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Von '68 nach '89

Jirí Dienstbier, Jirí Grusa, Lionel Jospin, Adam Michnik, Oskar Negt und Friedrich Schorlemmer im Gespräch

Das große 68er-Jubiläum neigt sich seinem Ende zu. Umso mehr gerät bereits das kommende Jubiläumsjahr (20 Jahre Mauerfall und 60 Jahre Bundesrepublik) in den Mittelpunkt der geschichtspolitischen Aufmerksamkeit. Unter den unzähligen Veranstaltungen zum Thema 68 ragte in diesem Zusammenhang eine heraus. Unter dem Motto "Crossing 68/89" hatten die Kulturstiftung des Bundes, die Akademie der Künste, die Berliner Sophiensäle, das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum zur Debatte am 30. Mai d. J. in die Akademie am Potsdamer Platz eingeladen. Die Teilnehmer waren aufgefordert, den Prager Frühling und die Proteste der Studentenbewegung im Westen in ihren europäischen und globalen Wechselbeziehungen zu betrachten – insbesondere mit Blick auf das epochale Jahr 1989. Wir präsentieren die zentrale Diskussionsrunde mit Akteuren von 1968 und 1989 aus ganz Europa. Es debattieren die osteuropäischen Dissidenten Adam Michnik, heute Herausgeber der "Gazeta Wyborcza", der größten linksliberalen Tageszeitung Polens, Jirí Dienstbier, nach der samtenen Revolution von 1989 Außenminister der Tschechoslowakei, und Jirí Grusa, Dichter und Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, mit dem ehemaligen französischen Premierminister Lionel Jospin und, als Protagonisten der Opposition in den beiden deutschen Staaten, Professor Oskar Negt und Pfarrer Friedrich Schorlemmer, moderiert von Professor Gert Weisskirchen. – Blätter Redaktion

Gert Weisskirchen: Wenn wir – gerade im "Westen" – über "68" reden, denken wir zumeist an den Pariser Mai oder auch an den Prager Frühling, der am 21. August durch die Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten so brutal niedergeschlagen wurde. Weniger bekannt ist, dass in Polen bereits im März 1968 demonstriert wurde – als ein Theaterstück des großen polnischen Dichters Adam Mickiewicz abgesetzt wurde. Also hat "68" offensichtlich auch viel mit Kultur zu tun. Einer der protestierenden Studenten, der später deswegen inhaftiert wurde, war Adam Michnik. Adam, wie hast Du damals den Beginn von "68" in Polen erlebt?

Focal Point


Forty years on, the differences between the 1968 uprisings in western and eastern Europe move into ever sharper focus. "In retrospect, the great event of '68 in Europe was not Paris, but Prague. But we were unable to see this at the time." Read the Eurozine focus 1968: Beyond soixante-huit
Adam Michnik: Die polnische Reformbewegung beginnt eigentlich nicht erst 1968, sondern bereits 1956. Dieses Jahr, das den Beginn der Entstalinisierung in Russland markiert, öffnete den Weg zur demokratischen Reform. Die polnische Kultur, die Universitäten, Theater und Kinos erhielten damals sehr breite Autonomie. Aus dieser Zeit stammt auch das moderne polnische Kino, von Andrzej Wajda, Jerzy Kawalerowicz und vielen anderen.

Das brennende Budapest nach dem Einmarsch der russischen Armee 1956 hat dann aber auch gezeigt, wo die Grenzen dieser Reformen liegen. Das kommunistische Regime von Wladyslaw Gomulka, der selbst unter Stalin Gefangener gewesen war, begrenzte am Ende dieses Jahres auch in Polen zielstrebig die kulturelle Freiheit. Bücher, Gedichte oder Theaterstücke unserer besten Schriftsteller wurden wiederholt beschlagnahmt. Als dann aber 1968 die Aufführung eines Stückes von Adam Mickiewiczs konfisziert wurde, war es uns endgültig zu viel und wir gingen auf die Straße.

Eines ist hier sehr wichtig. Die Generation von "68" hatte keine eigene Erinnerung mehr an den Krieg, an die Okkupation und den Stalinterror. Als Stalin 1953 starb, waren wir 7, 8 oder 9 Jahre alt. Die Angst unserer Eltern blieb uns deswegen erspart. Unser Mut war dagegen eher ein Resultat der Phantasielosigkeit, weil wir 1968 drei furchtbare Begegnungen mit dem realen Kommunismus hatten.

Die Erste war die Beschlagnahme der Werke von Adam Mickiewicz; darauf erfolgte die außergewöhnlich brutale Zerschlagung der studentischen Demonstrationen. Dies war ein Generationsprotest: Zum ersten Mal nach 1945 hatten sich alle Hochschulen in Polen der Macht widersetzt.

Zweitens begegneten wir einer kommunistischen Propaganda neuen Typs: einer furchtbaren Hetze gegen die Intelligenz und gegen die Juden. In Polen war Antisemitismus zuvor nie die Sprache der Kommunistischen Partei gewesen. Damit zeigte sie nun ein ganz anderes Gesicht. Dies war eine gute Lektion über den real existierenden Kommunismus für meine Generation.

Und das dritte Erlebnis war natürlich die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei. Nach diesem Moment des Illusionsverlustes war den Menschen klar, dass man den Kommunismus nicht reformieren kann, sondern dass man sich dagegen wehren muss.

Alles, was danach geschah – die verschiedenen Formen der Selbstverteidigung gegen den Kommunismus, die verschiedenen Arten des Aufbaus der Zivilgesellschaft, welche eigene Freiheitsbereiche, unabhängig vom Staat, errichtet hat – war eine Lehre aus diesen drei Ereignissen. Das Brutalste von ihnen war die Intervention in der Tschechoslowakei. Für uns – als Menschen, die als Patrioten aufwuchsen – war es fürchterlich, dabei zuzusehen, wie ausgerechnet polnische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten, um die Freiheit der Tschechen und Slowaken mit Füßen zu treten. Das war ein Schock, von dem sich meine Generation nie erholt hat.

Die Kultur des freien Menschen

An dieser Stelle möchte ich noch drei Dinge erwähnen. Erstens: Die polnische Kultur der Generation von "68" war bereits eine Kultur der freien Menschen. Wir haben ausgezeichnete Gedichte aus dieser Zeit und eine wunderbare Essayistik. Uns wurde jedoch plötzlich klar, dass wir in einer Zeit der gespalteten Kultur leben und dass der europäische Teil davon, das heißt der polnische, für uns unerreichbar war. Czeslaw Milosz und Witold Gombrowicz waren die Schriftsteller, die damals beschlagnahmt wurden. Doch damit, dass eine Macht das Wertvollste in der Kultur verbietet, darf man nie einverstanden sein.

Zweitens: Wir haben unsere Umgebung anders wahrgenommen als unsere Generationsgenossen im Westen. Wenn wir unseren Freunden aus Frankreich und Deutschland begegneten, haben wir uns prächtig verstanden. Wir waren aber mit den Slogans überhaupt nicht einverstanden. Für uns waren Demonstrationen für Ho Chi Minh, Mao Zedong und Che Guevara nicht zu akzeptieren. Wir schauten auf die Tschechoslowakei und haben dort die Hoffnung gesehen. Wir haben immer wieder wiederholt: Ganz Polen wartet auf seinen Dubchek! Das war eine Chance!

