Impulse für Europa
Wer über das jüdische Leben und das jüdische Erbe spricht, darf von Osteu-ropa nicht schweigen. Die osteuropäischen Juden stellen ein Muster für Grenzüberschreitung, Transnationalität und den Transfer von Religion, Tra-dition, Sprache und Kultur dar. Vom 18. Jahrhundert an lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Osteuropa. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg verließen etwa 3,5 Millionen jüdische Emigranten ihre Heimat, überwiegend das Russische Reich und das habsburgische Galizien. Diese Emigration war der Ausgangspunkt für die Gründung der neuen jüdischen Gemeinden in den USA, in Kanada, Südafrika, Argentinien und in Palästina. Die Mehrheit der amerikanischen Juden blickt auf osteuropäische Vorfahren zurück. In Israel ist es über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung. Achtzig Prozent der heute weltweit lebenden Juden haben ihre Wurzeln in Osteuro-pa.
Impulses for Europe

Eighty per cent of Jewish people worldwide have eastern European roots, yet how far are the countries of eastern Europe ready to integrate Jewish life and influences into their national commemorative cultures and present day identities? Eurozine publishes a selection of articles from the issue of Osteuropa, "Impulses for Europe. Tradition and Modernity in East European Jewry". [ more ]
Anna Lipphardt, Manfred Sapper, Volker Weichsel
Impulses for Europe
Delphine Bechtel, Michael Brenner, Frank Golczewski, Francois Guesnet, Rachel Heuberger, Cilly Kugelmann, Anna Lipphardt
Remembrance between Scylla and Charybdis
Micha Brumlik
From obscurantism to holiness
Manfred Sapper
Overcoming war
Anatolij Podol's'kyi
A reluctant look back
Katrin Steffen
Disputed memory
Vytautas Toleikis
Repress, reassess, remember
Osteuropa International
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Beinahe alle polnischen Juden wurden während des Holocaust getötet. Ihr Gedenken findet erst seit 1990 Eingang ins Bewusstsein der Polen und polari-siert die polnische Gesellschaft bis heute. Wie Katrin Steffen darstellt, wird die Erinnerung von einer "Opferkonkurrenz" einerseits und einer Art "virtuellen Judentums" andererseits dominiert.
Auch Litauen war ein lebendiges Zentrum der religiösen und säkularen jüdi-schen Kultur, diese reiche jüdische Kultur wurde durch den Genozid der Na-zis und ihrer Kollaborateure aber fast vollständig ausgelöscht. Heute wird der Auseinandersetzung mit der Mitverantwortung am Holocaust in Litauen mit politischem Widerstand begegnet, schreibt Vytautas Toleikis. Dennoch integriert sich das Erbe der litauischen Juden langsam ins kollektive gesellschaftliche Bewusstsein. Auch die offizielle Ukraine verschweigt das jüdische Erbe weiterhin, gleichzeitig versuchen aber Privatpersonen und Organisationen die jüdische Kultur und Geschichte in die Ukrainische Identität zu integrieren, wie Anatolij Podol's'kyi schreibt.
Bis heute prägt der Holocaust den Blick auf die jüdische Geschichte. In Deutschland wurden osteuropäische Juden jahrzehntelang nur als "tote Juden" wahrgenommen. Drastisch formuliert das François Guesnet. Eine solche Sichtweise be-deute implizit eine Fortführung der totalitären Perspektive der deutschen Herrenmenschen. Wahrgenommen werde lediglich der Völkermord, nicht jedoch das, was durch ihn an individuellen Existenzen, Hoffnungen und Lebensentwürfen ausgelöscht wurde.
Genau an diesem Defizit setzt diese Ausgabe von Osteurpa Impulse für Europa an. Er macht das jüdische Erbe in Euro-pas Gegenwart sichtbar. Die Geschichte der osteuropäischen Juden ist nicht die Geschichte einer exotischen, isolierten Minderheit. Juden und Nichtjuden beeinflussten sich gegenseitig. Die osteuropäisch-jüdische Geschichte ist un-auflöslich mit der Geschichte Europas verflochten. Doch diese Geschichte ist keine abgeschlossene Vergangenheit. Denken und Handeln osteuropäischer Juden wirken in der Gegenwart fort. Sie geben Impulse für die Musik, die bildende Kunst, die Philosophie, das politische Denken, die Jugendforschung oder das Völkerrecht. Die Denker Martin Buber, Joshua Heschel und Emma-nuel Levinas verbindet einerseits eine "ostjüdische" Erfahrung, andererseits aber auch ihre universalistische, auf unmittelbare menschliche Verantwortung zielende Ethik. Micha Brum-lik stellt dar, dass wir vor allem Levinas eine Würdigung dessen verdanken, was man als "Ostjudentum" bezeichnen könnte. Den einflussrei-chen Unternehmer, Publizisten und Pazifisten Jan Bloch möchte Manfred Sapper mit seinem Beitrag ins kollektive europäische Gedächtnis rücken: Er gab nicht nur den An-stoß für die Haager Friedenskonferenz, sondern forderte schon früh Rüs-tungskontrolle und die Einrichtung eines internationalen Gerichtshof.
In diesen Texten geht es um mehr als um das Erbe. Sie hinterfragen verbreitete Topoi und Klischees, die über osteuropäische Juden kursieren. Trotz aller Widerstände und Brechungen wächst auch in Osteuropa die Bereitschaft, das jüdische Leben und Wirken in die eigene Erinnerungskultur zu integrieren. Soweit, dass man beinahe von einer Renaissance jüdischen Lebens in Osteu-ropa sprechen könnte.
Published 2008-11-27
Original in German
First published in Osteuropa 8-10 (2008)
Contributed by Osteuropa
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