den Entgegenkommenden ausweichen oder langsamere Zeitgenossen überholen, und diese wandelnden Hindernisse auch noch grüßen", klagt ein leidgeprüfter Wandersmann.[5] Das Deutsche Wanderinstitut Marburg befragt seit 1998 in jährlichen Profilstudien die Deutschen nach ihren Wandergewohnheiten.

Vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2007 verdoppelte sich demnach der Anteil von Wanderern mit Hochschulabschluss auf 42 Prozent. Nach wie vor nennen die meisten Wanderer das Motiv "Landschaft" als Grund für ihren Bewegungsdrang, doch auch der Ausgleich zu Kopf- und Bildschirmarbeit (67 Prozent) und Entlastung von beruflichem Stress (60 Prozent) sind neue Motivationen. Er wolle künftig Eventwanderungen mit organisierten Entspannungsübungen unter dem Aspekt der Gesundheitsförderung anbieten, kündigt 2008 Hans-Ulrich Rauchfuß, der Präsident des 650 000 Mitglieder zählenden Deutschen Wanderverbundes, an. Selbst das Lichtbaden der Freikörperkulturbewegung kommt zu neuen Ehren: Ein von Funktionskleidung und Hirschleder gänzlich freies Erlebnis versprechen die von der Bewegung der Naturisten in Vereinen wie dem Feigenblatt e.V. organisierten Barfuß- und Nacktwanderungen. Nach einer teilnehmenden Beobachtung im Dickicht der Eifel resümiert der Journalist Michael Allmaier zugeknöpft in der Zeit (10. August 2006): "Sie sprechen dauernd übers Nacktsein. Und fotografieren sich immerfort. Das soll natürlich sein? Ich kenne keinen Angezogenen, der so viel Aufhebens um diese Äußerlichkeit macht." Auch wenn hier mit dem Nudismus eine alte deutsche Tradition auflebt, so scheint das freikörperliche Wandern ebenfalls frei von jeglichem Nationalismus.

So lässt sich resümieren, dass auch das Wandern Opfer jener "Assemblagen eines globalen Zeitalters" (Saskia Sassen) wird, zu denen Privatisierung und Ökonomisierung gehören. Dass es heute kaum noch mit dem Komplex Nation in Zusammenhang gebracht wird, spricht dabei keineswegs gegen die These, es als Erinnerungsort der Deutschen zu verstehen. Im Gegenteil, in seinem Konzept der "Lieux de mémoires" nennt der französische Historiker Pierre Nora gerade die Diskontinuität als ein Merkmal eines solchen Gedächtnisortes, der keine Landmarke im geographischen Sinne sein muss, sondern auch eine kulturelle oder soziale Praxis beinhalten kann.

In die dreibändige Sammlung Deutsche Erinnerungsorte hat man das Wandern nicht aufgenommen, wohl aber den Wandervogel. Doch spricht es nicht eine deutliche Sprache, wenn ein amerikanisches Standardwerk über die Geschichte des Gehens ausgerechnet das deutsche Wort "Wanderlust" im Titel trägt?[6] Künftigen international vergleichenden Wanderstudien soll hier nicht vorgegriffen werden. In Hinblick auf die nationalkonstitutive Funktion des Wanderns aber darf man folgende Vermutung äußern: Sollte es einen deutschen Sonderweg gegeben haben, so beschritt man ihn zu Fuß.


 

  • [1] Rolf Selbmann, Der deutsche Bildungsroman. Stuttgart: Metzler 1994.
  • [2] Hasso Spode, "Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen". In: Endlich Urlaub! Die Deutschen reisen. Ostfildern: DuMont 1999.
  • [3] Vgl. Dagmar Günther, Wandern und Sozialismus. Hamburg: Kova.
  • [4] Hans Siemsen, Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers. Hamburg: Männerschwarm 2000
  • [5] Frank Gerbert, Wandern. München: dtv 2007.
  • [6] Rebecca Solnit, Wanderlust. A History of Walking. London: Verso 2006.


Published 2009-04-07


Original in German
First published in Merkur 4/2009

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