Drittens, wir hielten die Vereinigten Staaten, die den Vietnamkrieg führten, nicht für den Hauptfeind der Welt. Die größte Gefahr sahen wir in den totalitären Ländern und besonders in der Sowjetunion, die in der Tschechoslowakei interveniert hatte.

Trotzdem erinnere ich mich gut an das Treffen mit Milan Horáchek und Rudi Dutschke in Italien. Wir haben uns wunderbar verstanden! Genauso wie mit Kushner bei unserem Treffen in Paris. Warum? Weil dieser demagogische Spruch von Guevara – "Solange diese Welt so ist, wie sie ist, möchte ich nicht in meinem Bett sterben" – Wirkung zeigte. Wir waren damit geistig einverstanden. Wir alle wollten diese Welt nicht. Unser Protest war der Protest gegen die blockierte Gesellschaft. Diese Blockade war aber überall anders: in Westoder Osteuropa, in Amerika oder in Mexiko, in Japan oder in Spanien, wo die Diktatur herrschte.

Dieses Gefühl der Blockade war für uns Polen wesentlich – besonders im Zusammenhang mit dem Prager Frühling, als die frische Luft plötzlich durch Tür und Fenster hereinkam. Und noch eines war damals wesentlich: Wir haben damals eine andere Gemeinsamkeit gefunden. Breschnew hat zwar versucht, uns den Internationalismus zu verkünden, aber wir haben unseren eigenen Internationalismus gebaut.

Als dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Urteile gesprochen wurden, saß ich gerade im Gefängnis. Und was mich damals eigentlich hätte betrüben sollen, hat mich erfreut. Ich las, dass fünf Russen bestraft wurden, weil sie auf dem Roten Platz gegen die Intervention der Sowjetunion protestiert hatten. Mich hat es gefreut, dass so viele Menschen in so vielen Ländern "Nein" sagen zur kommunistischen Diktatur, in Polen, in Ungarn, etwa der ungarische Intellektuelle Janosch Kisch, aber auch in der DDR. Die Söhne von Robert Havemann wurden verurteilt, weil sie sich der Intervention in der Tschechoslowakei widersetzt hatten. Kurzum: Die Menschen in den Ländern dieses vermeintlich monolithischen Blocks hörten auf, eine "Bevölkerung" zu sein. Sie wurden zu Bürgern, die fordern, dass man ihnen ihre Rechte gibt.

Ich möchte noch zwei Begebenheiten erwähnen, die die gespannte Stimmung der Zeit gut wiedergeben. Die Erste ist eine Anekdote: Breschnew ruft unseren damaligen Minister für innere Angelegenheiten, Czeslaw Moczar, einen rigiden National-Bolschewiken, an und fragt ihn: "Was ist denn das? Was sind das dort bei euch für Demonstrationen?" Darauf Moczar: "Naja. Man hat bei uns ein Stück von Mickiewicz abgesetzt." "Könnt ihr diesen Mickiewicz nicht verhaften?" "Aber, Herr Genosse Breschnew, Mickiewicz lebt nicht mehr!" "Und deshalb mag ich dich, Genosse Moczar!"

Und die zweite Begebenheit, die aber auf wahren Ereignissen beruht: Nachdem die fürchterlichen antisemitischen Ausschreitungen in Polen stattgefunden hatten, kam Willy Brandt zu seinem legendären Besuch nach Warschau. Was man hier aber vielleicht nicht so genau weiß: Dass er als deutscher Bundeskanzler die Grenze von Oder und Neiße endgültig anerkannte, war auch für die gesamte polnische Bevölkerung ein psychologischer Durchbruch. Zuvor hatte uns die Staatsmacht ständig mit dem alten Schreckgespenst behelligt: "Wenn ihr euch auflehnt, werden die Deutschen uns wieder Stettin und Breslau wegnehmen. Dann wird sich die Sowjetunion mit Adenauer verbünden oder mit Kiesinger oder wem auch immer. Deshalb dürft Ihr nicht rebellieren." Doch als Willy Brandt die Grenze anerkannt hatte, war diese Bombe entschärft.

Hinzu kommt ein Weiteres: Als Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, war das – ob beabsichtigt oder nicht – auch eine Ohrfeige für die kommunistischen Machthaber. Keiner von ihnen war zuvor zu diesem Denkmal gegangen. Heute dagegen hält es jeder ambitionierte polnische Politiker für geboten, der Toten des Aufstandes zu gedenken. Das ist das große Verdienst von Willy Brandt.

Also: Die polnische Kultur hat sich im Jahr 1968 mental verändert. Aber die Rebellion ist geblieben.

Im Westen keine Revolution, im Osten keine Reform

Weisskirchen: Denkt man an 1968 in Westeuropa, fällt einem zuerst der Pariser Mai ein. Aber während die Triebfeder für "68" aus der Sicht Mittelund Osteuropas darin bestand, gegen die real existierende Diktatur eine Zivilgesellschaft überhaupt erst zu konstituieren, lehnten wir uns im Westen – und das wäre die Frage an Lionel Jospin – doch wohl eher gegen eine bestimmte Form der Bürgerlichkeit auf, die man Bourgeoisie nannte. Es wirkte alles eng, und es schien so, als ob wir keine Chance hätten, durchzubrechen.

Lionel Jospin: Zunächst möchte ich sagen, dass ich 1968 kein Akteur im engeren Sinne gewesen bin. Aber ich habe natürlich die Erschütterungen von "68" erlebt. Ich war damals 31 Jahre alt und arbeitete im Außenministerium. Und es waren die Ereignisse von 1968, die mich veranlasst haben, mit den Automatismen einer diplomatischen Karriere zu brechen. Ich bin dann Anhänger von Francois Mitterand geworden und in die sozialistische Partei eingetreten.

Wenn heute, 40 Jahre nach "68", dieses Jubiläum begangen wird – und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, Italien oder Deutschland, sondern auch in der Tschechischen sowie der Slowakischen Republik und sogar in Mexiko und in Vietnam –, dann zeigt sich, dass dieses Jahr ein ganz wichtiges globales Ereignis war. Diese globale Resonanz ist Ausdruck einer Kette von Ereignissen.

In Frankreich war "68" zunächst einmal eine Revolte junger Menschen, von Studenten. Barrikaden werden nun einmal selten von alten Menschen gebaut. (Es sei denn, sie wollen, wie derzeit in Frankreich, ihre Renten verteidigen.) Dieser Protest wurde aber aufgegriffen von der Arbeiterbewegung. Das ist das Besondere des Mai 1968 in Frankreich. Der Generalstreik hat der ursprünglichen Jugendbewegung einen Klassencharakter gegeben.

Damals hatte es kurzzeitig tatsächlich den Anschein, es komme zu einer sozialen Revolution. Es ist ein Paradoxon: Die Ausweitung auf die Arbeiterbewegung hat letztlich dazu geführt, dass diese Bewegung zum Erliegen kam und übergeglitten ist in traditionelle Forderungen. Verglichen mit den Ereignissen von 1789 über 1830 und die Pariser Kommune von 1870 ist 1968 also keine Revolution. Oder genauer: Es ist vielleicht die letzte Revolution in Frankreich, als einem Land mit einer gewachsenen Revolutionskultur – nämlich diejenige, die gar nicht stattgefunden hat.

