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Editorial

1989 und der Geist der Zeit


Wenn die Rede von der "historischen Zäsur" gerechtfertigt ist, dann im Bezug auf 1989. Es ist das Jahr des Mauerfalls. Doch das ist eine eingeschränkte, sehr deutsche Sicht. Karl Schlögel bringt es auf den Punkt: "Der Mauerfall am 9. November war nur die Beglaubigung. Hier wurde nur sanktioniert, was schon entschieden war – vorher und anderswo."

Das lange Jahr 1989 begann mit dem Streben Einzelner nach Freiheit des Wortes und der Kunst, nach Freiheit von Lüge und Repression. Freiheit ist der Kernbegriff des Wandels. Zu 1989 gehört das mutige Eintreten der Dissidenten in der Sowjetunion, in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei für Menschenrechte und Bürgerrechte. Sie erinnerten damit auch die Menschen im Westen des Kontinents an den Kern der europäischen Werte. Die Bürgerrechtler nahmen mit ihrem Eintreten für das Recht, für Gewaltfreiheit und für den Dialog mit den Herrschenden das Profil des Umbruchs vorweg. 1989 ist von der Charta 77 und der Gründung der Solidarnosc im Sommer 1980 nicht zu trennen. Auf ihrem Höhepunkt scharte die Solidarnosc Millionen Menschen hinter sich. Die einzelnen Dissidenten und die Massendemonstrationen, die von einem Land auf das andere übergriffen, zeigten, wie sehr es der kommunistischen Parteiherrschaft an Legitimität mangelte. Fast überall in Osteuropa überwanden Revolutionen ohne Revolution die autoritären, repressiven Regimes.

Für Ostmitteleuropa war 1989 jener Augenblick, in dem sich der tragische Kreis schloss. Für die Tschechen und Slowaken hatte er 1938, für die Polen am 1. September 1939 begonnen. Es war die Zeit des Kriegs, der sowjetischen Dominanz und der kommunistischen Herrschaft. Tatsächlich endete das lange Jahr 1989 erst mit der Auflösung der Sowjetunion 1991. Nun erst war "ein Jahrhundert abgewählt", wie es Timothy Garton Ash ausdrückte. Es war das Jahrhundert der Ideologien, der Totalitarismen und der Lager. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Kampf der Ideologien im Ost-West-Konflikt Gestalt an. Er durchzog jede Gesellschaft, prägte die Welt und spaltete Europa.

Dass der Umbruch in der gesamten Region mit Ausnahme des Balkans gewaltfrei erfolgte, bleibt das eigentliche Wunder dieses vielbeschworenen annus mirabilis. Denn die kommunistischen Herrscher hatten 1953, 1956, 1968 und zuletzt 1980 deutlich gemacht, wozu sie fähig sind, wenn es um den Machterhalt geht. Und während am 4. Juni 1989 in Polen halbfreie Wahlen stattfanden, wurden auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking Tausende friedlicher Menschen hingemetzelt, die für Demokratie und Freiheit eingetreten waren.

Doch in Ostmitteleuropa war die Zeit reif für den Wandel. Die Zeit explodierte. Was gestern politisch undenkbar war, schien heute bereits überholt. Diese Beschleunigung kam in der Losung zum Ausdruck, die in Prag im November 1989 kursierte und die das Titelblatt zeigt: In Polen dauerte es zehn Jahre, in Ungarn zehn Monate, in der DDR zehn Wochen, in der CSSR nur zehn Tage!

