Editorial
Trotz der Initiative einzelner Zeitschriften und Verlage, der Arbeit so mancher Literaturhäuser und anderer Institutionen, des Engagements von vermittelnden ÜbersetzerInnen ist die Literatur Mazedoniens für die meisten von uns ein weißer, aus vielen Fragezeichen bestehender Fleck auf der (literarischen) Landkarte Europas. Lauter Fragen, die sich mitunter auch als laute Fragen stellen. Dies mag damit zusammenhängen, dass in einem der jüngsten Staaten Europas – Mazedonien erklärte am 25. Jänner 1991 seine Unabhängigkeit – die Erinnerung an die Nationenbildung als soziopolitischer Prozess ebenso lebendig ist wie in einer der jüngsten kodifizierten Sprachen Europas – ein Alphabet und eine Rechtschreibung wurden 1945 herausgegeben – die Erinnerung an die Sprachentwicklung hin zu einer mazedonischen Standardsprache. Das Bezeichnen und Benennen, die Verwurzelung von Identität in der Sprache rücken in den Mittelpunkt politischen Interesses, und es scheint kaum verwunderlich, dass im Verlauf dieser Prozesse gerade der Streit mit dem Nachbarn Griechenland um die Landesbezeichnung für die junge Republik hohe Wellen schlägt. Aber auch die Philologien erwiesen sich einmal mehr als gegen ideologische Vereinnahmungen nicht immun.
Offizielle VertreterInnen Mazedoniens müssen hinter der Buchstabenkonfiguration "FYROM" Platz nehmen, wenn sie ihr Land in internationalen Organisationen repräsentieren. "Former Yugoslav Republic of Macedonia": Unter dieser seit 1991 "provisorischen" Bezeichnung firmiert Mazedonien bei UNO und OSZE. Die Brüche, "den zerstückelten Raum" hinter diesem Akronym sichtbar zu machen, ist das Verdienst von Bogomil Gjuzel, dessen Gedicht "An die ehemaligen jugoslawischen Freunde von einem FYROMianer" unserer Auswahl an den Anfang gestellt ist.
"Hier ist jenes Dort / wo die Geschichte / nie zu Geschichte wird." Raum- und Zeiterfahrungen sind es, denen in subtil-sensibler Sprache auch der über drei Jahrzehnte später geborene Dichter Nikola Madzirov nachspürt. Wie das Geraune eines dicht verwobenen Stimmenteppichs erscheint im Gedicht "Weit weg" ein Wir, in dessen Imaginations- und Erinnerungsraum Vergangenes und Gegenwärtiges in eins fallen.
Raum, der von jeher derselbe gewesen ist: Dass als Kriegsfolge nicht zwangsläufig die Menschen, sondern – mit traumatischen Folgen für die betroffene Bevölkerung – oft auch die Landesgrenzen wandern, ruft die heute in Deutschland lebende und sowohl mazedonisch als auch deutsch schreibende Autorin Kica Kolbe anhand der Geschichte ihrer Familie in Erinnerung. Deren Mitglieder fanden sich im Zuge der Balkankriege 1912/13 plötzlich auf griechischem Territorium wieder und wurden so zu jenen Ägäis-MazedonierInnen, die in Folge des griechischen Bürgerkriegs zwischen 1946 und 1949 nach Jugoslawien flüchteten.
Es liegt auf der Hand, dass der Zwei- und Mehrsprachigkeit in einem multiethnischen Staat wie Mazedonien große Bedeutung zukommt. Der Anteil der albanischen Bevölkerung beträgt etwa ein Viertel der insgesamt 2,1 Millionen Einwohner, neben dem Mazedonischen und Albanischen wird in wesentlich geringerem Ausmaß auch Türkisch, Romani, Serbisch und Aromunisch gesprochen. Dennoch gehören Autoren wie Luan Starova (Zeit der Ziegen, dt. 1999), der sowohl auf Albanisch als auch auf Mazedonisch schreibt, zu den Ausnahmen. Das Schreiben in zwei Sprachen ist auch unter den aus Mazedonien stammenden Autorinnen und Autoren häufiger die Folge von Migration als jene vorbildlicher Bildungspolitik.
Mit den Voraussetzungen weiblicher Identität befasst sich die albanischsprachige Autorin Teuta Arifi in der Erzählung "In medias res". In märchenhaftem Erzählduktus begleitet der Text die muslimische Protagonistin Aska, die traditionsgemäß in eine von ihren Eltern arrangierte Ehe eintritt. Die von Tabus und Geheimnissen umwobene Hochzeitsnacht wird Aska zur Zäsur, die ihr Leben in zwei Hälften teilt. In ein kindliches voller Träume und Hoffnungen und in die Realität der Erwachsenen, die von den Imaginationen des jungen Mädchens nicht viel übrig lässt.
Eines der produktivsten Genres der neueren mazedonischen Literatur ist die Dramatik. In der kleinen Theaterszene des Landes kamen zwischen 1999 und 2002 etwa dreißig neue Stücke und Adaptionen zur Aufführung. Autoren wie Goran Stefanovski, Venko Andonovski (hier mit einem Prosaauszug vertreten) oder Jugoslav Petrovski wurden nicht nur im Land selbst ausgezeichnet, sie haben aufgrund ihrer Teilnahme an internationalen Theaterfestivals auch verstärkte Aufmerksamkeit in anderen Ländern und ihre Stücke Aufnahme in die Spielpläne größerer Bühnen erfahren. Dass das Ausmaß des Interesses am Balkan mit dem Ausmaß an Verständnis für den Balkan dabei nicht notwendigerweise Hand in Hand geht, wird in Goran Stefanovskis bereits 1999 entstandenem Essay "Geschichten aus dem Wilden Osten" deutlich.
Die beiden Fotoserien dieses Schwerpunkts stammen von der bildenden Künstlerin Irena Paskali. Dem Editorial gegenüber ist die Serie "On the way to/from Macedonia" zu sehen, entstanden im Jahr 2001 als Ergebnis der Auseinandersetzung Paskalis mit den Geschehnissen jenes Sommers – eine der bislang größten innenpolitischen Krisen Mazedoniens, der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen mazedonischen Sicherheitskräften und albanischen Rebellen, welche mehr Rechte für die albanische Minderheit forderten. Paskalis Beschäftigung mit Fragen der Identität, mit kulturellen und religiösen Unterschieden, aber auch Gemeinsamkeiten findet in der Serie "Open/Close/Open" (2005) ihren Ausdruck: "Ein großer Konflikt zwischen Religionen, reduziert auf das Spiel eines Kindes", so Paskalis eigener Kommentar dazu. Laute Fragen können wirkungsvoll auch leise gestellt werden.
Meri Disoski, Lena Brandauer und Andrea Zederbauer
P.S. Für die Schreibweise Mazedonien/Makedonien bzw. mazedonisch/makedonisch gilt in unseren Druckfassungen die jeweils von AutorInnen und ÜbersetzerInnen gewählte.