Hier lässt sich eine erstaunliche Parallele ziehen zu den Ereignissen in der Tschechoslowakei. "68" in Frankreich hat gezeigt, dass es in den entwickelten demokratischen Ländern keine gewaltsamen Revolutionen mehr gibt. "68" in der Tschechoslowakei hat dagegen gezeigt, dass das kommunistische System unfähig ist, sich zu reformieren. Denn darin bestand ja eigentlich das Streben der Bewegung in der Tschechoslowakei. 1968 war auf diese Weise enorm wichtig für die Solidarnosc-Bewegung der 80er Jahre in Polen. Da war es nämlich bereits vorbei mit der Reformierung des Kommunismus. 1968 ist diese Illusion gestorben. Auf der einen, der westlichen Seite gab es also keine Revolution, und auf der anderen, der östlichen Seite gab es keine Reform.

Wenn aber "68" in Frankreich auch keine Revolution war, so war es doch eine massive Infragestellung der Machtverhältnisse: der autoritären staatlichen Macht, der paternalistischen Macht des Unternehmens, der bürokratischen Macht in den Verwaltungsinstanzen, der Macht in den Universitäten, der patriarchalischen Macht in den Familien und der Machtverhältnisse innerhalb der Beziehungen. Diese Vermischung verschiedener Infragestellungen verschiedener Machtverhältnisse hat dazu geführt, dass "68" das geworden ist, was es war.

Was war "68"?

1968 war, nicht nur in Frankreich, eine große Bestrebung hin zur Demokratie und gegen alles, was autoritär ist, also in Frankreich gegen das de Gaullesche System. Es war zweitens eine hedonistische Bestrebung gegen alles Puritanische und auch gegen die Kommerzialisierung, die Herrschaft des Marktes. Und es war drittens eine romantische Bestrebung, die in Frankreich – mehr als irgendwo anders – einen gewissen revolutionären Anstrich hatte.

Hier gibt es natürlich Verbindungen zwischen der antiautoritären Bewegung im Osten und im Westen. Es ist das gemeinsame Bestreben, Freiheit herzustellen und demokratische Forderungen durchzusetzen. Aber es ist natürlich etwas ganz anderes, ob man innerhalb einer Demokratie revoltiert oder sich in eine Auseinandersetzung mit einer Diktatur begibt. Die Ereignisse von 1968 in Frankreich hatten in gewisser Weise eine Art Party-Charakter, verglichen mit den Ereignissen in der Tschechoslawakei, wo das Jahr dann am 21. August diese tragische Wende genommen hat.

Heute sehen wir: 40 Jahre später wird die Erinnerung an das Jahr 1968 keinesfalls konsensual begangen. Es ist eher ein Jahr, das nach wie vor heftige Debatten auslöst. Präsident Nicolas Sarkozy hat, als er noch Präsidentschaftskandidat war, gesagt, das Erbe von "68" müsse liquidiert werden. Es geht ihm dabei um das Verschwinden der Autoritäten, auch um eine Zunahme der Kriminalität, und um den Verlust der "guten Sitten". Doch wenn man heute die Franzosen fragt, dann betonen 70 Prozent die positiven Aspekte. Insofern haben die Franzosen diese Aspekte von "68", eine größere demokratische Liberalität und Freiheitlichkeit, offensichtlich sehr wohl übernommen.

Doch selbst wenn "68" also ein wichtiges Ereignis war, müssen wir uns heute vor allem anschauen, wie die gegenwärtige Gesellschaft aussieht: zunehmende Verarmung, prekäre Arbeitsplätze und unsinnige Gewalt in den Städten. Damit meine ich nicht, dass diese negativen Aspekte direkte Auswirkungen von "68" sind, sondern dass offensichtlich danach schwerwiegende Ereignisse eingetreten sind, die zu diesen schwerwiegenden Folgen geführt haben. Alle wesentlichen Faktoren, die wir heute kennen – etwa die unkontrollierte Urbanisierung und die unkontrollierte Einwanderung – sind Tendenzen, die erst nach 1968 aufgetreten sind. "68" liefert uns den politischen Schlüssel für das Verständnis der Welt von heute. Es ist aber nicht die Ursache für all das, was wir an globalen Übeln heute zu bekämpfen haben.

Weisskirchen: Lionel Jospin hat den 21. August 1968, die Invasion der russischen Panzer und die Niederschlagung des Prager Frühlings, bereits genannt. Sieht man "68" alleine im Lichte dieses Datums, dann war es eine schreckliche Niederlage. Aber hat "68", in seinen Debatten und Diskussionen, nicht auch einen Überschuss an Möglichkeiten gezeitigt? Dieser Überschuss ist dann zwar durch die Panzerketten der Warschauer-Pakt-Staaten zerstört worden, aber subkutan blieb er vorhanden und wirkte weiter. Wurde "68" damit nicht zum Anfangspunkt für jene Entwicklung, die zur Charta 77 und schließlich zum Fall des realsozialistischen Regimes 1989 geführt hat?

Jirí Dienstbier: Das stimmt. Und die vielen Diskussionen und Aktionen, die in diesem Jahr nicht nur hier, sondern in ganz Europa stattfinden, zeigen, dass sich immer mehr Menschen der Bedeutung des Prager Frühlings bewusst werden.

Für mich steht "68" für eine der schönsten Traditionen unserer modernen Geschichte. Im Kern war es ein Nationen übergreifender Aufstand, ein Kampf um die Freiheit. Es war wirklich das ganze Volk, das aufstand. Die wenigen, die dagegen waren, die gebremst haben, waren wirklich absolut zu vernachlässigen. Die Bürgergesellschaft hat die Ziele formuliert, sie hat die Fragen gestellt. In der Tschechoslowakei hat man etwa über den berühmten Artikel "2000 Worte" gesprochen. Wir alle – ich persönlich war in der Zeit Journalist – haben damals den Kampf darum geführt, wie weit man gehen kann und was wir durchsetzen können.

Manchmal sagt man, dass es ein Kampf der Kommunisten untereinander war. Aber das ist Unsinn. Es war ein Kampf dafür, dieses bürokratische Regime, das sich sozialistisch nannte, aufzulösen. Denn es war eigentlich ein System, das gekennzeichnet war von der orientalischen Despotie, die diesem Lande aufgezwungen worden war. Und das haben die Menschen natürlich sofort gemerkt, nachdem das Land im Mai 1948 von Verfassungs wegen kommunistisch geworden war. Wir waren nämlich zunächst das einzige Land, in dem man den Kommunismus alleine einführte, ohne sowjetische Truppen auf unserem Territorium. Bei der letzten freien Wahl im Jahr 1946 haben die Kommunisten 40 Prozent errungen.[1]

Darüber hinaus gehörte schon vor dem Kriege die Spitze der tschechischen Intelligenz der Kommunistischen Partei an: Schriftsteller, Dichter, aber auch Wissenschaftler, Ärzte, meine Eltern zum Beispiel, die unter Kommunismus die Erweiterung der Demokratie in die sozialen Bereiche verstanden. Meine Mutter hat beispielsweise die erste kostenlose Beratungsstelle für Mütter mit Kindern gegründet. Sie war der Überzeugung, dass sie auf diese Art und Weise den Sozialismus mit aufbaut. Doch diese Menschen haben sehr bald begriffen, dass etwas ganz anderes geschieht als das, woran sie geglaubt haben und was ihnen versprochen worden war.