Es waren Revolutionen ganz eigener Art, getragen vom Wunsch nach politischer Mitsprache und vollzogen nicht auf den Barrikaden, sondern am Runden Tisch. Eine unglaubliche Euphorie brach sich Bahn. Es war die Hoffnung aus dem Geist der Freiheit. Nun galt es, das Neue in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten. Während mancher Soziologe angesichts der Größe der Herausforderung das "Dilemma der Gleichzeitigkeit" beklagte, packten die Menschen an. Das war der Geist der Zeit. Die Ostmitteleuropäer stellten eine enorme Reformfähigkeit unter Beweis. Der Übergang aus der Konkursmasse des Sozialismus zu anderen Ufern, der im Jargon "Transformation" heißt, führte zu bemerkenswerten Ergebnissen: Überall wurden neue demokratische politische Ordnungen errichtet und dem Recht zur Geltung verholfen. Die Kräfte des Marktes fegten die alten Formen der Produktion und Distribution hinweg und ließen die Erinnerung an die Warteschlange als Signatur der Mangelwirtschaft verblassen. Die Gesellschaften in Ostmitteleuropa weisen heute nicht mehr und nicht weniger Funktionsdefizite auf als jene im Westen oder Süden des Kontinents. Adam Michnik fällt ein klares Urteil: "Ich habe das Gefühl, dass mit Ausnahme des Balkans und Russlands die postkommunistischen Länder in ihrer neuesten Geschichte nie so gute 20 Jahre gehabt haben, im Falle Polens sogar in den letzten 300 Jahren."

Doch nicht nur diese Länder haben sich verändert. Ganz Europa ist seit 1989 im Wandel. Am einschneidendsten dürfte die Europäisierung der Normen und Standards sein. Am augenfälligsten ist der institutionelle Wandel. Hatte die EG 1989 zwölf Mitglieder, so zählt die EU heute 27. Drei davon sind Staaten, die 1989 noch Sowjetrepubliken waren und wo sich das Streben nach Freiheit in nationalen Unabhängigkeitsbewegungen ausdrückte. Wir sind Zeugen eines europäischen Gestaltenwandels, der sich zwischen Ost und West nach den Prinzipien der Osmose vollzieht. Einer Osterweiterung der bürgerlich liberalen Verfahren, der Rechtsstaatlichkeit, der Kräfte des Marktes und der Konsumgewohnheiten steht eine Westerweiterung der Mobilität, des Tourismus, der Arbeits- und Pendelmigration gegenüber. Städte und Staaten sind auf die mentalen Landkarten zurückgekehrt, die in Vergessenheit geraten waren oder wegen der Mauer als unerreichbar galten. Und im Streit um die Erinnerung an die Dramen des 20. Jahrhunderts erweitern die Europäer im Osten und im Westen ihre Geschichtshorizonte.

Doch was sich wie eine beispiellose Erfolgsgeschichte ausnimmt, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt die EU nicht in bester Verfassung. Nach den gescheiterten Referenden in den Niederlanden, in Frankreich und in Irland macht sich Ermattung breit. Aus Ostmitteleuropa ist von Europaskepsis zu hören. Schon vor der Finanzkrise begann die Verunsicherung. Populistische Politiker und Bewegungen versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Doch die Krise der EU ist an sich noch keine Gefahr. Sie begleitet die europäische Integration, die durch kleine Fortschritte im Verborgenen gekennzeichnet war, von Anfang an. Und auch Populisten oder die mannigfaltigen autoritären Versuchungen bedrohen solange nicht die offene Gesellschaft, solange ihnen die Verfechter der Freiheit energisch entgegentreten. Der Blick zurück nach vorn schärft die Wahrnehmung. Für Adam Michnik offenbarte sich im Kampf gegen den autoritären und repressiven Kommunismus der Glaube an den Sinn menschlicher Freiheit. Was heute Europa bedroht, ist etwas anderes: Es ist der Zynismus in Politik und Gesellschaft, die Deformation der res publica zur res privata und die Indifferenz gegenüber dem, wofür die Bürgerrechtler kämpften und wofür der Aufbruch 1989 zum Symbol geworden ist. Auf dem Spiel steht die Verteidigung der Freiheit aus dem Geist der Freiheit. Nicht mehr und nicht weniger.

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Tomasz Dabrowski


 



Published 2009-03-20


Original in German
Contributed by Osteuropa
© Osteuropa
 

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