Trotzdem waren noch Ende der 40er und Anfang der 50er alle vom Kommunismus angesteckt. Dabei musste man damals, zu Lebzeiten Stalins, überhaupt nichts machen, um für 30 Jahre ins Gefängnis zu kommen oder aufgehängt zu werden. Dann aber, nach dem Tod von Stalin und Gottwald im März 1953, begannen die Diskussionen.

Ich war damals 15. Ich habe diese Debatten mit Interesse verfolgt und bin politisch groß geworden mit dem Widerspruch zwischen dem, was geschieht, und dem, was von offizieller Seite gesagt wird. 1953 gab es nämlich nicht nur den Aufstand in Berlin, sondern auch Demonstrationen in Böhmen gegen die Währungsreform. Diese wurden von der Polizei und den Volksmilizen ziemlich brutal unterdrückt.

Die Zäsur von 1956 und die Jahre der Hoffnung

Der eigentliche Anfang des Prager Frühlings ist dann aber das Jahr 1956. Am Beginn steht die Distanzierung Nikita Chruschtschows von Stalin in seiner Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Damit begannen die großen Diskussionen; so fand nach acht Jahren das Erste-Mai-Studentenfestival wieder statt oder auch der Kongress der Schriftsteller. Dann kam im Juni 1956 der Posener Aufstand, der zum "Polnischen Oktober" führte. Das alles waren Ereignisse, die sich gegenseitig beeinflusst haben.

Aber mit der niedergeschlagenen ungarischen Revolution im Oktober 1956 wurde dieser Reformprozess fürs Erste jäh gebremst. Wirklich gestoppt werden konnte er jedoch nicht mehr. Der Prager Frühling ist insofern keineswegs vom Himmel gefallen, sondern er war der Gipfelpunkt des Prozesses, der auch in der Tschechoslowakei 1956 einsetzte und 1968 sein Ziel erreichte, nämlich den Sieg über den Stalinismus.

Heute noch sagen in Tschechien viele, dass die 60er Jahre die schönsten Jahre ihres Lebens gewesen seien. Es waren die Jahre der Hoffnung. Wir waren damals aktiv daran beteiligt; im Rundfunk haben wir eine Zensur nach der anderen abgebaut. Und im Jahre 1966 oder '67 konnten wir wirklich über alles offen sprechen – außer über Kritik an der Staatsführung oder an der Sowjetunion. Aber dies haben wir dann auf indirektem Wege getan. Und wenn man sich nur die Welle des neuen Films in der Tschechoslowakei der 60er Jahre anschaut: Milan Kundera, Jirí Menzel, Milos Forman usw. Das war eine Explosion. Darin sieht man, dass das Jahr 1968 gewissermaßen zwangsläufig gekommen ist.

Aber schon ab März oder April 1968 haben Walter Ulbricht und Wladyslaw Gomulka in Moskau darum gebeten, einzuschreiten. Ihnen war klar, dass die Entwicklung in der Tschechoslowakei das Ende dieser kommunistischen Regime besiegeln könnte.

Internationale Freiheitsbewegung

Spricht man über die internationalen Zusammenhänge von "68", dann zeigt sich einerseits, dass wir natürlich ganz andere Ziele hatten als die Pariser Studenten. Andererseits haben wir das Verbindende verstanden und gespürt – dass wir gegen unsere bürokratische Deformation stritten und die dort gegen ihre. Sie wollten den Kapitalismus mit menschlichem Antlitz und haben schon die Vorzeichen dessen wahrgenommen, wozu es heute kommt: nämlich zur Krise der Demokratie und zur Krise des Kapitalismus, aus der man nur ganz schwer einen Ausweg finden kann. Das hat man 1968 im Westen gespürt, und dagegen hat man damals gekämpft – mit dem gleichen Ziel wie wir: für die menschliche Freiheit. Dass man ohne Freiheit keine Lösung der Probleme finden würde, das war damals im Westen wie im Osten klar.

Der zweite internationale Aspekt besteht darin, dass aus der Niederlage und Unterdrückung des Prager Frühlings entscheidende Lehren gezogen wurden. Im Westen wurden die Illusionen der linken Intelligenz über das sowjetische System regelrecht liquidiert. Und unheimlich wichtig und doch weit weniger bekannt ist, wie "68" in Russland gewirkt hat. Am 21. August haben vier sowjetische Korrespondenten in Prag die Invasion kritisiert, Adam Michnik sprach bereits davon. Sie wurden sofort in den Hubschrauber geladen und nach Moskau gebracht. Wir haben Schlimmes gefürchtet, was denen dort geschehen würde. Doch es passierte nichts. Juri Arbatow, der damalige Direktor des Amerikanisch-Kanadischen Instituts und Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei, hat sie zu sich in sein Institut geholt und sozusagen Amerikanisten aus ihnen gemacht. Einer von ihnen wurde dann Botschafter in Washington während der Jelzin-Zeit und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der russischen Duma.

Und jetzt eine persönliche Erfahrung: Im Oktober 1968 habe ich mich mit zwei russischen Diplomaten in Washington mächtig mit Wodka betrunken, wir haben uns gegenseitig wütend angeschrien. Aber am Ende haben diese beiden Diplomaten gesagt: Was ihr in diesem freien Prager Frühling gemacht habt, das müssen wir zu Hause auch machen. Und mit der Arroganz der Großmacht haben sie uns dann gefragt: Wie konntet Ihr es wagen, es ohne uns zu machen und nicht auf uns zu warten?

Aber dennoch: Uns allen wurde damals bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Das doch etwas dran ist an der Entwicklung seit 1956: Die Ungarn haben sich gesträubt und wurden niedergeschlagen, die Polen später auch: Michnik und viele andere demonstrierten 1968 und wurden inhaftiert und isoliert; Gomulka hat dann spätestens 1970 alles verraten, als er den Schießbefehl auf die Danziger Demonstranten erteilte. Uns wurde damals bewusst, dass, wenn man erfolgreich sein will, man dies nur gemeinsam erreichen kann. Und tatsächlich hat der Helsinkiprozess ab Juli 1973 uns dafür den Raum geschaffen. In Polen wurde KOR gegründet, bei uns am 1. Januar 1977 die Charta 77, es gab die ungarischen Helsinki-Ausschüsse, und wir begannen miteinander zu kooperieren.

Das war manchmal fast rührend, wenn wir etwa irgendwo im Gebirge zusammenkamen. Auf der Schneekoppe, im Riesengebirge, gab es einen Bergpfad der polnisch-tschechischen Freundschaft, da sind wir einfach spazieren gegangen, als Zufalls-Tschechen und Zufalls-Polen, die sich dort getroffen haben. Einmal – ich erinnere mich, es waren zwei Grad, es hat geregnet und geregnet – trafen wir Adam Michnik. Und der begann sich zu entschuldigen für die polnische Okkupation. Wir Tschechen haben ihm gesagt, Du sollst Dich doch nicht entschuldigen, das ist doch Unsinn, dass Du Dich entschuldigst. Das machen die vereinigten Politbüros dieser Welt, aber das hat mit den Völkern überhaupt nichts zu tun.

Michnik: Ich erinnere mich auch an ein Treffen mit Vaclav Havel und Jirí Dienstbier. Er sagte, wir müssen den Kommunismus schon deshalb niederschlagen, weil wir keine Lust haben, ständig in den Bergen herumzuwandern, nur um uns zu treffen.

Dienstbier: So ist es. Dazu nur noch eine Bemerkung. Nach diesem Jahr 1968 hat dann eine Debatte auch in der Kommunistischen Partei Russlands eingesetzt, die es seit den 30er Jahren nicht mehr gegeben hatte, nachdem Stalin die Intelligenz ausgerottet und keine Kritik selbst bei den kleinsten Dingen zugelassen hatte. Nicht nur Jewgeni Jewtuschenko hat protestiert beim Schriftstellerkongress 1968, sondern in der ganzen Sowjetunion hat diese Debatte begonnen. Das hatte zur Folge, dass in den 80er Jahren das Leben an einer russischen Universität, etwa in Moskau oder Petersburg, ungefähr so frei war wie bei uns in den 60er Jahren. Die Bewegung von 1968 ging also, wenn auch um 20 Jahre verspätet, weiter. Als ich dann im September 1991 im Kreml bei Gorbatschow war, haben wir auch über das Jahr 1968 gesprochen. Damals hat er einen interessanten Satz gesagt: Wir haben gedacht, wir unterdrücken den Prager Frühling, aber wir haben uns selbst unterdrückt.

Weisskirchen: Ein Jahr nach 1968 wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Er hat in seiner Regierungserklärung am Schluss gesagt: Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen gerade erst an. Hat also 1969 etwas damit zu tun, dass es 1968 eine Protestbewegung gab? Wurde sie konsumiert, wurde sie sozialliberal aufgefangen, oder sehen Sie das ganz anders, Oskar Negt?

Oskar Negt: Es ist schwer zu sagen, wie es eigentlich gelaufen ist und wie die Wirkungszusammenhänge beschaffen waren. In jedem Fall ist es mir – wie den beiden Vorrednern – sehr wichtig, klar zu unterscheiden: zwischen einer Protestbewegung in totalitären und autoritären Systemen und einer in Ländern, wo es so etwas wie demokratische Verhältnisse gibt, die man einklagt. Hier geht es um Basisdemokratie – gegenüber dem, was in totalitären Ländern noch nicht einmal als repräsentative Demokratie vorhanden ist.

Die ungeheure Wirksamkeit der Bewegung in Polen und in Prag beruhte auch darauf, dass dort jede Bewegung und jedes eigensinnige Verhalten der Menschen Herrschaftsverhältnisse gefährdete. Das war in den westlichen Ländern anders. Frankreich hat – Lionel Jospin hat darauf hingewiesen – revolutionäre Traditionen. Wir Deutschen haben dagegen vor allem gegenrevolutionäre Traditionen – gescheiterte Revolutionen und gelungene Gegenrevolutionen. Dieses Element der deutschen Geschichte geht natürlich auch in die Protestbewegung ein. Und insofern ist die Auseinandersetzung auf dieser Ebene in den verschiedenen Staaten doch sehr unterschiedlich.

Ich glaube allerdings, dass es in der Tat Verbindungslinien in den menschlichen Haltungen gibt. Das Motiv, Demokratie einzuklagen, dürfte in allen Systemen verknüpft sein mit einem Bedürfnis nach Überwindung von Herrschaft der Menschen über Menschen. Aber was die konkreten Prägungen anbetrifft, ist eben doch speziell in Deutschland eine Protestbewegung entstanden, in der zum ersten Mal die große Masse der jungen Leute, von Studierenden, von Jugendlichen, nach links ausschlägt. Das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben: Die Universität, der nationalsozialistische Studentenbund und auch die Burschenschaften vor 1933, aber auch die Lehrer und Beamten – kurzum: die ganze Intelligenz war zuvor rechts. '68 aber schlägt, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, die junge Generation nach links aus.

Generationenrevolte in der Bundesrepublik

Was aber bedeutete dieses "links und frei", wie Willy Brandt es genannt hat, konkret in der Bundesrepublik des Jahres 1968? Es bedeutete zunächst einmal eine effektive Auseinandersetzung mit dem Erbe des "Dritten Reiches". Denn bis 1963, bis zum Ausschwitz-Prozess, hatte es überhaupt keine Auseinandersetzung mit der Herrschaftsschicht gegeben, die wieder in Amt und Würden war. Das war ja nicht nur der Adenauer-Berater Globke, sondern all die Maunz, Larenz und Forsthoffs und die vielen Carl-Schmitt-Schüler – sie alle waren längst wieder im Amt.

Ich erwähne das, weil es ein ganz wesentliches Element in Deutschland war – nicht aber in Frankreich. Dieser Protest gegen eine elterliche Vergangenheit ist ein wesentliches Motiv der Abarbeitung der deutschen Studenten gewesen, die zum ersten Mal die im "Dritten Reich" unterdrückte Literatur – vor allem die emigrierten Marxisten und Freudianer – wieder zugänglich und lesbar machten. Nicht zuletzt dadurch, dass wir die zuvor Verbotenen, die Emigranten, wieder lesen konnten, zunächst nur dank sogenannter Raubdrucke, entstand überhaupt so etwas wie eine zivile, eine selbstverständliche Lesekultur.

Und ich bitte auch zu berücksichtigen: Adorno, fürwahr eine große Kapazität, um nicht zu sagen ein Genie, hat in Deutschland nie einen Ruf auf einen Lehrstuhl bekommen, sondern seine Professur wurde durch die hessische Landesregierung, durch den damaligen Ministerpräsidenten Georg August Zinn, bewilligt – und ging erst dann in den Etat über. Das war die Atmosphäre in Deutschland; das heißt, das Öffnen der Geschichte ist hier ein ganz wesentliches Element.

Die zweite Ursache für die Revolte war die Wiederherstellung alter, autoritärer Verhältnisse in den Hörsälen. Selbst ein so kluger und eigentlich liberaler Mann wie Carlo Schmid, damals gleichzeitig Bundesminister und Politologie-Professor in Frankfurt, brach ein Seminar ab, wenn eine Frage gestellt wurde, die ihm nicht passte. Wenn ich das nicht selbst miterlebt hätte, weil ich in diesem Seminar saß, würde ich den Vorgang aus der heutigen Perspektive gar nicht für glaubwürdig halten.

Das Unabgegoltene von "68"

Zum Ende möchte ich meinen Beitrag zuspitzen auf zwei Beobachtungen – mit Blick auf die gegenwärtige 68er-Debatte in Deutschland, die ganz anders ist als jene zum 30. Jubiläum vor zehn Jahren. Was mich daran stört, ist, dass uns heute diejenigen, die damals am lautesten geschrien haben, als Konvertiten und Renegaten aufzeigen, was die Bewegung eigentlich gewesen sein soll. Man denke nur an so ein unsinniges Werk wie "Unser Kampf" von Götz Aly. Dass der dafür solch eine Resonanz erhält, ist ein Skandal. Aber auch an ein anderes Machwerk sei erinnert: "Lob der Disziplin" von Bernhard Bueb, dem ehemaligen Leiter des Internats Salem. In dieser "Streitschrift" wird im Ernst behauptet, dass die 68er die Disziplin und den Gehorsam beseitigt hätten, und dass dies der eigentliche Grund für die gegenwärtige Schul-Misere wäre. Eine solch abenteuerliche Behauptung führt heute zu 17 Auflagen in zwei Jahren. Also: Es sind nicht nur die, die ihre eigenen Prinzipien verraten, sondern es sind offenkundig auch Leute, die mit "68" etwas ganz anderes verbinden, nämlich ein Projektionsfeld für ganz verschiedene Dinge zu einem einzigen Zweck: dem der Abrechnung. Ich glaube, was hier und heute zum Thema "68" abläuft, ist eine Ersatz-Krisendiskussion.

Zwei Dinge scheinen mir dagegen das auszudrücken, was wirklich von "68" bleibt. Erstens, gerade mit Blick auf die Folgen von 1968 im Osten, speziell auf 1989, glaube ich, dass diese Bewegungen die machtvollsten Bewegungen der modernen Geschichte gewesen sind, weil sie Systeme zusammenstürzen ließen. Als die DDR 1989/90 zusammenbrach, ist ja dann auch kein einziger Schuss mehr gefallen. Es waren erodierende Systeme, von denen Hegel gesagt hätte, dass war nie ein wirklicher Staat, sondern bloß eine wirklichkeitsfremde Konstruktion. Was also bleibt? Ich glaube, es bleibt etwas sehr Wahrheitshaltiges. Wenn in dem ganzen 68er-Komplex nicht ein Stück Wahrheit drin stecken würde, wäre das heute längst vergessen. Bloch würde sagen, da ist etwas Unabgegoltenes. Es steckt darin, dass über Werte, über Erziehung, über Bildung nie so intensiv nachgedacht worden ist wie in dieser Periode.

Friedrich Schorlemmer: Aber Unsinn wurde auch gemacht...

Negt: Natürlich, den gab es auch, wie überall. Aber von diesem Nachdenken – etwa über die Frage, was ist eigentlich ein innengeleiteter Mensch, oder sind wir schon wieder dabei, autoritäre, leistungsbewusste Mitläufer zu erzeugen – von diesem Nachdenken im Erziehungsbereich ist etwas Überhängiges, Nichtabgegoltenes geblieben.

Und zweitens: der demokratische Impuls, das Einklagen von Teilhabe-Rechten, von basisdemokratischen Elementen – bis zu dem Punkt, wo es um die Frage von Wirtschaftsdemokratie geht. Wie kann eine Demokratie eigentlich funktionieren, wenn sie halbiert ist? Auf der einen Seite hat man die freie Wahl und wählt man seine Abgeordneten; auf der anderen Seite haben die Arbeiter keine Mitbestimmungsrechte, stehen sie vor den Toren der Fabriken und werden ausgegliedert. Der Abbau von Mitbestimmungsrechten ist etwas, gegen das die 68er-Bewegung rebelliert hat. Das ist etwas Bleibendes. Das Auszehren einer nicht basisdemokratisch geführten Demokratie ist ein zentrales Problem unserer Demokratie. Das ist ein Anstoß von "68", den ich nach wie vor für wichtig halte.

Weisskirchen: Friedrich Schorlemmer, kannst Du Dir vorstellen, dass es Ende August 1968 in der Nähe von Heidelberg eine Juso-Arbeitsgemeinschaft gegeben hat, die einen flammenden Protestbrief an Walter Ulbricht geschrieben und ihm angekündigt hat, dass die soeben geknüpften Beziehungen zur Freien Deutschen Jugend Freital sofort wieder rückgängig gemacht würden – es sei denn, Walter Ulbricht würde sich gegen den Einmarsch in Prag zur Wehr setzen?

Schorlemmer: Ich glaube, das ist so absurd, das spricht für sich. Wenn wir aber über "68" und die DDR sprechen, muss man Folgendes wissen. Ich habe in einem Land gelebt, für das ich mich sehr oft geschämt habe – ein Land, dass einer Mauer bedurfte und diesen unsäglichen Spitzbart, an dem ich nur die Witze vermisse, an der Spitze hatte, mit seinem unsäglichen Politbüro ringsrum. Ich weiß die Namen alle noch, Honecker, Hager, Hoffmann, Stoph, Mielke, Norden, Sindermann, Krenz usw., und was diese Riege der Geistlosigkeit mit Macht und starrer Ideologie für das "Staatsvolk" der DDR bedeutete.

1968, als alles in der Welt aufbrach, war Ulbricht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Jeden kleinen Widerstand haben sie im Keim erstickt, mit unglaublich repressiven Mitteln. Leute, die – wie einer meiner Freunde in Jena – nur ein "Nein" verschickt hatten, in Briefen zur damaligen Volksabstimmung über Ulbrichts Verfassung, haben vier Jahre Zuchthaus gekriegt – und sind dann in der ersten Phase der Entspannungspolitik rausgekauft worden. Ein Land, das von Kap Arkona bis Suhl allüberall mit "Ja" plakatiert worden war, war allein noch nicht schlimm. Schlimm war und geschämt habe ich mich, dass 94,3 Prozent der Bürger eigenhändig "Ja" angekreuzt hatten. Also, Ulbricht saß zu seinem 75. Geburtstag am 30. Juni 1968 fester im Sattel denn je. Mit angekreuzter Zustimmung. Alles war im Griff, auch wenn die Leute allabendlich per Radio "Republikflucht" begingen.

Was die DDR betrifft, ist heute der 40. Jahrestag (das wurde für die DDR später ja ein wichtiger Begriff) der Ereignisse von 1968. Am 30. Mai 1968, auf den Tag vor 40 Jahren, wurde die Leipziger Universitätskirche, die älteste Deutschlands, gesprengt. Und zwar in einem Akt der Selbstherrlichkeit von Ulbricht und Paul Fröhlich. "Das Ding muss weg", hatte Ulbricht dekretiert. Ich habe heute Leute getroffen, die im Knast gesessen haben, weil sie dagegen protestiert hatten. Oder Leute, die gegen den Einmarsch in Prag protestiert, genauer: nur höfliche Briefe geschrieben haben, und anschließend prompt verhaftet wurden.

Die Nächte von Prag

Die DDR hatte in ihrer monolithischen und monologischen Ideologie zwei Feinde: erstens jene Kräfte, die von links her versucht haben, einen emanzipatorischen Sozialismus aufzubauen. Stichwort Prager Frühling. Und der zweite Feind war der "Sozialdemokratismus". Damals wurde jede Konvergenz der Systeme oder gar ein Dialog der Ideologien strikt abgelehnt und scharf sanktioniert. Es war immer noch richtig Kalter Krieg.

Wir haben im Jahr 1968 Hoffnungen in zweierlei Richtungen gehabt. Die eine Richtung war natürlich Prag. Ich habe damals selber in Prag erlebt, wie ein Volk sich politisiert und dabei ganz vernünftig sein kann. Das habe ich dann 1989 auf eine wunderbare Weise in der DDR erlebt, wie ich es nie erwartet hätte: ein so politisiertes Volk und eine Staatsführung, die bereit war, auf eine Ebene mit dem Volk zu gehen und mit ihm zu diskutieren. Jene Nächte im August in Prag sind mir die schönsten Nächte, die ich bei Diskussionen verbracht und dabei erlebt habe, wie man einen Wechsel von einer Diktatur zu einer Demokratie vollzieht, ohne dabei die vorherigen Machthaber zu "säubern". Dass man gerade nicht die stalinistischen Methoden angewendet hatte, daran ist Prag letztlich vielleicht gescheitert. Aber dass die Kultur damals zur Politik und die Politik mit Kultur betrieben wurde: Das sind Dinge, die ich bis heute nicht vergessen habe. Wir in der DDR, eingemauert wie wir waren, waren glücklich, wenn es westdeutsche Studenten gab, die uns Kolakowski, Fromm und Mitscherlich rüberschmuggelten.

Etwas empört hat mich damals schon, was teilweise von ganz links aus der Bundesrepublik kam. Bei manchen "Linken" zittert mir deshalb heute regelrecht die Zunge. Wenn ich sehe, wie viele ehemals radikale Linke immer über uns hinweggesehen hatten, also mit ihrem utopischen Sozialismus über den sogenannten real existierenden, sich aber bei uns in Ost-Berlin auf Kosten des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen nicht nur Marx, sondern auch Lenin gleich reihenweise kauften. Da gab es also diverse Gruppen, mit denen hatte ich damals nichts zu tun und mit denen will ich heute nichts zu tun haben – und schon gar nicht, wenn sie jetzt in der von Oskar Negt geschilderten Weise sensationsheischende Bücher "andersrum" schreiben und merkwürdige Rechtsdrehungen vollziehen.

Weisskirchen: Jirí Grusa, Sie lebten in den 60er Jahren als Dichter in Prag und dann ab den 80er Jahren in West-Deutschland. Wie bewerten sie das, was mit "68" verbunden ist, im Vergleich zu dem, was danach geschehen ist? Ist das, von dem Oskar Negt als Unabgegoltenem gesprochen hat, von dem manche auch sagen, es sei romantisch oder lyrisch gewesen, auch aus Ihrer Sicht etwas, was bewahrt werden muss und nach vorne zeigt?

Jirí Grusa: Das ist eine sehr gute Frage, denn ich habe eine interessante Erinnerung an Berlin. Lange vor 68 durfte ich publizieren, dann kam es zu dieser ersten Annäherung, von der Jirí Dienstbier bereits gesprochen hat. Ich erhielt 1967 eine 24stündige Ausreisebewilligung nach West-Berlin, zusammen mit einem Kollegen, zu einer Diskussion an die Technische Universität. Wir waren so ein bisschen die komischen Elefanten, da meldete sich ein Student und fragte mich: Was sind die Aufgaben der Literatur?

Die Aufgaben der Literatur, dachte ich. Mensch, so ein Blödsinn steht doch sonst in der kommunistischen Parteizeitung. Aufgaben der Literatur? Kenne ich nicht. Höchstens die Sprache zu schützen, damit man nicht bloß blöde daherredet, sagte ich. Daraufhin stand der Student auf und sagte: Was redest Du hier für einen bourgeoisen Stuss?

Und dann das zweite Erlebnis. Als die Diskussion gegen 22 Uhr zu Ende ging, sind wir beiden Prager aus dem Haus gegangen, gemeinsam mit den Studenten. Und die, die uns eben noch als bourgeoise Idioten angegriffen hatten, bestiegen ihre Käfer und waren verschwunden. Wir standen alleine auf der Treppe, und da habe ich gesagt: Hier stinkt doch etwas. Es ist das Öl der Weltverbesserer. Hier stand ich, der ich das erste Mal überhaupt etwas anderes sehen durfte und schon um Mitternacht mit diesem langsamen Zug zurück nach Prag musste. Und die deutschen Studenten waren alle weg. Also ich war damals ziemlich sauer, muss ich sagen.

Die globale mediale Vernetzung

Dann aber habe ich ziemlich lange nachgedacht und mich gefragt: Geht es ihnen nicht einfach besser als uns, und ist ihr Toben nicht eigentlich ein Beweis dafür, dass sie nicht so doof sind, weil sie sich etwas leisten können? Das belegte auch diese unglaubliche Erfahrung, dass alle Einladungen, die wir wenig später aus dem Westen erhielten, nicht aus den konservativen Kreisen kamen, sondern von jenen, die eigentlich über Nicaragua mehr wussten als über Prag. Irgendwie haben wir uns dabei gedacht: Mein Gott, die Welt ist nicht in Ordnung.

Worin aber bestand diese neue Verbindung, diese neue Möglichkeit, die sich hier herausgebildet hatte? Wir lebten 1968 in einer Welt, in der die Trennung der Welten nicht mehr wie früher möglich war. Bisher wurde ein entscheidender Punkt nicht erwähnt: die neue mediale Vernetzung. Der Prager Frühling ist in seiner Wirkung gerettet worden durch das Transistorradio und auch durch das österreichische Fernsehen. Sonst hätten sie das ähnlich gemacht wie beim Aufstand in Ungarn 1956 und die Bilder einfach unterdrückt. Nun war es aber nicht mehr möglich, die Bilder von den Menschen zu trennen. Und wenn man erst ein "falsches" Bild platziert hat, so kann man das anschließend nicht mehr korrigieren oder retuschieren.

Das war die neue Möglichkeit von Prag: Plötzlich zeigte sich sozusagen das "menschliche Gesicht". Dass man dieses menschliche Antlitz einem Sozialismus verpassen kann, war dann eine typisch tschechische Idee – weil man glaubte, die Russen überzeugen zu können, dass sie uns das machen lassen, was wir wollen. Aber eigentlich wollte die Öffentlichkeit das "Menschliche" als solches – ohne Zusatz. Darin bestand die Tücke des Prager Frühlings, aber darin bestand auch unsere Möglichkeit, uns später mit den westlichen Propheten zu versöhnen und ihnen Nicaragua zu verzeihen – in der Annahme, dass sie uns dafür ein paar Bücher rüberschicken.

Weisskirchen: An alle Teilnehmer eine kurze Schlussfrage: Wenn es so ist, dass "68" bis heute etwas Widerspenstiges an sich hat, dass bis heute darüber diskutiert wird, worin besteht das Bleibende?

Michnik: Ich denke, dass das Jahr 1968 für diese Generation so etwas bedeutete wie 1848 für die damalige Generation: eine große Infragestellung des herrschenden Dogmas. Die Welt ist entzaubert worden. Aber wir als Menschen des postkommunistischen Europas sollten uns nicht klüger dünken, weil wir damals angeblich schon alles besser wussten und sowohl Auschwitz als auch Katyn vor der Haustür hatten. Ich erinnere mich auch an die vielen dummen Reden über Nicaragua usw., von denen Jirí Grusa spricht. Aber meine Kollegen von der antikommunistischen Opposition sind noch vor Kurzem mit Blumen zu Pinochet gefahren. Also: Jeder verdient sich seine Dummheit selber.

Jospin: Der bis heute lebendige Charakter von “68³? Das scheint mir die ewige Jugend zu sein. Die Flamme der Revolte. Die Idee oder die Illusion, dass es möglich ist, die Welt und die Dinge zu verändern. Was all dies konkret bedeutete – die Nächte und die Diskussionen in Paris oder Prag –, das ist die Atmosphäre der Brüderlichkeit: Jeder sprach und diskutierte mit jedem. Das ist "68". Doch die Jugend geht vorbei. Die Revoltierenden mussten sich als vernünftig erweisen. Aber die Brüderlichkeit und die Vorstellung, dass man die Welt verändern kann, nicht mit Gewalt, sondern durch bürgerliches Engagement, diese Ideen sollten uns weiter begleiten. Das bleibt von "68".

Dienstbier: Wir Tschechen sind, das lehrt die Geschichte, grundsätzlich keine Revolutionäre. Bei uns wird historisches Wissen also auf anderen, verschlungeneren Pfaden errungen. Einmal hat man mich in Ost-Berlin gefragt: Wie kann es sein, dass Ihr ziemlich erfolgreich seid, während es hier so katastrophal läuft? Zwei Gründe sind dafür entscheidend, habe ich gesagt: Erstens: Wir hatten keinen reicheren Bruder und konnten uns also auf niemanden verlassen. Und zweitens: Wenn Ihr in Preußen Vorschriften habt, befolgt Ihr sie bis auf den letzten Buchstaben, während der Tscheche immer einen krummen Weg findet, sich durchzuwurschteln. Und wenn es günstig ist, sich nicht daran zu halten, hält man sich nicht daran. Das sind unterschiedliche historischcharakterliche Spezifika, die auch nach 1968 gewirkt haben.

Aber in Bezug auf "68" geht es noch um etwas Anderes: Ob 1968 in Frankreich oder bei uns, ob in Ungarn oder bei den Blumenkindern in San Francisco – all das hatte, jenseits der konkreten Spezifika, etwas Gemeinsames: nämlich eine ungemein moralische Aufladung, wie auch immer es danach endete. Das ist das Vermächtnis von "68" für die heutige Zeit: Wenn die Autorität verloren geht und ersetzt wird durch die Manipulation der Massenmedien, wenn der Akzent allein gelegt wird auf materielle Angelegenheiten und man sich wie in der Europäischen Union auf die Bemessung der Rundung von Bananen kapriziert, dann gehen diese ethischen Maßstäbe, dann geht die ethische Identität verloren. Darum geht es bei den Ereignissen von 1968. Hier kann man diese Dinge lernen.

Bei uns hat das Ethos von "68" Niederschlag gefunden in der Charta 77 und dann in den Ereignissen von 1989, aber auch schon davor – in den Kontakten zu unseren Freunden in Ungarn und Polen, aber auch in der ehemaligen DDR. Heute aber geht all das verloren. Wir leben in der Welt der Werbung und nicht in der Welt der Ideen.

Negt: Ich glaube, die 68er sitzen wie ein Pfahl im Fleische dieser Gesellschaft. Irgendwie begreift man es bis heute nicht richtig. Manche überschätzen ihre Wirkung so sehr, dass das die vernünftige Analyse verzerrt. Dabei wäre es sehr wünschenswert, wenn "68" der jüngeren Generation mehr bedeuten würde: Es ist erstaunlich, wie sehr die jüngere Generation diese neoliberale Verarmung unserer Gesellschaft in allen Bereichen hinnimmt, diese betriebswirtschaftliche Mentalität, die sich pestartig verbreitet, wie die Privatisierung des Schulsystems und die Rückkehr autoritärer Strukturen in den Universitäten. Warum all das so einfach hingenommen wird, ist für mich ein Rätsel. "68" dahingehend zu diskutieren, dass man mehr Mut haben soll, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines Anderen zu bedienen, wie es bei Kant heißt, das wäre ein Wunsch von mir, der auch mit dieser Veranstaltung verknüpft ist.

Schorlemmer: Nur zwei Dinge. Erstens: Die Welt ist veränderbar. Links und frei – dass man das verbinden kann, wenn sich Menschen dafür engagieren – für Menschenrechte im eigenen Land, aber auch darüber hinaus. Dass es möglich ist, beides zu verbinden. Das habe ich in Prag beglückend einen Moment lang erlebt. Das bleibt für mich Vermächtnis dieses Jahres mitsamt einer Hoffnung, die nicht sterben darf.

Zweitens: Der Absolutheitsanspruch ist für immer obsolet. Am 1. Dezember 1989, mit dem Zustandekommen des ersten zentralen Runden Tisches in Berlin, haben wir den Alleinvertretungsanspruch auf Macht und auf Wahrheit endlich gekippt. Das darf es nie wieder geben. Die Wahrheit beginnt zu zweit. Deshalb ist der Dialog in der Gesellschaft so wichtig, der sich nicht nur medial vermittelt, sondern ein zivilgesellschaftlicher Prozess wird. Dafür brauchen wir dringend wieder mehr Teilnehmer, besonders unter jungen Leuten.

Grusa: Als Dubcek 1968 zurück kam aus Moskau, sah jeder, dass er eine Niederlage erlitten hatte. Schließlich konnte man sein Gesicht nicht zensieren. Dieses Kleinbeigeben – er war ja gar nicht besonders politisch begabt, sondern er war eine Symbolfigur mit der Ausstrahlung eines Menschen, der niemanden typisch bolschewistisch ermordet hatte: Das war sein echtes Werk. Da wussten wir, wir haben verloren. Aber gleichzeitig wussten wir: Wir lassen uns nicht länger alles gefallen. Und die Vernetzung der Welt, die damals angefangen hat, verbreitete diese Erfahrung. In West-Deutschland wusste man bald danach, dass man es besser grün versucht als rot; man lernte, dass diese ideologischen Konzepte nicht fruchten und man es auf anderem Wege versuchen muss. In diesem Sinne war der Einmarsch in Prag eigentlich eine – ironisch gesprochen – brüderliche Hilfe.

 

  • [1] Bei den Wahlen von 1946 gewannen die Kommunisten in Tschechien mit 40 Prozent und in der – kleineren – Slowakei die Demokratische Partei mit 62 Prozent der Stimmen. Dieses Ergebnis ermöglichte es den Kommunisten, in Prag wichtige Ministerposten zu besetzen, um dann 1947 die Demokratische Partei aus dem Weg zu räumen und mit der Verstaatlichung der Wirtschaft zu beginnen. Im Februar 1948 rissen die Kommunisten die Macht vollständig an sich, der bisherige Präsident Edvard Benes trat zurück. Sein Nachfolger wurde der kommunistische Parteiführer Klement Gottwald. – Blätter Redaktion


Published 2008-08-11


Original in German
First published in Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2008

Contributed by Blätter für deutsche und internationale Politik
© Jirí Dienstbier, Jirí Grusa, Lionel Jospin, Adam Michnik, Oskar Negt und Friedrich Schorlemmer/Blätter für deutsche und internationale Politik
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